gewesen , so hätte füglich auch der Förster des kaiserlichen Bannwaldes hier wohnen können . In kurzem stund ein Krug säuerlichen Weines auf dem Eichentisch , auch Brot und Butter lieferte die Vorratskammer . Dann kam der Leutpriester aus der Küche zurück , hielt sein Gewand wie eine gefüllte Schürze und schüttete einen Platzregen von geräucherten Gangfischen vor seinen Gast . » Heu , quod anseres fugasti antvogelosque et horotumblum ! Weh , daß du mir die Wildgänse verscheucht und die Enten samt der Rohrdommel109 ! « sprach er , » aber wenn einer nur die Wahl zwischen Gangfisch und gar nichts hat , greift er immer noch zum erstern . « Glieder derselben Genossenschaft sind schnell befreundet . Ein lebhaft Gespräch erhob sich beim Imbiß . Aber der Alte hatte mehr zu fragen , als Ekkehard beantworten konnte ; von so manchem seiner alten Brüder war nichts mehr zu berichten , als daß sein Sarg eingemauert stand bei dem der andern und ein Kreuz an der Wand und ein Eintrag im Totenbuch die einzige Spur , daß er gelebt ; - die Geschichten und Späßlein und Klosterfehden , wie sie vor dreißig Jahren erzählt wurden , waren durch neue ersetzt , und was seit damals geschehen , ließ ihn gleichgültig . Nur wie Ekkehard von dem Zweck und Ziel seiner Fahrt sprach , rief er : » Hoiho , Konfrater , was habt Ihr wider die Jagd gesprochen und ziehet ja selber auf Edelwild aus ! « Aber Ekkehard lenkte ab . » Habt Ihr noch nie Heimweh nach des Klosters Stille und Wissenschaft verspürt ? « frug er . Da flammte des Leutpriesters Aug ' : » Ward Catilina von Heimweh nach den Holzbänken des römischen Senats geplagt , nachdem von ihm gesagt war : excessit , evasit , erupitA2 ? Junges Blut versteht das nicht . Fleischtöpfe Ägyptens ? ! ille terrarum mihi praeter omnesA3 ... sprach der Hund zum Stall , in dem er sieben Jahre gelegen . « » Ich versteh ' Euch allerdings nicht « , sprach Ekkehard . » Was schuf Euch solche Änderung der Sinnesart ? « Er warf einen Seitenblick auf das Jagdgerät . » Die Zeit « , gab der Leutpriester zurück und klopfte seinen Gangfisch auf dem Eichentisch mürb , - » die Zeit und wachsende Erkenntnis . Das braucht Ihr aber Eurem Abte nicht zu berichten . Bin auch einmal ein Bursch gewesen wie Ihr , Irland zieht fromme Leute , sie wissen ' s hierzulande . Eheu , wie war ich untadligen Gemütes , wie ich mit Oheim Marcus von der Wallfahrt gen Rom zurückkam 110 . Hättet den jungen Moengal sehen sollen , die ganze Welt war ihm keinen Gründling wert , aber Psallieren , Vigilien singen , geistliche Übungen halten : das war mein Labsal . Da ritten wir in Gallus ' Kloster ein - einem heiligen Landsmann zu Ehren macht ein braver Irländer schon ein paar Meilen um , - ich aber bin ganz dort hängengeblieben . Kleider , Bücher , Gold und Wissen , der ganze Mensch ward des Klosters , und der irische Moengal ward Marcellus geheißen und warf seines Oheims silberne und goldene Pfennige zum Fenster hinaus , daß die Brücke abgebrochen sei , die zur Welt zurückführt . Waren schöne Jahre , sag ' ich Euch , hab ' gewacht und gebetet und studiert nach Herzenslust . Aber viel Sitzen ist schädlich dem Menschen , und viel Wissen macht überflüssige Arbeit . Manchen Abend hab ' ich gegrübelt wie ein Bohrwurm und disputiert wie eine Elster , nichts war unergründlich : wo das Haupt Johannis , des Täufers , begraben liege , und in welcher Sprache die Schlange zu Adam gesprochen - alles klar erörtert , nur daran war ich nicht zu denken geraten , daß der Mensch auch Knochen und Fleisch und Blut mit sich in die Welt bekommen . Hoiho , Konfrater , da kamen böse Stunden , mögen sie Euch erspart bleiben ! der Kopf ward schwer , die Hände unruhig , am Schreibtisch kein Bleiben , in der Kirche kein Knieen - fort ! hieß es , nur fort und hinaus ! Dem alten Thieto sagt ' ich dereinst , ich habe eine Entdeckung gemacht . Was für eine ? Daß es jenseits unserer Mauern frische Luft gebe ... Da versagten sie mir den Ausgang , aber manche Nacht bin ich heimlich auf den Glockenturm gestiegen111 und hab ' hinausgeschaut und die Fledermäuse beneidet , die in Tannenwald hinüber flogen ... Konfrater , dagegen hilft kein Fasten und kein Beten , was im Menschen steckt , muß heraus . Der vorige Abt hat billige Einsicht genommen und mich auf Jahresfrist hierher geschickt , aber der Bruder Marcellus kam nimmer heim . Wie ich hier im Schweiß meines Angesichtes den Tannbaum fällte und den Nachen zimmerte und den Strichvogel aus den Lüften herunterholte , da ist mir ein Licht aufgegangen , was gesund sein heißt - Fischfang und Weidwerk beizen die unnützen Mücken aus dem Kopf - so stehe ich seit dreißig Jahren der Zelle Radolfi vor , rusticitate quadam imbutus , einer gewissen Verbauerung ausgesetzt , was verficht ' s ? Ich bin gleich der Kropfgans in der Wüste , gleich der Eule , die in Trümmern nistet , sagt der Psalmist , aber frisch und stark , und der alte Moengal gedenkt sobald noch nicht ein stummer Mann zu werden und weiß , daß er wenigstens vor einem Unglück sicher sein darf ... « » Was meint Ihr für ein Unglück ? « frug Ekkehard . » Daß ihm Sankt Petrus dereinst den himmlischen Torschlüssel vor die Stirn schlägt und spricht : Hinaus mit dir , der du unnütz und eitel Philosophie getrieben ! « Ekkehard ließ sich auf Moengals Herzensergießungen nicht näher ein . » Ihr habet wohl rauhen Dienst in Sorge der Seelen « , sprach er , » verstockte Herzen , Heidentum und Ketzerei ... « » ' s geht an « , sprach der Alte , » im Mund der Bischöfe und kaiserlichen Räte , in den Kapitularien und Synodal beschlüssen nimmt sich ' s haarsträubend aus , wenn sie den heidnischen Irrwahn abzeichnen und mit Strafsatzung bedräuen . ' s ist eben alter Glaube hierlands , im Baum und Fluß und auf lustiger Bergeshöhe der Gottheit nachzuspüren . Jeder auf der Welt muh seine Apokalypsis haben , die Hegauer suchen sie draußen ... es läßt sich auch etwas dabei denken , wenn der Mensch frühmorgens im Schilfe steht und die Sonne über ihm aufgeht ... Deshalb kommen sie am Tage des Herrn doch zu mir und singen die Messe mit , und wenn der Sendbote ihnen nicht so manchen Strafschilling aus dem Sack zwickte , würden sie noch fröhlicher sich zum Evangelium wenden . - Stoßt an , Konfrater , die frische Luft ... « » Erlaubt « , sprach Ekkehard mit seiner Wendung , » daß ich das Wohl Marcellus ' , des Lehrers an der Klosterschule , des Verfassers der irischen Übersetzung des Priscianus trinke . « » Mir auch recht « , lachte Moengal . » Was aber die irische Übersetzung betrifft , die möchte einen Haken haben112 . « In Ekkehard war das Verlangen groß , seinen hohen Twiel zu erreichen . Kurz vor dem Ziele weiter Fahrt hat noch selten einer