diesem Augenblick aber war er der alten Stigerin von Herzen dankbar für einen Entschluß , der Dorotheen aus ihren elenden Verhältnissen heraushalf . » Es sind doch gute Leute , und sie meinen es redlich , wenn einer es auch nicht immer so empfindet « , dachte er , indem er sich mit seltener Freudigkeit wieder an sein Tagwerk machte . » Da ist ' s denn doch ganz anders als beim Krämer , der nur für sich selbst wohlhabend ist « , dachte er , als er abends neben Dorotheen beim Nachtessen saß . Siebentes Kapitel Jos fängt an gemütlich zu werden Jener Handwerker , welcher sagte , um den Taglohn trage er das ganze Jahr Wasser vom Brunnen in den Bach oder werfe seinem Arbeitgeber Prügel und Steine nach , war gewiß ein armer Mann , der täglich im Schweiße des Angesichtes sein Brot verdienen mußte und auf der Welt nichts Höheres kennen lernte als den Feierabend . Er war doppelt arm , weil er die Freuden der Arbeit nie empfand , weil er sich nicht für einen Schaffenden , sondern nur für ein Werkzeug hielt . Die Bauern haben daher vielleicht gar nicht so unrecht , wenn sie jene Rede einen Fabriklerspruch nennen . Und auch der arme Ladenschneider hinter einem Berge von unfertiger Arbeit , worauf sollte er sich freuen als auf Feierabend und Lohn ? Wer soll ihm danken für seinen Fleiß , wer seine Geschicklichkeit loben , wenn es sein Arbeitgeber nicht tut , dem das alles zugute kommt ? Ihm fehlt sogar das gemütliche Verhältnis mit seiner Kundschaft , das anderen Handwerkern , die selbst mit dieser verkehren , so wohl tut . Bei seinem Schaffen hat er nicht die Befriedigung , sein Werk allmählich werden und wachsen zu sehen , hier schon die bisherige Tätigkeit belohnend , dort neuen Fleiß , neue Anstrengung fordernd , wie der Bauer , dessen einzelnes Tagwerk einem Nadelstich gleicht an dem Kleide für sich selbst , zu dem ihm sein eigenes Wollen und Können das Maß gibt . Auf dem Stighof , der dem Jos wie eine kleine Welt vorkam , fiel es ihm bald gar nicht mehr ein , daß er eigentlich immer nur für einen anderen arbeiten müsse . Müssen - davon war jetzt keine Rede mehr . Wer hätte die Kühe hungern , die schönen Felder unbearbeitet lassen können ? Hier schaffte er nicht mehr wie beim Krämer nur ins Blaue hinein . Die Wohltat jeder Arbeit kam seiner ganzen kleinen Welt zu , der sie , wie der Segen des Herbstes , gleichzeitig Frucht und Samenkorn wurde . Dorothee war ihm bald wie eine Schwester , Hans wie ein Bruder geworden , und das Lächeln der alten Stigerin , die er nicht selten Mutter nannte , seit er erfuhr , wie sie an Dorotheen handelte , belohnte ihn wie das Mädchen , und es tat ihm wohl , wenn die gute Frau ihn und Hansen wegen ihrer Eifersucht neckte . Anderen Leuten , die gern hatten sehen wollen , wie lange die geldstolze , strenge Frau mit dem trotzigen Jos erträglich auskommen werde , kam das bald etwas kopfschütterlich vor . Man wollte bemerkt haben , daß Jos und Dorothee sich lieber hätten , als zur Verrichtung ihrer Arbeiten nötig wäre . Viele Väter wohlhabender hübscher Mädchen , die bisher eine Heirat Hansens mit seiner Magd gefürchtet hatten , begannen wieder neue Rechnungen zu machen und sagten sich sogar , der klugen Stigerin sei vielleicht Dorotheens Liebelei mit dem Knechte ganz erwünscht und sie sehe nicht ungern , daß der so zwischen sie und Hansen gekommen sei . Wenn aber auch die Stigerin so gedacht hätte , so wäre es ihr ein leichtes gewesen , sich selbst zwischen die beiden zu stellen , und sie hätte darum