, Amt und Neigung in ein gewisses Gleichgewicht zu bringen , war aber damit gescheitert . Es sei gestattet , einen Augenblick bei diesem Punkte zu verweilen . Die Studierstube besaß zwei nach dem Garten hinaussehende Fenster , zwischen denen unser Freund eine bis in die Mitte des Zimmers gehende Scheidewand gezogen hatte . So waren zwei große , fast cabinetartige Fensternischen gewonnen , von denen die eine dem Prediger Seidentopf , die andere dem Sammler und Altertumsforscher gleichen Namens angehörte . Innerhalb dieser Nischen war das Balanciersystem , das sich schon in ihrer äußeren Anlage zu erkennen gab , ebenfalls festgehalten , indem auf dem Arbeitstische in der Camera archaeologica » Bekmanns historische Beschreibung der Kurmark Brandenburg , Berlin 1751 bis 53 « , auf dem Arbeitstisch in der Camera theologica » Dr. Martin Luthers Bibelübersetzung , Augsburg 1613 « , aufgeschlagen lag . Beides Prachtbücher , wie sie nur ein Sammler hat , groß , dick , in festem Leder , mit hundert Bildern . Über eine Äußerung des Kandidaten Uhlenhorst , der auf einer Versammlung in Hohen-Sathen gesagt haben sollte : » Prediger Seidentopf greife mitunter fehl und schlage in Bekmann statt in der Bibel nach « , gehen wir wie billig an dieser Stelle hin . Es war dies ein rechter Uhlenhorstscher Sarkasmus , wie ihn die Konventikler wohl zu haben pflegen ; aber darin hatten sie recht , daß nicht nur der in der archäologischen Abteilung stehende Lehnstuhl viel tiefer eingesessen , sondern daß auch der ganze , diesseits der Fensternischen verbliebene Rest des Zimmers ein heidnisches Museum , eine bloße Fortsetzung alles dessen war , was schon der Flor geboten hatte . Nur die Walfischrippe und der Alligator fehlten . Zwei mächtige , rechts und links neben der Tür stehende , über den Sims hin durch einen Mittelbau verbundene Glasschränke bildeten eine Art Arcus triumphalis , durch den man in die Studierstube eintrat ; und alles , von dem Steinmesser und dem Aschenkrug an , was die märkische Erde nur je an Altertumsfunden herausgegeben hat , das fand sich hier zusammen . Daneben konnte freilich die theologische Bibliothek des Zimmers nicht bestehen , die , ihrer äußersten Verstaubung ganz zu geschweigen , auf einem schmalen , zweibrettrigen Real zwischen Wandvorsprung und Ofen ihre Unterkunft gefunden hatte . Unser Seidentopf war ein archäologischer Enthusiast trotz einem und ausgerüstet mit all den Schwächen , die von diesem Enthusiasmus so unzertrennlich sind wie die Eifersucht von der Liebe . Er phantasierte , er ließ sich hinters Licht führen ; aber in einem unterschied er sich von der großen Armee seiner Genossen : er sammelte nicht , um zu sammeln , sondern um einer Idee willen . Er war Tendenzsammler . Innerhalb der Kirche , wie Uhlenhorst sagte , ein Halber , ein Lauwarmer , hatte er , sobald es sich um Urnen und Totentöpfe handelte , die Dogmenstrenge eines Großinquisitors . Er duldete keine Kompromisse , und als erstes und letztes Resultat aller seiner Forschungen stand für ihn unwandelbar fest , daß die Mark Brandenburg nicht nur von Uranfang an ein deutsches Land gewesen , sondern auch durch alle Jahrhunderte hin geblieben sei . Die wendische Invasion habe nur den Charakter einer Sturzwelle gehabt , durch die oberflächlich das eine oder andere geändert , dieser oder jener Name slawisiert worden sei . Aber nichts weiter . In der Bevölkerung , wie durch die Sagen von Fricke und Wotan bewiesen werde , habe deutsche Sitte und Sage fortgelebt , am wenigsten seien die Wenden , wie so oft behauptet werde , in die Tiefen der Erde eingedrungen . Ihre sogenannten » Wendenkirchhöfe « , ihre Totentöpfe niedrigeren