anzunehmen , daß sie den Augenblick der Entdeckung für den wichtigsten ihres Lebens hielt . Das Unglück , keine Haare mehr auf dem Kopfe zu besitzen , ist so groß , daß es eigentlich nur dann zu ertragen ist , wenn man Haare auf den Zähnen hat . Ein Mensch , der sie weder da noch dort trägt , ist sehr zu bedauern . Er ist ein kahles Feld , ein entlaubter Baum ; die Sonne seines Lebens hat sich in einen Mond verwandelt . Der Abend ist hereingebrochen , und bald wird die Nacht kommen , und am andern Morgen wird der arme Mond tot sein , mausetot . Wenn man seinen kahlen schneeweißen Kopf mit einer vollen kohlschwarzen Perücke krönt , so erlebt man mit seinem Monde gewissermaßen eine Mondfinsternis . Aber eine Mondfinsternis ist vergänglich . Der Wind kann eine Perücke davontragen , und man hat eigentlich den Vorteil davon , daß der Tod vielleicht einst nur die Perücke faßt , wenn er uns nach dem Schopf greift , und daß der wirkliche Kerl davonläuft - à revoir - sterben Sie wohl , Herr Tod ! Wie ich bereits bemerkte , trägt unsere Heldin eine Perücke ... Dies schien mir von hoher Wichtigkeit zu sein ; ich sah darin den bedauerlichsten Widerspruch mit der von der älteren Schwester erfundenen Tinktur . Pflichtgetreu stellte ich die genauesten Nachforschungen an , und leider hat sich dadurch herausgestellt , daß der Schädel unserer Heldin sogar der berühmten herzoglichen Familientinktur siegreich widerstanden hat und daß sich unsere Freundin dabei beruhigen muß , eine Perücke auf dem kahlen Kopfe und kein Haar auf den falschen Zähnen zu besitzen . Es tut mir leid , daß ich nicht näher auf die Tinktur eingehen darf . Man könnte Bände darüber schreiben . Es kommt unendlich viel auf das Haar an . Einer der ersten Künstler der Welt bezeichnete seine hinterlassenen Perücken mit vollem Recht als den Hauptschatz seines Nachlasses . Doch nun noch etwas über den Fuß der Herzogin ! Goethe behauptete stets , ein schöner Fuß sei der einzig dauernd schöne Teil an einem Weibe ; er bleibe immer reizend , wenn er einmal reizend sei ; er verändere selten seine Form . Der alte Herr hatte von jeher gern mit den Füßen zu tun ; er hörte nichts lieber , als eine Frau in Pantoffeln mit hohen Absätzen klipp , klapp einen langen hallenden Korridor hinunterschreiten . Ich bin natürlich mit dieser hohen Autorität durchaus einverstanden . Auch unsere Herzogin hatte aus den Tagen der Jugend einen Fuß gerettet , der wenigstens zu einem schönen Schuh Veranlassung gab . In vielen Fällen wird man nach der Form des Fußes den ganzen Menschen beurteilen können ; auf die Rasse kann man stets danach schließen . Es verhält sich mit den Füßen wie mit den Zähnen und den Fingerspitzen . Ich mache mich verbindlich , nach der Weiße und der Reinheit der Zähne und der Fingerspitzen eines Menschen genau zu sagen , wievielmal er in der Woche ein reines Hemd anzieht . Die Fingerspitze steht aber in genauem Zusammenhange mit dem Zahne , der Zahn mit dem Hemde und das Hemd mit dem ganzen Menschen . Seit Benvenuto Cellini aus den schönen Zähnen seines erschlagenen Nebenbuhlers eine Kette für die lächelnde Herrin arbeitete , hat es wohl keine bessern Kinnladen gegeben als die der neulich am Kap verunglückten englischen Offiziere . Sie wurden von den Kaffern ermordet ; nach einigen Tagen fand man sie in der Tiefe des Waldes . Geld , Uhr und Waffen : alles hatte man ihnen gelassen . Man