nur Räson an , alter Freund ! Kann denn einem Menschen nicht einmal was Menschliches passieren ? Ich war in der Bosheit , Pastor . Hol der Henker diesen hochmütigen Narren mit seiner verrückten Wiege und seinen Schranken und Stufen ! Der pure Tusch ! Auf mich gings , Blümel , egal auf mich . Na , drei Kreuze hinter dem Patron ! Ich stehe , Pastor ! Ich stehe aus gutem Herzen , und bleibt Ihr trotzig , so stehe ich mit Gewalt . Aber , so wahr ich Johann Mehlborn heiße : ich stehe ! « Pastor Blümel war kein hartköpfiger Christ ; er pflegte dem reuigen Sünder die Hand entgegenzustrecken , und Neinsagen ist ihm keiner Zeit eine leichte Sache gewesen . Dennoch würde er in diesem außerordentlichen Falle schwerlich nachgegeben haben , hätte er sein eigenes Gewissen völlig rein gefühlt , - und wäre nicht seine Hanna von der Gartenpforte aus des Sturmes und Abpralls Zeugin gewesen und herbeigeeilt , die Mittlerschaft zu übernehmen . Mit dem Handgelübde , auch ohne französische Stunde , den Exhirten Frey gegen braven Lohn in seinem Schacht arbeiten zu lassen ; mit dem fernerweitigen Handgelübde , in Zukunft , wenn gewünscht , der Patenpflicht samt Pertinenzien bei jedem Werbener Frönerkinde gerecht zu werden , erkaufte der Rittergutsbesitzer Mehlborn die Ehre , kommenden Sonntag am Tauftisch der Werbener Kirche und für ewige Zeiten in deren Taufregister als Stellvertreter Seiner Majestät von Preußen zu paradieren . Die Versicherung : » Wen Johann Mehlborn über das Taufwasser gehalten hat , den wird er auch bei gemeinen Gelegenheiten über Wasser halten , « gab er in seiner Herzensfreude ungefordert noch drauf und drein . Ach , er ahnete nicht , der wohlgemute Ritter , daß er mit dieser Ehre die höchste Stufe zum Throne erklommen haben sollte und daß er seiner Magnatenlaune zum letzten Male volles Genügen getan ; aus welchem Grunde denn auch diesem Tage ein ausführliches Kapitel in der Geschichte seines Stiefpaten bewilligt werden mußte . Denn mit dem Besuche des geistlichen Hartenstein war in seine stolze Brust ein Keimkorn mißtrauischer Abneigung gegen eine Familie , um deren Gunst er bis dahin so eifrig geworben hatte , eingesenkt worden . Und das Korn sproßte und bestockte sich . Als seine Brigitte das nächste Mal ein Schuldenregister ihres flottlebigen Gatten , ohne gleichzeitigen Kontrakt für den Verkauf des Gutes , einreichte , schlug er die Tilgung rundweg ab . In Konstantin Blümels Seele dahingegen hatten nach einer schlummerlosen Nacht die stolzen Wellen sich gelegt , und Joachim von Hartenstein nahm als Mensch , als Patriot und Priester fast uneingeschränkt den bisherigen Raum in seinem Herzen wieder ein . In seinem Tageskalender , welcher diesen Aufzeichnungen vielfach zur Vorlage dient , steht unter jenem Datum geschrieben : » Alles Unheil ist werdendes Heil . Ein absoluter Trieb nach Erhaltung wirkt daher unheilvoll , weil er sich feindlich gegen das Werdende verhält . Mit Recht ist in verwandtem Sinne behauptet worden , daß sogar ein absoluter Trieb nach Vollkommenheit eine Krankheit sei . Hätten vollkommene Menschengeschlechter eines Heilands bedurft ? Und bedürfte seiner ein vollkommener Mensch - wenn es einen gäbe ? Bei alledem : welch ein Zauber liegt doch in der Macht eines Glaubens , auch wenn wir ihn nicht verstehen und selbst wenn er zum Fanatismus wird , den wir auf jedem anderen Gebiet als dem göttlichen hassen . « Bei dem Verrücken der Wiege und der Liebesprobe an einem Stiefkinde der Natur blieb es selbstverständlich , und bei dem gemeinsamen Tauffest blieb es auch . Nur das Programm für dieses erlitt eine kleine Abänderung insofern , daß auch die Täuflingin einen Vizepaten erhielt und der Täufling ihrer sogar