nicht von Deutschland und den deutschen Verhältnissen reden wollte : und wie ich mich abmühte , ihn zu Äußerungen und Mitteilungen in dieser Richtung zu bewegen , es blieb stets bei jener uralten batavischen Redensart , mit welcher schon Civilis und Velleda allen unbequemen Erörterungen aus dem Wege gingen : Kan niet verstaan ! - Seinen Rat , seinen Arm , seinen Geldbeutel und seinen Kredit hat er mir jederzeit , auf dem Nil und in Alexandria wie in Abu Telfan , auf das bereitwilligste zur Verfügung gestellt ; mit dem Gemüt hat er mir auf keine Weise geholfen , und so haben wir mit einem Handschütteln Abschied voneinander genommen , wie an der Türe einer Konditorei oder eines Klubhauses . Zu allem andern Unbehagen schleppe ich auch das Gefühl mit mir , daß sich auch hier wieder Schritte , die mir wert und hochgeliebt bis zum Tode bleiben müssen , in die Wüste verlieren . Es ist ein arges , grimmiges Gespenst , welches auf allen Wegen hinter mir dreintritt und die Fäden , die mich mit den Hoffnungen und Sorgen , der Arbeit , der Freude und dem Leide um mich her verknüpfen , mit scharfem Messer zerschneidet . Ich habe nichts , gar nichts heimgebracht aus der Fremde , halte es aber auch für kein Wunder , daß die Heimat gar nicht daran glaubt , eine solche Tatsache gar nicht fassen kann . « Der Erzähler brachte somit für dieses Mal seinen Bericht kleinlaut genug zu Ende , und auch die Frau Klaudine war eine Weile ganz still . Endlich sprach sie mit einem tiefen Seufzer : » Wer verliert nicht mehr , als er findet , auf seiner Wanderung ? Welche ehrlichen Leute rühmen und freuen sich dessen , was sie heimbringen ? Nur die Kleinen und Nichtigen dürfen Triumph rufen , wenn sie ihren Bettelsack ausschütten ; die Großen und Edeln werden immer sich abwenden und sagen : Das Beste gehört nicht uns zu , und wir wissen nicht , von wem wir es haben ! - Was sind wir allesamt anders als Boten , die versiegelte Gaben zu unbekannten Leuten tragen ? Die größte Schlacht und das höchste Gedicht , von wem kommen und zu wem gehen sie ? Kein rechter Sieger auf irgendeinem Felde wird je rufen : Dies ist mein Werk und das soll es wirken ! - Ich danke Ihnen , mein Freund , für die Stunden , welche Sie mir heute gegeben haben . Wir wollen immer bessere Freunde werden , Sie und ich und Nikola Einstein und noch einige andere . Wir wollen einander helfen und nicht ungeduldig sein . So lange Zeit , als Sie in der entsetzlichen Gefangenschaft lagen , hab ich hier in der Einsamkeit , in Gram und eintönigem Schmerz gesessen und hab auch heute nicht gefunden , was ich suche . Wir wollen Geduld lernen und lehren und einander helfen , wie wir vermögen . Nun wird es Nacht ; Sie müssen gehen , und ich bleibe wieder allein ; daran werden Sie denken auf Ihrem Wege , und es ist gut für Sie . Sie werden oft zu der Mühle zurückkehren , und das ist gut für mich . Nun will ich Sie auf die Stirn küssen , Leonhard Hagebucher , und Ihnen gute Nacht sagen ; heute soll kein böses Gespenst Ihnen folgen und den Faden , der Sie an die Katzenmühle bindet , zerschneiden . Ich will gute Wache darüber halten , und morgen sollen Sie die alte Frau in der alten Mühle loben . « Zehntes Kapitel » Gute Nacht , Madam Klaudine « , hatte auch Leonhard Hagebucher gesagt und war seines Weges , oder was man so nennen mag , gegangen ; denn er wußte wenig von seinem Wege , er spürte ihn jedenfalls kaum unter den Füßen . Von den ersten Bäumen des Waldes aus hatte er noch einmal zurückgeblickt nach der kleinen Hütte unter der Felsenwand . Der Fels war dunkel , das Gärtchen lag in tiefer