alle seine Preußenlieder auswendig . - » Mann ! Mann ! « sagte die Mutter , » da lächeln sie über uns . Sie sprechen immer nur über Schiller und Goethe und Tiedge ! Die muß sie kennen lernen . « Gegen Schiller hatte der Kriegsrath nichts einzuwenden ; die Königin liebte diesen Dichter , und er hatte erfahren , daß auch der König sich einmal günstig über ihn geäußert . Und Goethe ließ er passiren , sein Götz von Berlichingen hatte ihm wunderbar ums Herzl geklungen . » Solche eiserne Hand thäte unserer Zeit noth ! « Aber Tiedge , der sollte ja extravagante Ideen , und die ganze junge Schule unsittliche Grundsätze predigen . Darüber wusste die Mutter nicht Auskunft zu geben , sie hatte nur gehört , daß er ein frommes und himmlisches Gedicht geschrieben , was Orania heißt , und ein anderes , was die Verkehrte Welt heißt . Das wäre nicht so gut ; dafür wäre er aber der Verfasser von sehr hübschen und moralischen Kindermärchen . Im Uebrigen , meinte sie , was sich für junge Mädchen schickt , werde wohl der Lehrer am besten wissen . Damit war auch der Vater einverstanden , auch daß Adelheid in bessere Gesellschaft gebracht werden sollte . Nur über die Familien , wo man sie einführen sollte , war man in Streit . Endlich schloß der Vater : » Meinethalben , wo Du willst , denn Du kennst die Frauen besser als ich ; nur nicht , wo sie Romane findet und Offiziere . « Zehntes Kapitel . Die alte Zeit . Mit einem Schlag auf die Schulter , rief eine Stimme hinter ihm : » Und warum keine Offiziere , alter Schwede ! - Willst am Ende auch mit mir nicht mehr umgehen ? Meinst , ich könnte Deine Tochter verführen ! So seid Ihr Menschen am grünen Tisch und hinter den Büchern , lasst Euch einen Schreck vom ersten Besten einblasen und weil Ihr nicht die Augen aufzuschlagen wagt , um dem Ding in ' s Gesicht zu sehen , vermeint Ihr , es sei Wunder was . Ich sage Dir , wer nicht der Gefahr entgegen geht , der ist schon halb verloren . Was wäre Preußen , wenn wir abgewartet hätten , bis die Oesterreicher und die Franzosen und Russen den siebenjährigen Krieg anfingen ? Daß wir nicht die Hände in den Schoß legten , daß wir nicht abwarteten , bis der liebe Gott es so schickte , daß wir in ihr Gespinnst drein schlugen , eh ' s zum Netze ward , das hat uns Glück gegeben , uns stark gemacht und groß . Wäre der alte Fritz ein Duckmäuser gewesen , und hätte gewartet und gelauert , bis die Anderen angegriffen , dann hätte der liebe Gott ihm auch nicht beigestanden , und was aus unserm Preußen geworden , das weiß der Teufel . « Ein herzlicher Händeschlag folgte dem Schulterschlag . Auch mit der Frau Kriegsräthin : » Reden Sie meinem Manne nur ein Bischen ins Gewissen rein , Herr Major , ' s thut zuweilen Noth , wenn er gar zu zipp ist . Sonst ist ' s ein guter Mann . Und zu Tisch bleiben Sie doch unser lieber Gast ? Es wird gleich angerichtet . « » Dante schönstens , Frau Kriegsräthin , habe meinen Speckeierkuchen schon im Kruge verzehrt , aber ein Gläschen Wein , da ich so was im Korbe flimmern sehe , und auf des Königs Gesundheit , das schlägt ein guter Soldat und Unterthan niemals aus . « Der Invalide konnte doch nicht lange stehen , zum einen Schemel unter der Linde war ein zweiter gerückt , und als die Wirthin sich empfahl , um in der Küche nachzusehen , dampften schon zwei Pfeifen . » Es kann doch nicht Dein Ernst sein , « sagte der Kriegsrath . » Denn wer kennt besser unsere Offiziere als Du ! « » Freilich kenne ich sie , ich habe sie jedoch auch gekannt , als sie noch andere waren . Aber das weiß ich auch , je mehr Ihr Euch von ihnen zurückzieht , um so schlimmer wird ' s. Auch die Soldaten