gewiß nicht eine andere Liebschaft großziehen mögen . In dem Stücke war sie ungemein streng . Von jener Weisheit , die den Menschen erst alles durchgenießen und dann ein lebendiges Buch des Predigers werden läßt , hatte sie freilich nichts , und wie jetzt hatte sie schon vor dreißig Jahren immer nur gefragt , was etwas nütze und was im besten oder im schlimmsten Falle daraus entstehen könnte . Einzig ihre vielen Wohltaten wurden nicht auf dieser Waage gewogen . Als das einzige Kind wohlhabender Eltern und von Jugend auf gesunder und kräftiger als ihr Vater , hatte sie schon früh den Sohn ersetzen müssen wie vorher ihre Mutter den Vater . Alles , was in Kauf und Lauf kam , ging durch ihre Hand , und selbst der Neid wußte ihr nicht nachzureden , daß sie dabei jemals einen schlechten Schick gemacht hätte , wenn man nicht ihre Heirat einen solchen nennen wollte . Wer aber sie und diejenigen kannte , welche um sie warben , dem mußte es ganz begreiflich vorkommen , daß sie , wenn nun einmal durchaus geheiratet werden sollte , nur dem Reichsten gestattete , von ihr oder eigentlich ihrem Hofe den Namen Stiger zu bekommen . Nie stellte der Bregenzerwälder sich trotziger , verschlossener der » Welt da draußen « und allem , was aus dieser zu ihm kommen wollte , gegenüber als gleich , nachdem die alte freie Verfassung des kleinen , kaum beachteten Achtales aufgehoben wurde . Früher strebte der Ehrgeiz der Unabhängigen nach Höherem als nach Geld und Gut ; man hatte gesucht , in der Gemeinde , im Lande etwas Rechtes zu sein , im Männerrate ein entscheidendes Wort mitzusprechen und sich bei den Wahlen zur Geltung zu bringen . Nun aber mußte auf einmal das alles den studierten Herren überlassen werden , und der Bregenzerwälder sah nichts Besseres mehr vor sich als den Genuß des Erworbenen . Die sogenannten unruhigen Köpfe und Neuerer wurden aus dem Lande verdrängt , wenn sie es nicht vorzogen , freiwillig zu gehen , und die Ruhigen besannen sich bald , es sei nun das gescheiteste , sich wohl sein und die ganze Welt unbekümmert gehen zu lassen . Ward einer einmal in seinem Dorfe zu den Reichern gezählt oder hatte er wenigstens ein Anwesen , welches ihm einen Knecht trug , so konnte er sich hinsetzen zu den großen Vielbeneideten oder mit ihnen die Wette eingehen , wer es wohl am großartigsten zu treiben vermöge . Die Volksfeste , jetzt unter geistlicher und weltlicher Aufsicht stehend , wurden , sobald ihnen der frohe Tanz und das freie Wort fehlten , zu gemeinen Schlemmereien , von denen die Besseren sich ins sogenannte Herrenstüble zurückzuziehen begannen . So wurde denn vom Strom des Vergnügens , der rohesten Genußsucht , fast jeder Ungebundene fortgewirbelt ; der Gebundene , durch Not Gefesselte aber stand allein wie eingesandet und warf denen neidische Blicke nach , die ihn lachend sich selbst und seinem Schicksal überließen . Nur die Frauen und Mädchen hatten am häuslichen Herd noch eher eine sichere Stätte . Je weiter die männliche Bevölkerung von der nun einmal eingerissenen Strömung fortgetrieben wurde , desto mehr mußten sie ihre Kräfte üben , damit doch nicht alles zugrunde gehe . Ein Menschenalter später führten sozusagen in allen wohlhabenden Häusern die Weiber das Hausregiment , denn die , in welchen das nicht geschah , waren lange keine wohlhabenden Häuser mehr . Nie standen beide Geschlechter sich mißtrauischer , spröder gegenüber als in dieser traurigen Zeit . Der Wirkungskreis des Weibes erweiterte sich mehr und mehr , aber dieses verlor dabei soviel als der Mann , und das Volk an ihm wohl mehr als an dem letzteren . Herzensgüte und Milde , der Kunstsinn , die Freude am Schönen und die Begeisterung für das menschlich Große schienen verschwunden und der Mensch zum Stallknechte geworden zu sein . Das unter der Herrschaft der Mannweiber herangewachsene Geschlecht wurde kleinlich , pfiffig , sparsam und arbeitsscheu ; der Taler galt alles , und den Wert des Menschen pflegte man in seinem Steuerbüchlein zu suchen . Auch die Stigerin war so ziemlich ein Kind jener Zeit . Nutzen und Schaden - das war ihr Gewissen . Darum hielt sie auch den Reichtum für die Frucht der Arbeit , für den Gotteslohn jeder Entsagung , kurz für die sichtbar gewordene Gestalt aller menschlichen Tugenden und Vorzüge . Sie ging fleißig in die Predigt und nahm alles ohne Grübeln und Deuteln an ; aber als einst ein Kapuziner die Behauptung aufstellte , daß Wohlstand und Glück viel öfter eine Strafe Gottes für allzu irdische Gesinnung seien , da mochte sie gar nichts mehr weiter von ihm hören , und als man bald darauf für das Kapuzinerkloster in Bezau die übliche Buttersammlung in der Gemeinde vornahm , war der Stollen , den sie in den Pfarrhof schickte , bei weitem der kleinste , und den Gruß , welcher Dorotheen mitgegeben wurde , wagte diese gar nicht auszurichten . Es war wirklich Dorotheen nicht zu verargen , wenn sie alles für unüberlegt hielt und sogar den kleinen Stollen verstohlen noch einmal in den Keller trug , um ihn ein wenig wachsen zu machen , wofür sie dann aber von der Stigerin , die das sogleich merkte , die strengsten Vorwürfe erhielt , die sie je unter diesem Dache erschreckt hatten . Doch noch am nämlichen Tag hatte die Magd Gelegenheit , zu bemerken , daß die Frau noch keine kärgere Geberin werde ; ja wie vielleicht immer , fand ihr mildes Herz Ersatz im Wohltun für das , was es dem strengen Verstand hatte opfern müssen . Wenn sie auf das lange Tischgebet zu reden kam , welches auch während der dringendsten Feldarbeit nicht um ein einziges Vaterunser abgekürzt wurde , so sagte sie : » Gott sieht das und kann ' s auf andere Weise wieder reichlich ersetzen . « Von ihrer Mildtätigkeit aber redete sie , besonders mit ihren kargen Freundinnen und Basen , am liebsten gar nicht , oder sie sagte ganz kurz , wie um sich zu entschuldigen , sie habe nicht anders können , als dem armen Teufel mit dem oder diesem wieder ein wenig auszuhelfen . Jos hatte diese Seite ihres Wesens , die sie wie eine Schwäche sorgfältig geheimzuhalten , ja mit einer recht unnatürlich rauhen Rinde zu umgeben suchte , erst kennen gelernt , seit er als Knecht mit ihr unter einem Dache lebte . Der unerwünschte Spielgefährte Hansens war ihr , besonders als Vater und Sohn mit seltener Beharrlichkeit für ihn einstanden , zu sehr zuwider , als daß je ein wärmender Strahl aus ihrem Herzen in sein dunkles , kaltes Kindesalter hätte fallen können . Dieses listige , trotzige , dem Vorsteher und ihrer ganzen Verwandtschaft zum Ärger in die Gemeinde hereingeschmuggelte Kind der Sünde war ihr recht in der Seele zuwider , und wenn Hans für seine Mitteilung am Ostermorgen , daß er den Jos als Knecht gedingt hatte , keine besonders lange Strafpredigt hören mußte , so kam das einzig davon , weil sie glaubte , der schwache Schneider werde seinen Platz nicht eine Woche behaupten können . Weil sie aber das ganz bestimmt vorauszusehen meinte , begann sich schon auch das Mitleid mit dem Armen zu regen , in dessen traurige Lage sie sich jetzt unwillkürlich immer wieder denken mußte , bis sein Trotz eine ganz andere Stimmung weckte . Doch Hansens Erzählung beim Heuführen hatte nicht nur diesem Trotz seine Spitze genommen . Mit einer Art Ehrfurcht blickte er zu Dorotheens Mutter und Erzieherin auf . In jedem Augenblicke glaubte er , für tausend dem armen Kinde zugekommene Wohltaten danken zu müssen . Sein ganzes Wesen schien sich in wenigen Tagen verändert zu haben , und die Stigerin nahm mit Freuden den guten Einfluß ihres Hauses auf den etwas verderbten Burschen wahr , den sie nun mit fast mütterlicher Sorgfalt zu umgeben begann . Jos nahm das für einen Ausdruck ihrer Zufriedenheit mit dem Knechte , und dadurch wurde ihm die ungewohnte strenge Feldarbeit bedeutend leichter . Sein Ehrgeiz und der Gedanke , Dorothee dürfe ihn nicht für einen Schwächling halten , gaben seinem schwachen Körper eine Kraft und Ausdauer , wie er früher das wohl selbst kaum für möglich gehalten hätte . Anfangs blickte er am heißen Mittag wohl zuweilen etwas traurig in die schattigen Werkstätten hinein und ließ das Köpfchen hängen , während er wieder an sein Tagwerk ging . Aber immer mehr richtete er sich auf , so daß die Leute bald bemerkten , das Bürschchen sei am guten Tische der Stigerin nicht nur fetter und kräftiger geworden , sondern auch sein Köpflein sei ihm in der immer stark eingeheizten Stube erwarmt , wie allen , die es früher darum ausgelacht habe . Gar so arg , als die Leute meinten , war es nun freilich nicht ; aber wenn ein Mensch , den man einmal als so und so sich vorzustellen gewohnt ist , nur in einem Stücke umschlägt , so ist jedermann zu Übertreibungen geneigt , welche eine vorgefaßte Meinung zu bestätigen geeignet sind . Freilich verbrauchte er seine Kraft nicht mehr in trotzigem Dulden ; bei den wohlhabenderen Bauern , mit denen er als Seele des Stighofes fast täglich verkehrte , seit ihm den Krämer als Ratgeber und Nothelfer zu verdrängen gelang , hatte er etwas ganz anderes zu suchen als belachenswerte Fehler . Zwar stolzer als ehemals war er nicht , wenn er auch etwas sicherer auftrat und neben Dorotheen seine ehemaligen Gefährten beinahe vergaß ; aber ganz der alte schien er auch sich selbst nicht mehr und hielt sich in manchem Stücke für besser . Wie teuflisch hatte er sich am ersten Tage gefreut , wenn er die Besitzer des Stighofes und Dorotheen in ihren Urteilen über etwas auch nur ein wenig auseinandergehen zu sehen meinte ! Da glaubte er gleich einen Platz entdeckt zu haben , wo er sich vielleicht zwischen sie hineinsetzen konnte ; jetzt aber machte es ihn noch viel glücklicher , sie alle als zusammengehörig zu betrachten . Das Mädchen , das er schon früher zu lieben wähnte , weil er es neidisch , eifersüchtig bewachte , stand jetzt zu groß , zu hoch vor seiner Seele , als daß er noch ärgerlich den Eindruck jedes freundlichen Wortes , jedes Geschenkes auf sein Herz hätte berechnen können . War es nicht recht und ganz natürlich , daß Dorothee auch bei anderen , bei allen etwas galt ? Hatte doch er in der Zeit , wo noch die gemeinste Selbstsucht ihn so beherrschte , daß er der Magd keine Freude gönnte , die ihr andere machten , bei Tag und Nacht an sie denken , nur ihretwegen sich oft weit über seine Kräfte anstrengen müssen . Die war eben der Mittelpunkt im Hause , und er schätzte sich jetzt glücklich genug , daß ihm neben ihr zu leben und mit ihr zu arbeiten vergönnt war . Selbst das Haus , die Felder und