Elisabeth im Forsthause war . Sie aß allein auf ihrem Zimmer , seit sie wußte , daß der Onkel allsonntäglich Gäste habe , und er ließ sie auch gewähren . Es mochte ihm ganz recht sein , daß die beiden Mädchen gar nicht zusammenkamen . Frau Ferber hatte auch einmal den Versuch gemacht , sich dem jungen Mädchen zu nähern . Ihrer echt weiblichen Anschauungsweise gemäß hielt sie es für unmöglich , daß Trotz und Böswilligkeit die Triebfedern zu Berthas sonderbarem Benehmen sein könnten . Sie vermutete eine tiefere innere Niedergeschlagenheit , irgend einen Kummer , der sie gegen ihre Umgebung gleichgültig , oder auch bei ihrem heftigen Naturell wohl gar so gereizt mache , daß sie lieber das Sprechen vermeide , um keinen Konflikt herbeizuführen . Sanftes Zureden , ein freundliches Entgegenkommen , hatte sie gehofft , werde das Siegel auf Berthas Lippen lösen ; allein es war ihr nicht besser gegangen , als Elisabeth , ja das Benehmen des Mädchens hatte sie dermaßen empört , daß sie ihrer Tochter jeden ferneren Annäherungsversuch streng untersagte . - Nach kurzer Fahrt war das Ziel erreicht . L. war eine echte Kleinstadt und verleugnete auch dies bescheidene Gepräge durchaus nicht , obgleich vom Erscheinen der ersten Primel an bis zum Sinken der letzten herbstlichen Blätter der Hof hier residierte , und die Hauptbewohnerschaft großen Eifer und Fleiß darauf verwendete , in ihrem geselligen Leben , wie auch hinsichtlich der Moden den großstädtischen Ton zu erreichen . Allein die rasselnden Leiterwagen samt Zubehör einer sehr schwunghaft betriebenen Oekonomie ließen sich durch das Rauschen selbst der umfangreichsten , elegantesten Krinolinen nicht übertönen . Das ehrliche Hühnervolk , das die weit offenen Einfahrten der Häuser in vollkommener Sicherheit verließ , um zwischen den unebenen Pflastersteinen und auf den grünen Rasenstreifen längs der Häuserseiten sein tägliches Brot zu suchen , wurde so wenig zu stolzen Pfauen , wie Nachbars Enten , die freudig auf dem quer die Stadt durchschneidenden kleinen Bache hinsegelten , auf Schwanenhoheit Anspruch machten . Die Lage des Städtchens war unbestritten eine reizende . Inmitten eines nicht sehr weiten Thales , an den Fuß einer Anhöhe geschmiegt , deren Gipfel das imposante fürstliche Schloß krönte , lag es tief gebettet im dunklen Grün schöner , alter Lindenalleen und im Frühling umwogt von einem wahren Blütenmeere zahlloser Obstgärten . Der Oberförster führte Elisabeth in das Haus eines ihm befreundeten Assessors . Sie sollte dort auf ihn warten , bis er seine Geschäfte besorgt haben würde . Wenn auch herzlich bewillkommnet von der Dame des Hauses , hätte das junge Mädchen doch am liebsten sofort umkehren und dem die Treppe hinabeilenden Onkel folgen mögen ; denn zu ihrem Verdrusse geriet sie mitten in einen großen Damenzirkel . Die Assessorin teilte ihr in wenigen flüchtigen Worten mit , daß zur Feier des Geburtstages ihres Mannes lebende Bilder aus der Mythologie gestellt werden sollten , zu welchem Zwecke sich das darstellende weibliche Personal bereits eingefunden habe . Am Kaffeetische eines hübsch eingerichteten Zimmers plauderten mit großer Lebhaftigkeit acht bis zehn Damen , die sämtlich schon im mythologischen Kostüme steckten und jetzt mit ihren Augen der neuen Erscheinung bis in die geheimsten Falten ihres einfachen Anzugs zu schlüpfen versuchten . Sämtliche Göttinnen ohne Ausnahme hatten sich dem Modezepter der üppigen Kaiserin von Frankreich willig unterworfen und ließen ihre weißen Gewänder über die Krinoline