Grades , wolle er ihnen zugestehen , alles andere aber , was sich , mit instinktiver Vermeidung des Oberflächlichen , eingebohrt und eingegraben habe , alles , was zugleich Kultur und Kultus ausdrücke , sei so gewiß germanisch , wie Teut selber ein Deutscher gewesen sei . Um diese Sätze drehte sich für ihn jede Debatte von Bedeutung . Er war sich bewußt , in seinem archäologischen Museum durchaus unanfechtbare Belege für sein System in Händen zu haben , unterschied aber doch zwischen einem kleinen und einem großen Beweis . Der kleine war ihm persönlich der liebere , weil er der feinere war ; er kannte jedoch die Welt genugsam , um dem blöden Sinn der Masse gegenüber je nach einem andern als nach dem großen Beweis zu greifen . Die Stücke , die diesen bildeten , befanden sich sämtlich in den zwei großen Glasschränken des Arcus triumphalis , waren jedoch selbst wieder in unwiderlegliche und ganz unwiderlegliche geteilt , von denen nur die letzteren die Inschrift führten : » Ultima ratio Semnonum « . Es waren zehn oder zwölf Sachen , alle numeriert , zugleich mit Zetteln beklebt , die Zitate aus Tacitus enthielten . Gleich Nr. 1 war ein Hauptstück , ein bronzenes Wildschweinsbild , auf dessen Zettel die Worte standen : Insigne superstitionis formas aprorum gestant , » ihren Götzenbildern gaben sie ( die alten Germanen ) die Gestalt wilder Schweine « . Die anderen Nummern wiesen Spangen , Ringe , Brustnadeln , Schwerter auf , woran sich als die Sanspareils und eigentlichen Prachtbeweisstücke der Sammlung drei Münzen aus der Kaiserzeit schlossen , mit den Bildnissen von Nero , Titus und Trajan . Die Trajansmünze trug um das lorbeergekrönte Haupt die Umschrift : » Imp . Caes . Trajano Optimo « , auf dem danebenliegenden Zettel aber hieß es : » Gefunden zu Reitwein , Land Lebus , in einem Totentopf . « Das » in einem Totentopf « war dick unterstrichen . Und vom Standpunkte unseres Freundes aus mit vollkommenem Recht . Denn es führte den Beweis , oder sollte ihn wenigstens führen , daß nicht alle Totentöpfe wendisch , vielmehr die » Totentöpfe höherer Ordnung « ebenfalls deutsch-semnonischen Ursprungs seien . Auflehnung gegen so beredte Zeugen erschien unserem Seidentopf unmöglich , und dennoch hatte er sie zu befahren , wobei es sich so glücklich oder so unglücklich traf , daß sein heftigster Angreifer und sein ältester Freund ein und dieselbe Person waren . Es sprach für beide , daß ihre Freundschaft unter diesen Kämpfen nicht nur nicht litt , sondern immer wurzelfester wurde ; allerdings weniger ein Verdienst unseres Pastors als seines gutgelaunten Antagonisten , der , weltmännisch über der Sache stehend , nicht gewillt war , die Semnonen- und Lutizenfrage unter Drangebung vieljähriger herzlicher Beziehungen durchzufechten . In Wahrheit interessierte ihn die » Urne « erst dann , wenn sie anfing , die moderne Gestalt einer Bowle anzunehmen . Dieser alte Freund und Gegner war der Justizrat Turgany aus Frankfurt a. O. , der , ein Feind aller Prozeßverhandlungen bei trockenem Munde , speziell in dem Prozeß » Lutizii contra Semnones « manche liebe Flasche ausgestochen hatte , gelegentlich im Pfarrhause zu Hohen-Vietz , am liebsten aber im eigenen Hause , nach dem Grundsatze , daß er über seinen eigenen Weinkeller am unterrichtetsten sei . Schon die Studentenzeit hatte beide Freunde , Mitte der siebziger Jahre , in Göttingen zusammengeführt , wo sie unter der » deutschen Eiche « Schwüre getauscht und , Klopstocksche Bardengesänge rezitierend , sich dem Vaterlande Hermanns und Thusneldas auf ewig geweiht hatten . Seidentopf war seinem Schwure treu geblieben . Wie damals in den Tagen jugendlicher Begeisterung