und davon gesprungen ist . Der Chirurgus aber , welcher sich auch herzugemachet , hat schleunigst den Deckel losgemacht und abgehebt , und hat sich das Tödlein als lebendig aufgerichtet und ist ganz behende aus dem Gräblein gekrochen und hat uns angeblicket . Und wie im selbigen Moment die Sonne seltsam und stechend durch die Wolken gedrungen , so hat es in seinem gelblichen Brokat und mit dem glitzrigen Krönlein ausgesehen wie ein Feyen- oder Koboltskind . Die Frau Mama ist alsobald in eine starke Ohnmacht verfallen und der Herr v. M. weinend zur Erde gestürzet . Ich selbst habe mich vor Verwunderung und Schrecken nicht gerühret und in diesem Moment steif an ein Hexenthum geglaubt . Das Mägdlein aber hat sich bald ermannt und ist über den Kirchhof davon und zum Dorf hinaus gesprungen , wie eine Katz , daß alle Leute voll Entsetzen heimgelaufen sind und ihre Thüren verriegelt haben . Zu selbiger Zeit ist just die Schulzeit aus gewesen und ist der Kinderhaufen auf die Gasse gekommen , und als das kleine Zeugs die Sache gesehen , hat man die Kinder nicht halten können , sondern ist eine große Schar dem Leichlein nachgelaufen und hat es verfolget und hintendrein ist noch der Schulmeister mit dem Bakel gesprungen . Es hat aber immer ein zwanzig Schritt Vorsprung gehabt und nicht eher Halt gemacht , als bis es auf dem Buchberg angekommen und leblos umgefallen ist , worauf die Kinder um dasselbe herumgekrabbelt und es vergeblich gestreichelt und caressiret haben . Dieses Alles haben wir nach der Hand erfahren , weil wir mit großer Noth in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer Desolation verharret sind , bis man das Leichlein wiederum gebracht hat . Man hat es auf ein Matraz gelegt und ist die Herrschaft darauf verreiset mit Hinterlassung einer kleinen Steintafell , worein Nichts als das Familienwappen und Jahrzahl gehauen ist . Nunmehr liegt das Kind wieder für todt und getrauen wir uns nicht , zu Bett zu gehen aus Furcht . Der Medicus sitzet aber bey ihm und meint nun , es sey endlich zur Ruh gekommen . « » Heute hat der Medicus nach unterschiedlichen Experimenten erklärt , daß das Kind wirklich todt seye und ist es nun in der Stille beigesetzt worden und nichts Weiteres arriviret « usf. Sechstes Kapitel Ich kann nicht sagen , daß , nachdem Gott einmal die bestimmte und nüchterne Gestalt eines Ernährers und Aushelfers für mich gewonnen hatte , er mein Herz in jenem Alter mit zarteren Empfindungen oder höheren Gemütsfreuden erfüllt habe , zumal er aus dem glänzenden Gewande des Abendrotes sich verloren , um in viel späterer Zeit es wieder umzunehmen . Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen Dingen sprach , so fuhr sie fort , vorzüglich im Alten Testamente zu verweilen , bei der Geschichte der Kinder Israel in der Wüste oder bei den Kornhändeln Josephs und seiner Brüder , bei der Witwe Ölkrug , der Ährenleserin Ruth und dergleichen oder ausnahmsweise bei der Speisung der fünftausend Männer im Neuen Testamente . Alle diese Ereignisse gefielen ihr ausnehmend wohl , und sie trug mir dieselben mit warmer Beredsamkeit vor , während diese mehr einem unparteiischen und pflichtgemäß frommen Erzählen Raum gab , wenn das bewegte und blutige Drama von Christi Leidensgeschichte entwickelt wurde . Sosehr ich daher den lieben Gott respektierte und in allen Fällen bedachte , so blieben mir doch die Phantasie und das Gemüt leer , solange ich keine neue Nahrung schöpfte außer den bisherigen Erfahrungen , und wenn ich keine Veranlassung hatte , irgendeinen angelegentlichen Gebetvortrag abzufassen , so war mir Gott nachgerade eine farblose und langweilige Person , die mich zu allerlei Grübeleien und Sonderbarkeiten reizte , zumal ich sie bei meinem vielen Alleinsein doch nicht aus dem Sinne verlor . So gereichte es mir eine Zeitlang zu nicht geringer Qual , daß ich eine krankhafte