lachte , so fuhr er fort : » So wären wir also handelseins , aber das muß ich mir ausbedingen , daß ich unterzwisperts nach meinem Lamm schauen darf , ob ' s auch in guter Wartung steht , denn es ist und bleibt mein Eigentum , und ich will ' s hier nur eingestellt haben ; also von Zeit zu Zeit werd ich so frei sein und anfragen , ob ' s brav gedeiht . « Dabei krabbelte er kunstgerecht an dem Lämmchen herum , wartete keine Antwort ab , sondern sprang gewandt wie ein Kavalier auf andere Dinge über , schwatzte von dem und jenem , streichelte und neckte den kleinen Wollkopf , der , dem Äußern nach noch glücklicher als Christine , sein gerettetes Lamm festhielt , fragte nach den beiden älteren Söhnen , welche ja seine Schulkameraden seien , und als die Mutter nicht ermangelte , dieselben herbeizurufen , so lud er sie kurzweg ein , den » Weinkauf « über den abgeschlossenen Handel zu trinken , denn derselbe müsse stät und fest sein . Dabei faßte er die beiden Bursche , die ungefähr in seinem Alter sein mochten , an den Armen , trieb sie zur Tür hinaus , ohne ihnen Zeit zu einer Widerrede zu lassen , nahm Abschied und war mit ihnen fort , ehe jemand etwas zu tun oder zu sagen wußte . Die Hirschbäuerin allein war gefaßt genug , ihm nachzurufen , er möchte so frei sein , ihnen bald wieder die Ehre zu schenken . Der Hirschbauer sah sein Weib eine Weile in stiller Verwunderung an , während Christine sich wieder auf die Seite machte , um wenigstens dem ersten Anlauf etwaiger Erörterungen auszuweichen , wobei sie jedoch wohlweislich die Türe ein wenig offen ließ . » Das hätt ' st du auch können bleiben lassen « , sagte er endlich verdrießlich , » es kommt mir grad vor , wie wenn man dem Marder den Schlüssel zum Taubenschlag ausliefert . « » Wenn du dich nur nicht auf Gesichter verstehen wolltest « , entgegnete sie . » Hast ihm denn nicht in die Augen gesehen ? Der meint ' s ehrlich . « » Ein Sohn aus einem fürnehmen Haus ! « » Ei , hat nicht auch der reiche Boas die Ruth geheiratet , die arme Ährenleserin ? « » Man lebt jetzt nicht mehr im Alten Testament . Und wenn auch er aus der Art geschlagen wär , was wird der Sonnenwirt dazu sagen ? Wart , du wirst eine Ehr aufheben . « » Kommt Zeit , kommt Rat . « » Die Zeit bringt nicht bloß Rosen , sie bringt auch Disteln . « » Je nachdem man ' s pflanzt . Das Sprichwort sagt : Mädchen müssen nach einer Feder über drei Zäune springen . Von den armen gilt das zweimal . « » Ich will mein Kind keinem nachwerfen « , fuhr er auf . » Davon ist auch nicht die Red « , sagte sie . » Nachwerfen und Versorgen ist nicht einerlei . Wenn du das aber so sicher hast , wie den Weck auf ' m Laden , so kannst du freilich sitzen und warten , bis ein Freier aus Schlaraffenland angeritten kommt , um sich die vollen Kisten und Kasten zu besehen . « » Schwätz du dem Teufel ein Ohr weg « , sagte er , der Türe zugehend . » Ich aber will keine Unehr und keinen Unfrieden von der Sach haben . « » Du bist kurz angebunden « , warf sie ihm nach , » und aber , was du sagst , gibt auch noch kein ' langen Faden . Denk nur auch dran , daß das fürnehm Füllen einen großen Fleck hat , der ' s nicht schöner macht . Der Sonnenwirt muß ja selber wissen , daß er nicht mehr den höchsten Preis daraus löst . Aber was zum Reitpferd verdorben ist , gibt oft noch ein gutes Ackerpferd , und einem geschenkten Gaul guck ich nicht ins Maul . « Der Alte