, dessen innere Wahrhaftigkeit in diesem Falle die Selbsttäuschungen des Freiherrn nicht voraussah , saß ihm , seinen eigenen ernsten Betrachtungen nachhangend , schweigsam gegenüber . Seine ganze Seele war Gebet . Endlich reichte der Baron dem Geistlichen die Hand . Ich danke Ihnen , sagte er , ich danke Ihnen von Herzen , und Sie haben Recht ! Ja ! Sie haben Recht ! Es ist eine große Wohlthat des Himmels , er brauchte diesen Ausdruck mit Selbstgenuß , es ist ein Segen von Gott , einen Freund , wie Sie in der Nähe zu haben , sich mit einem Freunde wie Sie recht von Herzen aussprechen zu können ; und wie selten habe ich mir in der Zerstreutheit der vergangenen Jahre diese Befriedigung gewährt ! - Er bog sich ein wenig nach hinten über , dehnte Brust und Rücken , und meinte : Ich glaube in der That , diese Nacht werde ich schlafen können . Ich fühle mich ruhiger , freier als in den verwichenen Tagen . Nur der Gedanke an Richten quält mich unaufhörlich ; und ich gäbe viel darum , wenn ich es jetzt noch nicht wiederzusehen , es noch nicht mit meiner Frau wiederzusehen brauchte . Und giebt es dafür keinen Ausweg ? fragte der Caplan , dem die Beruhigung seines Freundes , von welcher er sich die sittliche Erhebung desselben versprach , lebhaft am Herzen lag . Sie haben ja das Haus , welches Fräulein Esther Ihnen hinterlassen hat , eigentlich noch gar nicht bewohnt . Wie wäre es .... Wenn wir nach der Residenz gingen ? fiel der Baron ihm in die Rede , daran habe ich selber schon gedacht ; nur daß Alles , wie Sie wissen , auf unsern Aufenthalt in Richten angelegt und angeordnet war und daß in der Stadt gar Nichts für unsere Aufnahme vorbereitet ist . Ich habe das Haus meiner Tante , als ich es bei meinem letzten Aufenthalte in der Residenz übernahm , doch recht vernachlässigt und traurig gefunden , und man würde es vollständig erneuern müssen , um es angenehm und uns angemessen zu machen . Indeß davon zu reden wird morgen Zeit sein , mein lieber Freund ! Für heute wünsche ich gesammelt zu bleiben und noch eine Weile mit mir allein zu sein . Schlafen Sie wohl ! Gewiß , ich hoffe auch endlich wieder eine gute Nacht zu haben . Er gab dem Geistlichen nochmals die Hand und dieser verließ ihn mit dem beruhigenden Bewußtsein , gethan zu haben , was ihm oblag . Er hatte den Zerknirschten nicht mit harter Verdammung niedergeschmettert , sondern ihn aufzurichten gesucht , da er seine Erhebung anstrebte und ersehnte ; und es eröffnete sich ihm jetzt dafür die Aussicht , der Kirche ein ihr entfremdetes Glied , das Haupt einer einflußreichen und vornehmen Familie , dem Glauben und der Sitte einen Menschen von vielen Gaben und von einem an sich guten Herzen wieder zuzuführen , während ihm selbst der Freund zurückgegeben zu werden schien , an dem er immer mit warmer Neigung gehangen hatte , seit der Baron einst sein Zögling gewesen war . Der Caplan betete also an dem Abende noch länger und noch inniger als sonst , und der Freiherr schlief seit Paulinen ' s Tode in dieser Nacht den ersten traumlosen und ruhigen Schlaf . Das setzte ihn wieder völlig in den Gebrauch seiner Kräfte ein . Er fühlte sich erfrischt und befreit , er erschien sich verjüngt , als er sich im Spiegel betrachtete , und er sah mit wachsender Spannung und freudiger Bewegung der bevorstehenden Ceremonie entgegen . Am Mittage wurde die Trauung des Barons mit der Gräfin Angelika , wie es in den Ehepacten festgesetzt worden war , nach katholischem Ritus vollzogen . Der Baron hatte am Morgen noch eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt , und beide waren