Versuchung empfand , Gott derbe Spottnamen , selbst Schimpfworte anzuhängen , wie ich sie etwa auf der Straße gehört hatte . Mit einer Art behaglicher und mutwillig zutraulicher Stimmung begann immer diese Versuchung , bis ich nach langem Kampfe nicht mehr widerstehen konnte und im vollen Bewußtsein der Blasphemie eines jener Worte hastig ausstieß , mit der unmittelbaren Versicherung , daß es nicht gelten solle , und mit der Bitte um Verzeihung ; dann konnte ich nicht umhin , es noch einmal zu wiederholen , wie auch die reuevolle Genugtuung , und so fort , bis die seltsame Aufregung vorüber war . Vorzüglich vor dem Einschlafen pflegte mich diese Erscheinung zu quälen , obgleich sie nachher keine Unruhe oder Uneinigkeit in mir zurückließ . Ich habe später gedacht , daß es wohl ein unbewußtes Experiment mit der Allgegenwart Gottes gewesen sei , welche ebenfalls anfing , mich zu beschäftigen , und daß schon damals das dunkle Gefühl in mir lebendig gewesen sei Vor Gott könne keine Minute unseres innern Lebens verborgen und wirklich strafbar sein , sofern er das lebendige Wesen für uns sei , für das wir ihn halten . Indessen hatte ich eine Freundschaft geschlossen , welche meiner suchenden Phantasie zu Hilfe kam und mich von diesen unfruchtbaren Quälereien erlöste , indem sie , bei der Einfachheit und Nüchternheit meiner Mutter , für mich das wurde , was sonst sagenreiche Großmütter und Ammen für die stoffbedürftigen Kinder sind . In dem Hause gegenüber befand sich eine offene dunkle Halle , welche ganz mit altem und neuem Trödelkram angefüllt war . Die Wände waren mit alten Seidengewändern , gewirkten Stoffen und Teppichen aller Art behangen . Rostige Waffen und Gerätschaften , schwarze zerrissene Ölgemälde bekleideten die Eingangspfosten und verbreiteten sich zu beiden Seiten an der Außenseite des Hauses ; auf einer Menge altmodischer Tische und Geräte stand wunderliches Glasgeschirr und Porzellan aufgetürmt , mit allerhand hölzernen und irdenen Figuren vermischt In den tieferen Räumen waren Berge von Betten und Hausgeräten übereinandergeschichtet und auf den Hochebenen und Absätzen derselben , manchmal auf einem gefährlichen einsamen Grate , stand überall noch eine schnörkelhafte Uhr , ein Kruzifix oder ein wächserner Engel und dergleichen mehr . Im tiefsten Hintergrunde aber saß jederzeit eine bejahrte , dicke Frau in altertümlicher Tracht in einem trüben Helldunkel , während ein noch älteres , spitziges , eisgraues Männchen mit Hilfe einiger Untergebenen in der Halle herumhantierte und eine zahlreiche Menge Leute abfertigte , welche fortwährend ab und zu ging . Die Seele des Geschäftes war aber die Frau , und von ihr aus gingen alle Befehle und Anordnungen , ungeachtet sie sich nie von ihrem Platze bewegte und man sie noch weniger je auf einer Straße gesehen hatte . Sie trug immer bloße Arme und hatte schneeweiße Hemdsärmel , auf eine künstliche Weise gefältelt , wie man es sonst nirgends mehr sah und es vielleicht vor hundert Jahren schon so getragen wurde . Es war die originellste Frau von der Welt , welche schon vor dreißig Jahren mit ihrem Manne blutarm und unwissend in die Stadt gezogen , um da ihr Brot zu suchen . Nachdem sie mit Tagelohn und saurer Arbeit eine Reihe von mühseligen Jahren durchgekämpft hatte , gelang es ihr , einen kleinen Trödelkram zu errichten , und erwarb sich mit der Zeit durch Glück und Gewandtheit in ihren Unternehmungen einen behaglichen Wohlstand , welchen sie auf die eigentümlichste Weise beherrschte . Sie konnte nur gebrochen Gedrucktes lesen , hingegen weder schreiben noch in arabischen Zahlen rechnen , welche letzteren es ihr nie zu kennen gelang ; sondern ihre ganze Rechnenkunst bestand in einer römischen Eins , einer Fünf , einer Zehn und einer Hundert . Wie sie diese vier Ziffern in ihrer frühen Jugend , in einer entlegenen und vergessenen Landesgegend , überkommen hatte , überliefert durch einen jahrtausendalten Gebrauch , so handhabte sie dieselben mit einer merkwürdigen Gewandtheit . Sie führte kein Buch und besaß nichts Geschriebenes , war aber jeden Augenblick imstande , ihren ganzen Verkehr , der sich oft auf mehrere Tausende in lauter kleinen Posten belief , zu übersehen , indem sie mit großer Schnelligkeit das Tischblatt mittelst einer Kreide , deren sie immer einige Endchen in der Tasche führte , mit mächtigen Säulen jener vier Ziffern bedeckte . Hatte sie aus ihrem Gedächtnisse alle Summen solchergestalt aufgesetzt , so erreichte sie ihren Zweck einfach dadurch , daß sie mit dem nassen Finger eine Reihe um die andere ebenso flink wieder auslöschte , als sie dieselben aufgesetzt hatte , und dabei zählend die Resultate zur Seite aufzeichnete . So entstanden neue kleinere Zahlengruppen , deren Bedeutung und Benennung niemand kannte als sie , da es immer nur die gleichen vier nackten Ziffern waren und für andere aussahen wie eine altheidnische Zauberschrift . Dazu kam noch , daß es ihr nie gelingen wollte , mit Bleistift oder Feder oder auch nur mit einem Griffel auf einer Schiefertafel das gleiche Verfahren vorzunehmen , indem sie nicht nur räumlich einer ganzen Tischplatte bedurfte , sondern auch nur mittelst der weichen Kreide ihre markigen Zeichen zu bilden imstande war . Sie beklagte oft , daß sie sich gar nichts Fixiertes aufbewahren könne , war aber gerade dadurch zu ihrem außerordentlichen Gedächtnisse gelangt , aus welchem jene wimmelnden Zahlenmassen plötzlich gestalt- und lebenvoll erschienen , um ebenso rasch wieder zu verschwinden . Das Verhältnis zwischen Einnahme und Ausgabe machte ihr nicht viel zu schaffen ; sie bestritt alle häuslichen Bedürfnisse und sonstige Ausgaben vorweg aus dem gleichen Seckel , welcher auch den Geschäftsverkehr begründete , und wenn eine überflüssige Summe Geldes beieinander war , so wechselte sie dieses sogleich in Gold um und verwahrte dasselbe in ihrer Schatztruhe , wo es für immer liegenblieb , wenn nicht ein Teil davon für eine besondere Unternehmung oder für ein ausnahmsweises Darlehen herausgenommen wurde , da sie sonst auf Zinsen kein Geld auslieh . Sie hatte besonders mit Landleuten von allen Seiten her Verkehr , welche sich ihre gerätschaftlichen Bedürfnisse bei ihr holten , und gab ihre Waren jedermann auf Borg , gewann oft viel dabei und verlor auch oft . So kam es , daß eine Menge von Leuten von ihr abhängig waren oder in einem verbindlichen oder feindlichen Verhältnisse zu ihr standen und daß sie beständig von Nachsichtsuchenden oder Bezahlenden umlagert war , welche ihr , zur Beherzigung oder als Dank , die mannigfaltigsten Gaben darbrachten , nicht anders als einem alten Landpfleger oder einer reichen Äbtissin . Feld- und Baumfrüchte jeder Art , Milch , Honig , Trauben , Schinken und Würste wurden ihr in gewichtigen Körben zugetragen , und diese reichlichen Vorräte bildeten die Grundlage zu einem stattlichen Wohlleben , welches alsobald begann , wenn das geräuschvolle Gewölbe geschlossen war und in der noch seltsameren Wohnstube das häusliche Abendleben zur Geltung kam . Dort hatte Frau Margret diejenigen Gegenstände zusammengehäuft und als Zierat angebracht , welche ihr in ihrem Handel und Wandel am besten gefallen hatten , und sie nahm keinen Anstand , etwas für sich aufzubewahren , wenn es ihr Interesse erweckte . An den Wänden hingen alte Heiligenbilder auf Goldgrund und in den Fenstern gemalte Scheiben , und allen diesen Dingen schrieb sie irgendeine merkwürdige Geschichte oder sogar geheime Kräfte zu , was ihr dieselben heilig und unveräußerlich machte , sosehr auch Kenner sich manchmal bemühten , die wirklich wertvollen Denkmäler ihrer Unwissenheit zu entreißen . In einer Truhe von Ebenholz bewahrte sie goldene Schaumünzen , Ketten , Becher , silberne Filigranarbeiten