als die individuelle Aehnlichkeit der Menschen : die vergeistigte Natur in ihrer möglichsten Vollendung - das Ideal . Nur sind die einzelnen Züge des unorganischen Lebens weit schwieriger aufzufassen und deren höhere Harmonie noch schwerer zu errathen und herzustellen , als die der menschlichen Erscheinung . Es gehört also ein viel feineres und ausgedehnteres Proportions- und Schönheitsgefühl dazu , um hier alles Störende und Disharmonische zu meiden und nicht der Farbe allein das Erreichen eines Effects anzuvertrauen , der nur durch Zusammenwirkung alles Genannten erreicht werden darf . Ach , man müßte , schloß er possirlich-wehmüthig , ein Poussin und ein Claude le Lorrain und noch einiges mehr sein als beide ! Alle lachten ; der Professor aber fragte : Sind Sie denn ein Maler ? Nein , sagte Herr Gotthard , es ist mir schwer geworden , der Kunst ganz zu entsagen , aber ihre Ausübung würde mich auf meinem Lebenswege hemmen . Anna sah auf . Er stand so ruhig da , als habe er das Allergewöhnlichste gesagt . Ich wette , flüsterte Leontine ihr zu , dieser Rattenfänger von Hameln wird nächstens sein Zauberlied singen und uns Alle sich nach ziehen , wie jetzt deine Knaben , die den ganzen Tag an ihm hangen wie Kletten . Anna war sonderbar nachdenkend , sie nickte schweigend . Die Andern hatten von Singen gehört und fingen an , Leontinen zu bestürmen . Lady Frederic quälte sie um ein irländisches Lied . Bewahre ! sagte Leontine , ich thue niemals , was man von mir will ; ich mag heute nicht singen und werde Ihnen lieber eine Geschichte erzählen . Beiher können die gelehrten Herren dann von mir selbst erfahren , was ich eigentlich von der dargestellten Landschaft verlange ; denn wenn ich sie reich und großartig will , bis über das Maß des Alltäglichen hinaus , so will ich sie doch auch wechselnd und treu , wie der Laddy und das irische Mädchen . Alle rückten eifrig zusammen , Leontine setzte sich auf einen niedrigen Sessel zu Anna ' s Füßen und begann , Vrenely saß ihr gegenüber . Es war schwer , etwas vollendet Schöneres zu sehen , als diese drei Frauenköpfe neben einander ; aber wenn Leontine wie ein Amor , Vrenely wie eine Waldnymphe aussah , blieb Anna immer die schönste und eigenthümlichste Erscheinung unter ihnen ; man mußte an Titians Frauenbilder denken , wenn man sie ansah , deren bestimmte Individualität auch keinen Vergleich duldet . Seltsam , daß sie diese Eigenschaft einer so streng abgeschlossenen Eigenthümlichkeit mit Gotthard gemein hatte . Leontine sprach ihre Ballade , nur den Mittelsatz derselben sang sie , ohne alle Begleitung , in wiegend einförmiger Melodie , deren Weise , zwischen Intonation und Recitativ gehalten , einen wunderlichen , geisterhaften Eindruck hinterließ . Ballade . ( Irländisch . ) Nach Limrick klar der Shanon wellt ; Am grünen Ufer sitzt die Maid , In tiefster Liebe Herzeleid . Sie weint um ihren trauten Knaben , Den ihr entführt die Elfen haben , Die Jemmy ' s Schöne nachgestellt . Von Knockfiörn das » Kluge Weib , « Das sie befragt in nächt ' gem Rath , Ein Mittel bald gefunden hat : » Wol kann die Maid den Liebsten retten Aus aller Geister Zauberketten , Liebt sie die Seele , nicht den Leib . Trifft voll den Fluß des Mondes Strahl , So jagt vorbei auf weißem Roß Er in der Elfen Wirbeltroß ; Sie muß hinauf zu ihm sich schwingen , Mit ihren Armen ihn umschlingen Und halten ihn , trotz Grau ' n und Qual . « Ueber den Rasen hin , Ueber die Haide grün , Flimmert und schwirrt es , Nebelt und wirrt es Wie glänzende Seide . Sie