Dämmerung , und es war wie Magie , als jetzt Christine die Lampe der Frau Klaudine anzündete und der Lichtschein aus dem Fenster der Mühle dem zögernden Lauscher nachfolgte in den Wald . Leonhard grüßte diesen Schein noch einmal tiefer zwischen den Bäumen und schritt erst dann schneller vorwärts , als der Stamm einer alten Eiche ihn seinem Blick entrückte ; die letzten Worte der Greisin erhielten jetzt erst ihr volles Gewicht : kein arglistiger Dämon durfte seine heutigen Schritte auslöschen oder verwirren , eine Ruhe und Sicherheit , die er lange nicht mehr gekannt hatte , erfüllten sein Herz und machten seine Seele still wie die schöne Nacht rings um ihn her . Nicht alles , was er heute sah , hörte und erlebte , war geeignet , ihm die so wünschenswerte Klarheit des Daseins zu gehen ; aber ein erster Hauch eines neuen Tages hatte ihn getroffen und kühlte ihm die heiße Stirn : so schüttelte er sich und schritt rüstig weiter , erst auf dem kaum sichtbaren Pfade durch den düstern Tal- und Waldgrund , dann auf der Landstraße durch das Dorf Fliegenhausen und zuletzt auf einem andern engen Pfade seitwärts der Landstraße , durch das hohe Korn , dessen nächste Halme er fortwährend durch die Hände gleiten ließ . Er hatte sich in eine große Aufregung , ein halbes Fieber hineingeredet , als er der Frau Klaudine die letzten Augenblicke seines Aufenthalts in Abu Telfan schilderte ; aber die leisen Tropfen an dem zerbrochenen Mühlrad und die Bewohnerin der Mühle selber hatten doch den Sieg davongetragen über die Aufregung und das Fieber . Immerfort klangen die Tropfen und die gute sanfte Stimme der alten Frau in seinem Ohre . Er sah Nikola von Einstein in der Fensterbrüstung sitzen , wie sie mit den Blüten und grünen Zweigen , welche in das Fenster lugten , spielte ; er sah sie auf dem weißen Pferde gleich einer Jägerin aus » Tristan und Isolde « , wie sie über die Hecke winkte , ehe sie im Walde verschwand . Auch ihre Stimme und ihr Lachen erfüllten die Nacht und sein Herz ; - sein Weg führte ihn sanft ansteigend aus der Tiefe in die Höhe , und nun stand er , immer noch zwischen den Ährenfeldern , neben einem alten , morschen , sehr überflüssigen Wegweiser und blickte zurück und rief , was er schon einmal am Zaun des Bumsdorfer Gutsgartens ausgesprochen hatte : » Bei Gott , es ist doch schön im Vaterlande . Kurru , kurru , kurru , masch biqwa Schilla qwa Baggara ! « Letzteres Gegurgel bedeutete die Nationalhymne des Mondgebirges , deren Anfang in wortgetreuer Übersetzung lautet : Was ist des Negers Vaterland ? Ist ' s Schillukland ? Baggaraland ? Ist ' s , wo der Niger brausend geht ? Ist ' s , wo der Sand der Wüste weht ? O nein , nein , nein usw. und welche deshalb für den Deutschen von Interesse und literarisch- wie politisch-historischer Bedeutung sein muß , weil sie mit einem Liede , welches er selbst bis in die jüngste Zeit gern und häufig sang , eine unverkennbare Ähnlichkeit besitzt . Ja , das Vaterland war sehr groß und sehr schön , und sehr hübsches , angenehmes , verständiges , aber auch sehr kurioses Volk lief darin herum . Mit einer ausgezupften Ähre in der Hand ging der Afrikaner weiter , und die Vorstellung , die Landenge von Suez durchgraben zu helfen , würde ihn heute nicht bewogen haben , von der Universität Leipzig durchzubrennen . Dagegen erschien ihm die Idee , der deutschen Nation öffentliche , gut honorierte Vorlesungen über das Tumurkieland zu halten , in der Tat recht einleuchtend und leicht ins Werk zu setzen . » Warum nicht ? « fragte er den dunkeln Horizont , den warmen Nachtwind und die funkelnden