uns an einem Felsen blühen . Die großen Blätter wuchsen fröhlich aus dem Gestein empor , die ganze reiche Wurzel hing frei in der Luft , nur die zartesten Aederchen verbanden sie mit dem Felsen , aus dem sie Leben zog . Das sind wir , sagte ich damals . Du bist der kalte Stein , ich bin das Farrenkraut ; sieh , wie fest es an dem Felsen hängt , wie es sich an den Kalten schmiegt . Er blickte hin und meinte : Weißt Du nicht , daß in dem Steine , der Dir so kalt erscheint , heißes , vulkanisches Feuer glüht ? Fühlst Du nicht , daß Du nur durch dies Feuer leben , nur in der Wärme meiner Liebe blühen kannst ? - Und wenn der Winter kommt ? fragte ich scherzend . - Dann muß Alles welken , was blühte , antwortete Julian , damit Raum werde für neues Leben , das ist Naturgesetz . Er hatte es auch nur scherzend gesprochen , aber doch zerriß es mir die Seele in bangem Vorempfinden . Nun ist ' s geschehen ! Es war schon lange Herbst , ich wollte es nicht bemerken ; nun ist der Winter da ! Es lag ein großes Weh in der Milde , mit der sie die letzten Worte sprach . Alfred fühlte sich unfähig , ihr einen Trost zu geben . Er war voll Bewunderung , voll Theilnahme für sie . Er ergriff ihre Hand und sagte : Der Mann , der das Leid der ganzen Menschheit wie sein eigenes empfand , der zu sterben vermochte , um der Menschheit die Freiheit des Gedankens zu erkaufen , Christus sprach das göttliche Wort : Ich habe die Welt überwunden ! - Ueberwinden Sie den Schmerz , begraben Sie die Vergangenheit ! so viel Liebe darf sich nicht eigensüchtig in sich selbst verzehren . Suchen Sie den Weg , auf dem Sie zu wandeln vermögen ; und kann die Sorgfalt eines Sie bewundernden Mannes Sie dorthin führen , Ihnen Stütze sein , so nehmen Sie mein Wort darauf , daß Ihnen meine Freundschaft niemals fehlen soll , wenn Sie sie nicht verschmähen . Sophie drückte ihm schweigend die Hand . Dann sagte sie nach einer Weile : Sie geben mir viel , mehr als ich Ihnen danken kann in diesem Augenblick , aber ich nehme es an . Noch weiß ich nicht , was mir frommt . Ich muß allein sein , allein mit mir fertig werden , das fühle ich . Verlassen Sie mich . Wenn ich Ihrer bedarf , wenn ich Ihrer würdig bin , fordre ich Sie auf , zu mir zu kommen . Leben Sie wohl , Herr von Reichenbach ! - Sie reichte ihm nochmals die Hand und ging ohne weitere Rücksicht auf ihn in das andere Gemach . Alfred sah ihr lange nach und blieb sinnend eine Weile in ihrem Zimmer sitzen . Er konnte sich nicht erklären , wie Julian gleichgültig werden mochte gegen eine Frau wie diese , wie er Gefallen finden konnte an der leichten Tändelei Eva ' s nach dem Besitz von so viel Geist und Herz , als sich in Sophie vereinigt fand . Er wollte dem Freunde Vorstellungen machen , er wollte versuchen , ihn wieder mit der einst Geliebten auszusöhnen , aber er kannte das Menschenherz zu gut , er kannte Julian zu gut , um an die Dauer einer solchen Versöhnung zu glauben , und es war und blieb ja auch etwas Mißliches in dem Verhältniß , das bei des Präsidenten Stellung doppelt in das Gewicht fallen mußte . Dazu war Julian ' s Charakter ein sehr eigenthümlicher . Bei einer anscheinend kalten Außenseite , die den Fremden abstieß , besaß er eine große Weichheit des Gefühls und eine Beweglichkeit des Geistes , die ihn jedem neuen und besonders jedem schönen Eindruck leicht zugänglich machten . Alles Große und Wahre ergriff ihn tief und schnell . In solchen Stimmungen war er großer Opfer , war er