schweben und schimmern , Sie schwinden und flimmern Zu Lust und Leide . Ueber die Haide grün Jagt Er unhörbar hin Im Elfenkreise . Schnell auf das Roß das Mägdlein springt , Faßt ihn mit starker Liebe Arm ; Ob ihr auch folgt der Elfen Schwarm Sie denkt Maria ' s Gnad und Schmerzen . Da fühlt sie , weh ! am bangen Herzen Den Schlangenleib , den sie umringt . Das Scheusal fest sie an sich preßt ; Ob es ihr droht mit spitzem Zahn , Lautlos durchfliegen sie die Bahn . Jetzt wird er Uhu , Bär und Katze , Er grins ' t sie an als Teufelsfratze - Doch hält ihr Arm den Trauten fest . Da grau ' t der Tag ! Das Morgenlicht Legt sich auf aller Berge Höh ' n ! Sie wagt ' s , den Liebsten anzusehn . Es liegt in ihrem Arm geborgen , Den sie erlöst in Angst und Sorgen , Und blickt ihr selig in ' s Gesicht ! Gewähr ' uns , Gott , in Glück und Noth Ein treues Herz , das fest uns hält ; Und wie die Sünde uns entstellt , Es wagt in muth ' ger Liebe Walten , Trotz allem Wandel uns zu halten , Bis wir erwacht in sel ' gem Tod ! Sie schwieg . Otto starrte sie tief erschüttert an . Liebende finden überall etwas ihrer Empfindung Analoges . Vrenely war im Zuhören der Sprechenden immer näher gerückt ; sie horchte noch immer auf wie ein Kind , nachdem jene geendet . Endlich strich sie mit der kleinen schön geformten Hand die dunkeln Haare aus der Stirn und flüsterte für sich hin : Was für ein Glück das sein muß ! Leontine lachte . Das hab ich schön gemacht ! sagte sie ; ich dachte eine rechte Qual und Angst , sonst habe ich wahrhaftig schlecht geschildert . Es ist ein großes Talent , was Sie da haben , mein gnädiges Fräulein , meinte der alte Professor . Haben Sie denn das alles erdacht ? O dear no ! seufzte die Lady , das liebe Herz ! Ich habe die Sage schon gehört , da ich noch in my green years und in green Erin war . Bei uns sind die Elfen den Familien durch zahllose Bande verknüpft und die Geschichten wachsen mit uns auf . Sie war ganz aufgeregt von ihren Erinnerungen . Aber , schloß sie , Kind ! die Anwendung ist weder nationell , noch katholisch . Gotthard hatte bisher stumm dagesessen , nach einer Weile wandte er sich zu Anna . Es wäre ein Unermeßliches , ein solches Erkennen durch alle Lebensverwandlungen der Zeit hindurch , wenn es gegenseitig wäre und zwei kräftige Naturen vereinte . Und glauben Sie wirklich , ein Mann wäre eines solchen festhaltenden Glaubens fähig ? fragte Anna . Er sah sie durchdringend an . Ja , sagte er endlich , ich glaube es . Beide schwiegen . Aber , meine Herrschaften , wo ist denn die Landschaft geblieben ? rief Leontine , der das Recensiren langweilig war . Sie hatte das Loben in ihrer Familie stets wie eine Art Landplage , Pestilenz oder Heuschreckenschwarm betrachtet und ertragen . Das ist das eine Auge , meinte sie , was zu haben schrecklich , und gar zu verlieren noch schrecklicher wäre . Ach ! seufzte sie höchst drollig , in der Mark sitzt mir ein ganzes Nest Waldaus , die zwitschern alle die nämliche Weise ; drucken lassen sie mich nicht , ich könnte ja in Recensentenhände fallen ! Sie geben mir aber mein Theil Bewunderung rein umsonst . Du bist nicht mit gemeint , Anna ! schloß sie , ihr liebes Gesichtchen an deren Schulter legend und sie so von unten auf ansehend . Weißt du wol noch die Zeit , da wir gar nicht zu singen wagten , um nicht etwa Ausdruck in die Gesangsweise zu legen ; ich spielte damals in Gesellschaft blos Klavier , aus lauter Gefühl meiner Würde und der ihr anklebenden Anstandspflichten . Wildes , irisches Mädchen ! sagte