er fort : » Daher kommt es , daß wir weit mehr von den wehmüthigen Zügen eines schönen Gesichts , von der Rührung der Freude , der die Thränen an den Wimpern hangen , angezogen werden , als von dem fröhlichen Anblick eines heiter lachenden Profils . Deshalb dringt das melancholische Moll tief in unsere Empfindung und setzt die innersten geheimsten Saiten unseres Gefühls in nachhallende Schwingungen , während das hüpfende heiter versöhnende Dur nur die Oberfläche unserer Seele durchdringt und mehr unsern Geschmack , als unser Herz befriedigt . Ja , in ganzen Völkern zeigt sich dieser Drang nach dem Schmerzlichen , vorzüglich in der Musik ; z.B. bei den Polen , Ungarn , wogegen den Franzosen und Engländern dieser Nationalzug ganz fremd ist . Woher nun dieser Drang nach dem Wehmüthigen , woher die Furcht vor der Versöhnung ? Woher dieses Gefühl des Erhabenen , Edlen , Idealen im Schmerze und in der Wehmuth , welche Nicht ist , als der Genuß des Schmerzes . Nur der Mensch ist der Wehmuth fähig . Das Thier fühlt nur Freude oder Schmerz , im materiellen Sinne . Woher diese Lust an der geistigen Qual ? Weil der Mensch nur diese ewig mit sich selbst ringende Natur hat . Habe ich also nicht Recht , wenn ich behaupte , daß der Schmerz ein wesentliches Element des wahrhaften Menschenseins ist ? Darum ist er es , weil er etwas Göttliches ist , oder doch aus ihm stammt , nämlich aus dem unendlichen , nie ganz gestillten Drange nach der Freiheit des Geistes . Nie gestillt - darin liegt seine Quelle . Denn die Freiheit ist ein unerreichbares Ideal . Der Schmerz ist deshalb etwas Göttliches , weil er die Empfindung ist , daß wir nicht Götter sein können , und doch Götter sein wollen . - Er ist das Mich dürstet des Gottes , den wir in uns haben , und den wir in uns selbst kreuzigen , weil wir ihn nicht verstehen . « Landsfeld sagte diese Worte mit dem Ausdruck einer tiefen Trauer auf seinem Gesicht , als fühle er den Schmerz der ganzen Menschheit selber in seinem Innern wühlen . Lydia war in eigenthümlicher Bewegung . Als wäre plötzlich ihre bisherige Welt aus ihren Angeln gehoben und eine andere , unendlichere an ihre Stelle gesetzt , so überwältigend drangen seine Worte in ihre Seele , so tief erschütterten sie sie bis in ihre letzten Wurzeln . Eine flammende Röthe zog , während Landsfeld sprach , wie der Morgenschein eines neuen Tages auf ihre Wangen herauf , als sie mit zitternden Lippen und feuchtem Auge an seinen schwärmerischen Blicken hing ; und als er nun schwieg , und sein Auge , das bisher halb niedergeschlagen war , sich langsam nach dem Auge Lydiens erhob , da schlug sie die ihrigen zu Boden ; aber ihr Erröthen wurde noch tiefer und flammender , als sie , ihre Bewegung bekämpfend , sagte : » Ihre Anschauungsweise , Herr Baron , ist mir zwar neu , doch glaube ich Sie vollkommen verstanden zu haben . Ich gebe Ihnen zu , daß der geistige Schmerz die Seele adelt , weil er selbst etwas Edles ist . Auch das glaube ich nicht falsch aufzufassen , was Sie unter der Idealität des Genusses begreifen . Wie Sie aber diese Idealität nur in der Erinnerung und in der Hoffnung , also immer doch in der Entbehrung , im Mangel finden , das verstehe ich nicht . Haben Sie nie Augenblicke gehabt , wo sie , von einer durchaus reinen , edlen Empfindung , oder einem schönen und