blieb in der Türe stehen . Die letzten Bemerkungen seines Weibes schienen ihm doch einigermaßen einzuleuchten . Er antwortete nichts darauf , dachte aber eine Weile nach und ging dann mit einem halb mürrischen , halb zufriedenen Brummen hinaus . Die Mutter rief Christinen , die gar nicht weit gewesen war . » Mach , daß du an die Kunkel kommst , Sonnenwirtin « , sagte sie . » Meinst du , es sei schon so weit und du könnest Feierabend machen ? « » Mutter « , erwiderte das Mädchen , auf die grobe Füllung der Kunkel deutend , » ich weiß wohl , das gibt kein Hochzeitskleid . « » Unser Herrgott hat die Welt aus nichts erschaffen und den Menschen aus einem Erdenkloß . Die Amtmännin ist , just wie ihre Kathrine , eine arme Hausjungfer gewesen bei einer großen Herrschaft , und jetzt ist sie eine allmächtige Frau , die einen ganzen Flecken regiert , und wie ! Laß du nur den lieben Gott walten . Aber das sag ich dir « , rief die alte Bäuerin mit erhobener Stimme , indem sie dicht vor ihre Tochter trat und ihr die geballte Faust vor das Gesicht hielt , » das sag ich dir , daß du mir keinen dummen Streich machst , sonst lass ich kein ganzes Glied an dir . « Christine antwortete nichts , sie spann emsig fort und ließ die Spindel nur leise auf dem Boden tanzen . Während dieser Zeit war es ihren Brüdern im Bäckerhause , wohin Friedrich sie geführt , nicht wenig wohlgegangen . Wein war eine seltene Kostbarkeit für sie , und die Kameradschaft des Sonnen wirtssohnes schmeichelte ihnen , unerachtet des Makels , der ihm anklebte , so sehr , daß sie den Mund kaum zusammenbrachten und jeden Spaß , den er auftischte , mit lautem Gelächter begrüßten . Christinens wurde mit keinem Wort erwähnt , aber beim Aufbruch gab er ihnen eine Flasche von seinem » Grillengift « mit , damit die zu Hause , wie er sich ausdrückte , auch etwas davon hätten . Ohne Zweifel hatte er damit nicht bloß die beiden Alten gemeint . Zur Steuer der Wahrheit und Vollständigkeit der Geschichte muß noch gesagt werden , daß er die Zeche schuldig bleiben und sich von der schmunzelnden Wirtin eine Borgfrist von etlichen Tagen erbitten mußte ; denn der Schafhandel , so große Vorteile er ihm auch in der Zukunft versprach , hatte für den Augenblick seine Barschaft völlig erschöpft . Im Weggehen wandte er sich an den einen von seinen beiden neuen Freunden . » Tätest mir einen Gefallen , Jerg ? « » Zwei für ein ' , Frieder . « » Ich hab eine schöne Pirschbüchse « , sagte er lächelnd , » die mir unwert geworden ist . Sei so gut und trag sie morgen nach Rechberghausen zum Krämerchristle ; der wird dir dafür geben , was recht und billig ist . Erinnere ihn , daß er mir versprochen habe , sie wieder zurückzunehmen , wenn ich sie nicht mehr wolle . Ich muß morgen meinem Vater einen Gang nach Eßlingen tun und kann ' s also nicht selbst besorgen . Auf die Nacht , wenn ' s dunkel ist , geb ich dir das Gewehr , und morgen abend , wenn ich von Eßlingen komm , könntest draußen auf der Ruhbank auf mich warten . « » Gern . « » Der dreiäugig Spitzbub ! « rief er am andern Abend , als er das Geld zählte , mit welchem ihn sein Freund vor dem Flecken an der Straße erwartete , » der nimmt ja einen Heidenprofit und milkt mich wie eine Kuh , aber ich will ihn schon dafür kriegen . Was hat er denn gesagt ? « » Er hat gesagt , er hab dir freilich versprochen , er wolle die Büchse wiedernehmen , aber nur für den Fall , daß sie dir nicht gut genug sei , und das könnest du selbst nicht sagen ; aber daß die Katze je vom Mausen lassen könnte , das hab er nicht geglaubt und auch kein Versprechen darauf getan . « Friedrich lachte überaus lustig . » Der Galgenstrick ! « sagte er , » so , der will mich noch dafür strafen ? Nun « , setzte er mit ernstem Tone hinzu , » ich hoff , das soll meine letzte Strafe gewesen sein . Auf dem Weg , den ich geh , kann ich keine Strafe mehr brauchen . « Es war ein doppelter Zweck , den er mit diesem Geschäft erreichen wollte . Erstens hatte er nun wieder etwas Klingendes in der Tasche , denn es wäre ihm unerträglich gewesen , mit leeren Händen zu lieben . Zweitens aber - und das war der Grund , warum er Christinens Bruder mit dem Verkauf des Jagdgewehres beauftragt - hatte er sein Mädchen in verdeckter Weise wissen lassen , daß er um ihretwillen nicht bloß auf den Pfad der Tugend zurückkehren , sondern auch jeden andern Weg meiden wolle , der , wenn auch nicht gerade bürgerliche Verabscheuung darauf ruhte , doch anderswohin als zu der Verbindung mit ihr führen konnte . 6 Immer häufiger wurden die Besuche und heimlichen Berichte , die der Fischer der Sonnenwirtin abstattete und für die er nicht nur manche Guttat aus Küche und Keller nach Hause trug , sondern auch das Versprechen erhielt , daß es ihm dereinst , wenn sie durch allfällige Ereignisse zur ausschließlichen Herrschaft im Hause gelangen würde , noch viel besser gehen solle . Denn wer hinderte sie zu hoffen , daß , wenn der einzige Sohn aus der Art schlüge und sich selbst um die Erbschaft betröge , sie durch ein Testament ihres Mannes , dem sie im Alter ziemlich weit nachstand , in die Führung der Wirtschaft eingesetzt werden könnte , zu welcher sie sich für tüchtiger erkannte als die beiden Tochtermänner , den Chirurgus und den Handelsmann . Aber auch unter den Mitbürgern des jungen Mannes erregte das neue Leben , das ihm aufgegangen war , ein großes Gemurmel . Man konnte der Familie des Hirschbauern nichts vorwerfen als ihre Armut , allein diese Eigenschaft genügte , um den Umgang eines Wohlhabenden mit ihr für die öffentliche Meinung des Fleckens , und zumal in den Augen des städtisch gekleideten Teils desselben , höchst verwerflich zu machen . Gestern hatte man sie noch mit einer Mischung von Mitleid und Geringschätzung arme Leute genannt , heute hieß man sie schon Gesindel , das mit Preisgebung der eigenen Ehre ein ungeratenes Früchtlein aus gutem Hause einziehe ; und Friedrich selbst , dem man seine bisherigen Jugendstreiche beinahe so gut wie vergeben hatte , kam nun als Genosse dieser Verachtung nur um so schlimmer weg , indem man alles Vergangene auffrischte , um zu beweisen , daß er von jeher nur Zuneigung zu schlechtem Volke und Hang zu schlechten Streichen gehabt habe . Ihm wurde es als Verbrechen geachtet , daß er sich zu so geringen Leuten herunter gab ; Christinen und den Ihrigen wurde es als Schimpf angerechnet , daß sie sich mit einem gewesenen Sträfling einließen , der doch so manchem , wenn er seine Neigung anderswohin gewendet haben würde , gut genug gewesen wäre . Das Gerücht von abermaliger übler Aufführung des jungen Sonnenwirtle drang bald zu der Frau Amtmännin , die es nach Kräften verbreitete und in den nächsten Tagen der Frau Pfarrerin , als diese auf einen Nachmittagsbesuch zu ihr kam , erzählte . Diese wußte es schon , obgleich nicht