Kind sah den liebenden Bruder nicht wieder . Auf seine Fragen war die Antwort , der Peter sei begraben ; er verstand nicht , was das sei . Noch manchmal sehnte es sich nach dem Bruder und noch manchmal in einem Eckchen saß es Abends , wo das Licht nicht bis hin leuchtete , da sah es in der Dämmerung seine dunkeln Augen es anleuchten , oder war das Einbildung ? - Der Vater hatte das Kind sehr lieb , vielleicht lieber als die andern Geschwister , seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen . Wollte die Mutter etwas vom Vater verlangen , da schickte sie das Kind , und es solle bitten , daß der Vater Ja sage , dann hat er nie es abgeschlagen . Nachmittags , wenn der Vater schlief , wo keiner Lärm wagte oder Störung zu machen , das Kind aber lief ins Zimmer , warf sich auf den schlummernden Vater und wälzte sich übermütig hin und her , wickelte sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schlief ermüdet auf seiner Brust ein . Er lehnte es sanft beiseite und überließ ihm den Platz ; er ward nicht müde der Geduld . Viel Lieblichkeiten erwies er ihm , beim Spazierenfahren ließ er halten auf der Blumenwiese , bis der Strauß groß genug war , das Kind wollte gern alle Blumen brechen , das nahm kein Ende , die Nacht brach ein , und den Strauß , viel zu groß für seine Händchen , bewahrte ihm der Vater . Was ging denn noch Schönes vor und webte allerlei Lustiges ihm in den Lebensteppich . Das belebte Leben auf der Straße ! Gegenüber im Haus die offne Halle , in der vom Mai bis in den Herbst die Nachbarn kampierten den ganzen Tag , da spielten die Kinder mit dem Mops , und der Papagei auf der Stange plauderte Spitzbub , das wollten wir gern den ganzen Tag hören . Wie glücklich war das Kind mit dem Schlüsselblumenstrauß , den die Milchfrau mitbrachte morgens früh . Ach das Land ! - Die Wege hinaus ins Freie ! - Die Kinder schiebelten sich lustig den Wall hinunter ins tiefe Gras . Und das Klapperfeld , wo das Gespenst rumorte im bösen Haus , und der Herr Bürgermeister hatte Wache hinpostiert , zehn Mann von innen , und von außen auch zehn an die Türe gelehnt , hat das Gespenst in der Nacht umgeworfen , in der Nacht mit dem Glockenschlag zwölf . Der Doktor Faust habe da gewohnt ganz im Verborgnen und sei erst jetzt gestorben , seitdem rumort es . Da erzählten sich die Leute abends spät noch Wunder vom Doktor Faust , wie er die Bäume konnte blühen machen mitten im Winter und so schnell , daß man zusehen konnte , wie die Blüte herauskam . Das Kind schlief nicht , es erlauschte alles in seinem Bettchen und freute sich der Unmöglichkeiten . Einmal starb eine vornehme fremde Frau , die in der Stadt krank gelegen hatte an unheilbarem Übel . Sie hatte das Kind oft kommen lassen an ihr Bett und ihm viele Spielsachen gegeben . Ein langgedehnter Grabgesang hallte durch die Straßen , schwarze Männer trugen den Sarg . Da wird die vornehme Frau begraben , hieß es , und man erzählte viel von ihrem schmerzlichen Tod ! - Was ist das , Tod ? Begraben ! Nicht mehr da ! - Das Kind kann ' s nicht begreifen , daß man nicht mehr da sein könne . Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht mehr sein . - Nein ! Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht , ins Blumenelement , und nicht sich besinnt , nur taumelt lichttrunken , nur freudig schwärmt , so lösen die Kranken , die Müden sich ab vom Leib , so steigen sie auf ins reinere Freiheitsleben , das ist alles , was den Sinnen nicht sichtbar war . Wie die Raupe sich veredelnd umwandelt , so kann ' s der Mensch auch . - Hätte es doch wieder vergessen können , was das heißt , von der Erde scheiden ! - Der nächste Frühling , vom Tod an der Hand geführt , kommt und geleitet ihm die schönste Mutter ins Grab . Da ist Zerstörung im Haus , die Freunde ! - Und viele dankbare Tränen fließen . Der Vater kann ' s nicht ertragen , wohin er sich wendet , muß er die Hände ringen , alles scheuet seinen Schmerz . - Die Geschwister fliehen vor ihm , wo er eintritt , das Kind bleibt , es hält ihn bei der Hand fest , und er läßt sich von ihm führen . Im dunklen Zimmer , von den Straßenlaternen ein wenig erhellt , wo er laut jammert vor dem Bilde der Mutter , da hängt es sich an seinen Hals und hält ihm die Hände vor den Mund , er soll nicht so laut , so jammervoll klagen ! - Gesegnetes Haupt , das an seiner seufzenden Brust lag und von seinen Tränen überströmt ihm Linderung gab . - Werde doch auch so gut wie Deine Mutter , sagte in gebrochnem Deutsch der italienische Vater . - Ach , lieber Clemens , heute kann ich nicht mehr von der Kindheitsgeschichte schreiben . Und es ist ja auch gar nichts , was ich da aufgeschrieben hab , und doch bin ich erschüttert und muß um die Toten weinen . Mein Licht geht gleich aus , es ist so kalt im Zimmer , jetzt spür ich erst , daß ich mit bloßen Füßen die ganze Zeit am Schreibtisch sitze . Wenn ich wieder schreibe , will ich fortfahren vom Kloster zu erzählen , wo wir bald nach dem Tod der Mutter hingebracht wurden . Adieu Clemens , wenn wir nach Frankfurt kommen , geh ich gleich in die Karmeliterkirche und sehe , wie es da ist , ich hab Eltern und Geschwister so lange nicht besucht , wenn sie ' s fühlten , wenn sie sich wunderten , daß ihr Kind sie versäumt . Deine Bettine Liebe Bettine ! Ich habe Deinen Brief mit vieler Rührung gelesen , sei versichert , daß ich bald umständlich schreibe , heute ist keine Zeit , ich füge Dir einen Brief bei , den ich von Franz erhielt . Glaube , daß ich mich in gewisser Hinsicht unendlich über seine Treue gefreut habe . Was er von Dir schreibt , ist ganz meine Meinung , nur daß alles , was wir beide allein unter uns und voneinander wissen , dadurch so überwiegend bleibe , als es wahr ist . Was Franz schreibt , ist so ehrlich gemeint und so wahr , als Du wohl weißt , daß es sich von selbst versteht , den Brief erhältst Du als Beweis meines unbegrenzten Zutrauens , und daß ich Dir nichts verhehle , die hintere Seite des Briefs schneide ab für die Meline nebst den Abbildungen der Zirkassierinnen aus Oberhessen . - Was Franz von unbekannten Ländern schreibt , heißt nichts , als daß er selbst keine Lust zu reisen hat , fühlte er sich in Dich hinein , seine Güte und Liebe , die immer nur für andre sorgt , würde gewiß sich selber Aufopferungen zumuten , um Dich zu befriedigen , und fühl ich Dich recht heraus , so glühst Du eigentlich vor Sehnsucht , mit der de Gachet in das fremde Land zu ziehen , und das verdient dies göttliche Weib . - Ja , ich war bei ihr , wenig Tage war ich mit ihr zusammen bei meinem Freund Ritter , der doch gar zu gut ist , mir himmlische Briefe schreibt über Dich , die er liebt durch mich . Ich kann Dir nicht aussprechen , wie notwendig mir es ist , manchmal über Dich zu sprechen , ich tu es aber mit solchen