erschien ihm auch heute noch der Rest der Welt als bloßer Rohstoff für die Durchführung germanisch-sittlicher Mission ; Turgany aber hatte seine bei Punsch und Klopstock geleisteten Schwüre längst vergessen , schob alles auf den ersteren und gefiel sich darin , wenigstens scheinbar , den Apostel des Panslawismus zu machen . Die Möglichkeit europäischer Regeneration lag ihm zwischen Don und Dnjepr und noch weiter ostwärts . » Immer « , so hatte er bei seiner letzten Anwesenheit in Hohen-Vietz versichert , » kam die Verjüngung von den Ufern der Wolga , und wieder stehen wir vor solchem Auffrischungsprozeß « ; halb scherz- , halb ernsthaft vorgetragene Paradoxien , die von Seidentopf einfach als politische Ketzereien seines Freundes bezeichnet wurden . Aber dieser Freund war nicht halb so schwarz , wie er sich selber malte . Er debattierte nur nach dem Prinzip von Stahl und Stein ; hart gegen hart ; das gab dann die Funken , die ihm wichtiger waren als die Sache selbst . Zudem wußte der panslawistische Justizrat , daß Streit und immer wieder in Frage gestellter Sieg längst ein Lebensbedürfnis Seidentopfs geworden waren , und gefiel sich deshalb in seiner Oppositionsrolle mehr noch aus Rücksicht gegen diesen als aus Rücksicht gegen sich selbst . Zwölftes Kapitel Besuch in der Pfarre Und es war der Justizrat Turgany , der heute , am zweiten Weihnachtsfeiertage 1812 in der Hohen-Vietzer Pfarre erwartet wurde ; auch Lewin und Renate hatten zugesagt , mit ihnen Tante Schorlemmer und Marie . Vier Uhr war vorüber ; es dunkelte schon , der Besuch konnte jeden Augenblick kommen . In den Zimmern war alles festlich vorbereitet . Wo noch ein Stäubchen lag , fuhr unser Freund mit einem Federwedel darüber hin ; dann wieder zog er das Taschentuch und polierte an den Scheiben seiner geliebten Schränke . Wer auf Waffen hält , der sorgt auch , daß sie blank sind . Nur an das theologische Bücherbrett , wo der Staub zu dicht lag , vermied er es heranzutreten . Ein Zwischenfall ließ ihn einen Augenblick aufsehen von seiner Arbeit . An ihm vorbei , als wäre eine Welt versäumt , drang in ziemlich herrischer Weise eine Frau mit rotem Gesicht und weißer Haube in das Studierzimmer ein , goß auf ein vorgehaltenes Schippenblech eine Räucheressenz , wie sie damals Mode war , fuhr ein paarmal durch die Luft und schoß dann in das Nebenzimmer weiter , um ihre Bewegungen , die zwischen Stoffechten und Weihrauchfaßschwenken eine gute Mitte hielten , in den dahintergelegenen Räumen fortzusetzen . Pastor Seidentopf lächelte , als er ihr nachsah , ein scherzhaftes Wort schien ihm eben auf die Lippe zu treten , aber ehe es laut werden konnte , klingelte die Haustür , und das Aufstampfen auf Dielen und Strohdecke , um den Schnee und die Kälte abzuschütteln , verriet deutlich , daß der Besuch gekommen sei . Aber nicht der Frankfurter Justizrat . Es waren zunächst die Freunde aus dem Herrenhause . Lewin führte Tante Schorlemmer , Renate und Marie folgten . Man begrüßte sich herzlich . Renate , die es warm fand , nahm ihr Shawltuch ab und stand einen Augenblick mit der Broschnadel in der Hand , wie in Verlegenheit , wo sie dieselbe hintun solle . Dann öffnete sie den Glasschrank und legte die Nadel in eine der zerbrochenen Urnen . Sie war wie Kind im Hause . Alles lachte ; Seidentopf stimmte mit ein . » Sehen Sie , teuerster Prediger « , hob Renate an , » wenn das nun ein Aschenregen wäre , was jetzt in Flocken vom Himmel fällt , welche Hypothesen gäbe das bei den Seidentopfs der Zukunft , diese Gemmenbrosche in einem wendischen Totentopf ! « » Nicht wendisch , ganz und gar nicht . Aber meine schöne Renate lockt mich nicht heraus « , erwiderte Seidentopf gut gelaunt . » Ich erwarte Turgany noch und darf meine Kräfte nicht an Plänkeleien setzen , auch nicht an die verlockendsten . Aber wo nehmen wir unseren Kaffee ? « » Hier , hier , im Studier- und Rauchzimmer « , riefen die Stimmen durcheinander , mit besonderer Betonung des letzten Worts . Seidentopf lehnte ab . Renate aber bestand darauf . » Wir wollen keine Opfer . « » Und wenn es ein solches wäre , je mehr Opfer , je mehr Glück . « » O wie verbindlich ! Ganz die gute alte Zeit . Und da bilden sich unsere Residenzler ein « ( ein schelmischer Blick Renatens streifte dabei Lewin ) , » uns feine Sitte lehren zu wollen ; hier ist ihr Lehrstuhl , hier im Pfarrhause zu Hohen-Vietz . « Stühle wurden gestellt ; man nahm Platz an einem Rundtisch , der in die Camera archaeologica gerückt worden war , und die schon erwähnte Frau erschien , um den Kaffeetisch zu servieren . Sie wurde sofort und in einer Weise von allen Anwesenden begrüßt , die über ihre Wichtigkeit innerhalb der Hohen-Vietzer Pfarre keinen Zweifel ließ . Ihrer Geburt und Haltung nach hätte sie freilich noch den Friesrock und das schwarzseidene Kopftuch tragen müssen ; alle Haushälterinnen aber wachsen schließlich über sich hinaus , und die Hohen-Vietzer machte keine Ausnahme . Sie nahm allerhand kleine Huldigungen in Anspruch und erwartete beispielsweise von seiten der Gäste ein auszeichnendes Entgegenkommen , später von seiten ihres Pastors die Aufforderung , an der festlichen Tafel teilzunehmen . Aber hiermit war ihrem Selbstgefühl Genüge getan . Sie lehnte regelmäßig ab und war befriedigt , daß die Aufforderung überhaupt stattgefunden hatte . Sie legte jetzt die Kaffeeserviette , stellte zwei doppelarmige Leuchter , zugleich auch eine Zuckerdose mit kleinen Löwenfüßen in die Mitte des Tisches und flankierte diese stattliche Zentrumsposition mit zwei silbernen Körben , von denen der eine allerhand Krausgebackenes , der andere eine Pyramide von Kaffeekuchen enthielt ; zuletzt kam die Meißner Kanne selbst , auf deren Deckel Gott Amor sich schelmisch auf seinen Bogen lehnte . Der Pastor hatte nie Anstoß daran genommen , vielleicht es nie bemerkt . Renate machte die Wirtin , verteilte den Zucker sogleich in die Tassen ( die großen Blockstücke waren noch nicht Mode ) und handhabte dabei die Zuckerzange mit jener Grazie , die allein aussöhnen kann mit diesem Werkzeuge der Unbequemlichkeit . Die Unterhaltung nach den ersten kecken Plänkeleien lenkte sehr bald wieder ins Regelrechte ein und begann mit dem Wetter . Das hatte im Jahre 1812 noch eine ganz besondere Bedeutung . Man könnte sagen , vom Wetter sprechen war damals patriotisch . Schnee und Kälte waren die großen russischen Bundesgenossen . Der Schnee , der anfangs in kleinen Federchen umhergestäubt war , wirbelte allmählich dichter an den Fenstern vorbei , und aus der Geborgenheit von Pastor Seidentopfs Studierstube doppelt geborgen , nachdem sie auch zum Kaffeezimmer geworden war - sahen jetzt Wirt und Gäste in den Wirbeltanz hinaus . Es entstand eine Pause . » Immer mehr Schnee « , begann Lewin , der den Platz zunächst dem Fenster hatte , » es ist doch , als ob Gott selber sie alle begraben wolle . Die Vernichtung kommt über sie ; sie fällt in leisen Flocken vom Himmel . Und dazwischen höre ich eine Stimme , die uns zuruft : Drängt euch nicht ein , wollt nicht mehr tun , als ich selber tue ; ich vollbringe es allein . Ich weiß es wohl , teuerster Pastor , die Stimme , die ich höre , ist nur die Stimme meines Mitleids . Muß ich mich ihr verschließen ? Ist dieses Mitleid Schwäche ? Muß ich es abtun ? « » Nein , Lewin , dein Herz hat den rechten Zug wie immer . Wenn