so vollständig wie die Frau Amtmännin . Beide Frauen ließen die Sonnenwirtin holen und empfingen sie mit einem Strom von wetteifernden Zurufen : » Denk Sie doch , Frau Sonnenwirtin « - und : » Ei , was denkt Sie denn , daß Sie Ihrem ungeratenen Sohn so freien Lauf läßt - Weiß Sie denn auch - ? Das sollt Sie seinem Vater sagen , damit er dem Unfug ein Ende macht ! « Die Sonnenwirtin , als sie endlich das Wort ergreifen konnte , versicherte zum größten Verdruß der beiden vollgeladenen Erzählungshaubitzen mit Seufzen , daß sie von allem bereits vollständig unterrichtet sei ; dem Vater , setzte sie kopfhängerisch hinzu , habe sie bisher nichts sagen mögen , teils um ihm einen so schweren Herzstoß , teils um dem Sohn , den sie vergebens in Güte herumzubringen gehofft , böse Tage zu ersparen ; sie sehe aber wohl ein , daß sie endlich , obgleich ungern genug , den Mund auftun müsse . In diesem löblichen Vorsatze mit vereinten Kräften von ihnen bestärkt , ging sie in die Sonne zurück und machte ihrem Manne die schon längst für eine passende Stunde aufgehobene Eröffnung , daß sein Sohn mit einem Lumpenmädchen , mit einem Bettelmensch sich in eine Liebschaft eingelassen habe . Sie hatte aber nicht den rechten Augenblick gewählt , denn der Sonnenwirt antwortete ganz trocken : » Das ist seine Sache , Jugend will vertoben , man kann nicht nach allen Mucken schlagen , die Kuh muß auch dran denken , daß sie selbst ein Kalb gewesen ist . « - » Ich weiß gar nicht , wie du mir vorkommst « , sagte die Sonnenwirtin , » man sollt ja meinen , du seiest in deiner Jugend ärger gewesen als der Herzog selbst . « Der Sonnenwirt lachte pfiffig vor sich hin , denn es ergötzte ihn , seine Frau an derartigen Vorstellungen , die sie ärgerten , kauen zu sehen ; dann sagte er im Fortgehen : » Ich will ihm übrigens bei Gelegenheit ein wenig den Marsch machen , damit er nicht meint , es werde ihm durch die Finger gesehen ; wenn ' s einmal Frühling ist , so kann man nicht alle Kräutlein hüten , aber man muß davor sein , daß nicht der ganze Salat schießt ; auch würd ich mich dafür bedanken , nachher einen Schaden zu haben und noch einen Spott dazu . « - Die Sonnenwirtin sah ihm , als sie allein war , mit starkem Kopfschütteln nach und sagte giftig hinter ihm drein : » Du mußt mir ein sauberes Kraut gewesen sein in deinem Frühling . « Sie brachte es auch mit wiederholten Vorstellungen nicht weiter , als daß der Alte einmal gegen seinen Sohn im Vorübergehen einige Worte hinwarf . » Sieh dich vor , du ! « bemerkte er ihm , » du weißt , das Sprichwort sagt , an rußigen Kesseln wird man schwarz ; wenn ' s zu Dummheiten kommt , so hoffe nicht , daß du an mir einen Helfer in der Not haben werdest . « Die Bemerkung war eine von denen , die keine Antwort verlangen , und Friedrich ließ sie auch unerwidert , denn er konnte sich wohl denken , daß er durch eine Darlegung seiner wahren Absicht den Vater nicht sonderlich begütigen , sondern eher einen Kampf mit ihm herbeiführen würde , den er solang als möglich hinauszuschieben gesonnen war . Übrigens schien das Sprichwort , das jener angeführt , seinen Inhalt an ihm bewähren zu wollen , denn Friedrich wurde um diese Zeit in einen verdrießlichen Handel verwickelt . Der obere Müller , der ohnehin nachgerade einen großen Haß auf ihn geworfen hatte , vermißte eines Morgens einen Bienenkorb . Es hing von der Person und den Verhältnissen