etwa fünfzehn Jahren , mit braunen Feueraugen und schwarzen glänzenden Zöpfen . Ihr Anzug von braunem Schetter zeigte nichts Auffallendes , als ein paar gelbe Streifen an den Aermeln . Diese Streifen , die Ursula übersehen , erblickte Elisabeth , und sie waren die Ursache ihres Entsetzens . Daran erkannte sie , daß ihre Rose in die Hand eines Judenmädchens gekommen , denn der Rath , welcher die Juden , des Reichs Kammerknechte haßte , und am liebsten ganz aus der Stadt verbannen wollte , war vor Kurzem auf den Einfall gekommen , sie durch besondere Abzeichen an der Kleidung kenntlich zu machen , damit nicht ehrbare Christenmenschen Gefahr liefen , mit den als unehrlich betrachteten Juden in Berührung zu kommen . So war den Jüdinnen jetzt aufgegeben worden , als Kennzeichen gelbe Streifen an den Aermeln zu tragen . Nur die außerordentliche Gelegenheit und das Volksgedränge , in dem man mehr auf die Züge als aufeinander blickte , waren wohl die Ursache , daß dies Judenmädchen unbemerkt geblieben und unter der Menge geduldet worden war . Fand nun schon Elisabeth die bitterste Kränkung darin , daß der Baubruder , der ihr Interesse erregte , ihre Rose wegwarf , so empfand sie es als Schmach , daß sie nun in den Händen einer Jüdin war , die sie , unbeschadet ihres Rufes » die aufgeklärteste Frau von Nürnberg « zu sein , auf ' s Tiefste verachtete und sich vor jeder Gemeinschaft mit ihnen entsetzte . Und wenn nun gar der Baubruder das mit Absicht gethan ? war das nicht ein viel größerer Hohn für sie , als wenn er die Blume selbst unter seine Füße geworfen ? Ursula dachte wie die Freundin und bedauerte sie - aber sie hatte nicht Zeit diesem Gedanken nachzuhängen , da eben die Rathsherren unten vorüberzogen und Herr Hans von Tucher einen prüfenden Blick auf sie warf , unter dem sie zitterte wie Espenlaub . Es würde dies wohl weniger der Fall gewesen sein , wenn sie gehört hätte , wie der alte Herr zu seinem Begleiter sagte : » Die Jungfrau Muffel ist wirklich ein holdes Kind , und ich kann es meinem Sohn nicht verdenken , daß er in sie verschossen ist - wäre sie nur nicht eine Muffelin , nichts weiter sollte mich kümmern . « » Ja , « antwortete Herr Holzschuher , der seine alten Augen auch gern anstrengte , wenn es nach schönen Frauen zu blicken gab : » Sie gefällt mir in ihrer sittigen Art auch besser , als die Scheurlin , die vor Hochmuth nicht weiß , wie sie sich geberden und kleiden soll , um nur ja den Leuten zu zeigen , wie reich und schön sie ist . Was aber Euren Sohn betrifft , so riethe ich Euch doch , ihn bald wieder fort zu schicken , denn wenn er seine Geliebte oft so sieht , so ist er nicht der Mann , auf Euer Gebot hin sich von ihr abbringen zu lassen . « » Freilich , « antwortete der Vater ; » mein Sohn ist kein Tugendspiegel , und hat wohl schon bei manchem hübschen Kinde sein Heil nicht vergeblich versucht , indeß ist die Muffelin selbst ein Muster von Zucht und Ehrbarkeit , und darauf trau ' ich . Aber Ihr habt ' Recht , es ist besser , der Stephan geht wieder aus Nürnberg , und sieht er wo anders schöne Frauen , so wird er sich auch zu trösten wissen . « Als Herr Scheurl an seinem Hause vorüberkam und wohlgefällig lächelte , wie schön sein Haus und wie noch schöner seine Hausfrau sich ausnehme und Aller Blicke auf sich ziehe , konnte er sich nicht erklären , warum sie so verstört hinabstarre - aber jetzt bemerkte sie ihn und zwang sich zu einem Lächeln . Ursula dachte indeß nicht mehr an den alten Tucher , sondern