Kleinlaut sagte Dami : » Es ist nur so ein Gedanke gewesen . Glaub ' mir , ich hab ' s nicht gewollt , ich kann ja das auch nicht ; aber weil sie mich immer so den Kegelbuben heißen , da hab ' ich gemeint , ich müsse auch einmal wettern und dreinfluchen und dreinhauen . Aber du hast Recht . Sieh , wenn du willst , gehe ich noch heut Nacht hin zum Scheckennarren und sage ihm , daß ich keinen bösen Gedanken im Herzen gegen ihn hab ' . « » Das brauchst du nicht , das ist wieder zu viel ; aber weil du so Einsicht annimmst , so will ich dir helfen was ich kann . « » Das Beste wäre , du gingest mit . « » Nein , das kann ich nicht , ich weiß nicht warum , aber ich kann nicht . Aber das habe ich nicht verschworen : wenn du mir schreibst , daß dir ' s beim Ohm gut geht , da komme ich nach . So in den Nebel hinein , wo man nichts weiß ... ich ändere nicht gern , und ich hab ' s ja eigentlich gut hier . Aber jetzt laß uns überlegen , wie du fort kommst . « Es ist eine Eigenheit vieler Auswandernden , und giebt Zeugniß von einer finstern Seite der Menschennatur überhaupt und unserer vaterländischen Zustände insbesondere , daß die lebendig Scheidenden gern noch vor ihrem Abgang ungestraft Rache nehmen , und bei Vielen ist es das Erste was sie in der neuen Welt thun , daß sie nach der alten Welt an die Gerichte schreiben , und allerlei Angebereien über geheimgebliebene Verbrechen machen . Es waren schreckliche Beispiele dieser Art in der Gegend vorgekommen , und Barfüßele flammte darum doppelt im Zorn auf , weil auch ihr Bruder sich zu den aus dem Verstecke Schießenden hatte gesellen wollen . Darum war sie jetzt doppelt zufrieden , als sie den bösen Willen Dami ' s besiegt hatte ; denn tiefer als alle Wohlthat erquickt das innere Gefühl , einen Andern von Laster und Irrweg zurückgeführt zu haben . Mit der ganzen sichern Klarheit ihres Wesens erwog sie nun alle Umstände . Die Frau des Ohms hatte an ihre Schwester geschrieben , daß es ihnen wohlgehe , und so wußte man den Aufenthaltsort des Ohms . Die Ersparnisse Dami ' s waren sehr gering , und auch die Barfüßele ' s reichten nicht voll aus . Dami sprach davon , daß die Gemeinde ihm eine namhafte Beisteuer geben müsse ; die Schwester wollte nichts davon wissen , und sie sagte : » Das soll das Letzte sein , wenn alles Anders fehlgeschlagen hat . « Sie erklärte nicht , was sie noch sonst versuchen könne . Ihr erster Gedanke war allerdings , sich an die Landfriedbäuerin in Zusmarshofen zu wenden ; aber sie wußte , wie solch ein Bettelbrief einer reichen Bäuerin erscheinen müsse , die vielleicht auch nicht einmal baar Geld habe ; dann dachte sie an den Rodelbauer , der ihr versprochen hatte , sie in sein Testament zu setzen , er sollte ihr das Zugedachte jetzt geben , und wenn es auch weniger sei . Dann fiel ihr wieder ein , daß man vielleicht den Scheckennarren , dem es wieder überaus wohl erging , zu einer Beisteuer bewegen könne . Sie sagte von alledem dem Dami nichts , aber wie sie sein Gewand musterte , wie sie mit vieler Mühe der schwarzen Marann ' von ihrer aufgespeicherten Leinwand ein Stück auf Borg abkaufte , alsbald zuschnitt und in der Nacht vernähte , alle diese entschiedenen Vorbereitungen machten Dami fast zittern . Er hatte freilich gethan , als ob der Auswanderungsplan bei ihm unerschütterlich fest sei , und doch kam er sich jetzt wie gebunden , wie gezwungen vor , als ob er durch den festen Willen der Schwester zur Ausführung genöthigt würde . Ja , die Schwester erschien ihm fast hartherzig , als ob sie ihn fortdränge , ihn los sein wolle . Er wagte jedoch nicht , dieß deutlich zu sagen , er wußte nur allerlei Quengeleien vorzubringen und Barfüßele deutete diese als das verdeckte