unterlassen haben . Einige Tage später waren wir nach Italien unterwegs . Ich siedelte mich zwei Meilen von Genua , unmittelbar an der Küste des herrlichsten Meeres an . Das Glück wollte , daß ich in der Familie eines reichen Engländers , der sich zu einem ähnlichen Zwecke , wie ich , in dem Orte aufhielt , Unterrichtsstunden erhielt , deren Ertrag mich jeder äußern Sorge überhob . Desto größer war meine Sorge für Eleonore . Die Flucht aus Paris war so eilig gewesen , und für Eleonoren so ganz nur das Resultat eines augenblicklichen Impulses ; ihre gleich darauf eintretende Krankheit hatte ihre Willenskraft so vollständig gelähmt , daß sie sich in einer Art von Betäubung allen meinen Anordnungen willig gefügt hatte und eigentlich erst jetzt zu einem Verständniß ihrer Lage kam . Ich hatte nicht bedacht und fühlte erst jetzt an Eleonorens Benehmen mir gegenüber , daß in dieser Abhängigkeit von dem Manne , den sie so schmachvoll verrathen , in der beständigen Nähe dessen , vor dem sie sich am liebsten in der Tiefe der Erde verborgen hätte , zu leben , die härteste Strafe für ein Wesen sein mußte , bei dem der letzte Funken von Ehrgefühl noch nicht erloschen war . Eleonore sprach dies geradezu aus ; aber sie fügte hinzu : diese Sühne ist hart , aber sie ist gerecht ; nur so konnte ich zu einer Erkenntniß dessen kommen , was ich an Dir gefrevelt habe . - Wenn Eleonore so in der Zerknirschung der Reue eine Milderung ihrer Gewissensqualen fand , so hatte ich für mein namenloses Leid nur den für eine bescheidene Seele sehr dürftigen Trost : an Eleonoren zu handeln , wie es mir das Gewissen vorschrieb . Ich konnte ungestört den Schmerzenskelch bis auf den letzten bittersten Tropfen leeren . Das war also die Erfüllung des köstlichen Glücks , von dem ich in den goldenen Tagen von Fichtenau und selbst noch in der Nacht der Festungs-Casematten geträumt hatte ! Diese bleiche kraftlose Gestalt , die gesenkten Hauptes an meinem Arme auf der Höhe des Felsenufers im Abendsonnenschein dahinschritt , an deren Schmerzenslager ich wachte , wenn sie die Krankheit Tage lang in das Zimmer bannte , in deren gebrochenes Herz ich , der ich selbst des Trostes ermangelte , lindernden Balsam zu träufeln hatte - war das Mädchen , das ich mir zum Weibe erkoren , in dem ich die künftige Mutter meiner Kinder ahnungsvoll angebetet hatte ! Und doch ist es gut , daß ich auch das erlebte . Es war eines Abends . Ich hatte die Kranke , die heute besonders aufgeregt war und ängstlich nach Luft und Licht verlangte , auf meinem Arm aus dem Fischerhäuschen , in welchem wir wohnten , bis auf den Rand der schwarzen Basaltfelsen , die hier das Meer umsäumen , getragen und ihr dort von Kissen ein Lager bereitet . Die Sonne ging in strahlender Herrlichkeit im Meere unter . Kaum ein Lüftchen kräuselte die glatte Fläche der See , von der , wie von einem Spiegel , die smaragdnen und goldnen Lichter , die an dem Himmel prangten , reflectirt wurden . Auch auf das bleiche Gesicht der Kranken fiel ihr zauberischer Schimmer - die rosige Lüge - mit der die Sonne und das Leben die Nacht und den Tod verhöhnen . Und in dieser Stunde nahm Eleonore Abschied von der Sonne und dem Leben . Sie sagte mir , daß sie mich stets geliebt habe , selbst in dem Augenblicke , als Eitelkeit und Sinnlichkeit sie verblendeten ; daß ihr ganzes Leben seit diesem Augenblick nur der stete qualvolle Versuch , sich zu betäuben , gewesen sei . Sie möchte nicht genesen , auch selbst nicht dann , wenn es möglich wäre , daß ich ihr wieder meine Liebe schenkte . Sie sei nicht werth , meine Sklavin , geschweige denn mein Weib zu sein . Sie schaudere vor diesem Gedanken zurück . - O , nimmer , nimmermehr , fuhr sie fort , und aus ihren großen dunklen Augen leuchtete ein himmlisches Feuer ; nimmer hier auf dieser Erde , wo ich an Dir so furchtbar gefrevelt habe . Aber , wenn dieser entweihte Leib zerfallen und die Seele von der Fessel , die sie in den Staub zog , befreit ist , dann werde ich Dich umschweben , dann werde ich Deiner harren , und wenn Du kommst , wird Deine Seele meine Seele küssen , und ich werde in diesem Kusse erkennen , daß Alles gesühnt und Alles vergessen und vergeben ist . Ich sagte ihr , daß ich ihr Alles längst vergeben habe , daß ich sie liebe mit einer reineren , heiligeren Liebe , als in den Tagen unseres Glücks . Ich küßte weinend ihre weißen Hände und ihren bleichen Mund . Das ist unser Hochzeitstag ! flüsterte sie , armer , armer Mann ! Sie sank in die Kissen zurück . Ich trug die ganz Erschöpfte nach der Hütte und auf ihr Lager . Es war das letzte Mal . In dieser Nacht starb Eleonore . Berger war aufgestanden , Oswald war seinem Beispiele gefolgt . Jener war mit den Erinnerungen , die so eben , von seiner mächtigen Phantasie mit aller Schärfe und Klarheit der Wirklichkeit ausgestattet , an seines Geistes Auge vorübergezogen waren , dieser mit dem eben Gehörten so vollauf beschäftigt , daß sie kaum des Weges achteten , der sie durch dunkle Tannenwaldungen höher und höher führte . Da traten sie heraus aus den Bäumen auf den kahlen Gipfel des Berges , der von den Bewohnern die Gockeleia genannt wird und der bei weitem höchste ist ringsum unter seinen Brüdern und Schwestern . Die Sonne war bereits untergesunken , aber der westliche Himmel prangte noch in der Gluth des Abendroths , von dem ein schwächerer Abglanz selbst den östlichen Horizont rosa färbte . Hier und da blickte eine der höheren Bergkuppen , in Purpurlicht getaucht , dem scheidenden Gestirn des Tages nach ; aber in den weiteren Thälern lagerten schon graue Abendschatten und weißliche Nebel zogen in den engeren Schluchten . Die Tannen , die zu den Füßen der Wanderer ihre grünen Häupter emporhoben , standen starr und still wie eine vor Erwartung athemlose Menge . Berger blickte , auf seinen Stab gestützt , in die Abendsonnengluth hinein , von der in jedem Moment eine Farbe verschwand und eine andere verblaßte . Oswalds Auge hing an seinen Mienen , die sich - war es die Wirkung des geisterhaften Lichts , war es nur der Ausdruck eines inneren Vorganges - mit jedem Augenblick mehr zu vergeistigen schienen . Plötzlich ließ Berger seinen Stab fallen , breitete die erhobenen Hände wie zum Gebet aus und sprach : Mutter Nacht , urewige , urgewaltige , aus deren Schooß sich die Creatur in ihrem wilden Lebensdrange losreißt , um nach langer Irrfahrt reuig und demüthig für immer an Deinen treuen mütterlichen Busen zurückzusinken , sei mir gegrüßt auch in Deinem schwachen irdischen Abbild ! Du abgrundtiefer Born der Vergessenheit , Du süße Wiege ungestörter Ruhe , wie sehne ich mich doch so nach Dir von ganzem Herzen ! O nimm sie von mir , diese öde Qual des Lebens ; erspare mir den täglichen Kummer , diese müden Augen zu einem Lichte aufzuschlagen , das ihnen so verhaßt ist ; nimm diesen Erdenrest , der befleckend auf mir haftet und der in demselben Maße , daß er sich verringert , nur um so peinlicher wird ! Laß ihn , o laß ihn bald verzehrt sein ! Ich weiß es wohl , ich könnte zu Dir kommen , wenn ich noch einen Schritt thäte auf diesem Felsenrande , aber ob auch mein Gebein im Sturz zerschmetterte , doch würde die Seele keine Ruhe finden , denn sie hatte in dem Kelch des Lebens noch einige Tropfen , vielleicht , wer weiß es ? die bittersten von allen gelassen . Nein , nein ! weiche von mir , Teufel , der Du mich in den Abgrund lockst . Der Abgrund ist nicht der Tod , sondern das Leben mit aller seiner Herrlichkeit . Ich kenne das alte Stück ; du hast es auch ihm gespielt , dem Sohne des Zimmermanns von Nazareth ! Aber er wies Deine Lockungen von sich - Ehre , Macht und Weibergunst , um zu dürsten , zu hungern und nicht zu haben , wohin er sein Haupt lege , um in der Nacht auf dem Oelberge mit kalten Schweißtropfen den letzten Erdenrest von sich abzuwaschen und , im Leben schon verklärt und heilig , zu Golgatha am Kreuz den Tod des Schächers zu sterben ! O , daß ich hinausziehen könnte in die Lande und predigen das Wort , das heilige Wort , das uns erlös ' t für nun und immerdar , das Wort , das uns wieder zurückbringt zur guten , lieben , milden Mutter Nacht , die wir verließen , um in der Sonnengluth des Lebens mit lechzender Zunge und pochenden Schläfen Höllenqualen zu erdulden ! das Wort , das heilige , unaussprechliche Wort , das zu eitel Spott und Hohn geworden in dem freveln Mummenschanz , mit welchem sie ihrem Gott zu dienen wähnen . Vergieb ihnen , Mutter , denn sie wissen nicht , was sie thun ; sie würden ja gern zu Dir kommen , wenn sie Ohren hätten , Deine sanfte Stimme zu hören , und Augen , Deine milde Schönheit zu sehen . Ich sehe Dein heiliges Antlitz ; es lächelt mir Trost und Hoffnung zu ; ich höre Deine Stimme , sie flüstert : warte , warte nur noch eine kurze Zeit , und Du sinkst zurück zur ewigen Ruh in meinen treuen Arm ! Der rosige Schimmer war von dem Himmel verschwunden , graue Dämmerung breitete sich in den Thälern ; in den Wipfeln der Tannen begann der Abendwind zu flüstern und zu raunen . Ein Schauer packte Oswald . Ihm war , als ob die mystische Nacht , an die Berger sein Gebet gerichtet , ihn schon mit ihrem Grabeshauch anwehte , als ob die Sonne versunken sei , um niemals wieder aufzugehen . Aber dieser Schauer war nicht ohne ein seltsames Gefühl der Lust . Der narkotische Duft der Todesgedanken , den ihm Bergers ekstatische Worte zutrugen , drang ihm , mit dem Duft der Haidekräuter und der Tannen , bis in ' s Herz . Er dachte an Helene und Melitta , aber nicht mit der qualvollen Unruhe von heute Morgen , sondern in stiller Wehmuth , wie man an geliebte Todte denkt ; er dachte an die Verwirrungen und Irrungen des bunten Dramas seiner Grenwitzer Tage , aber es kam ihm vor wie ein Schattenspiel an der Wand ; er dachte an die Zukunft , aber sie hatte keinen Reiz mehr für ihn , sie flößte ihm weder Furcht noch Hoffnung ein - es war , als ob sein ganzes Wesen sich in sich selbst zurückziehe , als ob die Andern weder so viel Liebe noch so viel Haß verdienten . So saß er , den Kopf in die Hand gestützt , auf einem Felsblock und schaute in den Abend hinein , der seine dunklen Schwingen immer breiter über den Himmel spannte . Eine Hand legte sich auf seine Schulter . Komm ! sagte Berger , laß uns zu den Todten