die edelsten und ausdruckvollsten Gestalten waren ; diejenigen aber , welche in der Nähe ruhig , kalt und friedfertig herumstanden , in jenem Glanze eine ziemlich traurige Rolle spielten . Der Text des Stückes war die Musik , welche das Leben in Schwung brachte . Sobald sie schwieg , stand der Tanz still wie eine abgelaufene Uhr . Die Verse des Faust , welche jeden Deutschen , sobald er einen davon hört , elektrisieren , diese wunderbar gelungene und gesättigte Sprache klang fortwährend wie eine edle Musik , machte mich froh und setzte mich mit in Erstaunen , obgleich ich nicht viel mehr davon verstand als eine wirkliche Meerkatze . Indessen fühlte ich mich plötzlich beim Schwanze gefaßt und rücklings in die Hexenküche gezogen , wo bereits sämtliche Katzen umhersprangen und ein Schein und Gefunkel unzähliger Gesichter und Augen aus dem Parterre hereinschimmerte . Ich hatte bisher über meinen Betrachtungen die zutage getretene Dekoration der Hexenküche übersehen und daher vieles nachzuholen ; denn die phantastischen Dinge um mich her , die Zerrbilder und Gespenster reizten mich sowohl wie das Treiben Mephistos , der Hexe und der andern Meerkatzen . Als ob ich nicht selbst eine Meerkatze wäre und meine Aufgabe zu erfüllen hätte , vergaß ich ganz die eingelernten Sprünge und Possen und sah ruhig und selbstvergessen den anderen zu . Nun schaute Faust voll Entzücken in den Zauberspiegel , und es nahm mich höchlich wunder , was es dort zu sehen gebe ? Indem ich in der gleichen Richtung nachahmend hinsah , gingen meine Blicke dem leeren , gemalten Spiegel vorbei hinter die Kulisse und entdeckten dort in der Wirrnis des jenseitigen Lebens das Bild , welches Faust zu sehen vorgab . Gretchen war unterdessen auf die Bühne gekommen und legte sich , einige tiefbewegte Worte nach rückwärts rufend , eben die letzte Schminke auf , nachdem sie sich Augen und Wangen mit einem weißen Tuche sorglich und fest getrocknet , als ob sie geweint hätte . Es war eine sehr schöne Frau , von welcher ich kein Auge mehr abwandte , ungeachtet der heimlichen Püffe und Schelten , welche ich von meinen fleißigen Mitmeerkatzen erhielt . So verlangte ich , der ich mich vorher nach dieser höheren Sphäre gesehnt hatte , nun nichts weiter , als dorthin zurückzukehren , wo die volle schöne Frauengestalt wandelte . Die Zeit unseres Wirkens ging endlich vorüber , und ich machte meinen ersten und einzigen guten Sprung , als ich leidenschaftlich vom Schauplatze abtrat oder sprang und mich möglichst in die Nähe des gesehenen Bildes zu bringen suchte . Aber in demselben Augenblicke befand sie sich ihrerseits einsam in der Handlung , und ich konnte sie nur wieder von ferne sehen . Sie schien irgendeinen tiefen Verdruß in sich zu tragen , und daher war ihr Spiel halb aus Anmut und halb aus sichtbarem Zorne gemengt . Diese Mischung brachte zwar kein gutes Gretchen hervor , aber sie verlieh der Spielerin einen eigentümlichen Reiz ; ich nahm Partei für sie gegen ihre unbekannten Feinde und dachte mir sogleich den Roman aus , in welchen sie etwa verwickelt sein möchte . Doch , löste sich dieses flüchtige Gespinste bald auf und verschmolz sich mit der dargestellten Lichtung , als Gretchens Schicksal tragisch wurde . Als sie im Kerker auf dem Stroh lag und nachher irreredete , spielte sie so meisterhaft , daß ich furchtbar erschüttert ward und doch in durstig heißer Aufregung das Bild des im grenzenlosesten Unglücke versunkenen Weibes in mich hineintrank ; denn ich hielt das Unglück für wirklich und war ebenso erstaunt als gesättigt durch die Szene , welche an Stärke alles übertraf , was ich bisher gesehen oder gehört hatte . Der Vorhang war gefallen , und alles lief