hier zu sein schien . Die buntgewürfelte Mannschaft besaß offenbar von Gehorsam nur sehr schwache Begriffe ; es war mehr eine Art lustiger Zechkameradschaft , denn auch mehr als eine Flasche Rum sah Robert von Hand zu Hand gehen , obwohl ihm sein Freund häufig gesagt hatte , daß Alkohol nur ausnahmsweise und in geringen Mengen vom Steuermann verteilt werde . Sobald aber an Deck ein Kommando ertönte , änderte sich wie durch einen Zauberschlag das nachlässige Wesen der Leute . Einer suchte es im Laufen und Klettern dem andern zuvorzutun , einer war noch schneller , noch gewandter als der andere . Robert wurde , als er mit Hand anlegen wollte , von den Matrosen mehrfach beiseite gedrängt , und einmal fiel er - er wußte nicht , ob aus Versehen oder infolge einer kleinen Neckerei - sogar mit seiner ganzen Länge auf das Deck , als die Leute plötzlich ein Tau , an dem er noch aus Leibeskräften riß , wie auf Verabredung losließen . Ein lautes Gelächter brachte ihn aber schnell wieder auf die Füße . Der Wind bauschte die Segel , das Schlepptau wurde losgeworfen und an Bord der Galliot geholt ; unter dem lustigen Gesang der Matrosen glitt das Schiff dahin . Der Lotse ließ sich vor Helgoland von einem kreuzenden Kutter an Bord nehmen , und jetzt hatte Kapitän van Swieten das Kommando . Es wurden noch mehr Segel gesetzt und die Geschwindigkeit der Antje Marie auf neun Knoten geloggt . » Loggen « nennt der Seemann das Messen der Seemeilen , die ein Fahrzeug in einer Stunde zurücklegt . Die Galliot machte also neun Knoten in der Stunde und hatte daher die Insel Helgoland schon sehr bald weit hinter sich gelassen . Es war völlig dunkel , als Robert ein ganz eigentümliches Unbehagen fühlte . Das starke Auf- und Niederstampfen des Schiffes , die schiefe Lage nach der Leeseite erregten ihm Übelkeit . Seine Nase wurde spitz , die Lippen farblos und das Gesicht fast grünlich . Er saß auf seiner Kiste , von der er emportaumelte , als zufällig der mürrische Obersteuermann vorüberging . Er wollte schnell nach irgendeiner Arbeit greifen , sank aber kraftlos zurück und konnte nur einen angstvollen Blick auf den gestrengen Vorgesetzten werfen . Das Schiff , die Masten , das Meer , alles schien sich mit ihm in rasender Geschwindigkeit zu drehen , während die Kehle zugeschnürt war und ein Krampf den Magen erfaßte . » Seekrank « , brummte Renefier . » Geh an Deck in die frische Luft , aber vorher trink aus dieser Flasche einen tüchtigen Schluck Rum , das tut dir gut . « Robert gehorchte mit vieler Mühe , aber sowie das scharfe Getränk herunter war , stürzte er zur Kajütentür hinaus , beugte sich über Bord , und - - Oh , das tat ihm wohl , aber zuerst glaubte er , daß es der Tod sei , der ihn so entsetzlich würgte und die Eingeweide fast zerriß . Er war nur halb bei Bewußtsein , als ihn zwei Arme von hinten erfaßten und aufhoben . Der alte Matrose war es , der Mann mit den schwermütigen , freundlichen Augen . Voll Mitleid trug er den Jungen in seine Koje , wo Robert sofort einschlief und erst mitten in der Nacht wieder erwachte . Die Seekrankheit in ihrer ganzen Stärke hatte ihn ergriffen . Robert ertrug die Sache verhältnismäßig leicht . Er spürte schon am folgenden Morgen einen wahren Heißhunger und schlich sich in die Kombüse , um etwas Eßbares zu erlangen . Der Koch gab ihm auch gleich ein tüchtiges Stück Pökelfleisch mit dem Rest des Schwarzbrotes , das noch von Hamburg her