Thee ein Pfund Zucker , aber von dem , der zehntausend Francs das Pfund kostet . So theuren Zucker möchte ich Ihnen freilich nicht umsonst geben und mir doch auch nicht von Ihnen bezahlen lassen . Mir fällt ein Ausweg bei ! Bringen Sie die zehntausend Francs in Banknoten mit und wir werden mit diesen die Flamme unter dem Theekessel heizen . Dann beweisen wir Beide gleiche Uneigennützigkeit . - Der angehende Diplomat findet im Augenblick keinen passenden Rückzug und sagt zu , erzählt aber die Sache einigen Freunden , die diesen Thee allzu gezuckert finden . Ich selbst sagte ihm : Madame die zehntausend Francs geben , es ist theuer , aber es passirt ! Sie verbrennen , das wäre Tollheit ! Sie richten damit Ihre Carrière zu Grunde , denn kein Minister des Aeußern wird einen Narren zu Ambassadeur machen ! - Am anderen Abend begab sich der liebe Graf , mit dem Päckchen wohlgezählter Banknoten richtig zu der Schauspielerin . Man plaudert und erwartet den Thee . Sie bestehen also auf dem Autodafée ? - Gewiß und hier sind die Bankbillets . - Der Graf übergiebt ihr zehn ächte Billets zu tausend Francs . Madame griff fieberhaft danach . Nicht wahr , es ist doch schade darum ? - Ei , so verbrennen Sie sie nicht . - Nein , es ist ausgemach , wir bleiben bei unserem Progamm ! und sie legt das Päckchen auf einen Tisch , der mit hunderterlei Nippsachen bedeckt ist . Der künftige Vertreter des Kaiserreichs spielt plaudernd mit diesen Kleinigkeiten , nimmt Eines und das Andere in die Hand und im Augenblick als man den Thee bringt , ist die Escamotage , oder Prestidigitaton wie Houdin sagt , geschickt ausgeführt . Die Flamme des Weingeistes leckt mit ihrer blauen Zunge nach dem versprochenen Opfer ; Madame ist äußerst erregt und lebendig , tanzt von einem Ort zum andern , erfaßt endlich das Päckchen , schwingt sich im Kreis umher und im Hui - wirft sie ein anderes in die Flamme , die sogleich die leichten Blätter verzehrt ; das Pseudopäckchen aber ist geschickt in einer vorsichtig zwischen Blumen zurechtgestellten Vase verschwunden . - Kaum hört sie nach Mitternacht den Wagen des Glücklichen fortrollen , so eilt zu dem Versteckt , das die geretteten zehntausend Francs bergen soll und zieht hervor - ein Päckchen jener den Banknoten so zierlich nachgeahmten Adreßkarten ! - Es heißt , die Dame habe bittere Rache geschworen , Monsieur le Comte aber ist , wie Sie sehen , auf dem besten Wege . « Méricourt und Fürst Iwan lachten . » Der Graf ist kein Gentleman , « sagte der Letztere . » Man täuscht ein Weib nicht um solche Bagatelle . « » Pah ! Bagatelle ! « entgegnete lustig Sazé . » Das man Fürst Oczakoff sagen , der seine Silber-und Goldminen im Ural besitzt und auf seinen Steppenländern die Bauern nach Tausenden zählt , aber nicht wir Franzosen , die höchstens im Börsenspiel noch Millionaire werden können . Doch da ist die Quadrille zu Ende , lassen Sie näher treten . « Die drei jungen Männer erhoben sich und traten an den Eingangbogen zum Salon , durch den eben eine Dame am Arm ihres Tänzers hereinrauschte . Es war die Fürstin , Iwanowna Oczakoff , die Zwillingsschwester des vorhin Beschriebenen . Das Spiel der Natur hatte eine wahrhaft fabelhafte Aehnlichkeit zwischen beiden Geschwistern erzeugt . Nicht nur Wuchs und Gesicht , selbst Stimme und Minenspiel waren an den beiden zusammen erzogenen schönen Erscheinungen ganz dasselbe ja , man versicherte , daß diese Aehnlichkeit sich auf die kleinsten Details des Lebens , bis auf die Handschrift