auf dem Theater bunt durcheinander , während ich einigen Papieren nachschlich , welche ich in den Händen des Direktors und der Künstler vorhin bemerkte und in einem Winkel hinter einer gemalten Mauer fand . Ich gelüstete sehr , Einsicht zu nehmen von dem Geschriebenen , welches so große Wirkung hervorgebracht ; daher war ich bald in das Lesen der Rollen versenkt . Aber obgleich ich die körperlichen Erscheinungen gefaßt und empfunden hatte , so waren doch nun die geschriebenen Worte , als die Zeichensprache eines gereiften und großen männlichen Geistes , dem unwissenden Kinde vollkommen unverständlich ; der kleine Eindringling fand sich bescheidentlich wieder vor die verschlossene Türe einer höheren Welt gestellt , und ich schlief über meinen Forschungen schnell und fest ein . Als ich wieder erwachte , war das Theater leer und still , die Lampen ausgelöscht , und der Vollmond goß sein Licht zwischen den Kulissen über die seltsame Unordnung herein . Ich wußte nicht , wie mir geschah noch wo ich mich befand ; doch als ich meine Lage erkannte , ward ich voll Furcht und suchte einen Ausgang , fand aber die Türen verschlossen , durch welche ich hereingekommen war . Nun schickte ich mich in das Geschehene und begann von neuem alle Seltsamkeiten dieser Räume zu untersuchen . Ich betastete die raschelnden , papiernen Herrlichkeiten und legte das Mäntelchen und den Degen des Mephistopheles , welche auf einem Stuhle lagen , über meinen Meerkatzenhabit um So spazierte ich in dem hellen Mondscheine auf und nieder , zog den Degen und fing an zu gestikulieren . Dann entdeckte ich die Maschinerie des Vorhanges , und es gelang mir , denselben aufzuziehen . Da lag der Zuschauerraum dunkel und schwarz vor mir wie ein erblindetes Auge ; ich stieg in das Orchester hinab , wo die Instrumente umherlagen und nur Violinen sorgfältig in Kästchen verschlossen waren . Auf den Pauken lagen die schlanken Hämmer , welche ich ergriff und zagend gegen das Fell schlug , daß es einen dumpf grollenden Ton gab . Jetzt wurde ich kühner und schlug stärker , bis es zuletzt wie ein Gewitter durch den leeren , mitternächtlichen Saal hallte . Ich ließ den Donner anschwellen und wieder abnehmen , und wenn er verklang , so dünkten mich die unheimlichen Pausen noch schöner als das Geräusch selbst . Endlich erschrak ich über meinem Tun , warf die Schlegel hin und getraute mir kaum über die Bänke des Parterre hinwegzusteigen und mich zuhinterst an der Wand hinzusetzen . Ich fror und wünschte zu Hause zu sein , auch ward es mir bange in meiner Einsamkeit . Die Fenster in diesem Teile des Saales waren dicht verschlossen , so daß nur die Bühne , welche immer noch den Kerker vorstellte , durch das Mondlicht magisch beleuchtet war . Im Hintergrunde stand das Pförtchen noch offen , wo Gretchen gelegen haue , ein bleicher Strahl fiel auf das Strohlager ; ich dachte an das schöne Gretchen , welches nun hingerichtet sein werde , und der stille , mondhelle Kerker kam mir zauberhafter und heiliger vor als dem Faust einst Gretchens Kammer . Ich stützte meinen Kopf auf beide Hände und sah mit sehnenden Blicken hinüber , besonders in die vom Lichte halb bestreifte Vertiefung , wo das Stroh lag . Da regte es sich im Dunkel , atemlos sah ich hin , und jetzt stand eine weiße Gestalt in jenem Winkel ; es war Gretchen , wie ich sie zuletzt gesehen hatte . Mich schauerte es vom Wirbel bis zur Zehe , meine Zähne schlugen zusammen , während doch ein mächtiges Gefühl glücklicher Überraschung mich durchzuckte und erwärmte . Ja , es war Gretchen , es war ihr Geist , obgleich ich in der Entfernung ihre Züge nicht unterscheiden konnte , was die Erscheinung noch geisterhafter machte . Sie