spähete nach dem Sohn . Nur um seinetwillen weilte sie hier , nur um seinetwillen hatte sie sich geschmückt , nur um ihn zu sehen und von ihm gesehen zu werden . Was galt ihr denn der König ? was alle die Edlen , die mit ihm kamen , und alle diese Leute , die festlich vorüberzogen ? Sie dachte nur an Stephan , und nur der Augenblick , in dem er vorüberschreiten werde , war ihr der ersehnte . Sie hatte ihn seit dem Wiedersehen in diesen selben Räumen immer nur flüchtig gesehen auf der Straße oder in der Messe und von sich entfernt zu halten gewußt . Auf diesen Tag hatte sie ihn vertröstet . Freilich nicht nur auf diesen Moment , sondern auf die Festlichkeiten , die man dem König zu Ehren veranstaltete , bei denen doch Niemand von den Geschlechtern fehlen dürfe und sich Gelegenheit finden werde zusammen zu sprechen und zu tanzen . Als Stephan mit zärtlichen Liebesblicken vorübergegangen , zog sich Ursula ein Weilchen vom Fenster zurück - nun gab es ja Nichts mehr für sie zu sehen . Aber jetzt tönte das Horn von der Veste wieder und schmetternde Trompetensignale , und das damit sich vermischende , von fern her tönende Vivatrufen der bewillkommenden Menge verkündigte , daß der König die Stadt betreten und daß die ersten Begrüßungen stattfänden . Nach einiger Zeit kam derselbe Zug wieder vorüber - aber Rosseshufe erschallten dabei , denn der König mit seinem Gefolge war in seiner Mitte . Sein Anblick schon , seine ritterliche Art und sein freundliches Wesen hatten alle Herzen gewonnen . Ohnehin freute sich die versammelte Menge um so mehr seiner Ankunft , als sie recht eigentlich nur ein Besuch für Nürnberg war und er damit die Stadt nicht nur pflichtgemäß bei Gelegenheit eines Reichstags beehrte , sondern einzig und allein ihretwegen kam . Dazu kam auch , daß fast die ganze lebende Generation keinen andern Kaiser als den nun siebzigjährigen Friedrich III. gesehen und seiner nachgerade überdrüssig geworden war . Ein ganz anderes Ereigniß war da denn doch der Einzug dieses ritterlichen Sohnes und künftigen Kaisers , auf den das Reich so große Hoffnungen setzte , zumal gerade jetzt , wo die niederländischen Händel endlich beendigt waren wie sein Kampf mit Frankreich , und er nun einzog als ein ruhmwürdiger , sieggekrönter Held und , was bei den Nürnberger Kaufleuten die Hauptsache war , nicht mehr als ein König ohne Land und Einkünfte , schon im Besitz der Niederlande und Tirols , und im Begriff , seine Habsburgischen Erblande sich wieder zu erobern . Wußte man doch , daß er in allen Stücken der entschiedenste Gegensatz seines trägen , thatenscheuen , geizigen , immer nur die unmittelbarsten Vortheile berechnenden Vaters war , daß er viel mehr Geist und Herz von seiner Mutter , der schönen und heldenmüthigen Eleonore von Portugal geerbt hatte , die ihm leider schon 1467 im erst vollendeten dreißigsten Jahre entrissen ward . Ritterlich bis zu abenteuersüchtiger Kühnheit , freigebig bis zur Verschwendung , voll Begeisterung für die große Vergangenheit des Kaiserreiches schwärmte er in dem Gedanken einer Wiedererneuerung des alten Glanzes desselben , und war so ganz ein Mann nach dem Herzen des deutschen Volkes , das in seinem bessern Theil auch die Einheit des Reichs erstarken und durch eine achtunggebietende Gestalt vertreten zu sehen wünschte . Da erschien er nun hoch zu Roß in blitzender Rüstung von blankem Stahl mit goldenen Verzierungen . Darüber den purpurnen Sammtmantel mit goldener Strickerei und Hermelin besetzt , auf