nahm ihnen nur das Leben und die - Zähne . Die Engländer sind die reinlichsten Leute . Nach Liebig verbrauchen die Engländer die meiste Seife ; dann kommen die Franzosen , dann die Deutschen usw. , zuletzt die Russen . Die Engländer haben die reinsten Hände , die saubersten Zähne und die weißeste Wäsche . Die Engländer sind die Herren der Welt . Geieraugen , Geiernase , ein ausgestopfter Raubvogel , und im Antlitz die Brandstätte aller Leidenschaften : das ist unsere Herzogin . In unsern Notizen finden wir noch ausdrücklich bemerkt , daß die Herzogin nur Leute , die in der engsten Intimität mit ihr stehen , bei Tage empfängt . In den meisten Fällen nimmt sie nur abends Besuche an , wie sie sich denn überhaupt auch nur bei Abend zeigt , da sie nur zu wohl weiß , wie sehr sie des Lampenlichtes bedürftig ist . Armer Schnapphahnski ! Teurer Mann , du gehst mit einem heroischen Entschluß um ! » Und würfst du die Krone selber hinein Und sprächst : Wer mir holet die Kron , Der soll sie tragen und König sein - Mich gelüstete nicht nach dem teuern Lohn ! « Ja , armer Schnapphahnski . Unsere Herzogin ist niemand anders als die Herzogin von S. , die jüngste Tochter des Herzogs von K. , die Gespielin eines » talentvollen « Königs , mit dem sie erzogen wurde und mit dem sie sich duzt . Die Herzogin heiratete den Prince de D. , den Neffen jenes berüchtigten Diplomaten , der gerade soviel Eide brach , als er Eide schwur . Nach einigen Jahren trennte sie sich aber , zwar nicht auf gerichtlichem Wege , von ihrem jetzt noch lebenden Mann und zog zu eben dem alten Fuchs , den wir in diesem Augenblick erwähnten , mit dem sie ein Verhältnis hatte , und machte in seinem Hause die Honneurs etc. Da ihr indes die Anwesenheit des Fürsten D. in Paris lästig war , so mußte der alte T. ihm unter der Bedingung Geld geben , daß er sich sofort entferne und nach Florenz gehe . Nachdem dies geschehen , zog unsere Heldin mit T. auf allen seinen Ambassaden herum , bekannt wegen ihres Verstandes , unendlich mehr berühmt aber wegen ihres ausschweifenden Lebenswandels . Ja , der Flug ihrer raffinierten Phantasie verleitete sie zu so abenteuerlichen Spaziergängen der Wollust , daß ihr unter Karl X. der Hof verboten wurde . Bemerken muß ich noch , daß die Herzogin beim Einrücken der Alliierten in Paris dem ersten Kosaken hinten aufs Pferd sprang und , frohlockend über den Sturz Napoleons , die ganze Parade der Truppen mitmachte . Sie soll bei dieser Gelegenheit vor Freude außer sich gewesen sein und ihren Kosaken mit Liebkosungen überhäuft haben . Schon lange getrennt von ihrem Manne , fühlt sie sich einst Mutter werden . Es schien eine Unmöglichkeit , das Kind noch auf Rechnung des abwesenden Gemahls zu bringen . Und doch war sein Name für dasselbe notwendig . Die Herzogin ist in keiner kleinen Verlegenheit ; sie besinnt sich hin und her , zuletzt entschließt sie sich kurz : sie faßt ein Herz und reist zu ihrem Gemahle . Spät am Abend läßt sie sich bei ihm melden ; er ist nicht zu Hause . Ohne » weiteres läßt sie sich daher auf sein Zimmer führen . Um Mitternacht kommt der harmlose Gemahl endlich zurück , nicht ahnend , was ihm bevorsteht . Er ist natürlich im höchsten Grade überrascht über den unerwarteten Besuch und sucht seinem Erstaunen in den trefflichsten Ehemannsphrasen Luft zu machen . Das eine Wort gibt das andere , und bald sind sie im besten Zuge , sich