waren nicht so arg , als Friedrichs Auge noch über sie wachte . Doch das thut ' s nicht allein . Wenn Ihr nicht vor ihrem Anblick liefet und die Thüren zuschlügt , wo einer nur von fern sich blicken lässt , wenn Ihr ihnen offen entgegenträtet , ein ernst Wort mit ihnen sprächet , so würdet Ihr manches anders finden , als Ihr denket . Sie sind auch Menschen , aber wenn Ihr sie nur als Vogelscheuche betrachtet , das macht sie wild und boshaft . « » Aber Du giebst mir doch recht , daß man ein junges Frauenzimmer vor den Offizieren wahren muß . Vor allem eines , das noch unerfahren ist ? « » Da schlägst Du Dich selbst . Ein junges Frauenzimmer , das sich zu benehmen weiß , läuft weit weniger Gefahr , als eins , das schon vor Schrecken aufschreiet , wenn ' s einen Federbusch sieht , weil die Mama ihm gesagt , es soll sich davor in Acht nehmen , wie vor einem Raubthiere . Denn das sind unsere jungen Offiziere , wenn ' s auch nicht mehr dieselben , doch nicht . Ich sag ' s grad heraus , Ihr Herren von der Feder und die anderen , Ihr habt sie verderben helfen . Warum macht Ihr ihnen überall Platz und weicht vor ihnen zurück , wo Ihr ' s nicht nöthig hattet . Ist ' s nicht eine Schande , wenn ein alter Kriegsrath oder ein ehrenwerther Kaufmann mit grauem Haar vor einem Lieutenant oder gar einem Fähnrich ausweicht ? Wo steht ' s denn geschrieben , daß es so sein soll ? Wenn Ihr ihnen nicht immer das Feld ließet , und das Maul schlösset , sondern grab ' raus den jungen Herrchen die Wahrheit sagtet , nun je Einer oder der andere würde ein Mal anlaufen , aber im Ganzen würde es anders , wenn sie wüssten , daß sie unter den Civilisten auch ihren Mann fänden . Darum dominiren jetzt die Uniformen , wo sie mit den Fracks zusammen kommen , und die trennen sich immer mehr , die doch bestimmt sind , zusammen zu halten als Brüder und Glieder eines Volkes . « » Es ist seltsam , einen alten Offizier so reden zu hören . « » Es war nicht alles gut unter dem großen König , aber es war anders . Sein Auge war ein Etwas , was das träge Blut in Bewegung brachte . Es war überall , wenn er auch nicht zugegen war . Man stellte sich vor , wenn man etwas that oder unterließ , daß der König es gesehen haben könnte , man fragte sich , was er wohl dazu gesagt , wie er geurtheilt hätte , und das gab eine Disziplin , die kein Kommando macht . Er war ungerecht . O ja , er ist es oft gewesen . Aber wer von ihm litt , der setzte einen Stolz darin , daß er litt ; er dachte sich , eigentlich weiß es wohl Friedrich jetzt , daß er dir unrecht gethan , aber er kann ' s oder mag ' s nicht ändern , um der Autorität willen , oder aus Eigensinn . Das Gefühl that dann wohl , wie das pour le mérite-Kreuz auf der Brust . Man litt um seinen König und durch seinen König , und der König weiß es auch , und trägt vielleicht noch schwerer daran . « » Den Orden trägst Du auch . « » Den , daß ich ein Bürgerlicher war . Ein Leiden lässt sich schon tragen , was viele Hunderte mit uns tragen . « » Bei Torgau war es ja wohl ! « » Da fiel der Major , der mein Regiment kommandirte , und schon der dritte , der mir vorgezogen war . Fiel auf den ersten Schuß . Ich kommandirte , es war nun mal kein Anderer da , und nahm das Fichtenwäldchen . Die Herren gratulirten mir schon : diesmal komme ich doch nicht zu früh , Herr Major ? sagte der alte Ziethen , der an mir vorüber ritt . Kam doch zu früh . Der junge Kapitän - was soll ich in meinem Groll einen Ehrenmann nennen ! - der noch Page beim König war kurz vor Ausbruch des Krieges , ward Major auf dem Schlachtfeld , und erhielt nachher als Obrist das Regiment , hatte es gewiß