Als Kopfbedeckung trug er eine niedrige Mütze von Grimmerpelz , die ihm tief in der Stirn saß , so daß nur seine lebhaften , grauen , überaus klugen Augen sichtbar wurden . Ueber Brust und Rücken hingen diesem Mann an starker Hanfschnur eine Menge länglichrund gebogener Drähte , an deren zusammengehenden Enden Bindfaden befestigt waren . Diese Drähte verursachten bei jedem Schritte ein klirrendes Geräusch und machten , daß man ihn schon in einiger Entfernung kommen hörte . Außerdem trug er noch einen großen Quersack von Kalbsfell . Recht heiter und selbstzufrieden seine kurze Holzpfeife rauchend und bei jedem Schritte eine dicke Rauchwolke in die Luft blasend , ging dieser bäurisch gekleidete Mann quer über Wiesen und Saatfelder , ohne sich um Weg und Steg sonderlich zu bekümmern , und wanderte so in fast schnurgrader Richtung dem Todtensteine zu , dessen wir schon gedacht haben . Hier verschwand er in der schmalen Kluft , welche die hohen Granitmassen in fast zwei gleiche Hälften scheidet , erklomm mit gelenker Behendigkeit die Plattform und ließ wohlgemuth sein scharfes Auge über die malerische Gegend gleiten , die fern und nah dem Schauenden entgegentritt . Von der Frühlingssonne hell beschienen lagen die hügeligen Niederungen der Lausitz zu seinen Füßen bis an den dunklen Saum der Haide . Die Landeskrone mit ihrem gespaltenen Gipfel und dem weißen Thurme ragte hoch aus der Ebene , zu ihrer Linken im breiten Thal der Neisse glänzten die Thürme und alterthümlichen Giebel von Görlitz , und darüber in blauer Ferne schloß die schimmernde Kette der schneebedeckten Sudeten das reizende Landschaftsbild . Nachdem der Mann mit den Drähten sich geraume Zeit an der prächtigen Aussicht gelabt und während dem seine Pfeife vollends ausgeraucht hatte , streckte er sich auf ein Mooslager hin , das etwa auf der Mitte der Plattform in einer unbedeutenden Vertiefung bereitet war . Diese Vertiefung hatte die Form einer liegenden Menschengestalt von riesiger Größe und schien künstlich in das harte Gestein gemeißelt zu sein . Hier verbarg er einen Theil seiner Drähte unter das Moos , legte dann seinen Quersack darauf , drückte die Mütze über die Augen und überließ sich sorglos einem festen Schlafe . Nach ungefähr einer Stunde , während der unser Bekannter in der stillen sonnenwarmen Luft ganz ruhig geschlummert hatte , ward er durch näherkommendes Jubeln , Lachen , Schreien und die quäkenden Töne mehrerer Dudelsäcke , in die sich schrillend das Gepfeif der wendischen Flöte oder Tarackawa mischte , aufgeweckt . Hastig schob er die Mütze zurück , fuhr sich mit der breiten schwieligen Hand über die Augen und richtete sich so weit auf , daß er seinen rechten Ellbogen unterstemmen und den Kopf in die hohle Hand stützen konnte . Ein langer und breiter Menschenschwarm , umhüpft von Kindern mit blühenden Weidenzweigen und angeführt von einer Schaar Dorfmusiker , die sich möglichst anstrengten , ihren Instrumenten unharmonische Töne zu entlocken , zog von Königshain den Berg herauf . Unmittelbar hinter der Musikbande gingen Knaben und Mädchen paarweise geordnet , die allesammt lange strohumwundene Stöcke trugen , an denen bunte Bänder flatterten . An diese schloß sich ein junger Bursche an , der auf seinen kräftigen Armen eine große Strohpuppe hielt , die er zu Aller Ergetzen sorgsam , gleich einer Kindermutter , wiegte . Jung und Alt sang in regelmäßigen Absätzen laut lachend : » Eia Popeia « und sprang und lärmte dann wieder nach Herzenslust . Ueber diesen wunderlichen Aufzug brach der Mann auf dem Todtensteine in ein fröhliches Lachen aus , ohne jedoch Miene zu machen , sich den Tumult genauer und in der Nähe betrachten zu wollen . Vielmehr behielt er seine bequeme , lauschende Stellung ruhig bei und heftete nur mit größerer Aufmerksamkeit seine schlauen Augen auf den immer mehr anwachsenden Menschenschwarm . Sobald der Vortrab desselben den Todtenstein erreicht hatte , holten mehrere Burschen Stahl , Stein und Schwamm aus den Taschen ihrer kurzen Jacken , schlugen Feuer an und entzündeten mitgebrachtes Werg und Heu , über dem sie schnell im Schutz des Felsen einen hell lodernden Scheiterhaufen aus dürren Reisern und Wurzeln erbauten . Um dieses Feuer stellten sich alle diejenigen , welche mit Stroh umwundene Stöcke trugen , im Kreise und setzten sie an der Flamme in Brand . Hierauf trat der junge Mann mit der Strohpuppe in den Kreis , hielt an die zahlreiche Versammlung eine kurze Rede und warf das wunderliche Wickelkind unter fröhlichem Zuruf der Menge in die knisternde Flamme . Kaum schlug die Lohe über der Puppe zusammen , als jeder Fackelträger um sich selbst zu tanzen begann , seinen Strohbrand um Kopf und Schulter schwang und in kurzen abgestoßenen Sätzen wiederholt die Worte sang : » Den Tod haben wir ausgetrieben , Den Frühling bringen wir wieder ! « Dieser Gesang ward unter fortdauerndem Tanz , dem sich auch die bei der Handlung selbst Unthätigen lustig mit anschlossen , so lange fortgesetzt , bis die Strohpuppe in ein Häufchen glimmender Asche verwandelt war . Dann warfen die Fackelträger ihre Brände theils auf die Feuerstatt , theils in nahe Klüfte des Felsens , und umtanzt und umjauchzt von den » Palmmietzeln « tragenden Kindern machten sich die vielen Hunderte , welche dem Schauspiele beigewohnt hatten , wieder auf den Heimweg . Diese sonderbare Feier , auf welche man heut zu Tage vergeblich warten möchte , hieß das » Todaustreiben « und ward noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts an sehr vielen Orten Böhmens , Mährens , Schlesiens und der Lausitz gehalten . Weil man sie seit undenklichen Zeiten auf den Sonntag Lätare verlegte , nannte man diesen Tag den » Todtensonntag . « Das Volk hing , wie an allem Herkömmlichen , auch an diesem uralten , jedenfalls der heidnischen Vorzeit entlehnten Gebrauche , und die Jugend freute sich auf das Verbrennen der Strohpuppe , welche den Tod vorstellte , fast eben so sehr , wie auf den Weihnachtsabend . Bei den heidnischen Slawen war diese Puppe wahrscheinlich nicht ein Abbild des Todes , sondern des Winters gewesen , und das Verbrennen derselben bei Beginn des wiedererwachenden Lenzes hatte symbolisch die Wiederbelebung der Natur , das Hinsterben des Winters darstellen sollen . Es gab wenige Orte , wo der Todtensonntag so alterthümlich solenn begangen wurde , wie am Fuße des Todtensteines , was unstreitig seinen Grund darin hatte , daß dieser hochgelegene , eigenthümlich gestaltete Felsen im heidnischen Alterthume einer der geheiligten Opferplätze gewesen sein mochte , an denen die Priester der Wenden ihre religiösen Gebräuche , sei ' s öffentlich , sei ' s heimlich , übten . Wenigstens deuten vielfache Spuren darauf hin , selbst die erwähnte in Form einer menschlichen Gestalt auf der Plattform des Felsens ausgehauene Vertiefung stand wahrscheinlich in irgend einem geheimnißvollen Zusammenhange mit jenen heidnischen Opfergebräuchen . - Unserm Freunde mit den Drähten war diese Festlichkeit nichts Neues . Er hatte ihr schon häufig beigewohnt und fand sie eigentlich lächerlich . Sie konnte ihn deshalb auch nicht fesseln und er hätte sich vielleicht , wäre ihm der Gedanke eingefallen , daß heut der Todtensonntag vieles Volk um den Stein versammeln