an Bord war . Robert hätte aber alles vor Schreck beinahe fallen lassen , als er dem Mann ins Gesicht sah . Das war Gallego , der Spanier , der vorgestern abend in Peter Vollands Schenke den Malaien verwundet und den der Wirt so sorgfältig in Sicherheit gebracht hatte , bevor er den Polizisten die Tür öffnete . Der Junge stand jetzt verwirrt und sprachlos vor dem rohen Gesellen , dessen braunes Gesicht , zerschunden und mit Pflastern bedeckt , noch die deutlichen Spuren des Kampfes trug . Sonderbarerweise war aber der Koch ihm gegenüber sehr zuvorkommend , bot ihm alles mögliche an und riet ihm dringend , einen Magenbitter zu trinken , wobei er lebhaft bedauerte , selbst von diesem unschätzbaren Stoff leider nichts zu besitzen . » Laß dir vom Untersteuermann etwas geben , mein Junge « , fügte er hinzu , » und dann kannst du mir immerhin ein paar Tropfen zukommen lassen . Bei diesem kalten Wind ist das eine wahre Wohltat , weißt du , - ich mache es mit Fleisch und Kaffee wieder gut . « Robert wagte nicht , dem Spanier etwas abzuschlagen , daher tat er , was man ihm sagte , und Gallego stürzte den Branntwein auf einen Zug in die durstige Kehle hinab . » Wir müssen gute Freunde werden « , raunte er mit vertraulichem Blinzeln dem Jungen zu . » Ich mag dich leiden , Kleiner . « Aber Robert teilte diese Zuneigung durchaus nicht . Er ging dem Koch aus dem Wege , wenn es irgend möglich war , und sprach nur mit ihm , wenn er mittags seine » Back « zum Füllen hingab . Die dicke Erbsensuppe wurde dann auf der Seekiste sitzend verzehrt , wobei jeder Mann den Napf zwischen seinen Knien hielt . Robert erfuhr hier , daß alle Matrosen ihre Spitznamen hatten , weshalb er sich denn auch nicht mehr wunderte , von der ganzen Mannschaft » Moses « genannt zu werden . Außer ihm gab es einen » Speckesser « , einen » Rotfuchs « , einen » kleinen und großen Russen « , eine » Klappmütze « und so weiter . Den alten Matrosen , seinen Freund Mohr , nannten sie den » Geisterseher « . An diesen Mann schloß er sich ganz besonders an , und von ihm lernte er die Einrichtung des Schiffes kennen . Seine Fahrten mit dem Segelboot und die Erläuterungen , die ihm der Matrose vom » Blitz « gegeben hatte , erleichterten ihm zwar wesentlich das Verständnis des Ganzen , aber dennoch gab es vieles , das er jetzt zum erstenmal sah . Und Mohr unterrichtete den Jungen und zeigte ihm alles , wenn sich dazu Zeit fand . » Der vordere Teil des Schiffes heißt der Bug « , sagte er , » und die augenartigen Löcher , die du dort auf jeder Seite in der Bordwand siehst , nennt man Klüsen . Durch sie laufen die Ankerketten beim Herablassen und Hieven des Ankers . Außerdem trägt der Bug gewöhnlich einen Aufbau , die Back , die das Vorschiff vor überkommenden Seen schützt und zugleich als Stand für den Ausguck dient . Im Bug , unter und auf der Back , enden alle Taue , durch welche die Vorsegel , also die dreieckigen Klüversegel , regiert werden . « Robert begriff alles ohne Mühe . » Und was bedeutet es « , unterbrach er , » wenn der Steuermann fragt : Alles klar ? « » Das heißt « , antwortete der Alte , » ob alles in Ordnung und alles vorbereitet ist , um irgendein Segelmanöver auszuführen . Macht klar Deck ! zum Beispiel bedeutet , alle Tauenden an ihren bestimmten Plätzen aufzurollen , so daß nicht allein alles ordentlich aussieht , sondern auch sofort für ein weiteres Manöver bereit ist . Du weißt ja , Junge , Ordnung ist das halbe Leben . « » Jetzt zum Achterschiff « , drängte Robert , und der Alte folgte lächelnd seinem ungeduldigen Schützling nach hinten . » Die Erhöhung , unter der die Kajüte liegt « , begann er seinen zweiten Vortrag , » heißt das Quarterdeck . Das Achterschiff ist ausschließlich für den Aufenthalt des Kapitäns und der Steuerleute bestimmt , wir Matrosen dürfen es nur auf ausdrücklichen Befehl betreten . Von hier aus wird das Schiff durch das Steuerruder regiert , seemännisch das Ruder genannt . In seinem Kopf steckt eine eiserne Stange , die Ruderpinne , die mit dem Steuerrad durch eine lange Kette verbunden ist . Bei gutem Wetter steht ein Matrose am Ruder , bei schlechtem aber zwei . « Robert wollte mehrere Male den Alten unterbrechen , jetzt endlich platzte er heraus mit einer Frage , die ihm schon längst auf der Zunge lag . » Steuert denn nicht der Steuermann selbst das Schiff ? « » Der Steuermann beobachtet auf dem Kompaß , ob der Matrose am Ruder den richtigen Kurs einhält . Ist dieser zum Beispiel Nord-Nord-West , wie wir jetzt laufen , so muß die Spitze der Kompaßrose Nord-Nord-West zeigen und dabei immer in der Mittellinie des Schiffes liegen , weicht sie aber nach rechts oder links ab , so muß das Rad so lange gedreht werden , bis sie wieder richtig zeigt . « Robert nickte . » Noch eins ! « bat er , » Anluven heißt doch : das Schiff mit dem Bug in den Wind drehen , nicht wahr ? Aber was ist Backlegen ? « » Backlegen heißt : die Fahrt des Schiffes stoppen . Die Segel am Fockmast werden dabei nicht verändert , am Großmast aber braßt man die Raaen so herum , daß der Wind auf sie von vorn einwirken muß , dadurch treibt er mit derselben Kraft das Schiff nach hinten , mit der er es durch die Vordersegel nach vorn treibt . Es ergibt sich also eine Gegenwirkung , ein Gleichgewicht der Kräfte , und das Fahrzeug bleibt regungslos liegen . Man wendet dies Manöver an , wenn ein Boot herabgelassen werden soll , oder wenn die Kapitäne zweier sich begegnender Schiffe zusammen sprechen wollen , was wir Preien nennen . « » Aber jetzt müssen wir aufhören « , fügte er hinzu . » Ein anderes Mal mehr darüber . Und höre noch , Junge ! Wenn dich der Koch verleiten will , ihm von dem Rum des Kapitäns zu geben , so tu es nicht ; Unrecht bringt keinen Frieden . « Robert schlug die Augen nieder . » Ich will es nicht tun , bestimmt nicht , Onkel Mohr ! « Der Matrose seufzte leise . Seine Augen sahen starr über das Meer , langsam schüttelte er den Kopf . » Sollst mein Erbe werden « , flüsterte er , » sollst haben , was ich besitze , weil du mich Onkel genannt hast , weil mir dein unschuldiges Herz Vertrauen und Liebe entgegenbringt . Du bist noch ein Kind , - und du bist seit Jahrzehnten der erste , der mir so menschlich begegnet ist . Hab Dank ! « - Er glitt mit der wetterharten Hand über Roberts Haar und ging dann seiner Arbeit nach . Mit den übrigen Leuten sprach er wenig , obgleich ihn keiner belästigte , sondern vielmehr alle eine gewisse Scheu vor ihm an den Tag legten . Er war von der ganzen Besatzung am längsten an Bord , und Kapitän van Swieten behandelte ihn fast wie einen gleichgestellten Freund . Irgendein Geheimnis mußte aber doch den » Geisterseher « umgeben , und irgendein Geheimnis umgab überhaupt das ganze Schiff - Robert fühlte es mehr , ohne es jedoch deuten zu können . Es blieb ihm auch nur wenig Zeit , an andere Dinge als an seine