herabfließen ; denn - meinte die Ceres , eine ziemlich kompakte Blondine , auf deren geröteter Stirn ein ganzer Erntesegen schwankte - man sehe ja zum Skandal aus , und es sei auch rein unmöglich gewesen , ohne diesen Halt die Aehren- und Klatschrosenbüschel auf ihrem Kleide zu arrangieren ; - wie Frau Ceres zu den Zeiten ihres Glanzes sich aus dieser Verlegenheit geholfen haben mochte , das war nach dieser Erklärung ein interessantes Problem . Vielleicht war die Abendbeleuchtung so wohlwollend , über das oft sehr merkwürdige Arrangement der einzelnen Toiletten ein milderndes Licht zu gießen ; jetzt aber beleuchtete der helle Sonnenstrahl unerbittlich und mit grauenhafter Wahrheit jedes aufgeklebte Goldpapier , jede Atlas heuchelnde Kattunschleife und jeden langen Heftstich der improvisierten Tunikas . Auf dem Gürtel der Venus glänzten einige steinbesetzte Rokokoschuhschnallen , und der schlecht befestigte silberne Halbmond auf Dianas Scheitel zeigte bei jeder Kopfbewegung eine löschpapierene Kehrseite . Die Frau des Hauses ging geschäftig ab und zu und schob hier und da einige Worte in die Unterhaltung der Damen . » Da haben wir ' s , « sagte sie eintretend , nachdem sie seit geraumer Zeit das Zimmer verlassen hatte . » Die Rätin Wolf läßt soeben bedauern , daß ihr Adolf heute nicht mitwirken könne , er habe Fieber und liege zu Bett ... Ich lief nach der Hiobspost nochmals selbst hinüber zum Doktor Fels ; aber eher will ich einen Mühlstein von seiner Stelle rücken , als diesen Menschen vom Standpunkte seiner Kindererziehung ... Er wiederholte seine Weigerung von früher , und zwar in so anzüglicher Weise , daß ich ganz außer mir bin . Für halbwüchsige Jungen , wie sein Moritz , halte er derartige Mitwirkung unter Erwachsenen für gänzlich unpassend ; sie bekämen leicht eine hohe Meinung von ihrer kleinen Persönlichkeit , würden zerstreut , von ihren Schularbeiten abgezogen , und Gott weiß , was alles ... Ich hätte auch besser gethan , meinte er hochweise , wenn ich heute abend meinen leidenden Mann - ich bitte euch , leidend , er ist bis auf ein bißchen Rheumatismus gesund wie ein Fisch im Wasser - also , wenn ich ihm heute abend ein Lieblingsgericht vorgesetzt hätte , statt ihn mit der Mummerei zu quälen , die ihn nur um die nötige Nachtruhe und Bequemlichkeit bringe , und aus der doch im ganzen Leben nichts Gescheites werde . « » Welche Roheit ! ... Wie gemein ! ... Er spielt sich immer auf den Kunstrichter , und versteht nicht so viel davon , wie mein kleiner Finger ! « hallte es in wildem Durcheinander von den Lippen der Damen . » Tröste dich mit mir , liebe Adele , « sagte die Ceres . » Wäre mein Mann nicht , der Fels als Arzt nicht entbehren kann , mein Haus dürfte er schon längst nicht mehr betreten ... Als ich vorigen Winter die Kindermaskerade arrangierte - die doch gewiß reizend ausgefallen ist - da hat er die Einladung für seine Kinder zurückgewiesen ; und was sagte er mir , als ich ihn persönlich um Erlaubnis für seine kleinen Mädchen bat ? Ob es denn mir wirklich Spaß mache , eine Affenkomödie zu sehen - das vergesse ich ihm nie . « Vor Elisabeth tauchte plötzlich das geistreiche Gesicht des Doktors auf , mit dem durchdringenden , sarkastisch lächelnden Blicke und dem übermütigen Zuge des Spottes um die feinen Lippen . Sie mußte innerlich lachen über seine derben Ausfälle ; aber es drängte sich ihr dabei auch der niederschlagende Gedanke auf , wie schwer es doch oft dem Menschen gemacht werde , seinen Ansichten gemäß zu handeln . » Ach , was wollen Sie , Frau