in kunstreichen Ringeln an die Decke emporstieg . » Was meinen Sie , Baron ? « sagte er endlich . » Ich hätte wohl Lust , die Wette von voriger Woche nochmals mit Ihnen durchzumachen . « » Was ist das für eine Wette ? « fragte der Major . » Wir saßen neulich beim Kaffee , « erzählte der Hausherr , » als der Baron Brand auf seinem neuen Rappen vorüber kam . Du weißt , wie er mit der Flüchtigkeit dieses Pferdes renommirt . « » Und da man deine Leidenschaft für Wetten kennt , « sagte der Assessor , » so trugst du ihm natürlicher Weise gleich eine an ? « » Das versteht sich von selbst , « erwiderte lachend der Graf . » Ich schlug ihm also die bekannte Geschichte vor , er solle nach dem eine Stunde weit entfernten A. hin und zurück reiten , und ich wolle unterdessen ein halbes Pfund kleiner Bisquite auf einem Sitze essen . Wer zuerst mit seinem Geschäft zu Ende sei , ich mit dem Essen oder er mit dem Hin- und Herreiten , habe begreiflicher Weise gewonnen . « » Und ebenso begreiflich verlorst du , « versetzte der Major . » Ich habe diese Wette schon oft machen und verlieren sehen . « » Freilich verlor ich , « entgegnete der Hausherr , » aber es fehlten keine sechs Bisquit mehr , und ich hätte unfehlbar gewonnen , wenn ich nicht mit meinem verfluchten Husten wenigstens zwei Minuten eingebüßt hätte . Aber wie gesagt , ich proponire die Wette nochmals , ich kann mich nicht so schlagen lassen . « Der Baron , dem diese Worte galten , blickte auf den Sprecher nieder und lächelte dabei . Aber dieses Lächeln paßte so gar nicht zu der hohen Stirne , zu dem ganzen kecken Kopfe ; es war etwas Süßes und Geziertes darin , ebenso wie in seiner Sprache , ja wie in den Worten , die er sprach . Es war eine wirkliche Enttäuschung , ihn , nachdem man ihn gesehen , auch reden zu hören . Dabei war der Klang seiner Stimme frisch und kräftig , aber die Manier , wie er seine Worte aussprach , weichlich , ja läppisch - eine böse Angewohnheit oder der Beweis von einem schwachen , verzärtelten Gemüthe . » Nein , nein , « sagte er lachend , » die kleine Wette hat mir zu wohl gethan ; ich versichere Sie auf Ehre , es ist etwas Deliciöses , eine Wette zu gewinnen . Und bei Ihnen kommt man selten dazu , lieber Graf . Aber wenn Sie dieselbe vielleicht umgekehrt annehmen würden , so könnten Sie versichert sein , ich mache mir das unendlichste Vergnügen daraus . « » Daß der Baron den Bisquit verschluckte ? « fragte der Major mit seiner tiefen Stimme , » das wäre ein Anblick für Götter ! Da betheilige ich mich bei der Wette , wenn ich zuschauen darf ; ich sehe ihn schon vor mir , wie er mit dem Daumen und dem Zeigefinger jedes Bisquit auf die zierlichste Weise herumdreht , um es mit Anstand in den Mund zu schieben . - Nein , da würden Sie nicht weit kommen . « Der Baron lächelte wohlgefällig , wobei er zwei Reihen schneeweißer Zähne zeigte , dann fuhr er mit der Hand durch das dichte Haar , zupfte seinen Hemdkragen in die Höhe und entgegnete : » Sie haben Recht , Major , ich könnte meine Wette verlieren , blos durch den Gedanken , vor den Augen Anderer hastig und ungeschickt zu essen . Ich halte das für fürchterlich ; wenn ich überhaupt im Stande wäre , eine neue gesellschaftliche Ordnung einzuführen , so gäbe es keine Diners , keine Soupers mehr . Es ist doch in der That nichts unangenehmer