häßliches Gesichtchen , man sah nur den kleinen Lockenkopf , und so war das junge Mädchen mitdem Kinde auf dem Arme in diesem Augenblicke das schönste Madonnenbild . Sie war eben im Begriff , unwillig zu antworten , als die bekränzte Thür aufging ; sie mochte nur angelehnt gewesen sein , denn langsam und allmählich fiel sie zurück und ließ die Draußenstehenden ins Zimmer sehen . Es war in der That , als solle eine junge Braut ihren Einzug halten ; auf dem Sims des einzigen Fensters da drin standen Vasen voll Blumen , und die Regierungsrätin hatte eben eine lange Guirlande in zierlichen Festons über den Schreibtisch gehangen . Sie trat zurück , um das Werk ihrer Hände von fern zu betrachten , dabei wandte sie den Kopf und erblickte die draußen stehende Gruppe . Vielleicht mißfiel ihr die Madonnenähnlichkeit , sie runzelte mißmutig die feinen Brauen , rief ihr Dienstmädchen herbei , das mit dem Staubtuche über die Möbel fuhr , und zeigte nach der Thür . » Wirst du denn gleich ' runtergehen , Aennchen , « schalt Rosa herauseilend , » du sollst dich ja von niemand auf den Arm nehmen lassen , hat die Mama gesagt ... Die gnädige Frau sieht es gar nicht gern , « sagte sie schnippisch zu Felicitas , während sie die Kleine nahm und auf den Boden stellte , » wenn Aennchen zu allen Leuten geht und sich küssen und hätscheln läßt - es sei nicht gesund , meint sie . « Sie führte das bitterlich weinende Kind ins Zimmer und schloß die Thür . » Ei , du heiliges Kreuz , ist das ein Volk ! « knirschte Heinrich , indem er die Treppe hinabstieg . » Siehst du , das hast du nun von deinem guten Willen , Feechen ! - Solche Leute denken , ihre Krankheiten seien ebenso vornehm , wie sie selber , und man müsse Gott danken , wenn man mit seinen gesunden Händen ihre elenden Leiber anrühren darf . « Felicitas schritt schweigend neben ihm . Als sie die Hausflur betraten , rollte draußen ein Wagen über den Marktplatz und hielt vor dem Hause . Ehe Heinrich die Thür erreichen konnte , wurde sie mit einem kräftigen Rucke geöffnet . Es dämmerte bereits stark in der Flur ; man konnte nur an den Umrissen erkennen , daß es eine gedrungene Männergestalt war , welche auf die Schwelle trat . Mit wenigen raschen Schritten stand der Herr vor der Thür des Wohnzimmers , die von innen aufgemacht wurde . Den Ausruf der Ueberraschung von Frau Hellwigs Lippen und die trockenen Worte : » Ei , du bist unpünktlich geworden , Johannes , wir erwarteten dich erst morgen ! « schollen heraus , dann wurde die Thür geschlossen , und nur der draußen harrende Wagen und das zurückgebliebene Aroma einer feinen Zigarre bewiesen , daß die Erscheinung wirklich gewesen war . » Das war er ! « flüsterte Felicitas und legte die Hand auf ihr erschrockenes Herz . » Nun kann ' s losgehn ! « brummte Heinrich zu gleicher Zeit , aber er schwieg alsbald wieder und horchte lächelnd nach dem Treppenhause . Da droben kam es herabgebraust wie die wilde Jagd . Die Regierungsrätin flog förmlich über die Stufen , die blonden Locken flatterten , und das weiße Kleid umwogte die schwebende Gestalt wie eine Wolke . Sie ließ Rosa und das langsam herabpolternde Kind weit hinter sich und stand nach wenigen Augenblicken im Wohnzimmer . » Gelt , Feechen , nun wissen wir doch auch , warum Blümelein Vergißmeinnicht in der Guirlande steckt ? « lachte Heinrich und ging hinaus , um die Effekten des Ankömmlings in Empfang zu nehmen . 