Gegenstände des Comforts , brauchte nur meine schlichten Trauergewänder . Paul hatte den größten Theil unsrer Einkünfte dazu bestimmt unsre Schulden abzutragen , mit dem vierten Theil hatte er leben wollen . Ich setzte es durch mit dem achten zu leben um desto früher dieser Last entledigt zu sein . Ich verkaufte äußerst vortheilhaft ein kleines Gut , das ein Hamburger Banquier zu besitzen wünschte , weil es gar freundlich am Plöner-See lag . Das half mir sehr ! ein Paar gute Jahre - was der Landmann gut nennt , d.h. einträgliche - kamen dazu ; die Pachtungen wurden gesteigert , und zwei Jahr nach Pauls Tode waren meine Verhältnisse vollkommen geordnet , die Schulden bezahlt , sichere Pächter eingesetzt . Ein umsichtiger und zuverlässiger Verwalter stand an der Spitze der Geschäfte . Brauchbare und tüchtige Leute hatte ich mit Glück , Geschicklichkeit und gutem Gehalt als Schullehrer , Förster , Gärtner gewonnen . Engelau war in vollem Flor , eine der cultivirtesten und gepflegtesten Besitzungen Holsteins . Der Pfarrhof , die Pächterwohnungen , die Bauernhäuser , die Hütten der Tagelöhner , die Schulhäuser - alle waren tüchtig , warm und ihrer Bestimmung entsprechend gebaut , immer reinlich , zuweilen freundlich umgeben . Der rothe Backstein als Baumaterial nimmt sich gut und sicher unter den Strohdächern aus , welche allgemein die Ziegeldächer überwiegen , weil sie leichter und wärmer sind ; und diese in die grüne Landschaft zerstreuten rothen Punkte erheitern deren Monotonie und machen sie lustig wie Blumen eine Wiese . Täglich - das hatte ich mir zum Gesetz gemacht - auch im tiefen Winter bei Sturm , Regen und Schnee , ging , ritt oder fuhr ich aus : heute zu einem Holzwärter tief im Walde , morgen zu einem Armenvorsteher , übermorgen zu einem reichen Bauern oder zu einer Schulstunde . So hatte Paul es gemacht ! er hatte gesagt : Die Leute müssen sich daran gewöhnen daß der Herr sie beobachtet und zugleich Theilnahme für sie hegt ; sonst kommt man nicht zu einem guten Vernehmen und hat kein Vertrauen zu einander . Das hatte er während des Jahres seiner Anwesenheit treu befolgt , und da ich Aehnliches , nur nicht so systematisch , schon als Kind gethan : so wurde es mir nicht schwer . Da lernte ich die wirklichen Zustände des Landvolks kennen , welche zwar beim Tagelöhner bis zur Armseligkeit herabsteigen , aber in Elend nur in Krankheitsfällen ausarten können . Greift in solchen Momenten der Herr mit wirksamer Hülfe so zweckmäßig ein , daß der kleine Haushalt fortgehen kann , als ob des Mannes oder Weibes Krankheit keinen Ausfall im Verdienst zur Folge hätte : so tritt keine Zerrüttung in den kleinen Verhältnissen ein . Vernachlässigt der Herr diesen Moment , so ist der Ruin der Familie fast unvermeidlich . Durch diesen steten Hinblick auf das Geringe mit welchem der Mensch friedlich leben und zu der Brauchbarkeit tüchtig sein könne , welche sein Platz in der Welt von ihm begehrt - entwöhnte ich mich von all den entnervenden Bedürftigkeiten , welche nichts sind als niedliche Mißgeburten von dem Unverstand mit der Langenweile erzeugt . Die kriechende heuchlerische Gesinnung unsrer Tage mögte es verbergen , daß sie sich vor dem Golde im Staube wälzt ; sie nennt das Raffinement eines hirnlosen Luxus Verfeinerung des Geschmacks , Veredlung des Lebens ; sie setzt der Erfahrung daß dieses marklos , jener blasirt , und Beide durch überreizende Genüsse verzerrt werden , die Behauptung entgegen : die Civilisation werde ganz neue und reichhaltige Elemente entwickeln um dem Dasein frische Nahrung zuzuführen . Aber bis diese Quellen aufgegangen sind , gerathen die Menschen in die Sclaverei ihrer Bedürfnisse , und das ist die zersetzendste aller Demoralisationen . Wie der schärfste Frost sogar Steine sprengt , so weicht der materiellen überhandnehmenden Richtung jedes Bedenken und jede Scheu . Genuß ! wird das Losungswort der Gesellschaft , und damit ist der in ihr gefesselte Tiger losgelassen . Mir that mein strenges Leben wol . Ich hatte ein Ziel dem jeder Gedanke und jede Handlung sich unterordnete und das ich durchaus erreichen wollte : vollenden was Paul begonnen . Ich erreichte es wirklich . - Aber was nun weiter ? - In meiner ganz praktischen Richtung , immer beschäftigt , umsichtig sorgsam , geregelt thätig , hatte der Gram nicht in mir aufkommen können . Auf den ersten wilden Schmerz folgte gelassene Trauer . Die Vergangenheit lag hinter mir wie ein Garten durch den ich nur selten Muße hatte zu wandeln . In der Gegenwart stand ich wie auf einem Felde das ich zu bebauen hatte . Aber recht wie der Landmann der mit seiner Arbeit immer an die Zukunft und die Hofnung gewiesen ist , so knüpfte sich auch Alles was ich wollte , that und trieb an die Zukunft . Anfangs hatte ich nur die meiner Tochter im Auge ; allmälig mischte sich die meinige hinein . Jezt weiß ich daß ich sehr gut meinen Geschäften vorstehen und mein Haus führen kann ; sprach ich zu mir selbst ; - und mit dieser Erkenntniß wich jeder Reiz aus meinem Leben . Ich war zu ehrlich gegen mich selbst um eine Rückkehr zur Trauer um Paul zu erzwingen . Ach , in meiner ersten Jugend hatte ich das ja umsonst bei der Erinnerung an Heinrich versucht ! Ist ein Gefühl wie ein Ast abgestorben , so grünt es nie wieder ; anders - wenn ' s abgehauen ward . Ich fiel wieder meiner alten Unruh anheim . Statt mein Leben nach seinem eingeführten Zuschnitt fortzusetzen , gab ich es auf . Das Uhrwerk in Gang zu bringen hatte ich als eine heilige Aufgabe betrachtet . Zusehen wie es sich regelmäßig abrollt schien mir zu geringfügig . Ob ich nicht auch in der Fremde verständig und ohne jugendliche Verschwendung werde leben können ? fragte ich mich . Es lockte mich unwiderstehlich hinaus sobald ich mir gestattet hatte über meine enge Begrenzung in die Weite und Ferne zu schauen . Wieder saß ich stundenlang auf dem Hünengrabe oder auf den Kieselwällen des Strandes , und dachte mir wie das schön und glücklich sein müßte alle Küsten des vor mir ausgebreiteten Meeres zu kennen , und ob man auf diesen Wanderungen nicht die Inseln der Glückseligkeit entdecken müßte . Und bei Ausmalung dieser Glückseligkeit verfiel ich in Träumereien und vergeudete meine Seele und ihre Kräfte , statt sie mit Gefühlen und Handlungen zu nähren . Das Herz dörrte ich mir förmlich dabei aus , so daß ich mich erschöpft und trostlos fühlte , wie Ixion der die Wolke statt der geliebten Göttin in seine Arme schloß . Ich komme um ! rief ich ganz laut eines Abends als das Gefühl unbestimmter erwartungsvoller Sehnsucht übermächtig in mir rege geworden war . Ich traf meine Anstalten ; ich wollte reisen , wollte mich zerstreuen von dem einsamen Einerlei ; wollte verhüten daß Benvenutas erwachendes Seelchen die Färbung annähme , welche die meine hier empfangen hatte . Heitre bunte Bilder sollten sie umgeben , ein milderes Klima ihr Gedeihen fördern . Ueber Würzburg wollte ich nach der