Bändern . Ein fahler Anblick , dachte der Kommis . » Frau « , sagte Heißenstein zu seiner Gattin , die zärtlich nach seinem Befinden fragte , indem er nach Mansuet hinsah : » Er will gehen , Bozena und Röschen abzuholen . - Du hast doch nichts dagegen ? « Nannette biß sich auf die Lippen und antwortete mit der Versicherung , sie wolle sogleich das Frühstück besorgen und freue sich , daß ihr Mann gut geschlafen habe , man sehe es an seinen frischen Augen . Mansuet meinte im stillen , dies sei eine kühne Behauptung , denn jene Augen waren eingesunken und ihre müden Lider halb geschlossen . » Ich nehme gleich hier von Ihnen Abschied , meine Gnädigste « , sprach Weberlein , » noch vor Mittag will ich fort . « » Wozu die Eile ? « erwiderte Nannette . » Wozu überhaupt ... « sie stockte - » Bozena findet ohne Sie ihren Weg . « » Ich empfehle mich , meine Gnädigste ! « sagte Mansuet mit vor Zorn bebender Stimme , und wie aus dem Rohr geschossen flog er zur Tür hinaus . Aber nachdem er seinen Koffer bereits aufgegeben und seinen Platz im Poststellwagen bezahlt hatte , trat er , den breitkrempigen Hut à la Wallenstein und einen außerordentlich großen Regenschirm in den Händen , ohne sich anmelden zu lassen , in Nannettens Gemach . » Gnädigste ! « sagte er , und jedes seiner Worte war scharf wie ein Rasiermesser , » ich hoffe in Bälde die Enkelin des Herrn einführen zu können in ihr väterliches Haus . Dann wird dieselbe in die Rechte ihrer Mutter eingesetzt werden . Durch Sie selbst , Gnädigste . Aus Ehrgefühl , um der Achtung Ihrer Mitbürger willen , um des Seelenfriedens Ihres Mannes willen werden Sie es tun . « Nannettens Nase , immer das erste und meistens das einzige , das in ihrem Gesichte errötete , brannte wie eine glühende Kohle . » Ich werde tun , was meinem Gatten recht ist « , sprach sie , » nicht mehr , nicht weniger . « » Alles , was Sie tun , ist recht « , rief Mansuet » nämlich ihm « , verbesserte - oder vielmehr verschlechterte - er sich und seine Sache . » Was ich darf , wird geschehen . « » Was Sie wollen , wird geschehen ! « » Wollen - dürfen - für mich , Herr Weberlein , eines und dasselbe . « Nannettens Busen hob sich , sie atmete schnell . » Ich bitte , mißverstehen Sie mich nicht . Mir liegt « , sprach sie nachdrücklich , » an der Achtung der Menschen und an dem Seelenfrieden meines Gatten . Aber - die wohlgeratene und die ungeratene Tochter , es ist ein Unterschied . Ich sehe nicht ein , warum das Kind dafür belohnt werden soll , daß seine Mutter - davongelaufen ist . « » O Frau Prizipalin ! « rief Mansuet zugleich beschwörend und drohend , » tun Sie Ihre Schuldigkeit ! « » Vor allem will ich meine Schuldigkeit tun gegen meine Tochter « , erklärte Nannette . » Elternpflicht ist die erste Pflicht . « Mansuet trat einige Schritte zurück . » O Frau Prinzipalin ! « wiederholte er und fuhr nach kurzer Pause mit einem wahrhaft teuflischen Lächeln fort : » Wenn ich bedenke , wie viele große Verbrechen und wie viele kleine Schändlichkeiten schon im Namen der Elternpflicht begangen wurden und täglich begangen werden , dann danke ich meinem Gott , daß die Nötigung zu solcher Pflichterfüllung niemals an mich herangetreten ist und daß ich sterben darf ohne Progenitur ! « 10 Vier Wochen nach Weberleins Abreise erschien ein Brief von ihm aus Arad . Er meldete darin , daß es ihm noch nicht gelungen sei , eine Spur von denen , die er suchte , aufzufinden . Er bat , einen