gefeierte lyrische Dichter Lamartine , bei dessen poetischen Meditationen Du gewiß vor zwanzig Jahren süße Tränen der Rührung geweint hast , seitdem er in höchst interessanter Weise die tragische Notwendigkeit der Guillotine in seinen Girondisten dargestellt hat , und seitdem dies Buch einen so rasenden Beifall findet , daß es weniger gelesen , als verschlungen wird von Männern und Frauen , Jung und Alt , Vornehm und Gering , Aristokraten und Liberalen - und seitdem ich , sage ich ! kein passionierter Leser , wahrhaftig ! - es von Anfang bis zu Ende gelesen habe . « » Da sieht man , wie unwiderstehlich die Wahrheit ist ! « rief Florentin . » Sie ergreift sogar den Mann der Herzensempfindungen und Gefühlsschwärmereien , eröffnet ihm den grenzenlosen Horizont der neuen Ära - und er , berauscht und bezaubert , stimmt an das Lied von der Göttin Revolution und zieht Völker und Nationen unwiderstehlich zu ihrer Huldigung nach sich . « » Da gleicht er ja dem famosen Rattenfänger von Hameln , « sagte Uriel , » dem ganz unwiderstehlich die Kinder nachzogen . « » Wo blieben die Kinder ? « fragte Corona . » Sie gingen unter , man weiß nicht wie « , sagte Uriel . » Die großen Wahrheiten in der Weltgeschichte bereiten hingegen den Aufgang , nicht den Untergang der Völker , « erläuterte Florentin . Hyazinth hatte bisher ganz eifrig mit Corona Schach gespielt und sie so eben durch » Matt ! « erschreckt . Nun sagte er : » Heute hab ' ich im heiligen Augustinus die Frage gelesen : Warum wird die ewige Wahrheit der Offenbarung oft so gehaßt ? und warum finden ihre Verkünder so viele Feinde ? Darauf antwortet der Heilige : Weil der Mensch eine solche Neigung zur Wahrheit hat , daß er , was er auch lieben möge , immer behauptet , gerade das sei die Wahrheit . Weil niemand betrogen werden mag , so mag auch niemand eingestehen , daß er betrogen ward , und die Wahrheit wird gehaßt wegen des Gegenstandes , der statt ihrer geliebt wird . So geht es Dir wohl auch , Florentin , mit Deinen Revolutionsliebhabereien ? Du liebst die Wahrheit , aber Du läßt Dich täuschen . « » Nun , Regina , freut sich wohl Dein Herzchen , da Du von den Heiligen sprechen hörst , « sagte der Graf . » Aber woran denkst Du denn ? Du bist ja mäuschenstill geworden ! « » Ich denke an den gekreuzigten Heiland , « sagte sie sanft . » Erzähle uns etwas von Deinen Reisen , lieber Uriel , « nahm die Baronin das Wort ; » aber etwas Freundliches , was uns ein angenehmes Bild vorführt und nicht aufregt . « » In England und Schottland , « sagte Uriel , » gibt es eine Menge schöner Ruinen von Kirchen und Klöstern , die , wie bekannt , im Namen des reinen Evangeliums bei dem Abfall im sechszehnten Jahrhundert geplündert , zerstört und aufgehoben wurden . Tintern-Abbey , Melrose-Abbey sind allbekannt durch englische Stahlstiche , die freilich ihre romantische Schönheit durch einen gewissen modischen Anstrich abschwächen . In der Umgegend von Edinburg befindet sich eine Ruine , die an Großartigkeit zwar jenen nachsteht , aber äußerst anmutig zwischen grünbelaubten Hügeln liegt . Sie heißt Roßlyn Chapel . Ihre reiche Architektur nimmt sich in der Zerfallenheit eigentümlich melancholisch aus und trägt so recht das Gepräge eines verwüsteten Heiligtums . Auf einem Pfeiler dieser Kapelle stehen in lateinischer Sprache die Worte eingegraben : Stark ist der Löwe ; stärker der König ; noch