Lombardei , die ich bei meiner ersten italienischen Reise nur im Durchflug gesehen hatte . Acht Tage später reiste ich ab . Ich besuchte meinen Schwiegervater der mich ziemlich trocken empfing und meine Reise noch trockener mißbilligte . Ich könne ja im Sommer in ein Bad gehen , den Winter in Hannover , Frühling und Herbst in Engelau zubringen : das sei eine vernünftige und passende Lebensweise , wie sie sich für eine Frau in meinen Verhältnissen schicke . Er mogte nicht Unrecht haben , aber ich sträubte mich heftigst gegen diese Tretmühle des Hergebrachten , und erklärte in einer so kleinen Stadt wie Hannover nicht leben zu können . Das nahm er grenzenlos übel , nannte mich » mauvaise tête « , und mit großer Kälte trennten wir uns . Um desto wärmer und freundlicher empfing mich der Bischof von Würzburg . Sobald diese geistlichen Herrn das Bewußtsein ihres Berufs und ihrer Stellung haben , schöpfen sie aus demselben so viel Würde und die Umgebung erhöht diese so sehr , daß ihrer Erscheinung eine gewisse Weihe eigenthümlich werden kann , die ganz unabhängig von großen oder überwiegenden Gaben ist . So war mein Onkel . Er war kein philosophischer Kopf , kein brillanter Geist , kein majestätischer Character . Er war ganz Milde und Güte ; - nicht Güte der Schwäche , sondern des Wolwollens . Dieselbe Milde lag im Blick seines guten Auges , in jedem Wort seines Mundes , in jeder Handlung seines Lebens . Seinen Wahlspruch hatte er von St. Augustin gelernt : » In omnibus caritas . « Er that mir wol bis ins Herz hinein . Mein Schwiegervater auch ein Greis , auch mit ehrwürdigem weißen Haar , war so recht ein alter gescheuter Mann , den die Welt charmant und respectabel findet . Freilich war er Beides ! aber mir kam er vor wie jene Leiche des Klosters auf dem St. Bernhard : ganz menschlich wolerhalten in der eisigen Luft ; - während mein Onkel mir den ächten Eindruck des » guten Hirten « machte . Als ich ihm Benvenuta brachte , segnete er sie und mir war zu Sinn als sei das Kind nun erst recht der Obhut Gottes anvertraut . Allabendlich wenn sie ihm zur Gute-Nacht die Hand küßte , berührten seine Finger segnend ihre Stirn , und ich konnte nicht anders als mir etwas Gutes und Frommes dabei vorstellen . » Gedenken Sie Benvenutas in Ihrem Gebet ! « bat ich ihn mit Rührung . Meinen Schwiegervater würde ich nur gebeten haben ihres Vermögens zu gedenken . Uebrigens wäre mein Onkel ein ebenso treuer Haushalter desselben gewesen ; aber eben nur als ein Haushalter , nicht als Eigenthümer betrachtete er jeden irdischen Besitz - und darum hätte er ihn so verwaltet , daß er mit seiner Rechnung vor dem Herrn , dem barmherzigen Gott bestanden wäre - indessen jener den möglichsten Vortheil soweit Pflicht und Ehre es gestatteten , beabsichtigt hätte . Nicht die leiseste Anwandlung von kindlichem Vertrauen fühlte ich bei meinem Schwiegervater , den ich doch seit meiner Wiege kannte - und ein unsägliches überflutete mein Herz meinem Onkel gegenüber , den ich in meinem Leben etwa vierzehn Tage gesehen hatte . - Ich fühlte zuweilen ein Verlangen in Würzburg bei meinem Onkel zu bleiben , zu seiner Kirche überzutreten , Benvenuta in derselben zu erziehen , und wenn sie erzogen und verheirathet sei in einem ernsten edlen Kloster den Schleier zu nehmen . Ich sprach sogar mit meinem Onkel über diese Möglichkeit . Er entgegnete sanft : » Liebe Tochter , Deine unruhige Seele wirft sich an Alles was sie noch nicht kennt , und