zwei . Es hatte sich nämlich der werte Amtsbruder Kurze in Bielitz am Tage zuvor den Knöchel verstaucht und schickte als Stellvertreter seinen Sohn . Der Feierlichkeit tat dieser Wechsel indessen keinen Eintrag , und der darauffolgenden Fröhlichkeit kam er nur zugute , da der ehrwürdige alte Herr Amtsbruder als Gevatter für Gevatterin Luischen lange nicht so gepaßt haben würde wie der junge , muntere Herr Kandidat . Das wunderbare Wasser wirkte in den jugendlichen Herzen einen bis dahin schlummernden sympathischen Zug , und das obligate Gevatterküßchen zauberte auf die jugendlichen Wangen einen Rosenflor , welcher das Herz der Taufmutter verheißungsfroh klopfen ließ . Frau Hanna Blümels Taufkuchen war noch niemals so hoch aufgegangen wie bei diesem Doppelfeste , und die Erdbeerbowle , welche sie aus den Gewächsen ihres Gartens und Weinbergs gebraut , war noch keinem ihrer Herrn Gevattern so angenehm prickelnd wie heute Amtmann Mehlborn zu Kopfe gestiegen . Als majestätischer » Prokurist « trug er , selbstredend , den goldknopfigen Frack , dem ein städtischer Meister unter den Armen ein Stück bequemlich eingesetzt hatte . Ebenso selbstredend würde für einen bloßen Prokuristen das Eingebinde eitel Verschwendung gewesen sein . Aber die Gesundheit der Täuflinge stand ihm zu und wurde glorreich von ihm ausgebracht , nach dem das erste Glas vom Taufvater auf das Wohl des Allerhöchsten Gevattersmannes geleert worden war . Als spät am Abend der Vizegevatter der Taufmutter zum Abschied die Hand drückte , rief er in seinem kräftigsten Baß : » Ich will nicht Johann Mehlborn heißen , wenn dieser Königspate es nicht einmal bis zum Verwalter auf einem von Johann Mehlborns Rittergütern bringt ! « So großartig war die Perspektive des zehnten Hutmannssohnes schon an dem Tage , da er einen Namen erhalten hatte ! Dieser Name war ein gebotenes Paten- und zwiefältiges Muttererbe . Da der Freysche Nachwuchs jedoch bereits durch einen Friede und durch einen Hannes vertreten war , mußte dem » Friedrich Hans « ein Rufname beigefügt werden , und entschied sich Pastor Blümel für den einigermaßen sonderbar , aber kennzeichnend lautenden Dezimus , der auch in der Gemeinde , da er an das schmählich ausgetauschte Dezemhuhn erinnerte , lange nicht so » preußisch « gefunden wurde wie der der Septima , welche , geschwisterlicher Analogie halber , der Rose Konstantia angehängt ward . Kantor Beyfuß äußerte sogar bedenklich : » Wenns nur nicht eine böse Sieben bedeutet ! « Und so schlummerten und strampelten denn Rose und Dezimus als junge Christen nebeneinander unter dem Wiegenhimmel , und weil sie mit ihrem Kosenamen Ma und Mus hießen , waren die ersten Laute , die sie lallen lernten , Mus und Ma . Knabenstern Noch bevor das Korn geschnitten worden , war der kleine Mus auch von Vaterseite eine Waise ; und hatte der Hutmann Frey des Gerechten sanftes Schlummerkissen auch leider verwirkt , so ist es - Gott sei heute noch Dank dafür ! - doch kein Sünderende , das er etwa im Taumel oder in der Verzweiflung genommen hat . Er starb im Gegenteil einen Opfertod , wennschon unbewußt und ohne daß einer von denen , welchen er schweres Unheil abgewendet , es ihm gedankt hätte . Ein wildes Gebaren ging dem Sterben voran ; keiner in der Gemeinde hatte Ähnliches erlebt , daher denn auch in ihr der alte heidnische Erbfeind , Kobold geheißen , seit der Kriegsdrangsal nicht dermaßen seinen Spuk getrieben . Selber der aufgeklärte Kantor Beyfuß konnte nicht leugnen , daß er , spät am Abend von einem Besuch in der Weidenmühle heimkehrend , einen bärengroßen schwarzen Kater mit Gluhaugen , gleich illuminierten Fensterscheiben , das Hirtenhaus habe umschleichen sehen . Der noch