ausdehnte . Nur ein zarterer Alt-Accord unterschied die Stimme , das lange , üppige Lockenhaar , auf dem ein goldgestickter smyrniotischer Fez schwebte , den Kopf der jungen Fürstin von dem ihres Bruders . In den Augen der Dame lag der ganze that- und willenskräftige und dennoch hingebende Charakter ihres Bruders . Eine köstliche Robe von grünem Moirée hob die volle Gestalt der nordischen Schönheit , die seit vier Monaten die junge Aristokratie von Paris zu ihren Füßen sah . Es war in der That wohlthuend in dieser kalten pikanten Modewelt , in diesem Wogen herzloser Berechnung , politischer Intrigue und ehrgeiziger Gedanken , die aufrichtige Liebe und Herzlichkeit zu sehen , mit welcher das junge Mädchen den Arm ihres Begleiters verließ und auf den geliebten Bruder zueilte . » Warum nicht beim Tanz , Iwan ? « fragte sie zärtlich . » Sie machen sich eines Vergehens schuldig , meine Herren , indem Sie meinen Bruder von einem Vergnügen abhalten , das er sonst leidenschaftlich liebte . Aber freilich , seit einiger Zeit scheint er für alles Vergnügen ganz verloren , und ich weiß wirklich nicht , ob die hohe Politik oder welcher Dämon sonst ihn mir ganz verwandelt hat . « » Apoll und Diana müssen doch durch Etwas unterschieden sein , gnädigste Fürstin , « sagte Sazé galant ; » aber Sie haben Recht , auch mir ist heute seine Zerstreutheit aufgefallen . Wenn man die Königin der Schönheit als Schwester besitzt , so hat man nicht das Recht , sich selbst und seinen Launen anzugehören . « » Marquis , Sie sind und bleiben der unnütze Schwätzer . Aber meine schwesterliche Liebe scheint Sie Alle in einer interessanten Unterhaltung gestört zu haben , denn auch der Herr Capitain spielt den Ernsten und ist nicht einmal so galant , mich an das Versprechen zu erinnern , das ich ihm gegeben . « Der Offizier blickte sie an , ein rascher verstohlener Wink des Arges bedeutete ihn und er entgegnete mit einer Verbeugung : » Ma Princesse thun mir Unrecht , Sie wissen , daß Sie keinen aufmerksameren Sclaven als mich haben . « Iwanowna , den Arm in den ihres Bruders geschlungen , der mit ihrem Begleiter sprach , lächelte schelmisch . » Ich will es für diesmal glauben , obschon der tapfere Zuavenführer und Löwentödter sich den Rang von einem nordischen Barbaren , wie Ihr Frankreich uns zu nennen beliebt , hat ablaufen lassen . Aber ich übe Großmuth und habe den nächsten Tanz für Sie aufbewahrt , wenn nicht Iwan etwa sein Vorrecht geltend machen will . « » Ich tanze heute nicht , Iwanuschka , « sagte der Bruder zärtlich , » Du mußt mich dispensiren . « » Da sehen Sie , thut der leidige jüngste Attaché nicht wirklich , als hätte er das Gleichgewicht Europa ' s auf seinen zwanzigjährigen Schultern zu tragen ? - Doch à propos , meine Herren , kann mir Einer von Ihnen Auskunft geben , wer der würdige Palikare ist , der heute im Salon meiner werthen Tante Aufsehen macht ? « » Wenn Sie als Belohnung Ihrem unterthänigsten Verehrer die Quadrille nach meinem Freund Méricourt versprechen wollen , Fürstin , « meinte Sazé , » so verrathe ich Ihnen das diplomatische Geheimniß seiner Vergangenheit . « » Geschwind , geschwind ; Sie sehen ja , ich sterbe vor Neugier . « » Bemerken Sie wohl , gnädigste Fürstin , « plauderte der junge Mann , » daß Commandant Kalergis den Feß sorgfältig über das linke Ohr gezogen und deshalb trotz seiner französischen Sympathieen das griechische Costüm trägt . Seine jetzigen Alliirten , die Türken , schnitten das Ohr ihm ab , als er den