Wehe des Abschieds , das kleine Hindernisse gern als Nöthigung annimmt , um sich von einem Vorhaben abbringen zu lassen und doch dabei eine Entschuldigung vor sich zu haben . Sie machte sich nun vor Allem an den alten Rodelbauer und verlangte geradezu , daß er ihr das Erbstück , welches er schon lange versprochen , jetzt gebe . Der alte Rodelbauer sagte : » Was pressirst du so ? Kannst nicht warten ? Was hast ? « » Nichts hab ' ich und kann nicht warten . « Sie erzählte , daß sie ihren Bruder aussteuern wolle , der nach Amerika auswandere . Das war ein glücklicher Griff für den alten Rodelbauer ; er konnte seine Zähigkeit noch als Gutmüthigkeit , als weise Fürsorge hinstellen , und bedeutete Barfüßele , daß er ihr jetzt keinen rothen Heller gebe , er wolle nicht schuld sein , daß sie sich ganz ausziehe für ihren Bruder . Nun bat Barfüßele , daß er der Fürsprech sei beim Scheckennarren ; dazu ließ er sich endlich herbei , und that groß damit , daß er sich zum Betteln hergebe bei einem fremden Mann für einen fremden Menschen ; aber die Ausführung verschob er von Tag zu Tag , bis er sich endlich , da Barfüßele nicht abließ , auf den Weg machte . Wie vorauszusehen war , kam er mit leerer Hand zurück , denn des Scheckennarren erste Frage war natürlich : was denn der Rodelbauer gebe ? Und als dieser geradezu sagte , daß er sich vor der Hand zu nichts verstehe , so war das der gewiesene Weg und der Scheckennarr blieb auch auf demselben . Als Barfüßele ihren Kummer über diese Hartherzigkeit der schwarzen Marann ' klagte , rief diese aus : » Ja , so sind die Menschen ! Wenn morgen Einer in ' s Wasser springt , und man zieht ihn todt heraus , da sagt ein Jedes : hätt ' er mir ' s nur gesagt , was ihm fehlt , ich hätt ' s ihm ja gern gegeben und ihm in Allem geholfen . Was gab ' ich nicht drum , wenn ich ihn wieder in ' s Leben bringen könnte ! - Aber ihn beim Leben erhalten , dazu wollte sich keine Hand aufthun . « Und eben dadurch , daß sich Barfüßele die ganze Schwere der Dinge immer voll auf that , lernte sie sie leicht ertragen . » Drum muß man sich nur auf sich selbst verlassen , « war ihr innerer Wahlspruch , und statt sich niederdrücken zu lassen von Hindernissen , wurde sie dadurch nur immer schnellkräftiger . Sie raffte zusammen und machte zu Gelde , was sie nur hatte , und der reiche Anhenker , den sie einst von der Landfriedbäuerin erhalten , wanderte zur Wittwe des alten Heiligenpflegers , die sich in ihrem Wittwenstande an einem ergiebigen Wucher auf Faustpfänder erfreute . Auch der Dukaten , den sie dem Oberbaurath auf dem Kirchhofe einst nachgeworfen hatte , wurde jetzt wieder gefordert und seltsamer Weise erbot sich nun der Rodelbauer , beim Gemeinderath in dem er saß , eine namhafte Unterstützung für den auswandernden Dami zu erwirken . Mit öffentlichen Geldern war er gern großmüthig und tugendhaft . Dennoch erschrak Barfüßele , als er ihr nach wenigen Tagen verkündete , es sei beim Gemeinderath Alles bewilligt , aber nur auf die Bedingung hin , daß Dami das Heimathsrecht im Dorf aufgebe . Das hatte sich von selbst verstanden , man hatte gar nicht anders gedacht ; aber jetzt , da es eine Bedingung war , erschien es als ein Schreckbild : nirgends mehr daheim zu sein . Dem Dami sagte Barfüßele nichts von diesen ihren Gedanken und Dami schien wieder froh und wohlgemuth . Besonders die schwarze Marann ' redete ihm viel zu , denn sie hätte gern das ganze Dorf in die Fremde geschickt , um endlich Kunde von ihrem Johannes zu bekommen ; und jetzt glaubte sie steif und fest , daß ihr Johannes über dem Meer sei . Der Krappenzacher hatte ihr gesagt : das Meer , die salzige Fluth , Verhindere die Thränen , die man um Einen weinen