wendet sich von Allem ab , was sie kennt . Unsre Kirche ist Dir gleichsam eine neue Bekanntschaft , welche Dich durch innere Gediegenheit und äußere Schönheit anzieht . Aber für jezt bist Du nicht ruhig genug um den Kelch des Labsals , welchen sie den wahrhaft Durstenden bietet , mit fester Hand ergreifen zu können . Ein solcher Schritt will mit tiefer Besonnenheit gethan sein ; wo nicht - so ist er kindisch oder sündhaft zu nennen . Unsre Kirche giebt Frieden Denen die ihn aufrichtig suchen ; aber Du , mein Kind .... Du suchst ihn nicht . « » Theurer Onkel ! rief ich heftig bewegt , das erste und das letzte Schmachten jeder Seele , so groß oder klein , so weise oder thöricht sie sei - strebt nach Frieden , und ich allein sollte dies Bestreben nicht haben ? « » Du strebst nicht nach Frieden , erwiderte er mit unerschütterlicher Sanftmuth - sondern nach Befriedigung . « So war ' s. Er las in meinem Herzen . Er fuhr fort : » Wer den Frieden sucht , weiß was er sucht , nämlich das Eine : sich hingeben der Hand Gottes und ihrer Führung , ohne Angst , ohne Hast , mit unerschütterlich demüthiger Seele . Wer Befriedigung sucht , sucht etwas Unbestimmtes , Namenloses - etwas das hier sein könnte oder auch dort - etwas das in himmlischen Dingen zu finden sein dürfte oder auch in irdischen - etwas das dem Ewigen angehören mögte und zugleich dem Vergänglichen . Wer Frieden begehrt will zu Gott kommen , wer Befriedigung - zu sich selbst . « Mir war als würde mein Herz aus der Brust geschält und durchsichtig vor meine Augen gehalten . Ich sagte : » Ganz Recht ! aber nur der , welcher bei sich selbst und in sich zu Hause ist , vermag sein Ziel und den Weg zu demselben ins Auge zu fassen , weil er einen festen Standpunkt hat . Befriedigung muß der Erdboden sein auf dem die Palme des Friedens gedeiht . Befriedigung sammelt uns in uns selbst und schmilzt unsre sich verflüchtigenden Kräfte zum Goldkorn der Einheit zusammen . Glauben Sie nicht daß eine höhere Hand das Gepräge göttlichen Friedens auf ein solches Goldkörnchen drücken könne ? « » Liebes Kind , entgegnete liebreich mein Onkel , das heißt fragen ob ich an die Barmherzigkeit Gottes glaube ! - Ich sagte Dir nur .... und Deine Worte bestätigen es .... daß Du nicht genug innere Sammlung besitzest um vor der Hand den Uebertritt zu unsrer Kirche machen zu können . Dergleichen darf nicht im Sturm geschehen . Habe Geduld - auch mit Dir selbst . « Er drückte mir väterlich die Hand und ich küßte die seine mit zärtlicher Ehrfurcht . Dies war nicht das einzige Mal daß wir über diesen Gegenstand sprachen ; aber stets äußerte sich mein Onkel in gleicher Weise , und ich kam endlich nicht mehr darauf zurück . Allein es war mir dabei zu Sinn , als sehe ich einen Nachen sich entfernen , den ich herbei gewinkt um mich vom sandigen öden Strande an ein jenseitiges blumen- und schattenreiches Gestade zu tragen . Bald wurden meine Gedanken auf einem andern Gebiet beschäftigt . Ich empfing folgenden Brief : » Sibylle ! ich habe Ihren Willen geehrt - dann Ihr Glück - dann Ihre Trauer ; vergessen habe ich Sie nie ..... nie Ihr verheißungsvolles , verschleiertes , ich weiß nicht ob über menschliches , doch gewiß nicht menschliches Auge , in dem sich Ihre ganze Seele spiegelt ! Ist diese Seele zum Bewußtsein gekommen durch Zeit , Leid und Erfahrungen , welche alle Menschen reifen und entwickeln ? Darf ich Sie demnach um Antwort auf eine einzige Frage bitten ? Glauben Sie