und andere köstliche Spielereien , für welche sie eine große Vorliebe trug und dieselben nur wieder veräußerte , wenn ein besonderer Gewinn sich damit verband , was öfters der Fall war . Endlich war auf einem Wandgestelle eine beträchtliche Zahl unförmlicher alter Bücher aufgespeichert , welche sie mit großem Eifer zusammenzusuchen pflegte . Es waren verschiedene Bibeln , alte Kosmographien mit zahllosen Holzschnitten , fabelgespickte Reisebeschreibungen , vorzüglich nordische , indische und griechische Mythologien aus dem vorigen Jahrhundert mit großen zusammengefalteten Kupferstichen , welche vielfach zerknittert und zerrissen waren ; sie nannte diese naiv geschriebenen Werke schlechtweg Heiden- oder auch Götzenbücher . Ferner hielt sie eine reiche Sammlung solcher Volksschriften , welche Nachricht gaben von einem fünften Evangelisten , von den Jugendjahren Jesu , noch unbekannten Abenteuern desselben in der Wüste , von einer Auffindung seines wohlerhaltenen Leichnams nebst Dokumenten von der Erscheinung und den Bekenntnissen eines in der Hölle leidenden Freigeistes ; einige Chroniken , Kräuterbücher und Prophezeiungen vervollständigten diese Sammlung . Für Frau Margret hatte ohne Unterschied alles , was gedruckt war sowohl wie die mündlichen Überlieferungen des Volkes , eine gewisse Wahrheit , und die ganze Welt in allen ihren Spiegelungen , das fernste sowohl wie ihr eigenes Leben , waren ihr gleich wunderbar und bedeutungsvoll ; sie trug noch den lebendigen ungebrochenen Aberglauben vergangener kräftiger Zeiten an sich ohne Verfeinerung und Schliff . Mit neugieriger Liebe erfaßte sie alles und nahm es als bare Münze , was ihrer wogenden Phantasie dargeboten wurde , und sie bekleidete es alsbald mit den sinnlich greifbaren Formen der Volkstümlichkeit , welche massiven metallenen Gefäßen gleichen , die trotz ihres hohen Alters durch den steten Gebrauch immer glänzend geblieben sind . Alle die Götter und Götzen der alten und jetzigen heidnischen Völker beschäftigten sie durch ihre Geschichte sowohl als durch ihr äußeres Aussehen in den Abbildungen , hauptsächlich auch daher , daß sie dieselben für wirkliche lebendige Wesen hielt , welche durch den wahren Gott bekämpft und ausgerottet würden ; das Spuken und Umgehen solcher halb überwundenen schlimmen Käuze war ihr ebenso schauerlich anziehend wie das grauenvolle Treiben eines Atheisten , unter welchem sie nichts anderes verstand und verstehen konnte als einen Menschen , welcher seiner Überzeugung von dem Dasein Gottes zum Trotz dasselbe hartnäckig und mutwillig leugne . Die großen Affen und Waldteufel der südlichen Zonen , von denen sie in ihren alten Reisebüchern las , die fabelhaften Meermänner und Meerweibchen waren nichts anderes als ganze gottlose , nun vertierte Völker oder solche einzelne Gottesleugner , welche in diesem jammervollen Zustande , halb reuevoll , halb trotzig , Zeugnis gaben von dem Zorne Gottes und sich zugleich allerlei mutwillige Neckereien mit den Menschen erlaubten . Wenn nun am Abend das Feuer prasselte , die Töpfe dampften , der Tisch mit den soliden volkstümlichen Leckereien bedeckt wurde und Frau Margret behaglich und ansehnlich auf ihrem zierlich eingelegten Stuhle saß , so begann sich nach und nach eine ganz andere Anhängerschaft und Gesellschaft einzufinden , als die den Tag über in dem Gewölbe zu sehen waren . Es waren dies arme Frauen und Männer , welche , teils durch den Duft des wohlbesetzten Tisches , teils durch die belebte Unterhaltung von höheren Dingen angezogen , hier mannigfache Erholung von den Mühen des Tages suchten und fanden . Mit Ausnahme einiger weniger heuchlerischer Schmarotzer hatten sonst alle ein aufrichtiges Bedürfnis , sich durch Gespräche und Belehrungen über das , was ihnen nicht alltäglich war , zu erwärmen und besonders in betreff des Religiösen und Wunderbaren eine kräftigere