die Lady . Aber die Landschaft , die Landschaft ! fuhr Leontine fort . Sehen Sie , bester Professor , ich gestatte es recht gern , daß man durch Licht , Schatten und allerlei Zufälligkeiten der Landschaft einen sogenannten Charakter aufbürde , man kann sie meinetwegen düster , schaurig oder so lieblich verlockend machen wie den Kuß einer Geliebten ; man mag dabei , wie die Indier lehren , alle fünf Liebespfeile der fünf Sinne losschnellen , aber sie muß am Ende doch immer wieder in den Grundzügen ihrer Eigenthümlichkeiten erkennbar bleiben , die Steine müssen nicht wie Wollenballen , Gletscher nicht wie gefrorne Wasserfälle aussehen , und Granitfelsen nicht wie behauener Sandstein ; sie muß sich in eingeborner alter Treue uns an ' s Herz schmiegen , wie der Laddy an des Mädchens Brust , im Vollgefühl des ihr Heimatlichen , daß wir sie zu erkennen vermögen . O Jerum ! Jerum ! sagte der Professor , so wie der grimme Leu ein fleischfressend Thier ist , also sollen auch wir in einem gottesfürchtigen und christlichen Wandel leben ? Sind mir das Kunsturtheile ! Es war mit der Aufmerksamkeit vorüber , Alle lachten und der Abend schloß auf heitre Weise mit Musik und allerlei Scherzen . Von Poesie und Kunst war nicht weiter die Rede . Das Scheiden und der Tod kommen gleich unvermeidlich , darum sucht man so gern den Gedanken an beide zu bannen . Die Ferien gingen zu Ende ; Otto mußte nach Basel , seine Vorlesungen zu eröffnen . Die letzten Tage waren leidlich vorübergegangen , er hatte viel gearbeitet , chemische Versuche und andere wissenschaftliche Beobachtungen angestellt , auch eine Untersuchung der nächstliegenden Gletscher mit andern Gelehrten unternommen . Anna hatte ihm versprechen müssen , daß er Abschied von ihr nehmen dürfe ; zu ihrer Verwunderung trat er völlig heiter und ruhig in ihr Cabinet . Er brachte eine große Menge getrockneter Alpenpflanzen , die er auf den Gletscherrändern und den höchsten Gebirgen für sie gesammelt , und erklärte ihr wol eine Stunde lang deren eigenthümliche Beschaffenheit . Endlich kam der gefürchtete Augenblick . Er reichte ihr die Hand . Ich danke dir , Anna , für die unsäglich schönen Stunden , die du mir gegeben , sagte er mild ; du hast mir das Leben wieder lieb gemacht , gleichviel um welchen Preis . Eh ' sie ihm zu antworten vermochte , war er ihr entschwunden . Anna war schmerzlich bewegt . War das eine Ueberanstrengung der Kraft ? es sah nicht so aus . Ihre Gedanken jagten einander in peinlicher Hast , sie gedachte Leontinens und Vrenely ' s O , sagte sie wehmüthig , ich werde nie das Leben ertragen lernen ! Also auch in ihm haftet kein Gefühl ! Und doch ist es gut so , ich habe es ja selbst gewollt , gewünscht . Da flog die Thür auf , Vrenely trat ein . Das arme Mädchen war Otto auf der Treppe begegnet , er hatte ihr freundlich und hastig Lebewohl gesagt ; unten hielt bereits sein Reisewagen - er war fort . Seit den letzten Wochen war eine große Veränderung mit Vrenely vorgegangen , sie hatte sich plötzlich in sich selbst kräftig entwickelt , ihre Gedanken waren scharf geordnet , ihr Urtheil war klar geworden ; sie las und lernte in jeder freien Stunde , und gab ihren Unterricht gut und besonnen . Auch jetzt trat sie zwar mit hochgerötheten Wangen und fliegender Brust ein , aber so vernichtet und aufgelöst in Lieb und Leid , wie sie bei jenem Gespräch zwischen Otto und Annen gewesen , war sie jetzt keineswegs . Er ist abgereist ! sagte sie fast tonlos . Schon ? erwiderte Anna . Armes Herz ! sie reichte Vrenely die