stärker das Weib ; am stärksten die Wahrheit . Sieh Regina , welch ' ein Trost für Dich : bist Du im Bunde mit der Wahrheit , so trägst Du den Sieg davon . « » Ach , an meinen Siegen liegt mir nichts ! « entgegnete sie gleichgiltig . Alles , was wie eine Huldigung klang , die ihr dargebracht wurde , verstand sie gar nicht ; davor trat sie zurück in die Region der Kindheit . » Das ist gewiß ! « rief Florentin , » die Frauen haben bei der Lösung der sozialen Fragen im Geist des Fortschrittes ein ungeheures Interesse , und deshalb schließen sich auch die eminentesten unter ihnen , eine George Sand , eine Christina Belgiojoso , eine Fanny Wright , derselben als ihre Apostel an und verbreiten sie durch Schrift und Wort , durch Lehre und Leben . Unter welchem dreifachen Druck , dreifach gelähmt im Geist , im Herzen , in ihrer Stellung zur Welt , schmachten die Frauen , so lange die Religion der Vergangenheit , d.h. der kirchliche Glaube , und die daraus entspringenden Institutionen der Ehe und des Privateigentums , aufrecht gehalten werden . « » Florentin , ich glaube , Du bist berauscht ! « rief der Graf verblüfft . » Wir wollen es zu Deiner Entschuldigung annehmen . « » Ich spreche von Tatsachen , « entgegnete Florentin unverzagt , » indem ich sage , was die ganze Welt weiß und die halbe bewundert : daß Frauen von genialischem Kopf und großen Herzen das Banner des Fortschrittes nicht nur frohlockend begrüßen , sondern in ihren schönen Händen weiter tragen . Ist das nicht Glück und Ehre , Regina , die Fahne der Wahrheit im Kampf gegen die Lüge zu schwingen ? « » Ich habe nie etwas von diesen Frauen und ihrem Tun und Treiben gehört , denke aber , daß jener Ausspruch des heiligen Augustinus auf sie anzuwenden sei : sie lieben etwas ganz anderes als die Wahrheit und sind davon so eingenommen und verblendet , daß sie behaupten , gerade das , was sie lieben , sei die Wahrheit , denn « .... - » O Regina ! « rief Orest und klatschte ganz entzückt in die Hände ; » wie hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen ! O Regina ! Du bist ja klug , wie .... wie « .... - » Wie die Unschuld ! « ergänzte Uriel . » Denn , « fuhr Regina ungestört fort , haben diese Frauen wirklich Kopf und Herz , wie Sie behaupten , Florentin , so haben sie beides doch nicht auf dem rechten Fleck , und das ist immer die Folge der Betörung durch Leidenschaften . « » George Sand nicht Kopf und Herz auf dem rechten Fleck ! « rief Florentin achselzuckend . » Um Namen kümmere ich mich nicht , « entgegnete Regina ; » sie heiße A oder Z ! Aber ich kann nicht glauben , daß eine Frau von Kopf und Herz , ohne Verblendung durch Leidenschaften , freiwillig die himmlische Sphäre der Offenbarung verlasse , um sich ich weiß nicht in welcher Niedrigkeit zu ergehen . Nein in Ewigkeit glaub ' ich das nicht . « » Die Sache der Menschheit nennen Sie niedrig ! « brach Florentin aus . » Niedrig nenne ich , was sich von Gott abgelöst hat , und das tut die Selbstvergötterung . « » Aber Regina ! « rief Orest mit grenzenloser Verwunderung in Blick und Ton ; » woher weißt Du das alles ? Wo hast Du das alles gelesen ? « » Das kann ich Dir so genau nicht angeben , lieber Orest ; aber in allen Büchern über das innere Leben wirst Du die Fülle finden von dem , was ich nur so ganz unvollkommen sage , « erwiderte sie bescheiden . » Eines ist gewiß ! « sagte die Baronin , » die