Direktor ! « eiferte Flora , eine überaus zarte , schmächtige Erscheinung mit einem schönen , aber todbleichen Gesichte , die sich bis dahin einzig und allein damit beschäftigt hatte , ihr blumengeschmücktes Bild im gegenüberhängenden Spiegel anzulächeln . » Uns hat er ' s nicht besser gemacht ... Meinen Eltern hat er vor zwei Jahren geradezu ins Gesicht gesagt , es sei nicht allein Thorheit , sondern sogar eine Gewissenlosigkeit - denken Sie - mich , bei meiner Konstitution , so früh auf den Ball zu führen ... Papa und Mama waren außer sich - als ob sie als Eltern nicht am besten wissen müßten , was ihren Kindern dienlich ... Nun , es ist nur gut , daß man weiß , was ihn zu dieser Fürsorge bewogen hat . Seine jüngste Schwester war damals noch nicht verheiratet , und solchen ist das Erscheinen des Nachwuchses auf den Bällen nie angenehm . Papa hätte damals dem Doktor sogleich den Abschied gegeben ; allein Mama kann ohne seine Mittel nicht sein ... Nun , man hat zum Glück nicht auf seine Ratschläge gehört , und wie Sie sehen , lebe ich noch ! « Das Schweigen sämtlicher Damen bestätigte Elisabeths Ueberzeugung , daß dieser Triumph ein sehr zweifelhafter sei , und daß dies zarte Wesen mit seiner schmalen , eingesunkenen Brust und der krankhaften Gesichtsfarbe das Nichtbeachten des ärztlichen Rates noch schwer werde büßen müssen . Plötzlich zog eine , die Straße langsam herabrollende Equipage die Damenschar an die Fenster . Elisabeth konnte von ihrem Sitze aus die Straße und mithin auch den Gegenstand der allgemeinen Neugierde übersehen . In dem eleganten Wagen saßen die Baronin Lessen und Fräulein von Walde . Letztere hatte das Gesicht herüber nach dem Hause des Assessors geneigt , und es sah aus , als ob sie gewissenhaft alle Fenster des Erdgeschosses zähle . Die Wangen waren leicht gerötet , bei ihr stets ein Zeichen innerer Erregung . Die Baronin dagegen lehnte nachlässig im Fond ; für sie schienen weder Häuser noch Menschen in der Straße zu sein . » Die Lindhofer Damen , « sagte Ceres . » Aber mein Gott , was soll denn das heißen ? ... Sie ignorieren ja förmlich die Fenster des Doktor Fels ! ... Dort steht die Doktorin ... ha , ha , ha , seht nur das lange Gesicht , das sie macht ; sie hat zu grüßen versucht ; aber die Damen haben leider am Hinterkopfe keine Augen ! « Elisabeth sah nach dem gegenüberliegenden Hause . Dort stand eine sehr hübsche Frau , ein reizendes Blondköpfchen auf dem Arme , am Fenster . Es lag allerdings einiges Befremden in den schönen blauen Augen , die dem Wagen folgten ; aber lang war das blühende Oval ihres Gesichts durchaus nicht geworden . Durch eine Bewegung des Kindes veranlaßt , das seine Händchen nach den seltsam geschmückten Damenköpfchen im Assessorhause streckte , sah sie herüber und nickte schelmisch lächelnd den Damen zu , die den freundlichen Gruß mittels Kußhänden und allerhand zärtlichen Pantomimen erwiderten . » Sonderbar , « sagte die Assessorin . » Was nur die beiden Damen haben mochten , daß sie ohne Gruß nach da drüben vorübergefahren sind ! Bis jetzt haben sie noch nie die Straße passiert , ohne daß der Wagen gehalten hätte . Die Doktorin stand dann halbe Stunden lang am Wagenschlage , und Fräulein von Walde schien sich sehr in der Unterhaltung mit ihr zu gefallen ... die Baronin machte freilich manchmal ein saures Gesicht ... Wirklich merkwürdig ; nun , die Zukunft wird ja zeigen , was dahinter steckt . « » Herr von Hollfeld muß wohl in Odenberg geblieben sein . Er war heute morgen mit den Damen , als der Wagen bei