verdient , und was konnte er dafür , daß die Uebermacht auf ihn fiel und ihn aus der Schanze trieb . Friedrich wusste es , hatte ihn vom Pferde stürzen sehen , überreiten und wieder aufsitzen ; so war er blutend und zu den Seinen zurückgekehrt . « » Jedermann giebt Dir das Zeugniß , daß Du es auch verdient hattest , Rittgarten . Ich habe viele brave Offiziere gesprochen . « » Wer sagt denn , daß es Friedrich nicht auch dachte . Aber er hatte mich zwei Mal übergangen . Wenn er es nun zum dritten Mal anders machte , strafte er sich ja selbst . So wird der König gedacht haben , und darum avancirte ich nicht auf dem Schlachtfeld und erhielt nicht das Regiment . Er ließ mich nachmalen fragen , ob ich nicht ein paar Freibataillons kommandiren wolle , die sich damals über der Elbe bildeten ; und hatte wohl die Absicht , daß ich dann avanciren sollte . Ich ließ gehorsamst mich bedanken für die gnädige Attention , mein ganzes Leben aber wäre regulär gewesen , und so möcht ' ich ' s auch gern zu Ende bringen . Da hat Friedrich gelacht , ich weiß es , und hat gesagt ! Der ist ein Starrkopf , so soll er ' s haben ! - Siehst Du , das war so viel für mich als ein Orden ! - Nachher hat er mich wohl vergessen . Aber ich habe noch einen Orden von ihm . « » Du ! « » Es war sein Sterbejahr . Mir ahnte es . Da hatte ich keine Ruhe mehr . Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte ! Hatte längst meinen Abschied , wie Du weißt . Jetzt war ich Major , ein Invalidenmajor . Reiste nach Potsdam und ging nach Sanssouci hinaus . Das Glück wollte mir wohl . Ein alter Kammerdiener , den ich kannte , ließ mich auf die Terasse . Es war ein sonniger , schöner Nachmittag , wie heut ; nur noch schöner , es spielte so was wie Duft in den Orangenbäumen , die Sperlinge zwitscherten . Der König saß an der offenen Glasthür in seinem Lehnstuhl , den Pelz übergedeckt . Sie wollten ihn zum letzten Mal die Luft dieser Erde recht frisch kosten lassen . Vor sich sah er nun , was er geschaffen hatte , und darüber hinaus den blauen Himmel , den der liebe Gott geschaffen hat . Die Kieferwälder in der Ferne bewegten sich . Mir war ' s , als hätte ich beten mögen . Und ich muß auch wohl die Hände gefaltet haben . Wollte stehen bleiben da in dem Winkel , wo die Hunde begraben liegen . Da klopfte der Wachthabende , der ' s mir wohl ansah an dem blauen Ueberrock , daß ich auch Soldat gewesen - oder hatte es ihm der Kammerdiener gesagt ? - er klopfte mir leis auf die Schulter : Gehen Sie nur immer vor , und sehen sich Ihren König noch einmal au , er schläft fest . Wer weiß , ob er wieder erwacht . Er stieß mich sanft vor . - Das war ein eigen Gefühl . Mir klopfte das Herz , wie da ich zum ersten Mal ins Feuer kam ; aber zugleich war mir so ruhig , so sonntäglich zu Muth . - Nun stand ich vor ihm , nicht zehn Schritt entfernt , die Sonne wollte hinter die Bäume sinken . Gott weiß , was ich dachte ! Einmal war ' s mir , als würde er , wenn sie sinke , auch die Augen schließen , und dann würde es Nacht werden , und Alles , was er geschaffen , mit ihm untersinken . - Und das Gesicht des Schlafenden ! - Was lag darin ! Herr du mein Gott , was konnte Einer darin lesen ! Die Lippen bewegten sich ganz leise , als spräche er im Traume . Nun schlug er plötzlich das große Auge auf . Er sah mich . Ich stand wie eingewurzelt , den Hut presste ich in der Hand , und hätte mögen in die Erde versinken . Da öffnete er die Lippen : Ihn kenne ich auch - bei Torgau - vergeß er mich nicht Sah mich wohl , wie auch im Traum , der vor ihm gaukelte , denn er schloß sie wieder . Nur die Finger machten eine leise Bewegung . War ' s ein Wink für mich , oder was war es ? Da hub das Glockenspiel in Potsdam an , die Sonne war hinter die Bäume gesunken , der Schatten fiel auf den großen König , und ich weiß nicht mehr , wie ich fortkam . « Der alte Major hatte etwas mit dem Finger am Auge zu thun ; der Kriegsrath ebenfalls . Es entstand eine Pause . Auch schienen ihre Pfeifen in Unordnung gerathen , denn beide Herren zogen sehr eifrig , und benutzten den Rest der Pause dazu , dicke Wolken in die Luft zu blasen . Und dann war alles wieder in Ordnung . » Einem außerordentlichen Manne muß man schon Manches nachsehen , « hub der Major an , » was man einem gewöhnlichen Menschen nicht verziehe . Dafür ist er ein großer Mann . Und wenn Friedrich heut lebte , so würde er wohl anders urtheilen , und nicht noch weinen , daß ein Bürgerlicher nur unter den Husaren gut ist , nur unter der Artillerie zum Offizier taugt . - Und daß er dem jungen Herrn , der sein Page gewesen , mein Regiment gab , daran hat er ganz recht gethan , oder meinst Du anders ? Ist er nicht ein General geworden , der dem Staat Ehre gebracht hat ? Warum ward der Bonaparte ein großer Feldherr , warum hat er um sich eine Schule guter Generale ? Weil er ' s mit der Anciennität nicht genau nimmt , weil er die Tüchtigen sich herausgreift , wo er sie findet , weil er auf dem Schlachtfelde avanciren lässt , wie ' s ihm grade zu Muth ist . Da ist Salz , da ist Blut im Heere , er fragt nicht nach Glauben und Herkommen und alten Ansprüchen . Jeder hat Aussicht , daß er ' s bis zum General bringt , und noch weiter , wenn er seine Schuldigkeit thut , oder noch mehr . Wenn das nicht gute Soldaten machen muß ! Fort mit den Steifen und Alten , in die Magazine und in den Train ; vorwärts mit den Jungen ! « Der Kriegsrath sah ihn verwundert an : » Damit tadelst Du ja Friedrich ; er that es nicht . « » Der alte Fritz wusste , was sich schickte und was er brauchte . Er hatte es mit einem Daun zu thun , und seine Ziethen und Seidlitze wusste er wohl zu brauchen , wo andere Feinde sich zeigten . Und wie ich Dir sagte , es war sein Auge , seine Presence , die das Blut wieder umrührte , wo es stockig ward . Seitdem ist ' s schrecklich stockig geworden , sonst wären wir nicht im Lehm festgeklebt in der Champagne , und seit dem Baseler Frieden ist ' s noch ärger . « Der alte Major wollte noch mehr sagen , aber er that ' s nicht mit Worten , er klopfte mit dem Meerschaumkopf so stark gegen seinen hohen Stiefel , daß die Pfeife ausging . Es war auch nicht mehr Zeit zum Rauchen und zur Konversation , die Magd trug , begleitet von den jubelnden Kleinen , die rauchende Schüssel Milchreis auf den Tisch . Clara sprach das Gebet , und die Mutter streute einen Staubregen von Zimmt und Zucker über die Schüssel . Ein Ah ! der Verwunderung und Freude ging durch den Kreis der Kleinen : » Das ist ein Sonntag ! Das ist Festtag ! « Sie blickten den Major verwundert an , nicht einmal Milchreis mit Zucker und Zimmt wollte er genießen ! Als die Bauerfrau mit beiden Armen einen Napf mit dampfenden Kartoffeln in der Schaale auf den Tisch trug , die , aufgesprungen , ihre würzige weiße Fülle entfalteten , ward das Ah ! noch lauter . Aber wie erschrocken blickten sie auf den Vater , als dieser plötzlich die Hand auf die Schüssel legte : » Halt , Kinder ! Ist es denn schon polizeilich erlaubt ? Mich dünkt , das ist erst vom fünfzehnten August ab . « Die Bäuerin gab die Versicherung , sie dürften jetzt schon vom ersten August ab frische Kartoffeln zu Markte bringen , und sie meinte , es werde künftig noch früher erlaubt werden , weil die Kultur fortschreite . » Dann schreiten