jungen Baronesse Portiuncula , die Jérôme heirathen sollte , wieder der Zorn gemischt auf jenen » Deichgrafen « . Man sah , aus den heftigen Rügen über diesen Acker , jene Hecke oder Anpflanzung , überall die Schöpfungen dieses Mannes , der seit einer langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigste befreundet gewesen , jetzt aber , wie sein Sohn mit dem Kammerherrn , in Bruch gekommen war . Der Kammerherr suchte die Neigung seines Vaters zu gewinnen durch beständiges Schüren dieses Hasses , durch Uebertreibungen und Flüche , die die des Vaters zuweilen noch an Kraft und Umfang übertrafen . Zwei verwöhnte , durch ihren Namen und Besitz sich für unantastbar haltende Männer scheuten sich nicht , dem Deichgrafen im Geiste bald die Peitsche zu geben , bald sämmtliche Hunde ihrer Förster auf ihn zu hetzen . Lucinde erfuhr jetzt , daß der Generalpachter Klingsohr den altüblichen Namen eines Deichgrafen von einer frühern Anstellung bei den Deichen der hannoverischen Niederelbe führte , dort die Bekanntschaft des zuweilen nach seinen mecklenburgischen und holsteinischen Gütern durchreisenden Freiherrn machte und von diesem bereits vor beinahe dreißig Jahren in diese Gegend als sein Pachter berufen worden war . Lange hätten sie in dieser Lage freundschaftlich verkehrt , sogar die Söhne des Freiherrn und des Deichgrafen wären zusammen aufgewachsen und erzogen worden , der Kammerherr hätte mit Heinrich Klingsohr , dem jetzigen Doctor , in Göttingen studirt und bei alledem war eine Feindschaft ausgebrochen , wo einer denn doch noch , wie der Kronsyndikus sagte , » dran glauben « würde . Die Ursache dieser Feindschaft lag in einer neuern Ernennung des Deichgrafen . Der alte Klingsohr , der sich als großer Pachter im landwirthschaftlichen Verein , ja als Kenner der Volkszustände auf dem Provinziallandtage einen Namen gemacht hatte , war Commissar der Regulirung bäuerlicher und grundherrlicher Verhältnisse geworden . Erst jetzt wurden in dieser Gegend die letzten Reste der Leibeigenschaft aufgehoben . Die Regierung bestimmte Theilungscommissare , denen sie ihr Vertrauen schenkte , um jedes streitige Recht zwischen Bauern und Grundherren , zwischen den Gemeinden und Einzelpersonen zu prüfen und schließlich nach bester Ueberzeugung die Ablösungen zu schätzen . Man konnte nicht bemessen , daß ein Macchiavellismus darin lag , zu einem unter Umständen so unpopulären , ja gefährlichen , der Bestechung wie der Anfeindung ausgesetzten Posten einen Oppositionsmann zu wählen . Im Gegentheil ließ sich annehmen , daß gerade in der gesunden , offenen und ehrlichen Politik des Deichgrafen , die der Regierung schon viel zu schaffen gemacht hatte , eine Bürgschaft gefunden wurde für die Gerechtigkeit , mit der er sich seinem schwierigen Amt unterziehen würde . Er kannte die Gegend seit beinahe dreißig Jahren , hatte die Interessen derselben mannichfach studirt und war unstreitig der geeignetste , der die Unparteilichkeit einer so wichtigen Procedur verbürgte . Lucinde gewann diese Einsicht in ihr keineswegs fremde Verhältnisse vollständig erst von ihrem Pavillon im Schloßpark zu Neuhof aus . Jetzt war es nach des Kronsyndikus Meinung eine teuflische , höllenmäßige und bis an die Throne diesseits und jenseits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen , auf seinem neuen Posten fortwährend seinem Pachtgeber , langjährigen alten Freunde , ja Wohlthäter , wie er sagte , in fast allen streitigen Fragen Unrecht zu geben , ihm Rechte zu entziehen auf Wald und Flur , die er seit Urgedenken besessen haben wollte , die Summen , die er von seinen frühern Lehnsassen zu empfangen , gering , die aber , die er selbst an die Gemeinden zu zahlen hätte , hoch anzuschlagen . Durch diese nun schon seit zwei Jahren dauernde Ablösung , die den Deichgrafen zum Wohlthäter des ganzen Kreises machte , waren beide in Streitigkeiten gerathen , die leicht auf Thätlichkeiten übergehen konnten , denn auch der alte Klingsohr war , wie Lucinden aus dem plattdeutschen Examen , das der Kronsyndikus bald mit Postillonen , bald mit Gensdarmen über » etwa Vorgefallenes « oder Vorkommnisse des Feldbaues anstellte , vernehmlich wurde , eine heftige Natur , zäh und eigensinnig in seinen Ueberzeugungen . Der Pacht , der nur noch einige Jahre lief , war ihm vom Freiherrn gekündigt worden ... Und gib Acht , Jérôme , schloß der Vater in seinen Anklagen , wir werden erleben , daß er uns noch allen als Zuchtruthe gesetzt wird , denn Enckefuß will und muß versetzt werden ! Geschieht das , so kauft sich Klingsohr ein Eigenthum , läßt sich wählen , und unter den drei Candidaten angesessener Bewohner des Kreises , die wir vorzuschlagen das Recht haben , wird von oben her kein anderer zum Landrath gewählt werden als der erprobte Herr Theilungscommissar ! Lucinde hörte allen diesen Gesprächen mit der Erwartung zu , im Verlauf derselben würde vielleicht der Name der Schreckgestalt , der Mäusefängerin und Giftpfeilbesitzerin genannt werden . Doch war der Umfang an Lebensbezügen und Erinnerungen des Kronsyndikus so außerordentlich groß , daß er unausgesetzt Neues aufs Tapet brachte und zum Alten , wo es nicht den Deichgrafen betraf , selten zurückkehrte . Der Kammerherr setzte dabei seinen gewohnten Unterricht Lucindens durch Erklärungen fort . Auseinandersetzen , erläutern , dociren war sein Steckenpferd . Fürsten , Grafen , Bischöfe und Erzbischöfe wurden dabei wie die gewöhnlichsten Menschen sogar einfach mit Vornamen genannt . Alles , was Lucinden bisher hoch und unerreichbar geschienen , zeigte sich ihr hier ganz menschlich und von den allgemeinen Leidenschaften aller beherrscht . Für ihre Bildung und Lebensauffassung mußte daraus , wie durch die Erfahrungen im Hause des Stadtamtmanns , sich mancherlei ergeben . Wer den ersten Blendzauber , den die Großen der Erde verbreiten , auszuhalten oder ihn allmählich in nächster Nähe erblinden zu sehen Gelegenheit gehabt hat , wird leicht für alle Lebensverhältnisse eine Entschlossenheit und Thatkraft bekommen , die vor keinem Ziel des Ehrgeizes mehr zurückschreckt . Schon lange , ehe man , langsam die sanft aufsteigenden Anhöhen zum Schlosse emporfahrend , an diesem angekommen war , hatte man zur Rechten den zwar noch laublosen , aber schon von Spatzen , Amseln , Goldammern belebten großen Park neben sich liegen . Die Umwandelung eines Waldes in diese regelrechte und kunstmäßige Zierlichkeit , mit zuweilen durchschimmernden Erlenbrückchen , kleinen von Hängeweiden bestandenen Inseln , künstlichen Felsgrotten , Wasserfällen , stammte schon aus dem vorigen Jahrhundert . Auch die erwähnten Pavillons mit Galerieen und chinesischen Dächern wurden sichtbar . Ein solcher , der auf der andern Seite lag und im untern Geschoß von einem alten Schloßdiener bewohnt wurde , sollte ganz für Lucinden eingerichtet werden , falls sie nicht vorn bei Vater und Sohn im Schlosse wohnte . Die sittlichen Vorstellungen des Kronsyndikus schienen von sogenannten Vorurtheilen völlig frei zu sein . Selbst wenn sein Sohn zu Lucinden in Verhältnissen gestanden hätte , in denen dieser nicht stand , würde er darüber mit Unbefangenheit gescherzt haben . Schloß Neuhof bot in seinem Hofe und in den Seitenbauten ein großes Oekonomiewesen . Den einen Theil seiner Besitzungen verwaltete der Freiherr selbst . Da gab es Ställe voll Rinder und Schafe , in der Ferne Ziegelöfen , eine Branntweinbrennerei , eine Brauerei , deren Grundstoffe und Erträge im beständigen Verkehr um das Schloß herum kamen und gingen und die nächsten Räumlichkeiten desselben so unschön wie möglich erscheinen ließen . Menschen umgaben den Besitzer von allerlei , aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm mußte man nur dienen , nur gehorchen ; Weisungen von andern anzunehmen war seine Sache nicht . Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um sich leiden mögen als Männer . Gleiches , Ebenbürtiges , Höheres , zu dem er aufblicken mußte , duldete seine hohe Meinung von sich selbst nicht . Seine tyrannische Art schlug mit einer Handbewegung um sich und scherzte mit der andern . Ihm kam nichts auch nur , wie er ' s zu nennen pflegte , » bis an den Nabel « . Er hatte immer recht , ob nun eine andere Fütterung für verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens für die Ziegelei beantragt wurde . Die Mägde , die Knechte , die Verwalter der vielen Zweige , in denen gearbeitet und Gewinn angestrebt wurde , alle standen in der Regel in den Fällen , wo ' s , wie er sagte , » auf Grütze im Kopf « ankam , » wie die Heuochsen « und waren die Dummköpfe selbst . Er nur wußte alles und entschied alles . Und dann , wenn Er den » rechten Zapfen « eingeschlagen hatte , Er » den Nagel auf den Kopf getroffen « , Er irgendeinmal » den Karren wieder aus dem D. geschoben « hatte , mußte alles den Kopf schütteln und ohne viel Worte gleichsam nur ein : » Aber man muß sagen , unser gnädigster Herr - « mit den Augen andeuten . Wer das verstand , traf den Ton , in dem er die Menschen mit sich verkehren haben wollte . Es war dann schon vorgekommen , daß er in solchen Fällen , wo Er allein » dem Ding auf die Beine geholfen « , die Börse zog und einen Thaler austheilte , nur damit sich die Ochsen , die Esel , die Rindviecher dafür , daß sie sich ihm gegenüber als solche bewährt und bekannt hatten , einen guten Tag machten . Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menschen eingeführt als eine durch Familienbekanntschaft Empfohlene , der das Land nützen und die wiederum auch dem Lande nützen sollte . Da der Kammerherr nicht aufhörte , seine Liebe mit einer niemand an sie heranlassenden Eifersucht zu schützen und seine Sorgfalt , Obhut und Zartheit gegen sie die gleiche blieb , so durchkreuzte er die Plane des Vaters , der nicht wenig Lust bezeugte , der Rival seines Sohnes zu werden . Lucinde wohnte im Schlosse selbst nur bis zu dem Tage , wo mit dem mächtig hereinbrechenden Frühling eine Menge benachbarter Adelsfamilien erschienen und sie in den für sie bestimmten Pavillon des Parks zog . In dieser Zeit der Besuche mußte sie sich vom Schlosse sogar ausdrücklich fern halten . Vom Pavillon aus beobachtete sie die vornehmen Gäste , die kamen und gingen . Liebliche junge Mädchen , auch Kinder umschwärmten einige Stunden lang , während der Hof sich mit Livreen füllte , einen Weiher im Park . Besonders anmuthig war eine Comtesse Paula von Dorste-Camphausen , eine zarte , schlank aufgewachsene und , wie es schien , kränkelnde Blondine mit langem goldenen Haar , kaum zwölf Jahre alt und schon zur Reife entwickelt . Ihre treueste Begleiterin war ein kleiner schwarzer Lockenkopf , den man Armgart von Hülleshoven nannte . Auch flüchtig sah Lucinde jene Portiuncula von Tüngel , aus dem Geschlecht der Tüngel-Appelhülsen , die in diesen Tagen und bei diesen Berathungen und Bewillkommnungen durchaus die Kammerherrin von Wittekind , die Gattin eines Geistesschwachen , werden sollte . Sie sah sie eines Tages wieder , als sich der Park plötzlich mit Menschen gefüllt hatte . Sie war nicht auf diese Ueberraschung gefaßt gewesen . Sie hatte sich in träumender und