Menschen nur , die viel größer sind und besser als ich . Und Ritter , der liebenswürdigste , der , wie Moses mit seinem Stab an den harten Fels der Wissenschaft schlägt , aus dem die reine kristallhelle Quelle der Weisheit hervorsprudelt , und wer es wagt , seinen Becher dran zu füllen , der wird von der Größe dieses unsterblichen Menschen durchdrungen . Mit Schlegel war ich auch , aber mit ihm hab ich nie von Dir gesprochen ; er ist groß und sehr bedeutend in der Literatur , und Du mußt ihn auch einmal sehen , aber ihm kann man nicht sagen , was das Innere beschäftigt , mit ihm kann man nur Witz und Übermut treiben , und doch kommt man dabei meist zu kurz , weil er Scharfsinn der Kritik und Satire nie versteht , sobald es auf ihn geht . - Ach , was brauchst Du zu lernen , wenn Du so lieb bist beim Nichtlernen . Mag es gehen , wie es will , das Bessre und Höhere wird doch Dich all durchströmen und wird sich läutern in Deinem unberührten Wahrheitssinn . So bin ich auch unendlich erquickt von der Beschreibung Deiner Kinderjahre , liebes Kind , wollt ich auch Dir beteuern , sie seien unendlich schön und der tiefste Dichtersinn blicke da heraus , Du würdest es nicht glauben . Du glaubst in solchen Dingen mir nie . Aber wenn Du nur Dir die einzige Frage tun wolltest , warum Du grade so schreibst und nicht mit andern Wendungen und Reflexionen ; so wirst Du Dir anworten müssen , daß es so in Deiner Seele geschrieben steht , und weil Du dem nicht untreu sein magst , nicht ihm untreu sein kannst , so sprichst und denkst Du so , wie Du denkst . - Also leugnest Du schon nicht , daß Dein Denken und Sprechen der reinste Abdruck Deiner Seele ist , wenn aber ein Maler ein Bild machte , in dem er den reinsten Abdruck der Natur wiedergäbe , würde das nicht ein unvergleichliches Bild sein ? - Eine Mutter verloren im Anschauen des Kindes und die von allem , was sonst noch um sie hervorgeht , nichts weiß , würde das nicht ein ewiges Bild sein ? - Ein Mädchen wie Du so alt , in der Dämmerung sitzend unter einem Blütenbaum , und ein Knabe wie ich , so wie wir beide beieinander saßen am Weg , das grüne Feld hinter uns und der ferne Fluß und die Schafherde , die an uns vorüberzog , die eine Staubwolke machte , was die Abendröte ein wenig verdeckte , weißt Du ' s noch ? Du sagtest , es sei malerisch , warum denn aber ? - Es waren ja doch nur lauter einfache Gegenstände , keiner würde darauf gemerkt haben , der vorüberging , noch weniger würden Leute expreß hingegangen sein , um sich dran zu erbauen ; aber doch ist viel Lärm um nichts in der Welt , aber deswegen wird dies Nichts doch nicht etwas . Deine Erzählung aber ist etwas und doch nicht mehr als jene Abendszene , die Du malerisch fandst . Drum schreibe ruhig fort und mit Pietät , das heißt verwirf nicht , was Du schreibst , beglücke mich damit . Wenn es das ewige Leben und Weben der Natur ist , so einfache Szenen zu bilden , so wolle es nicht besser machen können . Die Natur ist die größere , die edlere Bildnerin , und weil Du ihr nachgesprochen hast , so hat Deine Erzählung Stil , sie deckt nämlich den Ausdruck des Begriffs und der Empfindung vollkommen . Leb wohl und schreib weiter , ich warte mit Sehnsucht darauf . - Dein Clemens An Clemens Lieber Clemens ! Am Neujahrstag haben wir unser Ballett aufgeführt , es ist holter die polter durcheinander gangen , es ist alles verkehrt