einer uneigennützigen Großmuth fähig , aber eine anhaltende Begeisterung für denselben Gegenstand , eine dauernde Liebe lagen nicht in seiner Art. Was er im Augenblick der Gefühlserregung mit voller Hingebung gethan hatte , konnte oft wenig Stunden darauf sein zersetzender Verstand als lächerlich bespötteln . Diese Charaktere nennt die Menge Verstandesmenschen , während man sie Gefühlsmenschen heißen sollte . Sie gelten für stark und sind doch schwach , weil sie nicht nach Ueberzeugungen , sondern nach augenblicklichen Eingebungen handeln . Conventionelle Begriffe , wie Ehrgefühl und Schicklichkeit müssen bei ihnen das wahre Pflichtgefühl ersetzen , und dennoch sehen wir gerade solche Menschen oft Thaten vollbringen , welche dem selbstständigsten , festesten Charakter schwer fallen würden . Seinen Freunden ein zuverlässiger Freund , seiner Schwester der zärtlichste Beschützer , besaß er den Frauen gegenüber eine Genußsucht und einen Leichtsinn , die schon manches Herz verwundet , manches gebrochen hatten . Wenn ihn weibliche Anmuth reizte , trieb es ihn unwiderstehlich , nach ihrem Besitz zu streben ; und ohne jemals seine Ansicht von der Flüchtigkeit solcher Verbindungen zu verbergen , errang er fast immer Liebe , wo er sie forderte . Er hatte einen feurigen , phantasiereichen Geist , eine einschmeichelnde Liebenswürdigkeit und eine überzeugende Wohlredenheit . Dazu besaß er die sicherste Waffe des Mannes gegen die Frauen , den Ruf , unbeständig und ihrer Ruhe gefährlich zu sein . Solch einen Mann , sagte sich Alfred , wollen alle Frauen kennen lernen , man beschäftigt sich schon im voraus mit ihm . Die Eitele hofft ihn dauernd zu fesseln ; die Edle , ihn zu bessern . Jede traut sich die Kraft und die Klugheit zu , die Gefahr zu vermeiden , die ihr von dem siegreichen Manne droht . Leichtsinnig , neugierig stürzen sie sich in den ungleichen Kampf und kehren bald mit zerrissenem Herzen daraus zurück , wie die arme Sophie . Von diesen und ähnlichen Gedanken bewegt , ging er eilig durch die Straßen und fand sich , ohne daß er es beabsichtigte , vor des Freundes Wohnung wieder . Er hatte den Klingelzug bereits gefaßt , als er sich fragte , was er eigentlich in dieser Stunde hier bei ihm wolle ? Er wußte es nicht und mußte sich es endlich eingestehen , daß die Gewohnheit , Therese täglich zu sprechen , wieder feste Wurzel in ihm geschlagen habe ; daß ein Tag , an dem er sie nicht gesehen , ihm ein verlorener scheine . Schon wollte er sich entfernen , als er sich besann , daß er sie heute jedenfalls besuchen müsse , um sich von ihr zu beurlauben , ehe er nach seinem Gute hinausgehe , Felix zu holen , was am nächstfolgenden Abende geschehen sollte . Sein Gesicht überflog ein Freudenstrahl ; er zog schnell die Glocke und eilte in das Haus . Er fand die Freundin daheim wie fast beständig ; sie arbeitete und Theophil las ihr aus geschriebenen Heften vor . Er war sichtlich erregt und legte die Blätter aus den Händen , als Alfred bei ihr eintrat . Was lasen Sie ? fragte ihn dieser freundlich nach den ersten Begrüßungen . Fräulein von Brand erlaubte mir , ihr aus den Aufzeichnungen Einiges mitzutheilen , welche ich für mich zu machen pflegte , sagte Theophil . Und es war sehr viel Schönes darunter , fügte Therese hinzu . Ich habe während des Lesens mehrmals an die Bemerkung gedacht , welche Sie , Herr von Reichenbach , uns neulich machten . Es ist wirklich thöricht , wenn die Schriftsteller in weiter