ganz gut . Willst Du hinauf , so mag Dich Deine Rieke hinaufführen , wenn Du etwa auspacken und Dich oben umsehen willst , Du wirst auch müde sein von der Reise . « » Ja , sehr müde und erschöpft , « sagte sie . » Aber erst hätte ich eine Bitte an Dich , wenn sie nicht gleich heute von meinem Herzen herunter kommt , so kann ich nicht ruhig schlafen . « Georg hatte die Stube verlassen . Sie hing sich schmeichelnd an den Hals des Vaters , mit dem sie jetzt allein war . » Herzensmädel , « sagte er , » ich kann Dir Nichts abschlagen - wenn ' s nur nicht wider meine Grundsätze ist . « » Nein , das ist ' s gewiß nicht ! « sagte sie zuversichtlich . » Ich bat Dich vorhin , die Lichter auslöschen zu lassen - erlaube mir , sie am Christmorgen wieder anzubrennen für die armen Kinder , die in unsrer Fabrik arbeiten , erlaube mir , diesen armen Kleinen zu bescheeren . « Herr Felchner machte ein sehr böses Gesicht : » Das ist eine einfältige Idee , für solche Narrenspossen habe ich kein Geld , das ist wider meine Grundsätze . Geh ' zu Bette und träume etwas Bessers , als solches dummes Zeug . « » Liebes Väterchen , « sagte sie , » das ist nicht Dein Ernst , und wäre es : laß die Christbescheerung für mich nur halb so reich sein , wie voriges Jahr , und gieb mir die Hälfte für die Kinder . « » Nein , mit solchen Narrheiten richtet man bei mir Nichts aus , das laß Dir ein für alle Mal gesagt sein , ich will von solchen Possen Nichts hören , das merke Dir ! « Herr Felchner ging aufgeregt in der Stube hin und her , und seine Augen blinzelten und funkelten unruhig und verdrossen nach beiden Seiten , seine Nase schien noch spitziger zu werden , als sie ohnehin schon war . Er nahm eine Prise , und nießte mehrmals so laut , daß Pauline bei jedem Male zusammenfuhr . Sie saß zitternd in der Sophaecke , und sah stumm vor sich nieder - nach langer Pause sagte sie schnell , und man hörte an ihrer Stimme , daß sie weinte : » Wie wird sich nun die gräfliche Herrschaft über uns lustig machen - die Gräfin Elisabeth will allen Kindern des Dorfes bescheeren , um damit ihre Ankunft zu feiern , und ich soll nun zurückstehen . « Der Fabrikherr stand horchend still : » Ist das wahr ? Auch gewiß ? « » Wie könnt ' ich es sonst behaupten ? Du wirst es erfahren , man wird die Herrschaft rühmen , und uns verhöhnen . « » Freilich , freilich , das ändert Alles - ich werde sie beschämen - unsre Bescheerung soll noch ein Mal so prachtvoll sein , als die ihrige , Du magst Alles besorgen , ich will Dir morgen das Geld dazu geben . Freilich , freilich , es wird mich ärgern , für die nichtsnutzigen Würmer - aber nun kann es einmal nicht anders sein , nun muß ich schon . « » Herzensvater ! « rief Pauline , ihn umarmend , und dankte mit liebkosenden Worten Tausend Mal . Aber so recht von Herzen ging es ihr doch nicht - sie schämte sich beinah vor sich selbst , daß sie nur dadurch zu ihrem Ziel gekommen war , daß sie hinterlistig , wie sie es nannte , ein minder edles Gefühl , als sie gewünscht hätte , in ihres Vaters Innerm hatte wecken müssen - ja , sie schämte sich mehr noch als vor sich selbst in ihres Vaters Seele hinein - und das that ihr noch weher . Sie nahm daher bald gute Nacht von ihm , und klingelte dem Mädchen , welches sie in ihr Schlafzimmer führte . Ihr Vater hatte Recht gehabt , es war prachtvoll eingerichtet , wie das einer Fürstin , nur zu