großen Gedanken durchdrungen , sich gestehen mußten , daß die Gegenwart und ihr Bewußtsein auch ideelle Genüsse gewähren könne ? - Ist dies aber so , so kann man dem Schmerz wohl nicht allein das Vorrecht zuerkennen , edler als Empfindungen anderer Art zu sein . Ich meine , daß es auch geistige Freuden giebt , die eben so reinen Ursprungs und eben so idealer Natur sind , als geistige Schmerzen . « Eben wollte Landsfeld antworten , als der Hofrath Rupf eintrat . » Es ist mir lieb , daß Sie kommen , « sagte die Forsträthin zu diesem - » ich möchte mit Ihnen über unsere Reise sprechen . « Sie führte ihn in ' s Nebenzimmer , indem sie den Baron wegen dieser Unterbrechung um Entschuldigung bat . » Ich vermuthe « - sagte dieser lächelnd zu Lydia , indem er das frühere Gespräch wieder aufnahm - » daß Sie in der Vertheidigung der Freude an den idealen Eindruck denken , den eine großartige oder schöne Naturerscheinung auf uns hervorbringt . Aber denken Sie zurück an die Art dieser Eindrücke ? Ist es wirklich Freude gewesen , nur Freude , was Sie in solchen Augenblicken erfüllte ? Hat kein Gefühl der eigenen Beschränktheit , keine Sehnsucht nach der unendlichen Freiheit diese Freude getrübt ? Ich bezweifle es . Je tiefer sich der Blick in die Ferne verliert , je höher er in den ewigen Himmel aufsteigt , desto beklemmter wird die Brust , desto unendlicher die Sehnsucht , die Schranken der Gegenwart zu durchbrechen und sich in die absolute Tiefe zu versenken . « Lydia dachte an jenen Morgen , an dem sie mit so wehmüthigen Empfindungen den Sonnenaufgang betrachtet , und eine Thräne trat in ihr Auge . » Sie haben doch wohl Recht « - sagte sie fast traurig . - » Aber ist es nicht ein entmuthigender Gedanke , daß der Mensch nur durch das Opfer seiner Unbefangenheit und seines Frohsinns sich dem Ideale nähern kann , daß er also nur entweder in der Erinnerung oder in der Hoffnung leben darf , wenn er sich seines geistigen Wesens bewußt werden will ? « » Ich denke nicht , daß diese Entbehrung so groß ist . Denn was liegt zwischen Erinnerung und Hoffnung ? Dasselbe , was zwischen Vergangenheit und Zukunft : die Wirklichkeit , die Gegenwart . So sagt man , ohne zu bedenken , daß , wenn man anders unter Wirklichkeit und Gegenwart das Bewußtsein davon versteht , die Wirklichkeit nicht gegenwärtig und die Gegenwart nicht wirklich ist . Wie die Gegenwart der Punkt ist , in dem Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen , und der ewig fließt , so ist die Wirklichkeit der Punkt , in dem sich Erinnerung und Hoffnung berühren . Dieser Punkt ist aber in der That gleich Null . Alle Gefühle , die unsere Seele rührten , alle Empfindungen , die unsern Geist erhoben , beziehen sich entweder auf etwas hinter ihnen oder vor ihnen Liegendes . Und wollte er auch das Gegenwärtige sich zum Bewußtsein bringen , so wäre es doch schon etwas Vergangenes , ehe es in ' s Bewußtsein käme . So reproducirt jeder hüpfende Pulsschlag ein neues Gefühl und jeder belebende Athemzug ist die Quelle einer frischen Empfindung . Aber jedes dieser zitternden , rosigen Kinder des Herzens begeht in seiner Geburt einen Muttermord , um von seinem eigenen Kinde in der nächsten Sekunde erstickt zu werden . « - Es lag eine solche Trostlosigkeit in dem leisen und wehmüthigen Tone , mit dem Landsfeld