und alle Illusion zerstörender , als wenn man um sich herum eine ganze Menge essender Lippen und kauender Zähne sieht . - Coeur de rose ! ich verabscheue das , und wenn ich namentlich an einer Dame Antheil nehme , so bin ich völlig unglücklich , wenn ich mich neben sie zu Tische setzen muß . Ich verbleibe alsdann das ganze Diner mit niedergeschlagenen Augen . « » Unglücklicher Baron ! « versetzte Graf Fohrbach . » Man kennt Ihre niedergeschlagenen Augen . Das ist eines von Ihren unwiderstehlichen Mitteln ; Sie schauen nur auf Ihren Teller , um dann plötzlich das neben Ihnen sitzende arme Schlachtopfer mit einem einzigen Blicke niederzuschmettern . « Der Baron lächelte wie ein vollendeter Geck , worauf er vergnügt seine Fingerspitzen besah , dann den aufrecht stehenden Enden seines Schnurrbarts eine noch drohendere Stellung gab , nachdem er seine Cigarre auf das Kamingesims niedergelegt . » Sie thun mir Unrecht , « sprach er ; » ich versichere Sie , wenn ich zuweilen meine Augen auch aufschlage , so habe ich gewiß niemals die Idee , indiscrete Blicke umherzuwerfen . Sagen Sie selbst , meine Herren , « wandte er sich an die Uebrigen , » kann man überhaupt zurückgezogener leben , kann man weniger aus sich selbst machen , als ich thue ? « Bei diesen Worten und einem Lächeln , das augenscheinlich dazu bestimmt war , seine eigenen Worte Lügen zu strafen , zog er sein Tuch aus der Tasche und fuhr zierlich damit an seinem Bart und seinen Lippen umher . Das Wehen des Tuches verbreitete einen eigenthümlichen , sehr angenehmen Geruch . » Da hat er wieder ein neues Odeur entdeckt , « sagte Graf Fohrbach , indem er mit der Hand die Luft gegen sich fächelte und dann den Geruch eifrig einsog . » Was Teufel ist das wieder ? « » Das sind seine Geheimnisse , « versetzte lächelnd der Major . » Aber es riecht in der That nicht unangenehm . Wo bekommen Sie das her , Baron ? Wie heißt dieses höchst angenehme Parfum ? « Der also Gefragte wedelte mit seinem Schnupftuche hin und her , dann steckte er es in die Tasche und antwortete mit großer Wichtigkeit : » Sehen Sie , meine Herren , das sind meine Geheimnisse . Jeder Mensch hat die seinigen ; der Major , als zweiter Chef der Adjutantur , kennt alle geheimen Ordonnanzen Sr. Majestät ; unser theurer angehender Rath blickt in die Entstehung der Gesetze hinein ; Sie , Graf Fohrbach , beschäftigen sich mit den Geheimnissen verschiedener Anzüge und unser junger Maler untersucht fast dieselben Geheimnisse , nur daß er sich gang an ' s Aeußere hält . - Aber mein Departement ist das der feinen Odeurs ; meine Forschungen sind emsig darauf gerichtet , und meine Arbeiter und Gesandten darauf hingewiesen , mich im Fach des Wohlriechenden beständig an kalt zu halten . « » Teufel auch ! « rief der Major laut lachend , » das war eine schöne Rede . - Aber jetzt wissen wir gerade so viel wie vorher . Nun , seien Sie ehrlich , wie heißt dieser kostbare Wohlgeruch und wo ist er zu haben ? « » Hier ist er vorderhand nicht zu haben , « entgegnete sehr ernst der Baron . » Ich bekomme ihn von einem Freunde aus Konstantinopel , wo fast das ganze Fabrikat in ' s Serail geht . Er wird nur von einem einzigen Künstler , einem Armenier , gemacht und heißt coeur de rose . « » Aha ! Daher kommt denn auch Ihr neuer Schwur ! « erwiderte der Hausherr . - » Ihr werdet doch bemerkt haben , daß der gute Baron seit einiger Zeit nur bei coeur de rose schwört ? - Aber ich kenne ihn , « setzte er mit einer Handbewegung hinzu , » morgen Früh erhalten wir Alle einen Flacon coeur de Rose . « » Das wäre in der That zu viel verlangt , « sagte bedächtig der Assessor , » denn der gute Baron , der im Punkte des Geruchs ein Monopol haben will , müßte sich augenblicklich ein anderes Odeur anschaffen . « » Aber halten Sie es nicht für gefährlich , Baron , « meinte lachend der Graf , » so ausschließlich ein Odeur für sich zu besitzen ? Das könnte doch bei Ihren vielen Eroberungen zu unangenehmen Verwicklungen führen . So ein armer Ehemann kommt in das Boudoir seiner Frau und merkt gleich , daß Sie da gewesen sind . « » Das ist gewiß schon oft passirt , « sagte der Major . » Und wenn man das recht in ' s Auge faßt , so kann man sich eine Verstimmung , die man hie und da bemerkt , erklären . - Apropos ! um von Verstimmungen zu reden , so muß dem alten Baron von W. auch wieder was in die Quere gelaufen sein . « » Ei der Teufel ! « versetzte Graf Fohrbach aufmerksam , » erzähl ' uns das , Major . « » Es war eigentlich nur ein Spaß , « entgegnete dieser , » denn wenn wirklich etwas daran wäre , so müßtest du an : Ersten davon wissen . « » Von dem alten Baron weiß ich verflucht wenig , « erwiderte der Hausherr . » Es ist dir bekannt , daß ich gar nicht in seinem Vertrauen stehe . « » Aber die Baronin kommt doch häufig in euer Hans . « » Ah ! die schöne junge Frau ! « sprach melancholisch der Baron Brand , indem er seufzend in die Höhe blickte . » In unser Haus ? « sagte der Graf . » Du weißt doch , daß ich mit Papa kein gemeinschaftliches habe , und was drüben geschieht , davon erfahre ich nicht besonders viel . « » Aber zu deiner Mutter kommt die Baronin häufig , « erwiderte der Major . » Das ist wohl wahr , « versetzte Graf Fohrbach ; » aber leider nie in den Stunden , wo ich drüben bin . « » Er hat leider gesagt , dieser vortreffliche Graf ! « mischte sich der Baron mit einem süßen Lächeln in das Gespräch . » Das Leider klingt mir ungeheuer verdächtig . « » Diesmal hat Sie Ihr gewöhnlicher Scharfsinn getäuscht , « entgegnete trocken der Hausherr . - » Aber was meintest du mit einem Auftritt ? « wandte er sich an den Major . » Oh , es ist eigentlich unbedeutend . Du weißt wohl , daß man von unserem Dienstzimmer in den gegenüberliegenden Flügel des Schlosses sieht , wo Seine Excellenz , der Generaladjutant des hochseligen Königs , der Baron W. , wohnt ; und du weißt auch , daß ich sehr gute Augen habe . Da stand ich nun vorgestern am Fenster , halb hinter dem Vorhang verborgen , und betrachtete mir die gegenüber liegenden Fensterreihen von oben bis unten . An einem dieser Fenster steht Seine Excellenz mit dem gewöhnlichen finstern Blick , aber nicht mit der gewöhnlichen Ruhe . Jetzt fängt er auf einmal an , auf den Fensterscheiben zu trommeln ; es schien mir irgend ein Sturmmarsch zu sein , aber er trommelte nur einige Takte . « » Wahrscheinlich zum Loslassen der Plänkler , « meinte der Assessor . » Vielleicht wohl . Es muhte etwas vom Loslassen darin vorkommen , denn gleich darauf ließ er sich selbst los . Sein nicht gerade schönes Gesicht wurde dunkelbraun , sein eines Auge blickte eine Zeit lang stier in den Hof