schien mit dunklen Blicken in dem Raume umherzusuchen , ich richtete mich empor , es zog mich vorwärts wie mit gewaltigen , unsichtbaren Händen , und während mein Herz hörbar klopfte , schritt ich über die Bänke gegen das Proszenium hin , jeden Schritt einen Augenblick anhaltend . Die Pelzumhüllung machte meine Füße unhörbar , so daß mich die Gestalt nicht bemerkte , bis ich , an dem Souffleurkasten hinaufklimmend , in meiner befremdlichen Tracht vom ersten Mondstrahle bestreift wurde . Ich sah , wie sie entsetzt ihr glühendes Auge auf mich richtete und , doch lautlos , zusammenfuhr . Einen leisen Schritt trat ich näher und hielt wieder ein ; meine Augen waren weit geöffnet , ich hielt die Hände zitternd erhoben , indes ich , von einem frohen Feuer des Mutes durchströmt , auf das Phantom losging . Da rief es mit gebieterischer Stimme : » Halt ! kleines Ding ! was bist du ? « und streckte drohend den Arm gegen mich aus , daß ich fest an der Stelle gebannt blieb . Wir sahen uns unverwandt an ; ich erkannte jetzt ihre Züge wohl , sie hatte ein weißes Nachtkleid umgeschlagen , Hals und Schultern waren entblößt und gaben einen milden Schein , wie nächtlicher Schnee . Ich witterte alsogleich das warme Leben , und der abenteuerliche Mut , den ich dem Gespenste gegenüber empfunden hatte , verwandelte sich in die natürliche Blödigkeit vor dem lebendigen Weibe . Sie hingegen war immer noch zweifelhaft über meine dämonische Erscheinung , und sie rief daher noch einmal : » Wer seid Ihr , kleiner Bursch ? « Kleinlaut antwortete ich : » Ich heiße Heinrich Lee und bin eine von den Meerkatzen ; man hat mich hier eingeschlossen ! « Da trat sie auf mich zu , streifte meine Maske zurück , faßte mein Gesicht zwischen ihre Hände und rief , indem sie laut lachte : » Herr Gott ! das ist die aufmerksame Meerkatze ! Ei , du kleiner Schalk ! bist du es , der den Lärm gemacht hat , als ob ein Gewitter im Hause wäre ? « - » Ja ! « sagte ich , indem meine Augen fortwährend auf dem weißen Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten Male wieder so andächtig erfreut war wie einst , wenn ich in das glänzende Feld des Abendrotes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte . Dann betrachtete ich in vollkommener Ruhe ihr schönes Gesicht und gab mich unbefangen dem süßen Eindrucke ihres reizenden Mundes hin . Sie sah mich eine Weile still und ernsthaft an , dann sprach sie : » Mich dünkt , du bist ein guter Junge ; doch wenn du einst groß geworden , wirst du ein Lümmel sein wie alle ! « Und hiemit schloß sie mich an sich und küßte mich mehrere Male auf meinen Mund , der nur dadurch leise bewegt wurde , daß ich heimlich , von ihren Küssen unterbrochen , ein herzliches Dankgebet an Gott richtete für das herrliche Abenteuer . Hierauf sagte sie : » Es ist nun am besten , du bleibest bei mir , bis es Tag ist ; denn Mitternacht ist längst vorüber ! « und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch einige Türen in ihr Zimmer , wo sie vorher schon geschlafen hatte und durch mein nächtliches Spuken geweckt worden war . Dort ordnete sie am Fußende ihres Bettes eine Stelle zurecht , und als ich darauf lag , hüllte sie sich dicht in einen sammetnen Königsmantel , legte sich der Länge nach auf das Bett und stützte ihre leichten Füße gegen meine Brust , daß mein Herz ganz vergnüglich unter denselben klopfte Somit entschliefen wir und glichen in unserer Lage nicht übel jenen alten Grabmälern , auf welchen ein steinerner Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Füßen . Zwölftes Kapitel Die Leserfamilie . Lügenzeit Infolge der Sorge und Verwirrung , welche durch mein nächtliches Wegbleiben entstanden , war mir das abendliche