den goldenen Locken den blitzenden Helm mit wehenden Federn . Er war von ansehnlicher Größe , stark und schön gebaut , und eben jetzt in der Blüthe des Mannesalters von dreißig Jahren , in Kraft und Vollendung strahlend . Sanft gebräunt war sein Antlitz von den Strapazen im freien Felde , aber seine Wangen blühten in dem frischen Roth der Gesundheit . Unter der startgewölbten Stirn glühte aus seinen blauen Augen ein liebliches Feuer und die Adlernase hatte einen gebietenden Ausdruck . Ein blonder Bart umfloß ringsum die purpurnen Lippen . Nach allen Seiten winkte und grüßte er freundlich , nur auf ihn weilten alle Blicke , und die Jubelrufe , welche ihm zutönten , waren ein unwillkürlicher Erguß des Beifalls und der Begeisterung , die sein Anblick hervorrief . Als er an Elisabeth ' s Chörlein vorüberkam , bog sich diese weit aus demselben heraus , und indeß sich die Damen an andern Fenstern begnügten mit ihren Tüchern zu wehen , warf sie dem ritterlichen König Blumen entgegen . Sie sollten zu den Füßen seines Rosses fallen , aber eine davon traf an das Ohr des edlen Thieres , daß dasselbe darüber scheu werdend hoch aufbäumte - Elisabeth stieß einen Schrei aus - da sah sie , wie ein Reiter , der zunächst hinter dem König geritten , in abenteuerlich bunte Tracht gekleidet und mit einem jener wunderlichen Gesichter , die bald wie die harmloseste Gutmüthigkeit , bald wie die schalkhafteste Bitterkeit aussehen , zu ihm sprengte und dem Pferd in die Zügel fallen wollte . Max lachte über dies Beginnen und hatte es selbst schnell gebändigt , indeß sein Begleiter , der niemand Anders als sein treuer Freund und Hofnarr Kunz von der Rosen war , das Pferd von den an ihm haften gebliebenen Blumen befreite und das Schalksgesicht auf Elisabeth gerichtet , dem König einige Bemerkungen über sie zuflüsterte , die vielleicht nicht ganz zarter Natur waren . Aber Max lächelte zu ihr hinauf und neigte sein Schwert vor ihr , nahm die Blumen aus der Hand des Narren und mit ihnen dankend zu ihr emporwinkend steckte er sie an sein Schwertbehänge . Elisabeth neigte sich tief vor dieser königlichen Huldigung - durch sie fand sie die Schmach , die sie sich vorhin angethan wähnte , wieder gesühnt ; wenn dieser königliche Held sich dankend mit ihren Blumen schmückte , dann mochte immerhin der arme Steinmetzgeselle sie verächtlich bei Seite werfen ! Aber sie war noch eben so verwirrt von dem Schreck über das bäumende Roß , wie von der Ehrenbezeugung des Königs , wie dessen ganzer herrlicher Erscheinung , daß sie nur ihm unverwandt die Blicke ihrer Feueraugen nachsandte ; so bemerkte sie auch den Gruß des Markgrafen Friedrich von Brandenburg nicht , und nur Ursula verneigte sich vor ihm . Er ritt gleich hinter Max und trug einen kurzen Sammetrock , roth , grau und weiß getheilt , eben so die Aermel , darüber einen kurzen grauen Sammetmantel mit roth und goldener Stickerei . Seit er nicht hier gewesen , war das schöne Scheurl ' sche Haus neu entstanden , und er widmete ihm darum seine besondere Aufmerksamkeit . So hatte Elisabeth auch für die andern Ritter und Herren kein Auge , die im Gefolge des Königs waren , obwohl jetzt um so mehr aller Blicke auf ihr ruhten , seit sie dessen Huldigung in so auffallender Weise empfangen und allerdings in gleich auffallender Weise herausgefordert . Unter diesen Rittern befand sich einer ganz in schwarzen Sammet mit Silberstickerei gekleidet , den es nicht minder als Markgraf Friedrich zu verdrießen schien , daß