alles , was sie je betrat , wurde ihm lieber und werter . Immer mehr lebte er sich mit Leib und Seele in den Zauberkreis hinein , aus dem er anfangs nicht ungern auch das liebe Mädchen herausgerissen hätte . Die alte Stigerin mit dem früher rabenschwarzen Haar , auf welchem bereits der Winter lag , und mit der großen Hornbrille auf den grauen Augen , deren ungewöhnlich starke Brauen mit der die niedere , aber breite Stirne bedeckenden Pelzkappe zusammengewachsen zu sein schienen , kam ihm ganz anders vor , wenn er sich vorstellte , wie sie ein armes Mädchen allem Spott und Neide zum Trotz aus der Hütte des Elends , des Unfriedens und der tiefsten Armut rettete , um ihm Mutter zu sein und es so zu einer Dorothee zu erziehen . Oh , er gab ihr von Herzen recht , wenn sie , von der Geschichte redend , mit einem Stolz , der ihm recht in der Seele wohl tat , sich ein Werkzeug des lieben Gottes nannte , der keinen Menschen unschuldig Armut und Not ertragen lasse , bis er dadurch an Leib und Seele verderbt werde . Wohl hundertmal bat er sie , die die gute Dorothee schon damals liebte und schützte , als er noch ein recht ungezogener Junge war , in Gedanken um Verzeihung für die groben Verse , die er auf die nicht besonders schöne und ihm recht in der Seele verhaßte Mutter seines Spielkameraden gemacht hatte , und die Schneeballen , die er in ihren Kamin warf , wenn die Milchsuppe auf dem Herdfeuer stand , und für all die tollen Streiche , durch die er es hatte rächen wollen , daß sie Hansen stets mit einem unheilverkündenden Pfiff heimrief , sobald sie ihn einmal mit ihm spielen sah . Immer mehr lebte Jos sich in die Verhältnisse des lieben Mädchens , sogar in seine Familie hinein , nicht nur Freude und Leid mit ihr teilend , sondern jede Pflicht , alles , was ihr groß und heilig war . Es gab nichts Schöneres für ihn als ihre Erzählungen aus der Vergangenheit , wie unbedeutend sie auch immer sein mochten . Dorothee wurde oft verlegen , daß ihr aufmerksamer Zuhörer später manche Kleinigkeit aus ihrem Leben , die ihr nur einmal im Erzählungsdrange mitsamt allen Nebenumständen einfiel , bei weitem genauer wußte als sie selbst . So wunderbar , als sie meinte , war das freilich nicht , denn oft genug beschäftigte er sich mit jeder Einzelheit , und besonders ihre wichtigen Tage waren bald auch ihm bedeutend geworden , hauptsächlich der zwölfte März , an dem sie in dieses Haus kam , und der zwölfte Hornung , der Abschiedstag ihres Bruders . Früher vermochte er nicht zu begreifen , wie sie nach diesem Tage noch auf dem Stighof bleiben konnte . Jetzt aber dachte er sich nie mehr an Dorotheens , nur noch an Hansjörgs Stelle . Dieser tat dem Wohltäter seiner Schwester gewiß nicht ungern einen so wichtigen Dienst , wenigstens hätte er es sollen , meinte Jos , als er sah , wie treulich Hans noch immer daran dachte und wie überreich er auch dem Mathisle das ersetzte , was allenfalls Hansjörg als Wochenlohn jeden Sonnabend heimgebracht hätte . So rechnete Jos und zeigte damit so gut als einer , was alles die Liebe zu überwinden oder zu verklären vermag . Aber Jos war ja gar nicht mehr verliebt - er war weit über die elende Selbstsucht hinaus , die ihn quälte und bitter machte , als er in dieses Haus , in den Kreis so guter und glücklicher Menschen eintrat . Er wollte Dorotheen nicht mehr vor jedem Blick , jeder Wohltat , kurz vor allem warnen , was nicht von ihm kam . Sie war seine Schwester , der er alles Gute und Erfreuliche recht von Herzen