, daß er einen großen Fluch gethan als ihm mein Töchterlein den Rücken gewendet , und alsobald in das Ellerholz getreten wäre , so dicht an der Landstraßen hinläuft , und wo die alte Hexe Lise Kolken auch gestanden . Hierzwischen ging ich aber mit meinem Töchterlein auch zur Sehe , und war es wahr , daß die ganze Flotte von dem Ruden und der Oie herüber kam , und gen Wollin zu steuerte , auch gingen manche Schiffe so nah an uns fürüber , daß man kunnte die Soldaten darauf stehen , und die Waffen blitzen sehen . Item höreten wir die Pferde wiehern , und das Kriegsvolk lachen . Auf eim ging auch die Trummel und auf einem andern blöketen Schaafe und Rinder . In währendem Schauen aber wurden wir flugs einen Rauch von einem Schiff gewahr , und es folgete ein großer Knall , also daß wir bald auch die Kugel sahen auf dem Wasserspiegel rennen , so daß es ringsumbher schäumete und sprützete , und gerade auf uns zukam . Lief also das Volk mit großem Geschrei auseinander , und höreten wir deutlich darüber das Kriegsvolk auf den Schiffen lachen . Aber die Kugel hob sich alsbald in die Höhe , und schlug dicht bei Paassch seinem Jungen in eine Eiche , so daß gegen 2 Fuder Sträuch mit großem Rumor von dem Schlag zur Erden stürzeten und den Weg überschütteten , wo Sr. Majestät kommen mußte . Dannenhero wollte der Junge nit mehr oben im Baum bleiben , wie sehr ich ihn dazu vermahnete , schrie aber in währendem Niederklettern daß ein groß Haufen Kriegsvolk nunmehro bei Damerow aus der Heiden käm , und solches wohl der König sein möchte . Darum befahl der Amtshaubtmann geschwind den Weg aufzuräumen , und da solliches eine Zeitlang währete , inmassen sich die dicken Aest und Gezweige rechtes und linkes in den Bäumen umbher geklemmet hatten , wollten die Edelleut , als Allens fertig war , Sr. Majestät entgegenreuten , blieben aber auf dem kleinen Brink halten , dieweil man dicht vor uns in der Heiden es schon fahren , klappen und sprechen hörte . Währete auch nit lange , als die Kanonen herfürbrachen , und saßen die drei Wegweiser oben darauf . Da ich nun den einen kannte , so Stoffer Krauthahn von Peenemünde war , ginge ich näher , und bat ihne , mir zu sagen , wann der König käm . Aber er antwortete : daß er weiter ginge mit den Kanonen , bis Coserow , und möcht ich nur Acht haben auf den langen schwarzen Mann , so einen Hut mit einer Feder trüg , und eine güldene Kettin umb seinen Hals , solliches wäre der König und ritte er alsbald hinter der Haubtfahnen , worauf ein gelber Löwe stünd . Observirete also genau den Zug , wie er aus der Heiden herfürbrach . Und kamen nach der Artollerie , zuvorauf die finnischen und lappischen Bogenmänner , so mitten im Sommer , was mich verwunderte , noch in Pelzen einhertrottireten . Darauf kam viel Volks , so ich nit erfahren , was es gewesen . Alsbald sah ich über den Haselbusch so mir im Wege stund , daß ich nit Allens gleich observiren kunnte , wenn es aus dem Busch kam , die große Haubtfahn mit dem Löwen und hintennach auch den Kopf von einem ganz schwarzen Mann mit güldiner Kettin umb seinen Hals , so daß ich gleich judicirete , dies müßte der König sein . Schwenkete dahero mein Schweißtüchlein gen den Thurm zu , worauf auch alsofort die Glocken anschlugen , und in Währendem uns der schwarze Mann näher ritte , zog ich mein Käpplein ab , fiel auf meine Kniee , und intonirete den ambrosianischen Lobgesang , und alles Volk folgete mir nach , riß sich auch die Hüte vom Haubt , und sank auf allen Seiten singend zur Erden ; Männer , Weiber , Kinder , ausgenommen die Edelleut , so ruhig auf dem Brink halten blieben , und erst , als sie sahen , daß Se . Majestät dero Roß anhielt ( war ein pechschwarzer Rapp und blieb gerade mit den Vorderfüßen auf mein Ackerstück stehenwas ich für ein gut Zeichen nahm ) zogen sie auch die Hüt und gebehrdeten sich aufmerksam . Nachdeme wir geendet , stiege der Amtshaubtmann rasch vom Roß , und wollte mit seinen drei Wegweisern , so hinter ihm gingen , zum König , item hatte ich mein Töchterlein bei der Hand gefaßt und wollte auch zum König . Winkete also Se . Majestät den Amtshaubtmann ab und uns hinzu , worauf ich Se . Majestät auf lateinisch beglückwünschte , und Ihr hochmüthiges Herze rühmete , daß sie der armenbedrängten Christenheit zu Schutz und Hilfe , hätte den deutschen Boden heimbsuchen wöllen , es auch vor ein göttlich Anzeichen priese , daß solliches gerade an diesem erschienen Jubelfest unserer armen Kirchen beschehen sei , und möchte Sr. Majestät es gnädiglich aufnehmen , wenn mein