Umhertreiben und der Besuch des Theaters streng untersagt worden ; auch am Tage wurde ich sorgfältiger beaufsichtigt und in meinem Umgange mit den Kindern der armen Leute beschränkt , welchen man fälschlicherweise eine verderbliche und ansteckende Ungebundenheit zuschrieb . So hatten die fremden Schauspieler die Stadt verlassen , ohne daß ich jene Frau , der mein Herz nun ganz gehörte , wiedergesehen . Als ich vernahm , daß die Gesellschaft fortgereist sei , bemächtigte sich meiner eine tiefe Traurigkeit , welche längere Zeit anhielt . Je unbekannter mir die Gegend war , wo sie hingezogen sein mochte , desto mehr war mir alles Land , welches jenseits der Berge lag , ein Land unbestimmter Wünsche und dunklen Verlangens . Um diese Zeit schloß ich mich enger an einen Knaben , dessen erwachsene , lesebegierige Schwestern eine Unzahl schlechter Romane zusammengetragen hatten . Verlorengegangene Bände aus Leihbibliotheken , geringer Abfall aus vornehmen Häusern oder von Trödlern erstanden , lagen in der Wohnung dieser Leute auf Gesimsen , Bänken und Tischen umher , und an Sonntagen konnte man nicht nur die Geschwister und ihre Liebhaber , sondern Vater und Mutter , und wer sonst noch da war , in die Lektüre der schmutzig aussehenden Bücher vertieft finden . Die Alten waren törichte Leute , welche in dieser Unterhaltung Stoff zu törichten Gesprächen suchten ; die Jungen hingegen erhitzten ihre Vorstellungskraft an den gemeinen unpoetischen Machwerken , oder vielmehr sie suchten hier die bessere Welt , welche die Wirklichkeit ihnen nicht zeigte . Die Romane zerfielen hauptsächlich in zwei Arten . Die eine enthielt den Ausdruck der üblen Sitten des vorigen Jahrhunderts in jämmerlichen Briefwechseln und Verführungsgeschichten , die andere bestand aus derben Ritterromanen . Die Mädchen hielten sich mit großem Interesse an die erste Art und ließen sich dazu von ihren teilnehmenden Liebhabern sattsam küssen und liebkosen ; uns Knaben waren aber diese prosaischen und unsinnlichen Schilderungen einer verwerflichen Sinnlichkeit glücklicherweise noch ungenießbar , und wir begnügten uns damit , irgendeine Rittergeschichte zu ergreifen und uns mit derselben zurückzuziehen . Die unzweideutige Genugtuung , welche in diesen groben Dichtungen waltete , war meinen angeregten Gefühlen wohltätig und gab ihnen Gestalt und Namen . Wir wußten die schönsten Geschichten bald auswendig und spielten sie , wo wir gingen und standen , mit immer neuer Lust ab , auf Estrichen und Höfen , in Wald und Berg , und ergänzten das Personal vorweg aus willfährigen Jungen , die in der Eile abgerichtet wurden . Aus diesen Spielen gingen nach und nach selbsterfundene fortlaufende Geschichten und Abenteuer hervor , welche zuletzt dahin ausarteten , daß jeder seine große Herzens- und Rittergeschichte besaß , deren Verlauf er dem andern mit allem Ernste berichtete , so daß wir uns in ein ungeheures Lügennetz verwoben und verstrickt sahen ; denn wir trugen unsere erfundenen Erlebnisse gegenseitig einander so vor , als ob wir unbedingten Glauben forderten , und gewährten uns denselben auch , in eigennütziger Absicht , scheinbar . Mir wurde diese trügliche Wahrhaftigkeit leicht , weil der Hauptgegenstand unserer Geschichten beiderseits immer eine glänzende und ausgezeichnete Dame unserer Stadt war und ich diejenige , die ich für meine Lügen auserwählt , bald mit meiner wirklichen Neigung und Verehrung bekleidete . Daneben hatten wir mächtige Feinde und Nebenbuhler , als welche wir angesehene , ritterliche Offiziere bezeichneten , die wir oft zu Pferde sitzen sahen . Verborgene Reichtümer waren in unserer Gewalt , und wir bauten aus denselben wunderbare Schlösser