uns vorüberfuhr , « sagte Diana . » Wie wird Fräulein von Walde die Trennung ertragen ? « meinte Flora spöttisch lächelnd . » Steht es denn so mit den beiden ? « fragte die Assessorin . » Nun , wenn du das noch nicht weißt , Kind ! « rief Ceres . » Wie er denkt und fühlt , darüber suchen wir freilich noch Aufklärung , daß sie ihn aber leidenschaftlich liebt , steht außer allem Zweifel . Es ist übrigens fast mit Gewißheit anzunehmen , daß diese Neigung einseitig ist ; denn , ich bitte euch , wie ist es möglich , daß ein so entsetzlich verkrüppeltes Wesen Liebe einzuflößen vermag ! ... Und nun gar einem so eiskalten Menschen wie Hollfeld , der an den größten Schönheiten ungerührt vorübergeht ! « » Ja , das ist wahr , « bemerkte Venus mit einem Blicke nach dem Spiegel , den aber Flora , trotz ihrer Magerkeit , anmaßenderweise vollständig in Beschlag genommen hatte . » Aber Fräulein von Walde ist enorm reich . « » Nun , den Reichtum kann er billiger haben , « sagte Flora überlegen . » Er ist ja doch der mutmaßliche Erbe der beiden Geschwister . « » Der Schwester , willst du sagen , « verbesserte die Assessorin . » Herr von Walde ist doch noch nicht zu alt zum Heiraten ? « » Ach , gehe mir doch mit dem ! « rief Ceres erzürnt . » Die Frau müßte erst noch geboren werden oder geradezu vom Himmel niedersteigen , die dem zusagen sollte ... Der ist aus lauter Hochmut zusammengesetzt und hat noch weniger Herz als sein Vetter ... Was habe ich mich als Mädchen über den geärgert , wenn er bei den Hofbällen in der Thür lehnte , die Arme verschränkt , als wären sie zusammengewachsen , und vornehm auf die Versammlung herabsah ! Nur wenn er von der Fürstin oder den Prinzessinnen zum Tanzen befohlen wurde , rührte er sich von der Stelle ; und auch da hielt er ' s nicht der Mühe wert , zu verbergen , daß er für diese Ehre keinen Pfifferling gebe ... Nun , wie er in Bezug auf diejenige denkt , der er den stolzen Namen der Frau von Walde zu Füßen legen würde , das wissen wir ja , er hat ' s rund heraus erklärt : Ahnen , Ahnen muß sie haben und ihren Stammbaum womöglich vom Männlein und Fräulein in der Arche Noah herleiten können . « Alle lachten , nur Elisabeth blieb ernst . Fräulein von Waldes Benehmen hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht . Sie war empört und fühlte ihre Ansichten vom menschlichen Charakter gedemütigt ... War eine solche Wandlung in wenig Stunden wohl möglich ? ... Für andere mit weniger idealer Anschauung wäre der unbegreifliche Zauber , den die Baronin Lessen auf Helene von Walde ausübte , sofort aufgeklärt worden durch den Ausspruch der Damen , daß das junge Mädchen den Sohn der Baronin liebe - für Elisabeth jedoch nicht . Jenes erhabene Gefühl , das die Dichter aller Zeiten und Zonen begeistert als das Lieblichste und Herrlichste auf Erden feierten , konnte doch unmöglich zur Triebfeder unedler Handlungen werden ; ebensowenig konnte sie aber auch begreifen , wie Herr von Hollfeld ein solches Gefühl einzuflößen vermochte . Hier betrat sie den einseitigen Standpunkt , auf welchem wir nach unserer Individualität die Neigung anderer bemessen ; aber war es der Instinkt der edlen weiblichen Natur oder in der That jener seltene scharfe Blick , für den die Linien der Physiognomie mit den Fäden der Seele so eng verwebt sind , daß er sie verfolgen kann bis zu ihrem Ursprunge - genug , hier war ihr Urteil über einen Menschen , mit dem sie doch eigentlich noch fast gar nicht verkehrt hatte , vollkommen gerechtfertigt . Herr von Hollfeld war durchaus nicht