recht gemütlich zu zanken . Der holde Gatte merkt gar nicht , daß das Antlitz der Herzogin immer freudiger zu strahlen beginnt , während sein eigenes immer länger und länger wird . Mit jeder Minute wachsen die Hörner des zärtlichen Mannes ; da ist eine Stunde herum , und die Herzogin springt plötzlich auf , indem sie erklärt , daß sie jetzt gehen werde . Vor ihrer Abreise , setzt sie hinzu , wolle sie ihm indes sagen , welches der Grund ihres Besuches gewesen sei - - der ehrenwerte Gatte erhebt seinen Hornschmuck und spitzt die Ohren . Nichts ist interessanter als das Bekenntnis einer schönen Seele . Vertraulich legt die Herzogin ihre Hand auf den Arm des horchenden Mannes und teilt ihm leise flüsternd mit , daß sie sich Mutter fühle - - sie habe getrennt von ihm gelebt , jetzt könne sie durch alle Hausleute beweisen , eine Stunde in der Nacht bei ihm gewesen zu sein . Ihr sei geholfen . Adieu , mon ami ! » Den Seinen schenkt ' s der Herr im Traum . Weiß nicht , wie dir geschah . « - Der Gemahl der Herzogin legte sich mit dem beruhigenden Bewußtsein zu Bette , auch nicht im geringsten etwas Böses getan zu haben . Die Herzogin entfernte sich aber so rasch als möglich , und hell klang ihr glückliches Lachen . » Das Kind , für dessen Legitimität so weise gesorgt wurde , war eine Tochter , die später den Grafen C. heiratete . Der alte T. hielt sich für den Vater dieser Tochter und vermachte derselben bei seinem Tode 80000 Revenue . Sein ganzes übriges Vermögen vermachte er der Herzogin , die , so glänzend bezahlt , nun selbst zu bezahlen anfing . « - Auf das Gerücht hin , daß die Herzogin bezahle : erscheint Schnapphahnski . XIII Der Professor Ritter Schnapphahnski war in demselben Falle wie Professor N. in Berlin - - es stand ihm etwas ganz Außerordentliches bevor . Doch erzählen wir zuerst die Geschichte des Professors . Der Herr Professor war krank . Er ließ den Doktor kommen . Der Doktor kam . Arzt und Professor standen einander gegenüber . Der erstere mit jenem heidnisch frohen Lächeln , welches den meisten Medizinern eigentümlich ist ; der Professor : lang , dürr , einer ausgetrunkenen Flasche ähnlich , mit sehr miserablem Antlitz . » Doktor , ich bin krank - « , begann der Professor . » Das freut mich - « , erwiderte der Doktor . » Ich glaube , ich habe die Schwindsucht , Doktor . « » Sehr leicht möglich , Herr Professor . « » Nicht wahr , ich bin sehr krank ? « » Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen . « » Glauben Sie , daß die Sache gefährlich ist ? « » Zeigen Sie mir Ihre Zunge . « » Meinen Sie nicht , daß ich bald sterben werde ? « » Wann gehen Sie abends zu Bett ? « » Soll ich nicht lieber mein Testament machen ? « » Wie sieht es mit Ihrem Appetit aus ? « » Soll ich nicht die Verwandten von meiner traurigen Lage benachrichtigen ? « » Haben Sie regelmäßigen Stuhlgang ? « » Doktor , retten Sie mich ! « » Herr Professor , antworten Sie auf meine Frage ! « Eine Pause entstand . Der Professor schaute auf den Doktor wie ein krankes Fohlen auf seine Mutter . Der Doktor fuhr fort : » Antworten Sie mir also klar und bestimmt , Herr Professor . « » Ich bin ganz zu Ihren Diensten , Herr Doktor . « » Schildern Sie mir Ihren Zustand - - haben Sie Beschwerden ? « » Der Beschwerden habe ich manche- - « » Und welche , Herr Professor ? Haben Sie z.B. eine gewisse Schwere in den Gliedern ? « » Ganz recht - es liegt mir wie