Nahrung zu suchen , als die öffentlichen Kulturzustände ihnen darboten . Nichtbefriedigung des Gemütes , ungelöschter Durst nach Wahrheit und Erkenntnis , erlebte Schicksale , hervorgerufen durch die versuchte Befriedigung solcher unruhigen Triebe in der sinnlichen Welt , trieben diese Leute hier zusammen und überdies noch in mancherlei seltsame Sekten hinein , von deren innerm Leben und Treiben sich Frau Margret fleißig Bericht erstatten ließ ; denn sie selbst war zu weltlich und zu derb , als daß sie so weit gegangen wäre , dergleichen mitzumachen . Vielmehr tadelte sie mit scharfen Worten die Kopfhänger und wurde sarkastisch und bitter , wenn sie allzu mystischen Unrat merkte . Sie bedurfte das Wunderbare und Geheimnisvolle , aber in der Sinnenwelt , in Leben und Schicksal , in der äußeren wechselvollen Erscheinung ; von innern Seelenwundern , bevorzugten Stimmungen , Auserwählten und dergleichen wollte sie nichts hören und kanzelte ihre Gäste tüchtig herunter , wenn sie mit solchen Dingen auftreten wollten . Außer daß Gott als der kunst- und sinnreiche Schöpfer all der wunderbaren Dinge und Vorkommnisse für sie existierte , war er ihr vorzüglich in einer Richtung noch merk- und preiswürdig nämlich als der treue Beiständer der klugen und rührigen Leute , welche , mit nichts und weniger als nichts anfangend , ihr Glück in der Welt selbst machen und es zu etwas Ordentlichem bringen . Deshalb hatte sie ihre größte Freude an jungen Leuten , welche sich aus einer dunklen dürftigen Abkunft heraus durch Talent , Fleiß , Sparsamkeit , Klugheit usf. in eine gute Stellung gearbeitet hatten und wohl gar hohe Protektion genossen . Das Heranwachsen des Wohlstandes solcher Schützlinge war ihr wie eine eigene Sache angelegen , und wenn dieselben endlich dahin gediehen waren , einen behaglichen Aufwand mit gutem Gewissen geltend zu machen , so fühlte sie selbst die größte Genugtuung , ihrerseits reichlich beizusteuern und sich des Glanzes mitzufreuen . Sie war von Grund aus wohltätig und gab immer mit offenen Händen , den Armen und arm Bleibenden im gewöhnlichen abgeteilten Maße , denjenigen aber , bei welchen Hab und Gut anschlug , mit wahrer Verschwendung für ihre Verhältnisse . Es lag meistens ganz in der Natur solcher Emporkömmlinge , neben ihren anderweitigen größern Beziehungen auch die Gunst dieser seltsamen Frau sorglich zu pflegen , bis sie durch einen jüngern Nachwuchs endlich verdrängt wurden , und so fand man nicht selten diesen oder jenen feingekleideten und vornehm aussehenden Mann unter den armen Gläubigen , der durch sein gemessenes Betragen dieselben verschüchterte und unbehaglich machte . Auch nahmen sie wohl , wenn er abwesend war , Veranlassung , der Frau Weltsinn und Lust an irdischer Herrlichkeit vorzuwerfen , was dann jedesmal lebhafte Erörterungen und Streitreden hervorrief . Von ihrer Freude an gedeihlichem Erwerb und emsiger Tätigkeit mochte es auch kommen , daß mehrere Schacherjuden in den Kreis ihrer Wohlgelittenen aufgenommen waren . Die Unermüdlichkeit und stetige Aufmerksamkeit dieser Menschen , welche öfter bei ihr verkehrten und ihre schweren Lasten abstellten , volle Geldbeutel aus unscheinbarer Hülle hervorzogen und ihr zum Aufbewahren anvertrauten , ohne irgendein Wort oder eine Schrift zu wechseln , ihre kindliche Gutmütigkeit und neugierige Bescheidenheit neben der unberückbaren Pfiffigkeit im Handeln , ihre strengen Religionsgebräuche und biblische Abstammung , sogar ihre feindliche Stellung zum Christentume und die groben Vergehungen ihrer Voreltern machten diese vielgeplagten und verachteten Leute der guten Frau höchst interessant und gern gesehen , wenn sie sich bei den abendlichen Zusammenkünften vorfanden , am Herde der Frau Margret koschern Kaffee kochten oder sich einen billig erstandenen Fisch buken . Wenn die fromm christlichen Frauen ihnen schonend