die gräfliche Equipage die junge Dame - ( Datum und Stationsort waren genau bezeichnet ) - zur Beförderung nach Schloß Reckenburg erwarten . « So wenig einladend diese Einladung gestellt war , und so schwer den Eltern das wenn auch nur zeitweise Überlassen des einzigen , kaum erwachsenen Kindes in völlig unbekannte Hand vorkommen mochte , die Möglichkeit einer Ablehnung ist gar nicht in Betracht gezogen worden . Die Gräfin aber - nun , sie war eben die reiche Gräfin von Reckenburg und nahe dem achtzigsten Jahre . Das Fräulein von Reckenburg war aber ein blutarmes Ding , wenig begehrenswert für einen Freiersmann und , verlor es den Vater , schutzlos der Welt gegenüberstehend . Mancher mütterliche Sorgenseufzer mochte in dieser Aussicht innerhalb der vertraulichen Ratskammer laut geworden sein . Eine Aussteuer , ein Legat von dem Überflusse der einzigen Verwandtin , die heute zum erstenmal eine Art von Anteil bekundete , konnte nun allen Sorgen und Seufzern ein Ende machen . Der Vater antwortete daher zustimmend , wenn auch in würdigster Haltung . Gunst und Vertrauen wurden erwiesen , mehr als empfangen ; nicht die glänzender gestellte Verwandtin , die zu einem Wunsche berechtigte Patin war es , der man Folge leistete . Längeres Bedenken erregte die Art der Beförderung . Das blutjunge Fräulein konnte nicht allein und nicht in der gelben Postkutsche reisen ; der Vater , wie er es am schicklichsten gefunden haben würde , nicht die Begleitung übernehmen , da der Termin der Einladung mit dem einer kurfürstlichen Revue zusammenfiel , die Mutter aber kränkelte seit einiger Zeit , und der Arzt hatte ihr das Fahren strengstens untersagt . Die Verlegenheit wurde indessen bestens gelöst , da » Muhme Justine « sich freiwillig als Duenna und Reiseschutz erbot . Denn wenn auch hundert Meilen zurückzulegen gewesen wären , statt zwölf , und zwanzig Nachtquartiere zu halten , statt zwei , keinem Menschen auf der Welt würde die Mutter ihr Kind so zuversichtlich übergeben haben als unserer Muhme Justine . Muhme Justine , Du Treueste der Treuen , so trittst Du denn auf dieser Reise zum erstenmal in den Rahmen meiner Geschichte , da Du doch schon beim ersten Schritt der Lebensreise gebührentlich hättest Erwähnung finden müssen . Du hast mich auf deinen Händen an das Licht getragen , hast mich geschaukelt , als die Mutterarme noch zu schwach waren für das » Hünenkind « , und niemals ist ein Pflegling mit zärtlicheren Blicken gehütet worden als die letzte Reckenburgerin von ihrer Muhme Justine . Muhme Justine war als Witwe eines Wachtmeisters in den elterlichen Dienst getreten und hatte ihn , lediglich mit Aushilfe des Soldatenburschen , verwaltet , auch da die Pflege der Neugeborenen sie zum Range einer Muhme erhob . Alle Pflichten und Künste dieser ehrwürdigen Zunft hatte sie geübt und keine ihrer befreienden Befugnisse beansprucht . Erst als ihr » Dinchen « der Zucht einer Kinderfrau entwachsen war , vertauschte sie ihr lastvolles Amt mit dem wenigstens einträglicheren einer Wickelmutter , ohne aber auch dann sich aus dem Gesichtskreise ihres Pflegekindes zu entfernen , denn sie teilte mit der neuen Magd das Kämmerchen zwischen den Gemächern des Hofmeisters und Ehren-Purzels . Sie hatte kein eigenes Kind gehabt und stand allein in der weiten Welt ; so wurde die kleine Hardine ihr ein und alles , und Gott verzeihs der großen Hardine , wenn die Liebe , die sie nicht in gleichem Maße erwidern konnte , sie späterhin manchmal wie eine Last bedrückt hat . Die kleine Hardine war ihr Augapfel , ihr Lebenszweck , ihre Hoffnung , ihr Stolz . Sie sah sie prophetisch unter den Großen der Erde , sie dereinst als Englein mit goldenem Flügelpaar vor Gottes Thron . Der übrigen Menschheit mag sie wohl dann und wann ein wenig bissig und neidisch und haberisch