diese Worte sprach , daß Lydia ihre Thränen nicht zurückhalten konnte . Wie erstaunt und erfreut war sie daher , als plötzlich Landsfelds Blicke zu leuchten begannen , und eine edle Begeisterung auf seinem Gesichte glänzte , als er folgendermaßen schloß : » Aber Eines giebt es , was nicht dem Wechsel erliegt , was weder mit der bloßen Wirklichkeit noch mit der Unwirklichkeit im Widerspruche steht , was man weder in der Vergangenheit , noch in der Zukunft zu suchen braucht : es ist das Bewußtsein dessen , was man will , das Gefühl dessen , was man glaubt , und das Vertrauen zu dem , was man liebt - und die Quelle von diesen dreien : Die Ueberzeugung von der Wahrheit des Guten und Schönen in sich selbst und in denen , die man liebt . « Er stand bei diesen Worten auf , faßte Lydiens Hand und drückte einen warmen , innigen Kuß darauf . Zitternd vor innerer Bewegung hatte sie nicht die Kraft , ihm ihre Hand zu entziehen . Er entfernte sich schnell , als fürchte er bei längerem Bleiben nicht Herr seiner Empfindung zu bleiben . Als Frau von Dornthal wieder eintrat , fiel ihr Lydia weinend um den Hals . » Was ist ' s ? Was fehlt Dir , Lydia ? « - fragte sie erschreckt . » O , Nichts , Nichts , theure Mutter . Aber laß uns bald abreisen . « » Beruhige Dich nur . Morgen gehen wir ganz bestimmt . - Der Baron ist schon fort ? « » Er wollte Dich wohl nicht stören . « - Lydia erröthete über diese erste Unwahrheit gegen ihre Mutter . Denn sie glaubte recht wohl den eigentlichen Grund seines hastigen Abschiedes zu kennen . Siebentes Kapitel Ein feuchter Nordwestwind wehte die ersten gelben Blätter von den Platanen und Linden , welche in zwei Doppel-Reihen jene berühmte Straße Berlins , die vom Opernplatz bis zum Brandenburger Thor sich erstreckt , in eine dreifache Allee verwandeln . Nur wenige Fußgänger ließen sich in der großen Mittelallee erblicken , welche auch sonst meist nur von Spaziergängern und Obstverkäuferinnen betreten zu werden pflegt . Dagegen drängt es sich auf den an beiden Seiten der Häuser hinziehenden Trottoirs von geschäftig Eilenden aller Art , und die Wagen rasselten daneben . Vor einem der Schaufenster der vielen reich ausgestatteten Kunstläden unter den Linden hatten sich trotz des unfreundlichen Wetters eine Anzahl Neugieriger versammelt , die mit emporgerecktem Halse die neuen Kupferstiche bewunderten oder bekrittelten . Unter ihnen stand auch ein Mann mit bleichem , eingefallenem Gesicht , welches von einem niedrigen , breitkrämpigen Hute fast ganz beschattet wurde . Er war tief in einen kurzen schwarzen Mantel eingehüllt und starrte mit ausdruckslosem , kaltem Blick auf eine kleine Landschaft , die ziemlich unscheinbar von den Andern gar nicht bemerkt zu werden schien . » Das muß sie gemalt haben « - murmelte er vor sich hin . - » Ich kenne ihre Manier . Es ist das Haus unter den Kastanienbäumen mit der Aussicht auf die Berge . Kein Zweifel , daß sie es gemalt hat . So ist sie also wirklich wieder in Berlin . Ich muß suchen , ihre Wohnung zu erfahren . « Er sprach die letzten Worte ziemlich laut und wendete sich zum Weitergehen . » Wenn Sie Fräulein von Dornthal meinen , so kann ich Ihnen vielleicht dazu behülflich sein « - redete ihn plötzlich ein elegant gekleideter junger Mann mit höchst geistvollen und charakteristischen Zügen an . - Jener fuhr zurück , als hätte er auf eine Schlange getreten . Seine Hand griff krampfhaft unter die Falten des Mantels und ein Ausdruck unnennbarer sprachloser Wuth malte sich in seinem Gesicht . - Ein Paar Secunden starrte er so in die lächelnden Mienen und das ruhige Auge des Andern , der mit gekreuzten Armen vor ihm stand , um seine Antwort zu erwarten . Eben öffnete er die zitternden Lippen , aber als besänne er sich eines Bessern , hüllte er sich rasch noch tiefer in seinen Mantel und stürzte fort . » Armseliger Thor « - sagte Landsfeld , dem Forteilenden nachblickend , vor sich hin . » Wage es , den Löwen in seinem Lager aufzusuchen . « - Festen Schrittes ging er nach der entgegengesetzten Seite der Straße hinab . Als er das Opernhaus erreicht hatte , blieb er vor dem unter dem Portal ausgehängten Theaterzettel stehen , um zu sehen , was gegeben wurde . » Othello , der Mohr von Venedig . « Indem er diese Worte in halb fragendem , halb sinnendem Tone langsam vor sich hin sprach , klopfte ihn Jemand auf die Schulter . » Guten Abend , lieber Baron . « Es war ein hübscher , mit kleinen schwarzen Augen heiter in die Welt hineinschauender Mann , von ungefähr 40 Jahren . » Sie überlegen , wie ich sehe , ob Sie in ' s Theater gehen sollen . Nun , der Mühe lohnte sich ' s schon , besonders heute , wo die Rolle der Desdemona und des Mohren - da fällt mir ein , daß heute Salon bei Cornelien ist . Sie wissen , daß ich sonst nie hingehe . Aber wenn Sie von der Partie sind , möchte ich wohl einmal in den sauern Apfel beißen . « » Halten Sie einen solchen Charakter für möglich ? « - fragte Landsfeld , der , die Worte des Andern überhörend , an Desdemona und Lydia dachte . » Freilich , es gehört einige Menschenkenntniß dazu , um diese seltsame Person ganz zu ergründen . Ich habe einen gewaltigen Respect vor ihr , obwohl oder vielmehr weil sie mir leider vorzugsweise gewogen ist . « » Von wem sprechen Sie denn eigentlich , Schattenfrei ? Ich verstehe kein Wort davon . « » Nun von wem anders , als von Cornelien , zum Henker « - setzte er hinzu , als Jener ihn noch immer verwundert anschaute . » Werden Sie nicht auch heute Abend ihren Salon verherrlichen helfen ? « - Landsfeld machte eine abwehrende Bewegung . » Schämen Sie sich , Sie fangen wohl auch an , den Sentimentalen zu spielen ? « » Wer wird denn dort sein ? « fragte Landsfeld , um doch Etwas zu sagen . Seine Gedanken waren noch bei Desdemona und Lydia . Schattenfrei nahm seinen Arm . » Ich werde Ihnen das unterwegs erzählen . Kommen Sie nur . Zuerst « - fuhr er fort , nachdem es ihm gelungen war , Landsfeld in Bewegung zu setzen - » Frau von Rosen - fällt Ihnen das auf ? Sie ist ja die vertrauteste Freundin von Cornelien . Sodann Salomo nebst seinem Waffenträger ; die Sängerin G----z mit ihrem Geliebten , dem Assessor Tieftrunk ; der junge Berger ; ferner - « » Berger ? « - fragte Landsfeld , durch diesen Namen aus seiner Träumerei emporfahrend . » Wissen Sie das gewiß ? « » Nun ich denke , das versteht sich von selbst , wenn Alice von Rosen da ist . « - » Weiter haben Sie zu Ihrer Vermuthung keinen Grund ? « » Auch sagte er es mir selbst vor ungefähr einer halben Stunde , als ich ihm im Thiergarten begegnete . « - » Wahrhaftig ? « - lachte Landsfeld höhnisch . » Nun vielleicht hat er seine Meinung