Sterne und fügte hinzu : » Nur Mut - und Selbstvertrauen bis zur Unverschämtheit , Hagebucher ! Zeige ihnen , mein Sohn , daß du doch nicht so ganz umsonst so lange in die Schule der Troglodyten gingst und mit einigem Nutzen am Mondgebirge den Eselskopf trugst , auf Erbsen knietest und die Rute bekamst . Weshalb solltest du es nicht wagen , Alter , den Kampf mit dieser närrischen Zivilisation von neuem aufzunehmen - wer weiß , wieviel Honig die Biene in sich hat ? Jedenfalls , mein Kind , hast du weder Ruf noch Ruhm zu verlieren ; und zu gewinnen - « Er brach ab und seufzte tief ; doch es war ein Zauber in dieser Nacht , und er konnte auch schon den Gedanken an Gewinn tapfer von sich abschütteln . Seine Schritte wurden immer länger , er ging körperlich und geistig durch , und es war ein großes Wunder , daß er mit heilen Gliedern auf der Bumsdorfer Landstraße wieder anlangte . Nochmals hielt er an und horchte auf ein Rauschen seitwärts von des Vetters Wassertreter tadellos gehaltenem Pfade . Da war ein laufender Brunnen und eine Steinbank daneben inmitten einer Baumgruppe , ihm wohlbekannt aus seinen Knabenjahren . Obgleich er den Platz schon am hellen Tage einige Male aufgesucht hatte , so behagte es ihm doch auch jetzt in dieser Nacht wieder , daß der Strahl noch immer so frisch und kräftig in das Becken schoß , daß das lustige Gesprudel und Geplätscher während seiner Abwesenheit nicht versiegt war . Er beugte sich nieder , um gleich dem alten Zyniker mit der hohlen Hand zu schöpfen , besann sich jedoch eines Bessern und hielt den Mund an die Rinne wie vorzeiten und trank in vollen Zügen . Oft hatte er an diesen Quell denken müssen in dem heißen , glühenden Felsental von Abu Telfan und hätte oft mit Freuden ein Jahr seines Lebens für eine Minute an dieser Stelle hingegeben . Nun dachte er daran zurück und richtete sich wiederum dankbar und klüger in die Höhe . Er saß noch einen Augenblick ausruhend auf der Bank und benutzte die gute , klare Stimmung , um sich und der alten Dame in der Katzenmühle zu versprechen , fürderhin auch mit wenigem zufrieden zu sein und nötigenfalls das Leben fortzuführen in Europa wie in der Lehmhütte des Tumurkielandes , auch sich nicht allzusehr an den Worten und Werken seiner lieben Nachbarn zu ärgern , sondern in Geduld die Tage und die Dinge an sich kommen zu lassen , ferner mit Hülfe der Götter seine Meinung deutlich zu sagen , dieselbe aber auch , und zwar ebenfalls mit Hülfe der Götter , ruhig für sich zu behalten , dann für seine Gesundheit zu sorgen und zuletzt sich ein gutes Konversationslexikon zu eifrigstem Studium anzuschaffen . Lauter verständige , ehrenwerte und nützliche Vorsätze , Gelöbnisse und Pläne , aber alle kaum originell genug , um näher darauf eingehen zu müssen , weshalb wir sie ihm zu eigener reiflicher Überlegung anheimgeben und uns , da er überdies recht bequem neben diesem rauschenden Born sitzt , zu einem andern Wanderer kehren , der sich ebenfalls um diese Zeit auf dem Wege gen Bumsdorf befindet . Am Marktplatz der Stadt Nippenburg liegt ein stattliches Haus mit glänzenden Spiegelscheiben und graugrünen Fensterläden , einem weiten Torweg und einem kurzstämmigen , haarigen Hausknecht : der Goldene Pfau , der erste Gasthof der Stadt . Seit undenklichen Zeiten steht sein Ruf fest , nicht nur in Nippenburg , sondern weit in die Lande . Generationen von Honoratioren haben ihre Bälle in seinen Räumen gehalten , Generationen von fetten Amtmännern und fetten und hagern Pastoren sind vor seiner gastlichen Pforte abgestiegen , hundert Generationen von