aufgeklärtere Amtmann Mehlborn lachte freilich seinen Freund Beyfuß aus und nannte des Klausen Zustand schlechtweg Säuferrappel ; der Kreisphysikus , den Pastor Blümel zu Hilfe rufen ließ , nannte ihn dahingegen Wasserscheu . Der verdächtige Wirtshund , welchen er in der Geburtsstunde seines Sohnes erdrosselt , hatte den Klaus in die Hand gebissen . Wer achtete darauf ? Der Klaus am wenigsten . Es war ein Tollhundsbiß . Da seit dem Siebenschläfer keine Leiche im Dorfe bestattet worden war , fand Klaus Frey sein Reihengrab an der Seite seiner Frau . Pastor Blümel sprach den Segen darüber , und im Frühling sproßte der Rasen auf dem Hügel des lästerlichen Mannes so grün wie auf dem des tugendlichen Weibes ; aber nur auf letzterem lag Jahr für Jahr ein Johanniskranz . Die Waisen , welche seit der Mutter Tode ein Vagabondenleben geführt hatten , wurden nunmehr in die Welt verstreut . Zweien von ihnen erwirkte der Pfarrer ein Unterkommen in provinziellen Versorgungsanstalten ; dem dritten , durch seines Patrons Vermittlung , sogar eine Stelle im königlichen Militärwaisenhause . Die älteren Brüder wurden auf Bauernhöfen zu Knechten herangezogen ; keiner jedoch in der heimischen Gemeinde , wo seit des Vaters nach wie vor nicht geheuerem Ende der Widerwille gegen die Hirtenbrut ein unüberwindlicher geworden war und die Ehre , welche dem jüngsten Sproß als Pastorziehkind angetan ward , das böse Blut obendrein ätzte . Die gute Amtmannsfrau hätte wohl gern das Beispiel in der Pfarre nachgeahmt und den kleinen blondlockigen Hannes als Sohn in ihr Haus genommen . Aber welchen Kampf mit ihrem Amtmann würde das gekostet haben ! Und die gute Amtmannsfrau fühlte sich von Tage zu Tage weniger eine Kämpferin . Ihre Kräfte gingen auf die Neige ; bald , so getröstete sie sich , würde sie mit ihrem rechten Hannes im rechten Vaterhause vereinigt sein . Sie begnügte sich daher , in die Hand ihrer Pfarrfreundin eine kleine Summe niederzulegen , die für das Kostgeld zweier der Waisen , solange sie zum Dienen noch nicht herangewachsen waren , eben zureichte . Darüber hinaus klapperte sie aber auch oftmals - den Ohren beider Freundinnen recht tröstlich und wohlgefällig - mit dem Inhalt einer Sparbüchse , die sie die Gevatterbüchse nannte und in die sie wohl jeden Tag ein Münzstück für ihre Zwillingspaten steckte . So stand das Hirtenhaus denn leer ; der Rest seines Gerätes , Bett und Lumpen , waren der Tollwut halber verbrannt worden ; das Schindeldach blieb unausgebessert , denn lange Zeit fand sich - gottlob ! - in der Gemeinde keine Familie , die arm genug gewesen wäre , zwischen den kahlen Lehmwänden ein Obdach zu suchen . Die nächsten Jahre brachten böse Seuchen über das Land ; bei uns die alten Blattern , weiterwärts die neue Cholera . Die Hälfte des jungen Freyschen Enaksgeschlechtes war dahingerafft , bevor der jüngste des selben ahnete , was Brudersein heißt . Man hat ihm späterhin seine Abstammung nicht verheimlicht ; er kannte aber keine Familie außer der , welche ihn aus dem kalten Mutterleibe warm an ihr Herz und fest an ihre Hand genommen hatte ; und fürwahr , er würde denen seines Blutes nicht mit gleicher Innigkeit angehangen haben , denn das zärtliche Neigen des Kindes stützte die tiefe Dankbarkeit der Waise . In der töchterreichen Pfarre aber wurde das fremde , männliche kleine Anwesen von keinem als Überlast oder unnützer Brotesser angeschaut , sondern wie der Zugehörigste gehätschelt und gehegt . Alle Welt hatte ihre Freude , wenn sie den Mus und die Ma nebeneinander auf der Mutter Schoße sitzen oder späterhin sie Hand in Hand laufen und spielen sah . Sie waren unzertrennlich wie Zwillingskinder , dabei aber so verschieden geartet , wie