bis dahin geändert « - . Er sah nach der Uhr . » Leben Sie wohl , « - fuhr er fort , sich halb mit Gewalt losreißend . - » Ich habe noch vorher einen nothwendigen Gang zu thun . « » So werde ich Sie doch aber sicher dort treffen ? « » Ja . Aber ich bitte Sie , Nichts davon zu erwähnen . Vielleicht komme ich erst etwas spät . « » Der ist in kurioser Laune « - sagte Schattenfrei , dem Forteilenden nachblickend . » Er hat alle Anlage dazu , den Salon heut ' zu einem der interessantesten Cirkel zu machen . « Sich die Hände vor Vergnügen reibend , stieg er in eine Droschke : » Lindenstraße Nr. 45 « - sagte er zum Kutscher , indem er gemächlich die Marke in die Westentasche steckte . Landsfeld verfolgte indeß seinen Weg zu Fuß . So sehr er es in jeder andern Beziehung vermied , den Sonderling zu spielen , so konnte er sich doch nur schwer dazu entschließen , in einen Wagen zu steigen , wenn er eilig war . Denn ihm war nichts unerträglicher als körperliche Unthätigkeit , wenn sein Geist von dem Verlangen , irgend ein Ziel schnell zu erreichen , bewegt war . Kam es ihm dagegen weniger auf Schnelligkeit an , dann benutzte er schon ein Fuhrwerk . Am liebsten jedoch ritt er , schon deshalb , weil das Reiten die beiden Vortheile des Gehens und Fahrens , nämlich eigene Thätigkeit und Schnelligkeit , vereinigt . Nach einer starken Viertelstunde , während der er mit gleicher Eile durch mehrere Straßen und über verschiedene Plätze geschritten war , hatte er den Platz vor dem Potsdamer Thor erreicht , der in fünf verschiedene Straßen , einen halben Stern bildend , auseinander geht . Landsfeld schlug die mittelste ein , in der er nach wenigen Minuten vor einem kleinen Sommerhause stehen blieb , das sich durch einen eleganten leichten Balkon , so wie durch einen geschmackvoll angelegten kleinen Garten auszeichnete . Er öffnete die Gartenthür durch einen Schlüssel , den er bei sich trug und begab sich auf einem Seitenwege nach der Hinterfront , wo er an eins der niedrigen Parterrefenster anklopfte . Als es sich öffnete , erschien das gutmüthige Gesicht Carls , seines Bedienten . » Du mußt mir sogleich den Fuchs satteln , Carl , ich muß noch hinaus . Von neun Uhr an hältst Du Dich ebenfalls bereit . Du sollst mich dann noch in die Stadt begleiten . « Bei diesen Worten sprang der Baron aufs Pferd . Carl öffnete das Thor . Landsfeld schlug den Weg nach Schönberg ein . Obgleich er in scharfem Trabe ritt , so dunkelte es doch schon ein wenig , als er sein Ziel erreichte . Auf der Spitze des Hügels , von dem sich die lange Straße dieses reizenden Sommeraufenthalts herabzieht , stieg er vom Pferde und band es an den Gartenzaun des Hauses , dessen Perron er alsbald mit schnellen Schritten hinaufeilte . Eben wollte er die Klingel ziehen , welche sich neben der Glasthüre des Balkons befand , als sein Blick in das Innere des Zimmers fiel , und er , die schon ausgestreckte Hand zurückziehend , einige Augenblicke wie in tiefe Betrachtung versunken stehen blieb . An einem mit verschiedenen Zeichnenmaterialen bedeckten Tischchen , das ganz in der Nähe der Balkenthüre stand , saß , dem Baron halb den Rücken zugekehrt , ein junges Mädchen , das , wie es schien , eifrig mit Zeichnen beschäftigt gewesen war , denn eben legte sie den Zeichnenstift nieder , lehnte sich zurück an den Sessel