lange Rast gehalten . » Der Berg steht fest in der Erden « , sprach zwar Moengal , » der entfleucht Euch nimmer . « Aber Moengals Wein und seine Lehre von der frischen Luft hatten für den , der einer Herzogin entgegen sollte , wenig Verstrickendes . Er brach auf . » Ich geh ' mit Euch bis an des Pfarrsprengels Grenze « , sagte der Leutpriester , » heute dürft Ihr mir noch zur Seite gehen , trotz meines verblichenen Gewandes ; wenn Ihr auf dem Berg droben festsitzet , dann werdet Ihr meinen , die Verklärung sei über Euch gekommen , und werdet ein vornehmer Herr werden , und wenn Ihr dereinst an Frau Hadwigs Seite gen Radolfs Zelle geritten kommet , und der alte Moengal steht an der Schwelle , so wird ihm eine gnädige Handbewegung als Almosen zugeworfen - der Welt Lauf ! Wenn der Heuerling groß geworden , heißt er Felchen und frißt die Kleinen seines Geschlechts . « » Das sollt Ihr nicht sagen « , sprach Ekkehard und küßte den irischen Mitbruder . Da gingen sie zusammen , und der Leutpriester nahm seine Leimruten mit , im Rückweg den Vögeln des Waldes Nachstellung zu bereiten . Es war ein langer Weg durch den Tannenwald , lang und still . Wie sich das Gehölz lichtete , da stand in dunkler Masse der hohe Twiel und warf ihnen seinen Schatten entgegen . Moengal aber schaute mit scharfem Aug ' den Waldpfad entlang durch die Lichtung der Tannen . » Es streicht was durchs Revier « , sprach er . Sie waren wieder etliche Schritte gegangen , da griff Moengal seinen Gefährten am Arm , stellte ihn , deutete vorwärts und sprach : » Das sind keine Wildenten noch Tiere des Waldes ! « Es kam ein Ton herüber , als wenn fernab ein Roß gewiehert ... Moengal sprang seitwärts , schlich sich ein gut Stück im jungen Gehölz vorwärts , legte sich auf den Boden und spähte . » Weidmanns Torheit « , sprach Ekkehard und wartete seiner . Jetzt kam er zurück . » Bruder « , sprach er » liegt der heilige Gall in Fehde mit einem der Gewaltigen dieses Landes ? « » Nein . « » Habt Ihr einen beleidigt ? « » Nein . « » Sonderbar « , sprach der Alte , » es kommen drei Gewaffnete geritten . « » Es werden Boten der Herzogin sein , mich zu empfangen « , sprach Ekkehard mit stolzem Lächeln . » Hoiho ! « brummte Moengal , » fehlgeschossen ! Das ist nicht herzoglicher Dienstmannen Kleid , der Helm ist sonder Abzeichen . Und im grauen Mantel reitet kein Twieler ! « Er hemmte seinen Schritt . » Vorwärts ! « sprach Ekkehard . » Wes Herz ohne Schuld , den geleiten die Engel des Herrn . « » Im Hegau nicht immer ! « war des Alten Antwort . Es war keine Gelegenheit zu weiterem Zwiegespräch , Hufschlag tönte , der Boden klirrte , drei Reitersmänner kamen gesprengt , den Helm geschlossen , das Schwert gezogen ... » Folgt mir « , rief der Leutpriester , » maturate fugamA4 ! « Er warf seine Leimruten zu Boden und wollte Ekkehard mit zur Seite ziehen . Der aber wandte sich nicht . Da sprang Moengal allein ins Buschwerk hinüber , die Dornen zogen ihm zu den alten Rissen ins morsche Gewand etliche neue , er wand sich los , mit den Sprüngen eines Eichhorns setzte er ins Dickicht . Er kannte die Schliche . » Er ist ' s ! « rief der vorderste der Reiter , da sprangen die andern von den Rossen , stolz sah ihnen Ekkehard entgegen : » Was wollt Ihr ? « - keine Antwort ; er griff zum Kruzifix , das ihm im Gürtel hing . » Im Namen des Gekreuzigten ! ... « wollte er anheben , aber schon war er zu Boden geworfen , unsanfte Fäuste hielten ihn , ein Strick ward um seine Hände geschlungen , bald lagen sie geknebelt auf dem Rücken - eine weiße Binde umschloß seine Augen knapp und fest , daß es dunkel um ihn ward - » Vorwärts ! « die Überraschung des Augenblicks beugte ihm die Kniee , unsicher schritt er , da hoben sie ihn und trugen ihn ein Stück weit . Am Beginn des Waldes stunden vier Männer mit einer Sänfte , in die warfen sie den Betroffenen und weiter ging ' s durch die Ebene , am steten Hufschlag zur Seite merkte Ekkehard , daß die Reiter ihren Fang geleiteten . Derweil Moengal durch den Wald floh , hüpften die Meisen so zutraulich auf den Zweigen , und heller Drosselschlag umtönte ihn , da vergaß er der Gefahr , und sein Herz kränkte sich , daß er die Leimruten fahren gelassen . Wie er aber auch noch die Wachtel ihr : Quakkara ! Quakkara113 rufen hörte , klang ihm das geradezu herausfordernd , und er wandte seinen Schritt zum Platze des Überfalls . Es war still dort , als wäre nichts geschehen . In der Ferne sah er die Kriegsleute abziehen . Die Helme glänzten . Es werden aber viele , so die ersten waren , die letzten sein , sprach er kopfschüttelnd und las seine Leimruten zusammen . Zu einer Fürstin Saal gedachte er zu gehen und das Gefängnis nimmt ihn auf . » Heiliger Gallus , bitt ' für uns ! « Weiter zerbrach sich Moengal den Kopf nicht . Derlei Vergewaltigung war häufig wie Schlüsselblumen im Frühling . Es schwamm einmal ein Fisch klaftertief unten im Bodensee , der könnt ' sich ' s gar nicht erklären , was den Kormoran zu ihm hinabführte , der schwarze Tauchervogel hatte ihn schon im Schnabel und flog mit ihm hoch durch die Lüfte weg : noch war ' s ihm unbegreiflich . So lag Ekkehard in der Sänfte , ein gebundener Mann ; je mehr er über seines Geschickes Wendung nachsann , desto weniger mocht ' er ' s fassen . Dräuend stieg der Gedanke in ihm auf , es möchte wohl einer im Hegau sitzen , ein Freund oder Blutsverwandter der Kammerboten , und jetzt am unschuldigen Jünger des heiligen Gallus Rache nehmen , denn Salomo , der Ursächer ihres schmählichen Todes , war zugleich Abt jenes Klosters gewesen . Für den Fall mochte sich Ekkehard auf das Schlimmste bereit halten , er wußte , wie manchen priesterlichen Standes nicht die Tonsur , nicht geistlich Gewand vor dem Ausstechen der Augen oder Abhauen der Hände geschützt , wenn ' s um Rache ging . Er gedachte aus Sterben . Mit seinem Gewissen war er versöhnt , der Tod trug ihm kein Schrecknis zu , aber tief im Herzen klang doch eine leise Frage : » Warum nicht erst in Jahresfrist , nachdem mein Fuß den Twiel betrat ? « - Jetzt gingen die Träger der Sänfte langsamen Schrittes , es mochte einen Berg hinan gehen . » Auf welches der Felsennester dieses Landes schleppen sie mich ? « Ein halb Stündlein mochten sie aufwärts gestiegen sein , da schlug der Huftritt der Reiter rasselnd und hohl auf , wie wenn sie über eine hölzerne Brücke ritten . Noch blieb ' s still , kein Wächterruf , - die Entscheidung konnte nimmer fern sein . Da kam ein starkes Vertrauen über Ekkehard , die Worte des Psalms traten vor ihn : » Gott ist unsere Zuflucht und Stärke , als Hilfe in Nöten mächtig erfunden . Darum fürchten wir nichts , ob auch die Erde wechselte und die Berge wankten im Herzen