gangen . Mein Neunzehner war ein Ritter , dem nichts haften wollte , wir mußten mehrere Proben halten im Kostüme , bald fiel ihm der Panzer , bald die Schienen ab ; und endlich am Tag der Aufführung war eine große Not , alles rennte durcheinander , einer rief nach Schminke , der andre nach Strumpfbändern , der dritte hatte den Zwickelbart verloren , wir Mädchen zogen uns aus dem Gedräng zurück auf die Tische und Kanapees - und da warteten wir ruhig , bis die Flut sich gelegt hatte und die Ebbe eintrat , wo wir alle an Blumengirlanden geschnürt von unserm Ballettmeister hinübergeleitet wurden , dem der Schweiß von der Stirne rann , bis er uns in Ordnung hatte . Der Vorhang wurde hinweggezogen , und wir tanzten vor alten Hofmasken und Perücken einen trefflichen mimischen Tanz , der allerlei bedeuten sollte , es ging passabel , bis wo wir einen Ringeltanz um das Ysenburgische Wappen tanzten , an das wir unsre Kränze aufhängen sollten ; mein Neunzehner fiel und riß mit seinem Kranz das Wappen herunter , das fiel auf ihn , und alle Kränze flogen im Saal herum . Ich richtete geschwind das Wappen wieder auf , damit es nicht sollte für ein bös Omen ausgelegt werden . Dann tanzten wir nach den Kränzen , als hätt es nur so sein müssen , und teilten diese den Herrschaften aus ; dies Impromptu ging besser als das eingeübte . Die Damen traten vor den Spiegel und probierten sie auf , und mancher stand der Kranz recht schön . - Unterdessen verwandelten wir uns in Bauern , das ging auch sehr geschwind , wir Mädchen schürzten die Röcke hoch , zogen die Hemdärmel hervor und einen Brustlatz vor , ebenso schnell hatten die Ritter sich verwandelt , die als Bauern schon im Pappendeckelpanzer staken . Blumen , Bänder , Früchte , Obst in Körbchen standen schon bereit . Eh man drei zählen konnte , waren wir in Ordnung aufmarschiert , ein Erntezug , vorauf die Musikanten und Fahnen der Landleute , alles mit Silber und Goldpapier dekoriert , ein junger Mensch Bükes führte die Dorfmusikanten , er spielte auf dem Haberrohr , er hatte schon so viel Witze gemacht , er schnitt so närrische Gesichter , daß ich kaum konnte meine Verse deklamieren , da stolperte der Neunzehner hinter mir , und läßt seinen Korb mit Äpfeln über mich hinaus rollen , es erschallte ein groß Lachen , kein Mensch denkt mehr an die Verse von Chateaubour . Der Dichter , der sich so viel Hoffnung gemacht hatte , quel effet que cela fera . - Die schönen zirkelrunden Borsdorfer waren bestimmt gewesen , in einem Akt in unserm Bauerntanz , nach der Rede , in der ich unterbrochen ward , zu figurieren . Wir sollten im Tanz einander gegenüberzustehen kommen und nach der Musik mit diesen Äpfeln ein Ballspiel aufführen . Und dies hatten wir nun wochenlang eingeübt , so sicher wie die besten Bombardiere . - Sollte nun dies beste Kunststück durchfallen ? - Wir rafften schnell die Äpfel auf und stellten uns in Ordnung auf . Die Rohrpfeife wollte nun die Zwischenmusik überspringen und die Musik zum Ballspiel einleiten oder aufpfeifen . Aber die Geigen verstanden das nicht und kamen ihm nicht nach , sie blieben auf dem alten Satz ; es gab ein Charivari . Die jungen prinzlichen und gräflichen Herrschaften , die dies Spiel nicht zum Ballett gehörig glaubten , hatten sich drein gemischt und warfen mit Äpfeln um sich her , mancher mag da getroffen worden sein , der nicht gemeint war . Doch es fing