Arbeit zu denken . Man war in den englischen Kanal eingelaufen , und dieses Fahrwasser ist bekanntlich für den Seemann eins der gefährlichsten . Es gibt viele Kapitäne , die während der Reise durch den Kanal nur von Zeit zu Zeit vollständig angezogen auf dem Sofa einen Augenblick schlafen , sonst aber immer an Deck sind , um alles selbst zu überwachen . Auch Kapitän van Swieten und sein Obersteuermann verdoppelten ihre Vorsicht , besonders da das Schiff bei Einbruch der Nacht in dichten Nebel geriet . Die grüne und rote Positionslaterne wurde auf beiden Seiten in die Wanten gesetzt , und eine weiße Laterne kam in den Vortop . Der Untersteuermann , der seines besonders scharfen Auges wegen der » Fernkieker « genannt wurde , verbrachte fast die ganze Zeit neben dem Matrosen auf dem Ausguck , und der Obersteuermann ging fortwährend an Deck von einer Seite zur andern , um ein vorübersegelndes Schiff rechtzeitig zu bemerken . Diese Vorsicht war nur allzu gerechtfertigt . Robert sah , wie nacheinander mehrere Schiffe in nächster Nähe rechts und links an der » Antje Marie « vorüberzogen , so nahe , daß zwischen dem einen und dem andern Fahrzeug nur wenige Meter Entfernung blieben . Im Nebel sahen diese Schiffe geradezu riesig aus , lautlos wie Nachtgespenster glitten sie vorbei . Der Obersteuermann trat in die Kajüte . » Ist kein Nebelhorn an Bord , van Swieten ? « fragte er . Der Kapitän nickte . » Doch , Renefier . Hier im Schrank muß es liegen . Such nur , es ist entweder da , wo meine Kleider hängen , oder bei den Notsegeln . Finden wirst du es bestimmt ! « Der Steuermann warf ärgerlich durcheinander , was ihm zwischen die Finger kam . Seine Füße stampften vor Ungeduld auf den Boden . » Eine Teufelswirtschaft « , brummte er . » Im dichtesten Nebel das Horn nicht finden . Da soll doch - - « Er brach ab , weil die Tute , auf dem Boden des Kleiderschrankes unter Stiefeln und Tauenden vergraben , endlich zum Vorschein kam . Ohne ein weiteres Wort zu verlieren , ging er hinaus und drückte das Instrument dem nächsten Matrosen in die Hand . » Alle zwei Minuten ! « befahl er . » Aha , dort wird es auch schon auf anderen Schiffen lebendig . « Und wirklich hörte man über das ruhige Wasser von allen Seiten die klagenden , langgezogenen Töne . Es lief kalt über Roberts Rücken herab , als er das sonderbare Konzert mit anhörte . Wie Warnungsrufe aus einer anderen Welt klangen die Hörner . » Passiert es häufig , daß zwei Schiffe zusammenstoßen ? « fragte er flüsternd einen der Matrosen , der neben ihm stand . Der Mann nickte . » Sehr oft sogar « , bestätigte er . » Ich selbst bin einmal nahe daran gewesen - auf Haaresbreite , möchte ich sagen . Das war in der Nordsee und der Nebel so dicht , daß wir vom Großmast aus den Bugspriet nicht sehen konnten . Plötzlich ertönte ein furchtbares Krachen - im Nu waren wir an Deck , aber da sank schon das Schiff unter unsern Füßen . Ich weiß von dem ganzen Vorfall nur noch soviel , daß ich halb besinnungslos ein über mir erscheinendes Tau ergriff . Es war das Bugstag des anderen Schiffes ; ich hielt mich mit allen Kräften daran fest und wurde auch schon nach wenigen Augenblicken durch ein Schlingtau an Bord geholt . Es war eine englische Brigg , mit der wir zusammengestoßen waren . Sie legte sich back , setzte ein Boot aus und versuchte , auch die übrige Mannschaft des sinkenden Fahrzeuges zu retten , aber bis man die nötigen