wir doch in einem Ding fort ! « sagte lächelnd der Major . » Hab ' s mir auch so gedacht , wenn ich bedenke , wie sie jetzt die Kriege führen . Ach , die Küchenwagen , die wir mitschleppen mussten , und die Magazine , die der große Friedrich anlegte ! Das kostete ein Heidengeld , und ein Fuhrwesen ! Der Bonaparte bestellt seine Magazine in Feindes Land , ohne daß es ihm einen Groschen kostet , und eher fängt er den Krieg nicht an , als bis sie fertig sind . « » Wie meinst Du das ? « » Er lässt nicht früher ausmarschiren , als bis die Kartoffeln reif werden . Da finden seine Soldaten ihre Magazine überall auf dem Felde . Aber sie buddeln und kochen sie auch im Juli , ja , wenn sie Hunger haben , schon im Juni . Kriegsrath ! nicht wahr , das ist abscheulich , so gegen die Polizeiordnung zu handeln , wenn man hungert . « » Ich finde es nur einem guten Patrioten kontrair , Herr Obristwachtmeister , wenn man immer den Feind im Munde hat und ihn lobt . « » Was , Feind ! Kriegsrath ! Er ist unser Alliirter , bedenke das Landrecht , da steht was von Landesverrath drin , wenn man gegen alliirte Mächte raisonnirt . Und ein wie großmüthiger Alliirter ! Fordert nichts von uns , sie sagen , er schickt sogar recht viel ins Land . Und rings um uns her stäubt er und fegt , und macht uns los von anderen lästigen Alliancen , bis wir mutterseelenallein auf der Welt dastehen . Da wird er uns dann aus Herz fallen und drücken : Du liebes Preußen , nun hindert mich nichts mehr Dir zu sagen , wie ich Dich so recht herzinnig und ganz besonders geliebt habe ! « Der Frau Kriegsräthin ward bange bei dem Gespräch . Sie verstand es nicht , aber der Instinkt sagte ihr , es sei anders gemeint , als gesprochen , und sie sah eine häßliche Falte auf der Stirn ihres Mannes . Da sah sie auch plötzlich die Bienen , die sie übrigens viel früher hätte sehen können , denn sie summten unverschämt um Gläser und Teller : » Jemine , Herr Obristwachtmeister , da ist sie in Ihrem Glase . Schütten Sie aus , das ganze Glas - frisch zu - Sie müssen mit reinem Wein des Königs Gesundheit trinken . « » Der schöne alte Franzwein ! « sagte der Major , als er das Gläschen auf die Erde tröpfeln ließ . » Der gährte gewiß schon im Faß , als ich bei Roßbach die Schärpe verdiente . « Er hielt plötzlich inne , als er die Wespe mit dem Finger hinausgeworfen . » Alter Freund ! ein frisch Glas auf den jungen König , aber jetzt stoß an mit dem Restchen : daß Preußen noch einmal ein Roßbach erlebt ! « Es war die Versöhnung . Der Kriegsrath verstand es , er fuhr aber so heftig gegen das Glas des Majors , daß es einen Sprung bekam : » Thut nichts ! Ein neues Roßbach , wenn ich ' s auch nicht erlebe . « Um nicht aus einem gesprungenen Glase des Königs Gesundheit zu trinken , musste ein neues herbeigeschafft werden . Dazu kamen andere Unterbrechungen . Die Jette trug lachend eine verhüllte Schüssel auf . Die Mutter hob das Tuch , und als die Kirschkuchen sichtbar wurden , war die Ordnung am Tische nicht mehr zu erhalten . » Gieb ihnen die Kuchen und laß sie laufen , « sagte der Vater , » sie haben doch keine Geduld mehr , und stören uns nur . « Dazu erschallte Trompeten- und Paukenmusik von einem Dorfende . Es war lebhafter im Dorfe geworden , Equipagen fuhren vor , aus der Schenke tönte militärische Musik ! » Mein alter Dessauer ! « sagte der Major . » Verzeihung , meine Freunde , wenn ich da zu meinen alten Kameraden muß . « » Aber vorerst das Glas auf den König , Alter . « Der Major erhob sich . Er sammelte sich zu einem Spruch , indem er in die Wipfel sah . Es strahlte nicht mehr das Gold der Mittagssonne im Laube . Eine