mich lieben zu können ? - Diese Frage würde vermessen sein , wenn Sie nicht die heimliche Ueberzeugung meiner Liebe für Sie hätten - und würde matt sein , wenn ich den Talisman besäße , der mich befähigte wozu noch kein Mensch befähigt worden ist : in Ihrer Wolkenseele zu lesen . Antworten Sie mir die volle Wahrheit , ohne Rückhalt , bestimmt und klar . Oder müßte ich noch immer sagen wie damals : Sibylle , wach auf ! - Otbert Astrau . « Ja , außerordentlich beschäftigten mich diese wenigen Zeilen . In Jahren hatte Astrau mich nicht gesehen und nichts von mir gehört als was zwei gedruckte Schreiben ihm sagten ; und dennoch dachte er an mich , wußte er von meinem Aufenthalt , hatte er sein Gefühl für mich bewahrt , hofte er auf Erwiderung . Das ergriff mich mächtig . Aber konnte man das Liebe nennen ? Ich besann mich acht volle Tage ; endlich schrieb ich : » Sie sagten mir einst ich wisse nichts von der Liebe . Da ich in dieser Beziehung keine Erfahrungen gemacht habe , und noch auf demselben Punkt stehe wie damals , so muß ich Ihnen mit voller Wahrheit auf Ihre Frage antworten : Wie soll ich wissen ob ich Sie werde lieben können . Sie haben einst meine Phantasie beschäftigt und meine Gedanken angeregt , vielleicht meiner Eitelkeit wolgethan - Sie sehen ich bin wahr ! - ; ich habe auch nie vergessen daß Sie mir jenen Eindruck machten ; aber das Alles , scheint mir , ist sehr fern von Liebe . Liebe muß das Herz , diesen Mittelpunkt unsers Seins , in Flammen setzen , und das ganze Wesen dermaßen durchglühen , daß , wenn auch die Flamme erlischt , doch ihr Reflex als ein unirdisches und daher unvergängliches Licht in uns zurückbleibt . So denke ich mir die Liebe . Empfunden habe ich etwas Derartiges nie . Meine Gefühle waren auflodernd und verschwindend wie Blitze ; dauernd wie Naphtaflammen die unter der Erde fortbrennen - wie die Gestirne , die über der Erde fortleuchten waren sie nicht . - Ihr Zuruf kann mich nicht wecken denn .... ich wache ! fast mögt ich hinzusetzen : leider ! Wer schläft , träumt - und zuweilen süß . O nein , ich wache . Leben Sie wol . Sibylle . « Ich war , obgleich ich es mir nicht eingestehen wollte , doch heimlich gespannt auf den Erfolg dieses Briefes . Ich verschob meine Abreise von Würzburg von einem Tage zum andern , obzwar ich mir selbst sagte , daß Astrau mich ebensogut in Italien als in Deutschland auffinden könne , wenn ihm etwas daran gelegen sei . Ich dachte sogar es würde nicht viel mehr als Höflichkeit sein , wenn er von München - wohin er mir seine Adresse geschrieben hatte - nach Würzburg käme um mich zu besuchen . Ein fürchterlicher Schreck mit einem leichten Freudenschauer gemischt durchbebte mich , als sich eines Morgens früh um neun Uhr ein fremder Herr bei mir melden ließ . Das wird er sein , mein Gott ! giebts denn wirklich eine ewige Fessel ? dachte ich tiefinnerlichst erschüttert . Aber Astrau war es nicht ! und meine gemischte Freude ging augenblicklich in eine ganz reine über , als Sedlaczech in mein Zimmer trat . » Meister Fidelis ! « rief ich jauchzend und flog ihm entgegen . » Grüß Gott ! grüß Gott , Sibylle ! « sagte er , faßte meine beiden Hände und sah mir mit rührender Innigkeit in die Augen , während sich ein feuchter Glanz über die seinen legte . Sie wurden mir zum Spiegel meiner Vergangenheit : meine ganze untergegangene Jugend mit dem Kreise ihrer Freunde und Freuden tauchte daraus empor . Ich hatte ihn nicht gesehen seit jenem Augenblick