vorgekommen sein ; aber bissig und neidisch und haberisch nur für die Rechte und Vorrechte ihres Fräulein Hardine ; für ihr Fräulein Hardine sann sie und spann sie , sparte und darbte sie ; Fräulein Hardine ist die Erbin der paar hundert Taler geworden , die sie kreuzerweis zusammengescharrt hatte . Muhme Justine war fromm und bibelfest ; aber die göttlichen Verheißungen genügten ihr nicht , wo es das Erdenlos ihres Herzblatts galt . Die geheimnisvollsten Wahrnehmungen mußten für sie ausgedeutet , dunkle Orakel befragt werden , und das Schlußbild sämtlicher Gesichte zeigte immer nur Glück und wieder Glück . Schon der Tauftag , der dritte des Lebens , war segenverheißend gewesen : Täuflingin hatte , während ihr das Mützchen gelöst ward , dreimal kräftig geniest : item , sie war ein Weltwunder von Geist und Gaben ; sie hatte unter dem Träufeln des Taufwassers unbändig gestrampelt und gebrüllt : item , ihrer harrten der Erde Schätze und Güter . Seit dieser Weihestunde stand für Muhme Justine die gräfliche Erbschaft fest wie ein Evangelium , und es verging selten ein Tag , daß sie für ihr Goldkind nicht irgend etwas Herrliches in ihren Träumen oder Karten ausgespäht hatte . Ein Glücksbrief war angekündigt , wochenlang bevor die Einladung der Gräfin die Insassen der Baderei so hoch überraschte . Nur in einem einzigen Punkte wollten die geheimnisvollen Orakel seltsamerweise niemals mit den Herzenswünschen meiner alten Muhme stimmen . Sooft die hochwichtige Frage nach dem Zukünftigen erhoben ward , zeigte die Seherin sich kopfhängerisch und kleinlaut , an ihr Fräulein aber erging die deutungsschwere Mahnung : » sich vor Schindern und Schabern in acht zu nehmen « . Auf einen Obsieg des Herzkönigs schien die Muhme nach manchen leidvollen Proben verzichtet zu haben ; aber selber die vielverheißendste Konstellation des Grünkönigs wurde im letzten Augenblicke jederzeit von einem ausverschämten Schellenunter gekreuzt . Wer war nun aber dieser unvermeidliche Schellenunter , der die Nachtruhe meiner alten Muhme so grausam störte ? Eine Zeitlang hatte sie ein gar böses Auge auf den wortkargen , hochfahrenden Wirtssohn gerichtet ; seit dessen plötzlicher Entfernung aber und dem veränderten Glückszustande seiner Braut waren die Gedanken in eine andere Bahn gedrängt worden . Der verhängnisvolle Schellenunter brauchte nicht notwendig eine Mannesperson zu sein ; ja weit natürlicher war es ein Frauenzimmer , und dieses Frauenzimmer kein anderes als - unsere neue Wirtin Dorothee . Muhme Justine war zwar keine leibliche , aber doch eine Namensbase der kleinen Dorl . Beide nannten sich Müllerin ; da aber Muhme Justine ein Gemüt hegte , stolzer noch als das der Reckenburgs , hatte sie die Bevorzugung der kleinen Plebejerin von Haus aus mit unholden Blicken angesehen . » Gab es denn kein adeliges Kind Dinchen zur Gesellschaft ? « brummte sie anfangs , und späterhin : » Mußte es denn eine sein von einer besseren Couleur , wenn auch lange nicht so nobel und durabel wie Fräulein Hardine ? « Die Schenkung und der blinkende Verlobungsring konnten natürlich keine humanere Auffassung bewirken ; seit sich aber gar der bedrohliche Schellenunter unter dem Lärvchen der Schenkentrine enthüllte , hätte - abgesehen von den gesteigerten Erbschaftsaussichten in Reckenburg - der Muhme gar nichts Erwünschteres als meine zeitweise Entfernung von Hause widerfahren können . Kaum hörte sie daher von den elterlichen Reisesorgen , so erklärte sie , daß sie sich die Begleitung nicht nehmen und ihrem Fräulein kein Härchen auf dem Wege krümmen lassen werde . Man traf seine Abrede , und unter allerlei Zurüstung gingen die Wochen im Fluge dahin . An Dorothees Geburtstag , dem 29. September , langte die erste Sendung des fernen Bräutigams an : Brief und Schächtelchen . Sie