Aufruf an Bozena , der sie dringend zur Rückkehr nach Weinberg auffordere , in allen österreichischen Blättern zu veröffentlichen . » Das wäre doch ein Skandal ! « bemerkte Regel . Nannette ehrte die feinen Empfindungen ihrer Tochter , und sooft Heißenstein sagte : » Den Aufruf , gute Frau , hast du dafür gesorgt , daß der Aufruf in die Zeitungen komme - durch Wenzel , nicht wahr ? Du brauchst es ihm nur aufzutragen ... hast du es getan , Liebe ? « - so oft wandte sie verlegen den Kopf und erwiderte : » Morgen soll es geschehen . « Und jedesmal nickte ihr Heißenstein freundlich dankend zu und sagte : » Wenn der Aufruf gedruckt sein wird , möcht ich ihn lesen . « Er äußerte auch manchmal den Wunsch , sich mit Wenzel zu beraten - wegen seines Testamentes . Aber der Arzt hatte nachdrücklich verboten , irgend jemand vorzulassen , mit dem der Kranke von Geschäften sprechen könnte , und Nannette mußte dem Advokaten den Eintritt verweigern - so weh es ihrem zartfühlenden Herzen auch tat . Übrigens war es Heißensteins Sache nicht mehr , auf einem Wunsche zu bestehen , derselbe war meist im Augenblicke vergessen , in dem er entstanden war . Das Jahr neigte sich zum Ende und mit ihm das Leben des kranken Greises . Seine Gedanken begannen in Verwirrung zu geraten , er unterschied nicht mehr zwischen seinen Einbildungen und der Wirklichkeit . Täglich erzählte er Schimmelreiter , seine Enkelin werde nun bald kommen . Und gewöhnlich gab er dem Kommis die Versicherung , die bevorstehende Freude verdanke er seiner Frau , die alles veranstaltet habe zu Bozenas Heimkehr . » Und Bozena bringt mir das Kind « , flüsterte der Kranke geheimnisvoll . » Meine Frau hat einen Aufruf in die Zeitung setzen lassen , lesen Sie mir ihn vor , ich ersuche Sie . « Schimmelreiter hatte von einem Aufrufe nichts gehört , denn der Brief Mansuets war ihm vorenthalten worden . Ratlos , was er tun oder sagen sollte , griff er dann nach einem Zeitungsblatte und murmelte einige Worte , denen der Greis jedoch , von seinen Träumen befangen , keine Aufmerksamkeit mehr schenkte . Er lag ruhig , tage- und nächtelang , die Augen nach der Tür gerichtet , und sagte von Zeit zu Zeit : » War das nicht Bozenas Schritt ? - Mir ist , als hörte ich sie kommen . « Bittend erhob sein Blick sich zu Nannette : » Es sollte ihr doch jemand entgegengehen . Vielleicht weiß sie nicht mehr den Weg . « Diese Sehnsucht ihres Mannes nach dem Kinde seiner pflichtvergessenen Tochter war Nannetten sehr peinlich , und Regel gab zu verstehen , daß sie sich verletzt fühle und gehofft habe , ihrem Vater mehr zu sein . Um Neujahr erhielt Schimmelreiter einen Brief von Mansuet aus Klausenberg . Dort war Weberlein vier Wochen lang krank gelegen , hatte aber trotzdem » keine Minute « den Zweck seiner Reise aus dem Auge verloren . Er hatte geschrieben , viele Erkundigungen eingezogen ; viele Boten ausgesendet und schließlich so viel erfahren , daß er meine , dermalen die Vermutung aussprechen zu können , Bozena sei mit dem Kinde auf dem Heimwege begriffen . Freilich dürfte sie » ohne einen Knopf Geldes « sein . » Sie wird wohl « , so schloß Mansuets seltsame Epistel , » keine andern Postpferde in Ungelegenheit versetzen als die beiden , die jedem Menschen angewachsen sind . Da heißt es hü sagen zum rechten und hot zum linken Fuß . Aber finalemang , und wenn es schon nicht anders ist : Die Bozena hat ' s unternommen ; die Bozena bringt ' s zustande . Was mich bei der Sache bis aufs Blut beißt und wurmt , das ist , daß die alte Schermaus ( Hypudaeus arvalis , das schädlichste Nagetier ) am Ende doch recht behält und daß ich ebensogut getan hätte , hinter dem Ofen sitzenzubleiben , als mich hier an der Szamos und an der großen Kükülü herumzutreiben , bis ich ein Fieber auf dem Buckel und die Nachricht in der Tasche hatte , daß die Vögel , auf die ich fahnde , ausgeflogen sind . « Schimmelreiter hütete sich wohl , Frau Heißenstein von dem Inhalte dieses Briefes auch nur ein Wort zu verraten . Sie hatte am Morgen eine Unterredung mit dem Arzte gehabt , der äußerst besorgt war und erklärte , die Kräfte des Kranken schwänden in bedenklicher Weise . Mit aller möglichen Schonung machte Nannette ihre Tochter mit diesem Ausspruche des Arztes bekannt . Regula blieb dabei gefaßt und stark . Wie immer bemüht , ihre Mutter aufzurichten , sagte sie : » Sonderbar , eben heut ist mir der Vater wohler vorgekommen . « Nannette jedoch war nicht zu beschwichtigen . Ruhelos wie ein Perpendikel bewegte sie sich zwischen ihrem und dem Zimmer des Kranken hin und her . Regula ersuchte sie mehrmals , sich nicht aufzuregen , was keinem Menschen nütze , ihr selbst aber schädlich sei . Sie gab ihrer Mutter den Rat , ein wenig auszugehen , frische Luft kalmiere die Nerven . Dieser Aufforderung Folge leistend , trat Frau Heißenstein langsam vor den Spiegel und setzte mit angenommener Gelassenheit und Sorgfalt ihren Hut auf . Da kam die Magd hereingestürzt und rief sie zu dem Kranken , den plötzlich eine Ohnmacht angewandelt hatte . Nannette und ihre Tochter eilten nach Heißensteins Zimmer . Die Wärterin und Schimmelreiter waren damit beschäftigt , ihn zu laben ... Einen Blick auf die verfallenen Züge ihres Mannes , und Nannette rief schaudernd der Magd und dem Diener zu : » Den Arzt ! ... Den Priester ! ... « Jene rannten davon und ließen in der Bestürzung das Haustor geöffnet stehen . Und in diesem Augenblicke kam über den großen Platz geschritten eine hohe Frauengestalt in schadhaften , die Spuren langer Wanderung tragenden Gewändern . Sie hielt , sorgfältig in ein Tuch gehüllt , ein schlafendes Kind in ihren Armen . Müden Schrittes schleppte sie sich auf das alte Haus zu und klomm langsam die Treppe empor . Ihr Gesicht verklärte sich , als sie an dem dunkeln Getäfel des Eingangs hinaufblickte , ihr Auge grüßte die wohlbekannten Räume . Wie neu belebt durchwanderte sie die lange Zimmerreihe und stand endlich , hochklopfenden Herzens vor dem Schlafgemach ihres alten Gebieters . Drinnen das Hinundhereilen hastiger Schritte , ein ängstliches Fragen und Flüstern , das schwere Ächzen eines Kranken . Sie stieß die Tür auf und trat ein . Mit Schrecken und Staunen richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das fremde Weib , abwehrende Hände streckten sich gegen sie aus , und plötzlich kreischte eine dünne Stimme wie in Todesangst : » Bozena ! « » Bozena ! « wiederholte tonlos und keuchend eine zweite Stimme aus der Tiefe des Zimmers , und von Nannette und Regel unterstützt , richtete eine Greisengestalt sich in den Kissen des Lagers auf . » Herr ! « antwortete die Gerufene mit einem Schrei des Schmerzes über ihn , über den Jammer seines Anblicks , und kniete an der Schwelle nieder . » Näher - näher « , flüsterte er , und Bozena , ihre letzte Kraft aufbietend , erhob sich , trat heran , setzte das Kind auf das Fußende des Bettes und