würde , eine andere Ruhestätte ausgesucht . Da er nun aber doch einmal durch Zufall am Orte war , machte es ihm Vergnügen , von seinem Versteck herab die wogende , bunte , fröhliche , so lebhaften Antheil nehmende Menschenmenge zu beobachten . Diese bot wirklich ein unterhaltendes , schönes Bild dar , indem sich deutsches und wendisches Volk heiter mischte . Die Wenden , mehr als die Deutschen ihren uralten Sitten treu , zeichneten sich durch ihre eigenthümliche , nichts weniger als unschöne Tracht aus , und weil die Wenden der Lausitz noch bis heut für einen schönen Menschenschlag gelten können , war es in der That eine Lust , die vielen kräftigen jungen Männer und die schlanken , fein gegliederten Mädchen mit den edlen , häufig wahrhaft vornehmen , vor Freude strahlenden Gesichtern ungestört bewundern zu können . Besonders zog seine Blicke ein Trupp junger wendischer Burschen und Mädchen auf sich , die fest zusammen hielten und ein und demselben Orte anzugehören schienen . Unter ihnen zeichnete sich vor Allen ein Mädchen durch Schlankheit der Formen und zierliche , obwohl nicht feine Kleidung aus . Ein schneeweißes Häubchen von gestreifter Leinewand , an den Kanten mit Spitzen umsäumt , umschloß ihr zartes , ovales Gesichtchen und verlieh ihm einen bezaubernden Ausdruck von Kindlichkeit und Unschuld . Zwei ebenfalls weiße Bandschleifen befestigten das einfache Häubchen unter dem runden Kinn , das ein allerliebstes Grübchen reizend verschönte . Das Mädchen , indem unsere Leser gewiß Röschen schon erkannt haben , sah mit ihren großen , kornblumenblauen Augen , die lange goldige Wimpern wie mit sonnigen Franzen schirmten , seelenvergnügt aus und bewegte sich in ihrem braunen kurzen Rocke , ihren blendend weißen , mit roth und blauen Zwickeln versehenen Strümpfen und den kleinen Schuhen unter den übrigen Wendinnen wie eine verkleidete Fee . Unter dem rechten Arme trug sie ihr weißes Regentuch , sauber und faltenlos zusammengerollt , um es im Fall eines sich entladenden Unwetters nach wendischer Sitte als Mantel gebrauchen zu können . Mit unbeschreiblich süßem Lächeln hatte Röschen dem Verbrennen der Strohpuppe und dem Fackeltanze zugesehen , indem sie sich auf die Schulter eines jungen Burschen stützte , oder vielmehr den Nacken desselben mit ihrem linken Arm traulich umschlang . Der etwas zur Seite gebeugte Kopf ließ genug von ihrem Hinterhaupte sehen , um die reiche Fülle ihres seidenweichen Haares zu zeigen , das sich unter dem Häubchen hervordrängte und in glänzendem Gekräusel über den Nacken herabfiel . Als sich jetzt die bedeutende Volksmenge , unter der man auch verschiedene Städter aus Görlitz und Reichenbach bemerken konnte , nach und nach zerstreute , veränderte Röschen ihre wunderbar anmuthige Stellung , und ihrem Begleiter einen Wink gebend , drehte sie sich auf den Hacken um und entfernte sich leichten Schrittes von der alten Opferstätte . In gedrängter Schaar schlossen sich die übrigen Wenden dem jungen Paare an . Haideröschen hatte jedoch kaum den vierten Theil einer Feldlänge zurückgelegt , als sie plötzlich stehen blieb , dem Burschen leise einige Worte in ' s Ohr flüsterte und gleich darauf in schnellstem Laufe durch die ihr jetzt entgegendrängende Volksmasse wieder nach dem Todtensteine hineilte . Auf diesem Laufe begegnete ihr ein riesengroßer Mann im langen Sonntagsrocke , einen dreieckigen Hut auf dem Kopfe , dessen dichtes lichtbraunes Haar bis in den stämmigen Nacken herabhing . Hingebend warf sich Röschen diesem Manne an die breite Brust . Wenige schnell gesprochene Worte genügten , sich ihm verständlich zu machen , und indem