ich jetzt , in stattlicher Würde , von den schwerfälligen Braunen gezogen , angefahren , und nicht zu Fuß in bedeutend derangirter Toilette wie ein reisender Handwerksbursch . Ei nun ! Kleider machen wohl Leute , aber keine Männer , und Melitta , wenn mich nicht Alles trügt , verkehrt mit Männern lieber , als mit - Leuten . Er klinkte das unverschlossene Gitterthor auf , und trat in den Hof . Ein mächtiger Neufundländer Hund , der im Grase gelegen hatte , richtete sich langsam empor , als er die Thür in den Angeln kreischen hörte und kam Oswald wedelnd entgegen . Nun , das ist wenigstens ein freundlicher Willkommen ! sprach der junge Mann bei sich , während er , das prachtvolle Thier streichelnd , weiter schritt . Rechts blickte er über ein niedriges Stacket in einen blühenden Garten . Mit dem Stacket in einer Linie war die Front des Herrenhauses , eines zweistöckigen schmucklosen Gebäudes , das sich indessen mit seiner altersgrauen Farbe , dem großen steinernen Balcon über der Thür und den zwei gewaltigen Linden davor , recht stattlich ausnahm . Die drei anderen Seiten des geräumigen Platzes waren von den Wirthschaftsgebäuden eingenommen . Ein Stacket und eine Reihe junger Obstbäume war parallel mit dem Wohnhause quer über den Platz gezogen , als Schranke zwischen dem Hofe und dem Rasenplatz vor dem Hause . Oswald blickte , an der Front des letzteren hinschreitend , durch die offenen Fenster in schöne Zimmer . Es war Niemand darin . Er blickte durch die ebenfalls offenstehende Hausthür auf den mit Steinfliesen ausgelegten Flur . Eine große Wanduhr schwatzte in der lautlosen Stille . Auch auf dem Hofe regte sich nichts . Der ganze Platz war wie ausgestorben , nur die Spatzen zwitscherten und lärmten in den Linden , und die Schwalben schossen an den Mauern hin zu ihren Nestern unter dem Dache , die Jungen zu füttern , und schossen ebenso eilig wieder davon . Es wird Niemand zu Hause sein , dachte Oswald . Du hast den langen Weg vergebens gemacht . Oder kannst Du mir sagen , wo Deine Herrin ist , Neufundländer ? Sollen wir einmal im Garten nachsehen ? Der Hund , als ob er es verstanden , was man von ihm wolle , trabte von Oswald fort nach einer Thür , die rechts neben dem Hause in den Garten führte ; und blickte , dort stehend , sich nach dem Fremden um . Also wirklich im Garten ? Oswald drückte die Thür auf . Der Hund lief vor ihm her an Blumenbeeten vorüber in einen schmalen Heckengang bis zu ein paar Stufen , die rechts durch die Hecke auf eine Art Terrasse führten . Dort sah er sich noch einmal nach Oswald um . Dann sprang er die Stufen hinauf . Oswald folgte . Zwischen hohen blühenden Sträuchen war das Thier verschwunden . Indessen hatte der junge Mann kaum einige Schritte gethan , als sich seinen Blicken ein Bild zeigte , das ihn regungslos an seine Stelle bannte . Er sah auf einen kleinen offenen Platz , der auf beiden Seiten von den hohen Hecken , welche die ganze Terrasse umschlossen , eingerahmt war . In der Mitte schoß ein hochstämmiger , breitästiger Tannenbaum wie eine Lanze machtvoll in die Höhe . An dem Fuße des Baumes auf dem Teppich brauner Nadeln stand ein runder Gartentisch und ein paar Stühle . In einem der Stühle , umflossen von dem weichen , träumerischen Licht des Sommernachmittags , saß Melitta , den Kopf in die eine Hand gestützt , während die andere mechanisch die treue Dogge streichelte , die sich dicht an die Herrin drängte . Sie trug ein weißes Kleid , das