öffnete das letztere hastig und jubelte hellauf bei dem Anblick der kostbaren Granatgehänge , die ihr als Angebinde verehrt wurden . » Und was schreibt er ? « fragte ich , nachdem sie vor dem Spiegel den großen Schmuck den kleinen Ohren eingehenkelt hatte . Sie überflog den Brief und reichte ihn mir mit den Worten : » Es steht nicht viel darin « . Und es stand allerdings nicht viel darin . Herkömmliche Glückwünsche und eine ziemlich altmodische Redensart von ewiger Liebe und Treue und so weiter . Sie schien dem Schreiber nicht eben flott von Herzen gegangen zu sein . Eine Nachschrift brachte die Notiz , daß er alsobald von Berlin zur königlichen Armee nach Schlesien dirigiert und dort , nach Wunsch , dem Regiment Weimar zugeteilt worden sei . Da die hohen Potentaten seitdem Versöhnung geschlossen , sei die kriegerische Aussicht zunächst verschoben ; Schreiber aber habe in dem chirurgischen Institute zu Breslau förderliche Beschäftigung gefunden , eine Gunst , welche er nicht allein der gnädigen Verwendung seines durchlauchtigen Chefs zu verdanken habe , sondern mehr noch der eines erhabenen Geistesfürsten , bei welchem eine Empfehlung von Jena ihn eingeführt , und mit dem er eine über alle Maßen interessante Unterredung über die in das chirurgische Gebiet einschlägigsten Lehren gepflogen . ( Notabene : Jungfer Grundtext , welche die Stammtafel der sächsischen Fürsten am Schnürchen herzusagen wußte , von einem » Geistesfürsten « aber noch nie eine Silbe gehört hatte , zerbrach sich vergeblich den Kopf über Natur und Namen des Erwähnten . ) Nach in Bälde bevorstehendem Rückmarsch hoffe er , wieder durch Verwendung jenes außerordentlichen Herrn , einen längeren Urlaub zu erhalten und denselben in der Universitätsstadt Göttingen , als in der Nähe seines im Harz garnisonierenden Regiments , zu verbringen . Bis das Zeitwesen sich unvermeidlich wieder kriegerisch gestaltet haben werde , erfreue Schreiber sich sonach der fördersamsten Tätigkeit . » Hast du Herrn Faber geantwortet ? « fragte ich am Tage vor meiner Abreise Dorothee , die errötend das Köpfchen schüttelte . » So tu es heute noch , « mahnte ich . » Wenn ich nur wüßte , was ! « sagte sie kläglich , setzte sich aber gehorsam nieder und begann ziemlich flink mit dem Dank für die wunderschönen Ohrgehänge . Nun jedoch stockte der Fluß . Sie kaute an der Feder , seufzte und rieb sich die Stirn , auf welcher die hellen Angsttropfen perlten . » Helfen Sie mir ein bißchen , Fräulein Hardine , « bettelte sie endlich . Das tat ich nun freilich nicht . Im Gegenteil , ich entfernte mich , hoffend , daß es in der Einsamkeit besser gelingen werde . Aber der Nachmittag verlief über dem sauren Werk und am Abend erst wurde das Blatt zur Durchsicht in meine Hand gelegt . » Fräulein Hardine sagt dies , Fräulein Hardine tut das , « so lautete es Satz für Satz . Aus dem eigenen Herzen und Leben kein Wort . Der wunderlichste erste Liebesbrief einer Braut ! Indessen die Kleine dankte Gott , daß er fertig war , siegelte rasch mit einem Sechser und trug das Schriftstück eilig selbst nach der Post . Der Abschiedsmorgen brach an . Eine Reise , und wäre es nur auf zwölf Meilen , eine erste Reise zumal , galt uns Kleinstädtern Anno 90 noch für einen halben Tod . Man schien sich so unerreichbar , wenn man sich nicht mehr mit Händen greifen konnte , man mochte gestorben und verdorben sein , ehe nur ein Hilferuf zu dem Verlassenen gedrungen war . Wir saßen bei Kerzenlicht um den Frühstückstisch ; keiner berührte einen Bissen , keiner redete ein Wort . Mama und ich , wir schluckten unsere Tränen tapfer hinunter , der ehrliche Vater aber ließ sie frank und frei laufen , und die kleine Dorl schluchzte laut . Der Tag begann zu dämmern , die einspännige Chaise fuhr vor ; der eisenbeschlagene Seehundskoffer