wo ich mit Paul vom Traualtar zum Reisewagen ging . Erschüttert durch diese Erinnerungen stürzten mir heiße Thränen aus den Augen und ich rief : » O Meister ! welch ein Leben dessen Epochen durch nichts zu bezeichnen sind - als durch Leichensteine ! « Er schüttelte sanft den Kopf und wies auf Benvenuta , die sorglos mit ihren Puppen spielte . » Sie ist eine Blume zwischen den Gräbern ! « erwiderte ich auf diese Pantomime . » Es giebt auch Gräber ohne Blumen , « sprach er , fuhr mit seiner langen , feinen , magern Hand über die Stirn und warf den Kopf zurück , als wolle er ihn von etwas Drückendem befreien . Ich folgte seinen Bewegungen mit jener Aufmerksamkeit , die wir so gern lieben Erinnerungen zuwenden , und rief nur : » O Gott ! grade so pflegten Sie die Ungeduld abzuschütteln , welche Sie bisweilen während des Unterrichts zu übermannen drohte , wenn ich allzu unaufmerksam war . « » Und das wissen Sie noch Alles ? fragte er innig . Sogar meinen Namen wissen Sie noch ? « » Franziscus Fidelis Sedlaczech ! rief ich ; während der Lection : Herr Sedlaczech , weil das der Schülerin imposanter vorkommen mußte ; außer derselben : Meister Fidelis ; - - wie Paul zuerst Sie nannte als er Sie einmal die Orgel spielen hörte in Engelau - Psalme des Marcellus , sie klingen noch in mir ! « - » Meister bin ich freilich noch immer nicht , entgegnete er gerührt ; aber Fidelis - bin ich wol . « Obzwar ich ihn in all seinen Zügen und Bewegungen , in Haltung und Sprache , in allem was den Menschen charakterisirt wieder erkannte : so kam er mir dennoch gänzlichst verändert vor . Theils hatte er sich entwickelt und sich dadurch individueller gebildet ; hauptsächlich aber betrachtete ich ihn nicht mehr mit dem befangenen Auge einer Schülerin . Während er sich zu mir setzte , von seinen Reisen und Studien mir erzählte , von seinem Vorsatz nach Italien zu gehen und sich dort niederzulassen , betrachtete ich ihn mit dem gespanntesten Interesse . Er kam mir vor wie ein sehr merkwürdiger , sehr begabter und sehr interessanter Mensch . Seine von Natur feinen Züge waren bis zur Schärfe ausgearbeitet - sei es von innern oder äußerlichen Anstrengungen ! - und mit so wenig Fleisch und Farbe bekleidet , daß man sein Gesicht ein Marmorantlitz hätte nennen dürfen , wäre mit dieser Bezeichnung nicht leicht die Vorstellung von stolzer Regelmäßigkeit oder von einer an Härte streifenden Entschiedenheit verknüpft - während die tiefen Augenhölen , die ausgearbeitete Stirn , und ein unsäglich zarter fast schüchterner Zug um den Mund keine Spur von stolzer Kraft zeigten . Blut war nicht in dem Gesicht , denn es wurde durch das Herz und das Gehirn verarbeitet . In der Tiefe , nach Außen abgeschlossen , ging das eigentliche Leben dieses Menschen vor : das ahnte man wenn man die mächtige Stirn mit dem wehmüthigen Munde verglich ; sie verkündeten zwei Gewalten , die sich vielleicht feindlich gegenüber gestanden hatten und die noch immer nach Versöhnung rangen : Genie und Gemüth . Als Vermittler lagen zwischen ihnen seine genialischen Augen , » couleur d ' eau chaude « - was wir farblos nennen würden - still , gleichsam horchend , unter breiten , schweren Augenlidern , welche bis fast zur Mitte des Sterns herabgedrückt waren und eine Art von Vorhang über dem Blick bildeten , damit derselbe sich nicht zu sehr an die Außenwelt verlieren möge . Er war klein und nervig , aber so mager daß er unansehnlich und daß besonders sein Kopf