wolle , der am andern Ufer sei . Barfüßele erhielt von ihrer Dienstherrschaft die Erlaubniß , den Bruder zu begleiten , als er seinen Ueberfahrtsvertrag mit dem Agenten in der Stadt abschließen wollte . Wie erstaunten sie aber , als sie hier hörten , daß dies bereits geschehen sei . Der Gemeinderath hatte es schon bewerkstelligt , und Dami genoß des Armenrechtes und der entsprechenden Verpflichtungen . Er mußte vom Schiff aus , bevor dasselbe in ' s weite Meer segelte , eine Bescheinigung seiner Abfahrt unterzeichnen und erst dann wurde das Geld ausgezahlt . Traurig kehrten die Geschwister heim in ' s Dorf , schweigend gingen sie dahin . Dami war von Verdrossenheit überfallen , daß nun Etwas geschehen müsse , weil er ' s einmal gesagt , und Barfüßele empfand ein tiefes Wehe , daß doch ihr Bruder eigentlich wie auf dem Schub fortgeschafft würde . An der Gemarkung sagte Dami laut zu dem Stock , auf dem der Ortsname und Amtsbezirk stand : » Du da ! Behüt ' dich Gott ! Ich bin nicht mehr bei dir daheim , und alle Menschen da drin die , sind mir jetzt grad so viel wie du . « Barfüßele weinte , aber sie nahm sich vor , daß dies das Letztemal sein solle bis zur Abreise Dami ' s und auch bei dieser selbst . Sie hielt Wort . Die Leute im Dorfe sagten : das Barfüßele müsse kein Herz im Leibe haben , denn es waren ihr die Augen nicht naß geworden als ihr Bruder schied und die Leute wollen gern selbst die Thränen sehen . Was kümmern sie die heimlich geweinten ? Barfüßele aber hielt sich wach und straff . Nur in den letzten Tagen vor der Abreise Dami ' s versäumte sie zum Erstenmal ihre Pflicht , denn sie vernachlässigte ihre Arbeit und war immer beim Dami ; sie ließ sich von der Rosel darüber ausschelten und sagte nur : » Du hast Recht . « Sie lief aber doch ihrem Bruder überall nach , sie wollte keine Minute verlieren , da er noch da war , sie meinte , sie könne ihm in jedem Augenblick noch etwas Besonderes erweisen , noch etwas Besonderes sagen für Lebenlang , und quälte sich wieder , daß sie ganz gewöhnliche Sachen sprach , ja , daß sie sogar manchmal mit ihm stritt . O diese Abschiedsstunden , wie bedrücken sie das Herz , wie preßt sich da alle Vergangenheit und Zukunft in einen Augenblick zusammen und man weiß nirgends anzufassen und nur ein Blick , eine Berührung muß Alles sagen ! Amrei gewann indeß doch noch Worte . Als sie ihrem Bruder das Leinenzeug vorzählte , sagte sie : » Das sind gute saubere Hemden , halt ' dich gut und sauber drin . « Und als sie Alles in den großen Sack packte , auf dem noch der Name des Vaters stand , sagte sie : » Bring ' den wieder mit , voll lauter Gimgold . Wirst sehen , wie gern du dann hier wieder die Bürgerannahme bekommst , und des Rodelbauern Rosel , wenn sie bis dahin noch ledig ist , springt dir über sieben Häuser nach . « Und als sie die Axt des Vaters in die große Kiste legte , sagte sie : » O wie glatt ist der Stiel ! Wie oft ist er durch des Vaters Hand gegangen und ich mein ' , ich spür ' noch seine Hand da drauf . So , jetzt hab ' ich das Wahrzeichen : Sack und Axt . Arbeiten und Einsammeln das ist das Beste und da bleibt man lustig und gesund und glücklich . Behüt ' dich Gott und sag ' auch recht oft vor dich hin : Sack und Axt . Ich will ' s auch oft thun und das soll unser Gedenken sein , unser Zuruf , wenn wir weit , weit von einander sind , bis du mir schreibst oder mich holst oder wie du ' s kannst , wie ' s eben Gott will , Sack und Axt ! da drin steckt Alles . Da kann man Alles hineinthun , alle Gedanken und Alles was man erworben hat . « Und noch als Dami auf dem Wagen saß und sie ihm zum Letztenmal die Hand reichte , die sie lange nicht lassen wollte , bis er endlich davon fuhr , da rief sie ihm noch mit heller Stimme nach : » Sack und Axt ! Vergiß das nicht . « Er schaute zurück und winkte , und - war verschwunden . 