Ferne den Stoff für ihre Arbeiten suchen . In jedem Menschenleben liegt Poesie verborgen und es kommt nur darauf an , das Blatt zu finden , auf welchem sie verzeichnet steht . Das ist natürlich , sagte Theophil , denn kein Menschenleben ist so arm , daß die Liebe mit ihrem belebenden Strahl es nicht ein Mal erleuchtet hätte . Wo sie nur erscheint , wird es Frühling und Tag in der Menschenbrust , und das Dasein zum Gedicht und zum Roman . Freilich ist die Nacht um so tiefer , wenn sie nachher entschwindet . Er seufzte , fuhr mehrmals mit der Hand über die Stirne und schloß langsam die Augen , so daß man vermuthen mußte , sein Kopfweh plage ihn wieder . Therese betrachtete ihn mit freundlicher Besorgniß . Sie trug einen starkduftenden Heliotrop , der auf dem Tische vor ihnen gestanden , an einen entfernteren Platz und ließ den Vorhang herunter , um das eindringende Sonnenlicht zu mildern . Während deß bemerkte Alfred , der Theresen ' s Theilnahme für Theophil mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet : Sie scheinen also auch der Ansicht zu sein , daß die Liebe an sich schon ein ausreichender Stoff für den Roman sei . Der Meinung bin ich nicht . Jede wahre Liebe ist bis zu einem gewissen Grade der andern gleich . Jede hat ihr Glück , ihr Leid und die Freude , das Hoffen und Verzweifeln mit allen andern gemein . So sehr für den Einzelnen dies Thema Lebensfrage sein und bleiben wird , so dünkt mich , ist seit lange die Schilderung auch der höchsten , reinsten Liebe in einem Romane unfruchtbar und unnöthig , wenn es eben nur die Liebe gilt . Mehr oder weniger anziehend und bedeutend wird sie nur durch den Menschen , in dessen Seele sie entstanden ist , und aus dessen Natur heraus sie ihr besonderes Gepräge erhält , ja eigentlich nur durch die Art der Hindernisse , die sich der Erreichung ihrer Wünsche entgegenstellen . Gewiß , versicherte Theophil , so hatte ich es auch gemeint . Denn wie unter den tausend Blättern eines Baumes nicht zwei einander vollkommen gleichen , so bringt jedes Menschenleben neue Erscheinungen in der Liebe zur Entfaltung , welche für einen Beobachter wie Sie zu besondern Erfahrungen Anlaß geben müssen . Sie erinnern mich mit diesen Behauptungen an Ereignisse aus der ersten Zeit meines öffentlichen Auftretens , sagte Alfred . Als es in dem Kreise meiner Bekannten zu verlauten anfing , daß ich der Verfasser eines Romans sei , drängte sich Alt und Jung mit geheimnißvollem Vertrauen zu mir , um mir aus den eigenen Erlebnissen Stoff für meine künftigen Arbeiten mitzutheilen . Jeder Mann , der in seiner Jugend die Kammerjungfer seiner Mutter geliebt und dann eine andere Frau geheirathet hatte , kam sich in der Erinnerung wie ein Romanheld vor und verlangte , daß ich diese seine Jugendliebe zum Mittelpunkt einer Dichtung erheben sollte . Man hat mich über die Gebühr mit diesen Mittheilungen ermüdet und ich bin manchmal aus Aerger versucht gewesen , den Leuten solche Erzählungen zu schreiben , um sie von der Verkehrtheit ihrer Ansicht zu überzeugen , die aus der kleinlichsten Selbstüberschätzung entspringt . Die Liebe an sich ist das eigentliche Thema des lyrischen Gedichts . Für den Roman wird sie erst geeignet , wenn sie mit der Außenwelt in Streit geräth ; und mich interessirt sie als Thema erst dann , wenn die Hindernisse , welche ihr entgegentreten , aus den Ideen oder Thatsachen hervorgehen , die in das Gebiet der Zeitfragen gehören . Ein Roman , der nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht , in der er geschrieben ward , wird selten ein gelungenes Werk sein . Und der Werther ? und die andern Goethe ' schen Romane ? wendete Therese fragend ein . Sind sprechende Bilder der Zeit , in der sie entstanden , fiel Alfred ein . Grade diese sind aus dem dringenden Bedürfnisse hervorgegangen , das der Dichter hatte , sich und die Mitwelt aufzuklären über Das , was damals stürmisch in Allen wogte . Weil sie aus Ideen ihr Leben schöpften , die damals alle strebsamen Naturen beschäftigten , haben sie Leben gehabt und werden es behalten . Darum ist ihre Wirkung auch noch fast eine magnetische auf uns Alle . Im Werther spiegelt sich die schwache Gefühlsschwelgerei der Empfindsamkeitsepoche ; in dem Wilhelm Meister das Illuminatenwesen und jenes Streben des begabten Bürgerstandes , die Stelle einzunehmen , welche ihm später die französische Revolution errang . Jene Motive lagen Goethe damals als Tagesfragen nahe , darum behandelte er sie und läuterte seine Ansicht von ihnen durch das freie , dichterische Gestalten . Man sollte es also auch jetzt nicht tadeln , wenn sich die Fragen , welche unsere Zeit zu lösen hat , ebenfalls in der Dichtkunst spiegeln , wenn wir mit ihrer reinigenden Kraft uns den Ueberzeugungen dienstbar machen , für die wir leben . Mit der Anforderung , daß der Roman sich dem Tage anschließe , dem er gehört , bemerkte Theophil , ziehen sie aber die freie Göttin der Poesie in das Gebiet eines gewöhnlichen Arbeiters herab . Sie soll Ihnen für Ihre Ziele nutzbar werden ; das ist doch aber nicht ihr eigentlicher Beruf . Es gibt nur Epochen , in denen Niemand feiern darf , in denen Götter , wenn sie noch auf Erden wallten , selbst Hand anlegen würden , sagte Alfred . Erlauben Sie mir den Einwand , entgegnete ihm Theophil , daß Diejenigen , welche die reine Lyrik und den historischen Roman mit dichterischer Begabung und glücklichem Erfolg bearbeiteten , gegen Sie sprechen . Und auch das Urtheil des großen Publikums möchte sich nicht für Ihre Meinung entscheiden , wie wir es an den Scott ' schen und an vielen andern Romanen gesehen haben . Die große Masse will nur unterhalten sein , das ist leider richtig . Sie will ein paar müßige Stunden ohne Nachdenken zu Ende bringen und wer ihr dazu verhilft , kann leicht ihr Liebling werden . Das aber soll den Dichter nicht bestechen , sagte Alfred . Ich ehre von Herzen Diejenigen , welche den historischen Roman in würdiger Absicht bearbeiten , ich erkenne jede Eigenthümlichkeit an , die Schönes hervorbringt . Ich meine aber , der Beruf eines Dichters lege ihm in den verschiedenen Zeitaltern und Ländern verschiedene Pflichten auf . In Ländern , in denen das Volk selbstregierend Theil nimmt an allen Zeitinteressen , wo die Unterhaltung darüber von dem Palast bis in die Hütte dringt , wo Jeder die Gegenwart kennt , da darf der Dichter sich in poetischer Betrachtung der Vergangenheit zuwenden , denn die Arbeit des Tages wird gethan . Er darf die Vergangenheit erläutern und verklären , aus der die beglückende Gegenwart geboren ward . Das that Scott , aber sehr ausschließlich und entschieden im Sinne der Partei , der er angehörte ; das thaten manche unserer Dichter mit großem Glück und Erfolg . Doch dünkt es mich augenblicklich in Deutschland eben nicht die Zeit dazu zu sein . Nicht Zeit ? fragte Therese und sagte dann , zu Theophil gewendet , leise : Sie stützen noch immer den Kopf auf die Hand , Sie haben