hinaus , dann wandte er sich mit einer raschen Bewegung um und gesticulirte und telegraphirte in ' s Zimmer hinein , was ich mir ungefähr mit den Worten übersetzte : Madame , ich kann und will Ihren Worten nicht glauben , hol ' der Teufel die ganze Geschichte ! Aber wenn ich noch einmal sehe , Madame , daß Sie die Vorhänge Ihres immer verschlossenen Wagens hinaufziehen oder daß Sie Jemand Anders anblicken wie mich , so scheue ich einen öffentlichen Eclat ganz und gar nicht und schicke Sie nach Schloß Werdenberg , wo Sie mit undurchdringlichen Waldungen und den alten Portraits meiner Familie kokettiren können ! « » Ich möchte den Major mir nicht gegenüber wohnen haben , « sagte der Baron ; wobei er sich indessen Mühe gab , ein starkes Gähnen zu unterdrücken . Offenbar war ihm die Erzählung langweilig . » Aber woher vermuthest du , daß diese ganze Geschichte sich auf die arme Frau bezog ? « » Ich vermuthe nie , « sprach ernst der Major , » sondern ich urtheile nur nach Vorfällen und Thatsachen . Nachdem also Seine Excellenz den wahrscheinlichen Sturmmarsch mehrmals auf die Fensterscheibe getrommelt und öfters wie ein Kreisel in das Zimmer hineingeflogen war , verschwand er plötzlich vor dem Fenster . Ich blieb an dem meinigen stehen und dachte : du willst doch sehen , ob da nichts weiter vorfällt . Nun dauerte es aber nicht lange , so fuhr drüben ein Wagen vor , Seine Excellenz kamen die Treppen herab , setzten sich ein und fuhren davon . Eine lange Weile nachher wurde drüben an den Fenstern nichts sichtbar , und man bemerkte nur etwas wie einen Schatten im Zimmer auf- und abgehen . Endlich erschien die Baronin zwischen den Vorhängen , sie hatte ein weißes Tuch in der Hand , und ich sah deutlich , wie sie ihre vom heftigen Weinen gerötheten Augen an die Scheiben drückte . So blieb sie einen Augenblick stehen , dann zog sie sich in ' s Zimmer zurück und die Geschichte war zu Ende . « » Ist denn der Baron so außerordentlich eifersüchtig und gibt ihm seine Frau Ursache dazu ? « fragte der Assessor . » Das erste ja , das zweite gewiß nicht , « erwiderte der Major . » Sie ist ein armes , kleines , gedrücktes Weib , das bei dem alten Währwolf ein rechtes Sklavenleben führt . Wie hätte die Frau so glücklich sein können , wenn sie in die rechten Hände gefallen wäre ! Ich kenne in der That kein freundlicheres , besseres und reicheres Gemüth . Daß sie schön ist , wißt ihr selbst am Besten zu beurtheilen . « » Sehr schön , « sagte der Baron nun wirklich gähnend ; » Figur , Gesicht , Alles . Es wäre eine vollendete Schönheit , nur will mir das Haar nicht gefallen . « » Das Haar ? - Ah ! da muß ich bitten , « entgegnete eifrig der junge Maler , der hier eine Veranlassung hatte , sich in das Gespräch zu mischen . » Es gibt kein glänzenderes Haar , kein schöneres Blond . « » Baron , geben Sie das zu ! « rief Graf Fohrbach lustig . » Und Sie werden das Haar gewiß schön finden , wenn ich Ihnen sage , daß es mit dem Ihrigen einige Ähnlichkeit hat . « Alles lachte , doch Arthur sagte sehr ernst : » Der Graf hat recht ; es ist da nichts zu lachen ; das Haar der Baronin W. hat in der That mit dem unseres Freundes hier eine große Aehnlichkeit ; ja , ich möchte noch weiter gehen und behaupten , daß ich sogar in der Gesichtsbildung der beiden Genannten eine gewisse Harmonie