vorhielten , wie es noch nicht gar zu lange her sei , seit die Juden doch schlimme Käuze gewesen , Christenkinder geraubt und getötet und Brunnen vergiftet hätten , oder wenn Margret behauptete , der Ewige Jude Ahasverus hätte vor zwölf Jahren einmal im » Roten Bären « übernachtet und sie hätte selbst zwei Stunden vor dem Hause gepaßt , um ihn abreisen zu sehen , jedoch vergeblich , da er schon vor Tagesanbruch weitergewandert sei , dann lächelten die Juden gar gutmütig und fein und ließen sich nicht aus ihrer guten Laune bringen . Da sie jedoch ebenfalls Gott fürchteten und eine scharf ausgeprägte Religion hatten , so gehörten sie noch eher in diesen Kreis , als man zwei weitere Personen darin vermutet hätte , welche allerdings irgend anderswo zu suchen waren als gerade hier ; und doch schienen sie eine Art unentbehrlichen Salzes für die wunderliche Mischung zu sein . Es waren dies zwei erklärte Atheisten . Der eine , ein schlichter , einsilbiger Schreinersmann , welcher schon manches Hundert Särge gefertigt und zugenagelt hatte , war ein braver Mann und erklärte dann und wann einmal mit dürren Worten , er glaube ebensowenig an ein ewiges Leben , als man von Gott etwas wissen könne . Im übrigen hörte man nie eine freche Rede oder ein Spottwort von ihm ; er rauchte gemütlich sein Pfeifchen und ließ es über sich ergehen , wenn die Weiber mit fließenden Bekehrungsreden über ihn herfuhren . Der andere war ein bejahrter Schneidersmann mit grauen Haaren und mutwilligem , unnützem Herzen , der schon mehr als einen schlimmen Streich verübt haben mochte . Während jener sich still und leidend verhielt und nur selten mit seinem dürren Glaubensbekenntnisse hervortrat , verfahr dieser angriffsweise und machte sich ein Vergnügen daraus , die gläubigen Seelen durch derbe Zweifel und Verleugnungen , rohe Späße und Profanationen zu verletzen und zu erschrecken , als ein rechter Eulenspiegel das einfältige Wort zu verdrehen und mit dick aufgetragenem Humor in den armen Leuten eine sündhafte Lachlust zu reizen . Er besaß weder großen Verstand noch Pietät für irgend etwas , selbst für die Natur nicht , und schien einzig ein persönliches Bedürfnis zu haben das Dasein Gottes zu leugnen oder wegzuwünschen , indessen der Schreiner sich bloß nicht viel daraus machte , hingegen auf seinen Wanderjahren die Welt aufmerksam betrachtet hatte , sich fortwährend noch unterrichtete und von allerlei merkwürdigen Dingen mit Liebe zu sprechen wußte , wenn er auftaute . Der Schneider fand nur Gefallen an Ränken und Schwänken und lärmenden Zänkereien mit den begeisterten Weibern ; auch sein Verhalten zu den Juden , gegenüber demjenigen des Sargmachers , war bezeichnend . Während jener wohlwollend und freundlich mit ihnen verfuhr als mit seinesgleichen , neckte und quälte sie der Schneider , wo er nur konnte , und verfolgte sie mit echt christlichem Übermute mit allen trivialen Judenspäßen , die ihm zu Gebote standen , so daß die armen Teufel manchmal wirklich böse wurden und die Gesellschaft verließen . Frau Margret pflegte alsdann auch ungeduldig zu werden und verwies den Dämon aus dem Hause ; aber er fand sich bald wieder ein und wurde immer wieder gelitten , wenn er sein altes Wesen mit etwas Vorsicht und glatten Worten wieder begann . Es war , als wenn die viel redenden und disputierenden Genossen seiner als eines lebendigen Exempels des Atheismus bedurften , wie sie ihn verstanden ; denn dies war er am Ende auch , indem es sich nicht undeutlich erwies , daß er den Gedanken Gottes und der Unsterblichkeit mehr zu unterdrücken suchte , weil er ihn in einem kleinlichen und nutzlosen Treiben beschränkte und belästigte , und als er späterhin starb , tat er dies so verzagt und zerknirscht , heulend und zähneklappend und nach Gebet verlangend , daß die guten Leute einen glänzenden Triumph feierten , indessen der Schreiner ebenso ruhig