bemüht gewesen , sich auf dem Wege zu erhalten , auf welchem der Freiherr gestern die erste trostreiche Beruhigung gefunden . Er hatte dem Caplan die feierliche Zusage gegeben , dahin zu wirken , daß auch seine Töchter , falls er deren haben sollte , in der katholischen Kirche auferzogen würden , und er war danach während der Trauung ernster und feierlicher gestimmt , als die Gesellschaft , welche ihn im Schlosse umgab , es von ihm erwartet hatte . Die Eltern der Braut erfreuten sich dessen als einer Bürgschaft für das Glück der Tochter ; die junge Gräfin selber war gegenüber der Innigkeit , mit welcher ihr Gatte sich gegen sie bezeigte , voll demuthsvoller Zärtlichkeit und Liebe , und es war sicherlich Niemand unter den anwesenden Gästen , welcher diesem von dem Schicksal so vielfach bevorzugten schönen Paare nicht eine glückliche Zukunft vorausgesagt hätte . Bei der Tafel , als eine der Tanten den Schmuck bewunderte , mit welchem der Baron seine Braut zur Hochzeit beschenkt hatte , erklärte dieser , daß er seiner Frau noch ein anderes Angebinde , oder vielmehr noch eine Ueberraschung vorbereitet habe , welche ihr , wie er hoffe , willkommen sein werde . Er bat sie , zu errathen , was er für sie im Sinne führe , aber sie traf das Rechte nicht , und endlich fragte er : wie würde es Dir gefallen , meine Beste , wenn wir morgen , statt unsern Weg nach Richten einzuschlagen , uns nach der entgegengesetzten Seite wenden und nach der Residenz begeben würden , um dort den Winter zuzubringen ? Der Vorschlag erregte bei Allen ein großes Erstaunen , denn seit der Verlobung hatte man es festgesetzt gehabt , daß die Neuvermählten das erste Jahr ihrer Ehe in Richten verleben sollten . Alle Plane des Barons waren darauf begründet , alle seine Briefe voll gewesen von der Schilderung der Annehmlichkeiten , welche er sich von dieser Einrichtung versprochen hatte . Nun sollte das plötzlich Alles anders werden . Man wußte sich nicht gleich in eine so unerwartete Veränderung hineinzudenken , wußte sich ihre Ursache nicht zu deuten , und besonders Angelika vermochte bei diesem Vorschlage des Barons , der ihren Neigungen und Hoffnungen gleichmäßig widersprach , vollends keine Freude zu empfinden . Die gräflich Berka ' sche Familie gehörte zu jenen alten guten Adelsgeschlechtern , welche das Leben im eigenen Hause und auf eigenem Grund und Boden als die einem Edelmanne am meisten zuständige Lebensweise erachteten . Nur einmal und nur für eine kurze Zeit hatte Angelika in der Stadt verweilt , als eine Krankheit der Mutter die Berathung eines dortigen berühmten Arztes nothwendig gemacht hatte . In der Residenz war sie niemals gewesen , und an ein ruhiges Dasein , an eine einförmige Folge der Tage gewöhnt , reizte das Neue sie weniger , als das Fremde sie beunruhigte . Alle die idyllischen Hoffnungen , welche sie für ihre nächste Zukunft gehegt , sanken vor dem neuen Plane ihres Gatten in Nichts zusammen , und rasche Uebergänge aus einem Gedanken- und Vorstellungskreise in den andern zu machen , war ihr nicht gegeben . Ihre Mienen verriethen daher nichts weniger als Freude bei der Eröffnung des Barons , und als er ihr im Besondern die Frage vorlegte , ob er ihrer Neigung mit seiner Absicht begegnet sei , verneinte sie es mit der Bemerkung , es schmerze sie , daß ihr auf diese Weise das erste ruhige Beisammensein mit ihm verkümmert und ihr die Gelegenheit genommen werde , sich ihm in der neuen Heimath als Hausfrau angenehm und lieb zu machen . Er suchte ihr das auszureden , er bemühte sich , ihr begreiflich zu machen , daß sie in gewissem