finde . « » Baron , das schmeichelt , « meinte der Hausherr . » Und der Teufel soll mich holen , Arthur hat nicht ganz Unrecht . Forschen Sie einmal in Ihren Geschlechsregistern nach , am Ende sind die Familien Brand und die der Baronin mit einander verwandt . « Auf das hin flog ein düsterer Schatten über das lachende Gesicht des Barons , er preßte eine Sekunde lang die Lippen auf einander , worauf aber sogleich wieder seine Züge von dem bekannten süßen und unwiderstehlichen Lächeln erheitert wurden . Er stellte sich breit vor den Spiegel , der über dem Kamine hing , betrachtete sich lange und forschend , sowie mit großer Selbstzufriedenheit , und sagte endlich mit entschiedenem Tone : » Nein , meine Herren , ihr irrt euch , die Baronin , so schön sie ist , kann keine Ansprüche machen , mir ähnlich zu sehen . « Es sollte das natürlicher Weise nur ein Scherz von dem jungen Manne sein , doch alle Anwesenden , da sie mit seinen Schwächen bekannt waren , konnten sich eines schallenden Gelächters nicht erwehren . » Wir wollen die Sache nicht weiter untersuchen , « meinte der Major ; » nur so viel ist jetzt gewiß , daß die Baronin eine sehr schöne Frau ist . « » Und der Baron ein schöner Mann , « sagte galant der Hausherr . - » Aber , « setzte er ungeduldig hinzu , » ich begreife nicht , wo unser Thee bleibt . Es muß doch eilf Uhr vorüber sein . - Klingeln wir . « Dabei hob er seinen Arm empor und zog an der über seinem Haupte befindlichen Glockenschnur . Zehntes Kapitel . Herr von Dankwart . Fast zu gleicher Zeit öffnete sich die Thüre und der alte Kammerdiener trat herein , gefolgt von einem Lakaien , der auf einem großen Präsentirteller das Theeservice hereinbrachte , einen Tisch in die Nähe des Kamins stellte und auf demselben Geschirr und Tassen zu ordnen begann , dazu Butter und Brod , etwas kaltes Geflügel und eine einzige Flasche Champagner . Er war mit diesem Arrangement noch nicht zu Ende , als der Bediente , der das Service gebracht und sich wieder entfernt hatte , abermals in das Zimmer schlich und dem alten Manne einige Worte in das Ohr flüsterte . Dieser richtete sich in die Höhe , dachte einen Augenblick nach , schüttelte leicht mit dem Kopfe und ging zu dem Grafen hin , dem er meldete : » Herr Baron von Dankwart sind draußen und lassen fragen , ob der Herr Graf zu Hause seien . « » Nein , « antwortete dieser ganz ruhig , indem er die Achseln zuckte . » Ich bin für den Herrn von Dankwart selbst am Tage nicht zu Haus ; er soll mich in der Nacht ungeschoren lassen ! « Der Kammerdiener blickte auf den Bedienten , dieser zog mit einem sehr verlegenen Gesicht die Achseln in die Höhe , worauf der alte Mann seinem Herrn sagte : » Er hat die zweite Klingel gezogen , weßhalb ihm der Portier sogleich geöffnet . « » Woher weiß er , beim Teufel ! daß an meinem Hause zwei Klingeln sind ? Für ihn ist nur die einzige da ! « In diesem Augenblicke schien der Vorhang , der im äußeren Zimmer hing , sich leicht zu bewegen . Der Bediente hustete verlegen , näherte sich seinem Herrn auf einige Schritte , und sagte mit vorgestrecktem Halse zu ihm : » Euer Erlaucht wollen gnädigst verzeihen , aber der Herr Baron von Dankwart sind bereits draußen im Salon . « Graf Fohrbach , der ebenfalls ganz genau gesehen , daß bei der Thüre sich etwas bewege , blickte scheinbar