des Täters ab , ob man diese Entwendung als eine Tat bübischen Mutwillens oder als einen gemeinen Diebstahl betrachten wollte . Der Verdacht fiel auf einen der Söhne des Hirschbauern , dessen Armut und neuerliche Verrufenheit für die niedrigere Auffassung der jedenfalls unsauberen Handlung entschied , und es fanden sich Augenzeugen , welche an dem der Entdeckung vorhergegangenen Abend spät gesehen haben wollten , wie Friedrich auf der Brücke unweit der Mühle seinem Gesellen pfiff . Es konnte jedoch nichts bewiesen werden , und die Sache mußte beruhen bleiben ; aber das Gerücht ruhte nicht , und die aus vorsichtiger Ferne geschleuderten Schimpfreden des Müllers gaben dem Verwerfungsurteil über die Wahl des jungen Mannes neue Nahrung . Dieser hat übrigens , als er zehn Jahre später über ganz andere Dinge die umfassendsten und rückhaltlosesten Bekenntnisse ablegte , jede Teilnahme an jenem verhältnismäßig geringen Vergehen standhaft in Abrede gezogen . Die Sonnenwirtin würde zweifelsohne nicht unterlassen haben , von diesem Vorfall in täglichen und nächtlichen Gesprächen mit ihrem Manne erschöpfenden Gebrauch zu machen , allein sie mußte es bei einer kurz und hart hingeworfenen Mitteilung der Neuigkeit bewenden lassen , welche auf den Sonnenwirt diesmal einen beinahe nur oberflächlichen Eindruck machte , weil ihm selbst ein viel schlimmerer Handel auf den Hals gekommen war , infolgedessen zwischen den beiden Eheleuten wochenlang außer dem Nötigsten nur wenig , und auch dieses Wenige nicht in Güte gesprochen wurde . Gegen den Sonnenwirt hatte nämlich eine jener liebreichen Basen , die es überall gibt und die niemals reichlicher blühten als in der sogenannten guten alten Zeit , natürlich nur aus den höchsten und reinsten Beweggründen , nichts Geringeres als eine Ehebruchsanzeige vor das geistliche Gericht gebracht . Die Denunziation war , ihrer Urheberschaft gemäß , von der Angabe zahlloser Einzelheiten und haarkleiner Umstände begleitet , so daß der an sich unwahrscheinliche Verdacht gegen einen Mann in den Sechzigen und eine zwar » rösche « ( noch frische ) , aber wohlberufene Witwe , denn eine solche war der Mitgegenstand der Anklage , doch etwas Fleisch und Blut erhielt . Eine lange und widrige Untersuchung wurde eingeleitet , bei welcher eine Reihe von Zeugen erscheinen mußten , ohne daß jedoch der Bezicht zu jenem Grade erhärtet wurde , der das Gericht genötigt hätte , an eine Verschuldung zu glauben . Auch die beiden Angeklagten gestanden nicht das mindeste Verdächtige ein , und die Angeberin , da sie sah , daß sie ihre Klage nicht beweisen konnte , zog dieselbe zurück . Sie glaubte , mit einem Widerrufe davonzukommen , allein der Sonnenwirt verlangte für sich und seine mitangeklagte Gevatterin Satisfaktion , und so wurde sie wegen Lügens und falschen Denunzierens zu einer übrigens mäßigen Geldstrafe , in welche sich die Herrschaft ( der Staat ) und der » Heilige « teilten , sowie zur Abbitte verurteilt . Aus Rücksicht auf den dem Honoratiorentum verwandten Stand des Sonnenwirts wurde die Sache nicht auf dem Rathaus , sondern im Amthause verhandelt , auch in das Kirchenkonventsprotokoll nur ein kurzer Auszug aufgenommen und die Untersuchung selbst in einem Separatprotokoll niedergelegt , welches man jedoch , um aller Verantwortung enthoben zu sein , an das Oberamt einsendete , wo sodann , da die Akten keine bestimmten Verdachtsgründe