religiöse Bildung wird hauptsächlich von den Frauen in ihrem Verhältnis als Gattinnen und Mütter getragen und gefördert . Gelänge es , aus ihnen Atheisten zu machen , so stände es schlimm um das Menschengeschlecht . « » Du vergißt , liebe Tante , « wendete Uriel spöttisch ein , » daß Georg Forster uns belehrt hat , unsere religiösen Ansichten hätten durchaus nichts zu schaffen mit unserem Leben , und der Adel der Seele beginne erst da , wo der Glaube an Gott aufhöre . « » Das ist aber falsch , « entgegnete sie . » Der Unglaube verwirft Gott und folglich auch die göttlichen Gebote , welche unserem Wesen und Leben die Richtung geben . Sind diese aufgehoben , so gibt es keine Schranken für die bösen Neigungen des Menschen , außer etwa die seines Willens . Aber in der Stunde der Versuchung und im Getöse der Leidenschaft wird es sich zeigen , daß sich der Wille , der sich von Gott abkehrte , auch vom Guten hinweg wendete . « » Ist ganz klar ! « rief Orest . » Wenn ich nicht glaube , daß die Antastung fremden Eigentums Diebstahl sei : so nehme ich ganz getrost Anderen das , was ich brauche oder wünsche , und nicht habe ; mit anderen Worten - ich stehle . « » Ich weiß wohl , « entgegnete Florentin , » daß die Menschheit der Gegenwart , noch befangen in allen Vorurteilen , sich teilweise durchaus nicht zu jenem Standpunkte erschwingen kann , den sie in der Zukunft einnehmen wird . Dazu muß sie herangebildet werden ; und zwar in der Weise , daß sie von der Wiege an eine vernunftmäßige Erziehung erhält , nämlich eine solche , aus welcher jede Spur des Aberglaubens , den die Priesterherrschaft ihr seit achtzehn Jahrhunderten einimpft , radikal verschwindet . Das wird nicht schwer sein , sobald man das Licht der wahren Wissenschaft aufleuchten läßt . Sie gibt ein rationelles Wissen von der Welt , das auf Erfahrung und auf Wahrnehmung durch die fünf Sinne begründet ist . Das sind die fünf Tempeltore der ächten Weisheit , der Humanität . Kommt diese durch die Erziehung im Menschen zur Herrschaft , so erkennt er seine Bestimmung : die Förderung der allgemeinen Glückseligkeit - und sein Ziel : den Genuß dieser Glückseligkeit ; aber keineswegs in einem nebulosen Jenseits , sondern auf dieser sichtbaren und einzig wirklichen Erdenwelt . Dann wird es sehr leicht sein , die vorhin erwähnten neuen sozialen Institutionen einzuführen , die mir jetzt freilich den Vorwurf zugezogen haben , daß ich im Rausch spräche . Die vom Aberglauben erlöste Menschheit wird sie mit aller Macht herbei sehnen und führen , weil sie die höchst unsittlichen Schranken heben , welche um die edelsten Kräfte , um das Freiheitsbedürfnis in unserem Willen , in unserer Liebe , gezogen sind ; Schranken , welche das , was man jetzt Sünde nennt , zur Sünde stempeln , folglich die Menschen geflissentlich zu Sündern machen , damit die Priester absolvieren können . Fallen die Schranken , so gibt es keine Sünde mehr , denn es kann dann nicht mehr gepredigt werden : rechts von der Schranke steht die Tugend und links das Laster , und wenn dennoch so gepredigt würde , so lacht der wissende Mensch über solche Torheit oder knirscht die Zähne über solche Heuchelei . Bevor aber nicht die Erziehung der sämtlichen Jugend von der Geburt an , und die Verwaltung des sämtlichen Privateigentums in den Händen des auf neuer sozialer Basis ruhenden Staates ist , kann die Menschheit nicht in allen ihren Gliedern aus einer elend gläubigen eine glückselig wissende werden . Die Reaktion behauptet ihre Verschanzungen in der Familie und im Privatbesitz , in diesen Bollwerken der alten Finsternis im Kampfe gegen das neue Licht . Daher zittert der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution , die tabula rasa mache mit dem Christentume , mit der falschen Religion des Kreuzes , damit endlich , endlich ! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glückes für alle auf Erden anbreche . « Als Florentin endlich in diesem Erguß seiner Begeisterung eine Pause machte und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung über den neuen Propheten verstummte , stand Regina auf , ging zum Flügel , winkte Hyacinth herbei , machte ein brillantes Vorspiel , eine wahre Schlacht von brausenden widerstrebenden Akkorden , deren Dissonanzen spät sich lösten ; dann fielen Sturm und Wellen auf diesem Meer der Töne , wie die See zuweilen ruhig wird , wenn der Mond aufgeht , und die zwei glockenreinen Stimmen huben an zu singen : » O sanctissima , o piissima , dulcis virgo Maria ! mater amata , intemerata , ora pro nobis . « Es war die Antwort , welche die Kinder des Glaubens dem Sohn des Wissens gaben . Während er dem Erdgeist in der Menschheit und in der eigenen Brust huldigte , brachten sie ihre Huldigung der sündenlosen Fürbitterin des gefallenen Menschengeschlechtes dar . Es machte einen so lieblichen Eindruck , daß der Graf am Schlusse rief : » Da capo ! singt weiter und singt mehr ! es ist , als ob der Hirtenknabe David vor dem irren König Saul sänge . « Nichts tat Regina lieber ! Von Melodie und Rhythmus getragen , fand der Schwung ihrer Seele ein klingendes Flügelpaar , mit dem sie aufstieg und sich wiegte in den Regionen , wo die ewige Harmonie zu Hause ist . Uriel setzte sich so , daß er sie im Profil sehen konnte - dies zarte und doch so bestimmte Profil , das , ganz charakteristisch für ihr Wesen , etwas von der Schönheit und dem Schmelz der Blume , etwas von der des Edelsteines hatte , Grazie ohne Weichlichkeit , Kraft ohne Härte , Adel ohne Stolz : ein holdseliges Menschenbild . Zuerst sah und horchte er auf sie ; dann flossen Bild und Stimme in einander , wie am Horizont das Morgenrot mit den sanft rauschenden Meereswellen zusammenfließt , und es ging ihm ein Singen und Klingen durch die Seele , das uralte Lied der erwachenden Liebe , das uralte Echo aus dem Paradiese , bevor die Schlange es vergiftete , der uralte Sehnsuchtsseufzer des Menschenherzens nach einem Glück , dessen Urbild ihn nach Oben , dessen Schatten ihn nach Unten zieht . Uriel kannte den Wunsch der Familie . Er wußte , daß er dereinst Herr auf Windeck sein werde . Er fand es ganz in der Ordnung , daß er der Schwiegersohn des Mannes werde , der ihn mit der innigsten Vaterliebe gehegt und gepflegt hatte und dessen Erbe und Nachfolger er war . Sein edles Herz hatte früher immer eine Pflicht der Dankbarkeit darin gefunden . Jetzt , da er Regina nach fünf Jahren wiedersah , jetzt freilich wünschte er , sie möge ihm erlauben , dankbar sein zu dürfen , und er gestand sich ein , daß dazu wenig Hoffnung sei . Um sich etwas zu trösten , dachte er an ihre große Jugend , an ihre Erziehung im Kloster , und hoffte auf unbestimmte himmlische Fügungen , wie man eben hofft , wenn man auf einen Würfelfall die Erfüllung des Glückes gesetzt