Vorbereitungen getroffen hatte , war alles zu spät . Vor unsern Augen verschwanden die Mastspitzen , als das Boot den Wasserspiegel berührte . « Robert fühlte doch ein unüberwindbares Grauen . Er ging auch dann nicht zur Koje , als seine Wache abgelöst wurde , sondern blieb an Deck und horchte und spähte in den Nebel hinaus . Gegen Mitternacht wurde der Wind etwas stärker , und sogar einzelne heftige Stöße fuhren durch das Takelwerk . » Alle Mann an Deck ! « erschallte die Stimme des Obersteuermanns , und die vor kaum einer Stunde zur Koje gegangene Wache mußte aus den warmen Decken wieder heraus und in der kalten Herbstnacht ihre beschwerliche Arbeit verrichten . » Zwei Reffs in die Marssegel ! « Einer vor dem andern stürmte die Mannschaft in die Wanten hinauf , und jeder bemühte sich , der erste zu sein . Selbst Gallego und der Kochsmaat , ebenso der Zimmermann , die sonst nur an Deck arbeiteten , mußten mit hinauf , so daß bloß die Leichtmatrosen und die Jungen von diesem gefährlichen Dienst verschont blieben . Sie bedienten an Deck die Fallen und Brassen . Da bei der kleinen Besatzung nur immer ein Mast zur Zeit vorgenommen werden konnte , mußte man , bevor der Wind ganz aufgekommen war , schon die Segel wegnehmen . Es blieb jedoch alles ruhig , und am Morgen strahlte bei scharfer Kälte die hellste Sonne vom Himmel herab . Robert sah wieder , wenn auch nur als ferne dunkle Umrisse , die Küste des festen Landes , er sah unzählige Fischerboote , die in größerer oder geringerer Nähe wie Nußschalen auf dem Wasser schwammen , und erlebte dann etwas , was ihn ganz besonders interessierte . Einer der Matrosen , der erst in Hamburg an Bord gekommen war , schrieb auf seiner Kiste einen Brief und steckte ihn dann in eine leere Weinflasche , die er vorher gereinigt hatte . Zwei englische Schilling folgten dem Papier , und dann erhob sich der Mann , um den Kapitän um etwas Siegellack zu bitten . Roberts Augen waren neugierig jeder Bewegung gefolgt . » Was tun Sie da ? « fragte er unwillkürlich . » Wollen Sie die Flasche ins Meer werfen ? « » Beinahe ! « lächelte der Mann . » Aber hast du vielleicht auch ein paar Worte an die Deinen zu bestellen , so beeile dich . Zehn Minuten will ich noch warten , Papier ist hier . « Robert ließ sich das nicht zweimal sagen , er ergriff mit Freuden die Gelegenheit , seine alten Eltern zu beruhigen und um Verzeihung zu bitten . Die Feder flog förmlich über das Papier , als zufällig der Kapitän in die Nähe der Tür kam und den Jungen schreiben sah . Rasch ging er zur Kajüte zurück - Als dann der Matrose um etwas Siegellack bat , empfing er ihn sehr freundlich . » Holt nur ein Boot heran « , sagte er , » ich habe auch geschrieben und will die Flasche schon verschließen . « Der Mann ging , aber kaum war er fort , als van Swieten mit einer langen Schere Roberts Brief aus der Flasche zog und in seinem Taschentuch verbarg . » Besser so « , murmelte er , » Gott weiß , welche Namen der Bengel nennt . Könnte mir am Ende den preußischen Konsul auf den Hals hetzen ! - Nein , nein , besser so ! « Der Matrose hatte inzwischen sein Taschentuch an eine Stange gebunden und mit dieser einfachen Flagge dem nächsten entgegenkommenden Boot ein Zeichen gegeben . Das emporgehaltene Ruder gab ihm Antwort , worauf sehr bald das kleine Fahrzeug in einiger Entfernung von der Antje Marie über die Wellen tanzte und dann fast unter den Bug herankam . Die