und unangefochten seinen letzten Sarg hobelte , welchen er sich selbst bestimmte , wie einst seinen ersten . Dieser Art war die Versammlung , welche an vielen Abenden , zumal im Winter , bei Frau Margret zu treffen war , und ich weiß nicht , wie es kam , daß ich mich plötzlich am Tage oft in dem kurzweiligen Gewölbe mitten unter den Geschäftigen und am Abend zu den Füßen der Frau sitzen fand , welche mich in große Gunst genommen hatte . Ich zeichnete mich durch meine große Aufmerksamkeit aus , wenn die wunderbarsten Dinge von der Welt zur Sprache kamen . Die theologischen und moralischen Untersuchungen verstand ich freilich in den ersten Jahren noch nicht , obschon sie oft kindlich genug waren ; jedoch nahmen sie auch schon damals nicht zu viele Zeit in Anspruch , da sich die Gesellschaft immer bald genug auf das Gebiet der Begebenheiten und sinnlichen Erfahrungen und damit auf eine Art von naturphilosophischem Feld hinüberverfügte , wo ich ebenfalls zu Hause war . Man suchte vorzüglich die Erscheinungen der Geisterwelt sowie die Ahnungen , Träume usw. in lebendigen Zusammenhang zu bringen und drang mit neugierigem Sinne in die geheimnisvollen Lokalitäten des gestirnten Himmels , in die Tiefe des Meers und der feuerspeienden Berge , von denen man hörte , und alles wurde zuletzt auf die religiösen Meinungen zurückgeführt . Es wurden Bücher von Hellsehenden , Berichte über merkwürdige Reisen durch verschiedene Himmelskörper und andere ähnliche Aufschlüsse gelesen , nachdem sie der Frau Margret zur Anschaffung empfohlen worden , und alsdann darüber gesprochen und die Phantasie mit den kühnsten Gedanken angefüllt . Der eine oder andere fügte dann noch aufgeschnappte Berichte aus der Wissenschaft hinzu , wie er von dem Bedienten eines Sternguckers gehört hatte , daß man durch dessen Fernrohr lebendige Wesen im Monde und feurige Schiffe in der Sonne sehen könne . Frau Margret hatte immer die lebendigste Einbildungskraft , und bei ihr ging alles in Fleisch und Blut über . Sie pflegte mehrmals in der Nacht aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen , um nachzusehen , was in der stillen dunklen Welt vorging , und immer entdeckte sie einen verdächtigen Stern , der nicht wie gewöhnlich aussah , ein Meteor oder einen roten Schein , welch allem sie gleich einen Namen zu geben wußte . Alles war ihr von Bedeutung und belebt ; wenn die Sonne in ein Glas Wasser schien und durch dasselbe auf den hellpolierten Tisch , so waren die sieben spielenden Farben für sie ein unmittelbarer Abglanz der Herrlichkeiten , welche in der Sonne selbst sein sollten . Sie sagte : » Seht ihr denn nicht die schönen Blumen und Kränze , die grünen Geländer und die roten Seidentücher ? diese goldenen Glöcklein und diese silbernen Brunnen ? « und sooft die Sonne in die Stube schien , machte sie das Experiment , um ein wenig in den Himmel zu sehen , wie sie meinte . Ihr Mann und der Schneider lachten sie dann aus , und der erste nannte sie eine phantastische Kuh . Jedoch auf einem festern Boden stand sie , wenn von Geistererscheinungen die Rede war , denn hier hatte sie feste und unleugbare Erfahrungen die Menge , welche sie schon Schweiß genug gekostet hatten , und fast alle andern wußten auch davon zu erzählen . Seit sie nicht mehr aus dem Hause kam , waren freilich ihre Erlebnisse auf ein häufiges Pochen und Rumoren in alten Wandschränken und etwa auf das Umherschleichen eines schwarzen Schafes in der nächtlichen Straße beschränkt , wenn sie um Mitternacht oder gegen Morgen ihre Inspektionen aus dem Fenster hielt . Ausnahmsweise begegnete es ihr noch einmal , daß sie ein kleines Männchen vor der Haustür entdeckte , welches , während sie mit scharfen kritischen Augen dasselbe beobachtete , plötzlich in die Höhe wuchs bis unter ihr Fenster , daß sie dasselbe kaum noch zuschlagen und sich ins Bett flüchten konnte . Hingegen in ihrer Jugend war es lebhafter hergegangen , als sie , besonders noch auf dem Lande , bei Tag und Nacht durch Feld und Wald zu gehen hatte . Da waren kopflose Männer stundenweit ihr zur Seite gegangen und näher gerückt , je eifriger sie betete , umgehende Bauern standen auf ihren ehemaligen Grundstücken und streckten flehend die Hand nach ihr aus , Gehenkte rauschten von hohen Tannen hernieder mit schreckbarem Geheul und liefen ihr nach , um in den heilsamen Bereich einer guten Christin zu kommen , und sie schilderte mit ergreifenden Worten den peinlichen Zustand , in dem sie sich befand , wenn sie nicht unterlassen konnte , die unheimlichen Gesellen von der Seite anzuschielen , während sie doch wußte , daß dieses höchst schädlich sei . Einige Male war sie auch ganz aufgeschwollen auf der Seite , wo die Gespenster gelaufen waren , und mußte den Doktor herbeirufen . Ferner erzählte sie von den Zaubereien und bösen Künsten , welche zur Zeit ihrer Jugend , gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts , noch gang und gäbe waren unter den Bauern . Da waren in ihrer Heimat reiche gewaltige Bauernfamilien , welche alte Heidenbücher besaßen , mittelst deren sie den schlimmsten Unfug trieben . Daß sie mit offener Flamme Löcher durch Strohbunde brennen konnten , ohne diese zu zerstören , oder auf dem Wasser gehen oder den Rauch aus den Schornsteinen in beliebiger Richtung aufsteigen und possierliche Figuren bilden zu lassen verstanden , gehörte nur zu den unschuldigen Scherzen . Aber greulich war es , wenn sie ihre Feinde langsam töteten , indem sie für dieselben drei Nägel in einen Weidenbaum schlugen unter den gehörigen Sprüchen ( Margrets Vater siechte lange Zeit infolge dieser freundschaftlichen Manipulation , bis sie entdeckt und er durch Kapuziner gerettet wurde ) , oder wenn sie den armen Leuten das Korn in der Ähre verbrannten , um sich nachher zu verhöhnen , wenn sie hungerten und Not litten . Man hatte zwar die Genugtuung , daß der Teufel den einen oder andern mit großem Aufwand abholte , wenn er reif war ; allein das geriet den gerechten Leuten selbst wieder zum Schrecken , und es war eben nicht angenehm , den blutigen Schnee und die gelassenen Haare auf dem Platze zu sehen , wie es der Erzählerin selbst begegnet war . Solche Bauern hatten Geld genug und maßen es bei Hochzeiten und Leichenfeiern einander in Scheffeln und Wannen zu . Die Hochzeiten waren dazumal noch sehr großartig . Sie hatte selbst noch eine solche gesehen , wo sämtliche Gäste , Männer und Weiber , beritten waren und nahe an hundert Pferde beisammen . Die Weiber trugen Kronen von Flittergold und seidene Kleider mit drei- bis vierfach umgewundenen Ketten von zusammengerollten Dukaten ; aber der Teufel ritt unsichtbar mit , und es ging nach dem Nachtessen nicht am ehrbarsten zu . Diese Bauern hatten während einer großen Hungersnot in den siebziger Jahren ihren Hauptspaß daran , mit zwölf Dreschern in weitgeöffneten Scheunen zu dreschen , dazu einen blinden Geiger aufspielen zu lassen , welcher auf einem großen Brote sitzen mußte , und nachher , wenn genug hungrige Bettler vor der Scheune versammelt waren , die grimmigen Hunde in den wehrlosen Haufen zu hetzen . Bemerkenswert war es , daß der Volksglaube diese reichen Dorftyrannen vielfach die verbauerten Nachkommen der alten Zwingherren sein ließ , unter welchen man alle ehemaligen Bewohner der vielen Burgen und Türme verstand , die im Lande zerstreut waren . Ein anderes ergiebiges Feld für abenteuerliche Kunden war der Katholizismus mit seinen hinterlassenen leeren Klosterräumen und den noch lebendigen Klöstern , welche etwa in der katholisch gebliebenen Nachbarschaft sich befanden . Dazu trugen die Ordensgeistlichen der letztern vieles bei , besonders die Kapuziner , welche sich heute noch mit den Scharfrichtern freundschaftlich in die Arbeit teilen ,