an menschlich zu werden unter ihnen , sie probierten ihre Kränze auf , wie sie nach ihrer Meinung ihnen recht gut standen , so ging man bekränzt herum und , als ob dadurch die Klausur der Etikette aufgehoben sei , lief alles untereinander , stieß sich mit den Ellenbogen und stolperte ohne weitere Entschuldigungen . Bükes mit seiner Pansflöte führte einen Satirtanz auf aus eignem Ingenium und spielte selbst dazu auf , er endigte dies Impromptu mit einer Ode von Ovid , die er langsam und deutlich mit allen möglichen Modulationen , bald mit Donnerstimme , bald mit sanftem Flüstern deklamierte und dazwischen mit der Pansflöte Intermezzos spielte . - Er wurde bewundert . Mehrere , die sich als Lateiner wollten zeigen , gaben ihm das beste Lob , was er mit großem Pläsier anhörte , weil er allerlei lateinisches sinnloses Zeug zusammengewürfelt hatte , was ganz ohne allen Zusammenhang war gewesen . Gestern , lieber Clemens , hab ich bis hierher geschrieben , vielleicht langweilt Dich ' s , es ist aber gleich aus , die bekränzten Herrschaften setzten sich zur Tafel , sogar die alte Prinzeß Rothenburg hatte einen Kranz von Wacholder mit Perlen durchflochten auf ihre altmodische Blondencoiffüre gesetzt , die dadurch sehr verschönert ward . Tannen , Myrte , Orangen , Oleander und Lorbeer kränzten manchen alten Kopf , dessen große Hakennase unter dem Kranzschatten sich sehr vorteilhaft ausnahm . Die Musik dauerte während dem Essen fort , das Ballett aufführende Personal tanzte dazu auf eigne Faust allerlei groteske Sprünge . Alle Augenblicke wurde Tusch geblasen ; wozu wir im Hintergrund das Vivat verstärkten . Um Mitternacht war gegenseitiges Umarmen , dazu tanzten wir die Ronde , alle an einem blauseidenen Band uns haltend , auf dem Verse gedruckt waren auf alle hohe Personen . Im Tanz machten wir Halt und schürzten das Band mit dem Vers über den , an den es gerichtet war , so bekam jeder seinen Vers zu lesen . Nun kam eine große Pastete , der Deckel wurde abgehoben , da sprang ein kleines Hündchen heraus , aber ganz klein , der Herzog hatte es , ich weiß nicht woher , aus dem südlichen Frankreich verschreiben lassen , zum Neujahrsgeschenk für die Fürstin von Ysenburg . Dies Pläsier war ganz apart , kaum besann es sich ein wenig , so bellte es die ganze Gesellschaft an , noch zwei andre kleine Hunde wurden herbeigeholt , um Bekanntschaft zu machen , die waren aber nicht so klein . Das Gebell der drei kleinen Hündchen übertönte alles und vermittelte die gegenseitigen Redensarten und Glückwünschungen . Das Lob dieses Festes läutet wie ein wohltönend Glockenspiel hier in der ganzen Umgegend unsern Ruhm aus , man will es noch einmal wiederholt haben . Einmal ist keinmal , aber noch einmal , das ist zuviel . Liebster Clemens , noch Lebensgeschichte kann ich gar heut nicht mehr schreiben . Du lobst mir alles , aber um so mehr drückt das mich nieder , diesem Lob zu entsprechen , Du willst mir Lust machen , den gewöhnlichen Acker meines Lebens umzupflügen , jede harte Scholle zu zereggen ; nein Clemens , wenn Du die weißen Wände meines Studierkabinetts , das heißt meines Kopfes ansähest und nichts drin fändest als Spinnweb , wie wolltest Du Zins von dieser Armut fordern ! - Ich kann doch nicht auf jede Seite schreiben , daß die Leute mir ganz närrisch vorkommen , und sonst begegnet mir nichts jeden Tag , und ist mir von Jugend auf