es etwas gibt , dem zu folgen uns nicht reuen darf , so ist es das Mitleid . Zudem , unsere Feinde sind unsere Verbündete . Und so lehren uns denn diese Tage treu sein , treu auch gegen den Feind , wie diese Jahre uns gelehrt haben , demütig zu sein . Harren wir . Es werden Zeiten kommen , wo uns sein wird , als lege Gott selber sein Schwert in unsere Hände . Aber dieser Tag , der vielleicht nahe ist , ist noch nicht da . Eins aber gilt heute und immerdar : Offen sei unser Tun . Das ist deutsch . « Lewin wollte antworten , aber Peitschenknall und Schellengeläut , das eben die Dorfgasse heraufkam , unterbrach die Unterhaltung , und Seidentopf rief : » Da sind sie . « Es waren drei Herren , von denen zwei , in grauen Mänteln und schwarzen Tuchmützen , den Polsterstuhl des Schlittens innehatten , während der dritte , in Pelzrock und Filzkappe , auf der Pritsche saß . Dieser sprang zuerst von seinem Holzbock herunter , reichte dem herbeigekommenen Pfarrknecht die Leinen und war dann den beiden anderen , viel jüngeren , aber schwerfälligeren Herren behilflich , aus ihren Fußsäcken heraus und glücklich ans Land zu kommen . Alles das verfolgten unsere Freunde , soweit die fallenden Schneeflocken es zuließen , vom Fenster aus mit jenem ungeheuchelten Interesse , das nur der kennt , der die Winterstille der Dörfer an sich selber erfahren hat . » Wer sind nur die beiden Fremden , die Turgany sich aufgeladen hat ? « fragte Lewin ; » in seinem eleganten Nerzpelz paßt unser justizrätlicher Freund schlecht zum Kämmerer dieser Graumäntel . « » Es sind Amtsbrüder von mir « , erwiderte Seidentopf , dem errötenden Lewin die kleine Verlegenheit gönnend , » ein halber und ein ganzer . Der ganze , den du kennen solltest , ist unser Nachbar , der Dolgelinsche Pastor ; der halbe konrektort vorläufig noch , rückt aber nächstens in die Heilige-Geist-Pfarre ein . Konrektor Othegraven , ein besonderer Freund Turganys . « Die neuen Gäste hatten inzwischen aus Pelz und Mänteln sich ausgewickelt , und auf dem Flur erklang die Stimme des Justizrats mit jener Deutlichkeit , die immer auf ein halbes Zuhausesein deutet . Dann öffnete sich die Tür , und alle drei traten ein . Nach vorgängiger Begrüßung rückte man dichter zusammen , schob rechtwinkelig einen zweiten Tisch heran und war sofort im Fahrwasser einer lebhaften Unterhaltung . Turgany , wie er selber mit Stolz zu versichern liebte , duldete keine Pausen . Er hatte sich mit jenem Feldherrnblick , der ihn in solchen Dingen auszeichnete , den besten Platz gewählt und saß nicht bloß unter einem Urnenreal seines Freundes , worauf er schließlich verzichtet haben würde , sondern auch zwischen Renate und Marie , was er durch geschickte Beseitigung von Tante Schorlemmer - ihr zuflüsternd , daß sein Freund Othegraven glücklich sein würde , sich mit ihr über grönländische Mission unterhalten zu können - herbeizuführen gewußt hatte . » Othegraven habe selber Missionar werden wollen . « In den durch diese Kriegslist eroberten Platz war er ohne weiteres eingerückt und unterhielt nun die beiden Damen von den eben überstandenen Abenteuern . Er verfuhr dabei nicht mit sonderlicher Diskretion , die überhaupt nicht seine starke Seite war , und nahm nicht den geringsten Anstand , den durch seine Gesamterscheinung freilich dazu herausfordernden Dolgeliner Pastor zum komischen Helden seiner Erzählung zu machen . Ein Windstoß habe seines Reisegefährten Kopfbedeckung querfeldein geführt , und eine Art Mützentreiben sei natürlich die Folge davon gewesen . Er werde dieses Anblicks nie vergessen . Der Wind , in den hochgeklappten Doppelkragen sich setzend , habe den unter Segel genommenen Pastor , als ob er in gerader Linie vom Doktor Faust abstamme , immer weiter und weiter getragen , bis endlich das phantastische Bild in den Tiefen eines Oderbruchgrabens verschwunden sei . In diesen sei nämlich der Pastor hineingefallen . Aber die Auserwählten fielen immer nur , um ihr Glück zu finden . So auch hier . In eben diesem Graben habe die Mütze gelegen . Der Dolgeliner Pastor war inzwischen in einer Kornpreisunterhaltung mit Lewin begriffen ; Tante Schorlemmer und der Konrektor ergingen sich in Parallelen zwischen Nordpol- und Südpolmission , während Turgany eben einen improvisierten Kinderball zu schildern begann , den er am Heiligabend mitgemacht hatte . Er ließ die kleinen Mädchen in ihrer Sprache sprechen und ahmte mit einem gewissen Darstellungstalent , das er hatte , die Wichtigkeit ihrer Mienen und ihrer Haltung nach . So ging die Unterhaltung . Des Justizrats Ideal war erreicht : keine Pausen . Turgany , um sein Bild um ein paar Striche weiter auszuführen , war ein starker Fünfziger und wußte sich etwas auf die Jugendlichkeit seiner Erscheinung . Abwehrend gegen alle Schmeichelei , duldete er doch die eine , die ihn nach dem Siebenjährigen Kriege geboren sein ließ . Es ergab dies für ihn einen Reingewinn von zehn Jahren . Er hielt sich gerade , trug eine goldene Brille und ein Toupet von flachsblonden Locken . Diese Locken hatten einst um andere Schläfen gespielt , und unser Freund , wenn ihn die Laune anwandelte , spöttelte selbst über diese blonde Fülle , die den echten Flachs seiner Jugend weit aus dem Felde schlug : er scherzte darüber , aber liebte es keineswegs , wenn andere seinem Beispiel folgten . Sein frisch erhaltenes Gesicht wäre regelmäßig zu nennen gewesen , wenn nicht sein linker Nasenflügel , der ihm abgehauen und von einem Paukdoktor schlecht angenäht worden war , eine Art Portal gebildet hätte , gerade groß genug , um einen gewöhnlichen Nasenflügel darunterzustellen . Das Kecke , das sein Wesen hatte , wuchs dadurch und paßte zu dem Zug übermütiger Laune , der um seine Mundwinkel spielte . Die beiden Geistlichen waren von sehr anderem Gepräge und ebenso verschieden untereinander wie von ihrem Freunde , dem Justizrat . Sie hatten nichts gemeinsam als den schwarzen Rock und das weiße Halstuch . Der Konrektor gehörte einer Richtung an , wie sie damals in märkischen Landen nur selten betroffen wurde : Strenggläubigkeit bei Freudigkeit des Glaubens . Ein mehrjähriger Aufenthalt im Holsteinschen , wo er den Wandsbecker Boten und später auch Claus Harms auf seiner dithmarsischen Pfarre kennengelernt hatte , war nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben . Er sprach wenig über Christentum und Glaubensfragen , aber auch dem Profanen gab er eine Weihe durch die Art , wie er es behandelte . Er sah alle Dinge in ihrer Beziehung zu Gott ; das gab ihm Klarheit und Ruhe . Wenn er sprach , war etwas Helles um ihn her , das mit seinem sonst steifen und pedantischen Äußeren versöhnen konnte . Der Dolgeliner Pfarrer entbehrte vieler Gaben , aber was er am gewissesten entbehrte , das war die Leuchtekraft des Glaubens . Er war für praktische Seelsorge , worunter er verstand , daß er den Bauern ihre Prozesse führte , und mußte sich ' s gefallen lassen , von Turgany abwechselnd als » Kollege « , Dolgeliner Orakel und Lebuser Markt- und Kurszettel bezeichnet zu werden . Er war weder Orthodoxer noch Rationalist , sondern bekannte sich einfach zu der alten Landpastorenrichtung von Whist à trois . Und nicht immer mit der nötigen Vorsicht . Einmal , so wenigstens erzählte Turgany , hatte er einer älteren unverheirateten Dame geklagt , daß er in Dolgelin keine » Partie « finden