an entlegenen Punkten , welche wir mit wichtiger Geschäftsmiene zu beaufsichtigen vorgaben . Jedoch beschäftigte sich die Einbildungskraft meines Genossen überdies mit allerhand Kniffen und Ränken und war eher auf Besitz und leibliches Wohlsein gerichtet , in welcher Beziehung er die sonderbarsten Dinge erfand , während ich alle Erfindungsgabe auf meine erwählte Geliebte verwandte und seine kleinlichen und mühsamen Geldverhältnisse , welche er unablässig zusammenträumte , mit einer kolossalen Lüge von einem gehobenen unermeßlichen Schatze überbot und kurz abfertigte . Dieses mochte ihn ärgern , und wahrend ich , zufrieden in meiner ersonnenen Welt , mich wenig um die Wahrheit seiner Prahlereien bekümmerte , fing er an , mich mit Zweifeln an der Wahrheit der meinigen zu quälen und auf Beweise zu dringen . Als ich einst flüchtig von einer mit Gold und Silber gefüllten Kiste erzählte , welche ich in unserm Kellergewölbe stehen hätte , drang er auf das heftigste darauf , dieselbe zu sehen . Ich gab ihm eine Stunde an , zu welcher dies möglich wäre , und er fand sich pünktlich ein und versetzte mich in eine Verlegenheit , an welche ich im mindesten bisher noch nie gedacht hatte . Aber schnell hieß ich ihn eine Weile warten vor dem Hause und eilte in die Stube zurück , wo in dem Schreibtisch meiner Mutter ein hölzernes Kästchen stand , welches einen kleinen Schatz an alten und neuen Silbermünzen und einige Dukaten enthielt . Dieser Schatz umfaßte einesteils die Patengeschenke aus der Kinderzeit meiner Mutter , andernteils meine eigenen und war sämtlich mein erklärtes Eigentum . Die Hauptzierde aber war eine mächtige goldene Schaumünze von der Größe eines Talers und bedeutendem Werte , welche Frau Margret in einer guten Stunde mir geschenkt und der Mutter in sichern Verwahrsam gegeben hatte zum treuen Angedenken , wenn ich einst erwachsen , sie hingegen nicht mehr sein werde . Ich durfte das Kästchen hervornehmen und den glänzenden Schatz beschauen , sooft ich wollte ; auch hatte ich denselben schon in allen Gegenden des Hauses herumgetragen . Ich nahm ihn also jetzt und trug ihn in das Gewölbe hinunter und legte das Kästchen in eine Kiste , welche mit Stroh gefüllt war . Dann hieß ich den Zweifler mit geheimnisvoller Gebärde hereinkommen , lüftete den Deckel der Kiste ein wenig und zog das Kästchen hervor . Als ich es öffnete , blinkten ihm die blanken Silberstücke gar hell entgegen ; als ich aber die Dukaten und zuletzt die große Münze hervornahm , daß sie im Zwielichte seltsam funkelte und der alte Schweizer mit dem Banner , der darauf geprägt war , sowie der Kranz von Wappenschilden zutage traten , da machte er große Augen und wollte mit allen fünf Fingern in das Kästchen fahren . Ich schlug es aber zu , legte es wieder in die Kiste und sagte : » Siehst du , solcher Dinge ist die Kiste voll ! « Damit schob ich ihn aus dem Keller und zog den Schlüssel ab . Er war nun für einmal geschlagen ; denn obgleich er von der Unwirklichkeit unserer Märchen überzeugt war , so gestattete ihm doch der bisher festgehaltene Ton unseres Verkehrs nicht , weiterzudringen , da es auch hier die rücksichtsvolle Höflichkeit des Lebens erforderte , den mit guter Manier vorgetragenen blauen Dunst bestehen zu lassen . Vielmehr gab meinem Freunde diese vorläufige Toleranz Gelegenheit , mich zu weiteren Lügen zu reizen und auf immer bedenklichere Proben zu stellen . Wir trafen bald darauf , als es gerade Meßzeit war , am Seeufer zusammen , vor den Krambuden flanierend , die dort in langen Straßen sich aneinanderreihten , und begrüßten uns wie Macbeths Hexen mit : » Was hast du geschafft ? « Wir standen vor dem Magazine eines Italieners , welcher