Todten spielte nach der Schlacht am Pyräus , und das übriggebliebene kostet ihm baare 12,000 Piaster Lösegeld . Aber er hat die Summe reichlich wieder eingebracht in verschiedenen Münzsorten . Denn schon 1843 , als Herr Kalergis von der Emeute des 15. September nach Hause zurückkehrte , hatte sich die russische Gesinnung , mit der das Haus Ihres Gesandten Katakasi verließ , in eine englische verwandelt . Er hatte wohl begriffen , daß er seine Rolle schlecht gespielt ; der Zweck der Emeute gegen König Otto war verfehlt , die Rubel waren eingesteckt , es handelte sich jetzt darum , sich für englische Pfunde zu verkaufen . Großbritannien machte ihn zum Militair-Obercommandanten von Athen , aber der 4. August jagte ihn schmachvoll davon . Als der Lord-Ober-Commissar ihm später den kleinen Vorschuß von 10,000 Thalern nicht bewilligen wollte , um Coletti ' s Regierung zu stürzen , warf er sich Frankreich in die Arme . Man sagt , daß der Kaiser große Pläne mit ihm vor hat . Gegenwärtig hat er seinen Sohn hierher gebracht , den der Kaiser auf seine Kosten erziehen läßt . « » Ein echter Grieche , - feil jedem Gebot ! « sagte Méricourt . » Entschuldigen Sie , Capitain , « bemerkte Wassilkowitsch ; » Herr Kalergis ist ein Landsmann unserer schönen Freundin . Er ist Russe von Geburt , aus Taganrog , wo seine Mutter noch lebt . Seine erste Erziehung erhielt er in Petersburg , wo ihm noch reiche Verwandte , theils als Kaufleute , theils im kaiserlichen Dienst , wohnen . Erst im Jahre 1821 , beim Ausbruch der Erhebung , kam er nach Griechenland . « » Also politischer Marodeur ; jedenfalls verspricht der Charakter noch viel für die Zukunft . « » Und der Herr im Fez mit dem großen Stern des Christusordens auf der Brust , mit dem Herr Kalergis eben spricht , wer ist das ? « » O , Sie irren , mein Lieber , « sagte de Sazé ; » das ist nicht der Christusorden , sondern ein unbekanntes Gestirn aus dem Firmament von Tausend und Einer Nacht . Haben Sie denn aus unserm Constitutionel noch nicht von Leo , dem Prinzen von Armenien , dem von Rußland schnöde beraubten Thronerben des halben Vorder-Asiens , gehört ? - Da sehen Sie die mysteriöse Person in Natura vor sich . Der Prinz von Korikos , défenseur de l ' Eglise d ' Orient , wie er sich in den Journalen nennen läßt , hat kürzlich in London eine etwas scandalöse Affaire gehabt , und die Rücksichtslosigkeit der Queens-Bench hat ihn bewogen , London mit seiner Abreise zu strafen . Ich weiß wirklich nicht , - wenn es nicht Herr Kalergis sein sollte , - wer die Unverschämtheit gehabt haben kann , diesen Herrn hier im Salon Ihrer Fürstin Tante vorzustellen , nachdem er so offenkundig etwas starke Proclamationen gegen Ihren Czaren und Ihre Regierung durch alle Welt verbreitet hat . « Die ersten Streiche des Orchesters erklangen und machten dem Gespräche ein Ende ; Méricourt bot der schönen Fürstin den Arm , sie in den Salon zu führen , während Sazé forteilte , noch eine Tänzerin in dem Kreis der Damen zu finden . Fürst Iwan und der Oberst blieben zurück . Der Letztere war eine jener hageren Gestalten , die eben durch ihre Magerkeit groß erscheinen . Er zählte einige vierzig Jahre , sah aber wie ein Fünfziger aus ; spärlicher , nur durch die Kunst der Toilette gefärbter Haarwuchs über der hoch-kahlen Stirn , ein graues , oft in ' s Grünliche spielendes Auge und ein aufgeworfener Mund über massivem glänzendem Gebiß machten den Eindruck lauernder Ruhe bei einem brutal-sinnlichen Charakter . Die Uniform