nachsinnend zur Decke empor und rief dann mit so lauter Stimme , daß man ihn nothwendig draußen hören mußte : » Ah ! das kann nur ein Irrthum sein ; Baron von Dankwart kenne ich gar nicht : es gibt keinen Baron dieses Namens hier . - Nicht wahr ? « wandte er sich an den Assessor . » Ich kenne auch keinen Baron dieses Namens , « entgegnete der Gefragte mit vollen Backen , denn er hatte eben angefangen , dem kleinen Goutté zuzusprechen . » Ah ! welch ' vortreffliche Spässe ! « ließ sich eine laute Stimme im Hinterhalt vernehmen , während ein kleiner Mann zwischen den Vorhängen der Thüre sichtbar wurde , der sich die Gesellschaft schalkhaft lachend betrachtete und sich mit außerordentlicher Beweglichkeit und etwas gespreiztem Wesen derselben näherte . Ein paar Mal schaute der kleine Mann mit vieler Wichtigkeit rechts und links , und seine Hände zuckten beständig , als wolle er sie einer Menge unsichtbaren Bekannten zum Schütteln darreichen , - ein Manöver , das er nun am Kamin angekommen , dort ebenfalls genau auszuführen trachtete , ohne aber großen Anklang zu finden . Der Graf hatte sich einer Tasse Thee bemächtigt , die er mit einer Hand hielt , während er in der andern die Cigarre hatte . - » Ah ! Sie sind ' s , bester Herr von Dankwart ? « sprach er scheinbar erstaunt . » Die Bedienten sprechen alle Namen so furchtbar ungeschickt aus ; aber Sie werden verzeihen , daß ich Ihnen meine Hand nicht reichen kann , ich mühte sonst die Tasse oder Cigarre fallen lassen . « Der kleine Mann , der seine gelben Glacéhandschuhe schon zu dem erwähnten Zwecke emporgehoben hatte , kam durchaus nicht aus dem Gleichgewicht ; er hob seine Finger etwas höher , um dem Grafen sanft auf die Schulter zu klopfen , wobei er lachend sagte : » wie dieser gute Graf so ungeheuer bequem ist ! Nun , unter Bekannten nimmt man ' s nicht so genau . « Hierauf sah er forschend im Zimmer umher , rief dem Major einen guten Abend zu , grüßte den Assessor vertraulich , und stieß den Baron von Brand , der am Tische beschäftigt war und ihm deßhalb den Rücken drehte , sanft mit dem Finger in die Seite . Worauf dieser ohne umzuschauen , einfach mit dem Kopfe nickte , und dabei sagte : » Ah ! Herr von Dankwart , so spät noch ? - Es freut mich , Sie zu sehen . « » Das ist in der That ein possirlicher Herr ! « erwiderte laut lachend der kleine Mann ; » dieser theure Baron von Brand behauptet , mich zu sehen und dreht mir den Rücken ; das ist außerordentlich komisch ! « Alsdann legte er seinen Hut auf eine Chaise longue , sah sehr freundlich aber nicht ohne Wichtigkeit nochmals im Kreise umher , natürlicher Weise , ohne aber den Maler zu bemerken , der ihm am nächsten saß , und ließ sich dann mit einem leichten Seufzer in den neben ihm stehenden Fauteuil hineinfallen . Der Graf konnte nicht umhin , Arthur dem eben Angekommenen vorzustellen . » Herr Arthur , ein junger talentvoller Maler , « sagte er - » Herr von Dankwart , Geschäftsmann Ihrer Hoheit , der Frau Herzogin . « Arthur verbeugte sich , und der kleine Mann drehte mit großer Lebendigkeit seinen Kopf herum , indem er versetzte : » Habe noch nie die Ehre gehabt , in der That noch niemals die Ehre , von Ihnen zu hören , was mir eigentlich sehr befremdend ist , denn die Herren alle hier werden mir bezeugen , daß sich jeder Künstler um