9. Ein ungebetener Gast . Gelobt sei Amerika ! rief der Nachtwächter zum Ergötzen Aller mehrere Nächte beim Stundenanrufen aus , statt des üblichen Dankspruches gegen Gott . Und der Krappenzacher , der , weil er selber nichts galt , gern bei den » rechten « Leuten auf die Armen schimpfte , sagte am Sonntag beim Ausgang aus der Kirche und Nachmittags auf der langen Bank vor dem Auerhahn : » Der Columbus ist ein wahrer Heiland gewesen . Von was kann der Einen nicht Alles erlösen ! Ja , das Amerika ist der Saukübel von der alten Welt , da schüttet man hinein , was man in der Küche nicht mehr brauchen kann : Kraut und Rüben und Alles durcheinander und für die , wo im Schloß hinterm Haus wohnen und Französisch verstehen oui ! oui ! ist es noch ein gutes Fressen . « Bei der Armuth an Gesprächstoffen war natürlich der ausgewanderte Dami geraume Zeit Gegenstand der Unterhaltung ; und wer zum Gemeinderath gehörte , pries seine Weisheit , daß er sich von einem Menschen befreit habe , der gewiß einmal der Gemeinde zur Last gefallen wäre . Denn wer in allerlei Gewerben herumkutschirt , fährt in ' s Elend . Natürlich gab es viele gutmüthige Menschen , die Barfüßele Alles berichteten , was man über ihren Bruder sagte und wie man über ihn spottete . Aber Barfüßele lachte darüber , und als von Bremen aus ein schöner Brief von Dami kam - man hätte es gar nicht geglaubt , daß er Alles so ordentlich setzen kann - da triumphirte sie vor den Augen der Menschen und las den Brief mehrmals vor . Innerlich aber war sie traurig , einen solchen Bruder wohl auf ewig verloren zu haben . Sie machte sich Vorwürfe , daß sie ihn nicht genug habe aufkommen lassen , daß sie ihn nicht genug vorn hin gestellt habe ; denn das zeigte sich jetzt , welch ein geweckter Bursch der Dami war und dabei so gut . Er , der von Allem im Dorf hatte Abschied nehmen wollen wie von dem Stock an der Gemarkung , füllte jetzt fast eine ganze Seite mit lauter Grüßen an Einzelne und Jeder hieß der » Liebe « und der » Gute « und der » Brave « und Barfüßele erntete viel Lob , überall wo sie die Grüße ausrichtete und dabei immer genau zeigte : » Seht , da steht ' s ! « Barfüßele war eine Zeitlang still und in sich gekehrt , es schien sie zu gereuen , daß sie den Bruder fortgelassen oder nicht mit ihm gegangen war . Sonst hörte man sie in Stall und Scheune und Küche und Kammer und beim Ausgang , mit der Sense über der Schulter und dem Grastuch unter ' m Arm , immer singen ; jetzt war sie still . Sie schien das gewaltsam zurückzuhalten . Aber es gab ein gutes Mittel , die Lieder wieder hinaustönen zu lassen . Am Abend schläferte sie die Kinder des Rodelbauern ein und dabei sang sie unaufhörlich , wenn die Kinder auch schon lange schliefen . Dann eilte sie noch zur schwarzen Marann ' und versorgte sie mit Holz und Wasser und Allem was sie bedurfte . An Sonntag-Nachmittagen , wenn Alles sich vergnügte , stand Barfüßele oft still und unbewegt an der Thürpfoste ihres Hauses und schaute hinein in die Welt und den Himmel und sah wie die Vögel flogen und träumte so vor sich hin , bald hinaus in ' s Weite , wo der Dami jetzt sei und wie es ihm ergehe , und dann konnte sie wieder unverwandten Blickes lange Zeit einen umgelegten Pflug betrachten und einem Huhn , das sich in den Sand eingrub , zuschauen . Wenn ein Fuhrwerk durch ' s Dorf fuhr , schaute sie auf und sagte fast laut : » Die fahren zu Jemand ! Auf allen Straßen der Welt geht kein Mensch zu mir , denkt kein Mensch an mich ; und gehör ' ich denn nicht auch her ? « Und dann war ' s ihr immer als erwarte sie