befähigt , das Ideal einer schönen weiblichen Seele verwirklichen zu können . Er besaß weder Geist noch Witz . Bei alledem war er maßlos eitel und wollte nicht allein durch seine schöne Gestalt Interesse erwecken ; er wußte recht gut , daß die meisten Frauen eher ein häßliches Aeußere , als den Mangel an innerem Fond verzeihen . Es blieb ihm mithin nichts anderes übrig , als jene Verschlossenheit und Schroffheit des Wesens anzunehmen , hinter denen die Welt sehr leicht geneigt ist , durchdringenden Verstand , Originalität und Strenge der Ansichten zu vermuten . Es gab keinen Mann in der Welt , der sich rühmen konnte , auf vertrautem Fuße mit Herrn von Hollfeld zu stehen ; er war schlau genug , jeden Einblick in sein Inneres abzuwehren , und vermied streng jedes eingehende Gespräch mit Männern ; den Damen genügte jene rauhe Schale vollkommen , um hier das Sprichwort vom » desto süßeren Kern « in Anwendung zu bringen . Herr von Hollfeld verstand zu rechnen . Er wurde der Gegenstand stiller Wünsche und Sehnsucht , wie ja das Eroberungsgelüst in der Schwierigkeit den Sporn findet . Was indes Hollfelds Geiste an Kraft und Feuer gebrach , das wurde vollkommen ausgeglichen im Gebiete der niederen Leidenschaften , unter denen die Habsucht und die sinnliche Liebe die Hauptstimme hatten . Um seine Stellung in der Welt zu einer glänzenden und angenehmen zu machen , scheute er keine Intrige ; er hatte den ergiebigsten Boden für dieselbe unter den Füßen , denn er war Kammerjunker am Hofe zu L. Er log und trog und war um so gefährlicher , als hinter seinem geraden , trockenen Wesen niemand , nicht einmal die Männer , einen solchen Feind vermuteten , so wenig , wie die Frauen zugegeben haben würden , daß da , wo ihrer Ueberzeugung nach die köstliche Perle , die Liebe , noch unberührt schlief , eine unreine Flamme verheerend lodere . Elisabeth war froh , als sie den Onkel um die Ecke biegen und auf das Haus zukommen sah . Tief aufatmend saß sie endlich an seiner Seite im Wagen . Sie hatte den Hut abgenommen und badete die heiße Stirn in einem köstlich frischen Abendlüftchen , das leise vorüberstrich . Auf den schwach zitternden Blättern der Pappeln zu beiden Seiten der Fahrstraße glänzte der letzte Sonnenstrahl ; auch über die blühenden Kartoffelfelder flog noch ein goldener Hauch , aber der Wald , der mit seinen Armen Elisabeths trautes Heim umschloß , lag dunkel und düster da drüben , als habe er bereits das sonnige Leben vergessen , das ihm doch heute bis in das innerste Herz geschlüpft war . Der Oberförster hatte das schweigende junge Mädchen einige Male von der Seite angesehen . Plötzlich nahm er Zügel und Peitsche in eine Hand , faßte mit der anderen Elisabeths Kinn und bog ihr Gesicht zu sich herüber . » He , laß mal sehen , Else ! « sagte er . Was , zum Henker , hast ja zwei Runzeln auf der Stirn , so tief , wie der Sabine ihre Ackerfurchen ! ... Hat ' s was gegeben da drin ? Heraus mit der Sprache - du hast dich geärgert , nicht ? « » Nein , Onkel , Aerger war ' s nicht , aber geschmerzt hat es mich , daß du so recht gehabt hast hinsichtlich deiner Ansicht über Fräulein von Walde , « entgegnete Elisabeth , indem ein tiefes Rot der Erregung über ihre Züge flog . » Geschmerzt , weil ich recht behielt , oder weil Fräulein von Walde unrecht gethan hat ? « » Nun eigentlich , weil es böses war , was du prophezeit hast . « - » So solltest du mir auch nun von Rechts wegen gram sein , gelt ? Dürftest an einem Hofe gelebt haben , wo derjenige der Strafbare ist , der sich unterfängt , über einen nichtsnutzigen Bevorzugten die Wahrheit zu sagen ... Na , und welcher Vorfall verschafft denn meiner geschmähten Lebensweisheit den Sieg ? « Sie schilderte ihm Helenes Benehmen und teilte ihm auch die Vermutungen der Damen mit . Der Oberförster lächelte vor sich hin . » Ja , die Weiber , die Weiber - und die da drinnen vollends ! « sagte er . » Die lassen die Leute schon miteinander verheiratet sein , wenn sie zum erstenmal in ihrem Leben guten Tag zu einander sagen ... Na , in dem Falle können sie übrigens recht haben , was ich bis jetzt nicht begriffen habe . « » Um einer solchen Neigung willen , Kind , sind schon ganz andere Dinge geschehen , und wenn ich auch Fräulein von Waldes Schwäche und Nachgiebigkeit durchaus nicht billige , weit entfernt ! so beurteile ich sie doch jetzt milder ... Das ist die Macht , die uns selbst Vater und Mutter vergessen läßt um eines anderen willen . « » Ja , das eben kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen , Onkel , wie man einen fremden Menschen lieber haben kann als die eigenen Eltern , « entgegnete Elisabeth eifrig . » Hm , « meinte der Oberförster und ließ die Peitsche leicht auf den Rücken des Braunen fallen , um ihn ein wenig anzutreiben . Diesem » Hm « folgte ein leichtes Räuspern , und dabei ließ er es bewenden ; denn er dachte ganz richtig : » Steht es so , dann wird meine Definition der Liebe nicht verstanden , und wenn ich mit Engelszungen spräche « - und er selbst ! ... Die Zeit lag fern , da er den Namen der Geliebten in die Baumrinde geschnitten , und seine Stimme gezwungen hatte , in zarten Liebesliedern hinzuschmelzen ; da er stundenweit gelaufen war , um einen einzigen Blick zu erhaschen , und denjenigen als seinen bittersten Feind gehaßt hatte , der es wagte , die Angebetete beifällig anzusehen . Jetzt blickte er beschaulich zurück und freute sich jener tollen Zeit ; sie aber , mit ihrem Wogengebrause aufgeregter Gefühle , mit ihrem Lachen und Weinen , Hoffen und Verzagen zu schildern , das vermochte er nicht mehr . » Siehst du dort den schwarzen Strich über dem Waldeck ? « fragte er dann nach einem längeren Schweigen , indem er mit der Peitsche nach den immer näher rückenden Bergen zeigte . » Jawohl , das ist die Fahnenstange auf Schloß Gnadeck . Ich habe sie schon vorhin entdeckt und bin in diesem Augenblicke unsäglich froh in dem Gedanken , daß dort ein Stückchen Erde ist , auf welchem wir heimisch sind , eine Stätte , von der niemand in der Welt das Recht hat , uns zu vertreiben . Gott sei Dank , wir haben eine Heimat ! « » Und was für eine ! « sagte der Oberförster , während sein leuchtender Blick über die Gegend flog . » Als ich noch ein kleiner Junge war , da lebte schon die Sehnsucht nach den Thüringer Wäldern in mir , und daran war der Großvater schuld mit seinen Erzählungen . Er hatte seine Jugendzeit in Thüringen verlebt und schüttelte Sagen und Märchen seiner Heimat förmlich aus dem Aermel . Nachdem ich denn meine Sache gelernt hatte , wanderte ich hierher . Damals gehörte noch der ganze Forst , den wir hier vor uns sehen , den Gnadewitzen ; aber denen mochte ich nicht dienstbar sein , ich kannte diese Menschenkinder genug von meinem Vater her . Ich war der erste Ferber seit undenklichen Zeiten , der darauf verzichtete , in ihren Diensten zu stehen , und ließ mich beim Fürsten von L. anstellen . Der Universalerbe des letzten Gnadewitz hat die großen Waldungen geteilt , weil der Fürst von L. seinen Waldbesitz zu vergrößern wünschte und sich diese Liebhaberei ein tüchtiges