12 Um anderen Morgen - es war noch ziemlich früh - benutzte Felicitas einen freien Augenblick und schlüpfte hinauf zur Tante Cordula , um ihr mitzuteilen , daß Heinrichs Expedition bei der armen Tischlerfamilie geglückt sei . Auf dem Vorplatze des zweiten Stockes kam ihr Heinrich entgegen , er schmunzelte seelenvergnügt und deutete mit dem Daumen über die Schulter zurück nach der Thür , die er gestern bekränzt hatte . Der Blumenschmuck war verschwunden ; ein förmlicher Knäuel von Guirlanden lag am Boden , und an der Wand hin reihten sich verschiedene Blumenvasen . » Hui , das flog ' runter ! « flüsterte Heinrich . » Eins , zwei , drei , da lag das Blümelein Vergißmeinnicht auf der Erde - ich kam gerade dazu , wie er auf der Leiter stand . « » Wer ? « » Nun , der Professor ... Er machte ein schreckliches Gesicht , ich hatte aber auch das Dings für alle Ewigkeit festgenagelt - er hat fürchterlich reißen und zerren müssen ... Aber denke dir nur , Feechen , er gab mir die Hand , wie ich ihm guten Morgen wünschte - das hat mich doch gewundert . « Felicita ' s Lippen kräuselten sich - sie war im Begriffe , etwas Herbes zu sagen , aber plötzlich huschte sie um die Ecke in den dunklen Korridor ; drin im Zimmer hatten sich rasche Schritte der Thür genähert . Als sie später aus der Mansarde zurückkehrte und die Treppe hinabgehen wollte , da klang die Stimme der Regierungsrätin aus dem ersten Stock herauf ; sie sprach in sanft klagenden Tönen - es gab wohl nicht leicht etwas Melodischeres , als das Organ dieser Frau . » Die armen Blumen ! « klagte sie . » Wie hast du mir aber auch das anthun können , Adele ! « antwortete eine männliche Stimme . » Du weißt doch , daß mir dergleichen Verherrlichungen ein Greuel sind . « Es war dieselbe kalte Stimme , die einst auf die kleine Fee einen so unauslöschlich schlimmen Eindruck gemacht ; nur klang sie tiefer und hatte in diesem Augenblicke eine Beimischung tadelnden Verdrusses . Felicitas bog sich über das Geländer und sah scheu , mit angehaltenem Atem hinab . Da schritt er , vorsichtig die kleine Anna an der Hand führend , langsam Stufe um Stufe hinunter ! Es lag nichts , auch gar nichts in dieser Erscheinung , was sich hätte in Einklang bringen lassen mit dem Professortitel . Diese Vertreter des Gesamtwissens hatten für das junge Mädchen den Nimbus des Vornehmen und der Erhabenheit ; hier aber suchte sie vergebens nach diesen Eigenschaften . Eine kernige , wie es schien , eisenfest zusammengefügte Gestalt mit eckigen Bewegungen und von , wenn auch sicherer , doch nichts weniger als eleganter Haltung ; gerade in ihr lag etwas Hartnäckiges , Unverbindliches ; man hätte meinen können , dieser Nacken habe sich noch nie , nicht einmal im Gruße gebeugt . Und wie wenig war der Kopf geeignet , diese Meinung zu widerlegen ! Er bog einen Moment das Gesicht aufwärts , dies unschöne Gesicht , das einst der Vorstellung des Kindes vom fernen Johanneskopfe so wenig entsprochen ; es war nicht wohlwollender geworden in seinem Ausdrucke . Ein rötlich blonder , sehr starker , krauser Bart bedeckte das Kinn und den unteren Teil der Wangen und fiel fast bis auf die Brust herab , und zwischen den buschigen Augenbrauen , die in diesem Momente wohl auch noch finsterer zusammengezogen wurden im Verdruß über die übel angebrachte Verherrlichung , lagerte eine tiefe Falte . Allein diese nichts weniger als aristokratisch und einnehmend gebildete Außenseite hatte trotzdem etwas Bedeutendes , und zwar durch den unwiderleglichen Ausdruck männlicher Kraft und eines starken Willens . Und