er den linken Arm um die schlanke Gestalt des schönen Mädchens legte , stützte er die halbe Wucht seines riesigen Körpers auf den rothgebeizten Stock von Schlehdorn , den er in der rechten Hand trug . Während dies geschah , jagte ein Reiter auf schnellfüßigem Rosse quer über die Felder und schlug unverkennbar die Richtung nach dem Todtensteine ein , an dessen geschwärztem , von Schmarotzerpflanzen umranktem Felsgeschiebe noch weißlicher Rauch von dem erlöschenden Feuer emporwirbelte . Der Reiter war ein junger Mann in sehr eleganter , vornehmer Kleidung . Kleine goldene Sporen glänzten an seinen Reitstiefeln , ein dunkelgrüner Jagdrock vom feinsten Tuch , reich mit Goldtressen besetzt , wie es die Mode der Zeit erheischte , schloß eng um seine Taille , und ein kleiner dreieckiger Hut von schwarzblauem Castor saß recht kokett auf seinem wohlfrisirten Haar . In der Rechten schwang er eine lange Reitpeitsche , mit der er häufig knallte , sei es , um das an sich schon feurige Thier noch mehr zu beleben , sei es zur bloßen Unterhaltung . In einigen Sekunden war der wilde Reiter der vom Todaustreiben zurückkehrenden Menge so nahe , daß er den Strom derselben durchbrechen mußte . Dies that er auch , ohne sich im Geringsten darum zu kümmern , ob sein rasch und wild galoppirendes Pferd bei solchem Wagniß auch Jemand verwunden könne . Ja er erkühnte sich sogar , mit hochmüthiger Miene links und rechts mit seiner langen Reitpeitsche in die Volksmenge hineinzuhauen , um seinem Thiere Platz zu verschaffen , und während er dies , wie es schien , mit vielem Behagen that , versäumte er nicht , durch entehrende Schimpfworte die unschuldigen Menschen zu schmähen und zu beleidigen . Wahrscheinlich hatte der anmaßende Mann ein Recht zu solchem Verfahren , denn der Menschenstrom theilte sich sofort freiwillig und die Meisten zogen überdies noch ehrerbietig oder scheu ihre Mützen und Hüte . Selbst diejenigen , welche die schwer niederfallende Peitsche schmerzhaft getroffen hatte , murrten nicht , sondern wichen nur um so ehrerbietiger zurück . Nicht so geduldig nahmen dies brutale Betragen einige wohlhabende Bürger aus Görlitz hin . Sie waren mit Recht über das tyrannische Verfahren des fremden Reiters empört und erwiederten seine Schmähreden mit drohend erhobenen Stöcken . Ein Tuchmacher , heftiger als die Andern , wollte sogar dem Pferde in die Zügel fallen und den herrischen Reiter mit seinem gewichtigen Rohrstocke gut bürgerlich bearbeiten . » So ein reicher Taugenichts , « rief er aus , » dem ' s Geld durch den Schornstein in ' s Haus fliegt und der doch ehrlichen Handwerksleuten keinen wohlverdienten Böhmen gönnt , den soll ja gleich der Teu - « » Pst ! « fiel dem Aufbrausenden ein wendischer Bauerbursche in ' s Wort , » machen Sie doch keinen unnützen Lärm ! Der Herr hat Sie gar nicht gemeint , denn über Sie hat er keine Gewalt , nur uns , die wir ihm gehören oder bald gehören werden , galten seine Worte . Kennen Sie den Junker Blauhut nicht ? « Dieser Mann mußte sehr bekannt und gefürchtet sein , denn der erhitzte Tuchmacher ließ nicht allein von seinem Vorhaben sogleich ab , sondern hatte auch sichtlich alle Lust verloren , dem vornehmen Herrn mit einem Wörtchen zu nahe zu treten . Inzwischen hatte der Reiter den Menschenschwarm durchbrochen und den Trupp wendischer Bauern , Burschen und Mädchen erreicht . Mit leichtem Peitschenschlage auf den Rücken Ehrhold ' s , der Clemens zurückhielt , Röschen nachzueilen , hielt er sein schnaubendes Thier an , beugte sich über den Sattelknopf und sprach : » Du scheinst ein schlechtes Gedächtniß zu haben , Ehrhold , was