Handlungsreisenden haben seinen Preis gesungen weithinaus einst über die Grenzen des Hansabundes und jetzt über die des Zollvereins , und der Goldene Pfau verdient das alles ; er ist auch heute noch ein Ort , an welchem man es sich wohl sein lassen kann und wo man unter allen Umständen seine Rechnung findet . Im Goldenen Pfau befand sich natürlich auch der » Herrenklub « von Nippenburg , und der Steuerinspektor Hagebucher war ebenso natürlich ein ausgezeichnetes , wohlangesehenes Mitglied dieser trefflichen Gesellschaft . Seine Pfeife mit einer Fliege auf dem Kopfe wurde vom Kellner mit kaum geringerm Respekt in Verwahrung gehalten als die des Kreisgerichtsdirektors und des Generalsuperintendenten ; er - der Herr Steuerinspektor - war sehr eigen in betreff seiner Pfeife . Sein Platz wurde selten von einem frechen oder unwissenden Usurpator eingenommen . Er der Inspektor - machte keinen Anspruch darauf , die Zeitungen zuerst zu bekommen , aber er bekam sie zu seiner Zeit und erinnerte sich nicht , daß ein anderer als ein hospitierender Vorgesetzter oder sonst im höhern Rang stehender Mann die althergebrachte Reihenfolge in frevelhaft politischer Neugier gestört habe . Viele , viele Jahre hindurch hatte sich der Steuerinspektor Hagebucher ungemein behaglich in diesem Kreise der Aristoi , der Besten in Nippenburg , gefühlt ; und sowohl vor als nach seiner Pensionierung war der Tag in seinem Kalender schwarz unterstrichen , an welchem ihn irgendein Umstand zwang , seine Pfeife , seinen Stuhl und die Zeitung daselbst einmal aufzugeben . Es entstand dann eine Lücke in seinem Dasein , für welche seine Hausgenossen jedesmal ziemlich schwer zu büßen und mit ihrer Behaglichkeit einzutreten hatten . Was ist aber der Mensch und das Vergnügen des Menschen ? Es hat beides seine Zeit und leider eine gar kurze . Wir mögen noch so sicher , sei ' s hinter dem Ofen oder am Fenster , je nach unserm Geschmack Posto fassen : über ein kurzes , und die Nesseln drängen sich durch den weichsten Teppich , das schönste Parkett , wuchern um unsere Füße , wachsen und schlagen über unserm Kopfe zusammen . Es ist an und für sich ein nobles Gefühl , Stammgast zu sein , Stammgast sowohl auf der grünen Erde wie im Goldenen Pfau : aber dauerhaft ist der Genuß keineswegs , und der Steuerinspektor Hagebucher fühlte sich seit einiger Zeit längst nicht mehr so wohlig im Goldenen Pfau wie früher . Niemand aber trug die Schuld daran als der Afrikaner , der aus dem Tumurkielande so unvermutet heimgekehrte Sohn . Seltsam ! Solange unser wackerer Freund Leonhard in der geheimnisvollen Ferne undeutlich und schattenhaft vor den Augen von Nippenburg umhertanzte , ja sogar als ein Verlorener erachtet werden mußte , zog sein Papa im Pfau einen gewissen wehmütig-würdigen Genuß aus ihm . Man wußte ja von seiner Tätigkeit auf der Landenge von Suez und seiner Fahrt nilaufwärts ; der junge Mann war gewissermaßen ein Stolz für die Stadt , und wenn er wirklich zugrunde gegangen war , so hatte Nippenburg das unbestreitbare Recht , sich seiner als eines » Märtyrers für die Wissenschaft « zu erfreuen und ihn mit Stolz unter all den andern heroischen Entdeckern als den » Seinigen « zu nennen . Es war sogar bereits die Rede davon gewesen , ob man dem heldenmütigen Jüngling nicht eine Marmortafel an irgendeinem in die Augen fallenden Ort oder seinem Geburtshause schuldig sei , und der Papa Hagebucher hatte bei einer jeden derartigen Verhandlung das Lokal stumm , gerührt , aber doch gehoben verlassen und das achtungsvolle Gemurmel hinter sich bis tief ins Innerste verspürt . Nun