wurde aufgebunden , Kisten und Kober , mit Mundvorräten gefüllt , türmten sich , als ging es rund um die Welt . Vor den Türen lugten die Nachbarn in Pantoffeln und Nachtmützen ; Mägde , die Wasserbütten auf dem Rücken oder den Semmelkorb am Arm , Kinder , die den Betten im Schlafkittelchen entsprungen waren , drängten sich vor unserem Tor . Alle wollten Rittmeisters Fräulein , das zu einer uralten , steinreichen Erbtante auf die Reise ging , in die Kutsche steigen sehen . Endlich erschien auch Muhme Justine mit aller Würde einer Duenna , in blendendweißer Flügelhaube und der Festschürze von grasgrünem Taft . Schon saß ich im Wagen und hatte sie den Fuß auf den Tritt gesetzt , als die Betglocke anschlug . An keinem Morgen , Mittag oder Abend hörte die Muhme die feierlichen drei Schläge , ohne zu einem Vaterunser auf die Knie zu sinken . Nur auf der Straße begnügte sie sich mit der dreimaligen Verbeugung , durch welche wir im Gotteshause dem Namen unseres Herrn und Heilandes Verehrung zollten . An dem heutigen wichtigen Tage aber beugte Muhme Justine auf offenem Markte ihre alten Knie . Der Vater nahm die weiße Zipfelmütze vom Haupte und aus dem Munde die Tonpfeife , der er bis dahin krampfhafte Wolken entlockt hatte ; die Mutter , Dorothee und ich falteten die Hände zu einem stummen Gebet . » Unseren Ausgang segne Gott , unseren Eingang gleichermaßen ! « rief die Muhme laut , indem sie sich von den Knien erhob . Sie kletterte in die Chaise und setzte sich geziementlich auf den Rücksitz , ihrem Fräulein gegenüber . Der Vater schloß den Schlag . Noch ein » Glückauf ! « und dahin rumpelten wir auf dem holperigen Pflaster in eine neue , unberechenbare Welt . Dank der resoluten Reisemarschallin ging die dreitägige Fahrt ohne Hindernis vonstatten . Auf der letzten Station harrte verabredetermaßen das » Spukeding « von Reckenburgs goldener Kutsche mit dem unsterblichen Schimmelzug und der gleicherweise unsterblichen Lakaienschaft . Ihr habt , meine Freunde , mich vor Jahren noch in dem schweren bronzierten Glaskasten dann und wann einen Ausflug machen sehen . Ich tat es , wie ich manches ererbte Unbequeme tat und erhielt - aus Bequemlichkeit . Es war einmal da , es genügte mir . Ich tat es aber auch mit der Absicht , das böse Ding allmählich seines gespenstischen Nimbus zu entkleiden . In diesem alten Gehäuse hatte die Gräfin ihren Einzug in Reckenburg gehalten , in ihm war sie in der ersten Zeit ihrer Herrschaft hinter von außen her verhüllenden Gardinen bei ihren Flurbesichtigungen vermutet worden . In ihm folgte ich , als einzige Leidtragende , ihrem Leichenzuge . Daß die Schimmel und Heiducken von 1750 und 1806 nicht die nämlichen waren , sondern nur von möglichst ähnlichem Kaliber und nur mit dem silberbeschlagenen Geschirr und der silberstrotzenden Livree ihrer sehr sterblichen Vorgänger behängt , brauche ich Euch nicht zu versichern . Und wie mit der Unsterblichkeit der Schimmel und Heiducken , und wie mit der alten schwarzen Reckenburgerin selbst , wird es auch mit allen ihren übrigen Seltsamkeiten eine sehr natürliche Bewandtnis gehabt haben . Der Mensch , welcher sich aus Neigung oder Fügung dem Tagestreiben entzieht , verfällt eben dem Vergessen oder dem Märchensinn seiner Lebensgenossen . Nun ja , sie hat in fast einem halben Jahrhundert ihre unzugängliche , dämmerige Klause nicht verlassen ; aber das geschah , weil das Sonnenlicht ihre Augen blendete , und weil ein schlecht geheilter Knochenbruch ihr jede Bewegung empfindlich machte . Ja sie hat die Nächte ohne Schlummer in ihrem Stuhle aufrecht gesessen ; aber nur , weil asthmatische Beschwerden ihr erst am Morgen ein paar Ruhestunden gönnten . Ja sie hat sich lange Jahre fast ausschließlich von Grützbrei und Eicheltrank genährt ; aber nur , weil der Magen keine