zurückkehren . Sie stiegen von dem Gipfel herunter und tauchten in die feuchte Waldesnacht . Berger schien jeden Pfad und jeden Stein im Gebirge zu kennen . Er schritt , sich von Zeit zu Zeit auf seinen Knotenstock stützend , mit einer Rüstigkeit voran die Oswald , ein so guter Fußgänger er war , das Folgen schwer machte . So waren sie an eine Wiese mitten im Herzen des Waldes gekommen . Als sie am Saume des Holzes hinschritten , blinkte plötzlich von der andern Seite ein Lichtschein herüber . Er kam von der Flamme eines Reisighaufens , der eben angezündet wurde . In dem hellen Kreis um die Flamme bewegten sich zwei Gestalten - eine Frau , wie es schien , und ein Kind . Oswalds scharfes Auge bestätigte eine Ahnung , die ihm sofort die Seele durchzuckt hatte . Es waren Xenobi und die Czika . Er eilte , so schnell ihn seine Füße tragen konnten , quer über die Wiese fort nach der Flamme zu . - Aber er hatte kaum die Hälfte der Entfernung zurückgelegt , als er bis an die Knöchel im feuchten Grunde versank . Er sah , daß er nicht weiter kommen könne . Er rief hinüber , so laut er konnte : Xenobi , Czika ! ich bin ' s , Oswald ! Aber sein Ruf hatte kaum den stillen Wald aus seiner Ruhe geschreckt , als das Feuer erlosch und mit dem Feuer die Gestalten der Zigeunerinnen verschwanden . Alles war still - todtenstill . Oswald hätte glauben können , seine Phantasie habe ihm einen tückischen Streich gespielt . Was hattest Du ? fragte Berger , als Oswald zu ihm zurückkam . Sahen Sie das Feuer nicht ? Es war ein Irrlicht auf dem Sumpfe , erwiderte Berger . Laß uns weiter gehen ! Achtes Capitel Als die beiden Wanderer aus den Bergen heraus an die ersten Häuser des Städtchens gelangten , war es vollkommen Nacht . Oswald hatte sich ganz der Führung Bergers anvertrauen müssen und war der Meinung gewesen , daß derselbe auf dem nächsten Wege zu Doctor Birkenhains Anstalt zurückkehren werde . Er war daher einigermaßen erstaunt , als er jetzt bemerkte , daß sie sich dem Städtchen vom entgegengesetzten Ende genähert hatten . Da standen die hochbeladenen Fuhrmannswagen , da sah man durch das offene Hofthor auf den geräumigen Hof , da brannte in der Laterne von grünem Glase über der Hausthür ein trübseliges Licht und beleuchtete melancholisch die eine Hälfte der großen Mütze von Blech , welche einst in den Tagen des Glanzes in grüner Oelfarbe geprangt , seitdem aber manchen Sturm erlebt und von Wind und Wetter und Regen um seine Jugendfrische gebracht war ; da erschallte aus den spärlich erhellten vier niedrigen Fenstern rechts von der Hausthür das Geklirr von Gläsern , welche von durstigen Trinkgästen energisch auf den Tisch gestoßen wurden , und der concentrirte Lärm einiger zwanzig nicht allzu zarter Männerstimmen , die sich alle auf einmal vernehmen ließen . Es hätte so vieler unverkennbarer Zeichen nicht bedurft , um Oswald daran zu erinnern , daß er sich in dem gastlichen Schatten der Grünen Mütze befand . Das ganz unverhoffte Wiedersehen der Zigeunerin im Walde hatte ihn auf das lebhafteste an diese ganze Angelegenheit , die er über der Begegnung mit Berger beinahe vergessen hatte , erinnert . Er hätte Berger , dessen Scharfsinn in der Enträthselung verworrener Situationen und problematischer Naturen er früher oft zu bewundern Gelegenheit gehabt , gern in dieser Sache um Rath gefragt , aber er scheute sich , einen Geist , der fortwährend in den geheimnißvollen