prachtvoll , es war durch Prunk überladen . Die Tapete war silbergrau mit rothen Blumen , die Vorhänge von gelber Seide mit goldnen Quasten , die Fußteppiche ebenfalls gelb mit rothen Kanten - es herrschte ein grelles , geschmackloses Bunt durch das ganze Zimmer - das Licht darin war so hell , daß es ihre Augen kaum aushalten konnten . Sie verlöschte es so bald als möglich , und begab sich zur Ruhe . Da war sie nun in dem ersehnten Vaterhaus - und seitdem sie da war , hatte sie noch keine andern , als verwundende Eindrücke empfangen . Glänzend im Lichtermeer hatte ihr die heimathliche Wohnung zuerst wie ein Feenpalast entgegengelacht - da hatte sie schon den schneidenden Hohn und die Jammerflüche des Elendes und der Noth gehört , von diesen Menschen gehört , in deren Mitte sie sich glücklich waltend träumte , von denen sie wähnte , daß ihr Vater auch ihnen Vater sei , und sie ihn kindlich verehrend liebten - und weiter ließ sie Alles an sich vorüberziehen , was sie in diesen wenigen Stunden erlebt - und es war Nichts , was sie hätte beruhigen , oder heitrer stimmen können . Sie seufzte . Aber sie war müde von dem taglangen Fahren , der kalten Luft , von all dem Erlebten dieses Tages , dieses Abends , sie schloß die müden Augen , und schlief sanft und fest bis in den spätanbrechenden Tag hinein . VIII. Ein Fabrikarbeiter » Aus dem Munde des Heloten Strömen die Räthsel des neuen Bundes . « Alfred Meißner . Elisabeth war bei ihrer Ankunft in dem väterlichem Schloß mit keiner Illumination empfangen worden , aber von einem zärtlichen Mutterherzen und einem glücklich stolzen Vater . Sie fühlte sich stolz und befriedigt , als sie wieder diese alten ehrwürdigen Räume betrat , welche sie seit Jahrhunderten in dem Besitz ihrer Väter wußte . Sie fühlte , daß sie hier Herrin sei , und dies Bewußtsein gab ihr wenigstens auf Augenblicke Befriedigung . Die beiden Freundinnen hatten sich am Christmorgen das leuchtende Zeichen ihrer einigen Freundschaft gegeben . Nach dem Schloß hinauf zogen die Kinder der ärmeren Landleute und empfingen dort die Gaben , welche Elisabeth unter den flimmernden Christbäumen für sie ausgebreitet hatte - und zu derselben Stunde zog eine ungleich größere Schaar von Kindern in den ebenfalls glänzend geschmückten Saal des Fabrikgebäudes . Aber dies waren bleiche , schmächtige , dürftig in unreinliche Lumpen gehüllte Kinder , welchen man es ansah , daß ihre kleinen Hände und halbverkrüppelten Glieder schon an schwere Arbeit gewöhnt waren , auf deren Gesichtern man es las , wie oft ihr kleiner Mund mit den blassen Lippen umsonst nach Brod verlangen mußte , wie in diesen trüben , niedergeschlagenen Augen ein Ausdruck thierischen , stummen Duldens lag . Diese kleinen , blassen Kinder hatten einander seltsam angestarrt , wie man sie zu den schimmernden Christbäumen geführt , und ihnen dann die warmen Röckchen und Schuh mit den rothen Aepfeln und klappernden Nüssen gegeben hatte . Sie hatten die Gaben hingenommen ohne Dank und Jubel , beinah ohne Freude - und nur einem groben Instinkt folgend das Obst zum Munde geführt - so sehr ohnmächtig jeder Gefühlsregung hatte sie das tägliche Elend und die stete Arbeit gemacht , Pauline hatte laut weinen müssen , als sie diese unglücklichen Kleinen um sich versammelt sah - aber sie weinte nicht aus stiller Rührung , wie sie sich es wohl ausgemalt hatte , sondern aus tiefem , unendlichem Jammer , bei dem sie meinte , er müsse ihr ganz das weiche Herz durchschneiden . Seitdem waren einige Tage vergangen , die Freundinnen hatten sich noch nicht wiedergesehen . Da sagte sich Elisaheth , daß sie , als die Höhergestellte , den ersten Schritt zu ihrer Wiedervereinigung thun müsse . Sie wußte , daß dies ihre Eltern kränken würde , aber länger , fühlte sie , durfte sie es ihnen nicht ersparen . Aber als sie sich anschickte in die Fabrik zu gehen , sagte sie noch nicht , wohin sie ihre Schritte lenkte . Es war ein Sonntag Nachmittag . In der Fabrik ward gefeiert . Elisabeth hatte deshalb absichtlich diesen Tag gewählt , weil sie da weniger glaubte jenes Getreibe roher und lärmender Arbeiter dort zu finden , welches ihr so lästig war , und für das sie eben so viel Furcht als Abscheu empfand . Sie ging allein durch den Park , an welchen bereits die ersten Fabrikgebäude grenzten . Es war ein kalter , heller Wintertag , denn seit Weihnachten war der Winter in seiner ganzen empfindlichen Strenge gekommen , eine große Menge Schnee war gefallen , und von einer spätern festen Eiskruste überzogen , lag er undurchdringlich über den Fluren . Die Sonne schien hell , aber ihr Strahl vermogte nicht , auch nur einen Thautropfen hervor zu locken . Auf den Tannen im Wald lagen die weißen Flocken wie dichte Federdecken , krächzende Krähen flogen darüber hin , und ihr Geschrei war der einzige Laut , welcher die winterliche Todtenstille störte . Nur Elisabeths Pelzstiefelchen hörte man auf den halb ganz verschneiten Wegen knarren , auf welchen man keine andere Spur eines Trittes gewahrte , als hier und da die kleine eines Eichhörnchens oder eines Hasen . Sie wußte nicht , welchen Weg sie einzuschlagen hatte , als sie aus dem Park getreten war , und nun eine Menge kleiner , unregelmäßiger Wege gewahrte , die bald in diese , bald in jene Hütte , bald in dieses oder jenes Fabrikgebäude sich verliefen . Da kam ein junger Mann aus einer der Hütten . Er trug einen alten kurzen grauen Rock , einen rothen Shwal unter dem weißen herausgeschlagnen groben Hemdkragen um den Hals gewunden , wollne blaue Fausthandschuh , und eine hohe Pelzmütze , aus welcher ein rother Sack mit langer Quaste auf der linken Seite heraushing . Dieser an sich zwar nicht ungewöhnliche , zwar sehr abgetragene , aber doch reinliche Anzug , gab doch dem jungen Mann etwas Abenteuerliches - sein Gesicht aber machte auf Elisabeth einen seltsamen Eindruck , so daß sie ihn eine Weile aufmerksam betrachtete . Er hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit Thalheim . Dieselbe lange , schmächtige Gestalt , dieselbe blasse Gesichtsfarbe . Auch das Haar zeigte dieselbe Farbe , nur daß es länger als das Thalheims zu beiden Seiten des Gesichtes lockig herabfiel . Seine Augen waren blau und glänzend . Aber auf diesem Gesicht , das übrigens noch das eines Jünglings von etwa 24 Jahren war , thronte neben dem Zug des Schmerzes , welcher es wie das Thalheims charakterisirte , nicht wie bei diesem jener heilige Friede , sondern eine bittre Unzufriedenheit , ein kecker Ungestüm , welcher Ausdruck jedoch nicht hinderte , daß dieses Gesicht , besonders wenn man es öfter und länger betrachtete , von edlen und liebevollmilden Empfindungen zeugte . An diesen Jüngling wandte sich Elisabeth mit der Frage : » Welcher von diesen Wegen führt zunächst in Herrn