leibliche Geschwister es selten sind . Ma : zart , zierlich , behende , ein schwarzlockiges Strudelköpfchen , zu Lust und Verdruß nervös erregt . Mus schon dazumal , wie er lebenslang geblieben ist : groß , stämmig , weiß und rot , niemals krank und niemals ungebärdig . Blinkende Sternchen nannten die Schwestern die Augen der kleinen Ma ; die des Bruders Mus hätten sie Vollmondsaugen nennen müssen , so groß und rund waren sie , so hell und still . Aber nicht wie der liebe Mond , oder hinter ihrem dichten Wimperschleier die Sternchen der Ma , blickten sie stetig hinunter zu den Käferchen und Blümchen im Grunde , sondern unverwendet und ungeblendet aufwärts zu den Himmelslichtern , wenn sie durch die Scheiben oder durch die Laubenblätter drangen . » Das Mädchen sieht , wie sie kriechen , der Junge , wie sie fliegen , « sagte Kantor Beyfuß ; mit welchem Sprichwort er freilich dem einstigen Verwalter ein bedenkliches Prognostikon stellte . Die Mutter aber verteidigte ihren Mus ; erklärte , daß er die Augen nicht von dem Schwesterchen verwende , sooft sie ihn allein mit ihr in der Kinderstube oder auf dem Rasenplatze lasse ; daß er den Quirlequitsch hüte wie einen anvertrauten Schatz und ihr den Ärger mit einer Kindsmagd erspare . Überhaupt wußte die Mutter sich etwas mit ihrem Mus ; und zwar nicht etwa , wie es mancher anderen Mutter beigekommen sein würde , um der Wohltat willen , die sie ihm erwies , sondern , was schwerlich einer anderen beigekommen sein würde , um eines geheimnisvollen Segens willen , der mit dem Mus unter ihrem Dache eingezogen sei . Frau Hanna Blümel war gegen gute wie böse zauberische Einbildungen in der Gemeinde ihrem Konstantin bisher eine rüstige Hilfsstreiterin gewesen ; nun mußte sie sich um ihres Johannisglaubens willen manchmal von ihm strafen lassen . So glatt und gleich , so ohne jegliche Krankheitsnot und Fährlichkeit war es noch nie in ihrer Kinderstube abgelaufen . Auch in der Wirtschaft glückte alles ; alles gedieh ; die Familie breitete sich aus über Hoffen und Erflehen . Seitdem am doppelten Tauffeste aus dem Gevatterküßchen ein Verlobungskuß geworden war , hörten die Bräute in der Pfarre von Werben nicht auf . Sooft nach dem Hochzeitsschmaus der Brautkranz ausgetanzt wurde , spielte das blinde Glück der nächstfolgenden Schwester das ahnungsvolle Symbol auf das Haupt , und kaum ein Jahr verging , daß aus der Krone nicht eine Haube geworden wäre . Es zählte kein Nabob und kein Pair zu der Freierschar ; aber wer in der Pfarre von Werben hatte sich auch Rechnung auf einen Nabob oder Pair gemacht ? Das junge Paar baute seinen Herd , und das Elternpaar sah ihn bauen auf seinem eignen bescheidenen Grund ; das junge Paar zog aus , und das Elternpaar sah es ziehen oftmals in weite Ferne ; wenn aber die Wehmutstränen gegen die Freudentränen hätten abgezählt werden sollen , würden die letzteren überwogen haben . An dem Tage , wo Balsamine - das Minchen des Hauses - mit einem amerikanischen Schulmanne , vielleicht auf Nimmerwiederkehr , zu Schiffe ging , da sagte Pastor Blümel zu der bewegten Mutter , indem er dem Liebling zu seinen Füßen die dunklen Löckchen streichelte : » Erkennst du jetzt , Hanna , die väterliche Liebe , die uns statt des ersehnten Benjamin dieses Röschen gab ? Denn ein Haus ohne Töchter kommt mir vor wie ein Garten ohne seinen holdesten Schmuck , die Blumen . « » Und einen Baum , der unserem Alter Frucht und Schatten geben soll , hat eine gütige Hand ja auch zwischen die Blumenkinder eingepflanzt , « versetzte Frau Hanna und sah ihren Dezem mit echten Mutteraugen an . Aber das ist weit vorgegriffen . Als bei der jüngsten Pfarrhochzeit , in Ermangelung anderweitiger Bewerber , Schwester Rosen der Brautkranz und Bruder Dezimus der Bräutigamsstrauß gereicht wurden , da feierten Rose und Dezimus ihren dreizehnten Johannistag . Zurzeit jedoch stehen sie erst im Beginn ihres zweiten Stufenjahres , das heißt , sie sind vom Mus und der Ma zum Dezem und Röschen vorgeschritten und traben selbander in Kantor Beyfußens Schulstube . Und da muß denn leider bekannt werden , daß im flüssigen Lesen und zierlichen Schreiben der große Dezem von dem kleinen Röschen auf eine für den Helden einer Geschichte bedenkliche Weise überholt worden ist ; ja , wäre zwischen menschlichen Hirnschalen nicht eine unsichtbare Zahlenwelt aufgetaucht - nach dem Sprachlaut vielleicht das erste Mysterium , welches den urwilden Jäger von dem urwilden Jagdtier unterschied - , da müßte dem Biographen für seines Helden Schülerehre bange werden . Die Arithmetik rettet sie . Schwester Röschen hat es im Leben nicht über das dritte der Spezies hinausgebracht ; aber mit Addieren und Multiplizieren hat das klügste Frauenköpfchen ja auch für seine Lebenszeit mehr als genug getan , während , wenn möglich , noch ein Dutzend weitere Spezies erfunden werden müßte , um diesem oder jenem männlichen Schädel sein Gnügen zu tun . Und hinreichend dick für derlei Speziesappetit war Held Dezems Schädel schon in seinem ersten Stufenjahr . Kantor Beyfuß , der sich als einen zweiten Adam Riese schätzte , erklärte den Pfarrdezem für ein Quatermillionengenie , wie es ihm in seiner Praxis noch nicht vorgekommen sei . Die heidenmäßige Fertigkeit müsse dem Täufling mit dem heidenmäßigen Namen eingebunden worden sein , äußerte er vertraulich gegen Frau Julchen , seine Hausehre . In einem städtischen Kaufmannsgeschäfte , da könne der Junge es einmal zu etwas bringen ; was aber ein Verwalter auf Amtmann Mehlborns Wirtschaftshofe mit solcher Quatermillionenkunst anfangen solle , das war dem Kantor Beyfuß ein Rätsel . Und dem Pastor Blümel war es um so mehr ein Rätsel , als er sich niemals für einen Nebenbuhler Adam Riesens gehalten und es niemals beklagt hat , daß von allen idealen Gebieten das sogenannte unumstößliche ihm das verhüllteste gewesen , ja nahezu ein grauenerregendes geworden ist , als er in der Schülerzeit einen Zipfel seines Schleiers zu lüften gezwungen ward . Wie sollte er , des Knaben vor Gott und Menschen verantwortlicher Führer , die ihm selbst so fremdartige Gabe entwickeln , wie sie in seiner bescheidenen Lebenssphäre dereinst verwerten ? Dieser erst durch die Schule geweckte Sinn wurde indessen noch bedenklicher , wenn der Vater ihn mit einem zweiten in Verbindung brachte , der sich schon früher , ohne durch Lehrwort oder Beispiel erregt worden zu sein , in dem Knaben offenbart hatte , bis dahin aber von den Eltern als eine Kinderlaune belächelt worden war : der nämlich für das Licht und die Lichter des Himmels . » Es ist der dem Menschen eingeborene Trieb des Suchens , « sagte der Vater , » des Suchens ohne bestimmten Zweck . Das Kind sucht mühsam Steinchen und Blümchen und wirft sie , hat es sie gefunden , wieder fort . Ich alter Knabe sogar , bücke ich , wenn ich mich im Walde ergehe , nicht hundertmal meinen steifen Rücken , um mich mit Pilzen zu beladen , deren Wohlgeschmack mir unerfindlich ist , die du , Hannchen , der Giftgefahr halber , nicht auf den Tisch zu bringen wagst und die ich wieder fortwerfe , wie die Kinder ihre Steine und Blumen , wenn mir nicht eine alte Kräuterfrau begegnet , der ich mit meinem Funde einen Gefallen erweise . « » Aber was sucht denn unser Dezem zwischen Wolken und Sternen , Konstantin ? « fragte nach dieser Erklärung Mutter Hanna . Ja , was suchte der Dezem , wenn er im Sommer stundenlang auf dem Hünengrabe hinter