Tiefen der Mystik grübelnd umherwandelte , mit Geschichten zu behelligen , in denen der Director Schmenckel eine Hauptrolle spielte . Wie erstaunt war er daher , als Berger , als sie an der Thür der Grünen Mütze angekommen waren , stehen blieb und sagte : Mich dürstet ; laß uns hier einen Augenblick eintreten . Hier ? sagte Oswald , der vor dem Gedanken , den schwärmerischen zartsinnigen Mann , dem der Duft des Tabaks ein Gräuel war , in eine so wüste Gesellschaft zu bringen , zurückschreckte . Es sind sehr rohe Gesellen , die hier verkehren . Was thut es ? erwiderte Berger , sind es doch Menschensöhne ! Mit diesen Worten trat er durch die offene Hausthür auf den Flur , wo gestern Abend der Kampf zwischen den Kunstenthusiasten und ihren Gegnern stattgefunden hatte , und durch die ebenfalls offene Stubenthür in die Trinkstube . Dieselbe gewährte heute so ziemlich denselben Anblick , wie gestern vor und nach der Rauferei , nur daß der Tisch , an welchem die Künstler saßen , heute von den übrigen Gästen bedeutend weniger gesucht schien . Herr Schmenckel war ein viel zu guter Philosoph , als daß er sich durch dies beleidigende Benehmen seiner Freunde um seine gute Laune hätte bringen lassen sollen . Sein dickes Gesicht strahlte heute so röthlich wie je , seine verschwollnen Aeuglein zwinkerten heute noch so listig wie je aus dem rohten Gesicht ; seine Wäsche war heute noch vielleicht um eine Schattirung weniger sauber , aber die Beinkleiderträger waren um keine Linie schmäler und um keine der gestickten Rosen ärmer geworden . Wie findet Ihr das Bier , Cotterby ? sagte er , die breite Faust auf die Schulter der fliegenden Taube legend . Sauer ! war die lakonische Antwort des Angeredeten , der heute , wo der Genius in der Eiche seinen Flug nicht geweiht hatte , viel weniger applaudirt war . Pah , sagte Herr Schmenckel . Ihr seid verwöhnt , Cotterby . Freilich so gut , wie wir es in Aegypten tranken , ist es nicht ; aber es ist doch gut , sehr gut . Ihr Wohl , meine Herren ! In diesem Augenblicke traten Berger und Oswald in die Trinkstube und näherten sich dem Tische , an welchem die Künstler saßen , als dem am wenigsten besetzten . Herrn Schmenckels scharfes Auge hatte die neuen Ankömmlinge kaum bemerkt , als er sich von seinem Platze erhob , auf Oswald zuschritt , sich tief vor ihm verbeugte und mit einer Stimme , die darauf berechnet war , Alle zu übertönen , sagte : Ah , Euer Gnaden , Herr Graf , das ist einmal schön , daß Sie einen armen Künstler in seiner niedrigen Herberge zu besuchen kommen ! Ihr Wohl , Herr Graf , und auch Ihres , alter Herr ! Ach ! Das war der erste Schluck , der mir heute Abend geschmeckt hat . Merkwürdig ! schlechte Gesellschaft verdirbt gutes Bier , gute Gesellschaft macht schlechtes gut . Bin ein Freund von Geselligkeit , Herr Graf . Sehe , daß Sie es auch sind ; wollen Sie die Güte haben , mich mit dem alten Herrn bekannt zu machen . Director Schmenckel weiß gern , mit wem er zu thun hat . Oswald warf einen Blick auf Berger , um zu sehen , welchen Eindruck diese Umgebung und Gesellschaft auf ihn mache , und darnach sein Verhalten Herrn Schmenckel gegenüber zu bestimmen . Zu seiner Verwunderung schien Berger mit einem gewissen Interesse dem Geschwätz des Seiltänzer-Directors zuzuhören . Er hatte seinen Hut auf die Lehne des Stuhles gehängt , seinen Dornenstock neben sich gestellt und lehnte sich jetzt mit beiden Armen auf