Schmerzen . Wollen Sie , daß ich ein Fenster öffne ? Theophil dankte ihr und Alfred antwortete nach einer Pause , in der irgend ein der Unterhaltung fernliegender Gedanke ihn beschäftigt haben mochte : Nein ! wir haben jetzt nicht Zeit , in poetischen Ergüssen zu feiern ; denn unsere Tage sind Tage des Kampfes und der Arbeit . Warfen doch alle Dichter die Leier fort , zu der sie Liebeslieder sangen , um Schlachtgesänge zu jubeln , als es galt , das Vaterland von den Feinden zu befreien , die seine Grenzen überschwemmten . Die Welt des Gedankens ist unser wahres Vaterland , die Freiheit des Wollens und Handelns ein höheres Gut , als die Scholle , auf welcher wir zufällig den Tag zuerst erblickten . Für diese Heiligthümer streiten wir jetzt ; und Keiner , der mit geistigen Waffen für diese heiligsten geistigen Güter zu ringen Kraft fühlt , darf in müßigen Träumen feiern . Unser deutsches Volk schwelgt gar zu gern in der Poesie der Vergangenheit und in nebligen Hoffnungen einer glücklichen Zukunft , die nicht kommen wird , wenn man sie nicht mit dem Aufwande aller vereinten Kräfte erschafft . Theophil lächelte etwas spöttisch und Alfred , der es bemerkte , fuhr noch lebhafter fort : Der Dichter , der sein Volk liebt , dem die Menschheit heilig ist , soll jetzt mit jedem Worte an die Kammer der Schlafenden pochen . Wie der Ruf eines Herolds soll seine Stimme durch das Vaterland erschallen . So lange nicht Dasjenige , was das Volk bedarf , was die Zeit erheischt , von Vertretern des Volkes berathen wird ; so lange das Volk nicht frei seine Meinung sagen darf , so lange muß der Dichter in Bildern für sein Volk sprechen und in Bildern erklären , was die Nation bedarf und fordert . Aber heißt das nicht , wiederholte Theophil , die Poesie vom Himmel zur Erde ziehen , und den Dichter zum Sklaven der Partei erniedrigen , da er doch über dem Leben stehen und mit unparteiischem Auge auf die Welt blicken soll . Ueber dem Leben steht Niemand ! rief Alfred sehr ernst . Wohl Dem , der auf der Höhe seiner Zeit steht und sie mit gesundem Auge betrachtet . Ich vermag die Gegenwart und die Vergangenheit zu überblicken , ich strebe , die Dunkelheit der Zukunft zu durchdringen ; aber immer nur von meinem menschlichen Standpunkte aus , der innerhalb unserer Zeit , innerhalb des Lebens liegt . Was von dem Punkte , auf dem ich stehe , mir gerade erscheint , das sieht von einer andern Seite schief aus ; so bilden sich für Jeden , der in die Ferne blickt , die verschiedenen Ansichten , die Parteimeinungen . Wer davon frei zu bleiben glaubt , irrt gewiß . Es wäre nur für Denjenigen möglich , der eigensüchtig die Augen schlösse , um Nichts zu empfinden als sich selbst . Ich habe , sagte Therese , bisher eine ähnliche Ansicht wie Theophil über den Beruf des Dichters gehabt . Ich glaubte , es wäre seine Aufgabe , das Leben zu verschönen , die misklingenden Dissonanzen in reine Harmonien aufzulösen und uns die Dornenpfade des Lebens mit Blumen zu schmücken . Möglich , daß es einst so war , sagte Alfred , und daß noch mancher Dichter es so empfindet . Ich , der ich von Grund der Seele Partei nehme für unsere Zeit , ich vermag es nicht . Wenn ich von den entschwundenen Herrlichkeiten des deutschen Kaiserreichs , von dem Glanz der Vorzeit oder von ihrer Noth erzählte , immer würde an mein Ohr der Ruf des lebenden Volkes tönen , dem noch so Vielerlei zu wünschen bleibt . Ich würde es für eine Sünde halten , zur bloßen Belustigung