war mit Orden beladen , da Graf Wassilkowitsch , zugleich durch Reichthum ausgezeichnet , zu verschiedenen politischen Missionen gebraucht worden . Er war einer der Begleiter des Fürsten Woronzoff , der zu dieser Zeit - im letzten Stadium vor dem Ausbruch des Zwiespalts - nach Paris gekommen war . Die beiden Russen standen am Eingang des Salons und schauten der Quadrille zu , Beide dasselbe Paar , wiewohl mit sehr verschiedenen Blicken und Gefühlen , verfolgend . Während Iwan träumerisch an der graziösen Schönheit der Schwester sich weidete , hing das Auge des Obersten verzehrend an der üppig-schönen Gestalt und wurde zum kalten Giftstrahl , wenn es sich auf ihren Tänzer wandte und die lebhafte Unterhaltung beobachtete , die Beide pflogen . Endlich kehrte er sich zu seinem Gefährten und sagte mit jener Höflichkeit , unter welcher oft der Hohn schlecht verborgen ist : » Auf mein Wort , Fürst , ein herrliches Paar ! Es wird den Kaiser , unsern Herrn , freuen , zu hören , daß die Fürstin Oczakoff dazu beiträgt , die Bande wieder fester zu knüpfen , deren Zerreißen uns in diesem Augenblicke eben nicht ganz angenehm wäre . « » Wie meinen Sie das , mein Herr ? « fragte , sich rasch nach ihm wendend , der junge Mann . » Ei , mein Lieber , ich meine , was die ganze Welt spricht , daß unser französischer Freund auf dem besten Wege ist , Ihren Landsleuten in der Gunst Ihrer schönen Schwester den Rang abzugewinnen , ja , man behauptet , man dürfe der französischen Kaiserstadt bereits zur Gewinnung einer unserer ersten Erbinnen gratuliren . Der Vicomte soll ein Liebling des Kaisers sein . « » Die Hand meiner Schwester ist kein Gegenstand der Politik , « sagte kurz und rauh der Fürst . » Die Fürstin Iwanowna Oczakoff wird nie ihr Herz einem Franzosen schenken . « Wassilkowitsch lachte . » Da scheint sie nicht den Geschmack ihres Bruders zu theilen . Herr von Méricourt erzählt wenigstens viel von der Vergötterung , die Fürst Iwan einer interessanten Grisette des Marais zu Theil werden läßt . « Eine dunkle Röthe überflog das Gesicht des jungen Mannes , als er plötzlich so unerwartet sein innerstes sorgfältig bewahrtes Geheimniß dem Spott Fremder Preis gegeben sah . » Das ist erl - - « Der Fürst recollirte sich im eisigen Bild seines Gegners . » Das ist nicht möglich ! Der Vicomte ist ein Ehrenmann ! « » Das kann er immerhin sein und doch den künftigen Schwager gern vor einer Mesalliance bewahren oder wenigstens der schönen Schwester sich dienstbar zeigen wollen , die , wie man sagt , eine gewisse Herrschaft über den Zwillingsbruder ausübt , bloß weil sie die Erstgeborene ist . Doch ohne Scherz , Fürst , lassen Sie uns offen reden , ich bin Ihr Landsmann und uns verbinden gleiche Interessen gegen diese Fremden . Sie werden auf Ihren Wegen belauert . « Der junge Mann faßte krampfhaft seinen Arm . » Beweise , Graf , Beweise ! « » Ei , die sollen Sie haben ! Sie erinnern sich , Fürst , der letzten Soiree , die Herr von Kisseleff am Dienstag dem Fürsten Woronzoff und Herrn von Persigny gab . Ich war zufällig und ungesehen Zeuge des Auftrags , den Ihre schöne Schwester an Herrn von Méricourt ertheilte , Sie zu beobachten und zu erforschen , woher seit Kurzem Ihre seltsame Gemüthstimmung komme und was Ihre häufigen heimlichen Abwesenheiten zu bedeuten haben , deren Zweck Sie so sorgfältig zu verbergen suchen . Sie können denken , Fürst Iwan , daß ein so galanter Verehrer , wie dieser Franzose , mit Vergnügen Alles versprach und Wort gehalten