jetzt bog er sich nieder zu der mühsam hinabkletternden Kleinen und nahm sie auf den Arm . » Komm her , mein Kind , es will doch nicht so recht gehen mit den armen Beinchen , « sagte er . Das klang überraschend mild und mitleidsvoll . » Es ist aber auch kein Spielerskind , zu dem er spricht , « dachte Felicitas , und ihr Herz schwoll voll Bitterkeit . Die Morgenstunden wurden sehr geräuschvoll für das stille Haus ; die Glocke an der Hausthür hörte fast nicht auf , zu klingeln . Es gab auch in dieser kleinen Stadt , so gut wie in jeder anderen , Leute genug , die ihre Alltagsgesichter gar zu gern von der Glorie eines berühmten Mannes mit beglänzen lassen , ohne zu bedenken , daß gerade dieser Strahl ihr armes Ich unerbittlich beleuchtet . Diese Besuche kamen übrigens für Felicitas sehr erwünscht , denn obgleich sie nichts sehnlicher erhoffte , als eine rasche Entscheidung , so bebte sie doch vor dem ersten Zusammenstoße , und plötzlich fühlte sie , daß sie noch nicht gesammelt und ruhig genug sei - jede Stunde Zeit schien ihr deshalb ein Gewinn . Allein die Machthaber in der Wohnstube hatten jedenfalls den Wunsch , die Katastrophe möglichst rasch in Szene zu setzen , denn kaum nachdem das Mittagessen abgetragen war , kam Heinrich in die Küche ; er betrachtete Felicitas ' Anzug aufmerksam , klopfte ein wenig Mehlstaub von ihrem dunklen Aermel und sagte mit einem etwas unsicheren Blicke : » Da am Ohre ist der Zopf ein wenig aufgegangen , Feechen - das steck erst fest , der da drin darf so etwas nicht sehen , das weißt du ... Du sollst nämlich gleich ' nüber in dem sel ' gen Herrn sein Zimmer kommen - dort sind sie ... na , na , wer wird denn gleich so erschrecken ! - bist ja kreideweiß geworden . Tapfer , Feechen - den Kopf kann er dir nicht abreißen ! « Felicitas öffnete die Thür und trat leise in das ehemalige Zimmer des Onkels . Noch lag es schneebleich auf ihren Lippen und Wangen , dadurch erschien aber auch ihr Gesicht für den Augenblick fast geisterhaft still und unbeweglich . Genau wie vor neun Jahren , an jenem stürmischen Morgen , saß Frau Hellwig im Lehnstuhle , nahe dem Fenster . Neben ihr , den Rücken nach der Thür gewendet und die gefalteten Hände rückwärts gekreuzt , stand er , der dies Geschöpf dort eigenmächtig auf den Weg der Dienstbarkeit gedrängt und nie und nimmer geduldet hatte , daß diese dunkle Linie sich auch nur die kleinste Ausbiegung erlaube , der es stets von weiter Ferne unerbittlich gestraft hatte , ohne je zu fragen : » Bist du auch schuldig ? « Felicitas hatte mit Recht vor dieser ersten Begegnung gezittert , denn jetzt , bei seinem Anblicke , fühlte sie , wie Groll und Erbitterung übermächtig in ihr wurden , und doch war ihr Selbstbeherrschung nie nötiger gewesen , als in diesem entscheidenden Augenblicke . » Da ist Karoline , « sagte Frau Hellwig . Der Professor drehte sich um und zeigte ein sehr erstauntes Gesicht . Wahrscheinlich hatte er nie daran gedacht , daß das Spielerskind , welches einst auf derselben Stelle mit dem kleinen Fuße gestampft und sich wie unsinnig gebärdet hatte , auch wachsen und ruhig aussehen könne . Jetzt stand die Erwachsene da , hoch und stolz aufgerichtet , wenn auch ihr Blick am Boden hing . Er schritt auf sie zu und machte eine Bewegung mit dem rechten Arme - wollte er ihr auch etwa die Hand reichen , wie er bei Heinrich gethan ? Ihr Herz drehte sich fast um bei dem Gedanken , die feinen Finger bogen sich krampfhaft nach der innern Handfläche und unbeweglich