Etwas , ihr Herz pochte schneller wie einem Ankommenden entgegen . Und unwillkürlich sang sie : Alle Wässerlein auf Erden Die haben ihren Lauf ; Kein Mensch ist ja auf Erden , Der mir mein Herz macht auf . » Ich wollte , ich wäre so alt wie Ihr , « sagte sie einmal aus solchen Träumen heraus , als sie bei der schwarzen Marann ' ankam . » Sei froh , daß der Wunsch kein Wahr ist , « erwiderte die schwarze Marann ' . » Wie ich so alt war wie du , da war ich lustig und hab ' drunten in der Gipsmühle 132 Pfund gewogen . « » Ihr seid doch Einmal wie das Andermal und ich bin gar nicht gleich . « » Wenn man gleich sein will , muß man sich die Nase abschneiden , da ist man im ganzen Gesicht gleich . Du Närrle , gräm ' dir deine jungen Jahre nicht ab , es giebt sie dir Keiner wieder heraus . Die alten kommen schon von selber . « Es gelang der schwarzen Marann ' leicht , Barfüßele zu trösten . Nur wenn sie allein war , lag noch ein seltsames Bangen auf ihr . Was soll das werden ? Ein wunderliches Hin- und Herreden ging durch das Dorf . Man sprach seit vielen Tagen davon , daß es in Endringen eine Nachhochzeit gebe , wie seit Menschengedenken keine in der Gegend gewesen sei . Die älteste Tochter des Dominik und des Ameile heirathete einen reichen Holzhändler im Murgthal und man sagte , das gäbe eine Lustbarkeit wie man sie noch nie erfahren . Der Tag rückte immer näher heran . Wo sich zwei Mädchen begegnen , ziehen sie sich hinter eine Hecke , eine Heuflur und können gar kein Ende finden und behaupten doch stets , daß sie gewaltig Eile hätten . Man sagt , es käme Alles aus dem Oberlande und aus dem ganzen Murgthal und von dreißig Stunden Wegs her , denn das sei eine große Familie . Am Rathhausbrunnen , da war erst das rechte Leben , da wollte kein Mädchen ein neues Kleidungsstück haben , um sich andern Tages umsomehr an der Ueberraschung und dem Staunen zu erfreuen . Vor lauter Fragen und Hin-und Herreden vergaß man das Wasserschöpfen , und Barfüßele , die am spätesten gekommen war , ging am frühesten mit vollem Kübel wieder heim . Was ging sie der Tanz an ! Und doch war ' s ihr immer , als hörte sie überall Musik . Am andern Tag hatte Barfüßele viel im Hause hin und her zu rennen , denn sie sollte die Rosel aufputzen . Sie erhielt manchen heimlichen Knuff beim Zöpfen , aber sie ertrug es still . Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar und das sollte auch gewaltig prangen . Sie wollte heute etwas Neues damit probiren . Sie wollte einen Maria-Theresienzopf haben , wie man hier zu Lande ein kunstreiches Geflecht aus vierzehn Strängen nennt , das sollte als neu Aufsehen erregen . Es gelang Barfüßele das schwere Kunstwerk zu Stande zu bringen ; aber kaum war es fertig , als die Rosel es im Unmuth wieder aufriß und sie sah wild aus wie ihr die Stränge über den ganzen Kopf und über das Gesicht hingen , dabei war sie aber doch schön und stattlich und gewaltig im Umfang , und ihr ganzes Gebühren sprach es aus : minder als vier Rosse können nicht in dem Hause sein , in das ich einmal heirathe ! Und in der That warben viele Hofsöhne um sie , aber sie schien noch keine Lust zu haben , sich für irgend Einen zu bestimmen . Sie blieb nun bei den landesüblichen zwei Zöpfen , die den Rücken hinabhingen , mit eingeflochtenen rothen Bändern , die fast bis an den Boden hinabreichten . Sie stand fertig geschmückt da und nun verlangte sie einen Blumenstrauß . Sie selbst hatte die ihr zugehörigen Blumen verwildern lassen , und trotz aller Einsprache mußte Barfüßele doch endlich nachgeben und ihre schöngehegten Blumen vor dem Fenster fast aller Blüthen berauben . Auch das kleine Rosmarinstöckchen verlangte Rosel zu haben , aber Barfüßele wollte sich