hat . Nachdem man sich spät getrennt hatte und Regina einsam in ihrem Zimmer war , dachte sie nach über Florentins Reden und Ansichten . Bittere Tränen traten ihr in die Augen . Der Unglückliche ! dachte sie . Es ist der Weg des Seelentodes , den er wandelt : er verachtet Gott , er verschmäht die gekreuzigte Liebe . Ach , und er ist der Pflegesohn meiner Mutter ! Ob er wohl betet ? .... Könnte er sich so weit von der Offenbarung verirrt haben , wenn er betete ? Sie nahm ihren Rosenkranz und stieg die enge Wendeltreppe hinab , die aus ihrem Zimmer in die Kapelle durch eine Seitentür führte , um für Florentin den Rosenkranz zu beten . Als sie leise die Türe öffnete , sah sie vor dem Altare Hyacinth knien . Mit ausgespannten Armen und mit unaussprechlicher Inbrunst lag er da . Der Schimmer des ewigen Lichtes in der Ampel fiel auf seine blonden Locken und goß einen goldenen Glanz um sein Haupt . Überall sonst war es dunkel . Regina trat nicht in die Kapelle ein ; sie fürchtete , diese Gebetsstille zu stören . Sie kniete auf der untersten Stufe der Treppe nieder und empfahl Florentin der Fürbitte der heiligen Gottesmutter ; und als der Rosenkranz zu Ende war und sie einen Blick in die Kapelle zurückwarf , kniete Hyazinth noch immer im stummen Herzensgebet vor dem Altare . Solo Dios basta Der Balltag kam heran . Der Graf sagte , er habe eigens den Tag dazu gewählt , wo Regina ihr achtzehntes Jahr antrete , um mit einem Fest , wie es sich für die Jugend schicke , einen neuen Abschnitt ihres Lebens zu bezeichnen . » Und besorge Dir ein Ballkleid , Regina , « setzte er hinzu , » von Flor oder Krepp , oder wie der Stoff heißt ! recht leicht , recht luftig . Es wird wohl am besten sein , wenn die Tante dafür sorgt . « Damit war Regina ganz einverstanden . Sie ging zu Onkel Levin und sagte kleinlaut : » Ach , lieber Onkel , der erste Ball ! « » Ja , mein Kind , der erste , aber gewiß nicht der letzte , « entgegnete er scherzend . » Ich fürchte mich vor den vielen fremden Menschen . « » Ganz unnütz , Kind ! sei freundlich zuvorkommend gegen alle Frauen und freundlich zurückhaltend gegen alle Männer , so bist Du , wie Du sein sollst , und hast nichts zu fürchten . « » Lieber Onkel , « sagte sie errötend , » ich fürchte die Menschen nicht sowohl , weil ich mich ihnen gegenüber ungeschickt benehmen , sondern weil ich mich in ihrem Tumult und zwischen all ' dem Gerede aus der Gegenwart Gottes verlieren könnte . Man sagt ja , das geschehe sehr leicht und sehr häufig in solchen rauschenden Lustbarkeiten . « » Freilich ist es leichter , in der stillen Kapelle oder im einsamen Zimmer in der Gegenwart Gottes sich zu halten , als auf einem Ball ! Aber ich hoffe , Du willst für Gott nicht bloß das tun , was Dir leicht wird . Also hebe in Gedanken Dein Herz zuweilen von der Nichtigkeit eines Balles zu den Freuden der Ewigkeit empor und wirf zuweilen einen Blick hinüber nach Engelberg oder nach unserer Kapelle . Dann wird Dir eitler Tand gewiß nicht lieblicher erscheinen , als das höchste Gut . Aber munter Kind , heiter , fröhlich ! das bitte ich mir aus ! « setzte er hinzu , freundlich mit dem Finger drohend . » Und damit Dir das alles ganz leicht werde , wollen wir am Morgen in aller Frühe zur ersten Messe nach Engelberg hinüber fahren und den himmlischen Morgenstern anrufen , der an diesem Tage der Welt aufgegangen ist , und zu ihm flehen , daß er der Stern unseres Lebens und dereinst unser Abendstern sei . « In der Morgendämmerung des Tages Maria Geburt glitt der Nachen von Windeck leise über den Main nach Engelberg , wo schon fromme Wallfahrer sich eingefunden hatten . Mit einer Wallfahrt begann Regina ihren Eintritt ins Leben - ins Leben , das ja selbst eine höhere Wallfahrt , ein Wandeln nach einer übernatürlichen Gnadenstätte sein soll . Als sie an den Fuß der großen Treppe kamen , welche von vielen Pilgern auf den Knien erstiegen wird , legte Regina plötzlich die Hand auf Levins Arm und sagte : » Lieber Onkel , sieh ' ! da ist ja Hyazinth ! « Er war unter jenen Pilgern das schönste Bild der Demut , die ein hohes Ziel erreicht . Unten in der Kapuzinergruft ruhte der Staub der Mütter dieser beiden Kinder ; aber wie mögen sie von den Höhen der Ewigkeit so zärtlich auf diese jungen Seelen herabgeschaut haben , die sich nicht gefangen gaben an die Gedanken und Bestrebungen der irdischen Welt . Gegen Abend mußte Regina in ihrem Ballanzuge vor dem Grafen erscheinen . » Denn ich muß in ruhe beurteilen , ob Du auch einigermaßen präsentabel bist , « sagte er . Höchst gleichmütig sagte Regina , als sie sich vor dem Vater hinstellte : » Es wird wohl so ganz gut sein . « Sie trug ein äußerst einfaches weißes Linonkleid und einen Kranz von frischen Scabiosen , deren tiefes Violet einen eigentümlich reizenden Kontrast zu ihrem blonden Haar und ihrem blühenden Antlitz bildete . Der Graf , ganz überrascht von ihrer Schönheit , vergaß , daß er sich vorgenommen hatte , einige Bemerkungen über die Notwendigkeit der modischen Toilette zu machen und sagte : » Es ist sehr gut so . « Orest , der leidenschaftlich alles liebte , was Bewegung war - Reiten , Fechten , Schwimmen , Turnen , Tanzen - war bereits ballmäßig gekleidet in ungeduldiger Erwartung bei dem Grafen . Er sagte in seiner ungenierten Weise , die Uriel ihm als burschikos vorzuwerfen pflegte , indem er seine fünf Fingerspitzen an die Lippen legte und leicht küßte : » Regina , Du bist zu schön für diese Welt . « » Das hör ' ich gern , « erwiderte sie munter . » O Du Heuchlerin ! « rief er . » Wir halten Dich sämtlich für eine Sainte N ' y touche und nun kommt es zum Vorschein , daß das kolossalste Kompliment Dir das liebste ist . « Der Graf dachte bei sich selbst , es würde geradezu ein Verbrechen gegen die menschliche Gesellschaft sein , wenn eine so schöne und anmutige Person sich im Kloster vergraben wollte . Das könnten ja die Häßlichen tun , die Dummen und Krummen , die Lahmen und Kranken , die in der Welt weder Freude hätten noch Freude machten ; für die sei das Klosterleben erfunden , denn einen irdischen Bräutigam fänden sie nimmermehr und dem himmlischen fielen sie nicht zur Last . Regina aber sei eine Person , die , sobald sie nur eine andere Wendung nehmen wolle , unfehlbar von der Welt vergöttert werden müsse ; und es sei doch höchst angenehm , der Vater eines solchen Idols zu sein . Wie Regina mit Orest gesprochen hatte , so blieb sie , und diese unbefangene gleichmäßige Munterkeit zeigte am besten , daß nichts von allem , was sie sah und hörte und tat , ihr Herz berührte . Hyazinth tanzte nicht ; er sagte , er habe es nicht gelernt . Orest tanzte mit Leidenschaft , um zu tanzen , nicht wegen dieser oder jener Tänzerin . Uriel hätte am liebsten nur mit Regina getanzt ; da das aber unmöglich