Elisabeth ihn nicht gewahrte . Sein Gesicht sah ziemlich bleich und wüst aus , und in seinen dunklen Augen schien ein unheimliches Feuer zu drohen . Einen solch ' unheimlichen Eindruck machte er überhaupt auf Ursula . Zu ihr sagte Elisabeth , als Alles vorüber war : » Ursula ! das ist der einzige schöne Mann , den ich je gesehen - er verdient es zu herrschen ! - Das war seit langem der erste glückliche Augenblick ! « Elisabeth ' s ganzes Wesen war in solcher Aufregung , daß Ursula sie erstaunt betrachtete ; aber sie vermochte nicht weiter mit ihr zu sprechen , denn eben stürmte Stephan in das Zimmer , der eine günstige Gelegenheit gefunden , sich aus dem Getümmel fortzuschleichen , da er der Versuchung nicht widerstehen konnte , sich wenigstens auf Augenblicke der holdseligen Geliebten zu nähern . Siebentes Capitel Auf der Hallerwiese An dem Tage , an welchem König Max angekommen , ward auf der Hallerwiese von den Bürgern ein großes Büchsenschießen gehalten , zu dem man ihn eingeladen . Ein großes kostbares Zelt war für ihn und Markgraf Friedrich wie die begleitende Ritterschaft aufgeschlagen worden . Zu beiden Seiten desselben befanden sich die größern Zelte des Rathes und der Familien der » Genannten « . Ringsum hatten die Zünfte ihre Fahnen aufgesteckt , die stolz und lustig über den Platz hin wehten , in dessen Mitte eine zahllose Menschenmenge sich bewegte und auf die mannigfaltigste Weise ergötzte . Immer aber war König Max der Mittelpunkt des Festes . Auch noch ehe er selbst auf der Wiese erschienen war , hörte man doch nur von ihm allein erzählen und Bemerkungen über ihn machen , die nur zu seinem Lobe waren , selbst von denen , die sich sonst noch wenig um ihn gekümmert oder von ihm erwartet hatten . Das war bei den guten Nürnbergern doch nur so lange der Fall gewesen , als er sich nicht um Nürnberg kümmerte : nun aber war er ja gekommen , nun hatten sie ihn in ihrer Mitte , nun war er auch gut nürnbergisch , und die ritterliche und leutselige Art seines Wesens verstärkte nun den günstigen Eindruck , den sein Kommen schon an sich hervorgerufen . So sagte Peter Vischer , der Rothgießer , der heute auch nicht in der Arbeitsschürze , sondern im Sonntagsrock erschien , zu seinen Begleitern , unter denen er der jüngste war : » Ja , das ist ein Kaiser , der noch mehr gelernt hat , als die Waffen führen und schöne Reden auf den Reichstagen halten . Der versteht seine Waffen nicht blos zu schwingen wie ein Fechtmeister , seine Stücke nicht nur zu richten und abzuschießen wie der beste Büchsenmeister , sondern würde zur Noth auch seine Schwerter und Lanzen , Helme und Panzer selber fertigen und seine Stücke selber gießen können ; denn in seiner Jugend hat er die Plattnerei und Harnischmeisterei , die Geschütz- und Lagerkunst lernen müssen , als sei er selbst zum Handwerker berufen . « » Ja , « stimmte der Steinmetz Adam Kraft bei , ein schon etwas älterer Mann mit klugen Augen unter der breiten Stirn , Haar und Bart von Natur gekräuselt ; » die Steinmetzerei und Zimmerei hat er auch gelernt , und ist so absonderlich für die Baukunst eingenommen , daß er sogar selbst ein Baubruder geworden . Noch kein so großer Potentat hat das bisher gethan . « Wenn Meister Kraft so viel sprach , so war es ein Zeichen , daß es ihm sehr von Herzen ging , denn er war immer ein Mann von wenig Worten , kurz angebunden , und konnte es nicht leiden , wenn von irgend einer Sache viel gesprochen ward . Darum sagte auch der Bildschnitzer Veit Stoß , ein Pole , der erst im kräftigsten Mannesalter von Krakau nach Nürnberg gezogen war , weil man da seine Kunst besser als in seiner Heimath zu schätzen verstand : » Ei , wenn Meister Kraft einmal so in Eifer geräth , da muß es freilich etwas Großes sein . « Und der vierte Gefährte , Sebastian Lindenast , ein kunstreicher Kupferschmied , bemerkte : Ja , wenn ich König Max früher gesehen , hätte ich wohl ihn noch lieber als den Kaiser Karl IV. in Kupfer konterfeien mögen . « » Ach , Ihr meint bei dem zierlichen Männleinlaufen zu der Uhr des Meisters Georg Heuß , dem Ihr die Männlein so schön in Kupfer getrieben habt , « sagte Peter Vischer . » Ich meine , es wird dem König absonderlichen Spaß machen , wenn er das zum ersten Male sieht . Ich wollte , Ihr selbst und Meister Heuß wäret dabei , wenn man den Kaiser vor den Thurm der Liebfrauenkirche führt und ihn nun bittet aufzupassen . Der wird nicht wenig schauen , wenn eine Stunde um ist , und Kaiser Karl tritt heraus , dann die sieben umgehenden Kurfürsten , dann der Ehrenhold , die vier Posauner , und endlich die zwei Männlein , davon das eine läutet und das andere die Uhr umwendet . « » Freilich mußte es Kaiser Karl IV. sein , « sagte Lindenast , » da er es war , der dies Gotteshaus Unserer lieben Frauen Saal gestiftet . War er doch auch ein großer Freund der Kunst , wenn schon sein Geschmack sich zuweilen von der guten deutschen Art entfernte , das italienische und antikische Wesen begünstigte . « » Nun , wer weiß , ob ihm das Vischer nicht nachmachen will , « lächelte Kraft , » er will ja auch nach Italien gehen . « » Ja , dahin zieht es mich nun einmal , « gestand dieser ; » man muß sich in der Welt umsehen , wenn man was Tüchtiges lernen will , und gerade dahin gehen , wo es auch große Werke und Künstler giebt , damit man sich nicht einbildet , man leiste schon was Rechtes . Ich habe nur noch gezögert , um den König hier nicht zu versäumen , dann mache ich mich gleich auf die Wanderschaft . Aber um wieder auf Euer Männleinlaufen zu kommen : es ist schade , daß die Figuren kupfern und nicht versilbert oder vergoldet sind . Wenn dem König Euer Werk gefällt , so riethe ich Euch das Eisen zu schmieden , weil es warm ist , und den König um ein Privilegium zu bitten , Eure Arbeiten künftig versilbern und vergolden zu dürfen , wenn es Euch beliebte . « » Ich habe auch schon daran gedacht , « sagte Lindenast . Indeß ward dies Gespräch durch lautes Vivatjauchzen unterbrochen , denn der König Max , von seinem von ihm unzertrennlichen Hofnarren , dem Markgrafen Friedrich und vielen Rittern begleitet , war gekommen . Aber er weilte nicht lange in dem für ihn bereiteten Zelte , sondern mischte sich unter die Büchsenschützen und schoß mit ihnen um die Wette , als gehöre er mit zu ihrem Verein . Da war nun unter dieser wieder Keiner , der nicht darauf geschworen hätte : das sei der trefflichste Fürst , der je auf den Kaiserstuhl zu Rense gesetzt worden . Freilich am ärgsten fast trieben es die Frauen und Mädchen , die einfachen Bürgerinnen so gut wie die vornehmen Patrizierinnen . Er grüßte jene wie diese , und während die ersteren den Kreis der Schießenden umdrängten , in deren Mitte sich der König befand , kamen auch die letzteren , die sich sonst immer abgesondert hielten , aus ihren Zelten hervor . Sie konnten ja heute einmal eine Ausnahme machen , und wenn der König selbst sich unter die zünftigen Bürger und den gemeinen Haufen mischte , so geschah auch ihrer Ehre kein Abbruch , wenn sie das Gleiche thaten . Herr Christoph Scheurl ließ es sich diesmal nicht nehmen , selbst den Cavalier seiner Gemahlin zu machen . Er wußte , er werde so am ersten von den hohen Personen und dem Könige bemerkt werden - und daran lag ihm Alles . Denn zu den Dingen , um die er Hans von Tucher beneidete , gehörte auch , daß derselbe in den Adelstand erhoben worden war und ein adeliges Wappen führen durfte . Danach gelüstete Scheurl , und er trachtete nach jeder Gelegenheit , die ihm eine Möglichkeit verschaffen könnte , auch zum Ritterschlag zu gelangen . Um sich hervorzuthun , hatte er sein Haus so schön schmücken lassen , und auf die seiner Gemahlin widerfahrene Huldigung war er nicht minder stolz als diese selbst , ja er war entzückt über ihren Einfall , den König mit Blumen zu werfen , obwohl es genug seiner Collegen gab , die ihn darum gegen seine Ehegattin aufhetzen wollten , oder ihm wenigstens ihr Betragen mit zweideutigen Späßen entgelten ließen . Auf Alles , was man ihm in dieser Weise sagen mochte , erklärte er lächelnd : daß ihm solche Reden nur zeigten , wie sehr man ihn beneide die schönste Frau zu besitzen , und er ging heute mit um so größerem Stolz an ihrer Seite , und obwohl sie sich sonst des Tages oft mehrere Male umzukleiden pflegte , so billigte er es , daß sie gerade heute es nicht gethan - in derselben Tracht werde der König sie um so eher wieder erkennen und vielleicht einige freundliche Worte an sie richten . Stolzer als je strahlte auch Elisabeth selbst in ihrer gebietenden Schönheit , als sie so über die Wiese ging , die lange Schleppe hinter sich herziehend , umflattert vom wehenden Schleier . Aber wenn unwillkürlich die Blicke aller Männer an ihr haften blieben und sie doch mehr bewunderten als bespöttelten , so war das umgekehrt mit den Frauen , wenigstens bei dem größeren Theil der ihr ebenbürtigen Patrizierinnen . Die ließen sich hinter ihrem Rücken in vielen spöttischen und anzüglichen Reden vernehmen , und suchten sie unter sich um so tiefer zu erniedrigen , als sie sich selbst über diese ungebildeteren , kleinlichen und engherzigen Frauen erhaben fühlte . Am spitzigsten lauteten die Bemerkungen , die aus dem Munde Katharina Haller ' s kamen , der Gattin des Bürgermeisters Wilhelm Haller und einer Tochter des Loosungers Holzschuher . Vor länger als einem Jahrzehent hatte sie zu den gefeiertsten Schönheiten Nürnbergs gehört , und es war ihr jetzt unerträglich , diesen Platz Anderen überlassen zu müssen . Ohne den Adel eines geistigen Ausdruckes hatte ihre Schönheit zu jenem gewöhnlichen Typus gehört , der nur durch Frische und Fülle der Jugend Reiz erhält - dies Alles war jetzt verschwunden , und hatte sie früher schon auf prüfendere Beschauer auch in ihrer Blüthezeit nur einen gewöhnlichen Eindruck gemacht , so machte sie jetzt , da jene vorüber war , auf Alle einen gemeinen . Ihre sonst eitel lächelnden Gesichtszüge erschienen jetzt von Neid und Bitterkeit verzerrt , aus ihren großen Augen meinte man giftige Pfeile fliegen zu sehen , und ihre Lippen schienen sich nie anders wie zu hämischen Bemerkungen öffnen zu können . Ihre Formen waren eckig geworden , wie alle ihre Bewegungen , und ihre lange knochige Gestalt bemühte sich vergeblich eine würdevolle Haltung zu behaupten , es ward nur die einer steifen Gravität daraus . Ihre Kleidung war eben so kostbar wie die Elisabeth ' s , aber während diese dieselbe sinnig und geschmackvoll wählte und so reizend zu ordnen mußte , daß die