dem Pfarrgarten saß und - unverwendet wie ungeblendet - der Sonne nachstarrte , ohne etwas anderes zu sagen als : » Nun steht sie über dem Turm , « oder : » Nun ist sie am Zornberg , - über den Fluß weg , - in der Stadt « ? Was suchte er , wenn er an langen Winterabenden oder in stiller Morgenfrühe den aufgehenden Mond erwartete , sich verwunderte über seine wechselnde Gestalt und , ohne den Namen eines einzigen zu wissen , sämtliche größere Sternbilder kannte , die er am Horizonte auf und nieder steigen sah ? Ehe er noch einen Blick in einen gedruckten Kalender getan , hatte er sich auf eigene Hand einen Familienkalender gebildet , hatte herausgebracht , um welche Stunde zu Vaters Geburtstag , im Dezember , die Sonne aus ihrem Nebelbette stieg , und um welche sie sich zu Mutters Geburtstag , im August , in ihr Flußbett niederlegte . Wie vor Jahrtausenden vielleicht auch schon ein Hirtensohn , sah er in den Sternen des Himmelswagens eine Freundesgruppe und taufte sie , der Größe nach , auf die Namen seiner sieben Schwestern ; seinen Liebling aber , Winters den letzten im Morgendämmer , also den ersten , welchen er beim Erwachen gewahr ward , den nannte er noch ganz apart seinen Röschenstern . Dem ruhigen , kräftigen Knaben durfte frühzeitig mancher Botenweg in Stadt und Umgegend anvertraut werden . Als er eines Tages mit seinem gefüllten Henkelkorbe von einem solchen außer Atem zurückkehrte , schalt ihn die Mutter ob seiner Hast . Er aber sprach , und seine runden , stillen Augen sprühten dabei von heller Lust : » Ich bin mit der Sonne um die Wette gelaufen , Mutter , und früher angekommen als sie . « » Die Sonne läuft nicht , Mus , « versetzte die Mutter lächelnd , » unsere Erde ist es , die mit den lieben Sternchen ringelrund um sie tanzt wie ihr Kinder um eure alte Mama . « Das war das erste Problem in Dezimus Freys kindlichem Hirn , und es erregte in ihm einen Aufruhr wie kaum ein zweites in späteren Tagen . Die Sonne , die er laufen sah , sollte stillestehen , und die Erde , die er feststehend unter seinen Füßen fühlte , sollte sich drehen , hatte die kluge Mutter gesagt , war also wahr . Die kluge Mutter bereute ihre Übereilung ; sie wußte , daß ihr Konstantin derleivorzeitige Aufklärung nicht billigte , und sie war eine gehorsame Ehefrau , wenn sie auch dann und wann auf schlängelnden Wegen das Ziel zu erreichen suchte , das sie ihn auf geradem Wege verfehlen sah . Wer aber A sagt , muß B sagen , und so half sie sich am Abend aus der Verlegenheit mit einem Kunststückchen , dessen sie sich aus ihrer Gouvernantenzeit erinnerte . Sie steckte eine Stricknadel durch ihr Wollknäuel und drehte es als Mutter Erde im Kreise um sich selbst und gleichzeitig auf halbschiefer Bahn um die leuchtende Astrallampe , die als Großmutter Sonne präsentiert worden war , während Schwester Riekchen mit einem Zwirnsknäuel , Enkelchen Mond genannt , eine ähnliche Bahn um die Erdenmutter beschreiben mußte . Die lustige Ma lachte hellauf , nicht über das Experiment , nach welchem sie gar nicht geguckt hatte , sondern über ihren dummen Mus , der mit gläsernen Augen und offnem Munde , starr wie ein Götzenbild , den Wunderbeweis anstarrte . Der Mutter aber war es , als ob sie das Herz des Versteinerten hämmern hörte . Er saß die ganze Nacht aufrecht in seinem Bett , die Blicke an den Vollmondshimmel geheftet , am anderen Tage aß und trank er kaum , schlich gleich einem Nachtwandler achtlos auf seine Umgebungen umher ; nach Sonnenuntergang aber kam er jubelnd vom Hünengrabe gesprungen , fiel der Mutter um den Hals und rief : » Jetzt hab ichs weg ! « Ähnliche Probleme folgten sich : nach einem starken Gewitter ein Doppelregenbogen , ein Sternschnuppenfall