Betrachte in der Residenz weit mehr auf einander angewiesen sein würden , als in Richten , wo Familienbesuche sie vielfach beansprucht und ihnen die Zeit einsamen Verkehrs beschränkt haben würden , und sie ließ das endlich gelten . Aber der Baron hatte bei diesen Auseinandersetzungen zum ersten Male Gelegenheit , sich zu überzeugen , daß seine Frau zwar ihre liebsten Hoffnungen freundlich seinen Wünschen unterzuordnen wußte , daß es jedoch nicht leicht sei , sie ihren Sinn ändern zu machen oder ihr fremde Gedanken unterzuschieben . Man speiste lange , man tanzte nachher . Die Braut fand allmählig ihre Heiterkeit wieder , sie war lieblicher und anmuthiger , als je zuvor , und der Baron sah schön aus in der freudigen Erregung , die ihn durchglühte . Die Töne der Gavotte und der Quadrille à la Reine erklangen noch immer , nachdem er schon lange seine junge Gattin in den stilleren Theil des Schlosses entführt hatte , in welchem die Zimmer für die Neuvermählten eingerichtet worden waren . Ihre Abreise sollte am nächsten Mittage vor sich gehen . Nach der Gewohnheit des Hauses frühstückten die Gäste auf ihren Zimmern . In dem Wohngemache der gräflichen Hausherrin war das neue Ehepaar mit den Eltern und dem Grafen Gerhard , dem jüngsten Bruder der Braut , beisammen ; der ältere Bruder und Majoratserbe befand sich bei einer Gesandtschaft außer Landes . Man wünschte , sich der scheidenden Tochter noch einmal in Ruhe zu erfreuen . Der Graf sah es mit Vergnügen , wie zärtlich sein Schwiegersohn der jungen Frau begegnete , wie er vor Entzücken aufflammte , wenn sein Auge sich auf die schöne Gattin richtete . Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig , er war dadurch mit der Gräfin auch liebevoll und zärtlich , und er verargte es derselben ganz entschieden , daß ihre Blicke so ängstlich und so fragend auf die Tochter geheftet blieben . Er verargte es der Tochter , daß sie so schweigend da saß , daß sie die liebevolle Zuvorkommenheit ihres Mannes nicht wärmer aufnahm , sie nicht ein einziges Mal erwiderte . Sie ist nicht wie ihre Mutter ! dachte der Graf , und in seinem Innern sagte er ihr jene völlige Herrschaft über den Baron voraus , welche kalte Frauen über warmherzige Männer stets gewinnen . Aber er hatte Angelika nicht für so kalt gehalten , er hatte erwartet , sie am ersten Tage ihrer Ehe eben so heiter und zärtlich zu finden , als der Baron sich bezeigte . Je näher der Augenblick der Trennung kam , je weniger verbarg sich die Schwermuth der beiden Frauen . Keine von ihnen sprach sich über ihre Empfindungen aus ; indeß die Mutter hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen , daß sie wußte , der trübe Ernst in dem Auge derselben , die festgeschlossenen Lippen müßten noch etwas Anderes zu verbergen haben , als den Schmerz des Scheidens von dem Vaterhause , den einzugestehen Kindespflicht und Dankbarkeit ihr fast geboten . Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer Mutter nicht , um sich von ihr verstanden zu fühlen . Was geschehen sei , vermochte die Gräfin nicht zu enträthseln ; nur das stand für sie fest , ihre Tochter sah anders aus , wenn Glück und Zuversicht aus ihren Mienen lächelten . Endlich schlug die zur Abreise angesetzte Stunde . Mitten aus dem Kreise der nächsten Familie und der männlichen Gäste , welche der Tochter des Hauses bis hinab auf die Rampe das Geleite gaben , hob der Baron seine Frau in den Wagen . Noch ein letzter Blick von dem Auge der Mutter , noch ein Zuruf von Vater und Bruder , noch Grüße und Grüße von der alten , treuen Dienerschaft , noch ein