Doch , sagen Sie mir , liebe Gräfin , warum wollen Sie selbst nicht diese Rolle übernehmen ? - Ich ? - Unmöglich . Alice dankte mit einem ironischen Lächeln für diese indirekte Schmeichelei . - Erstlich würde ich zu ungeschickt dazu sein und dann ist meine Stellung eine viel zu offene , als daß man mir nicht leicht in die Karten sehen sollte . - Ich glaube gerade , daß je offener Ihre Stellung ist , desto leichter sollte es Ihnen werden . Nächst dem entlegensten Schlupfwinkel gewährt Nichts eine größere Sicherheit als Orte , die Allen zugänglich sind . Man sieht nicht , wo man nichts vermuthet . Indeß ich gebe zu , Sie mögen Ihre Gründe haben . Um so mehr hoffe ich Nachsicht bei Ihnen für die meinigen zu finden . Und dann - soll ich Ihnen noch einen Grund sagen ? Ich habe eine unbezwingliche Abneigung gegen alle Politik . - Ich will nicht weiter in Sie dringen . Die Sache ist abgethan , sprechen wir nicht mehr darüber . Die beiden Frauen erhoben sich , um sich in den großen Gesellschaftssaal zu begeben . - Ich werde Sie en passant mit unseren Notabilitäten bekannt machen - sagte die Gräfin , während sie Arm in Arm mit Alicen durch die Säle schlenderte , und sich beide eben im Zeitungszimmer befanden . - Sehen Sie dort den schmächtigen jungen Mann mit der feinen Nase und den klugen Augen , welcher den Pariser Constitutionel studirt , das ist der Professor Lips , der sich durch seine Reisen nach Aegypten einen Namen und durch die Heirath mit einem reichen Gänschen ein glänzendes Vermögen erworben hat . In seinem Nachbar zur Rechten , ich meine jenen kurzen , dicken Herrn mit der grünen Brille , die fast das halbe hochrothe Gesicht bedeckt , erblicken Sie einen unserer bekanntesten Millionärs , der das doppelte Verdienst besitzt , in eben so naher Verwandtschaft zu der weiland berühmten Sängerin S .... , als zu der nicht minder berühmten Hofbuchdruckerei von D ... zu stehen . - Ihm gegenüber sitzt der Prinz A .. Betrachten Sie ihn genau und antworten Sie mir dann aufrichtig , ob Sie sein Gesicht interessant finden . Herr von St. Just , mit dem ich gestern über den Prinzen sprach , ist freilich vernarrt in ihn . A propos , kennen Sie Herrn von St. Just ? Doch nein , das ist ja unmöglich , da er erst seit kurzer Zeit hier ist und Sie kaum von der Eisenbahn gestiegen sind . Desto besser , so steht Ihnen noch eine interessante Bekanntschaft bevor . Ich hoffe , Ihn noch heute hier zu sehen , dann werde ich ihn Ihnen sogleich vorstellen . In diesem Moment öffneten sich die Flügelthüren des großen Saals , in welchen die beiden Frauen eben eintraten , und der Jäger meldete den » Chevalier Arthur von Saint Just . « Unwillkührlich erhoben sich die Blicke Alicens auf den Neuangekommenen und blieben erstaunt einige Sekunden auf seinem Gesichte ruhen . Fast in dem nämlichen Augenblicke begegnete ihrem Auge auch schon das blitzende Auge des Chevaliers , und Alice wendete sich mit scheinbarer Gleichgültigkeit zu ihrer Begleiterin . - Wohlan , folgen wir dem Winke des Schicksals - sagte sie lächelnd - das uns in derselben Minute den Chevalier entgegentreten läßt , in welcher Sie mich auf seine interessante Bekanntschaft neugierig machen . Nachdem der Chevalier der Gräfin begrüßend die Hand geküßt hatte , stellte sie ihn ihrer Freundin vor , und verließ darauf Beide , um sich der übrigen Gesellschaft zu nähern . Um den Grund des Erstaunens zu erklären , mit dem Alice auf den Chevalier St. Just geblickt hatte , müssen