Blei in den Gliedern - « » Haben Sie Kongestionen nach dem Kopfe oder nach andern Teilen des Körpers ? « » Kongestionen - ganz recht , ich habe Kongestionen - fast nach allen Teilen . « » Lassen Sie mich doch Ihre Augen sehen - Sie scheinen ganz rote Augen zu haben . « » Ach , allerdings , Herr Doktor . Das kommt von dem vielen Arbeiten in der Nacht . « » Schlafen Sie nachts auf dem Rücken ? « » Ich schlafe selten , Herr Doktor . « » Also träumen Sie ? « » Ach , ich habe schwere Träume - « Der Professor schlug verschämt die Augen nieder . Wiederum entstand eine Pause . Der Doktor blickte auf den Professor wie der Teufel auf einen armen Sünder . » Setzen wir unsere Konversation fort - nicht wahr , Sie sind unverheiratet , Herr Professor ? « » Allerdings , Herr Doktor ! « » Sie haben auch sonst keinen Umgang mit Frauen ? « » Herr Doktor , das ist eine Gewissensfrage . « » Verzeihen Sie , eine reine Gesundheitsfrage . « » Aber wie soll ich Ihnen darauf antworten ? « » Nun , ganz einfach mit ja oder nein ; haben Sie Umgang mit Frauen oder nicht ? « » Nein , Herr Doktor ! Das ist durchaus gegen mein Prinzip . « » Aber es wäre gut für Ihre Gesundheit - « » Mein Prinzip geht über die Gesundheit . « » Aber Ihr Prinzip kann Sie ins Grab bringen . « » Mit meinem Prinzip will ich sterben . « » Nun , so sterben Sie wohl , Herr Professor « - der Doktor griff nach seinem Hute , um sich zu entfernen . Der Professor trat ihm in den Weg . » Lieber Herr Doktor - - « » Verehrter Herr Professor - - « » Bleiben Sie um Gottes willen ! « » Aber gehorchen Sie meinen Befehlen ! « » Ich will alles tun , was Sie wünschen . « » Meine Befehle werden Ihnen nur angenehm sein . « » Ich will Moschus und Rhabarber fressen . « » Würde Ihnen wenig helfen . « » Ich will Balsam und Fliedertee trinken . « » Könnte von gar keinem Nutzen sein . « » Aber was wünschen Sie denn ? « » Ich wünsche nur das Allermenschlichste , das Allererfreulichste von Ihnen ! « » Sprechen Sie also ! « » Und gehorchen Sie mir . « » Was soll ich tun ? « » Sie solln sich verlieben - ein Weib nehmen ! « Der Kopf des Professors sank auf die Brust , die Tabakspfeife entfiel seiner Hand , und Wolken der tiefsten Verlegenheit , des innigsten Schmerzes verdunkelten die Stirn des unglückseligsten Mannes . » Herr Doktor « , fuhr endlich der Gepeinigte in sehr gedrücktem , schleppendem Tone fort , » Herr Doktor , Sie wissen , ich bin Theologe . Ihr Befehl widerspricht meinem ganzen System , meiner ganzen Anschauungsweise . Ein viertel Jahrhundert lang bin ich der Stimme meines Innern , meiner Überzeugung treu geblieben und glaube auch heute noch an das , was uns der Apostel sagt im 8. Verse des 7. Kapitels seiner Epistel an die Korinther , wo da geschrieben steht , daß es besser ist , wenn die Ledigen bleiben wie der Apostel , nämlich ebenfalls ledig und unbeweibt - - « » Narrenspossen , nichts als Narrenspossen ! « unterbrach hier der Doktor , » und außerdem vergessen Sie , Herr Professor , daß es im 9. Verse heißt : So sie aber sich nicht enthalten können , so laß sie freien . Es ist besser freien , denn - - « Der Professor seufzte tief auf - » Sie verlangen also in vollem Ernst , daß ich mich verheirate ? « » Das habe ich nicht gesagt . « » Aber Sie wollen ja , daß ich mich verliebe . « » Man kann lieben , ohne zu heiraten . « » Aber Herr Doktor , das wäre Sünde . « » Herr Professor , Sie sind von