Peitschenknall durch die frische Luft , ein kräftiger Ansatz der vier feurigen Rosse , und das Vaterhaus war verlassen für immer . Die Baronin von Arten hatte fortan auf eigenen Wegen zu gehen , Angelika hatte sich eine Heimath in dem Hause und in dem Herzen ihres Mannes zu errichten . Aber still und traurig , wie sie den ganzen Morgen hindurch gewesen war , saß sie in dem Reisewagen an der Seite ihres Gatten , und all seine Zärtlichkeit , all seine Betheuerungen , daß er für sie leben , daß er sein Glück darin suchen wolle , sie glücklich zu machen , waren nicht im Stande , die Schwermuth von ihrer Stirne zu bannen oder den Zug des Schmerzes von ihrem Munde zu vertilgen . Es war umsonst , daß der Baron sich damit tröstete , die Trauer einer Tochter bei dem Abschiede von den Eltern sei natürlich ; umsonst , daß er sich sagte , diese starke Liebe für die Eltern verspreche ihm Gutes . Es beschlich ihn eine Unruhe , es bemeisterte sich seiner eine Ungeduld , die ihn allmählig verstimmten ; und als am Nachmittage die Sonne sank und der Abend sein bleiches Grau über die weiten , kahlen Flächen des Landes auszubreiten begann , war das Herz ihm beklommen , und sein niedergedrückter Geist hatte Mühe , sich von den Erinnerungen fern zu halten , denen er seit der Unterredung mit dem Caplan entfliehen zu können gehofft hatte . Eine geraume Zeit war vergangen , in welcher weder der Baron noch Angelika ein Wort gesprochen hatten , als diese ganz plötzlich mit anscheinender Ruhe die Frage that : Heißt Jemand Pauline unter den Frauen , die Du kennst ? Den Baron traf es wie ein Stich durch ' s Herz , das Räthsel begann sich ihm in erschreckender Weise zu lösen . Pauline ? wiederholte er , den Schauer niederkämpfend , der ihn beim Aussprechen dieses Namens überfiel , wie kommst Du zu der Frage , Geliebteste ? Angelika war unsicher , ob sie antworten solle , endlich sagte sie : Weil Du mich mehrmals so genannt hast . Es war ein Glück , daß die Laternen des Wagens noch nicht angezündet waren und daß Angelika die Blässe und den Ausdruck seines Gesichtes nicht sehen konnte , als er sich bemühte , sie an einen Irrthum , an ein Mißhören von ihrer Seite glauben zu machen . Aber obschon sie schwieg , war er gewiß , sie nicht überzeugt zu haben , und in die Nothwendigkeit versetzt , ähnlichen Möglichkeiten vorzubeugen , sagte er : Es kann wohl sein , daß ich den Namen ausgesprochen habe , denn eine Frau , die ihn trug , ist mir einst werth gewesen , und es ist leicht möglich , daß in Deiner lieben Nähe die Erinnerung an sie mich unwillkürlich überschlich . Aber Du hast von dieser Erinnerung nichts mehr zu fürchten , fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu , und Du , meine Angelika , bist zu vernünftig , bist zu klug , als daß Du hättest hoffen können , die Gedächtnißtafeln eines Mannes so rein und unbeschrieben zu finden , als die Deinen es zu meiner Freude sind , Du süßes Weib ! Die Baronin sah ihn an , der Schein der Laternen , die man inzwischen mit Licht versehen hatte , zeigte ihr seine Mienen ruhig und gefaßt . Und wer ist diese Pauline ? wo lebt sie ? fragte sie , um Beruhigung bittend . Sie lebt nicht mehr ! antwortete der Baron , und wieder überflog der Schauer des Entsetzens seine Glieder . Sie lebt nicht mehr ! laß Dir das genügen . Meine Zukunft ist Dein , Dein ausschließlich , das gelobe ich Dir ! so wahr ein Gott über uns waltet . Die Vergangenheit , die nicht Dein war , ist nicht mehr , und es ruht allein in Deiner lieben Hand , sie mich völlig vergessen zu machen . Er sprach das mit großer Aufrichtigkeit , mit