Pracht derselben immer mit ihrer ganzen Erscheinung harmonirte und auch dem feinsten Schönheitssinne Rechnung trug , immer vielmehr ihrem eigenen idealen Geschmack als der gerade herrschenden Mode und Sitte folgte , so band sich Katharina Haller streng an diese , nur daß sie durch Ueberladung ihren Reichthum zu zeigen suchte . Dem entsprechend waren jetzt ihre Bemerkungen gegen ihre Begleiter über Elisabeth und zum Theil von einer nicht wiederzugebenden Gemeinheit . » Was dünkt sie sich denn Besseres als wir , daß sie meint , sie allein könne sich Alles erlauben ? Sie hätte sollen darüber zur Rechenschaft gezogen werden , daß sie sich heute unterstand nach seiner Majestät mit Blumen zu werfen und das Pferd scheu zu machen , daß es bald ein Unglück gegeben hätte ; aber Alles muß ihr für voll ausgehen , es mag so unschicklich sein wie es will ! Seht nur - sie drängt sich mit ihrem Manne gewiß noch bis zum Könige . Ich wollte , er kehrte ihr den Rücken oder sagte ihr etwas recht Demüthigendes . « » Das ist leider von dem ritterlichen Könige nicht zu erwarten , « sagte die andere Patrizierin , Eleonore Tucher , eine Schwägerin Stephan ' s ; » mein Mann sagt , daß König Max ein Verehrer der Frauen ist , und man müßte nicht wissen , wie die Männer sind , auf dem Thron so gut wie anderswo , sie lassen sich am leichtesten von denen fangen , die ihnen mit freiem Betragen entgegenkommen . Da ist eher zu hoffen , daß sein Hofnarr ihr etwas Demüthigendes sagt . « » Wenn man nur an ihn kommen könnte , « sagte Frau Haller , » denn wenn es ihr wieder gelingt , von diesem edlen König ausgezeichnet zu werden , wie sie es von dem alten Kaiser ward , als er das letzte Mal hier war und sie aufforderte , den Celtes öffentlich zu krönen , so wird ihr der Kamm immer noch höher schwellen . « » Ach ja , « sagte Eleonore etwas boshaft ; » ich erinnere mich , sie saß damals gerade neben Euch , und blieb erst sitzen , ohne sich zu rühren , indeß Ihr schon aufstandet , als der Bote des Kaisers kam sie abzurufen . « Katharina hätte bei dieser Erinnerung vor Aerger bersten mögen , denn daß damals nicht sie , sondern Elisabeth zu der Krönung des Dichters hervorgerufen ward , war die Hauptursache ihres Neides und Hasses . Aber sie erwiderte Nichts , denn eben steigerten sich diese Empfindungen zum höchsten Grad , als sie gewahrte , wie König Max aus dem Kreise der Schützen trat und einem seiner ritterlichen Begleiter winkte , und dieser darauf Christoph Scheurl und seine Gemahlin vor den König führte , sie ihm vorzustellen . Verstand die Entferntstehendere auch nicht , was er sprach , so sah sie doch an seinen huldvollen Mienen , die fast mehr bewundernd als gnädig auf Elisabeth ruhten , an ihrem mehrfachen Verneigen , zartem Erröthen und dem Lächeln des Triumphes , das ihr ganzes Antlitz verklärte , daß es nur Schmeichelhaftes sein konnte . Jetzt trat auch der lustige Rath hinzu , und obwohl Elisabeth vor seinen Worten die Augen niederschlug , so zeigte doch das beifälligstolze Lächeln ihres Gemahls , daß in dem Sprüchlein des Narren nur ein cynischer Scherz die für sie darin enthaltene Huldigung begleitet hatte , wofür ihm Max lächelnd mit dem Finger drohte und Elisabeth bat , seinem getreuen Bruder die Freiheit der Rede nicht übel zu deuten , die er selbst sich müsse gefallen lassen ; worauf der Narr mit komischer Geberde Abbitte that , bis ihm Elisabeth die Hand reichte , die er demuthvoll küßte . Katharina stand stumm und sprachlos vor Wuth , während