an einer Leine befestigte Flasche wurde ins Meer geworfen , von den Fischern aufgefangen und im Vorratskasten des Bootes untergebracht . Noch ein Gruß von beiden Seiten , dann war die kurze Begegnung vorüber . » Und diese Briefe werden wirklich auf die Post gegeben ? « fragte Robert . » Jedesmal ! « antwortete der Matrose . » Das Geld ist nicht immer in ganz sicheren Händen - häufig wandert der Brief unfrankiert zum Schalter , und die lieben Angehörigen müssen das Porto selbst bezahlen , aber vernichtet oder unterschlagen wird kein Schreiben . Auch der ärmste Fischer würde das nicht tun . « Robert sah mit leichtem Herzen dem Boot nach . Zum erstenmal seit langer Zeit empfand er wirkliche Freude . Jetzt würden seine Eltern erfahren , wo er war , sie konnten beruhigt sein und mußten doch auch verzeihen , wenn er sie jetzt um Vergebung bat . Aber er ahnte ja nicht , daß unterdessen der Kapitän in aller Gemütsruhe seinen Brief an einem Licht verbrannte . Robert handhabte mit wahrem Eifer den Scheuerbesen , der ihm den Weg zur Kapitänswürde bahnen sollte , und plauderte dann während der Freiwache mit dem alten Mohr . Jetzt näherte man sich auch schon dem Atlantik , der Wind wurde steifer , und der Kurs mußte etwas südlicher genommen werden . Robert hatte gegen Mittag mit zwei Leichtmatrosen das Bramsegel zu setzen und kam dabei ebenso schnell in die Wanten hinauf wie seine erfahreneren Genossen . Es waren ihm während der kurzen Zeit die Seebeine schon ganz nett gewachsen , und nur das Schlingern des Schiffes von einer Seite zur andern machte ihm noch Schwierigkeiten . Bei dem großen Schwingungsbogen , den da oben die Bramstenge in der Luft beschrieb , hieß es sich tapfer mit den Händen festhalten und sicher in den Pferden stehen , wie man die Haltetaue unter den Rahen nennt . Das Großbramsegel war am schnellsten gesetzt , und als die drei wieder an Deck kamen , erhielten sie sogar von dem mürrischen Obersteuermann ein Lob . Am Abend kam jedoch eine Geschichte vor , die Roberts gute Laune sehr ins Schwanken brachte . Man hatte jetzt das offene Meer erreicht , und es herrschte eine Kälte , die das Spritzwasser an Deck innerhalb weniger Augenblicke zu Eis gefrieren ließ . Der Kapitän und der Obersteuermann unterhielten sich in holländischer Sprache sehr lebhaft miteinander , dann rief van Swieten durch das offenstehende Fenster der Kajüte : » Robert , bring mir mein Nachtglas ! « Der Junge beeilte sich , einen steifen Grog zu mischen und ihn dem Kapitän zu bringen , in der besten Meinung , den an jedem Abend üblichen Nachttrunk heute einmal auf Deck reichen zu sollen ; aber o weh ! - Van Swieten bemerkte das unterdrückte Lachen der Mannschaft , und da er seine eigene Schwäche nur zu gut kannte , ärgerte ihn der Vorfall nicht wenig . Ein blauer Fleck an Roberts Oberarm gab später von diesem Vorfall Zeugnis , aber nebenbei hatte Robert auch die Genugtuung , das Grogglas schon leer zu sehen , als er einige Augenblicke später das in Wirklichkeit verlangte Nachtfernrohr dem Kapitän überbrachte . Von der Mannschaft glaubte ihm kein einziger , daß dieser Irrtum unabsichtlich geschehen sei , und zu seinem Erstaunen sah er , wie ihn der ärgerliche Zwischenfall in ihrer Achtung hob . » Das sind so Jungenstreiche « , hieß es , » wir haben ' s ja selbst nicht besser gemacht , und der Alte säuft wirklich wie ein Schwamm . « Die Kälte stieg laufend und Renefier war der