wir den Leser benachrichtigen , daß Herr von St. Just Alicen keineswegs unbekannt war , da sie auf den ersten Blick in ihm die Person erkannte , mit der sie heute bereits eine Zusammenkunft gehabt hatte , um ihr einen Brief des Fürsten Lichninsky zu überreichen . Die Adresse des Briefes lautete aber nicht an den Chevalier St. Just , sondern schlichtweg an Herrn - Gilbert . - Was soll ich von Allem dem denken , Chevalier ? - sagte sie fast beleidigt . - Hoffentlich nichts Anderes , als daß ich ein vorsichtiger Mann bin . Setzen Sie den Fall , daß der Brief von Ihnen verloren - oder Ihnen genommen und von dem neuen Besitzer an mich abgegeben worden sei , um , wer weiß , welche Geheimnisse bei mir zu spüren , wäre ich nicht in große Verlegenheit gekommen , wenn ich ohne Weiteres meinen Namen genannt hätte ? Gilbert und der Chevalier St. Just haben Nichts mit einander gemein . Auch kennt mich hier Niemand unter jenem Namen . - Selbst die Gräfin nicht ? - fragte Alice hingeworfen . - Am allerwenigsten . - So habe ich mich also an den Absender zu halten , und gerade bei diesem ist mir dieser Mangel an Vertrauen unerklärlich . Gilbert lächelte . - Vielleicht hatte er einen ähnlichen Grund , die Furcht , der Brief möchte verloren gehen . - So konnte er mir den rechten Namen mündlich mittheilen - sagte Alice zornig . - Das war unmöglich . - Und warum ? wenn ich bitten darf - fragte Alice stolz . - Weil er ihn selbst nicht kannte . Se . Durchlaucht , der Präsident des Wiener akademischen Vereins , kennt keinen Chevalier von St. Just . - Und wozu denn dieses Verstecken spielen mit doppelten Namen ? Wissen Sie wohl , Chevalier , daß dies abgeschmackt und lächerlich erscheinen kann ? - Wenn nichts weiter dahinter steckt , als Geheimnißkrämerei , allerdings . Aber die Nothwendigkeit werden Sie schon einsehen . Doch davon ein ander Mal . Jetzt will ich vor allen Dingen Rapport abstatten . Die Achtzehner erwarten Sie mit Sehnsucht , ja mit Begeisterung . Ich habe in Ihrem Namen versprochen , daß Sie morgen in ihrer Mitte erscheinen werden . Die Vorbereitungen sind getroffen : es bedarf nur eines Winks und die Bombe platzt . Uebrigens muß noch in dieser , spätestens im Anfange der künftigen Woche etwas geschehen , um die Stadt im Allgemeinen in Bewegung zu bringen , und die Gemüther auf den entscheidenden Punkt hin zu concentriren . Geschieht dies nicht durch uns , so geschieht es von selbst : und dann gleitet uns der Faden aus den Händen . - Sie haben recht in der Sache . Ueber das » Wie « sprechen wir morgen . Ich habe Ihnen Vorschläge zu machen , die Ihnen gefallen werden . Aber nun wünschte ich , Ihre Meinung , Ihre wahre Meinung - Alice betonte diese Worte - zu hören über die Richtung , welche wir der Bewegung geben . - Sie verstehen mich nicht , wie es scheint . - Nicht ganz . - Wohlan , ich will deutlich sein . Wer wird die Früchte davon genießen : die Aristokratie oder das Proletariat ? Was ist Ihre Parole , Gilbert , Revolution oder Contrerevolution , Demokratie oder Absolutismus ? - Sprechen Sie nicht so laut , ich bitte Sie . Man ist schon aufmerksam auf uns geworden . Eine solche Frage ist meiner Meinung nach kaum zu stellen , geschweige zu beantworten . Oder erlauben Sie mir die Gegenfrage : Sind Sie schon für das Eine oder Andere entschieden ? Alice senkte den Kopf , als besönne sie sich , ob sie antworten sollte oder nicht . Dann sagte sie kurz und entschieden : Ja ! - Es lag in der Weise , wie sie