war , so machte ihm der ganze Ball gar kein Vergnügen . Er fand es im Gegenteil höchst lästig , sich mit einem solchen Schwarm von Damen zu unterhalten . Florentin tanzte nur mit den elegantesten Tänzerinnen oder gar nicht . Die Theorie der allgemeinen Gleichberechtigung ging in der Praxis nicht weiter , als daß er sich für berechtigt hielt , nach Lust und Laune unter dem Ausgezeichneten zu wählen . Er verlor Regina nicht aus den Augen . Er hatte Anwandlungen von Haß gegen sie , weil sie mit solcher klaren Entschiedenheit seine Ansichten verwarf und vielleicht - weil er Neigung gehabt hätte , sie zu lieben . Es hatte ihn tötlich verletzt , daß Regina ihn nicht mehr mit dem schwesterlichen » Du « begrüßt und ihm dadurch einen anderen Platz angewiesen hatte , als ihren Vettern , was doch niemand sonst in der Familie getan . Sie aber fand es passend , die kindliche Gewohnheit aufzugeben , um nicht in unnütze äußere Vertraulichkeit zu geraten und den Moment günstig dafür , als sie nach jahrelanger Entfremdung , beide aus der Kindheit in die Jugend übergetreten , sich wiedersahen . Florentin nannte in seinem Sinn Regina » aristokratisch und fanatisch « ; was ja nach seiner Ansicht unsäglich verkehrt und schlecht war : und dennoch ! dennoch ! hatte er seine innerliche Freude daran , daß Regina gar nicht Uriels Neigung beachtete . Auch jetzt auf dem Ball , wo so leicht in der allgemeinen lärmenden Erregung die gewohnte Haltung nachläßt und wo Florentin immer sein Augenmerk auf beide richtete , fühlte er sich über diesen Punkt vollkommen beruhigt und in gänzlicher Vergessenheit , daß sein Glückseligkeitssystem den lieben Gott entthront habe , seufzte er aus tiefster Brust , als er einmal Regina mit Uriel sprechen sah : Gott Dank ! sie liebt ihn nicht ! - Dem Grafen mochte sich auf dem Ball dieselbe Überzeugung aufgedrängt haben . Wenigstens ging diese Angelegenheit nicht so rasch vorwärts , als er es wünschte ; daher nahm er sich vor , sie auf die bündigste Weise zu Ende zu bringen . Er ließ eines Morgens Uriel in sein Schreibkabinet rufen und sagte : » Mein lieber Junge , ich sehe , daß Du Regina sehr gern hast . Das freut mich außerordentlich , denn ich habe immer Eure Verbindung gewünscht und gewollt . Ich finde zu meiner Freude Regina so weit über ihre Jahre hinaus vernünftig und geistig entwickelt , daß mir nichts lieber wäre , als Euch bald verheiratet zu sehen . Bringe also die Sache in Ordnung . Meinen Segen hast Du . « » Aber nicht Regina ' s Herz , « entgegnete Uriel , auf dessen Zügen Freude und Trauer kämpften . » Larifari ! soll sie Dir etwa ihr Herz anbieten ? « » Sie hat entschieden Hyazinth lieber als mich . Sie spricht mehr mit ihm , beschäftigt sich mehr mit ihm .... « - » Lieber Junge , das verstehst Du nicht ! das alles kann gerade ein Beweis sein , wie ungefährlich Hyazinth für sie ist , der ohnehin ein pures Kind ist . Ich begreife Dich gar nicht ! Du hast Regina gern - ich freue mich darüber - und Du siehst aus , als wäre Dir ein Unglück widerfahren ! Wie kann ein Verliebter so zaghaft sein ? Solche Schüchternheit überlasse doch den jungen Mädchen . Allons ! heute noch sprichst Du mit Regina , nicht wahr ? « » Nein , lieber Onkel , das ist unmöglich ! sie wird vor Erstaunen aus den Wolken fallen ... « » Und Du wirst sie auffangen in Deinen Armen ! das macht sich ja ganz vortrefflich ! « » Es ist unmöglich , mit Regina von Liebe und von Ehe zu reden , denn sie denkt nicht entfernt daran , bester Onkel . « » Uriel , mache mich nicht böse ! Was soll ich von Dir halten , daß Du nicht im Stande bist , einem siebenzehnjährigen Mädchen ein paar Liebesgedanken beizubringen ! Es gibt ja nichts Leichteres auf der Welt ! « » Je nachdem das Mädchen - und der Bewerber ist . Regina ist ein sehr seltenes Mädchen und ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch . « » Du hast wohl nicht Lust zu dieser Ehe ? « fragte der Graf unmutig und mit gerunzelter Stirne . » Nur zu dieser Ehe , lieber Onkel , « antwortete Uriel mit großer Bestimmtheit . » Gut , mein Junge , « sagte der Graf erheitert . » Da Du aber ein so entsetzlich blöder Schäfer bist , was , unter uns gesagt , das schöne Geschlecht gar nicht besonders liebt : so werde ich Deine Bewerbung vorbringen . Glaube mir ! unter fünfhundert Mädchen , die ganz kalt und spröde scheinen , befindet sich kaum eine einzige , welche einen jungen , charmanten Mann , der zugleich eine gute Partie ist , ausschlüge . Dafür hat die Natur gesorgt . Geh ' jetzt ! ich bringe Dir bald das Jawort der Herzenskönigin . « Der gute Graf hatte sich selbst Mut und Zuversicht eingesprochen . Es war ein Etwas in seiner Tochter , das ihn heimlich ängstigte , sie könne unter jenen fünfhundert jungen Mädchen eine Ausnahme machen , oder wenigstens machen wollen . Aber wenn sie auch ihren eigenen Willen hat , wie ich fürchte : so ist sie doch gehorsam , murmelte er , in seinem Kabinett auf-und niedergehend , schellte , sagte zu dem eintretenden Bedienten : » Die Gräfin Regina ! « und überlegte , in welcher Weise er am eindringlichsten zu ihr reden könne . Regina hatte eben ihre schöne Stickerei vollendet und aus dem Rahmen genommen . Sie freute sich kindlich ihrer Arbeit , schlug sie in Seidenpapier ein und nahm sie mit , um sie dem Grafen zu zeigen , als sie zu diesem gerufen wurde . » Was bringst Du da ? « rief er ihr freundlich entgegen ; denn er hatte sich vorgenommen , ungemein liebevoll zu sein . » Einen Umhang um das Ciborium , lieber Vater . Ich hab ' ihn gestickt . Gefällt er Dir ? « sagte Regina und breitete froh ihre prächtige Arbeit aus . » Ja , ja , ganz gut ! « rief der Graf schnell verdüstert , schob die Stickerei so hastig bei Seite , daß sie vom Tische fiel und setzte hinzu : » Laß jetzt die Kindereien , wir haben von ernsten Dingen zu reden . « Regina nahm ihre Stickerei auf , schlug sie sorgsam wieder ein und sah dann ihren Vater in unbefangener Erwartung mit ihren strahlenden Augen an . » Liebes Kind , « sagte der Graf entschlossen , » ich spreche jetzt nicht als Vater zu Dir , sondern im Auftrage eines anderen , der eine herzliche Liebe zu Dir hat und um Dich wirbt . « » Bitte , lieber Vater , danke ihm für diese gütige Gesinnung und sage ihm , ich wünsche nicht , mich zu verheiraten ! « rief Regina lebhaft . » Weißt Du denn , von wem ich rede ? « fragte der Graf . » Nein ! und ich brauche es auch nicht zu wissen , denn Name und Persönlichkeit sind mir ganz einerlei . « » Aber mir nicht ! « rief der Graf mit mühsam bekämpftem Zorn . » Wisse , es ist Uriel ! und wisse , er hat nicht bloß meine Zustimmung , sondern meinen Wunsch , und den Wunsch Deiner seligen Mutter und seiner Eltern für sich ; folglich macht sein Name einen ganz enormen Unterschied . « Regina schwieg , senkte ihr