verdrießlicher Langeweile für sich allein in ihrem Pavillon geschmückt und mußte an den Parkweiher , weil der Kammerherr , wie sie von den alten Leuten , bei denen sie wohnte , erfuhr , ihr im Vogelhause alle ihre Nähapparate versteckt hatte . Dorthin wagte sie sich . Sie hatte sich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten schöngeformten Kahn , zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls überzogenes Ruder gehörte , an das in der Mitte befindliche Haus voll türkischer Enten , Tauben und Schwäne , die in drei Stockwerke vertheilt waren , hinrudern wollen , indem gerade die ganze Gesellschaft vom Schlosse kam . Alles eilte voll Staunen näher . Es war die phantastischste Ueberraschung , die man sehen konnte . Der Teich , der goldene Kahn , die schöne Schifferin ... Und der Kammerherr selbst konnte , da der Vater nicht sogleich in der Nähe war , dem Drange nicht widerstehen , der Welt seine wahre Liebe genauer zu zeigen . Lucinde erschrak und flüchtete sich in das Vogelhäuschen . Es bestätigte dieser Anblick die Sage , daß sich der Kammerherr Jérôme auf Schloß Neuhof ein Elfenkind hütete . Es folgte aber eine heftige Scene mit dem hinzukommenden Kronsyndikus . Die phantastische Schifferin stieg über den Lärmen in die Pagode hoch hinauf und kletterte bis an die obere Spitze , die in einem buntgemalten Taubenschlage endigte . Da flatterte es , als sie dort richtig ihr Nähzeug entdeckte , von allen Oeffnungen heraus , während der Kahn , den sie nicht befestigt hatte , inzwischen ans Ufer schwamm . Nun wollten die Herren der Gefangenen zu Hülfe eilen ; aber der Kronsyndikus machte dem Vorfall durch kurze und entschiedene Befehle ein Ende . Er kündigte auch die eben erfolgte Ankunft seines ältesten Sohnes an . Alles mußte jetzt den Park verlassen und den Regierungsrath von Wittekind begrüßen ... Lucinde bekam so die Freiheit . Bis die Bediente den Kahn zurückgerudert hatten zur Insel , saß sie unter den Tauben , die allmählich wiederkehrten , und konnte Betrachtungen anstellen über alles , was zwischen ihrem Taubenschlag auf dem geflickten Schindeldach in Langen-Nauenheim , dem Taubenschlag unter dem Küchenherd der Frau Hauptmännin und dem hier auf der chinesischen Pagode im Park von Schloß Neuhof für sie an Erlebnissen in der Mitte lag . 11. Schon war für Lucindens Ehrgeiz eine Zurücksetzung , wie sie sie jetzt erlebte , wenig geeignet . Manchmal , wenn sie bei offenem Fenster in ihrem Pavillon saß , war es ihr , als wenn sie sich in der That doch nur eine aufs Land hin vermiethete Nähterin erschien . Sie saß und besserte wirklich nur Wäsche aus . Es war allerdings ihre eigene . Sie hatte um ihre Schwester fortgesetzt noch Trauer anlegen wollen und begehrte neue schwarze Kleider ; der Kronsyndikus hatte sie ihr abgeschlagen , da der Anblick seinen Augen nicht wohlthäte , eine Aeußerung , die sie den alten Leuten wiederholte , bei denen sie wohnte , und die von diesen mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde ... Ueberhaupt fiel ihr der Druck , unter dem hier auf dem Schlosse und in seiner nächsten Umgebung alles lebte , immermehr auf . Ja , sie selbst empfand ihn schon . Als sie wegen der verweigerten Garderobe wollte zu schmollen anfangen , rief der Kronsyndikus ein so starkes und drohendes Halloh ! daß sie erbebte und diesen Ruf , dies Zusammenziehen der gelbweißen buschigen Augenbrauen nie wieder heraufbeschwören mochte . Während auf dem Schlosse eines Tages wieder eine glänzende Gasterei stattfand , trieb es Lucindens Ungeduld und verletzte Eitelkeit ins Freie . Hinter dem Park gab es erst ein Feld und eine Reihe von Obstbäumen zu durchstreifen , dann öffnete sich ein grüner Grund , und tief