und ließ den Kopf ein wenig auf die Brust sinken . Doch konnte er nicht erkennen , ob sie die Zeichnung auf diese Weise besser betrachten , oder ob sie sich ihren Gedanken überlassen wollte . » Könnte ich doch in ihr Herz sehen « - dachte Landsfeld . » Was gäb ' ich darum , kennte ich den Gegenstand ihres Nachsinnens . « Er sah jetzt , daß die Balkonthüre nur angelehnt war . Er öffnete sie leise und trat hinein . Das junge Mädchen schien ihn nicht zu bemerken . » Du wirst Dir die Augen verderben , Lydia « - sagte er mit sanfter Stimme . Wie von freudigem Schreck erbebend , war sie beim Ton seiner Stimme aufgefahren . Abwechselnd erblassend und erröthend , vermochte sie noch nicht zu antworten . Plötzlich sprang sie vom Stuhle auf . » Du bist ' s , mein Richard ? « - Sie flog an seinen Hals und preßte einen glühenden Kuß auf seinen Mund . Aber als schäme sie sich selbst wegen ihrer Leidenschaftlichkeit , fuhr sie , einen Schritt zurücktretend , mit vor Bewegung zitternder Stimme fort : » Wie kannst Du mich so erschrecken , Richard ! Du weist ja , wie mich das angreift . « » Sei nicht böse , mein liebes Kind « - erwiederte er liebevoll , indem er sie an seine Brust zog und , die Locken , welche über ihr Gesicht gefallen waren , von der Stirn streichend , einen langen Kuß darauf drückte . Wie vor innerer Wonne schauernd , ließ sie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen . » Aber ich bitte Dich , Lydia « - fuhr er fort - » nicht mehr so spät zu zeichnen . Du mußt Deine Augen mehr schonen - für mich « - setzte er leise hinzu . » Versprich es mir ! « » Ich verspreche es Dir , Richard . - Ich war so sehr einsam und wußte nicht , was ich anfangen sollte . Denn wenn ich spiele , werde ich immer traurig und möchte weinen . « Landsfeld zuckte mit der Hand . Er dachte an Berger , mit dem Lydia oft zusammen gespielt und gesungen . Er war zu stolz zur Eifersucht - wenigstens glaubte er es zu sein . - Aber in solchen Augenblicken tauchten alle Zweifel wieder in seiner Seele auf und machten ihn hart und ungerecht gegen die Geliebte . Ja er freute sich selbst über diese Härte , denn sie war ihm Bürge dafür , daß er seine Selbstständigkeit noch nicht eingebüßt . Seine Stimme hatte ihre Sanftheit ganz verloren , als er , Lydia zum Sopha führend , sagte : » Traurig ? Warum bist Du traurig ? Du hast Anlage zur Sentimentalität , glaube ich . « Nichts schärft den Instinkt der Beobachtung mehr , als wahrhafte , tiefe , leidenschaftliche Liebe . Lydia erschrak über die Veränderung im Wesen Landsfelds , aber sie zwang sich zu lächeln : » Du magst Recht haben , Richard , ich bin ein thörichtes Mädchen . Aber wenn ich erst immer mit Dir lebe , dann werden diese albernen Launen , die Dich ärgern , ganz verschwinden . « Landsfeld verstand entweder den Zwang , den Lydia sich anthat , um heiter zu scheinen und den er wohl herausfühlte , wirklich anders , oder er wollte ihn gegen seine bessere Ueberzeugung anders verstehen , weil sie doch möglicherweise einen andern Grund dazu haben konnte . Dem äußern Anschein nach , um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben , in der That aber , um jenem Grunde nachzuspüren , sagte er in gewöhnlichem Conversationstone : » Rathe einmal , wem ich heute begegnet bin ? Ein alter Bekannter von uns , besonders von Dir . « - Sie sann vergebens nach . » Der junge Berger « - fuhr er in demselben Tone fort , indem er Lydien forschend ansah . » Berger ! « - stammelte sie erschreckt , indem sie das Gesicht mit den Händen bedeckte . » Warum erschrickst Du darüber so ? « - Lydia antwortete nicht , aber ein krampfhaftes Schluchzen , das sie vergebens zu unterdrücken sich bemühte , wühlte in ihrer Brust . » Antworte mir , Lydia « - bat er mit seinem frühern sanften Ton , indem er sie näher zu sich zog . » Was fürchtest Du von ihm ? « » Ach , Richard « - sagte sie weinend - » Wenn ich nur wüßte , woher dieser fürchterliche Widerspruch in Dir . Du ahnst nicht die Qualen , welche mich verzehren , wenn Du so anders bist , als sonst , so fremd Deinem eigenen Wesen . Mir ist zuweilen , als zweifeltest Du an meiner Liebe . Mein Gott , Richard ! Du weißt ja , daß ich nur Dir gehöre , Dein Geschöpf bin , denn Du hast mein ganzes Inneres wie durch ein Zauberwort umgeschaffen . « Wie selbst erschreckend vor dem , was sie jetzt sagen wollte , fuhr sie leise fort : » Manchmal glaube ich sogar , daß Du mich nicht liebst . Denn wie könntest Du sonst zweifeln an meiner Liebe ? Richard , wäre das nicht schrecklich ? - Aber nein , nein , verzeih mir , Geliebter . Ich glaube an Deine Liebe . Denn glaubte ich nicht mehr daran « - - Sie riß sich aus seinen Armen los und sprang auf . » Nun ? « - fragte er , über ihre fast drohende Stellung erstaunt . » Dann würde ich an Nichts mehr glauben , denn ich müßte Dich verachten . Und dann , Richard , könnte ich nicht länger leben . « Sie sprach diese Worte mit vollkommener Ruhe . Landsfeld war von der tiefen Wahrheit , welche in dieser Ruhe lag , tief erschüttert . Mit schwer verhaltener Leidenschaft ergriff er ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen . - Mit einem seelenvollen Lächeln blickte sie auf ihn herab . Die Gewißheit seiner Liebe kehrte wie ein neuer Frühling in ihre Brust ein . » Du bist ein böser Mann , Richard , « sagte sie , sich wieder an seine Seite niederlassend . » Warum quälst Du mich so grausam ? « - Er antwortete nicht . Mit einer Heftigkeit , die sie an ihm noch nicht gekannt , zog er sie an sich . Sie war zu glücklich , als daß sie seinen Küssen , deren Glut sie auf ihrem Nacken und auf ihrem Gesichte fühlte , zu wehren versucht hätte , aber sie zitterte in seinen Armen . » Richard , « - stammelte sie endlich mit leisem Vorwurf : » Dein Athem fiebert . « - Als er , seine Gefühle niederkämpfend , wieder ruhiger geworden war , fuhr sie fort : » Ist es wirklich wahr , daß Du Berger begegnet bist , Richard ? « » Ja , es ist wahr . Ich traf ihn vor Deinem Bilde , das er aufmerksam zu studieren schien . « Er erzählte ihr sein Zusammentreffen mit ihm und fuhr dann fort : » Aengstige Dich nicht , theures Kind . Er ist viel zu feig , um wirklich Etwas zu wagen . « Lydia schien worüber nachzusinnen . Endlich sagte sie : » Erkläre mir , Richard , woher es kommt , daß der Gedanke an ihn mich immer wieder mit einer mir sonst ganz fremden Bitterkeit erfüllt , obwohl es mir doch schon damals , als ich Dich im Park erblickte , klar war , daß ich ihn nicht liebte , weil ich erst in jenem Augenblicke überhaupt zu ahnen begann , was Liebe sei . Also woher noch immer jenes Gefühl der Bitterkeit , wenn ich seinen Namen höre ? « Sie