Eleonore ihren Gatten Anton Tucher in der Nähe Scheurl ' s gewahrte und sich zu ihm durchzudrängen suchte , um wenigstens auch der Ehre der Vorstellung theilhaftig zu werden , was ihr denn auch gelang , aber ohne daß der König sich weiter mit ihr unterhalten hätte , sondern Anton nach seinem Vater fragte , der auch zur Stelle war und seinerseits nun wieder seinen Sohn Stephan vorstellte . Indeß war der Markgraf von Brandenburg zu Elisabeth getreten und sagte : » Es gelang mir heute nicht einen Gruß von Euch zu erhalten , als ich an Euch vorüberritt , und als getreuer Vasall begnügte ich mich zu Gunsten Seiner Majestät darauf zu verzichten . « » Verzeiht , edler Fürst , « unterbrach sie ihn ; » ich war von der Verwirrung , die ich durch meine Unbesonnenheit beinahe angerichtet , so bestürzt , daß es wie ein Flor vor meine Augen sank . « » Nun , « lächelte der Markgraf , » diese Entschuldigung will ich unsern Rittern vermelden , die mit mir in gleicher Lage waren , und von denen Einer sich nicht so leicht beruhigen wird . « Elisabeth sah ihn verwundert fragend an , und der Markgraf fuhr fort : » Ich vermeine wohl die schöne Jungfrau Behaim wieder zu erkennen , die vor zwei Jahren den Konrad Celtes krönte - doch wußte ich nicht , daß es die Hausfrau Scheurl ' s war , die in dessen zierlichem Hause thronte gleich einer Feenkönigin . So waret Ihr es doch überdrüssig , nur die spröde Muse eines Poeten zu sein , und ich sehe Euch als gute deutsche Hausfrau wieder ? « Warum mußte Markgraf Friedrich , wenn auch vielleicht unwissend , Elisabeth gerade in dem Augenblicke so durch seine Anspielungen demüthigen , wo sie sich durch die Huld des ritterlichen Königs einmal wieder erhoben fühlte und ihr Herz in stolzer Begeisterung schlug ? Ihre ganze Seelenstärke gehörte dazu , um ihre Bewegung zu verbergen , so daß sie ruhig sagen konnte : » Ihr seid sehr gütig , mich so in Eurem Gedächtniß behalten zu haben ; es war ein großer Kummer für die Meinigen und meinen Gemahl , daß wir uns die Ehre Eurer Gegenwart nicht zu meiner Hochzeit erbitten durften , da ihr fern von uns in den Niederlanden weiltet . « » Nun , « lächelte der Markgraf , » es findet sich wohl eine andere Gelegenheit , von Euch zu einem Familienfeste geladen zu werden ; wie ich Euch aus der Taufe hob , war ich freilich noch ein junger Mann , doch denk ' ich auch jetzt noch einen stattlichen Taufzeugen abgeben zu können . « Obwohl damals solche Scherze sehr an der Tagesordnung waren bei Vornehmen wie Geringen , erröthete Elisabeth doch unwillig , und da sie eben jetzt Ursula gewahrte , die verlegen zur Seite stand , weil sie sich unter den Augen der ganzen Familie Tucher befand , und deshalb um so weniger wagte mit Stephan Wort und Blick zu wechseln , so nahm sie Elisabeth bei der Hand und sagte : » Vielleicht erinnert Ihr Euch noch meiner lieben Freundin Jungfrau Ursula Muffel ? « » Wenigstens von diesem Morgen , « antwortete der Markgraf , » denn von dieser holden Jungfrau fand mein Gruß Erwiederung . Wo ist Herr Gabriel , Euer Vater ? Mich dünkt , ich sah ihn noch nicht . « » Dort steht er - « sagte Ursula auf ihn deutend . Und Elisabeth flüsterte leiser zu dem Markgrafen : » Ich empfehle ihn Eurer besonderen Gnade und werde Euch das Weitere schon noch erklären . « Nachdem sie die Beiden einander genähert und mit feinem Takt eine Unterredung zwischen ihnen eingeleitet , nahm sie Ursula ' s Arm und sagte : » Mir wird so heiß und enge in dem Menschengewühl , lass ' uns