hatte sich alles dieses auf einmal geändert und war sogar ins Gegenteil umgeschlagen . Der tief bedauerte Afrikareisende war heimgekehrt , aber nicht als glorreicher Entdecker ; und wer sich allmählich sehr getäuscht und gekränkt fühlte , das war die gute Stadt Nippenburg . Schon im fünften Kapitel ist davon die Rede gewesen , wie sie im allgemeinen ihn aus ihrem goldenen Buche strich ; wie aber der Goldene Pfau im besondern sich zu und gegen ihn und seinen Erzeuger verhielt , das muß noch gesagt werden . Der Goldene Pfau fing ganz süß , sanft , sacht an , seinen Stimmungen Ausdruck zu geben ; aber man weiß , über welche Stimmmittel dieses Gevögel zu gebieten hat , sobald es ihm Ernst wird , seine Meinung zu äußern . Der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen ist sicher nicht kürzer als der vom Bedauern zum Hohn , und der Papa Hagebucher durfte sehr bald als Autorität für diesen Erfahrungssatz vortreten , ohne jedoch im geringsten hieraus einen Genuß zu ziehen . Man zog ihn bald ganz erschrecklich auf mit dem » berühmten « Sohn , und nachdem dieser sogar frech genug gewesen war , die ihm angetragene Stelle auszuschlagen , nahm keiner der Herren im Klub mehr ein Blatt vor den Mund , sondern man erklärte den Mann aus dem Tumurkielande kurzweg für einen Lumpen . Der Steuerinspektor schluckte nun im Goldenen Pfau Galle und Gift löffelweise , pillen- und pulverweise , und das schlimmste war , daß er ganz und gar auf der Seite der Achselzucker , Seufzerfabrikanten und Spötter stand und alles , was man ihm in betreff des Sohnes zusammenkochte und -braute , selber im eigenen Busen wütend durcheinanderquirlte . An jedem Abend kehrte er verbissener und grimmiger aus dem Pfau heim ; denn die Gesellschaft hielt mit Energie an diesem ausgiebigen Unterhaltungsstoff fest , was ihr eigentlich auch nicht zu verdenken war , da er gleich einem guten Wein mit den Tagen an Gehalt zunahm . Es ist traurig , aber wahr : je tiefer unser Freund Leonhard in der Achtung des Goldenen Pfaus sank , desto lieber wurde er ihm . Der Steuerinspektor gewann ihn freilich nicht lieber : eine Krise mußte kommen , und sie kam ; denn auch der Geduldigste will sein Behagen in seiner Kneipe haben , und daß der Vater Hagebucher nicht zu den Allergeduldigsten gehörte , wissen wir bereits . An diesem Abend , an welchem so viele gute Geister dem freier atmenden Leonhard auf seinem Wege nach Bumsdorf folgten , an diesem Abend , an welchem die Greisin in der Katzenmühle mit milder , aber tapferer Hand alle bösen und hämischen Kobolde von seinem Pfade zurückhalten wollte , an diesem Abend war die Gesellschaft im Pfau anzüglicher denn je . Die hohe und niedere Geistlichkeit überbot die hohe und niedere Jurisprudenz , das Steuerfach überbot das Forstfach und der Kaufmannsstand die gelehrten wie die ungelehrten Schulen der Stadt an treffenden , aber unangenehmen Bemerkungen ; und wenn der Papa Hagebucher sonst einen keineswegs von ihm gewürdigten Trost und Schirm an dem Vetter Wassertreter besaß , so fehlte ihm heute der Gute auch , und die andern hatten den alten Herrn für sich allein . Der Goldene Pfau benutzte die Abwesenheit des Vetters Wassertreter auf das heilloseste . Mit der unverhohlenen Absicht , zu ärgern , zweifelte man an allem , was noch den armen Leonhard in der Meinung der Welt heben konnte ; man stand nicht an , den Kanal von Suez für einen Humbug zu erklären , man glaubte durchaus nicht mehr an das Tumurkieland und die Gefangenschaft zu Abu Telfan ; ja es fehlte wenig , so würde man sogar an der Existenz dieses Erdteils , genannt