hat . « » Pest ! « » Erinnern Sie sich vorgestern nicht eines Ganges durch die Rue Montmartre zur Ecke der Straße Saint Joseph ? « » Sie haben Recht , ich begegnete dem Vicomte und vermochte mich kaum von seiner verwünschten Höflichkeit loszumachen . « » Nun wohl , Fürst , Herr von Méricourt kennt die elegante Einrichtung des zweiten Stockes im Hause Nr. 10 der Rue Joseph sehr wohl und weiß , wer der vornehme Fremde ist , der die hübsche , nur - wie der Vicomte sagt - allzu leichtfertige Bewohnerin unterhält und Tag und Nacht bei ihr ist . Ich hörte ihn vorhin gegen Sazé darüber spötteln , ehe Sie erschienen . Blicken Sie hin und sehen Sie , wie angelegentlich und eifrig der Franzose sich mit Ihrer schönen Schwester unterhält . Ich wette tausend Imperials , daß er eben seinen Bericht abstattet . « Der junge Mann erröthete und erbleichte abwechselnd vor innerer Aufregung . Der schöne und üppig geformte Mund zuckte . » Der Spion soll mir büßen ! « » Wissen Sie , was man sogar behauptet , Fürst ? Sie sollen mit Ihrer kleinen Grisette verkleidet den bal mabille , ja sogar die grande chaumière frequentiren und ein flotter Tänzer dort sein . « Diesmal war der Schlag zu arg , ein dunkler Purpur überzog das schöne Gesicht des jungen Mannes und der Zorn wich der Schaam ; er schlug die Augen zu Boden . » Ei was , « lachte der Oberst , » wäre es wirklich wahr , Jugend muß austoben und es wäre ein Geniestreich , in den sich kein Unberufener zu mengen hat . Kommen Sie , Iwan , die Quadrille geht zu Ende und wir würden nur mit unserer Migraine die Conversation stören . « Er nahm ihn am Arm und führte ihn durch einen Seitenausgang in die Nebenzimmer . An einem Büffet nahmen sie Champagner und traten dann auf des Grafen Vorschlag zum Spieltisch im benachbarten Salon . - - - Die schöne Fürstin hatte keine Ahnung von dem Gift , das eben in des geliebten Bruders Ohr ausgegossen wurde . Dennoch bezog sich auch ihre Unterhaltung während der wechselnden Touren des Tanzes auf denselben Gegenstand . Das Verhältniß zwischen der Fürstin und dem tapferen Capitain war ein ganz anderes , als es die giftigen Worte des Russen angedeutet . Der Vicomte gehörte allerdings zu den eifrigsten Anbetern der nordischen Schönheit und wurde durch ihre Achtung und ihr Vertrauen ausgezeichnet vor der zahlreichen Schaar der Bewerber . Darauf hatte sich jedoch die Gunst der Fürstin bis jetzt beschränkt und wenn sein dunkles auf ihr ruhendes Auge , oder ein unbewachtes , aber tiefgefühltes Wort ihr auch längst verrathen hatten , daß seiner Huldidigung eine wahre Liebe zum Grunde liege , daß er um sie werbe als den schönsten Preis des Lebens , so hatte doch das fragende Wort noch nicht seine Lippe überschritten , keine ernsteres Zeichen ihm die wohl selbst noch unklaren Gefühle ihres eigenen Herzens kund gethan . Doch verstanden sich Beide , wie sich kräftige und hohe Seelen immer verstehen . » Haben Sie Gelegenheit gehabt , meine Bitte zu erfüllen , Herr von Méricourt ? « fragte die Fürstin . » Sie verzeihen meiner Besorgniß , aber sie ist in den letzten Tagen nur noch vermehrt worden . Sie selbst haben gesehen , wie verändert der Fürst sich zeigt und nur mit großer Mühe konnte ich ihn bestimmen , mich heute zu begleiten . « » Vergeben Sie , Fürstin , « erwiederte der Offizier , » wenn ich leider noch wenig Fortschritte in Ihrem Auftrag gemacht habe . Daß es an meinem Eifer nicht gelegen , werden Sie ohne meine Versicherung wissen . Aber der Fürst , Ihr Bruder , sonst