neben südlichen Eßwaren auch glänzende Bijouterien und Spielereien feilbot . Feigen , Mandeln und Datteln , Kisten voll reinlich weißer Makkaroni , besonders aber Berge ungeheurer Salamiwürste reizten den Sinn meines Gesellen zu kühnen Phantasien , indessen ich zierliche Frauenkämme , Ölfläschchen und Schalen voll schwarzer Räucherkerzchen betrachtete und ungefähr dachte , wo diese Dinge gebraucht würden , da wäre es gut sein . » Ich habe soeben « , begann mein Lügengefährte , » solch eine Salamiwurst gekauft , zur Probe , ob ich für mein nächstes Bankett eine Kiste voll anschaffen soll . Ich habe sie angebissen , fand sie aber abscheulich und schleuderte sie in den See hinaus ; die Wurst muß noch dort schwimmen , ich sah sie den Augenblick noch . « Wir blickten auf den schimmernden Wellenspiegel hinaus , wo zwischen den Marktschiffen wohl etwa ein Apfel oder ein Salatblatt umhertrieb , aber keine Salami zu sehen war . » Ei , es wird wohl ein Hecht danach geschnappt haben ! « sagte ich gutmütig , und er gab diese Möglichkeit zu und fragte mich , ob ich nicht auch Einkäufe machen wolle ? » Freilich « , erwiderte ich , » ich möchte wohl diese Kette haben für meine Geliebte ! « und wies auf eine unechte , aber hell vergoldete Halskette . Jetzt ließ er mich nicht mehr los , sondern umwickelte mich mit einem moralischen Zwangsnetze , indem ihm die Neugierde , ob ich wirklich über meinen geheimnisvollen Schatz frei verfüge , die Worte dazu lieh . So hatte ich keinen andern Ausweg , als nach Hause zu laufen und mir mit meinem Sparkästen zu schaffen zu machen . Einige Augenblicke nachher ging ich wieder davon , einige glänzende Silberstücke in der festverschlossenen Hand , mit klopfender Brust dem Markte zu , wo mein lauernder Dämon mich empfing . Wir handelten um die Kette oder gaben vielmehr , was der Italiener forderte ; ich wählte noch ein Armband von Agatplatten und einen Ring mit einer roten Glaspaste ; der Kaufmann besah mich und die schönen Gulden mit wunderlichen Blicken , steckte sie aber nichtsdestoweniger ein ; ich aber wurde schon auf dem Wege nach dem Hause fortgedrängt , wo meine Dame wohnte . Auf einem abgelegenen Platze standen etwa sechs Herrenhäuser , deren Besitzer sich durch den Seidenhandel auf der Höhe früherer Vornehmheit erhielten . Weder eine Schenke noch ein sonstiges niederes Gewerbe zeigte sich in dieser Gegend , welche still und einsam in ihrer Reinlichkeit ruhte ; das Pflaster war weißer und besser als in anderen Stadtteilen , und kostbare eiserne Hofgeländer begrenzten dasselbe . In dem größten und vornehmsten dieser Häuser wohnte der Gegenstand meiner Lügen , eine jener jungen anmutigen Damen , welche , gut und elegant gewachsen , mit rosiger Gesichtsfarbe , großen , lachenden Augen und freundlichen Lippen , mit reichen Locken , wehenden Schleiern und seidenen Gewändern die Unerfahrenheit berücken und selbst gefurchte Stirnen aufheitern , sozusagen die Schönheit schlechthin darstellend . Wir standen schon vor dem prächtigen Portale , und mein Begleiter schloß seine Überredungen , daß ich jetzt oder nie meiner Gebieterin die Geschenke überbringen müßte , endlich dadurch , daß er frech den glänzenden Griff der Hausglocke packte und anzog . Aber trotz seiner Frechheit , würde ein Aristokrat sagen , reichte doch die Energie seines Plebejertumes nicht aus , ein kräftiges Geklingel hervorzubringen ; es gab nur einen einzigen zaghaften Ton , welcher im Innern des großen Hauses verhallte . Nach einigen Sekunden ruckte der eine Torflügel um ein unmerkliches , und mein Begleiter schob mich hinein , was ich , aus Furcht vor allem Geräusche , willenlos geschehen ließ . Da stand ich in unsäglicher