zu groß für seine Gestalt erschien . Oberflächlichen Leuten konnte er unbedeutend vorkommen ; aber wer auch nur eine Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Wesen und Erscheinung hatte , mußte durch ihn frappirt werden . Ich ward es im allerhöchsten Grade . Sein Blick fascinirte mich , obgleich er mich gar nicht ansah ; ich strengte mich an um die Gegenstände zu gewahren , die er zu schauen schien . Vor lauter Betrachtung kam ich gar nicht recht zur Aufmerksamkeit auf seine Worte . » Also eine feste Anstellung haben Sie nicht gefunden ? « fragte ich ganz zerstreut in einer Pause . » Eine solche wie ich sie wünsche und wie ich glaube sie ausfüllen zu können , findet sich nicht leicht , weil sie immer von Tüchtigen gesucht , und vermuthlich durch den Tüchtigsten besetzt wird . Meister bei einer Kirchenkapelle , wie Mozart bei St. Stephan zu Wien - das mögt ' ich werden ! allein ich bin noch Schüler und kein Meister , und muß noch arbeiten und studiren um so weit zu kommen . Andre Anstellungen , als Kammermusikus etwa , reizen mich nicht . Man liebt heutzutag so wenig die Kammermusik und so sehr die Oper mit ihrer stupiden Augenlust , daß ich gewärtig sein müßte mein Leben in Rossinis und Aubers Opern zu verklimpern . Da bleibe ich lieber unabhängig , verdiene mein Brod durch Unterricht geben , und widme mich der Composition . « » Durch Unterricht geben ? « fragte ich höchst erstaunt , weil ich glaubte ihn durch sein Jahrgeld von dieser Pein befreit zu haben . » Ihre Güte kommt mir dennoch zu gut , « antwortete er mehr auf meine Gedanken als auf meine Worte . » Und gewiß auf eine weit edlere Weise ! rief ich . O das bezweifle ich nicht ! Da ich jedoch aus früherer Zeit weiß welche eine Marter Ihnen die Lectionen waren « .... - - » Nein , nein ! unterbrach er mich ; das schien Ihnen nur so , weil sie Ihnen ein Greuel waren ! Ich lebe wie ich nun einmal lebe , aus freier Wahl und aus Liebe : denn ich erwerbe mir selbständig mein Brot und gönne meinem Herzen die süßeste Befriedigung die es genießen kann . « » Sind Sie verheirathet ? « fragte ich hastig . Mir schien daß man nur einem Weibe , einem Kinde solche Opfer bringen könne . » Nicht doch ! entgegnete er gelassen ; ich habe ewige Messen gestiftet für eine geliebte Seele . « Das war mir unverständlich ; und da man leicht geneigt ist zu seiner eigenen Beruhigung das Unverständliche kurzweg unverständig zu nennen : so verfehlte auch ich nicht dies Verfahren höchst unsinnig zu finden . » Welch eine seltsame Art von Befriedigung ! rief ich geringschätzig . Und wie ist denn der Genuß den Ihr Herz dabei empfindet ? « Er besann sich eine Weile und sagte dann unbefangen : » Ich denke es ist der jener Magdalene , welche die Füße des geliebten Heilandes mit köstlichen Narden salbte . « » Und Judas bedauerte daß das Geld für die Narden verschwendet - und nicht lieber den Armen gegeben würde , « sagte ich mit einem bittern Rückblick auf mich selbst , denn neben dieser Gesinnung kam mir die meine roh und niedrig vor . » Ich verstehe Sie nicht ! « sprach er aufrichtig . » Desto besser ! rief ich ; - doch nun sagen Sie mir wohin Sie Ihren Wanderstab setzen wollen ? « » Nach Italien . Ich kam von Wien hieher nur um den ehrwürdigen Bischof einmal wieder zu sehen , und diese Pietät ist mir gelohnt , da ich Sie gefunden habe . Heut Abend geht die Post nach München , da will ich fort . « » O ich bitte Sie , nicht so sehr flüchtig ! bleiben Sie ein Paar