fester Zuversicht ; indeß er sah , daß er Angelika nicht befriedigt hatte , und es war ihm ein ungewohntes und peinliches Gefühl , sich für alle Zeiten gebunden zu denken , sich eingestehen zu müssen , daß in der That das Glück und der Friede seiner kommenden Jahre von dem Willen und den Eigenschaften einer jungen Frau abhingen , von welcher man bis dahin kaum die Wahl der eigenen Kleidung und sicherlich keine ihrer eigenen Handlungen abhängig gemacht hatte . Ohne daß er es verrieth , drückte ihn der erste Ring der Fessel , mit welcher er sich gebunden hatte . Es wäre ihm sehr erwünscht gewesen , jetzt ein freundliches Wort von der Baronin zu vernehmen , und daneben verdroß ihn die Bemerkung , daß er eben auf ein gutes Wort zu warten sich genöthigt fand . Angelika jedoch blieb in sich gekehrt in ihrer Ecke sitzen , und weil sie dabei so gar traurig aussah , nahm er sie in seine Arme , schloß sie an sein Herz und fragte sie , ob sie ihm denn nicht glaube , nicht vertraue ? Ja ! versetzte sie , o ja ! ich glaube Dir , aber - Aber ? wiederholte er besorgt . Sie wollte sprechen und fand den Ausdruck nicht , bis sie , in Thränen ausbrechend und in Scham erglühend , mit einer ihr fremden Hast die Worte hervorstieß : Sie stehen zwischen mir und Dir , diese unglückseligen Erinnerungen , und ich kann und kann es nicht vergessen , wenn Du mich in Deine Arme , an Dein Herz nimmst , daß schon Andere an Deiner Brust geruht , an welcher ich meines Lebens heilige Zufluchtsstätte zu finden hoffte ! Sie schien sich in diesem Augenblicke wirklich so unglücklich zu fühlen , daß sie dem Baron Mitleid einflößte . Er bedauerte sie , er bedauerte auch sich selbst und dachte mit aufrichtiger Reue an seine Vergangenheit zurück ; aber vor Allem machte der Vorgang ihn doch verdrießlich . Die reine Seele seiner Frau und ihre Wahrhaftigkeit waren ihm achtungswerth und erfreulich , nur mußten sie ihn nicht belästigen ; und wie er es auch vorhatte , ein gewissenhafter Ehemann zu werden , so war ihm die Aussicht , daß Angelika zur Eifersucht geneigt sein könne , vollends unbehaglich . Er hatte Ruhe , Frieden , Erheiterung , Zerstreuung nöthig , hatte sie von dieser Reise mit seiner jungen Frau erwartet , und sollte nun als Angeschuldigter da sitzen , sollte sich rechtfertigen , Trost sprechen und Vernunft predigen ! Das dünkte ihn bald widerwärtig und bald lächerlich . Er fühlte sich in einzelnen Augenblicken zu dem Wunsche , den er sich selbst als einen lästerlichen bezeichnete , veranlaßt , daß er eine weniger sittenstrenge Gattin besitzen möge , vorausgesetzt , daß sie nur leichtlebiger und fröhlicher sei ; denn als der Baron sich zu verheirathen beschloß , hoffte er , nicht nur zufrieden gestellt zu werden , sondern auch zufrieden zu stellen ; und er hatte nach seiner Meinung ein Recht , dies als eine nothwendige Ausgleichung für seine aufgegebene Ungebundenheit und Freiheit zu begehren . Er schwankte , ob er sich gegen Angelika erzürnt zeigen oder ob er sie besänftigen solle , aber die ernsten und guten Vorsätze , welche er für seine Ehe gefaßt hatte , trugen den Sieg davon . Er machte seiner Frau einige von jenen allgemeinen unbestimmten Bekenntnissen über seine Vergangenheit , welche Nichts verriethen und doch hinreichten , einer liebevollen und sittenreinen jungen Frau Gelegenheit zum Beklagen des Schuldigen , zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu bieten ; und als das unerfahrene , liebende Herz der Baronin den geliebten Mann nur beklagen und ihm verzeihen und eine zärtliche Versöhnung mit ihm genießen konnte , war