den Tisch , ganz wie Einer , der so schnell nicht wieder fortzugehen gedenkt . Ich heiße Berger ; sagte er auf die Frage des Directors . Professor Berger , fügte Oswald hinzu , in der guten Absicht , Herrn Schmenckel durch den Titel zu imponiren und die Zudringlichkeit des Mannes in Schranken zu halten . Professor ? wiederholte Herr Schmenckel , mit einem Blick auf Bergers blaue Blouse und verwirrten Bart. Sehr gut ! Darf ich Sie mit meinem Freunde Cotterby bekannt machen ? Herr John Cotterby aus Aegypten , genannt die Fliegende Taube , Herr Berger , genannt Professor . Wollen wir wieder aufbrechen ? fragte Oswald , den das Benehmen Herrn Schmenckels in nicht geringe Verlegenheit setzte . Ich denke , wir bleiben noch ein wenig , erwiderte Berger . Ihre Faust , alter Knabe , sagte Herr Schmenckel , Bergers magere , schmale Hand ergreifend und kräftig schüttelnd . Sie gefallen mir ganz ausnehmend . Wenn Ihr Filz einmal vollends aus dem Leim geht und Ihre Blouse weder Stich noch Fetzen hält - dann kommen Sie zu mir . Director Schmenckel wird sich ein Vergnügen daraus machen , einen Mann wie Sie als ein Mitglied seiner Gesellschaft zu begrüßen . Ihr Bart allein ist eine Zierde für die Gesellschaft . Sie würden in einer Pantomime Furore machen . - Was sagen Sie zu unserer heutigen Vorstellung , Herr Graf ? Ich war leider verhindert , derselben beizuwohnen ; erwiderte Oswald , den ein Lächeln auf Bergers Lippen zu einem Eingehen auf die sonderbare Unterhaltung ermuthigte . O , da haben Sie viel , sehr viel verloren , sagte der Director in dem Tone aufrichtigen Bedauerns und seinen dicken Kopf hin und her wiegend . Die Vorstellung war die glänzendste , die wir seit langer Zeit gegeben haben . Director Schmenckel hat bewiesen , daß die momentane Abwesenheit einiger schätzenswerthen Mitglieder seiner Gesellschaft keinen Einfluß auf die Leistungen derselben im Allgemeinen ausübt . Ich will nicht von mir sprechen , obgleich ich glaube , daß mir mein berühmtes Schmenckel-Spiel mit den drei achtundvierzigpfündigen Kanonenkugeln von Niemand auf der Welt nachgemacht wird und meine Fontaine d ' argent mit den zwanzig silbernen Bällen bis jetzt noch unerreicht ist - aber , meine Herren , Sie hätten heute Herrn Cotterby an dem Trapez sehen sollen ! Ich sage Ihnen , die Ringelaffen von der Insel Sumatra sind Schufte dagegen , ganz elendigliche Schufte ! Und dann Herr Stolzenberg mit seinem Riesenfaß ! ich sage Ihnen - rücken Sie heran , Stolzenberg ! Ein Künstler , wie Sie , braucht nicht so bescheiden zu sein , und dem Herrn Grafen kommt es auf ein Seidel mehr oder weniger nicht an . Und dann , Herrn Pierrot als Disloqueur ! - kommen Sie zu uns , Pierrot , - Künstler müssen zusammenhalten - ich sage Ihnen , Herr Graf , Ihr Taschenmesser ist ein Ladestock gegen Herrn Pierrot . Ich habe schon oft gesagt : Pierrot , wenn wir einmal zusammen auf der Eisenbahn fahren , bezahle ich nur für mich , Sie nehme ich franco in meiner Hutschachtel mit . Ein guter Witz , Herr Graf , nicht wahr ? aber der Professor hat ein leeres Glas , und wahrhaftig ich auch ! Ich glaube , der Kerl , der Stolzenberg , hat heimlich mein Seidel ausgetrunken , und weiß Gott , sein ' s dazu . Trinken Sie auch aus , Pierrot . Sie ersparen dem hübschen Mädchen einen Weg ! Hier , mein Schatz , fünf frische Seidel ; aber frisch , mein Engel , wie die Rosen auf Ihren schönen Wangen . Lieben Sie die