Hand . O , er wird wiederkommen ! versicherte die Kleine ; es ist nicht anders möglich . Bei den Worten flossen ihr die Thränen aus den Augen . Leontine sah sie traurig an . Ach , Vrenely ! Sie sind viel , viel zu gut . Wenn wir die Männer lieb haben , mishandeln sie uns . Kommen Sie , Kind , wir wollen Musik machen ; lernen Sie von mir eine leichtfertige Seele sein , ich tauge gar zu nichts Anderem , als euch arme , weiche Gemüther zu rächen . Wir wollen die neuen Walzer einüben . Liebes Fräulein , meine Augen sind trübe , ich habe die halbe Nacht hindurch geschrieben , seufzte Vrenely . An Ihn ? fragte unbesonnen Leontine . Vrenely erglühte wie eine Rose . An wen ? hauchte sie bebend hervor . An wen könnte ich wol zu schreiben haben ! Ich habe aus dem Englischen übersetzt ; der Professor lernt es auch eben , und da hatte ich Lust bekommen und fing es vor Kurzem an . Aus welchen Fäden die Liebe ihr Glück spinnt ! flüsterte Leontine Annen zu . Aber ihre Lockungen zogen das Mädchen am Ende doch hinüber in den Saal , und ihre Gutmüthigkeit gaukelte ihr so lange vor , bis sie heiterer gestimmt schien . Gotthard brachte einige von Annen gewünschte Bücher und Noten ; er sah sehr ernst , fast trübe aus und erwähnte ebenfalls Otto ' s Abreise . Wir werden ihn alle vermissen , erwiderte Anna . Gotthard antwortete nicht sogleich . Anna war dieses Schweigen gewohnt an ihm , er war einer von den still und besonnen immer nach der einmal innerlich angeschlagenen Richtung fortdenkenden Menschen ; auch jetzt glaubte sie ihn mit irgend einem Vorschlag für der Kinder Unterricht beschäftigt . Basel ist sehr nahe , sagte er nach einer Weile . Sie sah erschreckt auf ; daß Otto im Laufe des Semesters kommen könne , war ihr nicht eingefallen . Jetzt schien ihr seine Heiterkeit erklärlich . Leontine und Vrenely waren unterdessen in den Salon gegangen , Gotthard war zum ersten Mal mit der Gräfin allein . Es regte sich ein Gefühl des Unmuths und der Unzufriedenheit mit Otto in ihrer Brust , als habe er absichtlich sie getäuscht ; sie arbeitete emsig an ihrer Tapisserie , ohne ein anderes Gespräch zu beginnen . Als folge Gotthards Blick wortlos dem Zuge ihrer Gedanken , fuhr er nach einer Pause fort : Und Sie , gnädige Gräfin , Sie finden es nicht natürlich , daß in unserer so streng und viel fordernden Zeit wir Männer einzelne glückliche Stunden fester zu ergreifen und zu halten streben , als die zarteren , vom Außenleben minder hart behandelten Frauen ? Wie lange Jahre hindurch bleiben wir nicht gezwungen , mit einem eilends errafften Genuß des Glücks Verlangen zu beschwichtigen , das die Natur in jede Menschenbrust gelegt . Anna zählte ihre Stiche . Und gewiß , einem solchen Kreise nahen zu dürfen , in ihm vermißt zu werden , ist ein so großes , seltenes Glück , daß ein Nachtritt es nicht zu theuer erkauft . Darum zweifle ich auch nicht , daß wir den Professor recht bald wieder hier begrüßen . Ich habe geglaubt , der Weg sei weiter , sagte Anna etwas verlegen . Gotthard hatte bis dahin mit gesenkten Augen gesprochen , jetzt schlug er sie auf ; sie fühlte sich mit diesem einen Blick bis in ihr tiefstes Seelenleben durchschaut ; rasch entschlossen , heftete sie den ihren fest auf ihn , er hatte ja kein Recht , in das von ihr Verschwiegene sich zu drängen ; aber ihr Auge traf auf ein todtenbleiches Antlitz , dessen zitternde Lippen eine tiefe Gemüthsbewegung verriethen . Nach wenigen Secunden empfahl sich Gotthard , um nach den Knaben zu sehen . Anna blieb nachdenkend auf ihrem