wahrhaft biblischer Unschuld . « » Und eine Sünde werde ich nie begehen . « » Herr Professor , es gibt nur eine Sünde , das ist die Sünde gegen das eigene Fleisch . « » Nun , so will ich mit dem Apostel sündigen . « » Vielleicht war der Apostel aber nicht in so krankhaftem Zustande wie Sie , Herr Professor . « » Wie meinen Sie das , Herr Doktor ? « » Vielleicht konnte der Apostel seinem Verlangen widerstehen . Sie werden darüber zugrunde gehn . « » Nun , es sei ! Ich werde heiraten ! « » In vierundzwanzig Stunden ! « Die letzten Worte waren für den armen Professor ein neuer Donnerschlag . Er taumelte rücklings in seinen Sessel und bedeckte das fahle Antlitz mit beiden Händen . Der Doktor spielte gelassen mit seinem Hute . » Sie sind grausam , Doktor ! « nahm endlich der Professor das Gespräch wieder auf . » Ich soll in vierundzwanzig Stunden heiraten : das ist unmöglich ! « » Beim Menschen ist nichts unmöglich ! « » Ich kenne alle Kirchenväter , aber ich kenne kein einziges Weib . « » So lassen Sie die Kirchenväter laufen und lernen Sie die Weiber kennen ! « » Ich will mich verbindlich machen , in vierundzwanzig Stunden eine neue Sprache kennenzulernen , aber ein Weib lieben lernen - bedenken Sie , Herr Doktor ! « » Die Sprache der Liebe lernt man in fünf Minuten . « » Sie sind unerbittlich , Herr Doktor ! « » Unerbittlich , Herr Professor ! « » O Gott , errette mich von diesem Doktor ! « Der Doktor wurde ungeduldig . Er schritt der Türe zu . » Tun Sie , was Sie wollen , Herr Professor . Ich bin hierhergekommen , um für Ihren Leib zu sorgen , nicht für Ihre Seele . Suchen Sie meine Ratschläge mit Ihrem Gewissen zu vereinbaren , das ist Ihre Sache . - Ich gebe zu , daß es mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist , in vierundzwanzig Stunden ein ehelich Weib zu finden , Hochzeit zu machen und so weiter - - aber es fällt mir im Traume nicht ein , Sie zu diesem extremen Schritte zu treiben . Richten Sie die Sache anders ein - Sie werden mich verstehen . - Ich stelle Ihnen einfach die beiden Chancen : entweder eine Konzession Ihres Gewissens oder ein früher Tod . Wählen Sie zwischen einem Gewissensmord und einem Selbstmord . Wählen Sie von zwei Sünden eine : wählen Sie ! « Von der Stirn des Professors perlte der Angstschweiß . Der Doktor machte seine Auseinandersetzungen aber mit soviel Präzision und mit so unendlicher Bonhomie , daß der geplagte Mann Gottes endlich langsam das Haupt erhob und nach einigem Stottern und Erröten mit einer wahrhaft naiven Unerschrockenheit die Frage wagte : » Aber , lieber Herr Doktor , wie würde man diese Mordgeschichte einzurichten haben ? « Hier konnte sich der Doktor nicht länger halten . Er lachte laut auf - » Teuerster Professor - - « » Allerdings , Herr Doktor ! Sagen Sie mir aufrichtig , wie ich mich dabei benehmen soll ! « » Aktiv sollen Sie sich dabei benehmen ! « » Aber bedenken Sie doch , daß ich durchaus Neuling in der Sünde bin ! « » Tant mieux , Herr Professor . « » Tant pis , Herr Doktor ! « Das Dilemma wollte kein Ende nehmen . Der Doktor sah ein , daß er seinem Patienten zu Hilfe kommen mußte . » Wenn Sie den alten Jesuiten Escobar gründlich studiert hätten , Herr Professor , so würden alle weiteren Explikationen unnötig sein . Aber ich merke , daß Sie von der verstocktesten Unschuld sind . Sie sind ein wahrer Sankt Aloisius - doch trösten Sie sich ! Morgen abend