brach zusammen . Niemand dachte daran , ihr Hilfe zu bringen , wie versteinert standen alle . Der Kranke aber sah das Kindlein an , lange , lange - liebevoll . Es war klein für seine Jahre und von einem solchen Ebenmaß der Glieder , daß jede seiner Bewegungen dem Auge schmeichelte wie sichtbar gewordener Wohllaut . Gesundheit blühte auf seinen zarten , rosig angehauchten Wangen , und Fülle des Lebens sprach aus den leuchtenden Augen , mit denen es die fremde Umgebung anstaunte zwischen Lachen und Weinen . Endlich wandte der Greis den Blick von dem Kinde ab und richtete ihn auf seine Frau - unsäglichen Dankes voll . Und Nannette erbebte bis ins Mark , als dieser schon halb erloschene Blick sie traf und als der sterbende Mann zu ihr sprach : » Dieses Glück - ich danke es dir . Sei dafür gesegnet . « Ein Schatten glitt über sein Gesicht : » Die Verwaiste ! ... « hauchte er , und eine schwere Träne rollte ihm die Wange entlang . Plötzlich raffte er sich auf ; ein Funke der alten Kraft wurde lebendig in ihm , er erhob das Haupt und wandte es gegen Regula ... Seine Hand , die so lange bewegungslos gewesen , deutete auf das Kind . » Deine heiligste Pflicht ! « rief er gebieterisch seiner bleichen Tochter zu ... » Verstehst du mich ? ... « Damit sank er zurück . Einmal noch hob sich seine Brust - und er hatte ausgelitten . 11 Der Poststellwagen , der Mansuet nach Weinberg zurückbrachte , fuhr im selben Augenblick durch das Tor , in dem der stattliche Zug , der Heißenstein zur letzten Ruhestätte geleitete , sich nach dem Friedhof in Bewegung setzte . Als Weberlein das alte Haus betrat , da hatten sie soeben seinen toten Herrn daraus fortgeführt . In grenzenloser Bestürzung vernahm der Kommis diese Kunde . Er war zu spät gekommen ! Er hatte dem Greise nicht mehr die Hand drücken , ihn nicht mehr fragen können : » Was ist geschehen für Ihr Enkelkind ? « In wilder Eile rannte Mansuet nach dem Gottesacker . Die kirchliche Zeremonie war noch nicht beendet , als er dort anlangte , er durchbrach die versammelte Menge und drängte sich bis an die Stelle vor , von der herüber er Lichter schimmern und bläuliche Weihrauchwolken in die klare Winterluft aufsteigen sah . Noch war das Grab nicht geschlossen über seinem Gebieter . Neben dem betenden Priester , auf den Arm des Grafen Ronald gestützt , stand Nannette , mit verstörtem Angesicht und kaum fähig , sich aufrecht zu halten . An ihrer Seite Regula , ruhig , steif , die herben Lippen fest geschlossen . Und hinter ihr , sie hoch überragend : - Wer ? ... O Himmel - gütiger : - Wer ? Es ist die große , es - war die schöne Bozena . An ihrer Hand ein kleines , holdes Geschöpf - Mansuet muß alle Kraft aufbieten , um nicht laut einen teuren Namen auszurufen . Röschen ! tönt es in seinem Innern mit wehmütigem Jubel . Während des Schlusses der traurigen Feier verwendete er kein Auge von dem Kinde , und als alles vorüber war und die anwesenden Bekannten sich um Nannette und Regula drängten , um ihnen ihr Beileid zu bezeigen , näherte er sich Bozena , bei der nur Schimmelreiter allein stehengeblieben war . Sie begrüßte ihn mit einem ernsten Kopfnicken , und er , dem das Herz doch weich zum Schmelzen war , pflanzte sich vor sie hin , starr und eckig wie eine Feuerkieke , und sagte , nachdem er die Freundin lange betrachtet : » Haben sich sehr verändert . « » Bin grau geworden « , erwiderte Bozena , zog das kleine Röschen , das sich ganz und gar