Stuhl sitzen . Worüber sann sie denn so seltsam ernst und tief ? Sie fühlte sich gereizt , und doch war ihr , als müsse sie Gotthard eine Art Aufklärung schuldig sein . Ihm ? dem Hofmeister meiner Kinder ? fragte sie sich mit plötzlich erwachendem Stolz . Wie kann dieser Mensch es wagen , mich zu beurtheilen , mich zu richten ? Warum argwohnt er zwischen mir und Otto eine Leidenschaft - ein Verhältniß ? - Aber thut er es denn wirklich ? Verstimmt schritt sie im Zimmer auf und nieder und entwarf allerlei Pläne , Gotthard sich fern zu halten . Weißt du , sagte jetzt Leontine , die unterdessen zurückgekommen , daß die Kleine trotz ihrem Liebesunglück glücklicher ist , als wir beide ? Wie so ? fragte Anna zerstreut . Du , mein Herz ! fuhr Leontine fort , indem sie sich in eine Sophaecke warf , bist an einen vortrefflichen Mann verheirathet , dem du die unendliche Ehre erzeigst , seine Gemahlin zu sein . O still ! still ! Du wirst mir doch nicht von dem Glück sagen , daß wir dich in die reichsgräfliche Krone unsers Hauses gefaßt , als deren besten Edelstein ? Halte mich doch um Gottes willen nicht für miserabel , Anna ! Dein Glück kenne ich innen und außen , wie meine alten Handschuhe . Mein Oheim ist wirklich ein guter Mensch und ein echter Cavalier , er hat sogar eine Menge vorzüglicher Eigenschaften ; unglücklich bleibt es indessen doch , daß gerade Er in eurer Ehe der Mann ist . Leontine , du quälst mich ! Und ich möchte dich doch nur veranlassen , deine Stellung genauer zu überblicken , um sie etwas leichter zu nehmen . Laß mich den einmal scharf bestimmten Weg so fortgehen , bat Anna . Wahrhaftig , du hättest irgend einen meiner Cousins in Pommern , oder , wenn man dort nicht katholisch wäre , nach Westphalen hin heirathen sollen , so einen der vielen blonden Johannes , Karls und Egons von Kronberg . Du wärst ihm eine züchtige , demüthige Hausfrau geblieben - wie ich deren dort eine Menge kenne und liebe - hättest ihm aus langer Weile eine Reihe blühender Kinder geschenkt ; kurz , es wäre bei deinem Charakter immer alles gegangen , nur hättest du nicht vorher dem Zweige der phantastisch kühnen Waldaus aufgepfropft werden müssen ! In meinem Papa steckte noch die ganze französische Revolution - mir ist sie ins Blut übergegangen und siedet darin fort . Mama ' s Eltern waren respectable Philister , und Geiersperg ist ein tapfrer Ritter , den das Mittelalter aus Versehen zurückgelassen hat , als es über die Erde schritt . Du aber , armes Kind ! in unserm Hause , mitten unter allem erwachsen , was Deutschland an Geist , Anmuth , Verstand und Witz zusammenbringen konnte , du sollst nun unsern guten , prächtigen Roderich beständig leiten und schieben , und zwar so fein , daß er ' s selber nicht merkt ! Du sollst dem in seiner Art ehrenwerthen , sehr aristokratischen Edelmanne eine elegante , ebenso aristokratische Gefährtin sein , pas plus ! denn das Uebrige ist vom Uebel - du mit deinem Kothurnen-Charakter , du , die für ein geliebtes Herz zu sterben vermöchte ! Leontine , ich hoffe , ich kann auch für dasselbe leben . Wahrhaftig ja , das kannst du ! Du bist eine gute Frau , eine vortreffliche Mutter , du bist ein Stern der Gesellschaft , der oft ihre Existenz bedingt und beherrscht . Anna , weißt du , wenn du im weißen Atlaskleide durch unsre Hofsäle rauschest , so kann ich , weiß Gott ! nie recht begreifen , daß man nicht » Ihre Majestät « zu dir sagt , und vergesse immer wieder , daß mein guter , dummer Onkel Gesandter geworden ist , um dich an den Hof zu bringen . Ja , sagte Anna lachend , warum hat er auch eine Roturière geheirathet ! Siehst du , rief aufjauchzend Leontine , so himmlisch gut und gescheit hätte mir unter tausend Bürgerlichen nicht eine geantwortet ! Das ist ' s ja eben , mein Kronjuwel , daß du ein geborner Prinz Regent , innerlich deiner eignen höchsten Vornehmheit dir bewußt bist . Darum ist man auch immer à son aise mit dir und kann dir alles sagen . Ach , ich wollte nur , ich hätte die Courage , dir auch etwas recht Schlechtes , recht Fatales von mir selbst zu sagen ! Sie barg das Gesicht in den Händen . Von dir ? Bist du ein Falschmünzer geworden und hast uns betrogen ? A-peu-près ! gelogen habe ich wirklich , ' pon honnour ! sagt Lady Frederic , und das Schlimmste , schloß sie , aus ihrer Sophaecke aufspringend und in einem höchst aufgeregten Zustande zu Annen hinlaufend , das ganz Erschreckliche ist : ich lüge noch ! Was wird da herauskommen , dachte Anna , die irgend eine Narrensposse erwartete . Aber Leontine warf ihr beide Arme um den Hals , küßte sie wiederholt und heftig , und zwei helle Thränen fielen auf Anna ' s Wange , die sie nicht selbst geweint . Thränen ? Leontine , du ? Mein Gott , was ist denn geschehen ? Morgen ! Morgen ! flüsterte die Schluchzende und eilte in ihr Cabinet , das sie hinter sich abschloß . Aber der nächste Tag brachte nicht die gewünschte Erklärung ; es kam nicht dazu . War es Absicht , war es Zufall ? Anna konnte sich keine Rechenschaft darüber geben . Leontine schien heiterer als je , phantasirte den ganzen Tag von Bergfahrten , vom Gletschermeer , vom Grindelwald , und wollte , trotz dem Spätherbst , noch überall hin , besonders lag ihr ein Ausflug nach Luzern zum Markt in Gedanken ; sie hatte den Kopf voller Aeußerlichkeiten und Muthwillen . Annen war dieser plötzliche Wechsel der Stimmung ihrer Freundin nicht fremd ; sie kannte an dem wunderlichen Mädchen einen sie seltsam und stoßweise überfallenden Hang zu philosophischem Grübeln , der zuweilen in fast skeptischen Unglauben ausartete . Leontine verdankte diese Richtung dem frühen , bei wiederholtem Aufenthalt in Schlesien sich stets erneuenden Umgang mit einer sehr bigotten katholischen Familie , deren Hauskaplan ihrem kindischen Witze zum Stichblatt dienen mußte . Der Eifer des alten Domine , sein Mangel an Kenntnissen , die groben Widersprüche , zu welchen seine beschränkten Religionsansichten ihn hinrissen , alle diese sich in katholischen Ländern oft ganz gefahrlos wiederholenden Zufälligkeiten , die den wirklich Frommen kaum berühren , reizten die junge Protestantin erst zum Widerspruch , dann zur Analyse , endlich zu gänzlichem Misverstehen des nur mit einfachem Sinne auf wohlthuende Art zu Erfassenden . In Berlin gewährte Geierspergs Bibliothek , die sie heimlich durchstöberte , dem noch an der Grenze der Kindheit stehenden Mädchen Gelegenheit zu einer Art Controverse mit ihrer jungen Freundin , die auf Annen einen vorübergehenden , auf Leontinen einen dauernden Eindruck machte , der mit den Jahren tiefer ward , als ihr glänzender Scharfsinn sich entwickelte . Sie schrieb Annen lange , höchst geistreiche Briefe über solche Gegenstände , die diese sanft und völlig ruhig erwiderte . Bei späterem Wiedersehen begann Anna durch den momentanen Unfrieden , in den sie die geliebte Zweiflerin verfallen sah , insgeheim zu leiden ; ein längeres Beisammenleben hatte jedoch diesen ersten Eindruck längst gemildert . Wie oft hatte sie Leontinen tiefsinnig spottende , an Voltaire ' s Geist erinnernde Bemerkungen