Stück Geld kosten ließ . So kam es , daß ein lebhafter Wunsch meiner Jugend erfüllt wurde , denn ich wohne jetzt in dem Hause , das eigentlich die Wiege der Ferber ist ... Du weißt doch , daß wir aus Thüringen stammen ? « » Jawohl , schon seit meiner Kinderzeit . « » Weißt auch , was es für Bewandtnis mit unserer Herkunft hat ? « » Nein . « » Nun , es ist freilich schon ein wenig lange her , und ich bin vielleicht noch der einzige , der die Geschichte kennt ; aber ganz verlieren soll sie sich doch nicht , das Andenken ist ja der einzige Dank , den wir Nachkommen für eine brave That haben können ; drum sollst du die Geschichte jetzt hören , und später einmal erzählst du sie weiter ... Vor etwa zweihundert Jahren - du siehst , wir können unsern Stammbaum auch ein gutes Stück zurückleiten , nur schade , daß wir nicht zu sagen wissen , wer unsere Ahnenmutter war ; solltest du indes einmal gefragt werden , vielleicht von der Frau Baronin Lessen und dergleichen , so kannst du getrost sagen , daß wir vermuten , es sei - wenn auch nicht gerade die Gustel von Blasewitz , denn die Geschichte spielt im Dreißigjährigen Krieg - so doch eine Marketenderfrau gewesen ... Vielleicht war es auch eine rechtschaffene , brave Frau , die bei ihrem Manne in allen Bedrängnissen des Krieges treu ausgehalten hat ; aber verzeihen kann ich ' s ihr doch nicht , daß sie ihr Kind verlassen konnte ... Nun also , vor etwa zweihundert Jahren sieht die Frau des Jägers Ferber , als sie in der Morgenfrühe die Hausthür aufmacht - - dieselbe , die jetzt auch mein Hab und Gut verschließt - ein Kindlein auf der Schwelle liegen . Heisa , die hat die Thür wacker zugeschlagen , denn damals hat sich viel Zigeunergesindel in den Wäldern umhergetrieben , und sie hat gemeint , es sei solch ein unreines Wesen . Ihr Mann aber war christlicher , er hat das Kind hereingeholt , es war kaum einen Tag alt . Auf seiner Brust hat ein Zettel gelegen , der hat gesagt , man möge sich des kleinen Knaben annehmen , er sei ehelich geboren und habe in der heiligen Taufe den Namen Hans erhalten , man werde später näheres über das Kind erfahren . In dem Wickelkissen hat auch ein Beutelchen mit etwas Geld gesteckt . Die Jägersfrau ist sonst ein gutes Weib gewesen , und als sie gehört hat , daß der Knabe von christlichen Eltern und wahrscheinlich ein ehrlich Soldatenkind sei , das wohl die Eltern ausgesetzt hatten , um es nicht in die Gefahren des Krieges zu bringen , da hat sie ihn an ihr Herz genommen und mit ihrem kleinen Mädchen aufgezogen , als ob sie Geschwister seien . Und das war sein Glück , denn es hat sich keine Menschenseele von seinen Verwandten wieder um ihn gekümmert . Später hat ihn sein Pflegevater adoptiert , und um sein Glück vollzumachen , hat er auch sein schönes Milchschwesterlein heimführen dürfen . Er sowohl wie auch sein Sohn und ein Enkel haben als Jäger derer von Gnadewitz in meiner jetzigen Wohnung darin gelebt und sind auch darin gestorben . Erst mein Großvater ist auf die Besitzung nach Schlesien versetzt worden ... Als Knabe ärgerte ich mich immer unbeschreiblich , daß nicht nach so und so viel Jahren eine gräfliche Mutter aufgetaucht war , die in dem Findlinge ihr durch Bosheit geraubtes Kind erkannt und ihn triumphierend in ihr Schloß zurückgeführt hatte . Diese fehlende romantische Wendung im Geschicke unseres Ahnherrn habe ich freilich später um so lieber verschmerzt , als mir der Gedanke kam , daß mein Erscheinen auf dieser schönen Welt dann doch vielleicht ein sehr zweifelhaftes sei ; auch gefiel