lagen die Arme am Körper , aber die Wimpern hoben sich , und ein Blick voll tödlicher Kälte traf den ihr gegenüberstehenden Mann - so mißt ein erbitterter Gegner den anderen . Das mochte dem Professor auch sofort klar werden ; er wich unwillkürlich zurück und maß scharf die ganze Gestalt vom Kopfe bis zu den Füßen . In diesem Moment wurde an die Thür geklopft , und gleich darauf steckte die Regierungsrätin ihr blondes , lachendes Köpfchen herein . » Ist ' s erlaubt ? « bat sie mit schmeichelnder Stimme , und ehe geantwortet werden konnte , stand sie mitten im Zimmer . » Ah , ich komme wohl gerade recht zum peinlichen Verhör ? « fragte sie . » Meine liebe Karoline , jetzt werden Sie wohl einsehen lernen , daß es auch noch einen andern Willen gibt , als den Ihrigen , und für den armen Wellner kommt endlich die Entscheidung . « » Ich bitte dich , Adele , lasse jetzt Johannes reden ! « rief Frau Hellwig ziemlich kurz und ungnädig . » Nun , bleiben wir vorläufig bei diesem einen Punkte stehen , « sagte der Professor . Er kreuzte die Arme über der Brust und lehnte sich an einen Tisch . » Wollen Sie mir sagen , weshalb Sie den ehrenvollen Antrag des Mannes zurückweisen ? « Sein ruhiges , leidenschaftsloses Auge ruhte prüfend auf dem jungen Mädchen . » Weil ich ihn verachte . Er ist ein elender Heuchler , der die Frömmigkeit als Deckmantel für seine Habgier und seinen Geiz benutzt , « entgegnete sie fest und sicher ; es galt jetzt durch ruhige , rücksichtslose Offenheit die Schläge zu parieren . » Gott , welche Verleumdung ! « rief die Regierungsrätin . Sie schlug in schmerzlichem Unwillen die weißen Hände zusammen , und ihre großen , blauen Augen suchten anklagend den Himmel . Frau Hellwig aber stieß ein kurzes , rauhes Lachen aus . » Da hast du ja gleich ein Pröbchen von der Art und Weise deiner sogenannten Mündel , Johannes ! « rief sie . » Dies Mundwerk ist stets fertig mit Verachtung und dergleichen - ich kenne das ! ... Mach ' s kurz ! Du kommst nicht um ein Haar breit weiter mit ihr , und ich habe keine Lust , ehrbare Leute , die in meinem Hause aus und ein gehen , lästern zu hören ! « Der Professor antwortete nicht . Während er mit der Hand langsam über den Bart strich - es war eine merkwürdig schöne schmale Hand - hing sein Blick an der Regierungsrätin , die noch wie ein betender Seraph dastand . Es schien fast , als habe er nur ihren Ausruf gehört , seine Lippen verzogen sich ein wenig - wer vermochte in dieser eigenartigen Physiognomie zu lesen ? » Du hast ja gewaltige Charakterstudien in den wenigen Wochen deines Hierseins gemacht , Adele ! « sagte er . » Wenn man in der Weise als Anwalt auftreten kann - « » Um Gott , Johannes , « unterbrach ihn die junge Witwe lebhaft , » du wirst doch nicht denken , daß ein besonderes Interesse - « sie schwieg plötzlich , und ein tiefes Rot schoß in ihre Wangen . Jetzt blitzte es entschieden wie Spott aus dem Auge des Professors . » Sämtliche Damen , die bei der Tante aus und ein gehen , stimmen darin überein , daß Wellner ein Ehrenmann ist , « setzte sie nach einer Pause der Sammlung entschuldigend hinzu . » Die Missionsgelder gehen durch seine Hände und die Gläubigen finden keinen Tadel an ihm - « » Und darauf schwörst du nun natürlicherweise , « ergänzte der Professor kurz abbrechend . » Ich kenne den Mann nicht , « wandte er sich zu Felicitas , » und kann deshalb nicht wissen , inwieweit Ihre Anklage gerechtfertigt ist . « » Johannes ! « unterbrach ihn Frau Hellwig