den Kopf stolz emporrichtete und in dem Ausdruck , mit dem sie dieses » Ja « aussprach , eine solche Energie des Willens und eine solche Kraft der Ueberzeugung , daß Gilbert sich nicht enthalten konnte , das schöne , schmächtige Weib mit einem Blicke zu betrachten , der seine volle Bewunderung aussprach . - Ich muß gestehen - sagte er leise - daß ich mich dieser Entschiedenheit nicht rühmen kann . Worin wir aber , wie ich hoffe , übereinstimmen , das ist der Haß und die Verachtung gegen die Bourgeoisie und alle Erbärmlichkeiten , die an dem Zopf des Philisterthums hangen . Alice reichte ihm schweigend die Hand , die er fest drückte . - - Haben Sie meine Bitte wegen des jungen Mädchens erfüllt ? - fragte sie , nach einer Pause zu einem andern Thema übergehend . - Ja wohl . Sie werden sie morgen früh bei sich sehen . Ich weiß weder , woher Sie dies junge Mädchen kennen , noch warum Sie sich gerade dafür interessiren . Aber ich fürchte , daß - wenigstens für mich - Unannehmlichkeiten daraus entstehen können . - Wie so ? - - Sie ist die Schwester eines Führers aus der Gesellschaft der Achtzehner , welcher mich schon seit mehreren Tagen mit eifersüchtigen Blicken betrachtet , weil er sich einbildet , daß ich darauf ausgehe , ihm seine Popularität zu rauben . - Meinen Sie Ralph ? - Sie kennen ihn ? - fragte Gilbert erstaunt . - Natürlich . - Sie vergessen , daß ich in vergangenem Herbst hier war und die Gesellschaft , welche früher dem Handwerkervereine angehörte , organisiren half . Ich begreife Ihre Besorgniß . Doch haben Sie nichts zu fürchten . Nehmen Sie meinen Dank für Ihre Bemühungen und vergessen nicht , morgen zu mir zu kommen . Jetzt aber lassen Sie uns der Gesellschaft uns anschließen . Ich habe schon mehrere forschende Blicke sich hieher richten sehen . Sie waren eben im Begriff , sich zu trennen , als der Prinz A .. auf der Schwelle der nach dem Journalzimmer führenden Thüre erschien . Jetzt war es des Prinzen Blick , welcher dem Alicens begegnete . Aus der Richtung , welche diese und der Chevalier eingeschlagen hatte , um sich dem Gros der Gesellschaft anzuschließen , konnte der Prinz erkennen , daß sie mit einander gesprochen hatten . Dem fragenden Ausdruck , welcher in Folge dieser Bemerkung im Auge des Prinzen sich zeigte , antwortete Alice mit fast unbemerkbarem Schütteln des Kopfs . Des Prinzen Stirn verfinsterte sich , doch nur einen Augenblick . Im nächsten näherte er sich wie zufällig dem Chevalier und bald waren Beide in einem politischen Gespräche vertieft . - Nun , wie finden Sie ihn ? - fragte die Gräfin Alicen . - Welche Frage ! Würde ich Ihnen nicht gerechten Grund geben , an meinem Geschmack zu zweifeln , wenn er mir nicht eminentes Interesse einflößen müßte , da er sogar das Ihrige zu erregen verstanden ? antwortete Alice mit ironischem Doppelsinn . Die Gräfin schien die Ironie zu fühlen . Sie senkte den forschenden Blick , welchen sie auf das feine Gesicht Alicens geworfen hatte , das in diesem Augenblick von einem melancholischen Lächeln überglänzt wurde . - Und der Prinz ? fragte sie weiter - Sie erinnern sich , daß Sie mir noch eine Antwort schuldig sind . - Da Sie nach Ihrer Aeußerung von vorhin über den Prinzen eine andere Ansicht haben als der Chevalier , so bin ich in Verlegenheit , wem ich recht geben soll . Ich fürchte in beiden Fällen , Ihnen wehe zu thun . - Die Gräfin erröthete , denn es lag in den Worten und besonders in dem Lächeln , die nicht undeutliche