es für den Augenblick gar leicht beschwichtigt und über seine Zweifel fortgetragen . Sechstes Capitel Die Erfahrung , welche der Baron an dem ersten Tage seiner Ehe gemacht hatte , ward ihm eine Anmahnung zur Selbstbeherrschung , aber grade die Nothwendigkeit derselben ließ ihn erkennen , wie sehr er durch Paulinen ' s Tod erschüttert war , und während die anmuthigste und liebenswürdigste Frau an seiner Seite saß , von deren Tugend und Bildung er selbst sich ein reines Glück erhoffte , konnte er das Bild des unglücklichen Geschöpfes nicht verscheuchen , das ihm in willenloser Leidenschaft , in ausschließlicher Liebe zu eigen gewesen war und , durch ihn selbst von jedem andern Anhalte losgelöst , keinen Ausweg für sich gefunden hatte , als den Tod , da er sich von ihr abgewendet . Der Wagen führte ihn vorwärts , aber alle seine Gedanken gingen nach Richten und in die Vergangenheit zurück , und obschon er mit großer Anstrengung die Heiterkeit und Zufriedenheit zur Schau trug , welche jeder herzensfreie Mann an der Seite Angelika ' s empfunden haben würde , die sich wieder zutrauensvoll und fröhlich an ihn zu schließen begann , hätte er bisweilen viel darum gegeben , eine Stunde des Alleinseins , eine Stunde zwanglosen Leidens und Ausruhens genießen zu können . So drückend ihm der Gedanke an die Rückkehr nach Richten Anfangs auch gewesen war , er fand , daß er nicht klug gethan habe , indem er sich in seiner gegenwärtigen Stimmung zu dem unausgesetzten Beisammensein mit seiner Frau verdammt hatte , und er erschrak doch vor sich selber , als er sich eben dieser Empfindung bewußt ward . Dazu hatte er die Fahrt nach der Residenz auf kurze Tagereisen anlegen müssen , um dem vorausgesandten Kammerdiener Zeit zu den unerläßlichsten Vorkehrungen in dem Hause von Fräulein Esther zu lassen , und obgleich die Tage noch sehr hell und freundlich blieben , war die Jahreszeit doch schon weit vorgerückt . Die Abende waren lang , die Orte , in denen man zu rasten hatte , boten keine Zerstreuungen , die Gasthöfe nicht einmal eine gewisse Behaglichkeit dar . Ohne die Anspruchslosigkeit und den jugendlichen Sinn der Baronin , die niemals gereist war und die daher in manchen Dingen noch einen Reiz und eine Belustigung zu finden vermochte , welche ihrem Gatten nur als Unbequemlichkeiten erschienen , wäre diese Fahrt nach ihrem neuen Aufenthaltsorte nicht danach angethan gewesen , der jungen Frau als eine ihr von ihrem Gatten gewährte Ueberraschung oder Vergünstigung zu erscheinen . In der Regel aber steigert sich die Erwartung , mit welcher wir einem unbekannten Zustande entgegen gehen , durch die Dauer der Zeit wie durch die Mühe , mit welcher wir zu demselben zu gelangen haben , und besonders die Jugend , welche noch an ein nothwendiges Gleichgewicht zwischen Mühe und Erfolg glaubt , hält sich berechtigt , ihre Hoffnungen und Ansprüche je nach der Zeit des Wartens höher zu spannen . Die erste Ankunft in der Residenz war jedoch nicht dazu geeignet , den Vorstellungen zu entsprechen , mit welchen die Baronin ihr in den letzten Tagen und Stunden entgegen gesehen hatte . Es war ein unfreundlicher Nachmittag , an welchem der Reisewagen des Barons durch das Frankfurter Thor in Berlin einfuhr und nach langem Wege vor dem Hause von Fräulein Esther Halt machte . Nach mehreren Wochen des schönsten , hellsten Wetters hatten Regen und Nebel des Herbstes sich ganz plötzlich eingestellt und fielen deshalb um so widerwärtiger auf . Das Haus lag in einer Straße , welche zu den vornehmsten gezählt hatte , ehe die Erweiterung der Stadt hier wie