so offen und zugänglich , ist nicht bloß für seine liebenswürdige Schwester , sondern auch für seine aufrichtigen Freunde jetzt ein verschlossenes Buch . Vergebens machte ich ihm meinen Besuch , er war nicht zu Hause , und als ich ihm vor einigen Tagen in der Straße Montmartre zu Fuß begegnete und ihn zu einer vertraulichen Unterredung zu bewegen suchte , ließ er mich fast merken , daß ich ihm lästig sei und entfernte sich so bald als möglich von mir . « » Und wissen Sie , wohin er ging ? So viel ich gehört habe , ist der Stadttheil kein solcher , wo mein Bruder Geschäfte oder Freunde hat ? « » Dies ist allerdings möglich , doch kann ich der schönen Besorgten auch darüber keine Auskunft geben , da ich natürlich mit meinen Fragen nicht indiscret sein wollte und sogleich meinen Weg fortsetzte . « » Hegen Sie denn gar keine Vermuthung , Vicomte , was diese häufige Abwesenheit , diese stets allein unternommenen Gänge zu bedeuten haben ? Selbst dem treuen Wassili , der ihn von Jugend auf nie verlassen , hat er streng verboten , ihm zu folgen und ihm befohlen , sein Ausbleiben mir so viel als möglich zu verschweigen . « Der Capitain lächelte . » Ich glaube , Fürstin Iwanowna hegt allzugroße Besorgnisse . Paris ist der Ort so mancherlei Zerstreuungen und es wäre leicht möglich , daß irgend eine Liaison das lebenswarme und empfängliche Herz des Fürsten gefesselt hätte . « » Aber warum denn dies geheimnißvolle , ihn aufreibende Treiben ? Ich bin natürlich nicht seine Gouvernante und maaße mir nicht an , in das Thun Ihrer Männerwelt zu dringen . Doch wenn er der Schwester gegenüber auch schweigt , warum gegen seine Freunde ? Ich habe mir sagen lassen , daß in solchen Herzensangelegenheiten die Herren nur allzu offenherzig gegen einander sind . « » Das mag bei jenen Thorheiten der Fall sein , Fürstin , welche die Modewelt galante Verbindungen nennt , aber nie bei einer ernsten und wahren Neigung des Herzens . Es sollte mir leid thun , wenn eine solche schon sich seines jungen Gemüths bemächtigt hätte , denn bei seinem energischen und feurigen Charakter würde er sich ihr mit ganzer Seele hingeben . Und wie schwer eine solche selbst das erprobte Mannesherz verwunden , welche Schmerzen sie auf starke Seelen legen kann , das empfinde ich selbst zu tief , um meinen jungen Freund nicht davor bewahrt zu wünschen . « Ein rascher wie fragender Aufschlag ihres schönen Auges traf jenes des Capitains , das mit Innigkeit auf dem schönen Mädchen haftete . Eine leichte Röthe überflog Wangen und Stirn - - die Wogen des Tanzes unterbrachen das Gespräch . Als der Vicomte sie zur Gruppe zurückführte , die sich um die Dame des Hauses gebildet und de Sazé nahte , die Fürstin an ihr Versprechen zu mahnen , neigte sie sich vertraulich zu ihm und bat : » Versuchen Sie noch einmal heute Ihr Heil bei Iwan und sorgen Sie wenigstens für seine Zerstreuung . Die Gesellschaft , in der wir ihn vorhin verlassen , - und ich sehe Beide nicht mehr an dem vorigen Platz , - ist keine , die ich für ihn liebe . Gehen Sie , Vicomte , und denken Sie , daß ein Ritter der Ruhe seiner Dame alle Dienste leisten muß . « Ein anmuthiger Wink des Fächers verabschiedete ihn ; er ging , den Fürsten aufzusuchen , während Iwanowna sich dem Damenkreise anschloß . - - Der nächste Contretanz war vorüber , am Arm ihres Tänzers de Sazé durchging die Fürstin den zum blühenden Garten umgewandelten Corridor , welcher die vorderen Salons mit dem hinteren Flügel verband . Plötzlich stockte der