Beklemmung neben einer breiten steinernen Treppe , welche sich oben zwischen geräumigen Galerien verlor . Ich hielt Armband und Ring in die Hand gepreßt , und die Kette quoll teilweise zwischen den Fingern hervor ; in der Höhe ertönten Tritte , welche von allen Seiten widerhallten , und jemand rief herunter , wer da sei ? Doch hielt ich mich still , man konnte mich nicht sehen und ging wieder , Türen hinter sich zuschlagend . Nun stieg ich langsam die Treppe hinan , mich vorsichtig umsehend ; an allen Wänden hingen große Ölgemälde , entweder wunderliche Landschaften oder grobe Stilleben enthaltend ; die Decken waren in weißer Stukkatur gearbeitet mit kleinen Fresken dazwischen , und in abgemessenen Entfernungen standen hohe dunkelbraune Türen von Nußbaumholz , eingefaßt von Säulen und Giebeln von der gleichen Art , alles glänzend poliert . Jeder meiner Schritte erweckte Geräusch in den Wölbungen , ich wagte kaum zu gehen und dachte doch nicht daran , was ich sagen wollte , wenn ich überrascht würde . Vor jeder Tür lag eine Strohmatte , aber vor einer allein lag eine besonders reich und zierlich geflochtene von farbigem Stroh ; daneben stand ein altes , vergoldetes Tischchen und auf diesem ein Arbeitskörbchen mit Strickzeug , einigen Äpfeln und einem hübschen , silbernen Messerchen zuäußerst am Rande , als ob es soeben hingestellt wäre . Ich vermutete , daß hier der Aufenthalt des Fräuleins sei , und im Augenblicke nur an sie denkend , legte ich meine Kleinodien mitten auf die Matte , nur den Ring zuunterst in das Körbchen auf einen feinen Handschuh . Dann aber eilte ich trepphinunter aus dem Hause , wo ich meinen Quälgeist ungeduldig meiner wartend fand . » Hast du es getan ? « rief er mir entgegen . » Ja freilich « , erwiderte ich mit leichterm Herzen . » Das ist nicht wahr « , sagte er wieder , » sie sitzt ja die ganze Zeit an jenem Fenster dort und hat sich nicht gerührt . « Wirklich war die schöne Frau hinter dem glänzenden Fenster sichtbar und gerade in der Gegend des Hauses , wo jene Zimmertür sein mochte . Ich erschrak heftig , sagte aber : » Ich schwöre dir , ich habe die Kette und das Armband zu ihren Füßen gelegt und den Ring an ihren Finger gesteckt ! « - » Bei Gott ? « - » Ja , bei Gott ! « rief ich . » Nun mußt du ihr aber noch eine Kußhand zuwerfen , und wenn du es nicht tust , so hast du falsch geschworen ; sieh , sie schaut gerade herunter ! « Wirklich ruhten ihre glänzenden Augen auf uns ; aber der Einfall meines Freundes war ein teuflischer ; denn lieber hätte ich dem Teufel selbst ins Gesicht gespieen , als diese Zumutung erfüllt . Durch meinen jesuitischen Schwur war ich aber erst recht in die Klemme geraten , es gab keinen Ausweg . Rasch küßte ich meine Hand und bewegte sie gegen das Fenster hinauf . Das Mädchen hatte uns aufmerksam angesehen und lachte nun ganz unbändig , indem es freundlich herunternickte ; doch ich lief , so schnell ich konnte , davon . Das Maß war gefüllt , und als mein Gefährte mich in der nächsten Straße wieder erreichte , trat ich vor ihn hin und sagte : » Wie ist ' s eigentlich mit deiner Salamiwurst ? Meinst du , dieselbe sei hinreichend , dergleichen Sachen , wie ich bestehe , das Gegengewicht zu halten ? « Damit warf ich ihn unversehens nieder und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht , bis mich ein Mann weghob und rief : » Die Teufelsjungen müssen sich doch immer raufen ! « Das war das allererste Mal in meinem Leben , daß ich einen Schul- und Jugendgenossen schlug ; ich konnte denselben nicht mehr ansehen , und zugleich war ich vom Lügen für einmal gründlich geheilt . In dem lesebeflissenen Hause wurden indessen der Vorrat an schlechten Büchern und die