Tage hier ! wir haben so viel zu plaudern .... von Engelau .... von der Vergangenheit .... und - ich will auch nach Italien ; da reisen Sie mit mir . « » Ja , das thue ich gern , rief er lebhaft ; mir ist wol bei Ihnen ! zu Ihren eleganten Gesellschaften und zu Ihren Kunstgenüssen werden Sie mich wol aus Barmherzigkeit nicht verdammen - und sonst werden wir uns recht gut mit einander vertragen . « » Zuweilen werden Sie mich aus Barmherzigkeit gute Musik hören lassen ? « fragt ' ich lächelnd . » Was nennen Sie gute Musik ? « » Nun , solche welche mich von dem Kampfe innerhalb meines engen Selbst befreit und mich in eine Welt führt wo Geisterschlachten geliefert werden an denen meine Seele Theil nimmt . » Sind Sie so ernst ? « sagte er zweifelnd . » Ich bin eine Tochter des Nordens und Sie fragen ob ich ernst sei ! mein Gott , das ist ja die Mitgift welche uns in die Wiege gelegt wurde . Ich gehe nach Süden um etwas heiterer zu werden und um das Kind in eine fröhlichere Atmosphäre zu bringen . « » Ist die Seele ernst , so wird sie durch die fröhliche Umgebung nicht fröhlich . Höchstens zerstreut sie sich , und das thut ihr nicht immer wol . Der ernste Mensch sollte darauf bedacht sein sich zu sammeln um sich dann resigniren zu können . « » Resigniren ? aber wozu ? « » O zu Allem ! zu seinem Glück wie zu seinem Leid . « » Sie lieben Paradoxen ! « » Ich mögte wol wissen ob Sie sich zu einem Glück resigniren könnten ? sprach er gedankenvoll und fixirte mich mit seinen seltsamen Augen . Denn das Glück , sehen Sie , ist immer irgend eine Gestalt die am Saume unsers Horizontes schwebt , und eine aurorenhafte Glorie trägt , welche halb der irdischen und halb einer idealischen Welt angehört . Tritt nun jene Gestalt - die wir Ruhm , Ehre , Liebe , Genuß , oder sonst wie nennen ! - an uns heran , liegt sie zu unsern Füßen , schmiegt sie sich in unsre Arme - nun ja , dann halten wir sie am Herzen , dann schauen wir ihr Aug in Aug ; aber ! aber ! die Glorie schwebt noch immer fern am Horizont , am Saum zweier Welten ! das Glück das in die Erdenwelt hineintritt , tritt aus der Glorie heraus - und da muß man sich wol vorbereitet haben zur Resignation um nicht zu verzweifeln , um nicht die Rose fallen zu lassen weil sie Dornen hat , und den Freudenbecher weil er einen schaalen Bodensatz bietet . « » Und was thun Sie , Fidelis ? « » O ich ! - ich suche weder die Rose noch den Freudenbecher . « » Stoiker ! « rief ich , schwankend zwischen Unglauben und Vorwurf . Er lächelte und fragte dann : » Und Sie ? « » Nun .... wenn ich sie nicht suche , so rührte das wol nur daher , daß ich .... sie erwarte , und immer und ewig erwarte , und gar nicht begreife wie das Leben vergehen könnte ohne sie . - Aber wie sind Sie zu Ihrer melancholischen Ansicht über das Glück gekommen ? « setzte ich nachdenklich hinzu , weil sie ungefähr mit meinen Erfahrungen übereinzustimmen schien . » Wie alle Menschen : durch Erfahrung ! jedoch nicht wie alle durch eigene , sondern durch fremde Erfahrung . « » Eine solche pflegt sehr unvollkommen zu sein . » Meistentheils , ja ! « sprach er abbrechend und fragte ob ich schon etwas über meine Abreise festgesetzt hätte . Unwillkürlich erröthete ich , weil mich in der That nichts daran gehindert hatte als meine kindische Erwartung eines Briefes von Astrau . » Ich dachte übermorgen , « sagte ich plötzlich entschlossen - und dabei blieb es . Mit Rührung und Liebe verließ ich meinen guten Onkel