Ansicht , daß Eisberge in der Nähe seien . Van Swieten meinte dasselbe , und so wurde früh am nächsten Morgen ein Matrose in den Mars des Fockmastes geschickt , um scharfen Ausguck zu halten . Als bei Tagesanbruch die ersten Sonnenstrahlen das Meer vergoldeten , ertönte vom Mars der Ruf : » Eisberge backbord voraus ! « Die ganze Mannschaft stürzte an Deck , der Kapitän und der Obersteuermann gingen auf das Kajütendeck , und auch Robert drängte sich vor , um das ungeahnte Schauspiel mit anzusehen . Im Nordwesten erschienen hoch oben in der Luft prächtig glühende , in Regenbogenfarben schimmernde Spitzen , seltsam geformt , hier wie ein ganzer Wald , dort wie ein einsamer Fels . Blau und purpurn , violett und weiß , verschwammen und spielten die Farben , während die Formen wie die Bilder einer Zauberlaterne wechselten . Je höher die Sonne am Himmel emporstieg , desto tiefer herab auf den Meeresspiegel fielen die glänzenden Lichter , desto blendender wuchsen die blitzenden Massen , bis endlich , als das große Tagesgestirn mit seiner leuchtenden Scheibe das ganze weite Meer erhellte , einige Hundert Eisberge in ihrer ganzen Pracht majestätisch langsam vor dem Winde herantrieben . Wohl alle diese erfahrenen und sogar meistens alten Seeleute hatten ein derartiges Schauspiel schon mehr als einmal gesehen , aber dennoch standen sie alle ganz in den Anblick versunken . Nur Robert konnte nicht schweigen . Er suchte verstohlen die Hand seines alten Freundes . » Wie schön ! « flüsterte er , » ach , wie schön ! « Der Alte nickte sehr ernst . » Aber wenn zwei von diesen Riesen das Schiff in ihre Mitte nehmen , dann kracht es einmal schauerlich schnell - und die Riesendiamanten segeln weiter - auf dem Meer aber schwimmen nur noch ein paar Trümmer . - - - « Die dunklen Augen des » Geistersehers « blickten wie im Traum . Sein weißes Haar flatterte im Wind . » Laß mich es allein sein , Vater im Himmel « , murmelte er , » mich allein , nicht das unschuldige Blut um meiner Sünde willen ! Laß es vorübergehn ! « - Gallego legte von hinten die Hand auf Roberts Schulter . » Der Alte hat seinen schwarzen Tag « , murmelte er , » kümmere dich nicht um ihn . Du , geh in die Kajüte und hole mir ein paar Tropfen Rum - jetzt merkt es keiner . « Robert beachtete den Spanier gar nicht . Er hatte nur Augen für Mohr . Was mochte es sein , das den alten Matrosen so mächtig bewegte , das seine Aufmerksamkeit von der wirklichen Welt fast ganz ablenkte ? - - Aber zu Betrachtungen war jetzt keine Zeit . Das Kommando des Obersteuermanns ertönte , und das Schiff wurde erst in den Wind geluvt , dann back gelegt . Nur auf diese Weise konnte man hoffen , mit heiler Haut an der gefahrdrohenden Nachbarschaft vorüberzukommen . Plötzlich hörte man von den kristallenen Riesen ein donnerähnliches Krachen und Prasseln ; man sah , wie einige der vielzackigen Häupter sich neigten , plötzlich umfielen und sich gegenseitig zertrümmerten , während die Wogen himmelhoch aufspritzten , wie aus tausend Springbrunnen zugleich . Dann wurde es wieder ruhiger , und nach wenigen Stunden war das eindrucksvolle Schauspiel gänzlich vorüber . Diese im Atlantischen Ozean so oft angetroffenen Eisberge sind gleichsam Kinder der großen Gletscher , die von Grönlands Hochgebirge bis ins Meer hineinragen . Sie können besonders bei Nacht oder Nebel den Schiffen außerordentlich gefährlich werden . Diese Gletscher schieben ihre