Torheit immer größer . Die Alten sahen mit seltsamer Freude zu , wie die armen Töchter immer tiefer in ein einfältig verbuhltes Wesen hineingerieten , Liebhaber auf Liebhaber wechselten und doch von keinem heimgeführt wurden , so daß sie mitten in der übelriechenden Bibliothek sitzenblieben mit einer Herde kleiner Kinder , welche mit den zerlesenen Büchern spielten und dieselben zerrissen . Die Lesewut wuchs nichtsdestominder fortwährend , weil sie nun Zank , Not und Sorge vergessen ließ , so daß man in der Behausung nichts sah als Bücher , aufgehängte Windeln und die viefältigen Erinnerungen an die Galanterie der ungetreuen Ritter , wie gemalte Blumenkränze mit Sprüchen , Stammbücher voll verliebter Verse und Freundschaftstempel , künstliche Ostereier , in welchen ein kleiner Amor verborgen lag , und dergleichen . Alles in allem genommen will es mir scheinen , daß auch dieses Elend sowohl wie das entgegengesetzte Extrem , die religiöse Sektiererei und das fanatische Bibelauslegen armer Leute , wie ich es im Hause der Frau Margret fand , nur die Spur derselben Herzensbedürfnisse und das Suchen nach einer besseren Wirklichkeit gewesen sei . Bei dem Sohne dieses Hauses machte sich , als er größer wurde , die vielgeübte Phantasie auf andere , nicht minder bedenkliche Weise geltend . Er wurde sehr genußsüchtig , lag schon als Handelslehrling in den Wirtshäusern als ein eifriger Spieler und war bei jedem öffentlichen Vergnügen zu sehen . Dazu brauchte er viel Geld , und um sich dieses zu verschaffen , verfiel er auf die sonderbarsten Erfindungen , Lügen und Ränke , welche ihm nur eine Art Fortsetzung der früheren Romantik waren . Jedoch hielt dies nur halb verdächtige Treiben nicht lange vor , vielmehr sah er sich bald darauf verwiesen , zuzugreifen , wo er konnte . Denn er gehörte zu jenen Menschen , die nicht gesonnen sind , sich in ihren Begierden im mindesten zu beschränken , und in der Gemeinheit ihrer Gesinnung dem Nächsten mit List oder Gewalt das entreißen , was er gutwillig nicht lassen will . Diese niedere Gesinnung ist gleichmäßig der Ursprung scheinbar ganz verschiedener Erscheinungen . Sie beseelt den ungeliebten Herrscher , der , in seinem Dasein jedem Kind im Lande ein Überdruß , doch nicht von seiner Stelle weicht und nicht zu stolz ist , sich vom Herzblute des verachteten und gehaßten Volkes zu nähren ; sie ist der Kern der Leidenschaftlichkeit eines Verliebten , welcher , nachdem er einmal die bestimmte Erklärung der Nichterwiderung erhalten hat , sich nicht sogleich bescheidet , sondern mit gewaltsamer Aufdringlichkeit ein fremdes Leben verbittert ; wie in allen diesen Zügen lebt sie endlich auch in der Selbstsucht des Betrügers und Diebes jeglicher Art , groß und klein ; überall ist sie ein unverschämtes Zugreifen , zu welchem mein ehemaliger Gefährte nun auch seine Zuflucht nahm . Ich hatte ihn im Verlaufe der Zeit ganz aus den Augen verloren , während er schon mehrere Male im Gefängnisse gesessen hatte , und dachte eines Tages an nichts weniger als an ihn , da ich einen verkommenen Menschen durch die Häscher dem Zuchthause zuführen sah . In demselben ist er seither gestorben . Dreizehntes Kapitel Waffenfrühling . Frühes Verschulden Ich war nun zwölf Jahre alt , so daß meine Mutter auf meine weitere Schulbildung denken mußte . Der Plan des Vaters , daß ich der Reihe nach die von gemeinnützigen Vereinen begründeten Privatanstalten besuchen sollte , war nun zerschnitten , indem dieselben inzwischen durch wohleingerichtete öffentliche Schulen überflüssig geworden ; denn die abermalige Regeneration der Schweiz hatte zuerst auf diesen Punkt ihr Augenmerk gerichtet . Der alte Gelehrten- und Lehrerstand