gereizt . » Bitte , Mutter , wir wollen das später allein erörtern , « sagte er ruhig und beschwichtigend . » Zwingen wird Sie natürlich niemand , « fuhr er zu dem jungen Mädchen gewendet , fort . » Ich habe Ihnen allerdings bis hierher nie das Recht eingeräumt , in irgend einer Angelegenheit selbst zu entscheiden , einmal , weil ich Sie unter einer Führung wußte , der ich mein unbedingtes Vertrauen schenke , und dann , weil Sie ein Charakter sind , der sich gern gefährlicher Uebergriffe schuldig macht und sich stets gegen das auflehnt , was zu seinem wahren Wohl geschieht ... In dieser Frage jedoch hört meine Macht auf . Ich kann Ihnen sogar in mancher Beziehung nicht unrecht geben , denn Sie sind jung , und er steht , wie ich höre , in vorgerücktem Alter - das taugt nicht . Ein zweiter Stein des Anstoßes ist die Standesverschiedenheit ; für den Augenblick wird er wohl über Ihre Herkunft hinwegsehen - später tritt in solchen Dingen gewöhnlich ein Rückschlag ein , Störung des Gleichgewichts rächt sich stets . « Wie klang das vernünftig und - herzlos ! Er war in diesem Momente genau der Verfasser aller jener schriftlichen Maßregeln , die nie den verfemten Boden aus dem Auge verloren , dem das Spielerskind entsprossen . Er verließ seinen bisherigen Platz und trat vor das junge Mädchen , dessen Lippen in einem bitteren Lächeln zuckten . » Sie haben uns schwer zu schaffen gemacht , « sagte er und hob den Zeigefinger . » Sie haben es durchaus nicht verstanden und , wie ich annehmen muß , auch nicht gewollt , die Zuneigung meiner Mutter zu gewinnen ... So wie die Sachen liegen , werden Sie selbst nicht wünschen , länger hier im Hause zu bleiben . « » Ich ginge am liebsten in dieser Stunde noch . « » Das glaube ich Ihnen gern , Sie haben ja stets deutlich genug gezeigt , daß Ihnen unsere strenge und gewissenhafte Fürsorge unerträglich ist . « Sein Ton hatte jetzt doch eine Beimischung von Aerger und Gereiztheit . » Es ist eben eine völlig verlorene Mühe unsererseits gewesen , die Zugvogelnatur in Ihnen unterdrücken zu wollen ... Nun , Sie sollen haben , was Sie wünschen , aber ich halte meine Aufgabe noch nicht für beendet - ich will erst noch den Versuch machen , Ihre Angehörigen aufzufinden . « » Du warst früher anderer Ansicht über diesen Punkt , « warf Frau Hellwig spöttisch ein . » Die hat sich im Laufe der Dinge geändert , wie du siehst , Mutter , « erwiderte er ruhig . Felicitas schwieg und sah vor sich nieder . Sie wußte , daß dieser Schritt ohne Erfolg bleiben würde - Tante Cordula hatte ihn längst gethan . Vor vier Jahren war durch die Redaktion einer der ersten Zeitungen ein Aufruf an den Taschenspieler d ' Orlowsky und die Verwandten von dessen Ehefrau ergangen , er hatte alle namhaften Blätter durchlaufen , aber bis zur Stunde war niemand erschienen . Das konnte das junge Mädchen freilich nicht sagen . » Ich werde heute noch die nötigen Schritte thun , « fuhr der Professor fort , » und glaube , daß ein Zeitraum von zwei Monaten völlig genügt , um Aufschluß zu gewinnen ... Bis dahin stehen Sie noch unter meiner Vormundschaft und im dienstlichen Verhältnisse zu meiner Mutter . Sollte sich jedoch , wie ich fürchte , keines Ihrer Anverwandten auffinden lassen , dann - « » Dann bitte ich um meine sofortige Freiheit nach Ablauf der gestellten Frist ! « unterbrach ihn Felicitas rasch . » Nein , das klingt denn doch zu abscheulich ! « rief die Regierungsrätin entrüstet . » Sie thun ja wirklich , als hätte man Sie