in anmuthigen Linien den schlanken Leib umfloß und Busen und Schultern nur zu verhüllen schien , um die schönen Formen desto reizender zu umschreiben . Auf dem Tisch lagen Handschuh , ein breiträndriger Strohhut und ein aufgeschlagenes Buch . Sie saß so in sich versunken da , daß sie den leichten Schritt Oswald ' s nicht vernahm , bis er vor ihr stand . Da hob sie schnell den Kopf empor und unterdrückte nur mit Mühe einen Ruf freudigster Ueberraschung , den Mann leibhaftig vor sich zu sehen , mit dem ihre Gedanken soeben beschäftigt gewesen waren . Für einen Augenblick stockte ihr das Blut im Herzen , und dann mit Macht hervorbrechend , übergoß es die bleichen Wangen mit hoher Purpurgluth . Sieh ' da ! sagte sie , sich rasch erhebend , und Oswald die Hand entgegenstreckend . Verzeihen Sie , gnädige Frau , sagte der junge Mann , die schöne zitternde Hand , die jetzt in der seinen ruhte , ehrfurchtsvoll an die Lippen führend , wenn ich unangemeldet - Aber nicht unerwartet Ihr dolce far niente störe - und so weiter , und so weiter - unterbrach ihn Melitta . Kommen Sie , von Ihnen will ich keine Redensarten hören . Ueberlassen Sie das unsern hohlköpfigen Junkern . Setzen Sie sich und bedanken Sie sich zuvörderst , daß Sie mich überhaupt noch finden . Bemperlein und Julius sind , an Ihrem Kommen verzweifelnd , vor einer halben Stunde auf Besuch in die Nachbarschaft gefahren . So müssen Sie denn mit mir allein vorlieb nehmen . Das ist Ihre gerechte Strafe . Wenn die Strafe gerecht ist , so ist sie auch auf alle Fälle sehr mild , antwortete Oswald heiter , und ich unterwerfe mich ihr mit der Demuth , die dem reuigen Sünder ziemt . Sie sehen auch wahrhaftig wie ein reuiger Sünder aus ! Aber warum kommen Sie so spät , und - Und in so derangirter Toilette ? Im Ernst , gnädige Frau , ich konnte nicht früher und nicht anders erscheinen . Wenn man , wie ich , den weiten , unbekannten Weg zu Fuß zurücklegt - Wie kommen Sie aber auch auf diesen närrischen Einfall ? Ich leide sehr an närrischen Einfällen , gnädige Frau . Da theilen Sie mit mir dasselbe Schicksal . Weiter ! Und wenn man sich unterwegs von einer alten Frau eine Vorlesung über Unsterblichkeit , von einem Landpastor eine Predigt über dasselbe Thema und von dessen geistreicher Gemahlin erzählen lassen soll : was sie den Thieren abgelauscht - Ach , Sie Unglücklicher ! rief Melitta , die Hände zusammenschagend . Wenn man sich darauf im Walde verirren , am Rand eines Sumpfes einschlafen , bei der Gelegenheit allerlei süßes , närrisches Zeug träumen , beim Erwachen sich von einer Zigeunerin wahrsagen , sich von deren Buben auf den rechten Weg bringen , und bei der Ankunft in diesem verzauberten Schloß Niemanden finden soll , der den Fremden zur Chatelaine führt , als diesen liebenswürdigen Hund , der so aufmerksam zuhört , daß man glauben möchte , er verstände unsere Unterhaltung , so werden Sie mir zugeben , daß man mindestens eben so viel Zeit braucht , dies Alles zu thun , als zu erzählen . Der Hund legte vertraulich den ungeheuren Kopf auf der Herrin Schooß und blinzelte zu ihr empor . Bist mein braver Boncoeur , sagte sie , den Liebling tätschelnd , machst Deinem Namen Ehre . Siehst in Haus und Hof hübsch nach dem Rechten ; weißt wohl , daß es außer Dir und dem Baumann doch Niemand thut . - Wissen Sie , daß mich Ihr Zusammentreffen mit der braunen Gräfin , ich meine der Zigeunerin , und der Czika , denn es ist ein Mädchen , wie ich