des Meers . Mögen brausen die Gewässer , die Berge beben bei seinem Ungestüm . Jehovah ist mit uns , unsere Zuflucht der Gott Jakobs , Sela ... « Über eine zweite Brücke ging ' s. Ein Tor ward aufgetan , die Sänfte stand . Da huben sie ihren Gefangenen herfür , sein Fuß berührte den Boden , es war Gras - ein Flüstern schlug an sein Ohr , als wär ' viel Volk in der Nähe versammelt , der Strick um seine Hände ward gelöst . » Nehmt Euch die Binde von den Augen ! « sprach einer seiner Begleiter , er tat ' s - Herz , jauchze nicht ! er stand im Schloßhof von Hohentwiel ... Fröhlich rauschte es im ! Geäst der alten Linde , ein zeltartig Getüch war darein gespannt , Kränze von Eppich und Weinlaub hingen hernieder , der Burg Insassen standen gedrängt herum , auf steinerner Bank saß die Herzogin , der purpurdunkle Fürstenmantel wallte von den Schultern , mildes Lächeln umspielte die herben Züge - itzt erhob sich die herrliche Gestalt , sie schritt Ekkehard entgegen : » Willkommen in Hadwigs Burgfrieden ! « Er wußte kaum , wie ihm geschah , und wollte ins Knie sinken , huldreich hob sie ihn empor und winkte dem Kämmerer Spazzo , der warf seinen grauen Reitermantel ab , ging auf Ekkehard zu und umarmte ihn wie einen alten Freund : » Im Namen unserer Gebieterin empfahet den Friedenskuß ! « Flüchtig zuckte in Ekkehard der Gedanke : » Soll hier ein Spiel mit mir gespielt werden ? « aber die Herzogin rief scherzend : » Ihr seid mit gleicher Münze bezahlt . Habt Ihr vor drei Tagen die Herzogin in Schwaben nicht anders als getragen über des heiligen Gallus Schwelle kommen lassen , so war ' s billig , daß auch sie den Mann von Sankt Gallen in ihr Schloß tragen ließ . « Und Herr Spazzo schüttelte ihm nochmals die Hand und sprach : » Nichts für ungut , es war strenger Befehl so ! « - Er hatte erst den Überfall befehligt und wirkte itzt zum herzlichen Empfang , beides mit gleich unveränderter , gewichtiger Miene , denn ein Kämmerer muß gewandt sein und auch das Widersprechende in Form zu bringen wissen . Ekkehard lächelte : » Für einen Scherz « , sagte er , » habt Ihr ' s recht ernsthaft ausgeführt . « Er gedachte dabei insbesondere , wie ihm einer der Reitersmänner , da sie ihn in die Sänfte warfen , mit erzbeschlagenem Lanzenschaft einen schweren Stoß in die Seite versetzt . Das stand freilich nicht in der Herzogin Befehl , aber der Reitknecht war schon unter Luitfried , des Kammerboten Neffen , dabei gewesen , wie sie den Bischof Salomo einstmals niederwarfen , und hatte sich von dazumal die irrige Meinung eingeprägt , bei Niederwerfung geistlicher Herren gehöre ein fester Faustschlag , Stoß oder Fußtritt unumgänglich zum Landbrauch114 . Jetzt führte Frau Hadwig ihren Gast an der Hand durch den Schloßhof und wies ihm ihre lustige Behausung und die stolze Fernsicht nach Bodensee und Alpenkuppen , und der Burg Leute baten um seinen Segen - auch die Reitknechte kamen und die Träger der Sänfte , und er segnete sie alle . Dann geleitete ihn die Herzogin bis an den Eingang . Ein Bad war ihm zurechtgemacht115 und frische Gewandung bereitet ; sie hieb ihn sich pflegen und ausruhen , und Ekkehard war fröhlich und guter Dinge nach leicht erstandener Gefahr ... In der Nacht , die jenem Tage folgte , trug sich ' s im Kloster Sankt Gallen zu , daß Romeias , der Wächter , ohn ' allen Anlaß von seiner