in diesem Hause des Friedens und der christlichen Barmherzigkeit gemartert und gekreuzigt ! ... Undank ! « » Sie meinen also , umseren ferneren Beistand entbehren zu können ? « fragte der Professor , ohne den Zorneserguß der jungen Witwe zu beachten . » Ich muß dafür danken . « » Nun gut , « sagte er nach einem Moment des Schweigens kurz , » nach Verlauf von zwei Monaten soll Ihnen freistehen , zu thun und zu lassen , was Sie wollen ! « Er wandte sich ab und schritt nach dem Fenster . » Du kannst gehen ! « gebot Frau Hellwig rauh . Felicitas verließ das Zimmer . » Also noch ein achtwöchentlicher Kampf ! « flüsterte sie , während sie durch die Hausflur schritt . » Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden . « 13 Drei Tage waren seit des Professors Ankunft vergangen ; sie hatten das einförmige Leben in dem alten Kaufmannshause völlig verwandelt , aber für Felicitas waren sie wider alles Erwarten ruhig verflossen . Der Professor hatte sich nicht wieder um sie bekümmert ; er schien den Verkehr mit ihr auf die erste und einzige Unterredung beschränken zu wollen . Sie atmete auf , und doch - seltsamerweise - hatte sie sich nie mehr gedemütigt und verletzt gefühlt , als jetzt ... Er war einigemal in der Hausflur an ihr vorübergegangen , ohne sie zu sehen - freilich war er da ärgerlich gewesen und hatte ein grimmiges Gesicht gemacht , was ihn durchaus nicht verschönte . Frau Hellwig ließ es sich nämlich trotz aller seiner Bitten und Vorstellungen nicht nehmen , ihn hinunter in das Wohnzimmer zu bescheiden , wenn Besuchende aus ihrem Bekanntenkreise kamen , die ihn zu sehen wünschten . Er erschien notgedrungen , aber dann stets als sehr unliebenswürdiger , schroffer Gesellschafter ... Es kamen aber auch viele andere täglich , die von Heinrich hinaufgewiesen wurden in das zweite Stockwerk - Hilfesuchende , oft sehr dürftige , armselige Gestalten , die Friederike zu jeder anderen Zeit ohne weiteres an der Schwelle zurückgewiesen haben würde ; sie schritten jetzt zum Aerger der alten Köchin und eigentlich auch gegen den Wunsch und Willen der Frau Hellwig über die schneeweiß gehaltene , förmlich gefeite Treppe des vornehmen Hauses und fanden droben ohne Unterschied Einlaß und Gehör . Der Professor hatte hauptsächlich Ruf als Augenarzt ; es waren ihm Kuren gelungen , die andere anerkannt tüchtige Fachmänner in das Bereich der Unmöglichkeiten verwiesen hatten - der Name des noch sehr jungen Mannes war dadurch plötzlich ein glänzender und gepriesener geworden . Frau Hellwig hatte Felicitas das Abstäuben und Aufräumen im Zimmer ihres Sohnes übertragen . Der kleine Raum erschien völlig verwandelt , seit er bewohnt wurde ; vorher mit ziemlichem Komfort ausgestattet , glich er jetzt weit eher einer Karthäuserzelle . Ein gleiches Schicksal wie den Guirlandenschmuck hatte die bunten Kattunvorhänge ereilt - sie waren sofort unter den Händen des Professors als lichtraubend gefallen ; ebenso hatten einige unkünstlerische , mit großer Farbenverschwendung illuminierte Schlachtenbilder an den Wänden weichen müssen ; dagegen hing plötzlich ein sehr alter , in eine dunkle Ecke des Vorsaales verbannter Kupferstich , trotz seines zerbröckelnden , schwarzen Holzrahmens , über dem Schreibtische des Bewohners . Es war ein wahres Meisterstück der Kupferstecherkunst , eine junge schöne Mutter vorstellend , die ihr Kind zärtlich in ihren pelzverbrämten Seidenmantel hüllt . Die wollene Decke auf dem Sofatische und mehrere gestickte Polster