eingewickelt hatte in die Falten ihres Rockes , aus seinem Verstecke hervor und hob es in ihren Armen auf . » Nicht gerade grau , vielmehr pfeffer- und salzfarbig « , sprach Mansuet , und als Bozena ihn darauf versicherte , er hingegen sehe gerade noch so aus wie vor sieben Jahren , antwortete er gleichgültig : » Die Leute behaupten ' s. « Schimmelreiter hat später oft erzählt , Mansuet sei ihm damals merkwürdig affektiert vorgekommen . Man habe ihm einen schweren Kampf zwischen Schmerz und Freude und zugleich das Bestreben angesehen , nicht mehr davon zu verraten , als er für vereinbar hielt mit seiner Manneswürde . » Ich bin aber « , nahm Bozena nach einer Pause das Wort , » noch so rüstig wie je , und ich bitte Sie , sagen Sie das der Frau . Was ihr zwei andere Mägde leisten , das leiste ich allein und betreue nebstbei das Kind , es soll ihr keine Ungelegenheit machen , solange ich da bin . Ich bitte Sie , Herr Mansuet , legen Sie ein gutes Wort für mich ein , damit man mich bei dem Kinde läßt . « » Ganz überflüssig « , antwortete der Kommis , » die Frau wird Sie gern behalten , die kennt ihren Vorteil . « Sie waren langsam hinter der Menge , die sich nach allen Richtungen verlief , hergeschritten und traten nun aus dem Friedhofe . Mansuet schielte immerfort nach dem Kinde , das ihn , das Köpfchen an Bozenas Hals geschmiegt , so schelmisch anblinzelte , wie die Augen eines sechsjährigen Mädchens nur immer vermögen . » Werden Sie « , fragte der Kommis , » das Kind noch lange so herumschleppen ? « und setzte , sich an Röschen wendend , mürrisch hinzu : » Weißt du wohl , daß es eine Schande ist , sich tragen zu lassen , wenn man so alt ist wie du ? « » Es liegt viel Schnee « , meinte Bozena entschuldigend , » und sie ist nicht schwerer als eine Puppe . « » Mag sein « , entgegnete Mansuet . » Was haben Sie nur an der aufgezogen ? « » Klein ist sie , das ist wahr « , sagte Bozena . » Und stumm auch « , sagte Mansuet . Da brach das Kind in schallendes Gelächter aus und rief , so laut es konnte : » Ich bin nicht stumm ! - und gehen kann ich auch ... Und ich will jetzt laufen , Bozena . Du kannst den kleinen schlimmen Mann auf den Arm nehmen , damit er wieder gut wird . « Bozena war sehr erschrocken über diese unpassende Äußerung ihres Zöglings und gebot ihm Schweigen . Zu Mansuet aber sprach sie : » Ich hoffe , Sie können nicht bös sein auf ein dummes Kind . « Worauf er großartig erwiderte : » Lassen Sie sich nicht auslachen . « Schimmelreiter jedoch küßte wie verzückt das über Bozenas Schulter herabhängende Händchen der Kleinen . Schweigend langte die Gesellschaft zu Hause an . Unter dem Tore setzte Bozena ihre leichte Bürde ab ; sie blieb stehen , kreuzte die Arme und hielt eine Weile die Augen stumm auf das gegenüberliegende Haus gerichtet . » Wer wohnt jetzt dort ? « fragte sie endlich mit Überwindung . » Gar viele Leute « , antwortete Mansuet , » wir haben ja Wohnungsnot in Weinberg . Der Kreishauptmann , der Herr Graf , ist im Jahre achtundvierzig fortgekommen . Und unser Bekannter , sein Jäger « - Mansuet wandte den Kopf und heftete den Blick so fest auf einen der steinernen Torpfeiler , als ob sich dort etwas Unerhörtes begäbe - , » der hat die Kammerjungfer der Gräfin geheiratet und ein Revier gekriegt , hier in der Nähe ... « » Hier in der Nähe ? « wiederholte Bozena . » Ist aber längst nicht mehr da , hat selbständig nicht gut getan , heißt es « , fuhr Mansuet