Märchen zu schreiben , während noch wichtige Arbeit im Vaterlande zu thun ist . Mit dem Roman läßt sich aber die Welt trotz alle dem nicht reformiren , meinte Theophil . Aber Denen , die sich nicht mit den Ereignissen des Tages beschäftigen , denen die Bestrebungen der Zeit fremd bleiben würden , wenn man ihnen in wissenschaftlicher Form davon spräche , den Menschen kann der Roman sagen , was ihnen zu wissen Noth thut , und das soll er thun . Nicht nur großer Granitblöcke bedarf man , den Bau der Zukunft zu gründen , auch die leichtere Arbeit des Bildhauers gehört dazu und fördert , wenn sie an rechter Stelle und zu rechter Zeit gethan wird . Wohin wird man sich nur vor dem Lärm der Arbeitenden flüchten ? Wie wird man sich einen Augenblick Ruhe schaffen können ? fragte Theophil . Man wird , wie ich schon vorhin sagte , wenn man nervenschwach ist , sich selbstsüchtig in die Vergangenheit versenken und unter Illusionen von der glücklichen Gegenwart müßig auf eine herrliche Zukunft hoffen , die nie kommen wird , wenn wir sie uns nicht schaffen . Theophil erbleichte und eine heftige Entgegnung schwebte auf seinen Lippen , das sah Therese . Auch Reichenbach war in einer ihr unerklärlichen Aufregung , und sie fühlte , daß es Zeit sei , vermittelnd zwischen die Streitenden zu treten . Nun ! rief sie , Sie , meine Freunde , stehen mindestens nicht außerhalb der Zeit und der Partei , das beweist die Lebhaftigkeit Ihres Streites , die es mir bisher unmöglich machte , eine Frage einzuschalten . Ich möchte wissen , Herr von Reichenbach , ob Sie Ihre eigenen Erlebnisse zum Stoff für Ihre Arbeiten benutzen ? Es bedurfte nur der Erinnerung Theresen ' s , um beide Männer empfinden zu lassen , daß sie zu weit gegangen waren . Sie nahmen sich zusammen , verbargen den Unmuth , der in ihnen herrschte , und Alfred sagte : Darauf kann ich Ihnen ja und nein antworten . Ich gebe die Erfahrungen , die mich das Leben machen lassen , in der Form , welche mir die geeignetste dafür scheint . Die Erlebnisse selbst in nackter Wahrheit darzustellen , würde ich , falls es nicht eben eine biographische Arbeit gilt , für eine Indiscretion gegen mich selbst und gegen Andere halten , die mit mir auf dem Lebenswege zusammentrafen . Aber die Charaktere entnehmen Sie dem Leben ? Es scheint mir wenigstens , als ob ich die Originale zu manchen der Gestalten in Ihren Arbeiten erkennen könnte . Da ich mich bis jetzt nur mit den Ereignissen unserer Zeit beschäftigte , da jede Zeit sich ihre eigenen Charaktere schafft , so müssen Sie nothwendig in meinen Arbeiten auf Erscheinungen stoßen , die Ihnen nicht fremd sind , ohne deshalb Portraits zu sein . Die äußeren Verhältnisse bilden den Menschen , wie er andrerseits die Verhältnisse gestaltet . Sobald ich also neue Verhältnisse erfinde , muß ich auch die Gestalten der Gegenwart , die mir vorschweben , jenen erfundenen Verhältnissen so eng anzupassen suchen , daß sie sich gegenseitig bedingen . Gelingt mir das , so gewinnt die Dichtung Wahrheit , den Schein des Lebens , und dieser ist es , der dann zu dem Glauben verleitet , man schreibe das Leben ab , man gebe sich selbst und die nächste Umgebung wieder . Freilich kann ich die Welt nur mit meinen Augen betrachten und daraus entsteht die Subjectivität jeder Dichtung ; aber ich kann , wenn ich gesunde Augen habe , in die Weite blicken , ich brauche nicht beständig meinen Nachbar oder mich selbst im Spiegel anzusehen . Es entstand eine Pause , wie sie nie ausbleibt , wenn sich eine Misstimmung in einen kleinen Kreis eingeschlichen hat . Theophil benutzte sie , sich mit dem Bemerken , daß er heftiges Kopfweh habe , zu entfernen , aber auch nach seinem Fortgehen dauerte ein gewisser Zwang fort . Therese besiegte ihn zuerst . Mich beunruhigt Theophil ' s Zustand ! sagte sie . Er kann seit einigen Tagen wieder nicht die geringste Aufregung ertragen , ohne von seinen Nervenleiden geplagt zu werden . An Arbeiten ist gar nicht zu denken , er ist häufig niedergeschlagen und ich bin sehr erfreut , daß er sich gewöhnt , diese übeln Tage bei mir , statt einsam in seinem Zimmer zuzubringen . Ihr Mitleid wird ihn noch mehr verweichlichen , als er es schon ist , wendete Alfred ein . Er ist nur zu träge , sich in ernster und anhaltender Thätigkeit Kraft zu suchen . Man hat ihm das Leben immer leicht gemacht , das Glück hat ihn begünstigt , so daß er lange nur zu genießen und mit dem Dasein zu spielen brauchte . Das Tändeln ist ihm darüber zu einer andern Natur geworden , und als dann endlich ein Leid über ihn kam , spielte er kindisch mit dem Schmerz . Ich hasse das an Männern , wenn schon Sie diese Schwäche interessant zu finden scheinen , schloß er , mit einer Bitterkeit , die ihm sonst nicht eigen war . Therese sah ihn lange ruhig an , als wolle sie in seinen Zügen lesen ; dann sagte sie : Was fehlt Ihnen , mein Freund ! denn so hart urtheilen Sie nicht , wenn Ihre Seele ruhig ist . Können und wollen Sie mir nicht sagen , was Ihnen geschehen ist ? Die Worte sagten nichts mehr , als jede Frau in ähnlichem Falle äußern würde ; aber der Ton der Theilnahme , der Besorgniß machten sie für Alfred unschätzbar . Es schien , als ob er eines quälenden Zweifels ledig würde . Er ergriff Theresen ' s Hand und küßte sie . Sie haben Recht , sagte er , ich war einen Augenblick nicht ich selbst . Vergeben Sie es mir ! Und wieder stockte die Unterhaltung , bis er endlich nach einer Weile sagte : Ich komme , Abschied von Ihnen zu nehmen . Ich gehe noch heute nach Rosenthal . Sie kommen Abschied nehmen ? Sie gehen nach Hause ? Und ich hoffte , Sie würden den Winter mit uns zubringen , ich fürchtete nicht , Sie so schnell zu verlieren ! sagte Therese in einer Weise , die wider ihre Absicht , ihre schmerzliche Ueberraschung kund gab . Alfred ward davon ergriffen . Sie hofften , daß ich bleibe , Sie fürchteten nicht , daß ich gehe ? So bin ich Ihnen also doch etwas ? So nimmt Theophil nicht all Ihre Theilnahme in Anspruch ? rief er , überwältigt von der Macht eines Gefühls , dessen er sich plötzlich bewußt worden war , als er , bei Therese eintretend , sie mit Theophil allein gefunden hatte . Sagen Sie mir , daß meine Rückkehr Sie freut , Therese ! Nur das Eine sagen Sie mir , und ich werde versuchen , die Stunden in Minuten zu verwandeln , die ich von hier entfernt sein muß . Das hatte Therese nicht erwartet , nicht für möglich gehalten . Ihre Hand , die Alfred in der seinen hielt , zitterte leise , aber sie bezwang sich und sagte ruhig : Glauben Sie , daß ich den alten geprüften Freund über den neuen vergessen könne , Herr von Reichenbach ? Ich werde mich herzlich freuen , wenn Sie bald zurückkehren . Sie bringen dann Felix mit , nicht wahr ? Sie bringen Ihren Sohn hieher ? Ich würde Ihren Worten glauben , Therese ! rief Alfred , wenn Ihre Hand sie nicht Lügen strafte . Ihre Worte sind sehr ruhig , aber Ihre Hand zittert in der meinen . Lassen Sie mich Ihnen