Afrika , gezweifelt haben , und alles nur in der löblichen , unschuldigen Absicht , sich einen vergnügten und dem Vater des Afrikaners wie gewöhnlich einen sehr unvergnügten Abend zu bereiten . So brieten sie den Alten bis zehn Uhr , als der Onkel Schnödler die Pfanne umstürzte . Der Steuerinspektor verachtete den Onkel Schnödler im Grunde seines Herzens nicht wenig , sowohl als Staatsbürger wie als Privatmann und Gemahl der Tante Schnödler . Und nun fing dieses wesenlose , vom Pantoffel zerquetschte Ding auch noch an , seine - o großer Gott , seine ! - Ansichten über den verlorenen Sohn und den Vater desselben herauszupiepsen ! Den Gerichtsdirektor , den Superintendenten , den Forstrat , den Amtsrichter , den Konrektor und den Vetter Sackermann ließ sich der Alte gefallen und hatte ihren Insinuationen kaum etwas anderes als ein geheimes Grunzen und Stöhnen entgegenzusetzen . Aber der Onkel Schnödler ! - Himmel und Hölle - bei dem Fazit sämtlicher Hauptbücher des Universums , Fleisch und Blut ertrugen es nicht , es war zu niederträchtig , zu kränkend , zu entwürdigend ! Der an die Versammlung im allgemeinen gerichteten Erklärung , er - der Steuerinspektor Hagebucher - werde nie wieder einen Fuß in den Goldenen Pfau setzen , fügte der Alte , speziell gegen den schreckensbleichen und mit aufgerissenem Mund und Augen dreinstarrenden Onkel Schnödler gewendet , hinzu , er - der Onkel Schnödler - sei ein allzu eselhafter Tropf und allzu jämmerlicher Waschlappen , als daß irgendein Nutzen , Genuß oder eine Genugtuung zu erhoffen sei , wenn man die wohlverdiente Ohrfeige auch noch so nachdrücklich verabreiche . Verachtungsvoll drehte der Vater des afrikanischen Abenteurers dem Gatten der Tante Schnödler den Rücken zu , überlieferte diesmal nicht mehr die Pfeife dem zitternd harrenden Louis , sondern verließ mit ihr , nachdem er grimmig Hut und Stock verlangt hatte , tief gekränkt , aber doch als ein sehr würdiger Mann den Goldenen Pfau . Der Herrenklub bedauerte sehr , den Spaß ein wenig zu weit getrieben zu haben , freute sich jedoch , alle Schuld an der unerwarteten Katastrophe auf die sehr geduckten Schultern des elenden Onkel Schnödler abladen zu können . Unter dem Eindruck des unerhörten Ereignisses trennte sich die Gesellschaft früher als gewöhnlich - fiel ihr nicht ein , im Gegenteil , sie saß viel länger als sonst zusammen , um die Sache reiflich durchzusprechen ; und nur der Onkel Schnödler durfte , mit der Mißachtung aller bedeckt , abziehen und seine Zerknirschung zu der am häuslichen Herd in mürrischer Unnahbarkeit thronenden Gattin tragen , welches letztere gleichfalls seine Folgen für die Heiterkeit und Harmlosigkeit der sozialen Verhältnisse Nippenburgs hatte . Wenden wir uns nun wieder zu dem im entsetzlichsten Groll in die Nacht hinausschreitenden Steuerinspektor . Zum erstenmal in seinem Leben hatte er den Goldenen Pfau verlassen , ohne seine Rechnung bezahlt zu haben ; auch dieses mußte ihm unter dem Stadttor noch einfallen und stellte in einem Charakter wie der seinige das philosophische Seelengewicht sicherlich nicht wieder her . Er sprach den ganzen Weg über mit sich selber , und die Pappeln zu beiden Seiten der Bumsdorfer Chaussee schienen flüsternd ein und dieselbe Bemerkung über ihn weiterzugeben . Von Nippenburg bis Bumsdorf schüttelten sie sich leicht schaudernd , und es ging ein leises Raunen und Rauschen des Vetter Wassertreters Landstraße entlang : » Wehe dem Haus Hagebucher , da kommt der Alte , und in welcher Gemütsverfassung ! Wehe der Matrone , der Tochter und vor allem dem Sohne ! Seit