aussprechen gehört , wie oft aber auch in weicheren Augenblicken die heißen Reuethränen gesehen , die das liebenswürdige Wesen über die Unmöglichkeit vergoß , sich einen überzeugenden Glauben an die tröstlichen Verheißungen unserer Kirche anzueignen . Stunden lang konnte sie die Möglichkeit einer individuellen Fortdauer bestreiten und andere Male am Krankenlager alter Diener und Nothleidender denselben durchdringenden Geist zur Erweckung des innigsten , reinsten Gottvertrauens anwenden . Daß dieser stete Wechsel eines unaufhörlich in sich bewegten Gemüths dem starken festen Sinn der jungen Frau widerstand , ist begreiflich , aber die Verschiedenheit ihrer Naturen wirkte nicht störend auf die Zärtlichkeit der so lange und eng Verbundenen . Allmälig war Annen die Ueberzeugung geworden , daß dieser flutenreiche , ewig auf- und niederwogende Charakter Gefühlstiefen in sich berge , die dem Senkblei willkürlichen Eindringens stets unerreichbar bleiben müßten . Sie hatte sich darein ergeben , wie man eben an das Ungewöhnlichste sich gewöhnt , wenn ein seltenes Geschick uns dasselbe aufdringt und das , was die Welt als Phänomen anstaunt , in die Bahn unserer Alltäglichkeit wirft . Natürlich machten aber jetzt weder Leontinens Thränen , noch ihr späteres Schweigen über deren Ursache einen so tiefen Eindruck auf sie , als dies bei jeder Andern der Fall gewesen sein müßte . Sie schrieb Leontinens Aufwallung einer augenblicklichen Erregung zu und mochte sie nicht mit lästigen Fragen verletzen , als dieselbe vorüber schien . Gotthard beschäftigte sich mit immer regerem Eifer mit den beiden Knaben . Ihre Entwicklung grenzte ans Staunenswerthe , doch quälte er sie wenig oder gar nicht mit Lectionen , er entfaltete die reichen Anlagen der Kinder , wie ein geschickter Gärtner eine frische Pflanze zur gesunden Blüte bringt . Halbe Tage streifte er mit ihnen umher über die minder hohen Berge , durch Thäler und Schluchten hin , er gab ihnen Unterricht in den einzelnen Zweigen der Naturkunde , er führte sie in Städte und Dörfer zu Handwerkern und Bauern , bildete ihr Auge und zeigte ihnen alles , was er sie lehrte ; sie mußten es mit Händen greifen , dann begriffen sie es auch geistig . Zum eigentlichen positiven Lernen hatte er den nächsten Winter bestimmt . Sie machen meine Kinder zu Amerikanern , sagte lachend Anna , wenn die Knaben ein unbegreiflich klares Auffassen äußerer Eindrücke zeigten . Geht das so fort , so werden die Buben mit funfzehn Jahren heirathen wollen und ich mit dreißig eine alte Frau sein müssen . Er blickte ihr mit einem fast jubelnden Ausdruck in das reizende Gesicht . Im Gegentheil , gnädige Gräfin , ich sichere Ihnen eine nie unterbrochene Jugend und immer frische Sinne zu . Sie sah ihn dankbar an . Sie fühlte zwar dunkel , daß er die Kinder um ihretwegen liebe , aber sie gestand es sich nicht . Von Otto war nicht wieder unter ihnen die Rede gewesen ; Anna dachte nicht mehr ihrer Pläne , Gotthard sich fern zu halten . Es ist etwas Furchtbares um die Gewalt des sich alltäglich Wiederholenden , wie es leise die Seele umspinnt ! Kronberg war immer noch in Berlin . Sie schrieb ihm lange Berichte über der Knaben Fortschritte , die er in wenigen Zeilen mit der Versicherung erwiderte : es freue ihn , durch die Erfahrung ihr beweisen zu können , daß er sich in Herrn Gotthard nicht geirrt . Uebrigens ließ er sich in keine Details ein ; der Aufenthalt in den ehemals heimischen Kreisen , der rasche Diplomatenwechsel , der zu Verona eröffnete Congreß , an