zierliche Fuß , kaum vermochte sie , die Hand erhebend , ihrem sie mit Galanterieen überschüttenden Cavalier zuzuflüstern : » Marquis , sehen Sie - um Gottes willen , was ist vorgegangen ? « Auf sie Beide zu , durch den Eingang , welcher zum Spielzimmer führte , kam der Zuaven-Capitain . Sein männlich schönes Antlitz war dunkel geröthet , das Auge blitzte , doch zeigte die ganze Gestalt eine ernste ruhige Fassung . Wenige Schritte hinter ihm aus einer Gruppe von Herren , welche sich um die Thür versammelten , folgte Fürst Iwan am Arme des Obersten , der ihn fest zurückhielt . Das Gesicht des jungen Russen zeigte jene Wachsbleiche , die leidenschaftliche Charaktere im Augenblick der höchsten Erregung zu befallen pflegt . Sein Auge irrte scheu umher , offenbar war er mit sich selbst unzufrieden , wenn auch der fest gekniffene Mund seine Entschlossenheit bekundete . Nur der Oberst bewahrte seine gemessene Haltung und ein boshafter Blick leuchtete aus seinen Augen , als er die Begegnung mit der Dame bemerkte , bei der die Herren an der Thür sich sofort in ' s Zimmer zurückzogen . Sazé begriff im Augenblick , daß etwas von Wichtigkeit vorgefallen und führte die Fürstin zu einem der Sitze , die unter Rosen- und Camelienbüschen versteckt zu Lauben gestaltet waren . Der Capitain trat auf ihn zu und während er mit einer Verbeugung die Dame begrüßte und sein Auge sichtlich das ihre vermied , das fragend und ängstlich auf ihm ruhte , sagte er mit fester Beherrschung der Stimme : » Gestatten Sie , Durchlaucht , daß ich Ihnen für einen Augenblick Ihren Cavalier entführe , ich habe ihm nur eine kurze Bitte vorzutragen , und er ist sogleich wieder zu Ihren Befehlen . « Der Fürst war herangekommen und trat zu seiner Schwester . » Geniren Sie sich nicht , Herr von Sazé , « sagte er hochmüthig , » ich werde Sie bei meiner Schwester ersetzen . « Er bot ihr den Arm , die junge Fürstin jedoch beachtete die Geberde nicht , sondern wandte sich zu den beiden Franzosen . » Da der Zweck unseres Ganges erfüllt ist und ich meinen Bruder gefunden habe , « sprach sie verbindlich zu de Sazé , » so wären Sie allerdings Ihrer Ritterschaft ledig , Herr Marquis . Ich habe dagegen noch die Verpflichtung , Ihrem Freunde zu danken , der zuerst meinen Auftrag übernommen hat , und bitte ihn , mich zu der Fürstin , meiner Tante , zurückzuführen . Sie müssen mit seinem Vertrauen sich schon bis dahin gedulden . « Damit legte sie die seine Hand auf den Arm des Vicomte und ging mit ihm voran . Sazé folgte und begriff rasch die Aufgabe , die ihm geworden , indem er das Paar von den beiden nachfolgenden Herren trennte . Dennoch waren sie zu nah , als daß die Fürstin eine Frage an ihren Begleiter hätte thun können . Aber das nervöse Zittern ihres Armes fühlte er in dem seinen und den leisen Druck , mit dem sie sich auf ihn stützte . Nur als sie durch den Eingang des Salons schritten und das Gedränge der Anwesenden sie für einige Augenblicke von den Folgenden schied , schlug Iwanowna rasch das Auge empor und flüsterte hastig : » Was ist geschehen , Vicomte ? ich muß Alles wissen , ich bin zu jeder Stunde für Sie morgen zu sprechen ! « Méricourt aber neigte sich wie dankend zu ihr nieder und entgegnete mit tiefbewegter Stimme : » Leben Sie wohl , Fürstin , mein Traum ist vorüber . « Einen Moment lang preßte er ihren Arm an seine Brust , dann zog er sich mit einer Verbeugung zurück und grüßte im Vorübergehen höflich und gemessen die beiden Russen . Die Fürstin sah , wie