Ihnen zum Ruhme Ihres Scharfsinnes nur sagen muß , sehr interessirt ? Ein Mädchen , der Cziko ? Die Czika , ein Mädchen - verlassen Sie sich darauf ; aber wo trafen Sie die Beiden ? Eine Viertelstunde von hier im Walde , bei demselben Zaubersee , an dessen Rande ich eingeschlafen war . Also doch auf dem Berkower Gebiet - das freut mich . Sie scheinen sich in der That für die schöne Mutter und die schönere Tochter - ich finde jetzt allerdings , daß das Kind für einen Knaben viel zu schön war - sehr zu interessiren , gnädige Frau . Wie kommt die Zigeunerin zu dem Namen : die braune Gräfin ? Ach ! sagte Melitta , das ist eine lange Geschichte und ein Beispiel jener närrischen Einfälle , von denen ich , wie Sie , heimgesucht werde , und die freilich bei mir meistens an das Gebiet der dummen Einfälle streifen . Vor sechs Jahren kam die Isabell zum ersten Male in unsere Gegend . Sie war damals vielleicht zwanzig Jahre - vielleicht , denn genau weiß sie es selbst nicht . Ihr Kind , die Czika , war vier Jahre alt ; das wußte sie , denn es war wirklich ihr eigenes Kind und keine gestohlene Prinzessin oder dergleichen . Woher wissen Sie das ? Aus der frappanten Aehnlichkeit zwischen Mutter und Kind , die Ihnen doch auch aufgefallen sein muß . Beide waren damals bildschön , so schön , wie ich nie wieder etwas gesehen habe . Ich glaube , kein Mensch hätte ungerührt bleiben können bei dem Anblick dieser jugendlichen Mutter mit ihrem prächtigen Kinde , das in seiner wunderlichen Tracht und in seinen üppigen dunklen Locken so gut für einen Knaben wie für ein Mädchen gelten konnte . Ich habe nur auf Murillo ' s sonnegetränkten , leidenschaftdurchglühten Bildern später etwas Aehnliches gesehen . Ich , die ich die Schwäche habe , mich auf malerische Schönheit verstehen zu wollen , und selbst ein wenig in dieser herrlichen Kunst pfusche , zeichnete und malte damals vom Morgen bis in den Abend Zigeunerköpfe . Ich vergaß nämlich , zu sagen , daß ich die Beiden ein paar Tage lang hier in Berkow festhielt . Zufällig mußte ich damals eine große Gesellschaft geben . Und - jetzt kommt der dumme Einfall - um unserer albernen Sippe einen Possen zu spielen , denn das war doch der eigentliche Grund , kleide ich die Isabell in das prächtigste Kleid , das ich in meiner Garderobe auffinden kann , lasse die Czika von meiner Kammerfrau herausputzen , und präsentire sie der Gesellschaft als Gräfin von Kryvan mit ihrem Töchterchen Czika , die ich im vorigen Jahre in Marienbad kennen gelernt habe und die so eben aus dem fernen Ungarland mich zu besuchen gekommen sei . Und was sagte die Gesellschaft ? Sie war entzückt . Ich hatte ihr vorher angekündigt , daß Isabella von dem streng nationalen ungarischen Adel sei , der sich das Wort gegeben habe , nie etwas Anderes , wie die Nationalsprache und außerdem nur noch Lateinisch zu sprechen . Glaubte die Gesellschaft denn das ? und versuchten die Herren nicht , eine lateinische Conversation zu beginnen ? Unserer Gesellschaft kann man Alles aufbinden , und was unsere Herren betrifft , so ist lateinisch ihnen spanisch . Isabella , das muß man ihr lassen , füllte ihren Platz auf dem Sopha mit wahrhaft königlichem Anstande aus , und die Griebens , die Trantows , die Bülows überschütteten die Standesgenossin mit Aufmerksamkeiten und bedauerten einmal über das andere ihre Unkenntniß der lateinischen Sprache , die es ihnen unmöglich mache , sich mit der fremden Dame in eine , jedenfalls