Matte auffuhr und grimmig in sein Horn stieß , so daß die Hunde im Klosterhof anschlugen und alles wach wurde und zusammenlief - und war doch weit und breit niemand , der Einlaß begehrte . Der Abt schrieb ' s auf Rechnung böser Geister , ließ aber zugleich des Romeias Vespertrunk sechs Tage lang auf die Hälfte herabsetzen , - eine Maßregel , die jedoch auf Voraussetzung eines gänzlich unrichtigen Grundes beruhte . Fußnoten A1 » Gewesen sind wir Troer « , sagt der Priester Panthus bei der Eroberung Iliums ( » Äneis « 2 , 325 ) . A2 Cicero in der zweiten Catilinarischen Rede . A3 Aus einer Ode des Horaz ( II , 6 ) : » Dies Plätzchen gefällt mir vor allen ... « A4 Fliehet eiligst ! Siebentes Kapitel . Virgilius auf dem hohen Twiel . Wenn einer seine Übersiedlung an neuen Wohnsitz glücklich bewerkstelligt hat , dann ist ' s ein anmutig und reizend Geschäft , sich wohnlich einzurichten . Ist auch gar nicht so gleichgültig , in was Stube und Umgebung einer haust , und wessen Fenster auf die Heerstraße zielen , wo die Lastwagen fahren und die Steine geklopft werden , bei dem halten sicherlich mehr graue und verstäubte als buntfarbige Gedanken Einkehr . Darüber hatte sich nun Ekkehard keine Sorge zu machen , denn die Herzogsburg auf dem Twiel lag luftig und hoch und einsam , - aber ganz zufrieden war er auch nicht , als ihm Frau Hadwig tags nach seiner Ankunft seinen Wohnsitz anwies . Es war ein groß luftig Gemach mit säulendurchteiltem Rundbogenfenster , aber an demselben Gang gelegen , an den auch der Herzogin Saal und Zimmer stießen . Der Eindruck , den einer aus abgeschiedener Klosterzelle mitnimmt , läßt sich nicht über Nacht verwischen . Und Ekkehard gedachte , wie er oftmals möge von seiner Betrachtung abgezogen werden , wenn geharnischter Fußtritt und Sporenklang oder leises Huschen dienender Mägde an seiner Tür vorüberstreife , oder wenn er sie selber , die Herrin der Burg , möge einhergehen hören - unbefangen wandte er sich an Frau Hadwig : » Ich hab ' ein Anliegen , hohe Frau ! « » Redet « , sagte sie mild . » Möchtet Ihr mir nicht zu sotanem Gelaß ein fern gelegen Stüblein zuweisen , - und wenn ' s unterm Dach oder in einem der Warttürme wäre . Der Wissenschaft , wie des Gebetes Pflege heischt einsame Stille , Ihr kennet ja des Klosters Brauch . « Da legte sich eine leise Falte über Frau Hadwigs Stirn , eine Wolke war ' s nicht , aber ein Wölklein . » Ihr sehnet Euch danach , oftmals allein zu sein ? « frug sie spöttisch . » Warum seid Ihr nicht in Sankt Gallen geblieben ? « Ekkehard neigte sich und schwieg . » Halt an « , rief Frau Hadwig , » es soll Euch geholfen werden . Seht Euch das Gelaß an , in dem Vincentius , unser Kapellan , bis an sein selig End ' gehaust hat , der hat auch so einen Raubvogelgeschmack gehabt und war lieber der höchste auf Twiel als der bequemste . Praxedis , hol ' den großen Schlüsselbund und geleite unsern Gast . « Praxedis tat nach dem Gebot . Das Gemach des seligen Kapellans war hoch oben im viereckigen Hauptturm der Burg ; langsam stieg sie mit Ekkehard die finstere Wendeltreppe hinauf , der Schlüssel knarrte schwer im lang ' nicht gedrehten Schloß . Sie traten ein . Da sah ' s gut aus . Wo ein gelehrter Mann gehaust , braucht ' s ein Stück Zeit , um seine Spuren zu verwischen . Es war ein mäßiger Geviertraum , weiße Wände , wenig Hausrat , Staub und Spinnweb allenthalb ; auf dem Eichentisch stand ein Büchslein mit Schreibsaft , längst war ' s eingetrocknet , im Winkel ein Krug , drin vielleicht einst Wein gefunkelt , auf einem Brett der Wandnische glänzten einige Bücher , aufgeschlagene Pergamentrollen lagen dabei , aber , o Leidwesen ! der Sturm hatte das Fensterlein zerschlagen , der Patz in Vincentius ' Stube war seit seinem Tod für Sonne und Regen , Mücken und Vögel frei geworden ; eine Schar Tauben war eingezogen , in ungestörter Besitzergreifung hatten sie sich zwischen der Bücherweisheit angesiedelt , auf den Briefen des heiligen Paulus und auf Julius Cäsars » Gallischem Krieg « nisteten sie und schauten verwundert den Eingetretenen entgegen . Der Tür gegenüber war mit Kohle ein Sprüchlein an die Wand geschrieben . » Martha , Martha , du machst dir um vielerlei Sorge und Unruh ' ! « las Ekkehard ; » soll das des Verstorbenen letzter Wille sein ? « frug er seine liebliche Wegweiserin . Praxedis lachte : » ' s war gar ein behaglicher Herr « , sprach sie , » der Herr Vincentius selig . Ruhe ist mehr wert als ein Talent Silbers116 , hat er oft gesagt . Die Frau Herzogin aber hat ihm arg zugesetzt , immer gefragt und was anderes gefragt : heut von den Sternen am Himmel , morgen von Arzneikraut und Heilmitteln , übermorgen aus der Heiligen Schrift und Überlieferung der Kirche - wozu habt Ihr studiert , wenn Ihr keinen Bescheid wisset ? dräute sie , und Herr Vincentius hat einen schweren Stand gehabt - « Praxedis deutete schalkhaft mit dem Zeigefinger nach der Stirn - » Mitten im Land Asia « , hat er meistens erwidert , » liegt ein schwarzer Marmelstein ; wer den aufhebt , der weiß alles und braucht nicht mehr zu fragen ... Er war aus Bayerland , der Herr Vincentius , den Bibelspruch hat er wohl zu seinem Trost hingeschrieben . « » Pflegt die Herzogin so viel zu fragen ? « sprach Ekkehard zerstreut . » Ihr werdet ' s wahrnehmen « , sagte Praxedis . Ekkehard musterte die zurückgebliebenen Bücher . » Es tut mir leid um die Tauben , die werden abziehen müssen . « » Warum ? « » Sie haben das ganze erste Buch des , Gallischen Kriegs ' verdorben , und der Brief an die Korinther ist mit untilgbaren Flecken belastet ... « » Ist das ein großer Schaden ? « frug Praxedis . » Ein sehr großer ! « » O ihr arme böse Tauben « , scherzte die Griechin , » kommt her zu mir , eh ' der fromme Mann euch hinausjagt unter die Häher und Falken . « Und sie lockte den Vögeln , die unbefangen in der Büchernische verblieben waren , und wie sie nicht kamen , warf sie einen weißen Wollknäuel auf den Tisch , da flog der Tauber herüber , vermeinend , es sei eine neue Taube angekommen , und ging dem Knäuel mit gemessenen Schritten entgegen , zwei vor und einen zurück , und verbeugte sich und grüßte mit langgezogenem Gurren . Praxedis aber nahm den Knäuel an sich , da flog ihr der Vogel auf den Kopf . Da hub sie leise an , eine griechische Singweise zu summen ; es war das Lied des alten , ewig jungen Sängers von TejosA1 : » Ei sieh , du holdes Täubchen , Wo kommst du hergeflogen ? Woher die Salbendüfte , Die du , die Luft durchwandelnd , Aushauchst und niederträufelst ? Wer bist du ? was beliebt dir ? « Ekkehard horchte hoch auf und warf einen schier erschrockenen Blick von dem Kodex , den er durchblätterte , herüber ; wäre sein Aug ' für