eher zerreißen lassen , ehe sie das hergab ; und die Rosel spottete und lachte , schimpfte und schalt über die einfältige Ganshirtin , die so eigenwillig thue und die man doch um Gotteswillen im Hause habe . Barfüßele antwortete nicht und sie sah Rosel nur an mit einem Blick , vor dem Rosel die Augen niederschlug . Jetzt hatte sich eine rothe Wollrose auf dem linken Schuh verschoben und Barfüßele war eben niedergekniet , um sie behutsam festzunähen ; da sagte die Rosel halb in Reue über ihr Benehmen , halb doch noch im Spott : » Barfüßele , heut ' thu ' ich ' s nicht anders , heut mußt du mit zum Tanz . « » Spotte nicht so , was willst du denn von mir ? « » Ich spotte nicht , « betheuerts die Rosel noch halb neckisch , » du solltest auch einmal tanzen , bist ja auch ein junges Mädle , und es wird auch Deinesgleichen auf dem Tanz sein ; unser Roßbub geht ja auch und es kann auch ein Bauernsohn mit dir tanzen , ich will schon einen Ueberzähligen schicken . « » Laß mich in Frieden oder ich steche dich , « mahnte Barfüßele am Boden , zitternd vor Freude und Trauer . » Die Schwägerin hat Recht , « nahm die junge Bäuerin nun das Wort , die bis jetzt zu Allem geschwiegen hatte , » und ich gebe dir kein gutes Wort mehr , wenn du heute nicht mit zum Tanz gehst . Komm , da setz ' dich hin , ich will dich auch einmal bedienen . « Und einmal über das andere übergoß Barfüßele eine Flammenröthe , wie sie so da saß und ihre Meisterin sie bediente ; und als sie ihr die Haare aus dem Gesicht that und sie alle nach hinten wendete , wollte Barfüßele fast vom Stuhl sinken , da die Bäuerin sagte : » Ich zöpf ' dich , wie die Allgäuerinnen gehen . Das wird dich ganz gut herausputzen , und du siehst auch so aus wie eins Allgäuerin ; so untersetzt und so braun und so kugelig ; du siehst aus wie die Tochter von der Landfriedbäuerin in Zusmarshofen . « » Was die ? warum wie die ? « fragte Barfüßele und zitterte am ganzen Leib . Was war ' s , warum sie jetzt gerade an die Bäuerin erinnert wurde , die ihr von Kind auf im Sinne lag und die ihr damals erschienen war wie eine wohlthätige Fee aus dem Märchen ? Aber sie hatte keinen Ring den sie drehen konnte , damit sie erscheinen müsse ; sie konnte sie nur innerlich herbannen , und das geschah oft fast unwillkürlich . » Halt ' dich ruhig , sonst rupf ' ich dich , « befahl die Bäuerin , und Barfüßele hielt still und athmete kaum . Und wie ihr die Haare so mitten durch getheilt wurden , und wie sie so da saß , die Hände zusammengepreßt und Alles mit sich machen lassen mußte , und die hochschwangere Frau sie bald warm anhauchte , bald an ihr herumbosselte , da kam sie sich vor als würde sie plötzlich verzaubert , und sie redete kein Wort , als dürfe sie den Zauber nicht verscheuchen , und senkte demüthig den Blick . » Ich wollt ' , ich könnte dich zu deiner Hochzeit so einkleiden ! « sagte die Bäuerin , die heute von lauter Güte überfloß . » Ich möchte dir einen rechtschaffenen Hof gönnen und es wäre Keiner mit dir angeführt ; aber heutigen Tages geschieht das nicht mehr . Da springt das Geld nach dem Geld . Nun sei du nur zufrieden . So lang mir ein Auge offen steht , soll dir bei mir nichts fehlen , und wenn ich sterbe - ich weiß nicht , es ist mir dießmal so bang um die schwere Stunde - gelt , du verläß ' st meine Kinder nicht und vertrittst an ihnen Mutterstelle ? « » O Gott im Himmel , wie könnt Ihr nur so was denken ! « rief Barfüßele und Thränen rannen ihr aus den Augen . » Das ist eine Sünde , und man kann auch sündigen , daß man Gedanken über sich kommen läßt , die nicht recht sind . « » Ja , ja , du hast recht , « sagte die Bäuerin , » aber wart ' noch , sitz ' noch still , ich will dir meinen Anhenker