zwischen 7 und 8 Uhr wird jemand vernehmlich an Ihrer Haustür schellen . Sie werden Ihre Hausbewohner , Ihren Knecht und Ihre Mägde hinausgeschickt haben , und Sie werden gütigst selbst die Türe öffnen . Sie werden die Türe behutsam öffnen , ohne allen Eklat , damit niemand der Vorübergehenden etwas bemerkt , und Sie werden die liebenswürdige Person , die Ihnen eine der interessantesten Visiten abstatten wird , ebenso artig als zuvorkommend empfangen und sie ohne Umstände sofort in Ihr Studierzimmer führen . Sie werden dort die Fenster verhängt und das Sofa von Bibeln und Kirchenvätern gereinigt haben . Sie werden ein gehöriges Feuer im Ofen unterhalten und für die geeignete Beleuchtung sorgen . Sie werden sich leicht und komfortabel gekleidet haben , Sie werden ebenso höflich als zutraulich und hingebend sein , kurz , Sie werden sich ganz den Freuden Ihres Besuches hingeben - - nun Adieu , Herr Professor ! Für den Rest werde ich sorgen . Adieu ! Bedenken Sie , daß Ihr Leben auf dem Spiele steht - - « Da war der Doktor verschwunden . Von der Angst , die der Professor nach dem Fortgehen des Doktors ausstand , kann sich nur der eine richtige Idee machen , der überhaupt die Qualen eines Gerechten zu würdigen versteht . Der gelehrte Herr war außer sich . Zwanzigmal in Zeit von zehn Minuten erlosch ihm die Pfeife . Vierzigmal rieb er die Stirn , und achtzigmal sah er mit frommen Augen andächtig gen Himmel , innerlich flehend , daß dieser Kelch der Freude an ihm vorübergehe . Vor allen Dingen suchte er nach irgendeiner Entschuldigung für seine bevorstehende Sünde , denn das Wagnis seines Lebens schien ihm ein keineswegs ausreichender Grund zu sein . Er schlug den Irenaeus nach , den Augustinus , den Eusebius , den Lactantius , den Chrysostomus und einige Dreißig andere Schweinslederbände , um nachzuforschen , ob denn nicht irgendein Kirchenvater weiland in demselben Falle gewesen sei und ob nicht einer von ihnen auch nur ein Wörtlein über diesen kitzlichen Punkt habe fallen lassen - aber vergebens ! Der Professor überzeugte sich davon , daß nie ein Heiliger der Art vom Teufel versucht worden sei , und an allem verzweifelnd , warf er sich schließlich auf das Lager seiner Leiden , um schlimmer zu träumen als je vorher . Der kommende Tag brachte nur neue und immer wildere Seelenstürme für den gelehrten Herrn , denn mit jedem Augenblicke rückte ja die Stunde näher , wo die Schelle von unbekannter Hand gerührt und wo der Herr Professor den Beweis ablegen sollte , daß er als Mann und Meisterstück aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sei . Wir brauchen nicht zu versichern , daß der Herr Professor die Vorschriften des Doktors genau befolgte . Schon um 2 Uhr nachmittags war das Haus des Gelehrten wie ausgestorben . Die Schwester des Unglücklichen , die Mägde , der Knecht : alle waren vertrieben . Die Seufzer , welche sich der Studierstube entrangen , zeigten , daß nur ein einziges Wesen in dem verödeten Räume zurückgeblieben sei . Es schlug 4 Uhr : der Herr Professor zitterte . Es schlug 5 : der Herr Professor trocknete den Schweiß von Stirn und Wangen . Es schlug 6 : der Herr Professor schnappte nach Luft . Es schlug 7 : da tönte die Schelle der Haustür , und der Gelehrte stürzte hinab . - - Lassen wir ihn stürzen . Meine Leser werden mir verzeihen , daß ich sie so lange mit dem alten Professor ennuyiere . - Die Sage geht , daß