ergaben , die Angelegenheit ohne weitere Folgen liegen blieb . Wie es jedoch in allen solchen Fällen zu geschehen pflegt , so blieb genug davon an den Beteiligten hängen , und in der Sonne schienen die Flecken über den Glanz Meister zu werden , zumal die Geistlichkeit in ihrer Abneigung vor jedem Skandal das Monatskränzchen , das überhaupt nur unter einem sehr nachsichtigen Vorgesetzten im Wirtshause gehalten werden konnte , eingehen ließ . Denn der Spezialsuperintendent , dein sie untergeben war , stand seinerseits unter einem Konsistorialrat , der das im Evangelium erzählte Erscheinen seines obersten Kirchenherrn auf der Hochzeit zu Kana mit den Worten verurteilte : » Hätt ' s auch können bleiben lassen ! « Unter allen Nachwehen aber , die den Sonnenwirt trafen , plagte ihn am empfindlichsten die Eifersucht seiner Frau ; denn diese wollte ihn nicht freisprechen , wie die Konventsrichter ihn freigesprochen hatten . Ihr Schweigen und Trutzen veranlaßte ihn , sie geradezu zu fragen , ob sie denn etwas von der Verleumdung glaube ; worauf sie seufzend erwiderte , sie stelle die Sache Gott anheim , der ins Verborgene sehe . Auf diese Weise wußte sie jedem unmittelbaren Wortwechsel auszuweichen , quälte aber ihren Mann teils durch finsteres Stillschweigen , teils durch abgebrochene Redensarten , die ihn von weitem her trafen und wehrlos stachen , weil er sie nach dem Wortlaut nicht auf sich beziehen mußte und doch dem Sinne nach auf niemand anderes beziehen konnte . So erzählte sie ihm spöttisch , sein Sohn habe auch wieder einmal einen kleinen Verdruß gehabt , es sei nur schade , daß die Sache werde weltlich vom Amt allein abgemacht werden , denn wenn sie geistlich gerichtet würde , so könnte man immerhin hoffen , daß die Konventsherren ein Einsehen haben würden von wegen der Süßigkeit des Honigs ; dann schimpfte sie auf den Hirschbauer und seinen Sohn und bemerkte dabei , der Apfel falle eben nicht weit vom Stamme , es sei gemeiniglich einer so liederlich wie der andere ! Durch dieses Betragen , bei welchem die Leidenschaft ihr Salz dumm gemacht hatte , trieb sie den Vater auf die Seite des Sohnes und versäuerte ihm die Neigung , gegen etwaige Irrgänge desselben einzuschreiten . Friedrich hatte in dieser Widerwärtigkeit von Anfang an fest die Partei seines Vaters genommen . Zu Hause schwieg er über den kitzlichen Gegenstand , wie jedermann dort darüber schwieg . Auswärts aber wachte er über jedes Wort , das die Leute redeten , und wehe dem , der sich die geringste Anspielung erlaubte ! Die Ohrfeigen und Püffe , die er , oft nur im Vorübergehen auf der Straße , austeilte , wurden sprichwörtlich ; denn sein Eifer bedachte auch manchen Unschuldigen , der mit seiner Rede etwas ganz anderes gemeint hatte . Durch diese beständige Kriegsbereitschaft wurde die Zahl seiner Freunde nicht vermehrt . Sein Vater aber schien ihm , ohne jedoch viel mit Worten merken zu lassen , so gewogen , daß Friedrich oft dachte , er könne kaum eine günstigere Zeit finden , um sich die väterliche Einwilligung zur Heirat mit der Tochter des Hirschbauers zu erbitten . Vielleicht wäre sie ihm zuteil geworden und hätte den Wildbach seines Schicksals in ein fortan friedliches Bette geleitet . Doch wer kann dies sagen ? Vielleicht wäre es auch dein Vater in dieser milden Stimmung gelungen , den Sohn , der guten Worten so zugänglich war , andern Sinnes zu machen , bevor er sich unwiderruflich gebunden hätte . Allein der Sonnenwirt berührte den Gegenstand nicht mehr , weil er nach seiner Sinnesart nicht daran dachte , daß es seinem Sohne mit dieser Liebschaft Ernst sei , und diesem fehlte immer noch die Hauptbedingung , die ihm die Zunge lösen konnte , nämlich das Jawort des Mädchens , das er liebte . Er hatte von der Erlaubnis , nach seinem Lamm zu sehen , möglichst fleißigen Gebrauch gemacht , er hatte Christinen durch Vermittlung ihrer Brüder , denen er das Geld dazu gab , in den Lichtkarz und auf den Tanzboden gebracht , er hatte keine Gelegenheit versäumt , mit ihr zusammenzutreffen , aber seine Wünsche waren noch weit von ihrem Ziel . Beim Heimgehen von einem Tanze , wo er sie begleitete und eine Strecke hinter ihren Brüdern blieb , flüsterte er ihr alles Liebe und Schmeichelnde zu , was ihm sein Herz zu dieser Stunde eingab ; sie ging still und vor sich blickend neben ihm her , und als er heftig beteuerte , er müsse noch ihr Schatz werden , er tue es nicht anders , oder er gehe weit fort nach Amerika , antwortete sie lachend : » Mein Schatz , das kannst du schon sein , aber damit bin ich der deine noch nicht ; nach Amerika mußt aber nicht gehen , denn da geht niemand hin , der was recht ' s ist . « Mit einem Sprung war sie bei ihren Brüdern und neckte ihn , daß er so langsam nachkomme . Wie sie ihm aber an ihrem Hause gute Nacht sagte , traf sie ihn wieder mit einem Blicke , wovon ihm das Herz wirbelte . So hielt sie ihn , und ließ ihn doch nicht näher kommen . Wenn sie allein mit ihm war , benahm sie sich scheu , und vor den Leuten war sie schnippisch gegen ihn . Er sagte sich , daß sie als ein armes Mädchen gegen ihn , den Sohn wohlhabender Leute , die sie nicht mit günstigen Augen ansehen würden , doppelt auf ihre Freiheit zu halten berechtigt sei ; deshalb ertrug er ihr Wesen mit ungewohnter Geduld und begnügte sich mit der halben Gunst , daß sie unter vier Augen du zu ihm sagte . Wenn er bei einer solchen Gelegenheit einen Kuß begehrte , so konnte sie ihm den Bescheid geben : » Ich will mich noch besinnen , bleibenlassen ist gut dafür . « Wurde er dringender , so sagte sie : » Soll ich mich zu meinem Schafknecht so heruntergeben ? « und entsprang ihm lachend . Ihre Augen aber fuhren fort , das Gegenteil von ihren Worten zu reden , und dies gab ihm wieder eine Zuversichtlichkeit , die sie zu beleidigen und zu nur um so übermütigeren Zurückweisungen zu reizen schien . » Ja , ja , man darf nur knallen und ausfahren ! « pflegte sie bei solchen Anlässen spöttisch zu sagen . Endlich aber erwachte der ungestüme Zorn in ihm , den er so lange gebändigt hatte . An einem sonnigen Dezembernachmittage kam er an ihrem Haus vorbei ; sie hatte ihn den Fußweg kommen sehen und stand hinter dem Hause , wo das freie Feld sich öffnete und die Berge der Alb herunterschauten . Er tat , als führe ihn der Weg nur so vorbei ; denn er hatte sich aus Unmut ein paar Tage nicht blicken lassen . Als er sie sah , grüßte er und lud sie zum Mitgehen ein , sie schlug es ab , fragte aber , warum er » nirgends hinkomme « . » Bist brav ? « fragte er dagegen .. » Freilich ! « erwiderte sie . » Gib mir einmal deine Hand « , sagte er . Sie ließ ihm die Hand , und er versuchte , ihr schnell und verstohlen einen Silberring an den Finger zu stecken . » Du tust mir ja so weh ! « schrie sie , denn sie fühlte bloß einen Druck