hübschen Weiber auch , Herr Graf ? so ' n schönes Kind mit braunen Augen , dunklem Haar und schlankem Leibchen , wie die Czika ? He ? Die lassen ' s nur noch ein paar Jahr älter sein ; da sollen Sie Ihre Freude daran erleben . Haben Sie noch keine Nachricht von den Beiden ? fragte Oswald . Herr Schmenckel , der keine Ahnung davon hatte , wo die Zigeunerinnen möglicherweise geblieben sein könnten , der es aber für unrecht hielt , die Hoffnung des reichen Liebhabers schöner Zigeunerkinder auf ein baldiges Wiedersehen des jüngsten Gegenstandes seiner Narrethei ganz zu vernichten , zwinkerte schlau mit den verschwollenen Aeuglein , legte den Zeigefinger nachdenklich an die Nase und sagte : Sind nicht weit von hier - im Walde - habe sichere Kundschaft - könnte sie haben , wenn ich wollte - will nicht - Weiber müssen sich ausschmollen - kommen dann ganz von selbst wieder und sind auf lange Zeit von ihren Mucken curirt . Ja , das muß man kennen ! Die Weiber sind ein schwieriges Capitel . Sie sind sich alle gleich und doch ist keine wie die andere . Was sagt Ihr dazu , alter Knabe ? Ich glaube , daß Sie ein großer Philosoph sind , von dem noch Mancher Manches lernen könnte ; erwiderte Berger , Herrn Schmenckel mit einem seltsamen Lächeln in das Gesicht blickend . Ja , das wollte ich meinen , sagte der Director , seine breite Brust hervordrängend und die Fäuste in die Seite stemmend . Der Schmenckel weiß , wie der Hase läuft , und wer ihm ein X für ein U machen will , der muß früh aufstehen . Aber es ist auch kein Wunder , wenn ich ein bischen in der Welt Bescheid weiß ; bin ich doch darin herumgeschüttelt worden , von oben nach unten , von unten nach oben , wie ein Stöpsel in einer leeren Flasche . Eine leere Flasche ! sagte Berger ; der Vergleich ist sehr wahr , sehr treffend . Wie kommen Sie darauf ? Wie ich darauf komme ? erwiderte der Director mit verwunderter Miene . Wie ich darauf komme ? Vermuthlich , weil ich ein leeres Glas vor mir habe . Es scheint , als ob Ihnen der Trank des Lebens bis jetzt gemundet hätte , sagte Berger , während Herr Schmenckel die Zeit , bis das frische Glas kam , dazu benutzte , sich eine kurze Thonpfeife zu stopfen . Ja , und warum denn nicht ? erwiderte der Director , die Pfeife an der Flamme des auf dem Tisch stehenden Talglichtes anzündend und für einige Augenblicke den Blicken der Anwesenden hinter blauen Wolken verschwindend . Das Leben ist ein kreuzlustiges , pudelnärrisches Ding für den , welcher , wie Caspar Schmenckel , das Herz auf dem rechten Flecke hat . - Danke , mein Schatz ! Ich bin nicht Ihr Schatz , Herr Director , sagte das Mädchen schnippisch , indem es den Arm , welchen Herr Schmenckel um ihre Taille geschlungen hatte , unsanft zurückstieß und einen verstohlenen Blick auf Oswald warf . Herr Schmenckel erwiderte diese beleidigende Zurückweisung dadurch , daß er die fünf Fingerspitzen der rechten Hand gegen seine dicken Lippen drückte und der Enteilenden einen Kuß nachwarf , sodann das linke Auge schloß und mit dem rechten den ihm gegenüber sitzenden Oswald listig anzwinkerte . Schmuckes Ding , Euer Gnaden , he ? Thut , als ob es mich fressen wollte und ist bis über die Ohren in mich verliebt . Sie scheinen viel Glück bei den Frauen zu haben , erwiderte Oswald , um doch etwas zu sagen . Ja , wie man ' s nehmen will , Euer Gnaden , sagte Herr Schmenckel , wohlgefällig lächelnd . Die Weiber sind wie