höchst geistreiche und interessante Conversation einzulassen . Die kleine Czika wanderte von einem Schooß auf den andern , und wurde mit Leckerbissen und Küssen bald erstickt . - Kurz , die Komödie spielte zu meiner größten Zufriedenheit bis zu Ende , und in den nächsten Tagen war die ganze Nachbarschaft voll von der braunen Gräfin , wie man die Freundin Melitta ' s von Berkow kurzweg zu nennen beliebte . Nun , wie gefällt Ihnen die Geschichte ? Offen gestanden , nur halb , gnädige Frau . Ihrer vornehmen Gesellschaft gönne ich diese Mystification von ganzem Herzen , aber es thut mir weh , wenn ich sehe , wie der Arme und Hülflose , eben weil er arm und hülflos ist , sich zum Spielding der Reichen und Mächtigen hergeben muß . Melitta sah Oswald voll in die Augen und antwortete , ohne die mindeste Spur von Empfindlichkeit : Sehen Sie , das ist hübsch , daß Sie so denken ; und noch hübscher finde ich es , daß Sie es mir so geradezu sagen . Aber ich habe Ihnen ja von vornherein zugestanden : es war ein dummer Streich , den ich nachher aufrichtig bereute und dessen böse Folgen ich , soweit ich vermochte , wieder gut zu machen mich bemühte . Denn , hören Sie nur , wie die Sache weiter verlief . Der braunen Gräfin hatte ich natürlich die Sachen geschenkt , die sie und die Czika bei der Komödie getragen . Das arme Weib , das mit dem Plunder nichts anfangen konnte , wollte ihn in der nächsten Stadt verkaufen . Man glaubte , sie habe die Sachen gestohlen , und verlangte , sie solle sich über den ehrlichen Erwerb derselben ausweisen . Sie vermochte es nicht , denn sie hatte meinen Namen und den Namen meines Gutes vergessen , und überdies konnte kein Mensch aus ihrem Kauderwelsch klug werden . Die Herren vom Gericht beschlossen deshalb in ihrer Weisheit , die braune Gräfin als Landstreicherin und Diebin einzusperren , bis sich die Sache auf eine oder die andere Weise aufklären würde . Unglücklicherweise war ich ein paar Tage zuvor in ein benachbartes Bad gereist , und während ich dort die frische Seeluft in vollen Zügen einsog , mußte die Aermste wochenlang in dem dumpfen Gefängnisse schmachten . Ach ! und diesen Leuten ist die Freiheit Alles ! Sehen Sie , das werde ich mir nie vergeben ! - Erst nach meiner Rückkehr erfuhr ich durch einen Zufall das Unglück , welches ich angerichtet hatte . Natürlich that ich sofort die nöthigen Schritte . Ich fuhr selbst nach B. und öffnete den Kerker meiner armen braunen Gräfin . Aber , wie fand ich sie wieder ! Bleich , abgemagert , verhärmt , um so viele Jahre gealtert , als sie Wochen gefangen gesessen hatte . Die kleine Czika sah womöglich noch schlimmer aus . Ich nahm sie mit hierher nach Berkow ; ich pflegte sie , ich tröstete sie , ich beschenkte sie , ich that , was ich konnte . Aber die Reue kam hier , wie überall , zu spät . Der kleinen Czika war die Kerkerluft bis in ' s Herz gedrungen . Sie verfiel , kaum hier angekommen , in ein hitziges Fieber , und ich danke Gott noch heute , daß sie mit dem Leben davon kam . Was hätte ich anfangen sollen , wenn sie gestorben wäre ! Melitta schwieg und in ihrem Auge glänzte etwas , wie eine Thräne . Aber im nächsten Momente lachte sie schon wieder und sagte : Nun , sie starb ja nicht , sondern wurde wieder munter und frisch wie vorher , und spielte sich mit meinem Julius hier wieder helle Augen und rothe Backen . Die Kinder hatten sich sehr lieb gewonnen , und ich hätte die Kleine gar zu gern hier behalten , sie mit Julius zusammen erziehen zu lassen . Das Kind zeigte die köstlichsten Anlagen , besonders ein überraschendes Talent für Musik . Die braune Gräfin wollte ich zu meiner Kammerfrau machen , oder wozu sie wollte . Ich stellte ihr frei , ihr Leben nach Belieben einzurichten , und bat sie nur , zu bleiben . Aber es war die alte Geschichte von dem Frosch und dem goldenen Stuhl . Ein paar Wochen hielt sie das zahme Leben aus ; und eines schönen Morgens war sie verschwunden - sie und die Czika . Später sind sie wiederholt in diese Gegend gekommen , aber hierher zu mir kommen sie nicht mehr . Die Isabell grollt mir entweder noch , oder sie ist eifersüchtig auf mich und fürchtet , ich werde ihr die Czika stehlen . Und doch muß sie einsehen , daß ich es gut mit ihr meine . Die Leute im Dorf haben Befehl , ihr , wenn sie vorspricht , jede Gefälligkeit zu erweisen ; der Förster hat den Auftrag , sie unbelästigt im Walde zu lassen , und ich versage mir das Vergnügen , sie aufzusuchen , weil ich fürchte , sie ganz zu verscheuchen . Das ist meine Geschichte von der braunen Gräfin . Sind Sie mir noch bös ? Welches Recht hätte ich dazu ? Nun , Sie machten vorhin ein so finsteres Gesicht , daß ich mich ganz als arme Sünderin fühlte . Sie belieben zu scherzen . Was kann Ihnen an meinem Urtheil gelegen sein ? Mehr , als Ihre jedenfalls halb erkünstelte Bescheidenheit zu glauben vorgiebt . Eine Frau hält stets große Stücke auf eines Mannes Urtheil , weil sie instinctiv fühlt , daß des Mannes Kopf besser , das heißt nicht schneller , aber gründlicher , sicherer denkt , als ihr leichtsinniges Frauengehirn . Und vor Euch gelehrten Herren haben wir noch einen ganz besonderen Respect . Ihr habt Alle um die Augen und um die Mundwinkel herum so etwas Mystisches , Unergründliches , so etwas - Oswald mußte laut auflachen . Ja , lachen Sie nur . Ihnen mag das nicht so erscheinen ; aber wir fürchten uns vor Eurem Wissen , auch wenn wir Einen oder den Andern unter Euch , der gutmüthig genug ist , sich dazu herzugeben , zur Zielscheibe unseres Spottes machen . Da ist mein Bemperlein , mein guter , treuer Bemperlein . Nun , er ist wahrhaftig kein Genie , und kennt die Welt gerade so gut , wie ich das Griechische ; und dennoch ziehe ich , wenn wir uns streiten , jedesmal den Kürzeren . Das ist doch ärgerlich . Nehme ich dagegen unsere Landjunker . Es sind hübsche , sehr hübsche Männer darunter , die in Landwehrlieutenants-Uniform sich mit ihren blonden Schnurrbärten , sonnengebräunten Gesichtern und hellen blauen Augen prächtig ausnehmen ; aber in Civil sehen sie dumm aus . Sie haben das Stupide , Leblose von schönen Pferde- und Hundegesichtern . Der einzige von ihnen , der studirt hat , sieht aus , als wäre er aus einer andern Welt . Wer ist dieser Phönix ? Baron Oldenburg . Ein Schatten fiel über Melitta ' s lebensvolles Antlitz , wie wenn eine Wolke über eine sonnenhelle Landschaft jagt . Sie starrte auf ein paar Augenblicke vor sich hin , wie wenn sie den Faden des Gesprächs verloren hätte . Dann , wie aus einem Traum erwachend : Ja , was ich sagen wollte - und darum will ich , daß mein Julius studirt . Aber ich schwatze und schwatze und frage nicht einmal , ob Sie nicht hungrig und durstig und müde sind , wozu Sie doch nach Ihren Kreuz-und Querfahrten das vollkommenste Recht haben . Kommen Sie , wir wollen hineingehen und sehen , ob wir nicht Jemand auftreiben können , der uns einige Erfrischungen besorgt . Mich verlangt ebenfalls danach , denn es fällt mir ein , daß ich eigentlich nichts zu Mittag gegessen habe . Sind Sie noch gar nicht in dem Hause gewesen ? Doch , wenigstens in dem Hausflur . Ich fragte eine große Wanduhr , ob ich Frau von Berkow meine Aufwartung machen könne , aber sie antwortete : Schnick-Schnack , Schnick-Schnack ! Da ging ich wieder fort ! Melitta hatte sich erhoben und ihren Strohhut aufgesetzt , ohne sich weiter um die Bänder zu kümmern , von denen das eine über den Busen , das andere über den Rücken lief , und sagte lächelnd , während Oswald im Aufstehen das Buch ergriffen und nach dem Titel gesehen hatte : Für Sie spricht auch wohl jedes Ding seine Sprache ? So ziemlich . Dies Buch zum Beispiel sagt mir : Frau von Berkow könnte mich auch ungelesen lassen , da es so viel bessere Bücher zu lesen giebt . Ja , du lieber Himmel , wir auf dem Lande lesen , was uns die Leihbibliothekare und die Buchhändler zu schicken belieben . Aber , was haben Sie gegen diese Mystères ? Erstens ärgere ich mich , daß ich auf das Buch stoße , wo ich gehe und stehe . In Grünwald lag es auf jedem Tisch ; kaum war ich zwei Tage in Grenwitz , verfolgte es mich auch dahin , und nun muß ich es auch gar bei Ihnen finden . Ich habe es nicht bis über den zweiten Band hinaus bringen können , und Sie sind zu meinem Erstaunen schon im vierten . Wie können Sie sich für diesen Chourineur , diesen Maître d ' école , diese Chouette , und wie das Gesindel sonst noch heißt , interessiren ? Wahrlich , doch kaum so viel , wie für Bestien in der Menagerie . Denn diese sind doch wenigstens Gottes Geschöpfe , während jene nur die Ausgeburten der wüsten Phantasie eines verbrannten Dichtergehirns sind . Sie mögen recht haben , sagte Melitta , während sie jetzt von der Terrasse in den Garten hinabstiegen . Es ist vielleicht ein Unglück , daß solche Bücher geschrieben werden , und ein noch größeres Unglück , daß wir , und besonders wir Frauen , in unserer Erziehung und Bildung so verwahrlost sind , um an diesen Büchern doch eine Art von Geschmack zu finden . Uebrigens nehme ich Alles , was Sue von jenem Gesindel erzählt , auf Treu und Glauben hin , wie die Berichte eines überseeischen Reisenden von den Wundern , die er zu Wasser und zu Land erlebte , um so mehr , als er die Sphären der Gesellschaft , die ich kenne , zum Theil sehr wahr , sehr treu schildert . Ist etwa Rudolphe , Grand Duc régnant de Gerolstein , auch nach dem Leben ? Das weiß ich nicht , aber so viel weiß ich , daß Geschichten , wie die des Marquis d ' Harville und seiner Frau so oder ähnlich alle Tage im Leben vorkommen . Oswald antwortete nicht ; es fiel ihm ein , was er über das Verhältniß Melitta ' s zu ihrem Gemahl gehört hatte , wie Herr von Berkow nun schon seit sieben Jahren in unheilbarem Wahnsinn lag . Eine Ahnung der trauervollen Scenen bis zum Hereinbrechen der furchtbaren Katastrophe überkam ihn ; es that ihm weh , daß unversehens an den Vorhang eines so dunkeln Familiendrama ' s gerührt hatte . Aber zugleich erfaßte ihn eine unendliche Theilnahme für die reizende Frau , die hier in dieser grünen Wildniß die schönsten Jahre ihres Lebens einsam vertrauern sollte . Was hilft ihr Jugend , Schönheit und Reichthum ohne Liebe ! und wird sie wohl so geliebt , wie sie geliebt zu werden verdient , und sie geliebt zu werden wünscht , sie , durch deren sanfte , schmachtende Augen man in unergründliche Tiefen von Zärtlichkeit und