Felchners Wohnhaus ? « » Hier rechts , gerade aus , ich gehe jetzt auch dahin , « antwortete der Angeredete mit einer schönen klangreichen Stimme , welche nicht den entferntesten gemeinen Ausdruck hatte , ohne jedoch etwa einen sehr höflichen oder unterwürfigen Ton anzunehmen . Nachdem sie durch verschiedene kleine Straßen und Höfe gekommen waren , langten sie vor der Hausthüre zu Felchners Wohnung an . Der Führer trat zur Seite , und nahm ehrerbietig die Mütze zwischen die Finger - ein Fabrikarbeiter trat aus dem Hause , und sagte , ohne Elisabeth zu grüßen , oder irgend auf sie zu achten : » Willst Du zum alten Herrn , Thalheim ? Da wirst Du jetzt Wenig ausrichten , denn er hat ganz schlechte Laune . « » Ist gleich , « sagte der junge Mann kalt . » Für uns wird er ja doch niemals gute haben . « Elisabeth konnte sich des Ausrufs größter Ueberraschung nicht enthalten : » Sie heißen Thalheim ? « » Zu dienen , Franz Thalheim , « antwortete Jener mit einer Art von Selbstgefühl . » Siehst Du , « sagte der Andre , » die Mamsell wird Deinen Namen wohl kennen , in der Stadt lesen sie Alles , was Du schreibst . « Franz schüttelte mit dem Kopfe . » Sie sind also wohl Literat ? « fragte Elisabeth . » Literat ! « versetzte Franz . » Das Wort klingt zu vornehm für einen armen Fabrikarbeiter , welcher nur in seinen wenigen Mußestunden hier und da ein offnes Wort geschrieben hat für seine armen geplagten Brüder - und was ein schlichter Arbeiter in seiner Einfalt schreibt , lesen doch die vornehmen Leute nicht - - « In diesem Augenblick hüpfte Pauline , welche soeben Elisabeth bemerkt hatte , durch eine rasch geöffnete Zimmerthüre und warf sich jubelnd an den Hals der Freundin . Sie zog sie mit sich die Treppe hinauf in eines jener mit Glanz und Bunt überladenen Prunkgemächer , welche ihr Vater speciell für sie bestimmt hatte . » Was ist das für ein Mensch , der mich hierher geleitete , und der sich Franz Thalheim nennt ? « fragte Elisabeth nach der ersten herzlichen Begrüßung . » Er sieht ihm so ähnlich ! « fügte sie bei , indem sie sinnend vor sich nieder sah . » Ja , « antwortete Pauline lächelnd , » das hättest Du wohl nicht gedacht ? Er ist nur ein gewöhnlicher Arbeiter in unsrer Fabrik , aber ein jüngerer Bruder unseres Lehrers Thalheim . « » Wär ' s möglich ! « rief Elisabeth . » Ja , dieser Franz hat mir es selbst erzählt , sein Vater ist Schuhmacher gewesen , und da sein ältester Sohn viel Anlagen gehabt , so hat er ihn zum Studiren bestimmt . Darüber ist aber der Vater gestorben , und da unser Lehrer das Studium nicht hat aufgeben wollen , so hat er sich auf der Universität sehr kümmerlich behelfen , und allerhand kleine Erwerbsquellen aufsuchen müssen . Die andern Knaben haben an die Erlernung eines Handwerkes gehen müssen , und so befindet sich denn seit Kurzem dieser Franz in unsrer Fabrik . Er ist nicht roh und ungesittet , wie die andern niedriggestellten Fabrikarbeiter , aber diese scheinen ihn mehr als irgend einen zu lieben , trotzdem , daß er ihnen manchmal mit strafenden Worten die Wahrheit sagt . « » Ich hörte einen Andern davon sprechen , daß er schreibe - wohl für ' s Volk ? « » Ja , er hat einige einfache , aber rührende Geschichten geschrieben , welche die Noth der Fabrikarbeiter , der arbeitenden Classen überhaupt schildern - er hat mir selbst am Tage nach unsrer Christbescheerung ein Exemplar davon geschickt , und eine gefühlvolle Dedication für mich beigefügt . Bei dieser Gelegenheit war es auch , wo ich überhaupt zuerst von ihm hörte , ihn sah und er mir seine Familiengeschichte und die Verwandtschaft mit unserm Lehrer erzählte . « » O , erzähle mir Alles wieder , es interessirt mich Alles , was ich von seinem Bruder höre , laß Nichts aus , erzähle , wie Du ihn zuerst sprachst , und was er sagte , « bat Elisabeth . » Gern , « antwortete Pauline mit einem leichten Erröthen , » denn ich muß Dir gestehen , daß auch mich dieser junge Mann lebhaft interessirt , welcher so verschieden von den andern Arbeitern der Fabrik ist , mit denen ich hier und da gezwungen bin , ein Wort zu wechseln . « » Es war an demselben Tag , « begann sie zu erzählen , » wo wir den Kindern bescheert hatten . Weder mein Bruder , noch mein Vater waren dabei gegenwärtig , denn die ganze Sache war ihnen unangenehm , mein Bruder hatte längst gestrebt , sie zu verhindern , und mein Vater mir nur auf lange Bitten die Erlaubniß dazu gegeben . Wie ich nun so die armen Kinder , die über den hellen Lichterglanz mehr vor Furcht , als vor Freude schrieen , an ihre kleinen Tische geführt hatte , vor denen sie mit halbblöden Blicken still und ohne sich zu regen standen , wie ich sie eben gestellt hatte - wie dann ihre Angehörigen , die sich zur Aufsicht der Kinder , und aus Neugier mit hereingedrängt hatten , den Raum der Stube erfüllten , wie von dieser meist in zerlumpte und unreinliche Sachen gekleideten Menge ein erstickender Dunst in der geheizten Stube entstand , und Viele dieser Leute unter sich unschickliche Späße machten , und in groben Ausdrücken sich unterhielten , wohl hier und da auch halblaut die Gaben tadelten , oder darüber lachten - so ward mir unheimlich zu Muthe , und ich fing an zu weinen . Mein Kammermädchen Friederike , welche ich mitgenommen hatte , mir bei der Bescheerung behilflich zu sein , erschien mir unter diesen Leuten wie das einzige mir gleichstehende Wesen , und als ob es meine beste Freundin sei , sucht ' ich an ihrer Seite Schutz vor dieser beängstigenden Umgebung , und indem mich ein kalter Schauer überrieselte , sagte ich leise ausrufend zu ihr : O , mein Gott , und das sind auch Menschen , wie wir ! « » In diesem Augenblicke war es , « fuhr sie weiter fort , nachdem sie einige Momente lang in sinnendem Schweigen vor sich niedergesehen hatte , » als ich Franz Thalheim zuerst sah . Er stand mir zunächst , und hatte meine unvorsichtigen Worte gehört . Er warf einen unbeschreiblichen Blick voll Schmerz und Vorwurf auf mich , vor dem ich beschämt und zitternd meine Augen senkte - er öffnete den Mund zum Sprechen , und ich fürchtete tadelnde , vielleicht rohe Worte von ihm zu hören - ich fühlte , daß ich sie verdient hatte - aber er sprach mit sanfter , bescheidener Stimme , indem er aber ganz dicht neben mich trat , daß außer Friederiken Niemand weiter hören konnte , was er sagte . Ja , Fräulein , es sind Menschen , wie Sie , aber es ist eben ihr Unglück , daß man diesen Tausenden ihre Menschenrechte genommen , und deshalb sogar auch die Fähigkeit , sich über das Thier , zu dem man sie herabgestoßen , zu erheben . Ich fühlte , daß in diesen Worten eine große Wahrheit lag , ja , ich empfand auch zugleich , daß ich ihm eine Abbitte , und für seine Klage ein tröstliches Wort schuldig war , und ich erwiderte : Mich jammert jede