waren als » Staubhalter « entfernt worden , und auf einer Kommode standen statt der Meißner Porzellanfiguren die Bücher des Professors , dicht aneinander gedrängt und symmetrisch geordnet . Da sah man kein umgeknicktes Blatt , keine abgestoßene Ecke , und doch wurden sie ohne Zweifel viel gebraucht ; sie steckten in sehr unscheinbarem Gewande und waren je nach der Sprache , in der sie geschrieben , uniformiert - das Latein grau , Deutsch braun etc. ... » Genau so versucht er die Menschenseelen zu ordnen , « dachte Felicitas bitter , als sie zum erstenmal die Bücherreihen sah , » und wehe , wenn eine über die ihr angewiesene Farbe hinaus will ! « Den Morgenkaffee trank der Professor in Gesellschaft seiner Mutter und der Regierungsrätin ; dann aber ging er auf sein Zimmer und arbeitete bis zum Mittage . Er hatte gleich am ersten Morgen den Wein zurückgewiesen , den Frau Hellwig zu seiner Erquickung hinaufgeschickt ; dagegen mußte stets neben ihm eine Karaffe voll Wasser stehen . Es schien , als vermeide er geflissentlich , sich bedienen zu lassen - nie benutzte er die Klingel ; war ihm das Trinkwasser nicht mehr frisch genug , so stieg er selbst hinunter in den Hof und füllte die Karaffe aufs neue . Am Morgen des vierten Tages waren Briefe an den Professor eingelaufen . Heinrich war ausgegangen , und so wurde Felicitas in das zweite Stockwerk geschickt . Sie blieb zögernd vor der Thür stehen , drin wurde gesprochen ; es war eine Frauenstimme , die , wie es schien , eben eine längere Ansprache beendete . » Doktor Böhm hat mit mir über das Augenleiden Ihres Sohnes gesprochen , « antwortete der Professor in gütigem Tone ; » ich will sehen , was sich thun läßt . « » Ach , gnäd ' ger Herr Professor , ein so berühmter Mann , wie Sie - « » Lassen Sie das , Frau ! « unterbrach er die Sprechende so rauh , daß sie erschrocken schwieg . » Ich will morgen kommen und die Augen untersuchen , « setzte er milder hinzu . » Aber wir sind arme Leute ; der Verdienst ist gering - « » Das haben Sie mir bereits zweimal gesagt , liebe Frau ! « unterbrach sie der Professor abermals ungeduldig . » Gehen Sie jetzt ; ich brauche meine Zeit nötiger ... Wenn ich Ihrem Sohne helfen kann , so geschieht es - adieu ! « Die Frau kam heraus , und Felicitas schritt über die Schwelle . Der Professor saß am Schreibtische ; seine Feder flog bereits wieder über das Papier . Er hatte aber doch das junge Mädchen eintreten sehen , und ohne das Auge von seiner Arbeit wegzuwenden , streckte er die Linke nach den Briefen aus . Er erbrach einen derselben , während Felicitas wieder nach der Thür zu schritt . » Apropos , « rief er , schon halb und halb in den Brief vertieft , » wer stäubt denn hier im Zimmer ab ? « » Ich , « antwortete das junge Mädchen stehen bleibend . » Nun , dann muß ich Sie ersuchen , künftig meinen Schreibtisch mehr zu respektieren . Es ist mir sehr unangenehm , wenn ein Buch auch nur von seiner Stelle gerückt wird , und hier fehlt mir sogar eines . « Felicitas schritt gelassen nach dem Tische , auf welchem mehrere Bücherstöße lagen . » Was hat das Buch für einen Titel ? « fragte sie ruhig . Es zuckte etwas wie ein Lächeln durch das ernste Gesicht des Professors . Diese Frage aus einem Mädchenmunde klang aber auch eigentümlich naiv und bedenklich im Studierzimmer des Arztes . » Sie werden es schwerlich finden - es ist ein französisches Buch , « erwiderte er . » Cruveilhier . Anatomie du système nerveux steht auf der Rückseite , « setzte