überall die schöne Welt nach dem Westende übersiedeln machte , und die dunkeln Mauern sahen bei der trüben nassen Luft noch grauer als gewöhnlich aus . Breit für seine Höhe , auf weitem Hofe hingestreckt , mit eisernem Gitter gegen die Straße abgeschlossen und von den Bäumen des Gartens überragt , übte das Haus auf die Baronin eine überraschende Wirkung aus , indeß der Verfall desselben drängte sich ihr trotz der beginnenden Dämmerung deutlich auf , und das Innere des Gebäudes entsprach dem Aeußern nur zu sehr . Die öde , mit schwarzen Fliesen ausgelegte Eintrittshalle , die breiten Steintreppen mit den altersgeschwärzten Eisengallerien , die hohen , mit stumpffarbigen Seidenstoffen und gepreßtem Leder tapezierten Gemächer , der Hausrath , dem man es ansah , daß er seit gar langen Jahren nicht erneuert worden war , hatten etwas Trauriges . Die Brocatüberzüge der Möbel , die Gardinen und Thürvorhänge waren farblos , die reichen Vergoldungen ohne Glanz , die prächtigen Spiegelgläser waren blind geworden . Die gestickten Tischdecken , die Teppiche und Polster sahen fahl aus , und von den Oelgemälden und Pastellbildnissen , deren sich eine große Anzahl in den Zimmern vertheilt befanden , waren die Farben ebenfalls verblichen , daß sie blaß und gespenstisch auf die Eintretenden herniederschauten . Zwar brannten in den herabhängenden altmodischen Messing-Laternen der Halle die Lichter , und in den Räumen , welche man zu ebener Erde auf die ganz unerwartete Nachricht von der bevorstehenden Ankunft des Barons geöffnet und für ihn hergerichtet hatte , flammten die Feuer lustig in den großen Kaminen , aber trotz der Mühewaltung des vorausgesandten Dieners war und blieb der melancholische Hauch , der über dem Hause lag , unzerstörbar . Das widerwillige Bellen der beiden alten Hunde , welche den fremden Eindringlingen den Eingang verwehren zu wollen schienen , erschreckte die Baronin , und die steifen Verbeugungen und Knixe der in dem Hause waltenden Kammerfrau von Fräulein Esther , die mit kaltem Auge , ohne eine Miene zu verziehen , ohne ein Wort des herzlichen Willkomms zu äußern , ehrerbietig und feierlich wie der Aufseher eines Grabgewölbes Zimmerthüre um Zimmerthüre öffnete , waren vollends niederschlagend . Dem Baron war selbst dabei nicht wohl zu Muthe . Das Hôtel kam ihm fremd und wie verwandelt vor , da er es jetzt mit dem Auge seines jungen Weibes und als dessen nächsten Aufenthalt betrachtete . Er war des Hauses und seiner ganzen Einrichtung von seiner ersten Kindheit an gewohnt gewesen ; seitdem hatte sich nichts in demselben verändert , und er hatte daher , wenn er Tante Esther sonst aufgewartet , kaum noch auf ihre Umgebung geachtet . Alles hatte , so wie es da war , mit der blassen , stolzen Greisin zusammengehört , Allem hatte das alte Fräulein seinen Charakter aufgeprägt , und so einheitlich lebte Esther ' s Bild mit diesem Hause in dem Geiste ihres Neffen fort , daß er immer meinte , wenn er den Kopf zurückwende , werde Tante Esther in dem steifen , schwarzen Kleide , mit dem schwarzen Spitzentuche über der thurmhohen Frisur wieder an dem Kamine sitzen , unwillig darüber , daß der Baron sich unterfangen habe , die fremde , junge Frau ohne ihre besondere Erlaubniß hierher zu führen , und daß er daran denke , in dem Hause seiner Tante Anordnungen zu treffen , ehe er deren Meinung darüber eingeholt . Es fehlte nicht viel , so hätte er Angelika gebeten , sich von dem Sessel am Kamine zu erheben , weil die Tante es niemals geduldet hatte , daß Jemand anders sich ihres Armstuhles bediente oder sich auf einem