meine Bekanntschaft bemüht , daß - wie soll ich mich genau ausdrücken ? - es für jeden Künstler von Wichtigkeit ist , von mir gekannt zu sein . « » In dem Falle , « entgegnete Arthur lächelnd , » muß ich dem heutigen Abend besonders dankbar sein , daß er mir das Glück verschafft , Ihre Bekanntschaft zu machen , und mir gestattet , so viel Versäumtes nachzuholen . « Herr von Dankwart schaute einen Augenblick aufmerksam in das Kamin ; er schien die Antwort des Malers vollkommen überhört zu haben ; wie es überhaupt eine Gewohnheit von ihm zu sein schien , nur zu sprechen und zu fragen , ohne eine genügende Antwort zu erwarten . - » Sollten Sie es glauben , bester Graf , « sagte er nach einer Pause , » daß die jungen Künstler völlig auf eigenen Füßen stehen wollen und die Protection tüchtiger Männer für gar nichts achten , keine gute Lehre , keinen Rath mehr annehmen wollen ? Ich versichere Sie - nun , ich brauche es eigentlich nicht zu betheuern ; die Welt weiß , wie ich mich auf Anordnung und Colorit verstehe , - aber die Herren wollen Alles besser wissen . - Haben Sie das Portrait Ihrer Hoheit gesehen , seit es fertig ist - früher etwas mangelhaft , etwas leer in der Staffage , aber jetzt superb , herrlich ! gemalt von Herrn Wiesel - ? « » Ein sehr gutes Portrait ! « versetzte Arthur . » Jetzt freilich , « erwiderte Herr von Dankwart mit scharfer Betonung des ersten Wortes . » Ihre Hoheit steht vor dem Portal Höchst Ihres Landhauses und schaut hinaus in die Gegend . Das war Alles recht schön und gilt , die Allerhöchste Figur kann man sehr gelungen nennen , aber sie schaute in eine Gegend , ohne daß sich etwas Interessantes begibt ; also blickte Ihre Hoheit , wenn ich mich so ausdrücken darf , aufmerksam in ein Nichts , denn die bekannte Gegend dürfte doch nicht im Stande sein , die gespannte Aufmerksamkeit Ihrer Hoheit zu fesseln . Darin lag der Fehler , ich fühlte das gleich , obgleich ich mich lange vergebens bemühte , dem Maler Wiesel dies ebenfalls begreiflich zu machen ; aber es wäre Schade , wenn man es nicht geändert hätte . Ich weiß nicht , ob Sie mich verstehen , aber es war eine Leere da , die dem verständigen Beschauer drückend erschien . « » Und dieser Leere halfen Sie ? « fragte trocken der Major . » Allerdings , « entgegnete wichtig Herr von Dankwart . » Was aber nicht schwer sein mußte , « warf der Baron von Brand dazwischen , indem er sich mit dein Battisttuch den Schnurrbart wischte . » Man brauchte ja nur ein zierliches Rosengebüsch anzubringen . « » Diesmal hatte ich eine bessere Idee , « sagte lächelnd der kleine Mann mit Selbstzufriedenheit . » Wiesel war erstaunt darüber ; unter uns gesagt , er äußerte sich , es schmerze ihn tief , daß ihm das nicht selbst eingefallen . Ich ließ also , « - fuhr Herr von Dankwart mit gehobener Stimme fort , wobei er Daumen und Zeigefinger der linken Hand vereinigte und sie bestimmt auf und ab richtete , während er diese Worte sprach , - » ich ließ also hinten aus dem Gebüsche den kleinen Hund der Frau Herzogin heraustreten , wodurch die ganze Scene belebt wurde und ein Gegenstand da war , auf welchen sich der fragende Blick der hohen Frau im nächsten Augenblicke richten würde . « » Vortrefflich ! « meinte der Major , indem er große Wolken aus seiner Cigarre blies . » Und malte Wiesel den Hund ? « fragte Arthur . » Ob er ihn malte ! « entgegnete Herr von Dankwart im wegwerfenden Tone , » auf allerhöchsten Befehl - « » Ich dachte , Sie hätten es befohlen , « sagte bedenklich der Assessor . » Ich - nun ja , ich , « erwiderte der kleine Mann mit vieler Würde . » Natürlich ich , aber wie es sich von selbst versteht , im hohen Auftrage , im Namen Ihrer Hoheit , der Frau Herzogin . - Aber wissen Sie auch , « fuhr er nach einer Pause in natürlicherem Tone fort , » weßhalb ich eigentlich hieher gekommen . « » Nein , « versetzte bestimmt der Graf , » ich habe keine Idee davon . « » Man hat mich versichert , Sie hätten eine Sendung des vorzüglichsten Latakia erhalten , und nun bin ich da , um zu untersuchen , ob er wirklich von so guter Qualität ist . Sie werden mir zugestehen , daß man bis jetzt die beste Pfeife bei mir rauchte ; ist aber die Ihrige vorzüglicher , lieber Herr Graf Fohrbach , so kann ich Ihnen in der That nicht helfen ; in dem Falle müssen Sie mir einen Theil erlassen . - Soll ich in die Hände klatschen ? « - Nach diesen Worten und einem vergeblichen Versuche , mit den kurzen Füßchen den Fußboden zu erreichen , warf sich Herr von Dankwart graziös in dem Fauteuil hin und her und stützte die Ellenbogen auf die Kniee , die Handflächen ausgebreitet , um sie leicht zusammenschlagen zu können . » Lassen Sie das Klatschen nur sein , « sprach ruhig Graf Fohrbach , » wissen Sie , mein theurer Herr von Dankwart , man ist hier im Hause nur an meine Befehle gewöhnt und Ihr Klatschen könnte mißverstanden werden . Aber ich will für Sie die Klingel ziehen ; mit Vergnügen sollen Sie eine Pfeife haben . « Damit hob der Hausherr seinen Arm in die Höhe , schellte zweimal , worauf sich in der Thüre des anstoßenden Schlafzimmers der Jäger des Grafen zeigte und auf erhaltenen Befehl eine angezündete lange Pfeife brachte , die er dem kleinen Mann in den Mund steckte . Während demselben auf diese Art das Maul gestopft wurde und endlich einmal stille stand , und während er sich mit Behaglichkeit in dem Fauteuil ausstreckte , haben wir Muße , ihn dem geneigten Leser näher zu beschreiben . Herr von Dankwart war von sehr kleiner Gestalt , die , an sich in recht guten Verhältnissen , nur zu dem ziemlich dicken und unförmlichen Kopfe durchaus nicht Passen wollte , welcher der ganzen Figur etwas Zwerghaftes verlieh . Der eben erwähnte Kopf bildete ein vollkommenes Dreieck von dem spitzen Kinn an bis zu der breiten Stirne , die nach oben an eine außerordentlich dünne Haarlichtung stieß und sich solchergestalt fast bis zum Hinterkopf fortzusetzen schien . Das Gesicht hatte einen ganz eigenthümlichen Ausdruck ; es lag etwas Verschmitztes und zugleich sehr Hochmüthiges darin . Die Wangen waren sehr eingefallen und selbst das Gesträuch des dort wuchernden Bartes war nicht im Stande , diese tiefen Thäler auszufüllen . Der Mund war ziemlich klein , die Augen aber weit geöffnet und von einer unangenehmen bläulichen Farbe und geistlosem Ausdruck . Obgleich Haar und Bart so sorgfältig als möglich gepflegt waren , so machte doch der ganze Kopf den Eindruck , als sei er vernachlässigt worden , habe lange Zeit vergessen in einem Winkel gelegen und sei dort von den Ratten abgenagt worden . - Der Anzug des Herrn von Dankwart war untadelhaft von den fein lackirten Stiefeln an bis