Vermuthung ausgesprochen , daß das Interesse der Gräfin für den Chevalier von etwas tieferer als blos socialer Natur sein mochte . Alice wollte aus der Antwort der Gräfin beurtheilen , ob ihre Vermuthung richtig sei . Als die Gräfin schwieg , war Alice ihrer Sache gewiß . - Sie sah den Prinz scharf an - und wurde verstanden . Bekanntlich hat Solon das Gesetz gegeben , daß derjenige , welcher in politischen Parteikämpfen sich zu keiner Partei schlüge , mit dem Tode bestraft werden solle . Es ist meine Aufgabe nicht , die Weisheit dieses Gesetzes an den Tag zu legen ; doch kann ich nicht umhin , an dem Beispiel des Chevalier St. Just die darin enthaltene Wahrheit zu versinnbildlichen . Er hatte aufrichtig gesprochen , als er Alicen erklärte , daß er über die zu ergreifende Partei noch unentschieden sei ; aber die Strafe dieser Unentschiedenheit zeigte sich schon jetzt . Da er es vorläufig noch mit beiden Parteien hielt , es weder mit dem Proletariat noch mit der Aristokratie verderben wollte , so mußte er sich in beiden Lagen für etwaigen Rückzug eine Thüre offen erhalten . Diese Rücksicht legte ihm aber Fesseln an und verhinderte ihn , nach einer der beiden Seiten die ganze Energie zu entwickeln , deren er fähig war , und welche ihn bald über alle Eifersüchteleien von Nebenbuhlern hätte triumphiren lassen - und Eifersüchteleien sind gefährlicher als offne Angriffe von erklärten Feinden . Auf der einen Seite stand Ralph - auf der andern - freilich ohne seine unmittelbare Schuld , - der Prinz A. ihm gegenüber . Der Prinz A. liebte die Gräfin und haßte in Folge dessen den Chevalier , weil dieser - wie es ihm schien - mehr Glück bei der Gräfin hatte als er selbst sich rühmen konnte . Es könnte auffallen , daß Alice gegen Gilbert zu intriguiren schien , indem sie den Prinzen in seinem Verdachte von einem innigeren Verhältniß zwischen dem Chevalier und der Gräfin bestärkte . Allein wir kennen Alicen hinlänglich , um nicht den Grund dieses scheinbaren Verrathes zu durchschauen - sie - die selbst ohne Leidenschaft , oder wenigstens von keiner Leidenschaft jemals übermannt , mit der Leidenschaft Anderer zu spielen gewohnt war , um aus dem daraus gewonnenen Triumpfgefühl sich eine Staffage für ihre eigene materielle Unabhängigkeit und geistige Selbstständigkeit zu gewinnen - mußte - vor allen Dingen dahin zu gelangen suchen , diejenigen , welche die leitenden Fäden der im Spiel begriffenen Intrigue in Händen hielten , ihrem Willen zu unterwerfen , und ohne daß sie es merkten , von sich abhängig zu machen , damit sie selber das Centrum würde , in welchem alle die verschiedenen Fäden wieder zu einem Knoten zusammenliefen . Sie wußte , daß die Gräfin Rücksicht auf den Prinzen nehmen mußte , weil ihre Existenz , ihre jetzige glänzende Existenz , hauptsächlich sein Werk war : deshalb ließ sie jene Andeutung fallen , aus welcher die Gräfin zu ihrem größten Erstaunen ersah , daß ihre Theilnahme für den Chevalier dem scharfen Auge ihrer Freundin keineswegs entgangen war . Die Gräfin begann Alicen zu fürchten und diese Furcht war der erste Ring zu einer Kette , welche sie an dieselbe fesselte und ihrem Willen gehorsam machte . Den Prinzen zog nicht nur das Gefühl der Dankbarkeit für die erhaltene Aufklärung , sondern auch das weit kräftigere des Beistandes , dessen er bedurfte und das allein sie ihm gewähren konnte , zu Alicen hin ; vielleicht kam noch ein drittes Moment hinzu : nämlich die Erinnerung an eine noch nicht