fort . » So schickte ihn sein Graf auf eines der großen Güter , die er in Böhmen besitzt . Dort lebt der Bernhard unter der Zucht des Oberförsters , der keinen Spaß versteht ... verstehen soll . Soll ! - das alles weiß ich ja nur vom Hörensagen ... « » In Böhmen also « , sagte Bozena leise vor sich hin . » Ja , ganz hoch oben . Es heißt auch , er sei öfter betrunken als nüchtern , aber ich will ihm nichts Übles nachreden . Es heißt , er prügle seine Frau ; nun , das ist ihre Sache . Ein Wunder wär ' s übrigens nicht . Das verwöhnte Jüngferchen paßt auf keinen Fall für ihn . Der hätte ein tüchtiges Weib gebraucht , das ihm den Daumen aufs Auge setzt . « Ein Bote von Frau Heißenstein , der Mansuet und Schimmelreiter nach dem Gesellschaftszimmer beschied , wo ihnen das Testament , von dem sie noch keine Kenntnis hatten , vorgelesen werden sollte , unterbrach dieses Gespräch . Die beiden Kommis empfahlen sich und folgten dem Rufe der Gebieterin . Als sie eintraten , fanden sie Nannette auf das eifrigste - Mansuet behauptete auf das zudringlichste - bemüht , den Grafen Ronald zurückzuhalten , der sich verabschieden wollte . Sie gab ihm mit einem süß-säuerlichen Lächeln zu verstehen , daß es gefühllos wäre , die Hinterbliebenen eines ihm befreundeten Mannes in solcher Eile zu verlassen . Ronald ließ sich endlich überreden und blieb , vermochte aber nicht zu verbergen , wie unpassend ihm seine Anwesenheit im Hause in diesem Augenblicke erschien . Man setzte sich um den Tisch . Doktor Wenzel verlas das Testament Heißensteins . Der Verstorbene ernannte darin seine einzige Tochter , Regula Heißenstein , zur Universalerbin seines ganzen Vermögens . Die Nutznießung desselben verblieb lebenslänglich seiner getreuen Gattin , Frau Nannette Heißenstein . Einige ansehnliche Legate waren ausgesetzt . Schimmelreiter war reichlich , Mansuet fürstlich bedacht . Ihm wurde überdies im ebenerdigen Geschoß des Hauses eine Wohnung für die Dauer seiner ganzen Lebenszeit zur freien Verfügung gestellt . Mit warmen Worten sprach Heißenstein von dem » treuesten Diener « , er empfahl seiner Frau und seiner Tochter , ihn hoch in Ehren zu halten und ohne seinen Rat nichts Wichtiges zu beschließen . Während Doktor Wenzel diesen Absatz des Testamentes salbungsvoll vortrug , schien Mansuet immer kleiner zu werden und sank zuletzt so tief in sich zusammen , daß sein vornübergebeugter Kopf in eine Linie mit dem Tischrande zu stehen kam und keiner von den Anwesenden sein Gesicht sehen konnte . Einige Verfügungen zugunsten der Armen der Stadt folgten , zuletzt kam die Anordnung , das Geschäft des Kaufmanns nach seinem Tode sogleich aufzulösen und das Verbot , die Firma , unter was immer für Bedingungen , zu veräußern . Mit Leopold Heißenstein habe das Handlungshaus zu bestehen aufgehört . Das Testament war vor sieben Jahren verfaßt und seither auch nicht ein Wort daran geändert , nicht das kleinste Kodizill beigefügt worden . Eine Stunde später empfahl sich Graf Ronald bei den Damen . Mansuet und Schimmelreiter begleiteten ihn bis an den Wagen und machten dann einen weiten Spaziergang auf der Landstraße . Erst bei sinkender Nacht kamen sie heim . Sie waren die ganze Zeit hindurch fast stumm nebeneinander hergegangen . Jetzt , als sie schon unter das Haustor traten , sprach Schimmelreiter : » Ja , ja , Sie sind nun eine glänzende Partie , und ich bin eine sehr annehmbare . « » Was sind Sie ? « fragte Mansuet . » Eine annehmbare Partie « , wiederholte Schimmelreiter und zupfte sich an dem dünnen , borstigen , weitabstehenden Barte . Er sah mit seinem runden Gesichte , seiner flachen Nase und seinen großen Augen einem Seehunde ähnlicher denn je . » Besonders Ihre fünfundfünfzig Jahre werden die Frauenzimmer locken « , sprach Weberlein wegwerfend . » Ich wünsche mir keinen Backfisch ! « rief sein Kollege eifrig und fügte nach einer Pause , während der Mansuet ihn spöttisch von der Seite ansah , stockend und in großer Verlegenheit hinzu : » Diejenige , welche - ist bereits mittelalterlich . « Aber schon im nächsten Augenblicke wollte er , wie Lazarillo , lieber gestorben sein , als diese Rede ausgesprochen haben , denn er hörte neben sich ein derart schneidendes » So ? ! « als hätte eine Schlange es gezischt . Der kleine Mansuet fuhr mit beiden Händen in die Taschen seines Rockes , hob sich , so hoch er konnte , auf den Fußspitzen empor und sagte dem großen Schimmelreiter trocken in den Bart hinein : » Beruhigen Sie sich ! - Diejenige nimmt Sie nicht . « Mit diesen Worten wandte er sich und war so rasch verschwunden , als hätte ihn der Boden verschlungen . Während sich dieses zu ebener Erde ereignete , saßen im düsteren Speisezimmer des ersten Stockes Nannette und ihre Tochter beim Abendessen . Regula hatte keinen Appetit und machte schon zum zweitenmal die Bemerkung , daß Graf Ronald ein angenehmer , aber doch gar stiller und schweigsamer junger Mann sei . Mit ihr zum Beispiel habe er keine Silbe gesprochen . Nannette legte das Stückchen Brot , das sie eben im Begriffe war in den Mund zu stecken , auf den Tisch , betrachtete es eine Weile tiefsinnig und sagte , indem sie einen fast schalkhaften Blick auf ihre Tochter warf , nichts könnte mehr für ihn sprechen , als - daß er nicht gesprochen habe . In ihrem Zimmer , im zweiten Geschosse des Hauses , saß Bozena bei einer flackernden Kerze und nähte an einem Kinderkleidchen . Neben ihrem großen Bette stand ein kleines , das einst Rosa gehört hatte , als diese noch ein Kind war . Jetzt schlief ihr verwaistes Töchterchen darin . Sie selbst aber , und ihrer gedachte Bozena in dieser Stunde , sie schlief am Fuße des Negoi , in einem stillen Alpentale im fernen Grabe . Dort ruhte sie , umsungen von den geheimnisvollen Liedern des Sturmes , umhüllt von der schimmernden Decke des Schnees , für alle tot ; nur lebend noch in der Erinnerung einer armen Magd und in den Träumen eines schlafenden Kindes . Mansuet hatte recht gehabt . Nannette hütete sich wohl , Bozena zu entlassen . Sie war viel zu klug , um sich über ihre geringe Befähigung zur Ausübung des Hausfrauenberufes zu täuschen , und daß Regel in diesem Punkte in ihre Fußtapfen trat , wußte sie ebenfalls . So konnte ihr nichts willkommener sein als Bozenas tätige und umsichtige Hilfe . Und nicht nur praktischen , auch moralischen Vorteil schaffte deren Gegenwart . Daß Frau Heißenstein das Kind und die Magd der entlaufenen Stieftochter , die ihr eigener Vater verstoßen , aufgenommen hatte , erregte die Bewunderung der ganzen Stadt . Sich ein Verdienst aus einer Handlung machen , die ihr zum Nutzen gereichte , wie entsprach das Nannettens Neigungen ! Bozena trachtete » der Frau « das kleine Röschen soviel als möglich aus den Augen zu schaffen , denn sein Anblick berührte die Stiefgroßmutter sehr unangenehm . Um keinen Preis jedoch hätte Bozena zugegeben , daß es auch nur einmal