schwarze Wolke fuhr gerade über den Horizont . Es war sehr heiß , der helle Schweiß perlte ihm auf der Stirn . Indem er ihn abtrocknete , verweilte er an den Augen . Er mußte auch da etwas zu trocknen haben . » Du helle Sonne , die Du auf ihn schienst , den Einzigen , Herr Gott , wenn Du untergesunken wärst mit dem Licht seiner Augen , und es wäre wirklich Nacht geworden . - « Er sprach ' s mit feierlicher , aber zitternder Stimme ; es war nicht , was er sprechen wollte . Darum hielt er wohl inne , das Glas in seiner Hand zitterte . Der Kriegsrath sah ihn ängstlich an , die Kriegsräthin nach der Flasche , ob er zu viel getrunken . Da schmetterte heiter und lustig das Reiterlied aus dem Kruge . Er fuhr fort : » Nein - nein - es wird wieder Tag werden . Das alles kann nicht untergegangen sein - es kann nicht , es kann nicht . Es schläft nur eine Weile . Und wir werden aufwachen , und andere Augen werden strahlen . Unser junger , lieber , bürgerfreundlicher König , meine Freunde , daß die Sonne Preußens vor ihm aufgehe , daß sein Auge hell aufgehe , das Gute vom Bösen zu unterscheiden , daß sein Sinn sich kräftige und stählern werde gegen die Rathschläge der Weichherzigen , der Schmeichler und Bösen , unser guter junger König soll leben hoch in aller Preußen Herzen . « Man stieß an , und die Gläser klangen auch ziemlich hell , aber die innere Bewegung des Invaliden hatte sich den Andern mitgetheilt , es war kein fröhlicher Gläserklang , wo man den Becher mit vollem Herzen anstößt . Auch ward es laut im Dorfe ; eine spanische Reitermusik mischte schon ihre bizarren Töne mit den schmetternd kecken des Dessauer Marsches . So ward eine kleine Disharmonie . Der Major nahm kurz mit einem Händedruck Abschied , die Bäuerin deckte rasch den Tisch ab . Es konnte ein Gewitter kommen , und es war eine Reiterbande im Dorf . Man musste sich vorsehen . Im Staube sah man auch schon eine bunte Fahne schwingen , und ein Reiter im sogenannten spanischen Kostüm ritt mit einem Trompeter durch das Dorf , in gebrochenem Deutsch zu einem nie gesehenen Schauspiel , expreß zu Ehren Sr. Majestät des Königs einladend , und umwogt von einer zahllosen Menge großer und kleiner Zuschauer trottete ein Kameel heran , einen Affen mit rother Jacke auf dem Sattel , und ein Bär in Ketten marschirte hinterher , zum unendlichen Jubel der Jugend , dann und wann sich aufrichtend und im Kreise sich wirbelnd . Elftes Kapitel . Die Frau Obristin . » Herr Gott , wo sind die Kinder ! « Kaum aber war der Angstruf heraus , als die Verschwundenen schon unter den Bäumen zum Vorschein kamen ; doch nicht allein . Eine fremde Dame führte Clara an der Hand , zwei junge Mädchen die andern beiden Kinder dem Tische der Familie zu . » Da sind gewiß die lieben Eltern , « rief schon von fern eine Dame halb im Reisekleide , aber doch in einer sehr geschmackvollen Toilette . » Entschuldigen Sie nur , meine Herrschaften , daß ich mich so unangemeldet eindränge . Aber die englischen Kleinen gingen mir ans Herz , und ich weiß , was ein Mutterherz leidet , wenn es in Angst ist um seine Kinder . Da , liebe Kleinen , sind Eure Eltern . Habt sie nun auch recht lieb , und lauft ihnen nie mehr fort . « » Mein Gott , was ist es ! « rief die Kriegsräthin . Die fremde Dame gab eine Erklärung , die wir kurz zusammenfassen . Sie war von einer Reise mit ihren Nichten zurückgekehrt und hatte am Eingange des Dorfes die ihr schon sonst bekannte Reiterbande getroffen . Um nicht mit solchen Menschen zusammen zu kommen und auch des gräßlichen Staubes wegen , war sie ausgestiegen und auf einem Fußwege durch die Felder ins Dorf gegangen , aber