gar lange verschwundene Zeit , in welcher er die schöne Frau einst sein eigen genannt hatte . Und Alice verstand die große Kunst , diejenigen , welche sie einst geliebt hatten , sobald diese Liebe verschwunden war , als ihre wärmsten und aufrichtigsten Freunde sich zu erhalten . Sie zeigte allen diesen Verhältnissen und Personen gegenüber dieselbe anmuthige Liebenswürdigkeit , welche es ihr möglich machte , oft Wahrheiten zu sagen , die aus anderm Munde verletzt haben würden , in dem ihren aber nur dazu beitrugen , das Band noch fester zu knüpfen , welches Alle , die sich einmal in ihre Nähe gewagt hatten , an sie fesselte . Was Gilbert betraf , so war er schon durch ihre Mitwissenschaft von seiner Theilnahme an der Verbindung der Achtzehner ein Sklave ihres Willens . Mit ihm brauchte sie am wenigsten Rücksicht zu nehmen . Es gab unter allen denen , die sie kannten , nur zwei Personen , für welche sie ein innigeres Gefühl in sich trug ; und grade diese beiden befanden sich nicht im Salon der Gräfin : es waren Lichninsky und - Ralph , der Fürst und - der Arbeiter . Das Gespräch , in welchem der Prinz A. mit dem Chevalier begriffen war , schien für Beide ein großes Interesse zu haben . Ersterer hatte von der Gräfin gehört , daß der Chevalier am 23. Februar in Paris gewesen ; es war mithin natürlich , daß es ihn interessirte , dies Ereigniß von einem Augenzeugen geschildert zu hören . Aber der Prinz hatte - vielleicht unbewußt - noch einen andern Zweck dabei im Auge . Gilbert war für Alle , mit denen er Umgang hatte , ein räthselhafter Mensch . Niemand konnte sich seines besonderen Vertrauens rühmen , Niemand kannte den Zweck seines Aufenthalts in Berlin und den Grund , weshalb er Paris grade in jener denkwürdigen Zeit verlassen hatte - Ursache genug , um den eifersüchtigen Prinzen mit Mißtrauen gegen ihn zu erfüllen und um den Versuch zu machen , den Absichten dieses fahrenden Ritters - dafür hielt ihn der Prinz - auf die Spur zu kommen . Der brave Chevalier merkte jedoch bald , wohinaus die Fragen des Prinzen zielten , und wich geschickt jeder bestimmten Antwort aus . Dennoch würde es ihm auf die Länge schwer geworden sein , dieses gefährliche Frag- und Antwortspiel fortzusetzen , hätte ihn nicht seine schöne Freundin aus der Noth geholfen . Die Gräfin rief ihn mit einem entschuldigenden Blick auf den Prinzen zu sich , um einen Streit zu schlichten , der zwischen ihr und dem Professor Lips über Classicität der ägyptischen Kunstdenkmäler ausgebrochen war . Gilbert , der längere Zeit im Orient sich aufgehalten , konnte wohl als Autorität in dieser Streitfrage gelten . Während an dem hellerleuchteten Gesellschaftstisch die ästhetische Frage über die hohe Entwickelung der ägyptischen Kunst erörtert wurde , blieb der Prinz nachdenklich in der Fenster-Nische stehen , halb verdeckt durch die faltigen dunkel gelbseidenen Gardinen , die das Lichtmeer des Saales fast zu einem Halbdunkel abschwächten . Da fühlte er plötzlich einen leisen Druck auf seinen Arm . Er sah sich überrascht um . - So tief in Gedanken , Königliche Hoheit ? - sagte eine tiefe Stimme . Es war der Polizei-Präsident v. M. - In der That , die Zeit giebt uns hinreichenden Stoff zum Denken , sollt ' ich meinen - erwiederte lächelnd der Prinz . Ich danke Ihnen , daß Sie mich daraus erweckt haben , denn meine Gedanken waren nicht erfreulicher Natur . - Ich wußte das . Sonst hätte ich mir nicht erlaubt , Sie darin zu stören , mein Prinz . - Sie