doch bei Euch Gesindel selten der Fall ist , wenn es sich um klingenden Lohn handelt . Ich werde mich deshalb genöthigt sehen , Deine Vergeßlichkeit Dir auf andere Weise abzugewöhnen , wenn Du mir nicht auf der Stelle Deine Pathe , die ich an ihrem Feenlaufe gar wohl erkannt habe , hieher schaffst ! « Bei diesen Worten schwang der Junker die Peitsche und ließ sie einige Male pfeifend um die Ohren des Bauers sausen . Dieser zog demüthig seine Pelzmütze , wodurch ein glänzender Lederriemen um die Stirn sichtbar ward , den vorn ein Schlößchen , welches zwei Adlerflügel vorstellte , fest zusammenhielt . » Ach gnädigster Herr ! Gnädigster Herr ! « stotterte Ehrhold bestürzt . » Warum hast Du mich getäuscht ? « fragte der Reiter abermals mit strenger Stimme und funkelndem Zornesblicke . » Ich habe Ew . Gnaden nicht getäuscht , Sie wissen es ! Ihr Anerbieten gebot mir die Ehre abzulehnen und - « » Ehre ! « lachte höhnisch der Junker . » Seit wann hat ein Hund von einem Sclaven Ehre ! Ich werde Dich peitschen lassen , Schuft , und einen Tag lang in meinem Schloßhofe an den Pranger stellen ! Zum letzten Male , warum hast Du mir Deine Pathe verheimlicht ? « » Ew . Gnaden können mit mir verfahren , wie Sie es für recht halten , « erwiederte Ehrhold , » ich muß es erdulden und werde nicht darüber murren ; allein Röschen konnte ich nicht in ' s Schloß schicken , weil das gute , zarte Kind nicht Ihre Unterthanin ist . « » Nicht meine Unterthanin ! « fuhr der junge Graf auf . » Wie erfrechst Du Dich , mir ein solches Wort in ' s Gesicht zu behaupten , mir , dem alleinigen Erben aller Güter meines weichherzigen Vaters ? Ich sage Dir , Schuft , das Mädchen gehört mir so gut , wie Du und Deine ganze Familie , und wenn ich befehle , daß sie im Schlosse ihre Dienstzeit antreten soll , so hat sie blos zu gehorchen . Wer sich weigert , kommt vier und zwanzig Stunden in den Stock , und wenn ich bisher diese wohlverdiente Strafe noch nicht über sie verhängt habe , so hat sie dies blos ihrer Anmuth und Zartheit zu verdanken . « » Das liebe Kind ist so schwach , Ew . Gnaden ! « » Zu den Diensten , die ich von ihr verlange , besitzt sie Kraft genug , « sagte der Reiter mit spöttisch aufgeworfener Lippe . » Sie soll weder das Haus scheuern , noch Stallmagd werden , ich will sie unterrichten und ihr was lernen lassen , damit sie in freien Stunden mir die Zeit durch heitere und gebildete Unterhaltung vertreibe . Aber Euch dummem Volk ist nicht beizukommen . Will man Euch auch helfen und aus Eurem Elende herausheben , so habt Ihr stets tausenderlei Bedenken , und gebraucht diese so lange als Waffe , bis man mit Gewalt erzwingt , was Milde nicht erreichen kann . Dann habt Ihr freilich gut über Willkür und Ungerechtigkeit schreien ! Nochmals also , schaffe mir die Widerspänstige herbei , damit ich gleich hier mit ihr abschließe ! « Ehrhold wollte abermals Einwendungen machen , aber des sehr grimmig blickenden Reiters neuerdings geschwungene Peitsche machte ihn verstummen . » Eile Dich , « rief der junge Graf dem langsam Fortgehenden nach , » ich werde Dich hier erwarten ! « Und sorglos ließ er die Zügel auf dem Nacken des feurigen Thieres ruhen und sah stolz und verächtlich auf die vor ihm vorübergehende Menge , von welcher bei weitem die Meisten ihn äußerst demüthig grüßten . Der Reiter dankte nur selten , und that er es wirklich ein Mal , so bestand sein Dank in einem kaum merklichen kurzen Zucken des Kopfes . Fünf Minuten mochten etwa seit dem Weggange Ehrhold ' s verstrichen sein , als er an der nördlichen Seite des Todtensteines wieder sichtbar ward , die schöne Wendin , von dem riesigen Manne begleitet , in dessen Schutz sie sich begeben hatte , an der Hand führend . Das wetterbraune Gesicht des Letztern hatte einen würdigen , herzgewinnenden Ausdruck und der Blick seiner hellen blauen Augen etwas so Offenes und Ehrliches , daß man wohl hätte glauben dürfen , diesem Manne eine Bitte , vom Blick seines Auges unterstützt , abzuschlagen , müsse Jedermann unmöglich sein . Er hatte bereits das Haupt entblößt und zeigte jetzt , wie die meisten übrigen Wenden , welche bei diesem Auftritte zugegen waren , einen schmalen glänzenden Lederriemen um die Stirn , der , wie es schien , am meisten dazu diente , die reiche Haarfülle fest zusammenzuhalten . Zienckich rasch schritten diese drei Personen den Hügel herab der Stelle zu , wo der herrische Ritter , mit kurzen Fragen Clemens festhaltend , auf sie wartete . In einiger Entfernung vor und hinter dem jungen Grafen war das Volk wieder zusammengetreten , offenbar aus Neugierde , was wohl der gebieterische und gefürchtete Herr mit dem schönen Kinde anfangen werde . Als der Reiter den starken großen Mann erblickte , verfinsterte sich sein Gesicht und eine dunkle Röthe bedeckte auf einige Momente Wange und Stirn . Inzwischen waren jene Drei so nahe gekommen , daß sich leicht ein Gespräch mit ihnen anknüpfen ließ , weshalb der Graf in scherzhaftem Tone sprach : » Röschen , Röschen , Du läßt mich frühzeitig die spitzen Dornen fühlen , die Deine Schönheit birgt ! Das ist lieblos von Dir und eigentlich sollte ich Dich dafür strafen . Doch ich weiß , daß alle schönen Mädchen kleine anmuthige Launen haben , die sie uns Männern nur begehrenswerther machen . Darum soll Dir verziehen sein , wenn Du mir jetzt mit Deiner thörichten Furcht nicht die Geduld raubst . Hier ist meine Hand . Schlag ' ein ! Auf Ritterwort , es soll Dir kein Leid geschehen ! « Obwohl der junge Herr eine geraume Zeit seine vom Reithandschuh freie , weiße und schlanke Hand vom Pferde herab der Wendin entgegenstreckte , rührte diese doch keinen Finger . Gesenkten Hauptes , die Hände unter der Schürze lose verschlungen , stand sie da gleich einer Verbrecherin , die ihr Urtheil erwartet . Da trat ihr Begleiter vor , beugte sich tief vor dem Reiter und dessen Hand mit seinen Lippen streifend , sagte er ehrfurchtsvoll : » Gnädigster Herr Graf , ich bitte Sie fußfällig , lassen Sie mir die arme Kleine nur noch ein Jahr , dann will ich sie Ihnen , wenn Sie darauf bestehen , selbst auf ' s Schloß bringen , und sie wird gewiß gern ihre Pflicht thun . Es ist meine einzige Tochter , Ew . Gnaden , ihre Muhme , daß Gott erbarm ' , ward im Walde erschlagen von einem Baume , den Ew . Gnaden Holzschläger fällten . Das schlimme Unglück zog sich mein Sohn , ihr Mann , zu Gemüthe , bis daß ihm die Gedanken vergingen und er , so zu sagen , ein Narr wurde ! Das arme Ding hat nun eigentlich keine Menschenseele außer mir und ihrem Pathen , bei dem sie den Winter über die Wirthschaft erlernt hat , und ich hab ' sie gepflegt und erzogen , so gut ich konnte , was sie mir Dank weiß , Ew . Gnaden , denn es ist ein recht wackeres und frommes Mädchen ! Aber sie möchte mir nun auch gern einen Beweis ihrer Kenntnisse aus Dankbarkeit geben , wornach mein Vaterherz sich sehnt , und seh ' n Sie , gnädigster Herr , grade deshalb hätte ich ' s gern , wenn Sie mir die liebe kleine Unruh ' noch ein Jährchen ließen . Sie würde mein Herz erquicken mit ihrem süßen Lächeln und mir die kleine Wirthschaft redlich führen helfen . Es ist ja doch Alles zu Ew . Gnaden eigenem Besten ! « Der Wende sah den jungen Gebieter mit seinen offenen Augen so flehentlich an , daß gewissermaßen schon im Ausdruck des Blickes eine Gewährung seiner Bitte hätte liegen müssen . Dennoch erwiederte der Graf kühl und unfreundlich : » Ich sehe es nicht gern , Jan Sloboda , daß Du so oft bittest . Es verbirgt sich dahinter ein aufsätziges Gemüth , wie ich gar wohl weiß , und weil Du hoffst , meinen Vater auf Deiner Seite zu haben , meinst Du , es sei Dir erlaubt , alle meine Befehle durch höfliche Gegenreden zu beseitigen . Ich bin dieser bittenden Widersetzlichkeit müde und will derselben ein Ende machen . Was aber Deinen Familienkummer anlangt , den Du mir auch auf Schritt und Tritt erzählst , so wisse , daß ich mich gar nichts um ihn kümmere und ihn nicht eines einzigen Wortes werth halte . Deine Schnur erschlug ein fallender Baum , wahrscheinlich zur Strafe , weil sie Zweige brach , wo es verboten ist , oder zur unrechten Zeit Streu machte . Was ist ' s weiter ! Du bist zwei hungrige Mäuler auf einmal los geworden , was Ihr ja stets für eine besondere Gnade Gottes haltet . Deinem Sohne geht nichts ab im Gemeindehause . Er hat müssige Zeit und wird auf Anderer Unkosten gefüttert . Meine ich es denn nicht gut , wenn ich Dir auch noch die dritte Esserin abnehmen will ? Wozu brauchst Du eine Gehilfin ? Du bist noch rüstig und kannst immerhin allein arbeiten . Das Faullenzen taugt nichts für Euch Leute . Müssige Zeit macht Euch nur unzufrieden . Röschen aber will ich , weil sie mir gefällt , in ' s Schloß nehmen und ihr eine gute Erziehung geben . Sie soll nicht , wie ihre Aeltern , eine elende Bettlerin werden und nach fremdem Gut ihre schöne Hand ausstrecken . « » O Herr , « versetzte Sloboda , ohne seine gebückte Stellung zu verändern , » Ihre Worte fallen wie Feuerflocken auf mein Herz und brennen darin so tiefe Wunden , daß sie wohl nie mehr vernarben und ich sie immer fühlen werde . Möchten Sie durch die Worte eines Andern nie ähnliche Schmerzen empfinden ! « Nach diesen Worten trat er einen Schritt zurück , denn er wußte nicht , was er dem herzlosen Gebieter noch sagen sollte . Röschen weinte , daß ihr die Thränen wie Perlen über die fein gerötheten Wangen herabliefen , aber sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen zu dem Manne , der sich das Recht und die Gewalt , willkürlich über sie zu verfügen , anmaßte . » Folge mir , Röschen , « wandte sich der Graf an die Schöne . » Meine Zeit ist kurz und meine Geduld zu Ende . Ich verlange Gehorsam und werde ihn zu erzwingen wissen , wenn dies Sträuben fortdauert . Ich bin kein Freund harter Maßregeln , aber ich werde sie schonungslos anwenden , wenn dieser Geist der Widerspänstigkeit , der anderwärts schon zu Excessen geführt hat , auch unter meinen Unterthanen oder denen , die es dereinst werden sollen , einzunisten droht . Du bist siebzehn Jahre , mithin hofepflichtig . Ob Du auf meinem oder meines Vaters Schlosse in Dienst trittst , ist gleichgiltig . Ich beanspruche Dich im Namen meines Vaters , der mir Dich ohne Widerrede abtreten wird . Zum letzten Male spreche ich als Freund und im Guten zu Dir . Laß Dich von Deinem Vater oder von wem Du sonst willst bis dort nach jenem Vorwerke begleiten . Ich reite heim und werde Dich zu Wagen abholen lassen . « Trotz dieses entschieden ausgesprochenen Befehles blickte Röschen weder auf , noch machte sie Anstalt , den Grafen zu begleiten . Das Gesicht zur Erde geneigt und mit den schlanken Händen die häufigen Thränen von den Wimpern streichend , schmiegte sie sich furchtsam fest an den starken , in finsterer Ruhe neben ihr stehenden Vater . Da sprang der junge Graf aufbrausend vom Pferde , schlug Sloboda mit der Peitsche