Leidenschaft blickt ? Während Oswald so das Schicksal der schönen Frau beklagte , fühlte er , wie ein Quell schmerzlich süßer Gefühle warm aus seinem Herzen hervorbrach , und es bald bis zum Zerspringen füllte . Mit tiefen Athemzügen sog er die weiche , blumenduftgetränkte , warme Luft des üppig blühenden Gartens ein . Wollüstige Schatten erfüllten die lauschigen Boskets ; träumerisch lag der Nachmittagssonnenschein auf den grünen Rasenplätzen ; in den dichten Kronen der Bäume jubelten die Vögel , Schmetterlinge wiegten sich über den sonnentrunkenen Blumenwäldern der Beete . Langsam wandelten die schlanken Gestalten durch das grüne Revier , oft still stehend , hier einen Rosenbusch zu bewundern , der in noch üppigerem Schmucke prangte als seine Nachbarn , dort einem Eichhörnchen zuzuschauen , das sich lustig von Ast zu Ast und von Zweig zu Zweig schwang . Immer mehr überkam Oswald das Gefühl , als wandele er in einem herrlichen Traum ; als träume er nur diesen Sonnenschein , diesen Blumenduft , diesen Vogelgesang ; als träume er nur Melitta ' s süße Stimme , Melitta ' s liebestiefe Augen - und auch Melitta war es , als ob sie heute mit ganz anderen Augen sehe , mit ganz anderen Ohren höre . Der fremde Mann , den sie durch ihre Besitzung führte , war ihr so vertraut , als kenne sie ihn schon seit vielen , vielen Jahren , als habe sie ihn immer gekannt ; und was sie seit Jahren tagtäglich gesehen , erschien ihr jetzt beinahe fremd . Ihr Herz , das seit Jahren nur mit oberflächlichen Neigungen , mit leeren Coquetterien hingehalten war , schmachtete nach einer wahren , tiefen Leidenschaft ; und sie fand die halb erfurchtsvollen , halb kühnen , aber immer aufrichtig bewundernden , zärtlich liebkosenden Blicke , mit denen der junge Mann an ihr hing und sie wie mit einem unsichtbaren Zaubernetz , dessen Maschen sich dichter und immer dichter woben , umspann , viel zu süß , als daß sie dem , der ihr dies süße Glück gewährte , nicht von Herzen hätte dankbar sein sollen . Sie fühlte sich unsäglich glücklich , und dennoch ernster gestimmt , als es wohl sonst ihre Gewohnheit war . Der Sturm der Leidenschaft , der in ihrer Seele langsam heraufzog , warf schon seine dunkeln Schatten über ihr sonnenhelles Gemüth , und sein erster Anhauch zerriß den leichten Schleier , den die Zeit mühsam über so manches düstre Bild vergangener Tage gewebt hatte . Während Oswald den Bildungsgang , den er für Julius am geeignetsten hielt , entwarf , dabei auf sein eigenes Leben zu sprechen kam , und die schöne Frau , gleichsam als ein Zeichen seiner Liebe und Verehrung , so manchen Blick in das tiefgeheimste Leben seiner Seele thun ließ , fühlte sie sich mehr wie einmal auf das sonderbarste ergriffen . Manche Gedanken , die der junge Mann in seiner lebhaften Weise mit gefälliger Beredtsamkeit vortrug , hatte sie , oft fast in denselben Worten , schon früher einmal gehört von einem Manne , der ihr sehr theuer gewesen war , dessen dämonische Natur ihren regen Geist angelockt und gefesselt , und dessen rauhe Schroffheit ihren weichen Sinn abgestoßen und beleidigt hatte . Hier fand sie die Rosen wieder , an deren üppigem Duft sie sich damals berauscht , aber ohne die Dornen ; hier fand sie , was sie dort so schmerzlich vermißt hatte : Schönheit der Formen , Grazie der Bewegung und Anmuth der Rede . Dreizehntes Capitel Im eifrigen Gespräch in den Gängen zwischen den Beeten auf- und abwandelnd , wurden sie an ihre Absicht , in