kannten meine Gedanken ? - fragte ironisch der Prinz . - Nicht nur , weil ich sie kenne , sondern weil ich auf die Fragen , die Sie in diesem Augenblicke bewegen , antworten kann , weckte ich Sie aus Ihrem Nachdenken . - Verzeihen Sie - versetzte der Prinz - ich vergaß , daß zu Ihrem Beruf gehört , ein wenig allwissend zu sein , oder in Ermangelung dessen , es wenigstens zu scheinen . - Als Antwort auf Ihren Spott sage ich Ihnen nur ein Wort . Er flüsterte dem Prinzen einen Namen ins Ohr , der diesen sichtbar überraschte . - Wohlan - sagte dieser nach kurzem Nachdenken - und Ihre Antwort ? - Daß der Stern nicht das Irrlicht zu fürchten hat . Ihr Mißtrauen gegen diesen Menschen ist vollkommen gerechtfertigt , um so mehr gerechtfertigt , als ich es theile . Ihnen kann ich es gestehen , daß auch ich noch nicht ganz klar über ihn bin . - Und warum , wenn es so gefährlich ist , befindet er sich noch auf freien Füßen ? - Eben weil ich nicht klar bin . Ich habe Indicien über ihn , die sich widersprechen . Daß er conspirirt , darüber habe ich zahllose Beweise , aber für welche Partei er conspirirt ? - das weiß ich nicht . - Entweder ist er ein sehr gewandter Diplomat - oder ein charakterloser Schwachkopf . - Und was gedenken Sie zu thun ? - Ihn beobachten und sobald ich Gelegenheit habe , ihn unschädlich machen . Der Prinz wandte sich unbefriedigt ab . - Dieser Zeitpunkt ist näher als Sie glauben , fuhr der Polizeipräsident mit geheimnißvoller Miene fort . - Schon Morgen wird sich Vieles entscheiden . - Eine Frage erlauben mir Königliche Hoheit ? - Nun ? - Baronin Alice ist Ihre Freundin ? Der Prinz sah Herrn v. M. mit großem Blicke an . - Ich verstehe Sie nicht , Herr Polizeipräsident , - sagte er - auf den Titel einen Nachdruck legend . Herr v. M. lächelte . - Sie sind sehr mißtrauisch , mein Prinz . Fast so mißtrauisch , wie ein - Polizeipräsident . Ich that jene Frage nur , um Sie zu bitten , Ihrer Freundin den gutgemeinten Rath zu geben , daß Sie es unterlassen möge , in dieser Woche das bewußte Haus vor dem Hamburger Thore zu besuchen , weil ich in Verzweiflung gerathen würde , wenn sie einen Beleg zu der Wahrheit des Sprüchworts geben sollte : » Mitgefangen - Mitgehangen « . Zugleich fällt mir auch ein , daß Ihre Freundin sicherlich noch besser als ich selbst über den Chevalier unterrichtet ist . In Rücksicht darauf , daß ich besser im Stande wäre , Ihnen mit meiner Hülfe zu dienen , würden Sie mich sehr verbinden , wenn Sie diese Quelle prüften und mir das Resultat Ihrer Untersuchungen mittheilen wollten . Mit diesen Worten empfahl sich Herr von M. dem Prinzen , um mit dem Banquier S. eine gründliche Untersuchung über die Ursache der gegenwärtigen Finanzkrisis anzustellen . Der Prinz trat aus der Nische heraus und mischte sich wieder unter die Gesellschaft . Unwillkürlich suchte sein Blick Gilbert , dessen forschendes Auge dem seinigen begegnete . Einen Moment hafteten ihre Blicke auf einander , worauf beide zu gleicher Zeit und mit gleicher Indifferenz sich nach andern Seiten richteten . Als der Prinz vor dem Stuhle Alicens vorbeikam , beugte er sich zu ihr herab . Was er ihr zuflüsterte , konnte Niemand verstehen . Alice aber , welche dem alten süßlichen General von Klausewitz eine Beschreibung des Wiener Salonlebens in dem verflossenen Winter machte , zuckte bei den Worten des Prinzen etwas zusammen , ohne indeß den Satz , welchen sie eben begonnen hatte , zu unterbrechen . Im nächsten