der unglückliche Mann statt einer reizenden Bajadere die bejahrte Freundin seiner Schwester umarmte - der Herr Professor war mit Blindheit geschlagen ; er versicherte , daß sein Leben auf dem Spiel stehe ; er hielt den Besuch , welcher der Schwester galt , für den Besuch , den er erwartete , und die herzzerreißendste Szene entwickelte sich zwischen Kirchenvater und Matrone , eine Szene , der Feder eines Swift , eines Sterne , eines Smollet würdig - wert , von einem andern Hogarth gezeichnet zu werden , zur Lust aller kommenden Geschlechter . Herr von Schnapphahnski verlebte vor seiner ersten Unterredung mit der Herzogin von S. einen ähnlichen Tag wie der Berliner Professor . Der Kirchenvater umarmte statt einer Grazie : eine Matrone . Sehen wir , wie es dem edlen Ritter mit der Herzogin erging . XIV Der Graf Ich führe meine Leser in das geräumige Gemach eines alten schlesischen Schlosses . Es ist Abend geworden . Der letzte Strahl des Tages bricht durch die schweren seidenen Vorhänge und treibt sein Spiel mit den Flammen des Kamins , der immer lustigere Streiflichter auf den grünen Teppich wirft , auf die kolossalen Spiegel der » Wände und auf eine Reihe vornehm adliger Köpfe , die aus goldenen Rahmen ernst und feierlich niedersehen . Die Luft des Gemaches ist duftig warm . Der Rauch der besten Havanna-Zigarren zieht in blauen » Wölkchen vorüber , und auf dem Marmorgesims des Kamins dampft Punsch und Grog aus kristallenen Gläsern . Zur Rechten und zur Linken des Feuers bemerken wir in zwei großen Sesseln zwei junge Männer , die Beine dem Feuer behaglich entgegenstreckend . Der eine , den Ellenbogen in die Lehne des Sessels drückend , stützt den schönen schwarzgelockten Kopf auf die schneeweiße Hand . Die Flammen des Kamins spiegeln sich in seinem dunklen Auge . Er scheint in tiefes Sinnen versunken . Minutenlang liegt er regungslos da ; aber plötzlich fährt er zusammen , er streicht die Locken von der Stirn , und die halberloschene Zigarre aufs neue an die Lippen führend , lacht er und zeigt unter dem kohlschwarzen Schnurrbart eine Perlenreihe der schönsten Zähne . Der zweite der jungen Raucher bildet den besten Kontrast zu dem ersteren . Er ist lang , dünn , trocken , blondhaarig , mit kahler Glatze - eine etwas ruinierte Erscheinung , die durch fashionable Manieren den frühen Verlust aller übrigen körperlichen Reize wiedergutzumachen strebt . Der Blonde weiß sehr graziös zu rauchen , aber nur selten greift er nach seinem Grog , den er , statt zu trinken , wie aus Langerweile nachlässig in den Kamin schüttet . Mit einem ironischen Lächeln blickt er auf den sinnenden Freund . » Trösten Sie sich « , beginnt endlich der Blonde , » trösten Sie sich , Ritter , Sie werden die Herzogin jedenfalls noch heute abend zu Gesichte bekommen . Sie werden eine geistreiche Dame kennenlernen . « Der Schwarzgelockte hebt sich langsam im Sessel empor : » Sagen Sie mir zum zwanzigsten Male , Graf , glauben Sie wirklich , daß ich reüssieren werde ? « » Das hängt einzig und allein von Ihnen ab : übrigens werde ich Sie nach Kräften unterstützen - « » Ich schenke Ihnen meinen schönsten Hengst ! « » Einen Hengst für eine Herzogin ! Es tut mir nur leid , daß ich nicht mehr so gut wie früher mit ihr stehe . « » Wieso , Graf ? « » Ich sagte der Herzogin einst , daß ich aus reiner Sympathie eine kahle Glatze trüge : und sehen Sie , das konnte sie mir nie