das Wetter . Heute zu heiß und morgen zu kalt ; heute scheint die Sonne , morgen regnet ' s. Man muß sich eben halt Alles von ihnen gefallen lassen , wie vom lieben Herrgott selber . Das käme doch im Grunde nur auf Sie an , sagte Berger , dessen Blick unverwandt nur auf dem jovialen Gesellen weilte , als könnte sein Geist ein so wunderliches Phänomen nicht fassen . Wie das , alter Knabe ? Ihr meint , man solle sie Alle zusammen laufen lassen ? Na , alter Herr , das mag für Euch ganz gut sein , aber Caspar Schmenckel müßt Ihr so etwas nicht zumuthen . Der Tausend auch ! die Weiber laufen lassen ? lieber todt und begraben sein . Das wäre allerdings das Beste , sagte Berger . Hört , alter Herr , erwiderte der Director , versündigt Euch nicht ! Ich sage noch einmal , das Leben ist ein gutes Ding , und den Teufel soll man nicht an die Wand malen . Ei was ! warum laßt Ihr Euer Bier schal werden und schneidet ein Gesicht , wie ein Lohgerber , dem die Felle weggeschwommen sind ? Hier , stoßt an mit Caspar Schmenckel ! So , das ist recht . Der Schmenckel ist ein lustiges Haus und mag gern lustige Leute in seiner Gesellschaft sehen . He , Ihr Herren , wie wär ' es mit einem hübschen Lied ? Cotterby , Ihr habt eine Stimme , wie eine Nachtigall . Kommt , stimmt mit ein ! Kennen Euer Gnaden das Lied von den Schwaben ? Nein , aber singen Sie es nur . Na , Stolzenberg , Pierrot , singt mit ! Und Herr Schmenckel nahm die Pfeife aus dem Mund , lehnte sich in seinen Stuhl zurück und begann mit einem dröhnenden Baß , während seine drei Gesellen den Chor bildeten . Guten Morgen , Spielmann , Wo bleibst du so lang ? Da drunten , da droben , Da tanzten die Schwoben Mit der kleinen Killekeia , Mit der großen Kumkum . Da kamen die Weiber Mit Sicheln und Scheiben , Und wollten den Schwoben Das Tanzen vertreiben Mit der kleinen Killekeia , Mit der großen Kumkum . Gelt , Ihr Herren , das ist ein schönes Lied ! rief Herr Schmenckel , nachdem er als Finale den Tisch mit seinen beiden Fäusten bearbeitet hatte , daß die Gläser zu tanzen begannen . Sehr schön , sagte Berger ; wissen Sie noch mehr dergleichen ? Hunderte , sagte Herr Schmenckel ; aber der Cotterby weiß die schönsten . Singt mal eins solo , Cotterby . Der Aegypter lächelte bescheiden selbstgefällig , drehte seinen kleinen schwarzen Schnurrbart und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles , von Fett glänzendes Haar , lehnte sich in seinen Stuhl zurück , drückte die Augen halb zu und begann mit einer angenehmen Tenorstimme : Es hatte ein Bauer ein schönes Weib , Die blieb so gern zu Haus , Sie bat oft ihren lieben Mann , Er sollte doch fahren hinaus , Er sollte doch fahren in ' s Heu . Er sollte doch fahren in ' s Ha , ha , ha , ha , ha , ha ; Heidideldei , Juchheisasa ! Er sollte doch fahren in ' s Heu . Ho , ho , ho ! lachte Director Schmenckel , das Lied ist gut , sehr gut . Das erinnert mich an eine hübsche Geschichte , die ich den Herren doch erzählen muß . Ihr könnt hernach weiter singen , Cotterby ! Der Aegypter schien diese Unterbrechung etwas übel zu nehmen ; aber Herr Schmenckel bemerkte es nicht oder wollte es nicht bemerken . Er that einen tiefen Zug aus seinem Glase und sagte zu dem Schenkmädchen , das der Gesang oder die Anwesenheit des jungen vornehmen Fremden wieder an den Tisch gelockt hatte : Gehen Sie ein bischen weiter weg , mein Schatz . Die Geschichte , die Director Schmenckel