Augenblicke war sie wieder vollkommen Herrin ihrer selbst ; nur eine schwache Röthe auf ihren Wangen und ein leises Zittern der langen Augenwimpern bewies dem genauen Beobachter die Bewegung ihres Innern . Es war indeß spät geworden . Viele Gäste hatten sich bereits zerstreut . Die Zurückgebliebenen , meist aus den bekannten Personen bestehend , hatten sich zu einem engern Zirkel um den Tisch gruppirt . Doch schien sich grade über die , welche sonst den meisten Stoff zu lebhafter Unterhaltung dargeboten , heute eine trübe Wolke gelagert zu haben , die sie in sich gekehrt und schweigsam machte . Jeder schien sich mit seinen eigenen Gedanken zu unterhalten und so sehr die schöne Gräfin etwas Leben in die Unterhaltung zu bringen sich bemühte , hatten ihre Anstrengungen doch so wenig Erfolg , daß sie sich endlich bewogen fühlte , das Zeichen zum Aufbruch zu geben . Der Prinz A. bot Alicen seinen Arm und verließ unmittelbar nach dem Chevalier den Saal . Sie gingen zusammen hinaus . An der nächsten Straßenecke trennten sie sich . Der Prinz geleitete Alicen in ihre Wohnung ; Gilbert kehrte auf einem Umwege nach dem Hause der Gräfin zurück . V Am folgenden Morgen saß Alice mit ihrer bleichen Freundin Lydia am Fenster und sah gedankenlos in den trüben Nebel hinein , der sich zwischen die Häuser der Straße gedrängt hatte . Lydia war mit einer Handarbeit beschäftigt ; man hätte sie für theilnahmlos halten können , wenn sich nicht bei jedem Seufzer , der unbewußt den Busen ihrer gütigen Beschützerin hob , ihr großes feuchtes Auge einen Augenblick auf das Gesicht der Letztern gehoben hätte . Alice konnte diese Blicke nicht bemerken , da sie halb abgewendet von Lydia hinausschaute ; auch war sie gewohnt , Lydia so sehr mit sich selber beschäftigt zu wissen , daß sie sich in ihrer Gegenwart weniger , als sonst ihre Gewohnheit war , Zwang auferlegte . Nicht als wenn Alice vor Andern , selbst vor Männern , ihre Seufzer stets unterdrückt hätte - aber sie that es dann gewiß nicht unwillkürlich , am wenigsten ohne Bewußtsein . Sie setzte ihren Stolz darein , stets Herrin ihrer selbst zu sein ; denn sie wußte , daß die Herrschaft über sich selbst zugleich die erste Bedingung und die sicherste Garantie für die Herrschaft über andere war . - Noch eine dritte Person , die wir fast vergessen hätten , befand sich im Zimmer : Salvador . Er hatte sich in dem entferntesten Winkel niedergekauert und klimperte auf einer alten Mandoline eine spanische Romanze . Sein dunkler Blick war starr auf Lydia gerichtet , die ihn entweder nicht bemerkte oder - vielleicht aus dem Gefühl , daß sie dem seinigen begegnen würde - ihr Auge absichtlich nicht nach dem Winkel richtete . Alice fuhr plötzlich vom Fenster zurück , so daß Lydia erschreckt nach der Ursache fragte . - Sieh ' dort das junge Mädchen , mit dem braunen Tuch um den Kopf geschlungen - was mag sie von mir wollen ? Sie starrt fortwährend zu uns herauf , als suche sie Jemanden . - Wie bleich sie ist ! - bemerkte Lydia - Mich dünkt , es liegt ein Zug von verzweifelter Resignation auf ihrem Gesichte . - Sollte es Anna sein ? - sagte halblaut Alice , als stelle sie diese Frage an ihre eigene Erinnerung . - Beim Himmel , sie ist ' s - aber wie verändert ; es muß ein Unglück geschehen sein . - Alice winkte auf die Straße hinab . Lydia verließ das Zimmer . Salvador hörte auf zu summen und zu klimpern . Bald darauf klopfte es leise aber hastig an der Thüre , und ein zitterndes junges Mädchen