Noth , und was ich thun kann , um ihr abzuhelfen , will ich versuchen . Er lächelte kummervoll bei diesen Worten , und statt der Antwort gab er mir eine dünne Broschüre . Ich bitte Sie , das zu lesen , wenn Sie einmal ein Wenig Zeit haben für diese Unglücklichen alle , welche Sie hier umgeben . Dann trat er ehrerbietig mit einem Gruße zurück und sprach mit einer Frau , welche zwei kleine Kinder auf den Armen hatte . Diese kam dann auf mich zu und dankte mir , ihrem Beispiel folgten dann noch viele der Leute ; Manche thaten es unmuthig und förmlich . Andere herzlich und mit Thränen , ich glaube , es geschah nur auf Franz Thalheims Aufforderung , daß sie mir dankten - ich hätte es ihnen gerne erspart , obwohl ich mir dabei sagte , daß es auch Hochmuth sei , ihren Dank nicht annehmen zu wollen , so gut als es Hochmuth sei , ihn zu fordern , - denn was mir bei diesem Dank unwillkührlich lästig war , waren die vielen unreinen , derben und schwieligen Hände , welche die meinen drückten , und die Annäherung dieser schmuzigen Lumpen , welche sie trugen . « Pauline stand auf , und holte aus ihrem Bücherschrank eine Broschüre , welche sie an Elisabeth gab . Diese las den Titel . » Aus dem armen Volke . Erzählungen von Franz Thalheim , allen Menschenfreunden gewidmet . « Auf das leere Blatt hinter dem Titel hatte der Verfasser geschrieben : » Dem Fräulein Pauline Felchner mit besondrer Hochachtung gewidmet . « - » Wie ein Engel in der Christnacht sind Sie unter uns , den armen Sclaven Ihres Vaters , erschienen . Sie wollen die Herzen dieser armen Kinder erfreuen , welche niemals eine Ahnung von dem gehabt haben , was man Glück der Kindheit nennt . Wir Alle segnen Sie dafür ! Aber wir mögten Ihnen auch zurufen : vergessen Sie über den Segen , welchen Ihre Milde über diese unglücklichen Kleinen bringt , niemals , daß eben diese Kinder einem Elend entgegengehen , von welchem Sie gewiß keinen Begriff haben , Frost und Hunger ist noch das Geringste , das ihrer wartet - ihr Geist erstarrt ohne die Nahrung des Schulunterrichts , und ihr Herz vertrocknet mit ihrem kleinen Körper unter der anhaltenden Arbeit , zu welcher man sie benutzt , Ihre Sitten werden verderbt , alle ihre edleren Gefühle erstickt , weil man sie gänzlicher Verwilderung Preis giebt . Bei diesem Frevel an der menschlichen Würde rufe ich Ihnen zu : mögten Sie diesen Verstoßenen auch als ein Engel erschienen sein , welcher sie aus dem Abgrund emporhebt , in dem sie täglich immer tiefer versinken . - Vergeben Sie , wenn diese Worte zu kühn sind für einen armen Fabrikarbeiter , wie der Verfasser . « » Ja , « rief Elisabeth erschüttert , als sie noch eine Weile in diesem Buche geblättert hatte , » das ist ein unabsehbares Elend , von dem ich bis jetzt Nichts gewußt habe , « und ihre Haut überlief ein leiser Schauer . » Wie ich Alles gelesen , « sagte Pauline , » versuchte ich , meinem Vater Vorstellungen zu machen , ob er , wenn einmal Kinder arbeiten müßten , ihre Zahl nicht noch vermehren könnte , aber so , daß sie , einander ablösend , nur wenig Stunden des Tages arbeiteten , und Schulunterricht haben könnten . - Er antwortete mir : den hätten sie , und ob ich denn den Lehrer noch nicht kenne ? Wie ich aber weiter sprechen wollte , ward er so böse , wie ich ihn noch niemals gesehen , und verbot mir bei seinem höchsten Zorn , jemals wieder über solche Dinge zu