nichts begegnet als der große Gedanke wiederhallend von Stufe zu Stufe meines Ingeniums : Alles , was begonnen wird in der Welt , sei närrisch . Dabei komme ich mir eben auch nicht anders vor , eben weil kein Bestand in mir ist , weil ich von so manchem ein profundes Gefühl habe und dennoch ein Spielball der Zerstreuung bin , die ganz gehaltlos ist , das fühl ich , das quält mich , davon möcht ich gesunden und weiß nicht wie . Wenn Du aber nun wieder kommst und sagst , es stecke alles in mir und ich könne Wunder verrichten , und ich fühle mich aber behaftet mit allen Verrichtungsfehlern , und nur daß sie keinen Schaden machen , weil nichts an mir verloren ist . Du wirst Dich kreuzigen ! - Ich kann aber nicht anders , als daß ich bekenne , worüber ich lange mit Zweiflen gerungen habe , daß nämlich - alles nichts aus mir werden bloß Sünde Deiner närrischen Einbildung ist , daß etwas Großes in mir stecke . - Eine Zeitlang hab ich Dir geglaubt , wenn Du mir als manchmal mit so vieler Liebe davon sprachst , ich solle meine bessre Natur , meine Vorzüge vor den Augen der Welt verbergen , ich war des besten Willens ; aber , da ich nun diese Vorzüge wirklich gut zu verpacken gedachte , siehe da fand ich gar nicht , was ich allenfalls zu verschweigen oder zu verbergen habe . In Talenten komm ich nicht vorwärts , ich kann unmöglich meine elenden Versuche in der Kunst hochschätzen , eine Flora hab ich in Rötel gezeichnet , ich hab sie auch gleich darauf in Papierstreifen zerschnitten , um die Wachslichte mit fest zu machen . Meine musikalischen Versuche ? - Ich hatte ziemliche Freude am Generalbaß , da hat sich mein Lehrer , der Herr Preißing , zum Fenster hinausgestürzt . Ich mag ja an Musik nicht mehr denken . - Und nun kommst Du mit meiner Lebensbeschreibung auf rechter Heide , man könnte die Grashälmchen zählen , die da wachsen . - Das einzige , was mich intressiert , sind die französischen Miszellen über Revolutionsbewegungen , so menschlich , so verständlich , ein Kind muß ihre Naturgemäßheit empfinden . Ich hab mir die Aufgabe gemacht , in meinen französischen Arbeiten sie zum Thema zu nehmen , ich bin zufrieden , da ich vorwärts komme auf einem Feld , wo alles auf festen tiefen Begriff ankommt , wo das Echte , das Göttliche bloß ein vernünftiger Schluß ist , wo ich glaube , weil die Glaubensartikel seelenerziehende Argumente sind . Wo aber die Sündenregister wie eine elende Hühnerleiter an die Himmelspforte angelehnt sind , da mag ich keinen Versuch machen , mich zu bilden , mich zu bessern , soll ich da von Stufe zu Stufe hüpfen wie ein Hühnchen , damit es auf die Stange zu sitzen komme neben den Hahn ? - Nein ! Auf mein Seel in einem Flug . Über die Sündenregister hinaus wie die Verheißungen der Himmlischen . Sind die Seligen selig geworden , so lasse sie mit ihresgleichen , schmeichle nicht wie ein Schmarotzer um sie herum , daß Du auch gern wöllest vom Himmelsbrot essen . Ich aber sag mir , kannst Du nicht lernen entbehren ? Grad das , wonach alle verlangen ? - Kannst Du nicht lieber wollen , daß die andern selig werden , die so sehnlich darum bitten und seufzen , da Du doch gar nicht danach seufzen kannst ? - Dies Seufzen , Flehen und Ringen nach Seligwerden macht mich mitleidsvoll , hätt ich , was sie fordern , ich gäb ' s ohne Bedingung ! Aber wer kann ' s haben ? - Wer kann den Anstrich des Himmels dem Unsinn geben , in den hinein allen so sehr verlangt . - Wer kann das machen , daß Unsinn immerdar ein Quell erneuerter Freuden sei ? - Gott nicht , denn sonst würde er gewiß nicht anstehen , den Seligkeitverlangenden die Himmelstore weit aufzusperren und wie die alten Nönnchen in Fritzlar uns immer die himmlischen Freuden gleich einem Tanzboden beschrieben , nur viel schöner als sie es beschreiben könnten , so würde er die Musikanten drauf losschmettern lassen und erquickende Himmelsspeise in Fülle lassen herabregnen . Ach , er könnte froh sein , wenn noch Menschen wären , die solchen Genüssen möchten sich hingeben . - Eine unschuldvolle Energie der Unersättlichkeit , ist die möglich ? - Ich war immer schon satt von der Beschreibung des Himmels . Ein unaufhörlich Preisen und Lobsingen - damit fing ' s an . Ich sang auch gern , aber nicht Kirchenlieder ; ich sang , um mein jubelnd Herz auszuströmen , das zum Tanz geneigt war , von einem innern Lebenstakt frisch bewegt , meine Entschlüsse waren rasch und sind es noch , daß heißt , ich entschließe mich . - Zu was ? - Ei davon ist gar nicht die Rede ! Der Entschluß ! Ein freudiges Durchrauschen aller Lebensadern ! - Ein freies Auftreten auf den gottgeschaffnen Boden der Erde , überallhin blitzen meine klugen Augen und jagen die Nachtvögel aus ihrem Versteck . Was sind Dinge , zu denen wir uns einen Entschluß erkümmern , im heimlichen Rat unsicherer Begriffe , feiger Moral , verschrobner Lebensansichten und noch gar heimlicher Schwächen und eigensüchtiger Begierden hin-und hergeworfen . Ein solcher Entschluß ? Wo blieb die Energie , ihn zu tragen ? - Nein ! Entschluß - tief in mich hinein fühl ich : - er ist der Mut , frei zu schweben über aller Gemeinheit . - Dinge , zu denen wir uns entschließen müssen , die sind nicht . Wir schauen den einzigen Gott an in uns ; er durchfährt elektrisch uns die Glieder ; das ist Entschluß . Verstehen wir uns , lieber Clemens ? - Mein alter Magnetiseur würde das verstanden haben , es sind seine Antworten auf meine Fragen , es sind aber freilich keine Antworten auf Deine Forderungen an mich , - ich weiß , was Du mit Recht mir vorwirfst ! - » Und doch könne ich keinen Willen mir erkämpfen , ruhig und einfach die Entwickelung meiner Talente zu betreiben . « Ach ich weiß ja , daß ich mich schämen muß , jeder blaue Berg wirft mir das vor , er sagt : » Ich stehe reiner und edler da als Du ! « - Mich befällt auch oft eine tiefe Melancholie über mein Nichts . - Was kann ich dafür ? - Die Sünden der Welt haben auch mir den Boden abgegraben . Was ist das , wenn die frische kraftvolle Erde , die den Baum nährt , ihm geraubt wird , und er soll zwischen kalten Steinen Nahrung hinaufsaugen in den Gipfel ! - Ach , der Bach selbst muß traurig hinsickern über seine entblößten Wurzeln . - So viel Lebensansicht hab ich mir erworben in diesen Verhandlungen über Freiheit und Lebensrechte , daß ich weiß , daß dies die Sünde ist der Welt , für die ist der Gott gestorben , das glaub ich , das weiß ich , aber soll er auferstehen , so muß diese Sünde getilgt sein durch seine Auferstehung . Ich fürchte mich vor Dir das auszusprechen , doch ist ' s die Mitte meines Denkens . Die unverständlichen Aufsätze von mir , die Du mit soviel Neugierde studiertest , sie sind Funken und glühende Asche von diesem Herd , dessen Flamme manchmal hell aufleuchtet ; ein ewiges Menschwerden