stand auf der Schwelle . - Komm zu mir , Anna - sagte Alice mit jenem Zauber , welchen das Mitleid in der weiblichen Brust erzeugt . - Kennst Du mich nicht mehr , Kind ? Anna hatte gleich bei dem ersten Ton von Alicens Stimme den Kopf erhoben ; eine tiefe Röthe überfluthete ihre bleichen abgehärmten Züge . - Einen Schrei , halb von der Angst , halb von Freude ausgepreßt , ausstoßend , stürzte sie auf die schöne Frau zu und warf sich stumm zu ihren Füßen , die sie mit ihren Armen umklammerte . - - Was ist Dir , gute Anna ? - - Mein Bruder - mein Vater - im Gefängniß ! - - - brachte sie endlich mit Mühe hervor . Alice erbleichte . - Ralph im Gefängniß ? - Warum ? Sprich , unglückliches Kind , wann geschah es ? - Heute Nacht - erzählte Anna , ihre noch immer reichlich fließenden Thränen trocknend - kamen vier Gensdarmen und nahmen den Vater und Ralph mit sich . - Der arme alte Vater ! Was wird aus ihm werden in dem kalten , dunkeln Gefängniß ! O , gnädige Frau , retten Sie ihn , retten Sie den guten Ralph , wenn Sie können . Alice hatte sich erhoben und ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab . - Und weißt Du den Grund der Verhaftung ? - Ach ja - sagte Anna und erzählte den gestrigen Vorfall mit dem von Möller empfangenen Goldstück . - Herr Klingemann , unser Wirth , begleitete die Gensdarmen . Gewiß hat er die Anzeige gemacht . - Abscheulich - murmelte Alice , die durch den Grund der Verhaftung indeß ziemlich beruhigt wurde ; obschon es nicht unmöglich war , daß man einen andern Verdacht gegen Ralph geschöpft hatte und ihn durch dieses Mittel unschädlich machen wollte . - Sie schickte Salvador zu Gilbert mit der Aufforderung , sogleich zu ihr zu kommen . - Beruhige Dich - tröstete sie Anna - wenn nur jenes Goldstück an ihrer Verhaftung schuld ist , so ist die Sache leicht aufgeklärt . - Wohnt nicht Herr Möller hier in dem Hause ? fragte Anna schüchtern . - Wer ist Herr Möller ? - Der Herr , welcher mir gestern das Goldstück gegeben und mir befahl , heute früh hieher zu kommen . - Der Herr hieß Möller , und nicht Gilbert ? - fragte Alice , die von der neuen Namensveränderung Gilberts nicht wußte . Anna sah Alicen verlegen an . Sie wußte von ihrem Bruder , daß Möller und Gilbert ein und dieselbe Person seien , zweifelte aber zugleich daran , ob sie dies , Alicen gegenüber , eingestehen sollte . Alice , welche die Wahrheit ahnte , half ihr aus der Verlegenheit . Liebes Kind , der Herr hat auf meine Bitte Dich gestern Abend aufgesucht , um Dich zu mir zu bestellen . Nicht in seinen , sondern in meinen Dienst sollst Du eintreten - wenn es Dir so recht ist . Ob dieser Herr sich Möller oder Gilbert genannt hat , kann uns Beiden gleichgültig sein . Ohnehin wird er gleich hier sein , Du wirst Dich dann überzeugen können , ob es derselbe ist , der Dich gestern hieher geladen hat . Anna , erfreut über diese unerwartete Wendung der Dinge , küßte dankbar die Hand Alicens , als draußen Schritte hörbar wurden und bald darauf Gilbert , gefolgt von Salvador , eintrat . Ersterer sah erhitzt und angegriffen aus . Er warf sich nach einem flüchtigen » Guten Morgen « erschöpft auf einen Stuhl . Was konnte diesen kalten Menschen so aufgeregt haben ? Diese Frage lag in Alicens halb spöttischen , halb besorgten Blicken . - Nun ? unterbrach sie endlich das peinliche Schweigen . - Die Wahnsinnigen ! - murmelte er , nur Alicen verständlich . - Sie werden uns Alle zu Grunde richten . - Wo ? reden Sie doch ! Was