natürliche Anmut geübter gewesen , so hätt ' es wohl länger auf der Griechin haften dürfen . Der Tauber war ihr auf die Hand gehüpft , sie hielt ihn mit gebogenem Arm in die Höhe - Anakreons alter Landsmann , der dereinst den parischen Marmorblock zur Venus von Knidos umschuf , hätte das Bild dauernd seinem Gedächtnis eingeprägt . » Was singt Ihr ? « fragte Ekkehard . » Das klingt ja wie fremde Sprache . « » Warum soll ' s nicht so klingen ? « » Griechisch ? ! « » Warum soll ich nicht Griechisch singen ? « gab ihm Praxedis schnippisch zurück . » Bei der Leier des Homerus « , sprach Ekkehard verwundert , » wo in aller Welt habt Ihr das erlernet , unserer Gelehrsamkeit höchstes Ziel ? « » Zu Hause ! ... « sagte Praxedis gelassen und ließ die Taube zurückfliegen . Da schaute Ekkehard noch einmal in scheuer Hochachtung herüber . Bei Aristoteles und Plato war ' s ihm seither kaum eingefallen , daß auch zur Zeit noch lebende Menschen griechischer Zunge auf der Welt seien . Wie eine Ahnung zog ' s durch seinen Sinn , daß hier etwas verkörpert vor ihm stehe , das ihm trotz aller geistlichen und weltlichen Weisheit fremd , unerreichbar ... » Ich glaubte als Lehrer gen Twiel zu kommen « , sprach er wehmütig , » und finde meine Meister . Wollt Ihr von Eurer Muttersprache mir nicht auch dann und wann ein Körnlein zuwenden ? « » Wenn Ihr die Tauben nicht aus der Stube verjagt « , sprach Praxedis . » Ihr könnt ja ein Drahtgitterlein vor die Nische ziehen , wenn sie Euch ums Haupt fliegen wollen . « » Am eines reinen Griechisch willen ... « wollte Ekkehard erwidern , aber die Türe der engen Klause war aufgegangen . - » Was wird hier von Tauben und reinem Griechisch verhandelt ? « klang Frau Hadwigs scharfe Stimme . » Braucht man so viel Zeit , um diese vier Wände anzuschauen ? Nun , Herr Ekkehard , taugt Euch die Höhle ? « Er nickte bejahend . » Dann soll sie gesäubert und in Stand gesetzt werden « , fuhr Frau Hadwig fort . » Auf , Praxedis , die Hände gerührt und vor allem das Taubenvolk verjagt ! « Ekkehard wollte es wagen , ein Wort für die Tauben einzulegen . » Ei so « , sprach Frau Hadwig , » Ihr wünschet allein zu sein und Tauben zu hegen . Soll man Euch nicht auch eine Laute an die Wand hängen und Rosenblätter in Wein streuen ? Gut , wir wollen sie nicht verjagen ; aber heute abend sollen sie gebraten unsern Tisch zieren . « Praxedis tat , als habe sie nichts gehört . » Wie war ' s mit dem reinen Griechisch ? « frug nun die Herzogin . Unbefangen erzählte ihr Ekkehard , um was er die Griechin angegangen , da zogen die Stirnfalten wieder bei Frau Hadwig auf : » Wenn Ihr so wißbegierig seid , so mögt Ihr mich fragen « , sagte sie , » auch mir ist die Sprache geläufig . « Ekkehard sprach nichts dagegen . In ihrer Rede lag meistens eine Schärfe , die das Wort der Erwiderung im Munde abschnitt . - Die Herzogin war streng und genau in allem . Schon in den ersten Tagen nach Ekkehards Ankunft entwarf sie , einen Plan , in welcher Art sie zur Erlernung der lateinischen Sprache vorschreiten wolle . Da fanden sie es am besten , eine Stunde des Tages der löblichen Grammatik zu bestimmen , eine zweite der Lesung des Virgilius . Auf letztere freute sich Ekkehard sehr , er gedachte sich zusammenzufassen und mit Aufbietung von Wissen , Schärfe und Feinheit der Herzogin die Pfade des Verständnisses zu