des Geistes durchbricht alles sinnliche Bedürfnis und wirft es nieder und steht aufrecht über ihm , und ja , das ist ' s , was ich Entschluß nenne , zu sein und zu werden , ob ich ' s verstehe oder nicht . Rechenschaft geben ? - Warum ? Die Geistesauferstehung selbst ist Rechenschaft allem Unsinn , der aber sie verwirft . Laß den Geist werden und seine großen Zauberkräfte werden über dieses Fordern nach Rechenschaft über Höllenbrodem und Fegefeuer sanft hinüberwallen , und Satzung und Glaubensartikel , sie reichen nicht an seine Region , und wenn sie auch noch so große Staubwolken aufregen unter den Menschen . Ich wollte Dir ja vom Kloster schreiben , ich wollte Dich überraschen mit der Erzählung dieser einförmigen Tage , wo viel träumerische Knöspchen auf feinen Stielchen rankten ! - Aber da lass ' ich mich überraschen vom Schauder über das Gewöhnliche , was die ganze Welt zum Narrenhaus umwandelt . O , Ihr Bienen alle , die Ihr mich umsummt habt im Klostergarten . Ihr Nelken- und Lavendelbeete , die Ihr mich gedeckt habt mit Euern Düften . Ach , es ist Winter in mir , und der Schnee der Weisheit deckt die Erde . O Erde , laß den Frühling wieder treiben , halte den Atem nicht länger an , hauch deinen süßen Duft aus , er genügt mir statt Paradiesesfreuden . Willst Du deine Gräser herauslassen und deinen Bächen freien Lauf , Erde , dann küss ' ich dich und schenke dir meine Seele . Das heißt , das Unterhandlen mit dem Himmel bin ich ganz müde . Das heißt wieder : alles ist zwar in Richtigkeit und an der Tafel angekreidet . Ach käm nur einer und löschte mit dem Schwamm das ganze Fazit aus , dann wär noch Hoffnung , daß die Natur im Menschen wieder aufwachte . Deine Schwester Bettine Liebes Kind ! Ich fühle mich in eine ganz wunderliche Lage hineingeschoben durch Deine ausgreifenden und wieder tief im Lebensschacht herumwühlenden Mitteilungen . Oft ist mir , als stehe ich auf einem vulkanischen Boden , wo die verwitterte Lava von der schaffenden Natur üppig begrünt hervorbricht in Flammen und verzehrt es wieder . Und hier und da liegen Brandstätten unter dem ewig blauen Himmel . Was nützt mein guter Wille , meine Stimme , mein Wort . Wie könnte das diesen Boden erschüttern , in dem ein innerliches Wirken verborgne Wege schleicht und dann jeder Gewalt unerreichbar plötzlich das begonnene Gepflegte zerstörend aufflammt . - Weißt Du , was Du sprichst ? - Nein ! Denn ich kann Dir den Mut nicht zutrauen , Dich Nationen und Jahrtausenden gegenüberzustellen und denen Hohn zu sprechen . Das tust Du aber , blind wie Du bist , springst Du über Abgründe , und immer glücklich fühlst Du den Boden unter Deinen Füßen . Man sagt , der Blitz erschlage keinen Schlafenden , drum soll man während dem Gewitter keinen Schlafenden stören . Ich frage mich , ob Du schläfst , ob Du träumst , und dann mein ich , das Gewitter bist Du selber ; es rollen Ideen donnernd in Deinem Geist , die aneinander zerschmettern ; und vor meinen Augen sinkt in die tiefste Spalte , die plötzlich gähnt , was eben noch meine Hoffnung war , was ich mit demselben süßen Willen hütete , wie Du Deine Blumen und Kräuter . Deine unverständlichen Aufsätze , wie Du sagst , seien die glühende sinkende Asche und ausfahrenden Funken von dem Herd , auf dem der erwachende Geist sich seiner Unverständlichkeit entbindet . Einmal will ich mich vor Dir aussprechen darüber , sollte ich