über den entblößten Kopf , daß sogleich eine dicke blaurothe Schwiele auflief und der schwer Getroffene mehrere Schritte rückwärts taumelte . Dann umfaßte er das junge wendische Mädchen , hob es mit kräftigem Arm auf den Hals seines Pferdes , schwang sich behend in den Sattel und jagte trotz Röschens wimmerndem Hilferuf und dem dumpfen Murren des in naher Entfernung neugierig gaffenden Volkes mit seiner schönen Beute quer über die Felder dem Vorwerke zu , das in halbstündiger Entfernung aus einer Gruppe schöner Buchen und Birken mit seinen weißen Schornsteinen einladend hervorschaute . Als der tyrannische Graf in der Ferne verschwand , verlief sich auch das Volk , ohne über die gewaltsame Handlung des vornehmen Herrn anders als durch heimliche Bemerkungen flüsternd seine Mißbilligung zu erkennen zu geben . Drittes Kapitel . Pink-Heinrich . Alle diese Vorgänge hatte der Mann mit den Drähten , welchen wir zu Anfange des vorigen Kapitels den Todtenstein besteigen sahen , genau beobachtet , ohne seine nachlässige Stellung , in der er auf dem Felsen ruhte , zu verändern . Erst jetzt , als das Volk achtlos auseinanderlief und der Graf in wildestem Rennen mit dem jungen Mädchen davon jagte , stand er auf , warf Quersack und Drähte über die Schulter , umfaßte heftig seinen langen Stock und stieg die enge Schlucht wieder hinab . Ehe er jedoch diese verließ , raffte er aus einem tiefen Felsenspalt , der ihm als Magazin diente , noch ein Bündel etwa zwei Ellen langer und einen Zoll dicker Buchen- , Birken-und Eichenstäbe auf , nahm es unter ' m linken Arm und ging darauf mit großen Schritten , die Knie stets etwas gebogen , den Stab regelmäßig weit vorsetzend und bei jedem nächsten Schritt weifenartig damit nach rechts ausbiegend , dem gemißhandelten Wenden entgegen . Dieser ächte Bauerngang , der ohne zu ermüden schnell vorwärts bringt , sah bei dem untersetzten Manne sehr komisch aus und verursachte durch das immerwährende Schaukeln und Aneinanderschlagen der Drähte auf Brust und Rücken ein eigenthümlich klirrendes Rascheln . Betäubt von dem unerwarteten Schlage und von Ehrhold , dem jungen Clemens und noch einigen andern Wenden und Wendinnen umringt , bemerkte Sloboda nicht die Ankunft eines Fremden . Erst als ihn der Mann mit den Drähten sanft auf die Achsel schlug , kehrte sich Sloboda um und reichte , da ein gutmüthiges Auge ihn grüßte , dem Manne die Hand . » Man hat Euch da behandelt , wie einen Hund , wackerer Freund , « sagte der Mann mit einer Stimme , die vor gerechter Entrüstung grollend zitterte . » Schade , daß ich nicht bei der Hand war , sonst , bei meiner armen Seele , hätte ich dem hochmüthigen Burschen ein Rad um den Kopf geschlagen . Ihr müßt klagen , Mann ! « Der Wende seufzte und schüttelte in stummer Verzweiflung sein braunlockiges Haupt . » Ihr wollt nicht ? « fuhr der mit den Drähten fort . » Warum nicht ? Meint Ihr , der Herr behalte Recht , weil er reich ist ? Solche Gedanken dürft Ihr gar nicht in Euch aufkommen lassen , mein Lieber ! Es ist wahr , der Arme richtet bei unserer Art , die Prozesse zu führen , und sie auf Kind und Kindeskind zu vererben , hier zu Lande selten etwas aus , aber , Freund , es ist nicht klug , dergleichen Bedenken merken zu lassen ! Ich sage Euch , soll das Volk den Vornehmen gegenüber dereinst und , gebe Gott , bald eine bessere Stellung einnehmen , die es verdient , die es fordern darf , so müssen wir jedes erlaubte Mittel ergreifen und vor Allem uns von diesen hochmüthigen Narren gar nichts mehr gefallen lassen ! - Glaubt mir , Freund , ich kenne die Herren , denn ich komme viel mit ihnen zusammen ,