hinab ging in allmählicher Abdachung eine enge Bergspalte , die sich erweiterte zum schattenreichsten Waldesgrün , wieder dann enger wurde und sich so in gleicher Abwechselung fortzog bis zur Ebene hin , aus der zunächst die Thürme eines Franciscanerklosters , Himmelpfort genannt , herübersahen , dann die des Stifts Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn . In diesem Einschnitt zwischen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes . Im Winter mußte diese Spalte mit Schnee überfüllt sein . Auch jetzt im Frühjahr , wo überall der Boden schon trocken , glänzte hier noch alles feucht . Von den Felswänden tropfte es zwischen Moos und Farrnkräutern hin . Ein Bächlein bildete sich unversehens . Es rieselte unter Haselnußbusch und Schlehdorn über ein verworren steiniges Bett . Mancher Felsblock schien den Lauf des Bächleins ganz zu versperren , doch plötzlich brach es irgendwo mit stiller , sich gleichbleibender Stärke wieder hervor . Dann aber wurde die Spalte weiter , die Bäume wurden höher und höher , Tannen ragten mit geradlinigem Wuchse , tiefer ab kamen Eichen , die von einer kurzen Strecke des weißesten Sandes , dann Buchen , die von kurzem Grase umgeben waren . Querdurch gingen Fußwege von da und dorther und zuletzt ein schmaler Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine riesige Gruppe uralter Eichenstämme , die man den » Düstern Bruch « oder den Düsternbrook nannte . Von hier aus konnte man bequem wieder die Seitenwände des Grundes emporklimmen und kam dann wieder in der Hochebene an , wo über grünen Saaten die Lerchen stiegen und die Gegend sich hinzog , so gleichförmig , so eben als wenn dieser Grund gar nicht vorhanden war . Und doch führte er allein , wie die große Hauptstraße , die vorm Schlosse vorbeiging , auf das allgemeine Niveau des Landes zurück . Ueber dem fernen Tiefland lag das Schloß wol gegen tausend Fuß hoch . Fünf Regierungen besaßen hier Enclaven ; nur nach Westen zu gehörte alles ausschließlich jener Krone , in deren Diensten der älteste Sohn des Freiherrn , der Regierungsrath , stand und sein , wie es schien , einziger nächster Freund , der Landrath , ehemalige Husarenrittmeister von Enckefuß , gewöhnlich » der schöne Enckefuß « genannt . Vor der stechenden Nachmittagssonne boten die Schatten des Düsternbrook heute den erquickendsten Schutz . Es rieselten zwar noch die kaum geschmolzenen Schneereste , die sich in den Felsspalten festgefroren hatten , jeder Schritt war glatt und gefahrvoll ; aber Lucinde hielt sich an den schon allmählich ihr Laub treibenden Büschen und suchte das von würzigen Kräutern duftende niedere Thal zu gewinnen . Belebt war es von allem , was nur in den ersten Frühlingstagen auf den Bäumen mit Gurgeln , Zwitschern , Schnabelwetzen der allernärrischsten Art wieder die Wonne erprobt , sich von dem Nochvorhandensein seiner alten Stimmittel überzeugen zu können . Lucindens Sinn ging dabei brütend auf irgendeinen zu fassenden Entschluß . So wie sie jetzt da war , den runden Strohhut mit schwarzem Band in der Hand , in die Weite zu gehen und gar nicht zurückzukehren , war noch das Leichteste , was sich ausführen ließ gegen eine Lage , in deren Erwartungen und Aussichten sie sich betrogen hatte . Daß ihr Sinn Gedanken der Rache nicht unzugänglich war , wissen wir . Düster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen , manche rasch gebrochene Blüte zerriß , ja zerbiß sie , manches junge , kaum ganz entrollte Blatt zerkaute sie , so bitter es schmeckte ... Immermehr gerieth sie in einen Zorn , wo die bei dunkeln Augen eigenthümlich schon vorhandene leichte Entzündlichkeit der obern Wangen sich immermehr steigerte und den heißen Lichtern noch dunklere Schatten gab . Vom Düsternbrook her störte sie jetzt Geräusch . Bald waren es Axtschläge , bald der gleichmäßig klingende Ton einer Säge . Als sie näher kam , bemerkte sie einen Arbeiter vom Schloßhof . Sie neckte sich zuweilen mit ihm . Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her , ein gelernter Küfer , der auch für die Brauerei , Brennerei und die Milchwirthschaft des Kronsyndikus mit Fleiß und Geschick große Gefäße baute , Bottiche von gewaltigem Umfang , Tonnen in allen Größen . Rüstig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und zog sich seine Hülfsgesellen selbst ; er hieß Stephan Lengenich und war landeinwärts einer der eifrigsten Kirchenbesucher . Auf dem Schlosse selbst gab es eine Kapelle , doch wurde in ihr nie die Messe gelesen , obgleich der Kronsyndikus von sieben Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst Patronatsherr war . Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fuß und duldete auch z.B. nie , daß die Franciscaner Schloß Neuhof betraten , eine Maßregel , die durch die Auslegung der Polizeigesetze über das Terminiren der Bettelorden von seinem Freunde , dem Landrath , dem » schönen Enckefuß « , nach Kräften unterstützt wurde . Ei , Herr Lengenich ! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden , nicht starken Stimme ; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius umgehauen ? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint und Ihnen was anthut ! Stephan Lengenich sah auf und meinte in der That : Machen Sie keine Scherze , Mamsell Schwarz ! Aber es muß ja sein ! Die alten Fässer faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite ... ' S ist recht , sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig sichern Art , die den ihr geläufigen Volkston jetzt schon mit Bewußtsein festhalten konnte , s ' ist recht ! Man soll nicht neuen Most gießen auf alte Schläuche ! Stephan Lengenich horchte ... Lucinde zeigte , daß sie eine Schulmeisterstochter war , auch ein Jahr bei einem Pfarrer gelebt hatte , und fuhr weiterschreitend mit künstlichem Pathos fort : Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche , denn der Lappen reißet doch wieder vom Kleide und der Riß wird ärger . Adjes , Stephan ! Betet ihr einmal ein Ave Maria für eine andere arme Seele als die der Lisabeth , so schließt auch unsereins ein ! Damit ging sie , ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten , den sie an ein allbekanntes Verhältniß mit der ersten Beschließerin des Hofes erinnert hatte . Lucinde schlug den kürzern Weg jetzt wieder zur Anhöhe ein . Es war ein steilerer , aber von Steinen unterstützter Pfad , der zur obern Anhöhe der Schlucht führte . Sie war auf der Hälfte dieses etwas mühseligen Weges , als sie hinter sich laut reden hörte . Sie wandte sich und sah , daß Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen in einem lebhaften Gespräch begriffen war . Widerhallte so schon in dieser Stille an den Bergwänden jedes gesprochene Wort , wie viel mehr noch ein Zank , der allmählich heftiger geführt wurde . Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammetkittel , weiten Sommerbeinkleidern und einem grauen , mit einem Zweig geschmückten Hut konnte von ihr nicht im Gesicht betrachtet werden , da der Sprecher rückwärts stand . Aber der Stimme nach war es ein junger Mann , nicht , wie sie im ersten Schreck über den Lärm vermuthet hatte , der Deichgraf selbst , der als Theilungscommissar , wie sie wußte , über den Düsternbrook und die dortige Baumfällberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit war . Hat es der Freiherr befohlen ? Ausdrücklich befohlen ? fragte der Hinzugekommene mit heftiger Entrüstung . Guten Morgen ! war Stephan Lengenich ' s Antwort , während er weiter sägte . Gestern noch stand die Eiche ! Das muß erst die Nacht geschehen sein ! Sie haben keinen Auftrag dazu gehabt ! Guten Morgen ! sagte der Küfer und sägte weiter . Will man uns mit Gewalt aufs Aeußerste bringen ? Antwort ! Red ' Er ! Herr ! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den rothen Strich einer Mütze , die er trug , womit er andeuten wollte , daß man einen noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete . Sich aber beruhigend , fügte er dann weiter arbeitend spöttisch hinzu : Guten Morgen ! Vom Düsternbrook gehört nicht eine Eichel der Herrschaft ! Es ist Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch , der nicht fortbestehen kann ! Nicht eine Eichel ? Suchen Sie hier Eicheln ? Stephan Lengenich sprach diese Anzüglichkeit auf Thiere , die man mit Eicheln füttert , ganz im boshaften Geiste seiner Herrschaft . Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief : Kerl ! Dann besann er sich wol auf den ungleichen Kampf und sagte sich langsam entfernend : Nehmt euch vor meinem Vater in Acht ! Er legt nächstens den Grenzstein und dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wissen ! Damit schritt er , verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters , langsam weiter . Bei der Gewißheit , endlich des mehrfach besprochenen frühern Freundes und Studiengenossen des Kammerherrn , der durch eine Abhandlung über das sogenannte Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war , ansichtig zu werden , wandte sich Lucinde , ihn doch nun auch deutlicher zu sehen . Dabei glitt einer der Steine aus , die sonst das Aufsteigen erleichterten . Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors , wie er gewöhnlich im Gespräch auf Neuhof genannt wurde . Auch er wandte sich und bemerkte die Nähe eines jungen , in dieser einsamen Umgebung überraschend auftauchenden Mädchens . Er zog den breiten Krempenhut und grüßte . Beide schritten weiter , er den Weg , den sie eben zurückgelegt , den Grund hinauf , sie den parallelen , aber oben auf der Hochebene . Sie hatte den Eindruck keines schönen Mannes empfangen . Der Doctor mochte wenig über einige Zwanzig zählen , hatte aber schon das Ansehen eines Dreißigers . Der Kopf war ausdrucksvoll , aber das kurzlockige , etwas röthliche Haar war an den Schläfen und der Stirn schon ausgegangen . Der Bart war gepflegter , aber noch röther als das Haar . Er hing über Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten ; und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn , ja sogar auf der Nase , Schmarren , deren Ursprung sie gleich hinzubringen wußte . Nach den Erzählungen des Kammerherrn waren es Duellnarben . Die Tracht des Doctors war die leichteste ; kaum daß um den magern Hals ein dünnes Tuch gelegt war . Die Brust stand fast offen . Handschuhe fehlten ganz . Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in der Residenz einen Abscheu vor allen Stutzern und geschniegelten Männern . Viel Aeußerlichkeit war überhaupt bei den Herren nicht Sitte , die auf Schloß Neuhof kamen ; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach . Grafen gingen wie Bauern . Nur der Landrath , der » schöne Enckefuß « , hielt die Erinnerung an die Zeiten , wo er wirklich schön gewesen sein mochte , durch eine gesuchte Toilette , festgeschnürte Taille , gefärbte Haare , Bart , Augenbrauen , ja , wie man behauptete , gemalte Wangen und Schläfe aufrecht ... er konnte seine Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb , ob er gleich schon einen großen Sohn hatte , der Beau der Gegend , der Petit-maître von der Stadt Witoborn an bis auf Schloß Neuhof . Die studentische Art der Erscheinung des Doctors paßte vollkommen in den Rahmen der verworrenen Erzählungen , die der Kammerherr , wenn er in seinen renommirenden Erinnerungen kramte , von dem akademischen Leben desselben zu geben pflegte . Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie . Lucinde konnte sich oben nur am schmalen Rande des Grundes halten , denn zu ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg ; die junge Getreidesaat ging bis dicht an den Rand des Abhangs . Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gespräch über das Misverhältniß der Ansprüche , die sich bei der Regulirung der bäuerlichen und grundherrlichen Verhältnisse ergeben hatten . Der Doctor fragte , als Lucinde darüber sich ganz unterrichtet zeigte , ob sie denn zu den auf Neuhof oben versammelten Herrschaften gehöre ? Nicht zu den Herrschaften ! Zu den Dienern ! antwortete sie und balancirte auf dem schmalen Pfade hin , wohl wissend , daß sie nicht wie eine Dienerin aussah . Sie sind doch nicht etwa gar das Elfenkind , das mein alter Freund , der Kammerherr , jenseit der Wälder an einem Schilfteich gefunden hat ? Ja freilich ! Das bin ich ! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging . So werden Sie , sagte der Doctor , trotz der Tüngel ' schen Familie , deren Appelhülsener Linie zurückgekommen ist , Frau von Wittekind werden ! Ich gratulire ! Einen bessern Mann kann sich eine Frau nicht wünschen ! Dann müssen Sie aber zu uns nach Göttingen ziehen ! Lernen Sie reiten ! Oder können Sie ' s wol gar schon ? Um so besser ! Wir machen Sie zur Conventsseniorin , falls Ihr Mann nicht aus Rücksicht auf die göttinger Fensterscheiben sofort wieder relegirt wird ! Denn er bekannte Ihnen doch wahrscheinlich seine alte Leidenschaft , in Göttingen keine ganzen Fensterscheiben und Laternen sehen zu können ? » Nacht muß es sein , wo Wittekind ' s Sterne strahlen ! « Die göttinger Laternen , ohnehin nicht die hellsten , kosteten ihm einen Theil seiner glücklicherweise guten Wechsel . Diese Liebhaberei , erwiderte Lucinde , ist noch immer nicht so schlimm gewesen wie die einiger seiner Ahnen , die keinen Dachdecker auf einem Thurm sehen konnten , ohne nicht das Gelüst zu haben , ihn herunterzuschießen . Aha ! rief der Doctor . Sie sind eingeweiht ! In deutsche Staats- und Rechtsgeschichte ! Lucinde verschwieg , daß es der Kammerherr mit Vögeln noch so machte . Man ließ ihm deshalb nur eine Windbüchse ; in schlimmen Anfällen richtete er auch mit dieser die grausamsten Verheerungen an . Der Doctor schien aufmerksamer geworden und suchte Lucinden näher zu kommen , was ohnehin durch seinen aufsteigenden Weg von selbst geschah ... ' S wäre ganz gut , sagte er , wenn einmal in diese Menschenrasse frisches Blut käme ! Ich bin an und für sich ganz für diese alten Geschlechter und mag sie leiden , aber sie sollten sich nicht untereinander kreuzen , sondern zur Inoculation des Volks benutzen ; das gäbe einen Nachwuchs wie der der alten Angelsachsen und Normannen , der jenseit des Kanals noch immer so stattlich ist . Wenn wir Deutsche ein Princip haben , das vernünftig ist , wie die Adelsidee , so reiten wir ' s leider auch immer gleich zu Tode ! Lucinde erwähnte ganz dreist seine Abhandlung über die Bienen . Was ? Wie ? Wissen Sie davon ? rief der Doctor . Nun ja ! Im Bienenstaat liegt mehr Weisheit als in Dahlmann ' s » Politik « , zu der er keinen zweiten Theil schreiben kann . Auch die Bienen pflanzen sich mit vernünftiger Aristokratie fort . Ein Ei , aus einer schlechten Arbeitszelle in eine Königinzelle gebracht , gibt eine Königin . Wir werden erst die Probleme der Geschichte dann lösen , wenn wir ein Mikroskop erfunden haben , groß genug , das Leben und Weben