sprechen , welche ich nicht verstände - ja er lachte mich geradezu aus , und schloß endlich damit , daß ein längeres Leben hier mich wohl überzeugen würde , wie seine Arbeiter ganz glücklich wären , und auch alle Ursache dazu hätten , während nur Einige über Elend jammerten , weil ihre unverschämten Forderungen nicht erfüllt würden . Nach Allem , was er sagte , fühlte ich , daß ich gegen meinen Vater schweigen müsse . « Sie seufzte , und fuhr dann weiter fort : » Ich sagte ihm Nichts von Franz Thalheims Buche , ich verbarg es unter meinen andern Büchern . Ich schickte aber nach Thalheim , als eines Sonntags Nachmittags mein Vater in die Stadt im Schlitten gefahren war . Franz kam , ich will ihn nun so nennen , damit wir nicht immer an unsern Lehrer denken , oder ihn doch mit diesem verwechseln , denn auch die Fabrikarbeiter nennen ihn nur bei seinem Taufnamen . Franz trat leise ein , und blieb bescheiden mit der Mütze in der Hand an der Thüre stehen , aber er war nicht verlegen , wie ich gedacht hatte ; wenn Jemand von uns Beiden verlegen war , so glaube ich eher , ich bin es gewesen . Ich hatte mich auf sein Kommen vorbereitet , und nun wußte ich eigentlich nicht , was ich ihm sagen sollte . Ich danke Ihnen für Ihr Buch , begann ich endlich , aber ich würde Ihnen rathen , damit vorsichtiger zu sein , wenn es in die Hand meines Vaters , Bruders oder irgend eines Factors unserer Fabrik käme , so könnten Sie wohl einen schweren Stand bekommen . - Franz erwiderte : Kann man die Wahrheit schonender sagen , als ich es gethan ? Ich habe ja auch in diesem Buch gar nicht von den Einrichtungen dieser Fabrik gesprochen , sondern was ich versucht habe , ist weiter Nichts , als darauf aufmerksam zu machen , daß die Noth der arbeitenden Classe groß ist , und daß , wenn Einzelne unter ihnen zu Verbrechern herabsinken , nicht sie allein dafür verantwortlich sind , sondern diejenigen , denen es ein Leichtes gewesen wäre , sich ihrer Noth zu erbarmen , und welche es doch nicht gethan haben . Verzeihen Sie , wenn ich zu laut und zu heftig spreche , setzte er hinzu , indem er wieder zurücktrat , und seine Augen senkte , aber ich kann nicht anders . Ich suchte ihn darauf deutlich zu machen , wie glücklich es mich selbst machen würde , wenn ich all ' dies Elend verschwinden sähe , wie ich aber selbst ganz unbekannt sei mit aller Leitung des Fabrikwesens , und wie es mir nicht zukomme , ich mithin auch nicht im Stande sei , andere Einrichtungen zu bewerkstelligen , durch welche die Arbeiter besser gestellt , und die Kinderhände erspart würden - ja daß ich nicht einmal wisse , ob dies wirklich möglich sei , wenigstens sagten mir Alle , welche Fabriken zu leiten hätten , es sei nicht möglich - und das mache mich selbst am Allertraurigsten . Unwillkührlich traten mir , als ich dies Alles sagte , Thränen in die Augen , und ich konnte nicht weiter sprechen . - Ja , ich glaube es wohl , sagte er . Diejenigen , welche gern helfen möchten , können es nicht , und Alle die , welche es recht wohl vermöchten und sollten , die wollen nicht helfen . Ich ließ das unbeachtet , und sagte : Ich ließ Sie rufen , ein Mal , um Sie zu warnen , von Ihren Büchern wo möglich meinem Vater Nichts wissen zu lassen , und dann wollte ich Sie bitten , da , wo Sie eine augenblickliche Noth welcher zu helfen ist , in den Familien unsrer Fabrikarbeiter sehen , mich davon