und noch mehrere ; alle aber waren weniger packend oder leichter zu lösen als jenes erste und ihre mähliche Enträtselung im Herzen dieses glücklichen Kindes vielleicht das am stärksten empfundene Glück ; ein Glück , wie es so rein und freudig ja immer nur in der Kindheit , die nicht nach dem Zusammenhange forscht , empfunden werden kann . Die Mutter half ihm in seinem kindlichen Ringen nicht weiter . Im Herzensinnersten aber weidete sie sich an ihres Knaben sonderbarer Doppelgabe , deren eine sie sein Dezemsteil , die andere seinen Johannissegen nannte . Sie baute Luftschlösser auf ihren Grund , wie jede rechte Mutter sie für ihren Liebling baut , mag der besonnene Vater sie auch unerbittlich wieder niederreißen . Und Vater Blümel riß die ihren unerbittlich nieder . Konstantin Blümel gehörte nicht zu den eifrigen Glaubenshelden , welche dem urewigen Menschendrange aus dem Dunkel zum Licht das zürnende » Eritis sicut deus « entgegenhalten . Gewißlich nicht . In der Tiefe seines Gemütes hatte er den Punkt gefunden , auf welchem Glauben und Wissen , Denken und Dichten sich decken , und ehrte er darum jegliche Forschung , welche den Menschen dem Menschen näher bringt , dem vergangenen , dem gegenwärtigen , dem zukünftigen , ob sie nun Kenntnis wirke , Nutzen , Sitte oder auch nur Freude . In der Himmelskunde aber sah er einen Größendrang , welcher den Menschen von dem Menschen abzieht und den er dem Erklimmen unwirtlicher Gletschergipfel verglich . Es war Konstantin Blümel nicht gegeben , den Begleitstern eines Fixsterns zu entdecken oder seine Bahnelemente auch nur hypothetisch festzustellen . Wäre es ihm aber gegeben gewesen , würde er höchstwahrscheinlich die Mühe der Entdeckung und selber der Hypothese sich erspart und während der Zeit seine alten Heiden und neuen Christen auf den Gehalt der Bergpredigt hin geprüft oder seine Rosenstöcke okuliert haben . Wie aber der Größenwahn in der Himmelsforschung ihm widerstand , so wies er als einen Liebeswahn auch im eigenen Herzen die Versuchung zurück , sich auf einer jener fernen Welten eines leibhaftigen Wiedersehens seiner Vorangegangenen zu getrösten . Denn unsere Heimkehr ist in Gott und Gott ein Geist , der wohl seinen Willen , aber nicht sein Wesen zu offenbaren uns Menschen fähig und würdig erachtet hat . In Schauern der Unendlichkeit sich entzücken beim Aufblick zum nächtlichen Sternenhimmel ; lieben , auch als Symbol , die wärmende Leuchte , die aus dem Erdenstaube neues Leben weckt , das und nicht mehr hieß ihm menschliches Teilhaben an jenen unerreichbaren Weltenräumen , und mit vorlauter Neugier , mit plumpem Werkzeug sich in ihre Bahnen drängen , hieß ihm den Adel ihrer Poesie , den Zauber ihrer Heimlichkeit entweihen . Darum waren es auch nur vorübergehende Bedenken , welche ihm bei seines Pfleglings eigenmächtigem Kalendarium oder seinem Vorsprung in den vier Spezies auf Kantor Beyfußens Schulbank aufstießen , und ferne lag es ihm , aus ihnen den Schluß auf eine Dissonanz für seine Zukunft zu ziehen . Nicht zu einem Arbeiter im Geist , zu einem verständnisvollen , gesitteten Arbeiter in Feld und Flur ihn heranzubilden , hatte er den Knaben an seine Hand genommen , und der ruhig starke Pulsschlag , den er in dem jungen Herzen spürte , galt ihm als Bürge , daß es sich von seinem natürlichen Grunde nicht verirren werde . Weise aber war es , mütterlichen Hirngespinsten , die sich gar leicht dem Kindergemüte einnisten , von vornherein zu steuern ; weise , auch nach außenhin , den Knaben seinem Ursprung und seiner Bestimmung gemäß heranzuziehen ; und wenn der Hirtensohn seinem geistlichen Vater eine Wohltat mehr als die andere gedankt hat , so ist es die Pflege des