heißen könne , sie habe dem Kinde zuliebe das geringste im Dienste Nannettens oder Regulas versäumt . So traf es sich , daß , infolge einer schweigenden Übereinkunft zwischen der Magd und ihrem alten Gönner , dieser sehr oft die Stelle einer Wärterin und eines Hofmeisters bei der Kleinen versah . Er weihte sie in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens ein , lehrte sie die Volkshymne singen , führte sie sonntags zur Kirche und war täglich in der Mittagsstunde mit ihr auf der Promenade zu sehen . Und wie stolz schritt er da neben ihr einher ! So schreitet nur noch ein ruhmbedeckter Kanonier neben der schönen Köchin seines Herzens . Der sechzigjährige Mansuet lebte auf in der Liebe zu Röschen ; diese neue Leidenschaft stellte sogar seine alte Neigung für Bozena in den Schatten . Ja , ja - es ist nicht zu leugnen : allmächtig wirkt der Reiz der Jugend , unwiderstehlich der Zauber der Anmut , er bezwingt selbst die gefeite Seele , und : » ein gebrechlich Wesen ist « - der Mann . Woche um Woche verging , Monat um Monat . Im Hause Heißenstein wurde es immer stiller , denn seine Gebieterin kränkelte und siechte dahin . Tiefe Melancholie hatte sich ihrer seit dem Tode ihres Mannes bemächtigt . » Er zieht sie nach « , sagten die Leute . Sie nahm sichtbar ab ; wenn man sie aber fragte , ob sie sich krank fühle , erwiderte sie fast erschrocken , sie habe sich niemals besser befunden . Der Arzt meinte , ihre Nerven seien angegriffen , der herannahende Frühling , der häufige Aufenthalt in freier Luft werde sie herstellen . Der Frühling kam , doch brachte er keine Veränderung im Befinden Nannettens herbei . Sie litt an Schlaflosigkeit , sie fieberte . Eines Tages ließ sie Doktor Wenzel rufen und ersuchte ihn , alle gesetzlichen Schritte einzuleiten , um Regula , die im Begriffe stand , in ihr zwanzigstes Jahr zu treten , großjährig sprechen zu lassen . Nannette sah der Erfüllung dieses Wunsches mit einer Ungeduld entgegen , die wohl verriet , daß sie keineswegs so ruhig über ihren Gesundheitszustand war , wie sie vorgab . Was sie quälte , war aber nicht die Furcht vor dem Tode , sondern eine peinliche Erinnerung , von der sie sich vergeblich loszumachen suchte . Sie wurde , was sie niemals gewesen war , zerstreuungsbedürftig und zu gleicher Zeit außerordentlich fromm . Sie brachte , trotz aller Warnungen des Arztes , der die größte Schonung empfahl , ihre Tage damit zu , ihre Bekannten und die Kirchen zu besuchen . Erschöpft oder aufgeregt kehrte sie heim , niemals jedoch aufgeregter , als wenn sie aus dem Beichtstuhle kam . An solchen Tagen wirkte der Anblick Röschens wie der eines Schrecknisses auf sie . Niemand konnte sich das erklären , nur Bozena sagte zu Mansuet , sie verstehe es wohl . Bozena war übrigens die Vorsicht selbst ; niemals kam ein Wort über ihre Lippen , das auch nur dem Schatten eines Vorwurfs gegen » die Frau « geglichen hätte . Der Arzt fand endlich einen Namen für Nannettens Krankheit , er nannte es ein Zehrfieber und erteilte seiner Patientin den Rat , nach der Schweiz zu reisen . » Werde ich dort gesund ? stehen Sie mir dafür ? « fragte sie und rief , als er eine ausweichende Antwort gegeben hatte : » Schon gut , schon gut . Lassen Sie mich zu Hause ... « Sie vollendete den Satz nicht , warf einen feindlichen Blick auf den Arzt und entließ ihn . Er ging , durchdrungen von Bewunderung für die starkmütige Frau , und sorgte für die Verbreitung