der Vater der Götter und der Menschen unsern hochfliegenden Bruder Phaethon mit dem tödlichen Strahle traf , ihn in den Eridanus stürzend , sahen wir nicht einen gleichen Zorn . Wehe dir , armer Leonhard ; wie sind auch mit dir deine jugendlichen Wünsche durchgegangen ! Sehet , ihr Schwestern , den hohen Greis ! Schon erhebt er den strafenden Stab ; noch eine gräßliche Pause wie vor dem Schlage , der unsern Bruder traf , und auch er schlägt zu , und billigend nickt Zeus aus den olympischen Höhen . « Also flüsterten die Heliaden an der Bumsdorfer Chaussee , und der Steuerinspektor Hagebucher , mit immer wachsendem Grimme an der erkalteten Klubpfeife saugend , schritt vorüber , seinen verdüsterten Laren und Penaten zu . » Es ist aus und vorbei , es wird ein Ende gemacht - heute noch - in dieser Stunde ! Hehehe , wenn mir das einer vor fünf Monaten prophezeit hätte ! Obwohl jemals ein Vater in solcher Art gestraft wurde ? Hahaha ; aber es wird in dieser Stunde noch ein Ende gemacht ! « So ist das Schicksal . Zwei Gegner , welche die beste Absicht haben , sich zu versöhnen , können lange auf eine passende und bequeme Gelegenheit dazu warten ; sobald aber jemand recht inniglich sich darauf freut , einem andern Jemand bei der ersten Begegnung , wenn Zeit und Umstände günstig sind , in die Haare zu fallen , so wird diese Begegnung sicherlich an der nächsten Straßenecke stattfinden , und Zeit und Umstände werden nicht das mindeste zu wünschen übriglassen . In dem Augenblick , in welchem Hagebucher senior vom Westen her seine Pforte erreichte , langte Hagebucher junior beschleunigten Schrittes von Osten her vor derselben an , und die Auseinandersetzung konnte auf der Stelle vor sich gehen . » Guten Abend , lieber Vater « , sagte Leonhard sanft und herzlich . » Das war ein schöner Tag , und dies ist ein glückliches Zusammentreffen . « Der Alte , leise keuchend mit zitterndem Hausschlüssel das Schlüsselloch suchend , antwortete nicht . » Welch eine Ernte ! « suchte Leonhard für seinen Teil die Unterhaltung weiterzuführen . » Welche Kornfelder ! Welcher Weizen ! Das wäre etwas für meine Freunde in der afrikanischen Wüste , im Tumurkielande - « Der Alte hatte jetzt das Schlüsselloch gefunden , die Haustüre jähzornig aufgerissen und stand nun auf der Schwelle , den Eingang in das Haus mit seinem Körper deckend . » Ich will nichts mehr von der afrikanischen Wüste , ich will nichts mehr von dem Tumurkielande , ich pfeife auf beides ! « schrie er . » Ich habe übergenug davon gehabt , und jetzt soll ein Ende damit gemacht werden ! Aus dem Pfau bin ich herausgelästert , und zehn Pferde sollen mich nicht wieder hineinbringen ; aber in meinem Hause will ich Ruhe haben . Mein ganzes Leben bin ich ein solider und achtbarer Mann gewesen , und so hat man mich ästimiert ; aber jetzt bin ich wie ein Kamel mit einem afrikanischen Affen drauf und kann mich nicht sehen lassen , ohne das ganze Pack mit Geschrei und Fingerdeuten und Gepfeife in den Gassen hinter mir zu haben . Und wer ist schuld daran ? Wer hat den ehrlichen Namen Hagebucher so in den Verruf und in die Mäuler des Janhagels gebracht ? Kein anderer als der Herr aus dem inwendigsten Afrika , der Phantast , der Landläufer - « » Vater ! Vater ! « rief Leonhard ; doch im höhern Tone schrie der Alte : » Was Vater , Vater ? Seit der Heimkehr des saubern Herrn zweifle ich an meiner eigenen Existenz ; die ganze Welt hat die Drehkrankheit gekriegt , und - und ich will es nicht mehr haben ! Aus dem Goldenen Pfau konnten sie den pensionierten Steuerinspektor Hagebucher hinauswerfen ; aber