kräftigere Kost mehr duldete . Nicht unerklärlicherweise trotz ihrer Diät , sondern erklärlicherweise wegen ihrer Diät hat sie sich das Dasein über das gewöhnliche Menschenmaß hinaus gefristet . Je einfacher wir , freiwillig oder gezwungen , unsere Funktionen beschränken , um so zäher wird ja das Leben . Menschen mit mangelnden Sinnen dauern gemeinhin länger als die mit völligen Sinnen . Geizige , das heißt Menschen mit verknöchertem Herzen , werden fast immer uralt . Und so möge denn auch eingestanden sein , daß die seltsame Gründerin und Erhalterin der Reckenburg mit solch einem verknöcherten Herzen in die Grube gefahren ist . Wie sie aber von einem reichen Eingange zu diesem armseligen Ausgang gelangen konnte , das erkläre Euch ein Blick über ihren Lebenslauf , der sich auch vor meinen Augen erst nach ihrem Tode aus einer vorgefundenen Korrespondenz im Zusammenhange enthüllt hat . Eberhardine von Reckenburg hatte von ihrem Vater nichts als die Trümmer seiner Stammburg in einem sumpfigen , verrufenen Waldwinkel überkommen . Mütterlicherseits aber war sie eine Erbtochter . In der Wiege verwaist , verdreifachte sich ihr Vermögen unter einer gewissenhaften Vormundschaft , da die Kurfürstin , ihre Patin , sie innerhalb ihrer eigenen Hofhaltung erziehen und später als Hoffräulein in ihren Dienst treten ließ . Bei ihrer Mündigkeitserklärung sah sie sich in einem Besitzstand , der ihrerzeit ein fürstlicher genannt ward . Klug und ehrgeizig von Natur , besaß sie den Sinn , diesen Wert nach seinem Abstande von dem großenteils verarmten Höflingsadel zu ermessen . Sie galt für schön , und sie galt sich selbst dafür ; aber sie sah manche ihresgleichen sich und anderen mit noch größerem Rechte dafür gelten , und nach einem Karneval oder zweien , verdrängt , vergessen , von der Bühne verschwinden , sobald nicht eine andere Macht der Schönheit eine dauernde Unterlage gab . Daß von der Tugend als solcher Unterlage zu August des Starken Zeiten keine Rede war , braucht nicht erörtert zu werden , aber auch der Adel gewährte sie nicht , denn die reinste Ahnenprobe führte eine abgeblühte Schöne bestenfalls in ein Fräuleinstift . Nur eine Goldtonne war ein zuverlässiges Piedestal . Zwischen Fest und Spiel , inmitten der gewissenlosen Herrschaft eines Brühl und seiner tollen Nacheiferer , gab es am Hofe von Sachsen ein junges Mädchen , das mit heimlichem Hohn die Schnüre seines Beutels fest in den Händen hielt und mit der nüchternen Berechnung eines Mannes seinen Schatz zu mehren verstand . Mochten die Kartenhäuser um sie her zusammenstürzen , sie stand sicher , sie durfte steigen . Tag für Tag meldete sich ein Bewerber um die Hand der reichsten Partie des Landes . Keiner genügte ihrem hochstrebenden Sinn . Sie war dreißig Jahre alt geworden und wählte noch immer . » Der Rechte wird kommen ! « sagte sie sich , wenn sie ihr Kontobuch zugeklappt und ein beredtes Schönpflästerchen auf die geschminkte Wange geheftet hatte , um ihrer Herrin - jetzt der Nachfolgerin der brandenburgischen Eberhardine - zu einem Feste des unerschöpflich erfinderischen , allgewaltigen Ministers zu folgen . Und der Rechte kam noch zur rechten Zeit , bevor die letzte Jugendblüte gewelkt war . Was wißt Ihr , meine Freunde , unter den ungezählten , länderlosen Fürstensöhnen des heiligen römischen Reichs deutscher Nation von einem Prinzen Christian ? Und was braucht Ihr von ihm zu wissen , als daß er ein schöner Mann und nach den Begriffen seiner Zeit und Zone ein Genie gewesen ist : ein Genie , das heißt ein durchlauchtiger Libertin nach dem Schlage des Maréchal de Saxe - nur daß er sich auf kein Fontenoy und Rocour zu berufen hatte - , daß er an den verwandten Hof von Sachsen zurückkehrte , sei es , um nach allerlei abenteuernden Fahrten sich eine Ruhepause zu gönnen , sei es , um nach erschöpftem Erbteil sich neue Quellen aufzuschließen . Die fürstliche Sippe war der wiederholten Schröpfungen überdrüssig ; das Suchen nach einer ebenbürtigen Erbin erwies sich als verlorene Mühe . Brühl glaubte daher einen Meisterzug zu tun , indem er die Blicke des unbequemen Schützlings auf das immerhin noch ansehnliche und im Ehrenpunkte untadelige Frei- und Hoffräulein von Reckenburg als eine der besten Partien in deutschen Landen lenkte . Ob das vorsichtige Fräulein dem verführerischen Coqueluche der Damenwelt widerstanden haben würde , wenn er einfach ihresgleichen gewesen wäre , sei dahingestellt . Aber er war ein Prinz , berechtigt , um eine Kaisertochter zu werben , und diesem Zauber widerstand sie nicht . Ihr Kinder eines anderen Jahrhunderts habt keinen Maßstab mehr für eine Anschauung , welche auch den letzten Anhängsel eines Thrones hoch über alle menschlichen Ordnungen erhob und den Gesalbten des Herrn der Pflicht selber gegen die ewigen Gesetzestafeln entband ; für eine Anschauung , welche einen verirrten Tropfen königlichen Blutes von höherem Adel achtete , als den , welcher in den Kreuzzügen erobert worden war . Nach einer Ertötung ohnegleichen während der verheerenden dreißig Jahre hatte die Zeit über unserm Vaterlande gleichsam stillgestanden und das Säkulum der äußersten Verdumpfung des Bürgertums , des tiefsten Verfalls der Ritterschaft war noch nicht abgelaufen . Erst des preußischen Friedrich Schwert und Zepter hat die Uhr für eine neue Zeitrechnung aufgezogen . Der Prinz von Geblüt hatte dem reichen und ahnenreichen Fräulein kein ebenbürtiges Bündnis anzubieten ; sie durfte nicht seinen Namen führen ; ihre Kinder - hätte er etwas zu sukzedieren gehabt - würden nicht sukzessionsfähig gewesen sein . Aber die Stellung einer fürstlichen Gemahlin auch nur zur linken Hand bot der zur » Reichsgräfin von Reckenburg « Erhobenen noch immer den ersten Rang nach den reichsunmittelbaren Geschlechtern ; der Ehrgeiz sah kein erreichbar höheres Ziel , und so wurde die ursprünglichste Leidenschaft zu einem magnetischen Strom , der eine unstillbare Glut in dem so lange kalten Herzen entzündete . Die Hände , welche ein fürstlicher Gemahl mit galanter Inbrunst küßte , wie hätten sie fortan die Schnüre des Säckels ängstlich zusammenhalten mögen ? Hoffart , die Herrin , hatte ihr Ziel erreicht ; Klugheit , die Magd , wurde des Dienstes entlassen . Bald war die Haushaltung in der Hauptstadt mit rangentsprechendem Glanze eingerichtet . Das junge Paar zählte zu dem Anhange der regierenden Kurfürstin-Königin und mit ihr zu den Feinden des allgewaltigen Favoriten . Am Hasse entzündete sich die Rivalität , und es war vielleicht der einzige Wermutstropfen in Eberhardines Honigbecher , daß sie ihren angebeteten Prinzen es nicht einem Emporkömmling gleichtun lassen konnte , der sich Hunderte von Lakaien und eine eigene Leibgarde hielt , der , wie Friedrich der Große sagt , in Europa die meisten Pretiosen , Spitzen , Pantoffel und so weiter besaß , und mit den Narreteidingen eines verschmitzten Sklaven die träge Sultanslaune seines sogenannten Herrn bis an den Rand des Abgrundes gängelte . War nun der Abstich schon empfindlich während der residenzlichen Winterzeit , um wie viel mehr , wenn der Sommer kam mit seinen ländlichen Festen , der Herbst mit der einzigen königlichen Passion , der Jagd . Da verging wohl kein Jahr , daß nicht der schöpferische Minister in einem eigenen neuen , aus dem Boden gestampften Prachtbau seinem Herrn ein Feenspiel oder eine Sauhetze bereitet hätte . Der Parvenü zählte seine Lustschlösser und Jagdgebiete nach Dutzenden ; der Prinz von Geblüt erfreute sich keiner Handbreit eigenen Landes und auch das Vermögen seiner Gemahlin war nicht in Grundbesitz angelegt . In dieser Verlegenheit gedachte