sah bei diesen Worten offen und mit kindlichem Vertrauen zu ihm empor . » Vielleicht daher , daß er Dir durch seine Verirrung den Glauben an die idealen Träume der Jugendzeit geraubt . « » Ich weiß nicht , ob das der Grund ist . Vielleicht kommt es auch daher , weil mir sein ganzes Wesen zu wenig männlich und energisch erschien . Denn glaube mir , Richard , « fuhr sie mit wichtiger Miene fort , » ein liebendes Weib läßt sich von einem selbstständigen Mann lieber quälen , als von einem unselbstständigen liebkosen . « » Du bist eine kleine liebenswürdige Philosophin , Lydia « - lächelte Landsfeld gutmüthig , indem er einen sanften Kuß auf ihren Mund drückte , » aber ich glaube , es wird Zeit sein , daß Du Licht anzündest . Es ist dunkel . « » Mein Gott , wie konnt ' ich das vergessen « - rief sie erschreckt , indem sie , schnell aufspringend , der Aufforderung Genüge leistete . » Du weißt noch nicht , Richard , « fuhr sie darauf von ihrer Mutter sprechend fort , » daß der Arzt die beste Hoffnung giebt . Sie ist heute wieder aufgestanden und ein wenig im Garten spazieren gegangen , so lange die Sonne schien . Jetzt ruht sie in ihrem Zimmer . Ich will gleich einmal nachsehen . « Sie hatte indeß die Lampe angezündet und schlich , leise die Thür zum Nebenzimmer öffnend und die Hand vor das Licht haltend , damit der Schein nicht so blendend sei , auf den Zehen hinein . - Bald kam sie zurück . » Sie schläft noch « - sagte sie flüsternd , indem sie die Lampe auf den Tisch vor dem Sopha stellte . » Ich will Dir nun auch zeigen , wie fleißig ich gewesen bin . « Mit diesen Worten trug sie aus ihrem Pult ein Paar Mappen herbei und öffnete sie . » Jetzt muß ich aufbrechen « - sagte Landsfeld , nachdem er eine geraume Zeit ihre Zeichnungen besehen , gelobt und getadelt hatte . » Schon ? « - fragte Lydia kleinlaut . » Es ist noch nicht spät , denke ich . « » Es ist halb zehn Uhr , - Lydia . Hast Du « - fuhr er nach einer Pause fort , » mit Deiner Mutter gesprochen ? « Sie erröthete leicht . » Sie will durchaus , daß es in nächster Woche sein soll ; ihr Unwohlsein sei zu gering , um ein Hinderniß abzugeben , meint sie ; und der Gedanke , daß sie dadurch unser Glück verzögere , mache sie nur noch kränker . « » Du hast eine vortreffliche Mutter , Lydia « - sagte Landsfeld . » Ach , ich weiß es , Richard . Sie ist unendlich gut ; ich verdanke ihr und Dir Alles , was ich bin . « Als wolle sie ihre Rührung verbergen , fuhr sie , durch die Thränen lächelnd , fort : » Ich überlasse es Dir , Richard , den Tag zu bestimmen . Ich bin , Du weißt es ja , bereit zu Allem . « Sie umschlang seinen Hals . » So werde ich Dich Morgen abholen , mein Herz , um Dir unsere neue Wohnung zu zeigen . « » Ach , wie freue ich mich auf unsere Wohnung , Richard « - sagte sie , das Wort mit einem gewissen Pathos wiederholend . - » Leb ' wohl , mein Richard . Leb ' wohl . « Sie begleitete ihn noch bis zum Pferde , das ungeduldig den Boden mit den Hufen aufscharrte . Er schwang sich auf und sprengte im Galopp davon . Als er an seiner Wohnung anlangte , schloß sich ihm Carl an , der schon seit einer Stunde gewartet hatte . In schnellem Trabe ritten sie durch das Thor in die Stadt ein und hielten nach einer Viertelstunde vor einem großen Hause in der Lindenstraße still . » Führe die Pferde zum Hôtel