innerhalb meiner vier Pfähle bleibe ich noch Herr , der ganzen Welt zum Trotz , und lasse mir meine Rechnung nicht so leicht verwirren . « Es wäre vielleicht besser gewesen , wenn die Mutter und die Schwester Leonhards sowie die Magd des Hauses sich in diesem Moment nicht ins Mittel gelegt hätten . Aber von dem Lärm vor der Haustüre aufgeschreckt , kamen sie bleich und zitternd und warfen sich , als sie erkannten , wer da in der nächtlichen Dunkelheit im Streit liege , mit hellem Angst- und Wehruf zwischen die Parteien . Das goß nicht Öl , sondern Erdöl in die Flammen , und zu dem Feuer kam die erschrecklichste Explosion . » Ich lasse mir meine Rechnungen nicht verwirren « , schrie der Alte , » und einen Rechnungsfehler verachte ich , dulde ihn nicht und werfe ihn hinaus ! « Damit schob er die entsetzten Frauenzimmer in das Haus zurück , folgte ihnen , schlug dem Sohne die Tür vor der Nase zu und schob , um alle fernern Verhandlungen für heute unmöglich zu machen , den Riegel vor . Mitternacht schlug ' s auf dem Bumsdorfer Kirchturm , und Leonhard Hagebucher stand und hatte augenblicklich weiter nichts zu sagen . Ein halbe Stunde später jedoch konnten die Töchter des Helios und der Nymphe Merope an der Bumsdorfer Straße auch über ihn ihre Bemerkungen machen . Unsichern Schrittes wanderte er nach Nippenburg , und um ein Uhr morgens vernahm der Vetter Wassertreter seinen leisen Ruf unter dem Fenster , kam in schlurfenden Filzpantoffeln die Treppe herab , öffnete ihm die Tür und sprach , nachdem er das Geschehene erfahren hatte : » Auch wenn ich nicht längst auf dieses gewartet hätte , würde ich mich nicht darüber wundern . « Elftes Kapitel In einer ebenso schönen Nacht wie die eben geschilderte , auch nicht sehr lange Zeit nach dieser , saß Nikola von Einstein in ihrem Erkerstübchen auf dem Bumsdorfer Gutshofe und schrieb . Das Stübchen war schon manches Jahr auf dem Hofe unter der Bezeichnung » Nikolas Nest « bekannt und wurde als solches von jedermann mit einem zugleich liebevollen und bewundernden Lächeln respektiert . Es war wie eine Rosenknospe auf einem Korb voll Käse . Der Lehnsherr betrat es nur auf den Fußspitzen und hielt sich stets vorsichtig , aber mit staunender Billigung im Mittelpunkt desselben ; die Lehnsherrin konnte immer nur mit Mühe bewogen werden , ihre Schuhe vor der Tür nicht auszuziehen , und die Kusinen erklärten , es sei » zum Küssen reizend « , und hielten sich dann in ihrem Entzücken mit um so größerer Inbrunst an die Gebieterin des Zauberreiches . Es gab aber auch für Nikola in der ganzen weiten Welt , außer vielleicht der Katzenmühle , keinen andern Ort , an welchem sie sich so behaglich und geborgen fühlte wie in diesem ihrem Stübchen auf dem Bumsdorfer Gutshofe . Seit ihren Kinderjahren hatte sie alle ihre Neigungen dahin zusammengetragen , und jede neue Sommerfrische hatte das Nest weicher und zierlicher gemacht und seinen Schmuck und Putz vermehrt . Als Kind und junges Mädchen war sie hier sorgenlos , leichtherzig , lustig , glücklich gewesen , als älteres , sehr verständiges Mädchen und Hofdame der Prinzeß Marianne hatte sie hier - - doch ein gut Stück ihres Lebens ist in dem , was sie augenblicklich an ihre Freundin Emma in der Residenz schreibt , somit überhebt sie uns der nicht leichten und jedenfalls sehr verantwortungsvollen Aufgabe , das Buch ihres Daseins ins kurze zu bringen , und sagt selber , was zu sagen ist . » Hochwohlgeborene Frau Majorin und allersüßestes Herz ! Wälder und Felder schlafen , das Dorf schläft , und auch die gute Verwandtschaft weiß wenig von sich nach