er auf dem Wege durch den Saal Sazé ' s Arm nahm und mit ihm am Ausgang verschwand . Als sie sich beklommenen Herzens umwandte , bemerkte sie den höhnisch lauernden Blick des Grafen Wassilkowitsch auf sich ruhen . Kaum eine Viertelstunde später ertönte am Portal der Ruf nach der Equipage der Fürstin Oczakoff . Fürst Iwan war schon vorher aus der Soiree verschwunden und allein nach Hause zurückgekehrt , um den Fragen der Schwester auszuweichen . Es war in einer für die pariser Aristokratie noch frühen Stunde des nächsten Morgens , als in dem von dem Fürsten bewohnten Hôtel der Allée des Veuves vor der jungen , in weißem Morgenkleide auf der Bergère ihres eleganten Toilettenzimmers ruhenden Fürstin der Diener ihres Bruders , der Leibeigene Wassili , stand , herbeigerufen von seiner Schwester Annuschka , dem russischen Kammermädchen der Fürstin . Beide Geschwister , der Bruder um fünf , die Schwester um drei Jahre älter als das Zwillingspaar , das mit ihnen die Milch derselben Mutter getrunken , ein in Rußland noch überaus heilig gehaltenes Band , hatten demselben von Jugend auf gedient und dadurch eine entsprechende Erziehung genossen . Mit der aufopferndsten Treue hingen die Beiden an den fürstlichen Geschwistern . Wassili , der Leibeigene , war ein hochgewachsener kräftiger Mann , wie sie das Innere von Rußland so häufig hervorbringt . In seinem markigen festen Gesicht spiegelte sich Zuverlässigkeit und entschlossene Hingebung . Hinter der Fürstin , ihm gegenüber , stand seine Schwester , hübsch und blauäugig , die langen blonden Zöpfe um den Kopf gewickelt , indem sie ihn mit lebhaften Geberden zur Rede antrieb , die er nur unwillig zu stehen schien . » Also Dein Herr ist die ganze Nacht nicht zu Bett gewesen ? « » Nein , Mütterchen . « » Und was hat er gethan während der Zeit ? « » Ich weiß es nicht , Mütterchen . « » Glaube ihm nicht , dem schlechten Menschen , Durchlaucht , « mengte sich Annuschka in das Gespräch . » Er wäre ein schlechter Diener , und das ist Wassili nicht , wenn er sähe , daß sein Herr unruhig , und seine Augen hätten ihn nicht auf jedem Schritt verfolgt . Er will nicht sprechen , Durchlaucht , er hat mich schon früher gescholten , wenn ich ihn in Deinem Auftrage fragte , und meint , das hieße seinen Herrn verrathen . « Wassili schoß einen ärgerlichen Blick auf die Schwester , schwieg aber verstockt . Die Fürstin richtete sich auf . » Höre , Wassili , « sagte sie ernst , » ich würde nicht in meines Bruders Geheimnisse zu dringen suchen , wenn es nicht sein eigenes Wohl gälte . Es ist Wichtiges vorgefallen , Du mußt mir Rede stehen und darfst bei allen Heiligen nicht das Geringste verheimlichen . Ich befehle Dir also , ich , Deine Herrin , mir zu sagen , was Iwan bis zum Morgen gethan hat . « » Er hat mich zu Bett geschickt . « » Aber Du hast gelauscht ? « Wassili kraute sich verlegen in den dichten Haaren . » Er schrieb , Mütterchen , « sagte er endlich , » der Herr hat viel geschrieben . « » Und dann ? « » Dann ist er unruhig umhergegangen und ... « Er zögerte . » Wirst Du reden , Wassili ! « fuhr ihn die Schwester an ; » siehst Du nicht , wie Du die Herrin bekümmerst ? « » Ja , Annuschka , « sagte ausweichend der Russe , » ich kann doch bei meinem Schutzheiligen nicht dafür , daß der Fürst seine Pistolen aus dem Schrank genommen hat . Ich versichere Dich , er schloß sie richtig in seinen Schreibtisch ein , nachdem er sie lange betrachtet hatte . « Die Fürstin winkte mit der Hand . » Genug , genug