man der alten , verwüsteten Reckenburg , und da romantische Naturschönheit so wenig wie fruchtbringende Bodenkultur in der Berechnung lag , fand man die erwünschteste Gelegenheit : in der Nähe eines schiffbaren Stromes ein Waldrevier mit einem Wildbestand , dessen die verzweifelnden Bauern trotz gewaltsamster Selbsthilfe auf ihren kargen Feldstücken sich nicht erwehren konnten . Man feierte zum voraus im Geiste die Gondelfahrten , Hetz- und Treibjagden , die auf diesem ältesten Reckenburgschen Grunde arrangiert werden sollten , sobald an Stelle der eingeäscherten Burgtrümmer ein Neubau , stolzer als alle Schöpfungen Brühls , sich erhoben haben würde . Allerdings erforderte dieser Neubau Jahre ; Jahre deren sommerliche Hälfte in Ermangelung einer standesmäßigen Residenz auf Reisen verbracht werden mußte . Welche Verlockung nun aber , sich in den kunstfertigsten Ländern Europas mit den Erzeugnissen des Luxus und der Mode für die heimatliche Einrichtung zu versehen ! Endlich stand der heißersehnte Palast aufgerichtet ; der letzte Marmorsims , das letzte Getäfel waren eingefügt ; Stukkatur und Schnitzwerk , Gobelin und Brokat , vor allem das gräflich gekrönte fürstlich-freiherrliche Allianzwappen nicht gespart . Der junge Heckenwuchs des Lustgartens sproßte ; Faunen und Amoretten sprudelten einen Willkommenstrahl ; Keller und Speicher waren zum Übermaß gefüllt ; eine Reihe von Festen sollte den Einzug des hohen Paares verherrlichen . Da , in der letzten Stunde , enthüllte sich der Abgrund , in welchem mit der Fülle des Säckels die Treue des Geliebten versunken war . Ein Zufall lüftete den Schleier . Ob aber in Wahrheit der Taumel der Lust die scharfblickende Frau so lange verblendet hatte ? Ob sie nicht freiwillig die Augen geschlossen , solange ein Tropfen in ihrem Freudenkelche übrigblieb ? Ich glaube das letztere . Sie würde mit diesem Manne , sie würde für ihn gedarbt , ja sie würde seine Untreue geduldet haben , wenn er an ihre Seite zu bannen gewesen wäre . Aber die goldenen Ketten , mit welchen die alternde Schöne den verwöhnten Lüstling gefesselt hatte , sie sah sie geschmolzen . Kein Jahr mehr dieses schrankenlose Treiben , und sie war eine verlassene Bettlerin . So willigte sie denn in eine Scheidung als den einzigen Weg , nicht etwa den bisherigen Glanz , sondern einfach ihre Existenzmittel zu retten . Der flottlebige Herr jubelte über eine Freiheit , die ihm gestattete , seine Wünschelrute nach einem neuen Glücksborn auszuwerfen . Während er nun in Italien und Rußland , den beiden Pflegestätten prinzlicher wie plebejischer Abenteurer jener Zeit , das unstete Treiben seiner Jugendjahre erneuerte , heute Soldat und morgen Seladon , gestaltete die Gräfin ihren ferneren Lebenslauf um so stetiger . Sie zählte mehr als vierzig Jahre , war nicht mehr schön und , nach ihrem Maßstabe , arm . Was Wunder , daß ihr die Welt verleidet , ja daß sie ihr verhaßt geworden war . So bezog sie denn das Erbe ihrer Väter mit dem Entschlusse , den alten Grund zu einer Fundgrube für die erschöpfte Schatzkammer umzuarbeiten . Nach außen hin mußte der überkommene Rang behauptet werden , der gewohnte Glanz gehütet , die gehaßte Welt , und mehr als sie der noch immer geliebte Freund über den wirklichen Mangel getäuscht werden . Er sollte fühlen , welche Befriedigungen er so leichtfertig aufgegeben hatte . Daher die Marotte , die sie von einem soliden Harpagon unterschied , allen und jeden Besitz , den sie beim Einzug in ihren Neubau vorgefunden hatte , zu erhalten und beim Verbrauch zu ergänzen , auch wenn er ihrem persönlichen Leben überflüssig geworden war und , statt Zinsen zu tragen , Opfer forderte . Kein Menschenauge , am wenigsten das der Gräfin , erfreute sich des weitläufigen Ziergartens rings um das Schloß , aber Hecken und