holen und den will ich dir um den Hals thun . « » Nein , um Gotteswillen nicht ; ich trage nichts was nicht mein ist . Ich thät ' mich in den Boden hinein schämen vor mir selber . « » Ja , aber so kannst du nicht gehen . Oder hast du vielleicht noch selber Etwas ? « Barfüßele erzählte , daß sie allerdings einen Anhenker habe , den sie als Kind von der Landfriedbäuerin erhalten , der aber wegen Dami ' s Auswanderung verpfändet sei bei der Wittwe des Heiligenpflegers . Barfüßele mußte nun stillsitzen und versprechen , sich nicht im Spiegel zu sehen , bis die Bäuerin wieder käme , die nun forteilte , um das Kleinod zu holen und selber für das Darlehen zu bürgen . Welche Schauer flossen nun durch die Seele Barfüßele ' s , wie sie so da saß , sie , die allzeit Dienende nun bedient , und in der That fast wie verzaubert . Sie fürchtete sich fast vor dem Tanz , sie war jetzt so gut und so freundlich behandelt - wer weiß wie sie herumgestoßen wird und Keiner sieht nach ihr um , und all ihr äußerer Schmuck und ihre innere Lust ist vergebens ! » Nein , « sagte sie vor sich hin , » und wenn ich weiter nichts habe als daß ich mich gefreut habe , das ist auch genug ; und wenn ich mich gleich wieder ausziehen und daheim bleiben müßte , ich wäre schon glückselig . « Die Bäuerin kam mit dem Schmuck und das Lob des Schmuckes und Schimpfen auf die Heiligenpflegerin , die einem armen Mädchen solche Blutzinsen abnehme , ging seltsam durcheinander . Sie versprach , noch heute das Darlehen zu bezahlen und es Barfüßele allmälig am Lohn abzuziehen . Jetzt endlich durfte Barfüßele sich betrachten . Die Frau hielt ihr selber den Spiegel vor und aus den Mienen Beider glänzte es und sprach es wie ein jauchzender Wechselgesang der Freude . » Ich kenn ' mich gar nicht ! ich kenn ' mich gar nicht ! « sagte Barfüßele immer und betastete sich auf und nieder mit beiden Händen im Gesicht . » Ach Gott , wenn nur mein ' Mutter mich so sehen könnte ! Aber sie wird Euch gewiß vom Himmel herab segnen , daß Ihr so gut zu mir seid , und sie wird Euch beistehen in der schweren Stunde ; brauchet nichts zu fürchten . « » Jetzt mach ' aber ein ander Gesicht , « sagte die Bäuerin , » nicht so ein Gotteserbarm ; aber es wird schon kommen , wenn du die Musik hörst . « » Ich mein ' , ich höre sie schon , « sagte Barfüßele . » Ja , horchet , da ist sie . « In der That fuhr eben ein großer Leiterwagen mit grünen Reisern besteckt durch das Dorf und darauf saß die ganze Musik , und der Krappenzacher stand mitten zwischen den Musikanten und blies die Trompete , daß es schmetterte . Nun war kein Halt mehr im Dorf , Alles machte sich eilig davon . Die Bernerwägelein , einspännig und zweispännig , aus dem Dorf selber und aus den benachbarten , die hier durch mußten , jagten einander fast wie im Wettrennen . Rosel stieg zu ihrem Bruder auf den Vordersitz und Barfüßele saß hinten im Korbe . Sie schaute immer vor sich nieder , so lange man durch das Dorf fuhr , so schämte sie sich . Nur beim Elternhause wagte sie aufzublicken : die schwarze Marann ' grüßte heraus , der rothe Gockelhahn krähte auf der Holzbeuge und der Vogelbeerbaum nickte : » Glück auf den Weg ! « Jetzt fuhr man durch das Thal , wo der Manz die Steine klopfte , jetzt über den Holderwasen , wo eine alte Frau die Gänse hütete . Barfüßele nickte ihr freundlich . Ach Gott , wie komm ' denn ich dazu , daß ich hier so stolz und geschmückt vorbeifahre , und ist ' s denn nicht eine gute Stunde bis Endringen und man meint doch , man wäre kaum eingesessen und jetzt heißt ' s schon absteigen ! und die Rosel ist schon begrüßt und umstanden von allerlei Gefreundeten und : » Ist das eine Schwester deiner Schwägerin , die du da bei dir