mir mein wackerer Name zu gut , als daß ich einen anderen hätte führen mögen ... Aber wunderbar war mir doch zu Mute , als ich zum erstenmal die Schwelle überschritt , auf welcher der kleine Ausgesetzte wohl den hilflosesten Augenblick seines Lebens verbringen mußte ; seine natürlichen Versorger hatten ihn verlassen , und das Mitleid hatte ihre Stelle noch nicht eingenommen ... Der tief ausgetretene Stein ist ohne Zweifel noch derselbe , auf dem das Kind gelegen hat , und solange ich lebe oder in dem Hause etwas zu sagen habe , soll er nicht von seiner Stelle gerückt werden . « Plötzlich beugte sich der Oberförster vor und deutete durch die Zweige , denn man fuhr bereits im Walde . » Siehst du dort den weißen Punkt ? « fragte er . Der weiße Punkt war die Haube Sabines , welche vor der Thür saß und nach den Rückkehrenden ausschaute . Als sie des Wagens ansichtig wurde , stand sie eiligst auf , schüttelte den Inhalt ihrer Schürze , der sich später als eine Menge Vergißmeinnicht auswies , in einen neben ihr stehenden Korb und half Elisabeth beim Aussteigen . Der Braune trabte wiehernd hinter das Haus , wo bereits der Knecht in dem offenen Hofthore wartete , und das Thier mit einem liebkosenden Schlage empfing : Hektor legte sich schwanzwedelnd auf den Rasen nieder , und die durch den Lärm verjagten Tauben und Spatzen kehrten nach und nach zurück und hüpften zutraulich auf den Tisch und die grün angestrichene Bank unter der Linde , wo der Oberförster sein Frühstück und Abendbrot einzunehmen pflegte , und das wußten die kleinen Schmarotzer sehr genau . Er ging auch nur in das Haus , um seine Uniform mit einem bequemen Hausrocke zu vertauschen , und kehrte bald mit Pfeife und Zeitungen unter die Linde zurück , wo Sabine bereits gedeckt hatte . » Gelt , das ist auch ein närrischer Sonntagszeitvertreib für so ein altes Weibsbild , wie ich bin ? « sagte die Haushälterin im Vorübergehen lachend zu Elisabeth , die , auf der nun so interessant gewordenen Thürschwelle sitzend , den Korb mit den Blumen auf den Schoß genommen hatte und an dem Kranze weiterflocht , den die Alte angefangen . » Aber ich bin das nun einmal so gewöhnt von meiner Jugendzeit her . Da hab ' ich zwei kleine schwarze Bildchen in meiner Kammer - sie stellen meine seligen Eltern vor ; die haben ' s wohl um mich verdient , daß ich ihr Andenken ehre und ihnen ein frisches Kränzchen hinstelle , solange es Blümelein gibt . Ein paar Kinder aus Lindhof bringen mir jeden Sonntag frische ; heute aber hab ich so viel bekommen , daß auch ein Kranz für Goldelschen abfällt - wenn Sie den in einen Teller voll Wasser legen , da haben Sie die ganze Woche etwas Schönes vor Augen . « Noch eine Zeitlang saß heute abend Elisabeth mit dem Onkel zusammen . In dem Oberförster waren eine Menge Erinnerungen wach geworden . Mit dem Erzählen der zweihundertjährigen Familiengeschichte waren auch viele Entschlüsse , Pläne und Empfindungen seiner Jugendzeit aufgetaucht , die er jetzt mitleidig lächelnd an sich vorübergehen ließ ; sie waren samt und sonders vor dem reellen Leben zerstoben , wie Spreu im Winde . Er erzählte behaglich , wie einer , der auf sicherem Lande steht und nur von fern noch das Rauschen der Brandung hört , die ihm nichts mehr anhaben kann . Manchmal fiel auch ein Witzwort oder eine Neckerei dazwischen , die von Elisabeth oder Sabine , wem es gerade galt , gehörig pariert und zurückgegeben wurden . Mittlerweile flog ein heller Schein hinter den Baumwipfeln auf , die erst gestaltlos mit dem dunklen Himmel vermischt ,