Pyramiden wurden regelrecht verschnitten , Pfade und Schnörkelbeete säuberlich gepflegt , Statuen und Ornamente von ihren Beschädigungen durch Wetter und Zeit geheilt . Man feierte keine Festgelage , empfing keinen Gastfreund auf Reckenburg , aber die Fülle des Tafelgeräts , alle der zwecklosen Kostbarkeiten , die , veräußert , in jener klammen Zeit ein nicht gering zu schätzendes , zinstragendes Kapital abgeworfen haben würde , sie blieben , nur durch periodisches Reinigen vor Rost und Staub geschützt , unverrückt an ihrer Stelle . Ja selbst die massenhaften Vorräte in Speicher und Keller wurden schleunigst ergänzt , sobald ein Bruchteil davon in Gebrauch genommen worden , gleichviel , ob der Rest verhärtete , vergilbte , bei der genauesten Aufsicht nicht vor Wurm und Moder zu schützen war . Daher schreibt sich die Unsterblichkeit des nie mehr benutzten Schimmelzugs , die der prunkvollen Lakaienschaft . Die Rache der seltsamen Erhaltungskünstlerin hieß reich werden und reich scheinen , bis sie es geworden . Der angeborene kluge Sinn des Sammelns und Vermehrens , durch eine übermächtige Leidenschaft zeitweise verdrängt , trat wieder in seine Rechte . Es war die Arbeit eines Kolonisten im Hinterwalde , welche ein einsames , in der Atmosphäre eines üppigen Hofes gealtertes Weib unternahm . Niemand ahnte , wie erschöpft ihre Mittel und wie geboten von Anfang ihre persönlichen Einschränkungen waren . Niemand hat daher auch in vollem Umfange die Klugheit , Kraft und Ausdauer gewürdigt , mit welcher sie ihr Werk ins Leben setzte . Man freut sich heute der Kultur einer Gegend , die vor hundert Jahren ein bruchiger Waldwinkel war , und mit Scham höre ich mich häufig als deren Schöpferin gerühmt . Ich bin aber nur auf die Schultern meiner Vorarbeiterin getreten ; die Grundlegung , die unsägliche Schwierigkeit der Urbarmachung ist ihr Verdienst . Sie hat die Sümpfe ausgetrocknet und die Kanäle gegraben , Forsten reguliert , bequeme Transportwege , umfängliche Wirtschaftsbauten angelegt , auf verschlemmten Äckern neue Kulturen eröffnet , sie hat den umfänglichen Deichverband hergestellt , durch welchen unsere Flur gegen die häufigen Übertretungen des Stromes geschützt wird . Sie hatte die Mühe , ich Lohn und Dank , weil sie mich sicher genug gestellt hatte , um über das eigene Gebiet hinaus zu reformieren ; sie erntete Spott und Grauen , ich den Segen , welcher von der Einzelarbeit auf die Gesamtheit , von der Gesamtarbeit auf den einzelnen zurückwirkt , jenen ersten Segen alles Schaffens , groß oder gering , der auch mir , dem einsamen Weibe , zu einem erfüllten Dasein verholfen hat . Kaum hatte die unerschrockene Pionierin sich aus dem Gröbsten herausgewunden , kaum trieben ihre Saaten die erste Frucht , als der Krieg ausbrach , welcher auf wenige Gegenden unseres Vaterlandes härter gedrückt hat als auf diese . Was ich den einzigen Sommer von 1813 hindurch erduldet habe , das erduldete diese Frau sieben Jahre . Wo ich aus dem Vollen schöpfen durfte , sah sie den besten Teil ihrer Anlagen zerstört , und in einem Alter , wo andere sich zur Ruhe neigen , fing sie unverdrossen ihr Werk von neuem an . Und welchen Mut , welche Entschlossenheit hat die alleinstehende Matrone gegenüber der Ungebühr der Armeen von Freund und Feind an den Tag gelegt ; wie beherzt hat sie sich der Scharen der Marodeure und des einheimischen Raubgesindels , das noch lange nach dem Friedensschlusse sich in unseren Wäldern eingenistet hatte , zu erwehren gewußt . Es ist buchstäblich wahr , daß die schwarze Reckenburgerin , ein geladenes Pistol in der Hand , ihre beiden riesigen Heiducken bewaffnet hinter sich , die Schwelle ihres Hauses gegen diesen wüsten Zudrang verteidigte . Diese Heldentat kann als Keimsaat des abenteuerlichen Spukwesens betrachtet werden , das