vergessen . « » Armer Mann - - « » Ja wahrhaftig , hüten Sie sich davor , die leiblichen Schönheiten der Herzogin näher zu besprechen . Loben Sie nur ja nicht ihre glänzenden schwarzen Haare , ihre herrlichen Zähne oder ihren eleganten Wuchs - die Herzogin würde dies für die abscheulichste Ironie halten , denn alles Lob fiele auf den Perruquier zurück , auf den Zahnarzt und auf ähnliche nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft . « » Aber was soll ich tun - ? « » Ich setze voraus , daß Sie nicht von der Herzogin benutzt zu werden wünschen , sondern daß Sie die Herzogin benutzen wollen ? « » Allerdings ! « » Sie müssen daher die Herzogin zu unterjochen suchen . « » Sehr richtig ! « » Und es stehen Ihnen zwei Wege zu diesem Ziele offen . « » Welche ? « » Entweder müssen Sie als Tyrann auftreten - oder als harmloser Schäfer . Das eine Mal werden Sie durch Ihre Keckheit , durch Ihre Unverschämtheit die Eitelkeit der Herzogin in so barbarischer Weise aufstacheln , daß sie es sich zur Ehrensache macht , Ihnen nur nach dem fürchterlichsten Kampfe das Feld zu räumen . Ein wahres Gemetzel von Blicken , Worten , Ränken und Intrigen wird sich zwischen Ihnen entwickeln . Sie werden , ohne die Eitelkeit der Herzogin zu verletzen , jede ihrer Frechheiten durch eine eklatantere Bosheit zu überbieten wissen . Ihre List werden Sie durch List umgehen , ihrer Lüge werden Sie durch noch größere Lügen imponieren , die Renommage mit ihren galantesten Sünden werden Sie durch die Erzählung galanterer Abenteuer zu paralysieren suchen . Malt die Herzogin grau , so malen Sie schwarz ; malt sie rot , so malen Sie purpurrot , und ist es zuletzt nicht mehr möglich , sie im Raffiniertsein zu überbieten , da schlagen Sie plötzlich in das ganz Entgegengesetzte um und vernichten Ihre Gegnerin durch das Einfache . Sie treiben die Herzogin bis auf den Chimborasso des Unerhörten und lassen sie plötzlich in die Sahara des Allergewöhnlichsten fallen , und ich bin gewiß , daß Sie zuletzt siegen , daß das raffinierte Alter der raffinierten Jugend weichen muß , daß die Herzogin zum Rückzug bläst , ja , daß sie enttäuscht zusammensinkt , daß sie ächzt und winselt - aber dann erst ist der Augenblick gekommen , wo Sie Ihrem Feldzuge die Krone aufsetzen . Denn statt den Fuß siegend auf ihren Nacken zu setzen , verzichten Sie plötzlich auf den Ruhm der gewonnenen Schlacht ; statt zu triumphieren , machen Sie Ihren Triumph zu dem Triumph der Herzogin : während sie Ihnen zu Füßen fallen will , kommen Sie der Herzogin zuvor und fallen ihr zu Füßen , ein sentimentaler Satan , ein verliebter Nero , so daß Sie Ihre fallende Gegnerin mit den Armen auffangen und sie emporrichten , sie maßlos erstaunend durch Ihre Überlegenheit und zum Danke rührend durch Ihre unbeschreibliche Galanterie . Seien Sie versichert , Ritter , durch ein solches Spiel werden Sie die Herzogin durchaus gewinnen - sie wird alle Ihre Schulden bezahlen - - « » Und den andern Weg ? « fragte der Ritter , indem er sich aufmerksamer emporrichtete . » Nun , der ist bei weitem einfacher , vielleicht zu einfach , als daß Sie sicher und gewiß damit zum Ziele kommen . Soweit ich Sie zu beurteilen verstehe , werden Sie die Rolle eines Roués besser spielen können als die eines Gimpels ; die zweite Manier , die Herzogin zu erobern , besteht nämlich wie gesagt darin , daß Sie eben als harmloser , unerfahrener