der Plätze niederließ , auf denen sie gewöhnlich zu sitzen pflegte . Jetzt erst , da er in der Residenz zu leben und das Haus nach seinen Bedürfnissen umzugestalten dachte , wurde ihm die Herrschaft der Verstorbenen , die ihm bis dahin nur in komischem Lichte erschienen war , drückend und lästig . Er hatte nichts dagegen , daß sie ihrem Erben die Verwerthung dieses Hauses , welches mit seinen Gärten in der aufblühenden Stadt ein bedeutendes Vermögen darstellte , durch ihr Testament wesentlich erschwert hatte . Er war reich und hatte den Sinn des Edelmannes , dem der liegende Besitz , das eigentliche Haben , neben dem Genießen die Hauptsache ist . Aber der Eigenwille der alten Dame , welche nicht nur ihrer Kammerfrau , sondern auch ihren Hunden und Katzen ein fortdauerndes Asyl in ihrem Hause gesichert hatte , ohne seinem jetzigen Besitzer auch nur die Möglichkeit einer Ablösung dieser Last zu gestatten , sofern er sie nicht nach Richten übersiedelte , empörte ihn ; und die Verpflichtung , die alten Bilder und gewisse Zimmer und Möbel für immer unverändert zu belassen , so lange das Haus in seinem Besitze blieb , hemmte daneben den Baron bei den Planen für die Umgestaltung desselben mehr , als er es erwartet hatte . Es war in dem Hause Alles stets so ausschließlich auf Fräulein Esther und auf deren Bedürfnisse und Gewohnheiten berechnet gewesen , daß der Bann , den ihre Willkür bei ihrer Lebzeit um sie her verbreitet hatte , auch jetzt noch auf dem Hause lastete , nachdem sie selbst es bereits mit der stillen Ahnengruft ihrer Familie in dem Garten von Schloß Richten hatte vertauschen müssen . Der Baron befand sich in einer sehr unangenehmen Lage . Seit Monaten hatte er sich damit beschäftigt , das schöne Stammschloß seiner Familie zu würdiger Aufnahme der jungen , schönen Herrin einzurichten . Mündlich und schriftlich war zwischen ihm und seiner Braut vielfach darüber verhandelt worden , und obschon er ihr die Art der Einrichtung mehrfach geschildert , hatte er doch gehofft , sie durch den heitern Glanz der kunstgeschmückten Räume , in welchen sie künftig zu leben hatte , angenehm zu überraschen . Statt dessen hatte er sie in die Residenz gebracht , und er begriff es jetzt kaum , wie der vorsichtige und kluge Freund ihm diesen Vorschlag habe machen und wie er selbst darauf habe eingehen mögen . Wo er Freude zu erregen beabsichtigte , rief er unabweislich eine trübe Stimmung hervor . Statt in breitem Behagen sorgenfrei und leicht mit seiner jungen Frau zu leben , sollte und mußte sie jetzt nothwendig mancherlei Mühen und Arbeiten übernehmen , und statt des Dankes , den er von ihr zu ernten gewünscht , hatte er wegen einer plötzlichen Abänderung des festgestellten Planes , für die sich nicht der geringste haltbare Grund anführen ließ , Entschuldigungen zu machen und um Vergebung zu bitten . Er konnte nicht aufhören , sich diese Uebelstände zu wiederholen , und doch vermochte er es nicht einmal völlig zu ermessen , wie sehr Angelika von ihrer neuen Umgebung litt , und wie der Hauch der Vergänglichkeit , der hier Alles umwitterte , auf die Phantasie einer jungen Frau wirken mußte , die mitten in ihren Glücksträumen ihren ersten großen Schmerz , ihre erste bittere Erfahrung in sich zu überwinden gehabt hatte . Angelika fühlte sich in dem Hause wie in der Verbannung , wie in der Gefangenschaft . Es war das ihrige geworden , ohne daß sie sich gewöhnen konnte , es als solches zu betrachten , denn überall , in welches Zimmer sie kam , fand sie entweder das Bild der Tante mit dem verschleierten , weltabgeschlossenen Blicke