Eismassen allmählich in das Wasser hinein , dessen Temperatur wärmer ist als die der Luft und das Eis so lange unterhöhlt , bis der obere Teil dem Gesetz der Schwere folgt , vom Gletscher abbricht und ins Meer stürzt . So treiben die Massen auf dem großen Ozean , der Windrichtung folgend , nach Süden , wo sie allmählich zerschmelzen . Der alte Matrose nahm die Mütze vom Kopf und sah über das Meer . Robert wagte es nicht , ihn zu stören , aber als die beiden später allein waren , da fragte er : » Onkel Mohr , was dachtest du vorhin , als wir die Eisberge sahen ? Du hattest so sonderbare Augen . « Der Alte schüttelte den Kopf . » Noch nicht « , antwortete er . » Das gehört mit zu meinem Nachlaß . Wenn wir hinter Ferrol sind , dann sollst du es erfahren . Diese Reise ist meine letzte . « Der Junge erschrak . » Du willst das Seemannsleben aufgeben , Onkel Mohr ? « fragte er . » Aber ob du es aushalten wirst an Land ? « Der Matrose lächelte . » Ich gehe nicht an Land , Kind , - das große Seemannsgrab nimmt mich auf . Ich sterbe . « » Du ? - Aber weshalb glaubst du das ? « » Still . Das erzähle ich dir zur rechten Zeit . Für heute wollen wir Fische fangen . « Der Junge fuhr auf . » Wo ? « rief er . » Wie ist das möglich ? « » Siehst du nicht , daß uns dauernd Fische aller Art begleiten ? « fragte der Alte . » Besonders die kleinen Delphine , die man auch Tümmler und Schweinfische nennt , trifft man hier überall . Sie schmecken vortrefflich , wie du bald erfahren wirst . « Gallego mußte nun ein kleines Stück Fleisch hergeben , das am Angelhaken befestigt wurde . An Stelle des Stockes wurde eine Leine genommen , die man von der Rolle ablaufen ließ und an Deck festhielt . Plötzlich zuckte es so stark , daß die Bewegung einen großen Fisch zu verraten schien . Zwei Matrosen sprangen hinzu , und mit vereinten Kräften zogen die drei Männer das zappelnde Tier bis unter den Bug . Hier wurde ihm eine Schlinge um den Kopf geworfen , hinter die Kiemen gehakt und nun der Fang an Bord geholt . An Deck wurde das fast zwei Meter lange Tier mit einem Schlag auf den Kopf getötet . Nachdem die Eingeweide entfernt waren , ließ der Koch das Blut ablaufen , wusch das Fleisch und zerlegte es in Stücke . Der Rücken , mit Salz und Pfeffer eingerieben , wanderte in die Kombüse , um sogleich wie Roastbeef gebraten und dann von Kapitän und Mannschaft mit großem Appetit verspeist zu werden . Auch weniger wohlschmeckende Gerichte würden auf hoher See schon willkommen gewesen sein , nur weil sie eine Abwechslung boten . Jeder Tag hatte seinen bestimmten Küchenzettel , von dem man nur notgedrungen abwich , wenn der Vorrat an Lebensmitteln aus irgendwelchen Gründen nicht mehr ausreichte und die Rationen verkürzt werden mußten . Es konnte also für den Matrosen in jedem Falle nur schlechter , nie aber besser werden . Wie oft saß Robert mit seiner Schüssel auf der Kiste und konnte die schlimme Kost kaum hinunterwürgen ! - Was dem Matrosen fast jeder Nationalität gesetzlich zustand , war ein Pfund Pökelrindfleisch dreimal wöchentlich , dann ein halbes Pfund Pökelschweinefleisch viermal , und dazu abwechselnd Erbsen , weiße Bohnen , Reis und Graupen oder Kartoffeln , solange sie vorhielten . Einmal während der sieben Tage gab es auch Klöße mit Pflaumen und hin und wieder » Labskaus « , ein Gericht aus kleingeschnittenen Fleischresten , die mit zerstampften Kartoffeln , Zwiebeln und Pfeffer tüchtig