könne , was zu den ergötzlichsten Mißverständnissen Veranlassung gegeben hatte . Im übrigen war er ebenso brav wie beschränkt und wohlgelitten . Es fehlte nur der Respekt . Solcher Art waren die neuen Ankömmlinge . Der Justizrat erhob sich eben , um vor Renate und Marie den kleinen verwachsenen Musikenthusiasten zu kopieren , der an jenem Frankfurter Kinderballabend drei Stunden lang das Violoncell gespielt hatte , als Tante Schorlemmer , einen der Doppelleuchter ergreifend , das Zeichen gab , die Studierstube von den Verpflichtungen gesellschaftlicher Repräsentation frei zu machen . Die alte Dame selbst schritt erst dem angrenzenden , dann einem zweiten dahintergelegenen Zimmer zu ; alle jüngeren Elemente der Gesellschaft folgten , Othegraven und selbst Pastor Zabel nicht ausgeschlossen . Nur Turgany und Seidentopf , die alten Freunde und Gegner , blieben in der Studierstube zurück . Dreizehntes Kapitel Der Wagen Odins Die Stunde vor Tische - nach einem alten Herkommen , von dem übrigens Turgany heute nicht ungern abgegangen wäre gehörte dem wissenschaftlichen Austausch , will sagen , der Kriegsführung . In dieser kurzen Spanne Zeit wurden jene Schlachten geschlagen , denen der Justizrat mit heiterer Entschlossenheit , der Pastor , bei allem Verlangen danach , doch zugleich mit immer erneutem Bangen entgegensah . Denn so laut er auch die Unerschütterlichkeit seines Systems proklamieren mochte , gerade hinter seinen bestimmtesten Versicherungen barg sich der quälendste Zweifel . Alle Systeme sind gefallen , sagte er zu sich selbst , und vor jeder neuen Debatte beschlich ihn die Vorstellung : wenn nun jetzt dein Bau zusammenstürzte ! Diese Vorstellung kam ihm auch heute , und das entsprechende Bangen wuchs einen Augenblick , als Turgany , der inzwischen eine kleine Kiste vom Flur hereingeholt hatte , diese mit einer gewissen Feierlichkeit auf den Tisch stellte und einfach die Worte sprach : » Dies ist nun für dich , Seidentopf . Nimm es , so unchristlich sein Inhalt ist , als eine Christbescherung von mir an . Ob du in dir und außer dir einen Platz dafür finden wirst , steht freilich dahin . Wenn es in dein System paßt , so schmiede Waffen daraus gegen mich ; es soll dann mein Stolz sein , dir selbst zum Siege verholfen zu haben . Entgegengesetzten Falls aber habe den Mut eines offenen Bekenntnisses . Und nun öffne . « Seidentopf zog den Deckel und nahm aus der Kiste einen kleinen Bronzewagen heraus , der auf drei Rädern lief und eine kurze Gabeldeichsel hatte , auf der , dicht an der Achse , sechs ebenfalls bronzene Vögel saßen , alle von einer Haltung , als ob sie eben auffliegen wollten . Das Ganze , quadratisch gemessen , wenig über handgroß , verriet ebensosehr technisches Geschick wie Sinn für Formenschönheit . Der Pastor war geblendet ; auf einen Augenblick ging alles , was kritisch oder systematisch an und in ihm war , in der naiven Freude des Sammlers unter , und die Hand des Justizrats ergreifend , sagte er : » Das ist ein Unikum ; das wird die Zierde meiner Sammlung . « Dann ließ er den Wagen über den Tisch rollen mit einem Gefühl und einem Gesichtsausdruck , als ob er um fünfzig Jahre jünger gewesen wäre . Turgany freute sich des Glückes , das er geschaffen ; aber rasch wieder von seinem alten Widersachergeist erfaßt , riß er unseren Seidentopf durch ein kurzes » Und nun ? « aus seiner Unbefangenheit . Der Pastor , zunächst noch in jener weichen Stimmung , wie sie Freude und Dank hervorrufen , versuchte dem inquisitorischen » Und nun ? « durch allerhand Zwischenfragen über Erwerb und Fundort auszuweichen . Aber vergeblich . Die letztere Frage griff schon in das kritische Gebiet