sie traf doch wieder auf der Dorfstraße die Gesellschaft und hatte mitten im Gedränge der Zuschauer die allerliebsten Kinder , die offenbar von guten Eltern waren , bemerkt . Da war es ihr wie durch ' s Herz geschossen , daß die Kleinen sich verlieren und den Reitern nachlaufen könnten , und einer der Reiter hatte die Clara gefragt , ob sie zu ihm auf ' s Pferd wollte , und da hätte sie es für Gewissenspflicht gehalten , das Kind an sich zu reißen und die anderen auch , um sie nach ihren Eltern zu fragen , und da sie ' s erfahren , hätte sie dem lieben Gott gedankt , daß sie noch zu rechter Zeit hinzugekommen , um die Kinder vor der Gefahr zu retten und ihren lieben Angehörigen zuzuführen . Die Kleinen aber schienen anderer Ansicht . Der jüngste Knabe namentlich zankte mit dem hübschen jungen Mädchen , welches ihn an der Hand noch immer festhielt und schrie , er wollte zu den Affen . Der Kriegsrath hatte sich von seinem Schreck erholt und freute sich , daß es nichts weiter auf sich habe . » Ach , mein sehr geehrter Herr , den ich noch nicht die Ehre habe zu kennen , « sagte die Dame , » aber gewiß sind Sie ein Patriot , denn das sehe ich an den Weingläsern , und wer unseres guten Königs Geburtstag trinkt , den erlauben Sie mir schon , daß ich ihn als meinen Freund ansehe . Aber Sie meinen , das hätte nichts auf sich ! Die Reiter stehlen ja die Kinder wie die Raben . Man kann sich vor ihnen nicht genug in Acht nehmen . O du mein Gott , ich könnte Ihnen davon Geschichten erzählen , daß einem das Haar zu Berge steht . Sehen Sie , ich fuhr mit meinen Nichten nach Leipzig , damit sie ihren Vater sehen sollten . Wir haben ihn nicht mehr getroffen . Nun , das schadet nichts , der Wille war doch gut , und Leipzig ist eine schöne Stadt , und zur Messe . Sie hätten die Freude der Kinder sehen sollen bei den tausend bunten schönen Sachen . Na , ich gönnte sie den armen Dingern . Und als wir zurückfuhren , brach ein Rad am Wagen . Ich sagte zum Kutscher , der sonst ein recht verständiger Mensch ist , i , kann er ' s nicht zusammenbinden , daß wir noch nach Berlin kommen vor Königs Geburtstag ? Er sagte partout nein . Der Wagen müsste zum Schmied , wir riskirten sonst , auf der Landstraße liegen zu bleiben . Nun können Sie denken , das wollte ich doch auch nicht , drei einzelne Frauenspersonen , und so kamen wir in das Dorf drüben , wie heißt es doch gleich , wo die Schmiede ist . Ja , da hieß es , machen könnte er ihn , aber nicht vor heute früh , und wir hätten auf der Streu liegen müssen in der Schenke , unter all dem Bauernvolk in der Wirthsstube . Nun , Sie können meinen Schreck denken , wenn nicht der Herr Prediger davon gehört und der invitirte uns in sein Haus . Sage ich Ihnen , war das ein charmanter Mann , und sagte : Unglücklichen helfen ist Christenpflicht ! Und die Frau Predigerin und ihre Töchter . Es ward uns heut Morgen recht schwer , uns von ihnen zu trennen , und die Töchter und meine Nichten , die konnten gar nicht von einander los und haben Brüderschaft getrunken . Im Himbeersaft nämlich . Gott bewahre , daß Sie denken sollten in Wein ! Die Herren Prediger auf dem Lande haben auch wohl immer einen Weinkeller ! Lieber Gott , sie sind recht schlecht gestellt . Ja , wenn man so über alle Ungerechtigkeit in der Welt machdenken wollte ! Aber ein Mann wie ein Mann Gottes ! An den Augen sah er uns alles ab . Und wie wir heut schon im Wagen saßen , brachten sie der Jülli und der Caroline die Vergißmeinnichtsträuße , die sie am Herzen tragen . Sage ich doch , man findet in der Welt überall gute Menschen , und wo man gute Menschen findet , ist die Welt gut .