er hinzu - wieder zuckte es über sein Gesicht . Felicitas zog sofort eines der Bücher hervor ; es lag zwischen mehreren anderen französischen Werken . » Hier ist es , « sagte sie . » Es lag jedenfalls noch auf der Stelle , wo Sie es selbst hingelegt hatten - ich nehme keines der Bücher in die Hand . « Der Professor stützte seine Linke auf den Tisch , drehte sich mit einem Rucke nach dem jungen Mädchen um und sah ihm voll ins Gesicht . » Sie verstehen Französisch ? « fragte er rasch und scharf . Felicitas erschrak ; sie hatte sich verraten . Freilich verstand sie nicht allein Französisch , sie sprach es auch leicht und fließend - die alte Mamsell hatte sie vortrefflich unterrichtet . Jetzt sollte sie antworten , und zwar entschieden antworten . Die stahlgrauen Augen mit dem unabweisbaren Blicke wichen nicht von ihrem Gesichte , sie hätten die Lüge jedenfalls sofort abgelesen - sie mußte die Wahrheit sagen . » Ich habe Unterricht gehabt , « entgegnete sie . » Ach ja , ich entsinne mich , bis zu Ihrem neunten Lebensjahre - und da ist etwas hängen geblieben , « sagte er , indem er sich mit der Hand die Stirne rieb . Felicitas schwieg . » Das ist ja auch der unglückliche Kasus , an welchem wir mit unserem Erziehungsplane gescheitert sind , meine Mutter und ich , « fuhr er fort . » Es ist Ihnen zu viel weisgemacht worden , und weil wir darüber unsere eigene Ansicht hatten , so verabscheuen Sie uns als Ihre Peiniger und Gott weiß was alles , nicht wahr ? « Felicitas rang einen Augenblick mit sich , aber die Erbitterung siegte . Sie öffnete die blaßgewordenen Lippen und sagte kalt : » Ich habe alle Ursache dazu . « Einen Moment runzelten sich seine Augenbrauen wie in heftigem Unwillen ; allein vielleicht erinnerte er sich so mancher trotzigen und unfreundlichen Antwort , die er oft als Arzt von ungeduldigen Patienten ruhig hinnehmen mußte ... Das junge Mädchen da vor ihm krankte ja auch seiner Meinung nach an einem Irrtume ; daraus entsprang jedenfalls die Gelassenheit , mit der er sagte : » Nun , von dem Ihnen gemachten Vorwurfe der Verstocktheit spreche ich Sie hiermit frei - Sie sind mehr als aufrichtig ... Uebrigens werden wir uns über Ihre schlechte Meinung zu trösten wissen . « Er nahm den Brief wieder auf , und Felicitas entfernte sich . Als sie auf die Schwelle der offenen Thür trat , da flog ein Blick des Lesenden ihr nach . Der Vorsaal war erfüllt von warmem Sonnenglanze ; die Mädchengestalt stand plastisch da in dem dunkleren Zimmer wie ein Gemälde auf Goldgrund . Noch fehlte den Formen jene Rundung und Fülle , die bei der vollkommen entwickelten Frauenschönheit unerläßlich ist ; trotzdem erschienen die Linien weich und zeigten in der Bewegung eine unbeschreibliche Grazie , man möchte sagen , jene Schmiegsamkeit , wie sie die Märchenpoesie ihren schwebenden und huschenden Gestalten andichtet ... Und was war das für ein merkwürdiges Haar ! Gewöhnlich erschien es kastanienbraun ; wenn aber , wie in diesem Augenblicke , ein Sonnenstrahl darauf fiel , dann blinkte es rötlich golden . Es erinnerte durchaus nicht an jenes geschmeidige , lang herabfließende Frauenhaar , wie es einst unter dem Helme der schönen Spielersfrau hervorgequollen . Ziemlich kurz , aber von mächtiger Fülle , Welle an Welle bildend , sträubte es sich noch sichtbar widerwillig in dem dicken , einfach geschlungenen Knoten am Hinterkopfe . Einzelne starke Ringel befreiten sich stets eigenmächtig und lagen , wie eben jetzt , auf dem weißen Halse .