zu unterrichten , und da werde ich Alles thun , was ich vermag . Oder haben Sie selbst nicht ausreichenden Verdienst ? Nehmen Sie dies Geld für Diejenigen , welche es am Meisten bedürfen . Er nahm , was ich ihm gab , mit leuchtenden Augen , sagte , er habe für sich schon Erwerb genug , aber er wisse Viele , die es brauchen könnten - und er drückte mir herzlich , mit edler Freimüthigkeit die Hand . Darauf fragte ich ihn , ob er ein Bruder des Doctor Thalheim in * * * sei , und er erzählte mir kurz , was ich Dir bereits mitgetheilt . Ehe jener weiter gereis ' t war , hatte er Franz hier besucht , da er vorher ein paar Tage auf Waldow ' s Gut gewesen , und er habe gesagt , wiederholte mir Franz : Fräulein Pauline ist ein edles Mädchen , das , wo es kann , sich Eurer Noth annehmen wird . « Elisabeth umarmte die Freundin , und sagte : » Also war es deshalb , als Thalheim Dir das Versprechen abnahm , immer , wenn nicht die Schwester , doch die Freundin der Armen und Niedriggeborenen zu sein - es ist sein Befehl , sein Wunsch , darum ist er so heilig . « Während dieses langen Zwiegespräches der Freundinnen war bereits das spärliche Sonnenlicht längst verlöscht , und der frühe Abend begann hereinzudunkeln . Elisabeth brach auf . Pauline schlug vor , sie zu begleiten , um sie noch länger sprechen zu können . Beide hüllten sich in ihre warmen Schleierhüte und dichten Pelzmäntel , und gingen . Es war kalt . IX. Sonntag-Abend » Es ist so leicht , die Menschen zu verachten , Weil sie die Quintessenz des Staubes nur ; Viel größer ist ' s , sie liebend zu betrachten , Und kennen ihre arme Staubnatur ! « Alfred Meißner . Es war kalt , ach schneidend kalt draußen . Der Himmel schien sich immer höher wölben zu wollen , als mög ' er gar Nichts mehr wissen von der armen erstarrten Erde , und die Sterne kamen funkelnd heraus , einer nach dem andern , und es war als wetteiferten sie alle mit einander im hellen Flimmern und Prunken . Es war kalt , ach schneidend kalt drinnen . Drinnen in den elenden Wohnungen der Fabrikarbeiter . Auf den meisten Heerden war längst das letzte im Walde aufgelesene Reisholz verbrannt , und wo ja noch ein paar Stücklein Kohlenvorrath waren , da glimmten sie in einem alten großen Ofen , der nur die empfangene Wärme von sich gegeben hätte , wenn ein großes Feuer ihn hätte zu durchhitzen vermogt . Durch die halb mit Papier verklebten , mit Lumpen verstopften Fenster drang unaufhörlich ein eisiger Luststrom ein . - Auf verfaultem Stroh lagen die halbnackten Kinder , und rieben mit den blauen erstarrten Händen in den blöden Augen , die gar nicht zubleiben wollten , weil Frostschauer , die über die kleinen Gestalten liefen , sie immer wieder aufrissen . Die Mutter lag daneben in einer großen , weiten Bettstelle - das Weib lag weder auf Stroh , noch auf Federn , sondern auf den Latten des Gestelles , zum Kopf hatte sie die zerrissene Pelzjacke ihres Mannes , zur Decke einen alten wollnen Rock , den sie am Tage trug . Es war kalt , ach schneidend kalt drinnen . Dem Manne war es zu kalt , drum war er fortgegangen in die Schenke . In der Schenke war es warm , da brauchte Niemand zu frieren , und Branntwein hatte der Wirth auch - und der Branntwein wärmte dann noch fort zu Hause die wenigen Stunden der Nacht bis die Glocke zur Arbeit geläutet ward . Es war eine große von Rauch geschwärzte Stube . Einige Talglichter