welchem der Minister so bedeutenden Antheil nahm , hatten seine ganze Seele mit so mannigfaltigen Eindrücken überfüllt , daß er Gott dankte , alle Familiensorgen seiner Gemahlin überlassen zu können . So freundlich Kronbergs Schreiben war , lag dennoch unendlich viel Schmerzliches für sie in dem Briefe ; das leise Gefühl , dem Gemahl lästig zu werden , überschlich sie mehr und mehr mit kältender Qual . Daß er als Diplomat dem Reactionssysteme unbedingt anhangen , die monarchischen und conservativen Grundsätze zur Norm all seiner Urtheile machen und dabei mit wachsendem Egoismus eine immer rücksichtsloser ausgedehnte persönliche Unabhängigkeit behaupten könne , war ihr unbegreiflich . Diese Art Freiheitsliebe , die nur ihn selbst von jeder individuellen Pflicht lösen sollte , kam ihr unedel vor . Die Oberflächlichkeit , mit welcher er die griechische Freiheitssache behandelte , die ihr frisches Herz mit dem glühendsten Enthusiasmus erfüllte , that ihr wehe . Das Hinwegschlüpfen über Josephinens Stimmung gegen Leontine , vor allem aber die Gleichgültigkeit gegen die Fortschritte der Kinder , die nur im Triumph über die getroffene Wahl eines Hofmeisters eine Spur der Theilnahme zeigte - alles dies verletzte sie unaussprechlich . Ueber die Bestimmung eines Winteraufenthalts für sie enthielt der Brief keine Zeile und doch ging der October bereits zu Ende . Kronberg mußte es ganz und gar vergessen haben . Otto war noch nicht von Basel herübergekommen . Gotthard lebte nur den Kindern und seinen Studien . Seit ein paar Tagen hatte er sich fast ganz zurückgezogen ; wenn die Kleinen ihn nicht beschäftigten , kam er gar nicht aus seinem Zimmer . Seine Lampe brannte immer noch , wenn Anna , an großstädtische Stunden gewöhnt , lange nach Mitternacht von Leontinen sich trennte ; der bleiche Strahl erhellte die Hautelissetapete ihres Schlafzimmers , auf der die Schlacht bei Sempach dargestellt war ; erwachte sie gegen Morgen , so lag der matte Schein immer noch auf irgend einem Theile des graulichen Bildes . Der junge Mann arbeitet sich todt ! sagte sie leise zu sich selbst . Am Morgen erzählte sie es Leontinen . Welch ein entsetzlicher Ernst in dieses Menschen Willen ! Er will Minister sein , und glaube mir , er wird es . Minister ? fragte Anna . Ja , erwiderte Leontine , er will eine unerhörte Carrière machen , und wenn er sein Ziel erreicht hat , irgend etwas Großes , Ungewöhnliches durchsetzen . Vielleicht ist er verliebt und hofft auf diese Art die Hand seiner höher gestellten Geliebten zu erhalten . Was für romantisch-thörichte Ideen du von allen Leuten dir machst ! sagte Anna etwas gereizt . Nun soll der junge Mann verliebt sein , weil er des Nachts schreibt ! Ja so , meinte lachend die Gescholtene , ich vergaß , in unsern raisonnirenden und revolutionairen Zeiten muß man ein Weib oder ein sechszehnjähriger Jüngling sein , um zu lieben ! O dolce amore , ragion cui non s ' intende , e se ragion intende subito amore non è ! Mit fünfundzwanzig Jahren ist man viel zu alt zum Lieben , nicht wahr ? Sollte Gotthard lieben ? Aber wen ? Lange sann Anna schweigend nach , nicht die leiseste Aeußerung hatte jemals Leontinens Vermuthung bestätigt . Aber warum arbeitete er denn so rastlos ? Ihr fielen die Volksbewegungen der letzten Jahre in Spanien , Portugal und Brasilien ein ; was konnte er mit ihnen allen zu schaffen haben ? In Deutschland war ja alles ruhig . Und dennoch , sollte er irgend einer geheimen politischen Verbindung angehören - unmöglich , das glich ihm nicht . Zum