gönnte . Er glaubte seine verliebte Zeit vorüber , seit er nicht mehr jeden Schritt des Mädchens und derer , die mit ihm verkehrten , mit der Ängstlichkeit der Eifersucht beobachtete , seit er , wie er sich selber sagte , sogar das zu opfern vermochte , was eine andere als brüderliche Zuneigung durchaus für sich verlangen würde . Früher hatte er seinen schönsten Tag , wenn Dorothee zu ihm aufs Feld kam und ihm arbeiten half . Dann hatte er Glück in allem , was er machte , und wenn er auch halbe Viertelstunden nur plauderte oder ihr zuschaute , wie flink sie den Rechen durch die schöne Hand gleiten ließ , wie regelmäßig ihre Sense den Halbkreis durchrauschte und die hohen Halme aufeinanderlegte , am Abend hatte er doch immer weit mehr ausgerichtet , als wenn er allein war . Dann kam er sich auch abends beim Heimgehen nicht mehr als ein einsamer , ganz besonders gearteter Trübsalblaser mit von keinem Lebenden geteilten oder auch nur verstandenen Leiden und Sehnsuchten vor . Sogar im frohen Wettgesang der Vögel hörte er sich selbst . Alles in ihm weitete , leichtete sich , und es nahm ihn fast wunder , daß er nicht zu fliegen vermochte . Ja zuweilen war ' s ihm , als ob er es schon könnte , wenn er sich anders von Dorotheens Seite weggewünscht hätte . Das aber war damals eben nie der Fall . Dorothee sollte nirgends sein , nirgends arbeiten als nur neben ihm . Schon wenn sie mit anderen , besonders wohlhabenden Burschen oder sogar mit Hansen ein freundliches Wort wechselte , klagte er über Zurücksetzung und konnte halbe Tage lang sehr übler Laune sein , gerade als ob man ihm weiß Gott welches große Unrecht angetan hätte . Ja , er war ein recht unerträglicher Mensch gewesen in den ersten fünf Wochen . Nun aber war denn diese verliebte Selbstsucht doch glücklich überwunden . An heißen Julitagen , wo die Blätter an den Stengeln schon vormittags zu erlahmen begannen , konnte er es nicht mehr übers Herz bringen , Dorotheen den ganzen langen Tag neben sich schaffen und schwitzen zu sehen . » Bleib doch daheim , wo du ja genug zu tun hast - wohl mehr als ich draußen « , bat er oft , wenn er aufs Feld zur Arbeit ging , und wie ein Strahl der eben aufgehenden Sonne zog es über sein jetzt auch gebräuntes Gesicht , wenn sie endlich nachgab . Erst dann war sie den ganzen Tag recht bei ihm , und wenn er abends das Getane übersah , so war ' s wirklich , als ob sie ihm geholfen hätte . Ach , war das eine Lust , so für sie zu arbeiten , und dabei unterhielt er sich besser mit ihr , als wenn sie da war . Ja dann wußte er oft gar nichts zu sagen . Es war ihm ordentlich angst vor dem Mädchen , und was er sagen wollte , wäre immer zu lustig oder zu ernsthaft herausgekommen . Doch nur selten ließ die fleißige Magd ihn allein neben dem rauschenden Wiesenbächlein den Sängern des nahen Waldes lauschen und dem Geschwätz der Blätter . Immer wollte sie dabei sein und helfen , wenn ihr nicht auch Hans daheim zu bleiben befahl . Das aber geschah immer häufiger . Sonst war es dem Burschen nie eingefallen , daß das Mädchen einen strengen Dienst habe . Er hatte sich schon daran gewöhnt , sie von früh bis spät in einem fort arbeiten zu sehen , und wenn er mit der kurzen Pfeife im Munde neben ihr stand , so dachte er nur selten daran , daß er ihr wohl auch ein wenig helfen könnte . Erst Jos hatte ihn , ohne es gerade zu wollen , darauf gebracht . Die Arbeitslust , die sich nun auf einmal in dem sonst etwas trägen Besitzer des Stighofes zu regen begann , hätte in seinem Knechte gewiß allerlei Gedanken und Sorgen wachrufen müssen , wenn er noch immer nur eifersüchtig gerechnet und nicht lieber sich herzlich gefreut hätte über alles , was Dorotheen auf irgendeine Weise zugute kommen mußte . Daß Hans sie gern habe , das war ganz klar , aber wer konnte es ihm verargen ? Mußte man ihm nicht gerade darum gut werden , weil er dadurch zeigte , wie weit er über anderen reichen Bauernburschen stehe ? Die beiden redeten viel von der Magd , wenn sie allein mitsammen arbeiteten . Dem Jos war es fast zu viel , und besonders weh tat ihm , daß Hans sich so bitter über ihren gemeinen , verschwenderischen Vater aussprechen konnte , über den Krämer dagegen und seinen Töchtermann sich kaum ein tadelndes Wort gefallen ließ . Wenn es der Andreas immer bunter trieb , so beklagte Hans allerdings die arme Angelika , aber nie gab er zu , daß auch diese durch ihr unfreundliches , strenges Wesen ihn aus dem Hause treibe . » Sie passen nicht zusammen und sind mehr unglücklich als schuldig « , sagte er kurz abbrechend . Das Mathisle aber und sein Hansjörg sollten an allem selbst schuld sein , da taten die Verhältnisse gar nichts . Dorotheen war ein besseres Los geworden , weil sie ein besseres verdiente , behauptete Hans und begann dann , seine Magd auf Kosten ihrer Eigenen zu loben . Das wäre dem Jos rein unmöglich gewesen . Die , für welche Dorothee das ganze Jahr sparte und sorgte , mußte er entschuldigen , solange er konnte , dann aber wenigstens ihre Fehler , wie weh ihm diese auch tun mochten , mit dem Mantel der christlichen Liebe zu bedecken suchen . Es fiel ihm nie ein , von Hansens Tadel gegen das Mathisle , den Hansjörg und sogar Dorotheens kränkelnde Schwester auf das Nichtvorhandensein einer wirklichen Neigung zu schließen . Es konnte ja ebensogut in dieser Härte ein Unbehagen des stolzen Bauern verborgen liegen , der sich von so gemeiner Leute Kind gefangen fühlte . Hans ließ dem Knechte nie Zeit , über seine Reden lange nachzudenken . Nicht etwa , daß er unermüdet arbeiten sollte . Hans hielt im Gegenteil das Leben eher für eine Kurzweil als nur für eine Reihe von Tagwerken , und als Arbeiter war ihm sein Knecht fleißig mehr als genug , aber beinahe zu still . Er bat den Jos oft , ihm ruhig etwas recht Lustiges zu erzählen , und hörte dann so aufmerksam zu , als ob Jos sein Ratgeber und Tröster sei . Aber der arme Knecht hatte nicht immer einen lustigen Einfall in der Tasche , und beide waren oft , ja immer herzlich froh , wenn Dorothee mit dem Mittagsessen kam , wie wenig sie bei der ungewöhnlichen Hitze dieses Sommers auch hungern mochten . Wenn sie zum Essen rief , dann kam der Appetit sicher . Oh , ihre Stimme konnte befehlen . Jos hatte noch nie eine ähnliche gehört als vielleicht - denn ganz wunderbar bekannt , ja eigen war sie ihm immer vorgekommen - in seinen Träumen , in denen er überhaupt manches aus seinem jetzigen Leben schon einmal durchgemacht zu haben behauptete , ohne jedoch noch ersinnen zu können , wie es dann endlich gekommen sei . Schon früher wollte er im Traum , oder er wußte selbst nicht wann , unter der großen Buche neben Hansen und Dorotheen gesessen seih , unter der er jetzt sein Mittagsmahl einzunehmen pflegte . Auch dann hatte das Bächlein gemurmelt , und die Vögel hatten laut gezwitschert , wenn Dorothee über seine nun dutzendweise kommenden Einfälle laut auflachte . Aber das hatte er in seinen Träumen denn doch nicht erlebt , daß Dorothee nicht nur für