hinüber , und Turgany bemerkte deshalb mit nachdrücklicher Betonung einzelner Worte : » Er ist von jenseit der Oder ; Wegearbeiter fanden ihn zwischen Reppen und Drossen ; er steckte im Mergel ; Drossen ist wendisch und heißt : Stadt am Wege . Die Oder war immer Grenzfluß . « » Das ist ohne Bedeutung « , bemerkte Seidentopf ruhig . » Du weißt , es gab eine Zeit , wo diesseits und jenseits des Flusses Deutsche wohnten ; nur die Stämme waren verschieden . Welche Stämme hüben und drüben , darüber mag gestritten werden ; ich betone nur das Germanische überhaupt . « Turgany lächelte . » So glaubst du wirklich , daß deine Semnonen oder ihresgleichen , die nachweisbar unter Fichten und Eichen wohnten und sich in Tierfelle kleideten , der Schöpfung solcher Kunstwerke fähig gewesen wären ? « Er wies dabei auf den Wagen . » Wie ich dir oft gesagt habe , sie sind hingegangen wie das Laub an ihren Bäumen , wie der Ur , der mit ihnen gemeinschaftlich die Wälder bewohnte . Es ist möglich , daß der Welt die Überraschung vorbehalten ist , hier oder dort , in Moor oder Mergel , einmal einem durch Erdsalze petrifizierten Semnonen zu begegnen ; ich würde mich freuen , solchen Fund noch zu erleben , er würde jedoch nach der Seite hin , die hier in Frage kommt , nicht das geringste beweisen . Es gab Semnonen , gewiß , aber sie schufen nichts . Sie pflanzten sich fort , das war alles . Ein Schaffen im Sinne der Kunst , der Erfindung kannten sie nicht . Dieser Wagen ist Produkt höherer Kultur . Wer brachte die Kultur in diese Gegenden ? so stellt sich die Frage . Du kennst meine Antwort . « Seidentopf schwieg . » Ich habe dir so oft gesagt « , fuhr Turgany fort , » und ich muß es wiederholen , es zählt bei mir zu den Unbegreiflichkeiten , daß ein Mann von deinem wissenschaftlichen Ernst , der sich in hundert anderen Stücken durch Vorurteilslosigkeit auszeichnet , die Kultur der slawischen Vorlande bestreiten kann . Dein System ist eine Anhäufung von Sophistereien . Von unserer alten Priegnitz an , in der wir geboren wurden , bis zu diesem Lande Lebus , in dem wir jetzt beide wohnen , tragen sowohl die Landesteile selbst wie ihre Städte und Dörfer , zum ewigen Zeichen dessen , daß sie aus wendischen Händen hervorgingen , gutslawische Namen ; in erster Reihe dies alte Hohen-Vietz , dessen Bewohner , neben ihren vielen anderen Tugenden , auch die der Langmut in Stammes- und Rassefragen üben . Ich meinerseits kann ihnen darin nicht folgen . Es bleibt , wie es ist . Die Deutschen dieser Gegenden waren Wilde ; sie hatten Menschenopfer , sie schlitzten ihren Feinden die Bäuche mit Feuersteinen auf . Sie aber , die gesitteten Wenden , die du verleugnest , sie hatten Tempel , trugen feine Gespinste und schmückten sich und ihre Götter mit goldenen Spangen . Was hat dein ganzes Semnonentum aufzuweisen , das heranreichte an die sagenhafte Pracht Vinetas , an die phantastische Tempelgröße Rethras und Oregungas ? « » Sagenhafte Pracht « , wiederholte Seidentopf , » mir könnte das Zugeständnis , das in diesem Beiwort liegt , genügen ; indessen ich verzichte gern auf den Gebrauch von Waffen , die mir , verzeihe , eine Unachtsamkeit meines Gegners in die Hand gibt . Und so gedenke ich nicht an der Kultur von Rethra und Julin herumzudeuteln . Aber dieses spätere , unter den Anregungen unserer germanischen Welt über sich selbst hinauswachsende Wendentum ist ein Wendentum dieses Jahrtausends , während dieser bronzene Wagen augenscheinlich bis in die ersten Säkula unserer Zeitrechnung zurückdatiert . Ich setze ihn drittes Jahrhundert , vielleicht noch früher . « » Gut . Und wofür hältst du ihn ? Was ist er ? Was bedeutet er ? « » Ich hätte