und Schmerz am Finger , ohne zu wissen , woher : » Wer wird einem auch so weh tun ! « Indem sie sich sträubte und ihre Hand aus der seinen zu ziehen suchte , fiel das Ringlein zu Boden . » So ! « sagte er in ausbrechendem Grimme , » ichhab ' s nicht hingeworfen , ich brauch ' s auch nicht aufzuheben , und wenn du nicht anders wirst , so kann meinetwegen der Handel zu Ende sein . « » Komm , Hansele ! « rief Christine dem Lamme zu , das frei umherging und in diesem Augenblicke zu ihr gesprungen kam , » komm , dein Herr will dich mitnehmen , der Handel , sagt er , reue ihn . « Friedrich gab dem armen Tiere einen Stoß , daß es an die Wand flog , und ging ohne Abschied fort . » Bin ich mit dem Puff gemeint gewesen ? « rief ihm Christine nach . Er hörte es nicht mehr , wenigstens gab er keine Antwort . Sie setzte sich zu dem Lämmchen , das jämmerlich schrie , auf den Boden , streichelte und untersuchte es ; es hinkte ein wenig , hatte aber sonst keinen Schaden genommen . Nachdem sie es beruhigt , suchte sie nach dem Ringlein , das sie bald im Grase fand ; sie steckte es an den Finger und sah eine Weile seufzend hinter dem Trotzkopf her , dann zog sie es wieder ab und verbarg es sorgfältig an ihrer Brust . Friedrich strafte sie mit achttägigem Wegbleiben . Es kam ein großer Markttag und mit ihm der letzte Tanz vor der geschlossenen Zeit , die von Weihnachten bis Neujahr dauert . Sonst hatte er immer dafür gesorgt , daß sein Mädchen zum Tanze kam ; diesmal tat er keinen Schritt . Auch er war entschlossen , nicht hinzugehen ; als er aber von weitem die bekannten Töne des Ländlers vernahm , spiegelte er sich vor , er wolle seinen Unmut vertanzen und vertrinken . Gesagt , getan ; aber das erste , was ihm beim Eintritt in die Augen fiel , war Christine , die anscheinend sehr wohlgemut mit einem jungen Burschen tanzte . Er hätte laut aufschreien und dreinschlagen mögen , aber er bezwang sich und wählte schnell eine Tänzerin . Christinen zum Trotz tanzte er unaufhörlich , ohne sie ein einziges Mal aufzufordern . Aber auch sie blieb nicht verlassen sitzen , denn die Buben , wie man die jungen unverheirateten Männer nennt , kümmerten sich wenig um das , was man im Flecken über ihre Familie sprach , und hatten Wohlgefallen an ihrer Jugend und Schönheit . Sie war jedoch darauf bedacht , mit keinem zweimal nacheinander zu tanzen , und auch er wechselte seine Tänzerinnen fleißig , denn so gerne er ihr einen eifersüchtigen Verdruß bereitet haben würde , so fand er doch keine , mit der er durch längeres Zusammenhalten in den Ruf einer Liebschaft hätte kommen wollen . Sonst hatte er , wie es bei verbundenen Paaren Sitte ist , nur mit ihr und sie nur mit ihm getanzt ; heute machten sie jedes für sich die Runde durch die ganze junge Welt , soweit sie nicht verliebt oder verlobt , verbandelt oder verhandelt war . Einmal kamen sie beim Ausruhen nebeneinander zu stehen . » Tut ' s so ? « fragte Christine freundlich und gelassen zu ihm herüber . » Ich mag mich nicht am Narrenseil herumführen lassen « , schnaubte er zu ihr hinüber und riß seine Tänzerin von neuem in die Reihe . Sein Herz kochte , das Tanzen war ihm entleidet , und er setzte sich zum Wein , den er mit Heftigkeit in sich goß . Gleichgültig und düster sah er von hier aus der Lustbarkeit der andern zu , oder vielmehr , er sah nur Christinen , die zwar keinem einzelnen besondere Gunst erwies , aber