Hansen , sondern auch noch für ihn einen besonderen Lieblingsbissen auspackte . Das war eine Freude ! Dorotheens wunderbare Stimme mußte nochmals bittend befehlen , bevor Jos so etwas zu vernichten wagte . Die glücklichsten Menschen wie die besten Frauen sind häufig die , von welchen man am wenigsten zu sagen weiß . Das Glück unseres Knechtes glich nicht der künstlichen Arbeit der Blumenmacherin , die den Kirchenaltar ziert , sondern dem bescheiden blühenden und duftenden Kinde des Frühlings , welches vielleicht kaum Beachtung findet . O schade , daß so ein liebliches , duftumflossenes Kind der schönen Jahreszeit mit aller Kunst nicht auch den Sommer über erhalten bleibt und daß es um so schneller verdirbt , wenn man es der einsamen Stelle entreißt , wo es wuchs und blühte . Achtes Kapitel Was Jos mit den Eierschalen dem Krämer und seiner Tochter säte Zu Ostern hatte nicht nur für Jos , sondern auch für den Krämer ein neues Leben begonnen . Die Eierschalen vor der Haustür konnten keine anderen sein als die , welche er am Abende vorher in Stighansens großmächtigem Wetterhut auf einem Balken der Brücke stehen sah . Was war auch natürlicher als das ! Angelika und Zusel hätten sich , wären sie im gleichen Alter gewesen , fast zum Verwechseln ähnlich gesehen . Ja , Zusel hatte nach des Krämers Ansicht entschieden noch den Vorzug gegenüber Angelika , welcher der feurige Blick ihrer Schwester fehlte und jenes grelle Rot der Wangen , ohne welches der Bauer sich ein schönes Gesicht nicht zu denken vermag . Schon die Angelika hatte Hansen die Mutter und seine ganze Verwandtschaft kaum zu erwehren vermocht . Jahrelang trauerte er um sie , aber endlich mußte doch Zusel seine Trösterin werden . Das war dem Krämer ganz klar , seit ihm durch die Entfernung Hansjörgs die Gunst der wunderlichen , stolzen Stigerin zu gewinnen gelang . Länger , als im allgemeinen gerade Brauch ist , ließ der Krämer des scheuen Burschen erstes Liebeszeichen vor der buntbemalten Haustüre liegen , als ob das den vielen hier nach dem Gottesdienste Vorübergehenden nicht nur etwas zu raten , sondern viel zu verstehen geben sollte . Das seltsame Betragen seiner Tochter war nicht imstande , ihn für die Länge aus seiner Festtagsstimmung herauszubringen . Nachgesagt muß ihm werden , daß er bereute , dem Mädchen durch seine Mitteilung und seinen Beweis von Hansjörgs Treulosigkeit so weh getan zu haben . Es war das wirklich mehr in der Leidenschaftlichkeit des Augenblicks als , wie sonst das meiste , was er tat , nur aus Berechnung geschehen . Er hätte diese Waffe gegen eine Neigung , die er noch immer im Herzen seines Kindes lebendig fürchtete , schon lange brauchen können , wenn er dem lieben Geschöpfe nicht gar so weh zu tun gefürchtet hätte . Nun aber war es geschehen , das ließ sich nicht mehr ändern , und es galt nur an das zu denken , was jetzt zu tun oder zu verhüten sei . Zusel krankte jetzt an dem , was doch einmal , früher oder später , über sie hätte kommen müssen . Eine alte Geschwulst war plötzlich aufgebrochen . Das tat freilich weh und erschreckte , wenn man sich schon daran gewöhnt hatte ; doch die Hoffnung , bald geheilt zu werden , war nun berechtigter als je zuvor . Es mußte schmerzen , sich von dem noch unvergessenen Geliebten so verraten und verkauft zu sehen , aber nun erst mußte sie sich gewaltig zu dem festen , ehrlichen Stighans hingezogen fühlen , der so etwas gewiß niemals getan hätte . Und - das vergaß der Krämer denn doch nicht ganz -