schlichten Sinnes , der sein mütterliches Erbteil war und der dem Durchbruch seines Wesens aus dem Dunkel zum Licht Raum und Freiheit wahrte . Mutter Hanna verstand und liebte es , ihre Töchter - und das hübsche Nesthäkchen zumal - zierlich zu kleiden . Sie hätte fürs Leben gern auch mit ihrem Sohne ein bißchen Staat gemacht . Wie schicklich ließen sich aus Konstantins abgelegtem Zeug Pumphöschen und Wämschen für den Mus zurechtstutzen ! Aber der Mus trug noch als Dezem , und sogar Sonntags , einen blauen Leinenkittel , reinlicher , aber nicht zierlicher wie der ärmste Frönersohn ; er schlief , schon da er noch Mus hieß , allein in einer kalten Bodenkammer , und wenn Schwester Ma , die ein Leckermäulchen war , ihre Semmel nicht dick genug mit Butter gestrichen und womöglich noch Honig darauf haben wollte , so tunkte Bruder Mus ein Stück Schwarzbrot in seine Morgen- und Abendmilch , ohne nach Butter und Honig zu lechzen . Bis zu Tränen hat es ihn aber oftmals gerührt , wenn er seine Pastormutter , um nichts vor ihrem lieben Jungen vorauszuhaben , auch nur ein Stück Schwarzbrot tunken sah . Er wußte , er war ein armes Waisenkind , und wenn er groß war , diente er als Knecht auf einem Bauernhofe . Seine stolzen Patenaussichten waren gleich luftigen Schemen verflogen . Denn während unter einem liebreichen Walten im Pfarrhause alles Gute zum Besseren sich entwickelt hatte , war im befreundeten Amtshause die Skala des Friedens und der Freude tief unter Null gesunken , seitdem Mutter Rosine zu ihrem winkenden Hannes in den Himmel gegangen . Pate Mus spürte den schlimmen Wandel zum ersten Male , als er an der Hand seiner Pastormutter der Leiche folgte und sein Herr Vizegevatter , der ihm bisher allezeit lachend einen Klaps auf die Backe gegeben und » Mosjö Verwalter « genannt hatte , heute , als Hauptleidtragender , ihn mit einem grimmigen Blick beiseitestieß und » Zudringlicher Bengel ! « zwischen den Zähnen murmelte . Die schlimme Wandlung hatte indessen eine Vorgeschichte , die fast so alt wie Pate Mus selber war . Seit bei dem Besuche des geistlichen Hartenstein ein erster undeutlicher Schatten in Johann Mehlborns stolzes Gemüt gefallen war , sah er die Ehe seiner Tochter in einem getrübten Lichte , das bei den geringfügigsten Anlässen nachdunkelte . Der spekulative Bauer hatte die exzellenzliche Spekulation auf ein von Schulden befreites Erbgut klar genug durchschaut und sie nicht minder berechtigt erachtet wie seine eigene väterliche Spekulation auf ein freiherrliches Wappenschild . Aber , wohlgemerkt ! fest in der Hand , gleich einer Goldbarre , mußte das Besitztum gehalten werden , nicht flüssig wie Quecksilber zwischen den Fingern zerrinnen . Darum hatte er wohl eine Zeitlang die Wechsel des Generals , der Universalerbe seiner Gemahlin war , honoriert , sein Darlehn auf das Gut eintragen lassen und die Zinsen vom Pachtschilling abgezogen . Als sein Guthaben jedoch so hoch angeschwollen war , daß die Zinsen den Pachtschilling überstiegen , protestierte er die Wechsel und öffnete seine väterliche Hand nur noch zu der im Heiratskontrakt bedingten äußerst mäßigen Rente ; ein , wie er meinte , unfehlbares Mittel , das Gut , das er buchstäblich in der Tasche hatte , auch dem Namen nach an sich zu bringen . Daß das Werbensche Erbe , welches die Hartenstein verschleudert hatten , aus Mehlbornscher Hand auf beider Enkel übergehe , das war nun einmal eine von den fixen Ideen , deren vielleicht nur ein so harter Bauernschädel wie Johann Mehlborns fähig ist . Wohlgemerkt aber auch zum zweiten : der Blutsfreundschaft seiner Tochter mußte die Ehre angetan werden , welche den faktischen Besitzern zweier Rittergüter und eines Geldkastens ,