die liebe Hand dafür küssen . Auf Wiedersehen in möglichst kurzer Frist , theure Therese ! auf recht baldiges Wiedersehen ! Er drückte ihre Hand an seine Lippen und ging schnell hinaus . Therese blieb in dumpfer Betäubung sitzen , dann faltete sie die Hände und schien nach langem lautlosen Brüten wieder zu der Ruhe und Klarheit gelangt zu sein , die ein hervorstechender Zug in ihrem Wesen waren . XII In beglückter Erregung legte Alfred den Weg nach seiner Wohnung zurück . Er hatte endlich sich selbst und sein Herz erkannt , er liebte Therese . Oft hatte er sich in der letzten Zeit gefragt , woher die Arbeitsfreudigkeit ? woher der neue Liederreichthum in meiner Brust ? und immer war er um die rechte Antwort verlegen gewesen . Jetzt war ihm das Räthsel gelöst und alle Zweifel über das gehoben , was ihm zu thun obliege . Therese mußte sein werden so bald als möglich ; er fühlte , daß sie Bedingniß seines Glückes sei . Was er für sie empfand , war weit entfernt von dem glühenden Rausche jugendlicher Leidenschaft ; es war reiner , edler , erhebender als jene . Therese war nicht jung , nicht schön , keine blendende Eigenschaft fesselte ihn an sie ; aber sein Herz öffnete sich den erhabensten Gefühlen , sein Geist nahm den freudigsten Aufschwung in ihrer Nähe , weil er wußte , sie fühle tief wie er , sie folge theilnehmend dem Fluge seiner Gedanken . Ihr grader Charakter war ihm achtungswerth , ihre Art zu sein sagte all seinen Gewohnheiten und Neigungen zu . Es schien ihm die höchste Lust , sie beständig zur Gefährtin zu haben , denn er hatte die Zuversicht , mit ihr und in ihr das Glück zu finden , das er bis jetzt so sehr entbehrt hatte . Er liebte sie mit derselben Innigkeit , die ihn in der Jugend bei ihrem ersten Begegnen zu ihr gezogen hatte , und mit der Ruhe des reifen Mannes , die festzuhalten strebt , was sie einmal als das Rechte erkannt hat . Mit Lebhaftigkeit ordnete er Alles für seine Abreise an . Er schrieb Sophien , daß er Berlin auf einige Tage verlasse , daß er sie wiederzusehen hoffe und sie bäte , keinen für ihre Zukunft entscheidenden Schritt zu thun , ohne ihn davon zu benachrichtigen . Auch von Julian und von Eva nahm er schriftlich Abschied und nach beendigten Geschäften fuhr er den Weg nach Rosenthal zurück , auf dem er vor zwei Monaten Therese und Eva begegnet war . Die Gegend , die er damals im reichen Farbenschmuck des beginnenden Herbstes gesehen , lag jetzt traurig und öde vor ihm ; aber so sehr er sonst äußern Eindrücken der Art zugänglich war , so wenig berührten sie ihn diesmal . All seine Gedanken weilten bei Therese . Bald machte er sich Vorwürfe , daß er sich nicht entschieden gegen sie ausgesprochen und um ihre Liebe geworben habe , bald freute es ihn wieder . Noch war er mit einer Andern vermählt , noch dieses Band zu lösen . Die Sehnsucht nach Therese , die Vorstellung der Leiden , die er seiner Frau bereiten , die er selbst bei der Scheidung empfinden würde , rangen in seiner Seele miteinander und gewannen abwechselnd die Herrschaft . Das neuerwachte Gefühl zog ihn zu Therese ; lange Gewohnheit , die uns bis zu einem gewissen Grade Alles werth macht , band ihn an seine Frau , an die Mutter seines Sohnes . Er prüfte sich lange , er schwankte oft , bis er sich mit beruhigtem Gewissen endlich sagte , daß nicht die Liebe für Therese , sondern die Abneigung gegen Caroline ihn zu der Scheidung genöthigt habe . Das beruhigte ihn in etwas . Er wollte alles Schwere und