das Haus zu gehen , erst erinnert , als sie sich demselben zum zweiten Male näherten . Sie traten durch die offene Thür in einen Saal , dessen harmonische Verhältnisse und einfache , geschmackvolle Decoration auf Oswald sofort den angenehmsten Eindruck machten . Die hohen Kastanienbäume , unmittelbar vor den Fenstern , hielten den Raum kühl und schattig . Das gedämpfte Licht that dem Auge wohl nach dem verschwenderischen Sonnenschein draußen im Garten . Bequeme Sessel in mancherlei Formen und Größen , amerikanische Rocking-chairs , französische Causeusen , ein großer Flügel , Tische mit Büchern und Bilderwerken bedeckt , hier und da in dem weiten Gemache schicklich vertheilt , gaben demselben bei allem Reichthum etwas ungemein Wohnliches , das auf das liebenswürdigste mit der steifstelligen Ordnung , die in dem Innern des Schlosses Grenwitz herrschte , contrastirte . Ich bin doch neugierig , ob Jemand auf mein Klingeln kommen wird , sagte Melitta , ihren Hut auf den Tisch werfend und nach der Klingelschnur gehend . Unmöglich ist es gar nicht , daß wir uns höchstselbst in die Speisekammer werden verfügen müssen , notabene , wenn wir den Schlüssel auftreiben können . Sie klingelte und wandte sich wieder zu Oswald , der eines der Marmorbilder , welche die Wände des Saales schmückten , betrachtete . Wie finden Sie diese Maske ? Sehr schön ; es ist die Rondanini ' sche Meduse . Ah ! ich sehe , Sie sind ein Kenner . Höchstens ein Liebhaber . Ich habe in der Residenz oder sonst wo manches gesehen ; meistens freilich nur Gypse . Seit meinen Knabenjahren war es mein sehnlichster Wunsch , einmal in das gelobte Land Italien zu wallfahren , um dem hohen Gott Apollo von Belvedere persönlich meine Huldigung darbringen zu können . Nun , das ist doch kein so unbescheidener Wunsch . Wenn es unbescheiden ist , zu wünschen , was uns nicht beschieden - doch . So wäre es unbescheiden , daß wir etwas zu vespern wünschen , denn das scheint uns auch nicht beschieden ; sagte Melitta mit komisch-klagendem Ton . Aber wird uns nicht oft gerade etwas beschieden , weil wir es lebhaft , heiß , unbescheiden wünschen ? Das Schicksal gewährt uns unsern Wunsch , wie eine Mutter dem bettelnden Kinde das Stückchen Kuchen , nur , um uns los zu werden . Das Schicksal ist kein launisches Weib , sondern ein harter felsenherziger Gott , und wenn wir etwas von ihm haben wollen , müssen wir es ihm abtrotzen . Das ist es für Euch Männer , und vielleicht ist es gut , daß dem so ist - Ihr würdet sonst zu übermüthig . Wir Frauen aber - Du lieber Himmel , was sollte aus uns werden , wenn wir uns das bischen Glück ertrotzen sollten . Wir legen uns lieber auf ' s Bitten und Betteln , und wenn wir eben alle Hoffnung aufgeben wollen und ganz am Glück verzweifeln - dann , gerade dann - sehen Sie , da kommt der Baumann und mit ihm die Aussicht auf unser Vesperbrod . Die Thür öffnete sich und die Gestalt eines langen , hagern Mannes , dessen altem , runzligen Gesichte mit den buschigen Augenbrauen eine tiefe Narbe , die über die kahle Stirn am Auge vorbei bis tief in die Wange lief , und ein langer eisgrauer Schnurrbart etwas ungemein Martialisches gaben , erschien auf der Schwelle . Gnädige Frau ? sagte er mit einer Stimme , die aus einer tiefen Höhle zu kommen schien . Ach , Baumann , es sind wohl außer Ihm Alle ausgegangen ? Zu Befehl . Das habe ich aber gar nicht befohlen . Wo ist die Mamsell ? Drüben in Faschwitz . Und der Johann