Töchterlein ihme was zu bescheeren gedächt , worauf Sr. M. sie lieblich lächelnde ansahe . Sollich freundlich Wesen machte sie wieder zuversichtlich , da sie vorhero schon merklich gezittert , und antwortete sie , ihm ein blau und gelbes Kränzlein überreichend , auf welchem das Carmen lag : accipe hanc vilem coronam et haec7 worauf sie anfinge das Carmen herzubeten . Hierzwischen wurde Se . Majestät immer lieblicher , sahe bald sie an , und bald in das Carmen und nickete besondern freundlich mit dem Haubt als der Schluß kamb , und lautete selbiger also , wie ich annoch hersetzen will : tempus erit , quo tu reversus hostibus ultor intrabis patriae libera regna meae ; tunc meliora student nostrae tibi carmina musae tunc tua , maxime rex , Martia faeta canam . tu modo versiculis ne spernas vilibus ausum auguror et res est ista futura brevi ! sis foelix , fortisque diu , vive optime princeps , omnia , et ut possis vincere , dura . Vale ! 8 Als sie nun schwiege , sprach Se . Majestät : proprius accedas patria virgo , ut te osculer9 , worauf sie , sich verfärbende ihm an das Roß trat . Und gläubete ich , er würde sie nur auf die Stirne küssen , wie sonsten die Potentaten zu thun pflegen , aber nein ! er küßete sie also gerade auf den Mund daß es schmatzete und seine langen Hutfedern ihr umb den Nacken hingen , so daß mir abermal ganz bange vor sie wurd . Doch richtete er sich bald wieder in die Höhe , nahm die güldene Kette sich ab , an welcher unten sein Conterfett bummelte , und hing sie meinem Töchterlein mit diesen Worten umb ihren Hals : hocce tuae pulchritudini ! et si favente deo redux fuero victor , prommissum carmen et praeterea duo oscula exspecto.10 Hierauf kam der Amtshaubtmann abermals mit seinen drei Kerls an , und verneigete sich vor Sr. Majestät zur Erden . Da er aber kein Lateinisch nit kunnte , item auch kein Italiänisch oder Französisch verstande , spielte ich alsobald den Dolmetscher . Denn es fragete I.M. wie weit es bis zur Swine wär , und ob es dorten noch viel fremd Kriegsvolk hätte ? Und meinete der Amtshaubtmann daß annoch an die 200 Krabaten im Läger lägen , worauf Se . Majestät dem Roß die Spornen gab und freundlich nickende ausrief : valete11 . Nun kam aber erst das andere Kriegsvolk , bei 3000 Mann gewaltig , aus dem Busch , so gleichfalls ein wacker Ansehn hatte , auch keine Narrentheidinge fürnahm , wie es sonsten wohl pfleget , als es bei unserm Häuflein und den Weibern vorbeizog , sondern fein ehrbar einhertrat , und begleiteten wir den Zug noch bis hinter Coserow an die Heiden wo wir ihn dem Schutz des Allmächtigen empfohlen , und ein Jeglicher wieder seiner Straßen heimbzog . Fußnoten 1 im elegischen Versmaaß . 2 plattdeutsch : nach Luft schnappen . 3 plattdeutsch : zottig , mit dem Nebenbegriff des feuchten . 4 Ein kleiner Landsee in der Nachbarschaft des Meeres . 5 Du süßeste und anmuchigste Dirne , die du mir wie ein Engel des Herrn in den Farben des Himmels erscheinst , wärst du doch immer um mich , dann würde es mir niemals unglücklich ergehen ! 6 Eine Halbinsel auf Usedom . 7 Nimm diesen schlechten Kranz und dieses . 8 d.i. Einst wird kommen die Zeit , wo du , siegfreudiger Rächer Wirst heimkehren zur Flur meines befreieten Volks ; Dann , ein besseres Lied bringt dir die Muse des Sängers , Denn sie preiset o Herr deine heroische That ! Drum verachte ihr heut nicht dies verwegene Stammeln : Sie weissaget ja nur dein nachwaltendes Glück . Geh , leb wohl , sei tapfer und stark , o bester der Fürsten , Daß du alles besiegst , selber das harte Geschick ! 9 Komm näher , vaterländische Jungfrau , damit ich dich küsse . 10 Dies deiner Schönheit und , wenn ich mit Gottes Hülfe siegreich zurückkehre , erwarte ich das versprochene Gedicht und außerdem zwei Küsse . 11 Lebt wohl ! Capitel 16. Wie die kleine Maria Paasschin vom Teufel übel geplaget wird , und mir die ganze Gemein abfällt . Ehe ich weiters gehe , will ich zuvorab vermelden daß der durchläuchtigste König Gustavus Adolphus , wie wir alsbald die Zeitung bekommen auf der Swine an die 300 Krabaten niedergehauen , und darauf zu Schiff nacher Stettin gefahren ist . Gott wölle ihm ferner gnädig sein . Amen . Nunmehro aber nahm meine Noth von Tage zu Tage zu , angesehen der Teufel bald so lustig wurde , wie er nie nicht gewesen . Gläubete schon , daß Gottes Ohren auf unser brünstig Gebet gemerket hätten , aber es gefiele ihm , uns noch härter heimbzusuchen . Denn etzliche Tage nach der Ankunft des durchläuchtigsten Königs G.A. kam das Geschreie , daß meiner Tochter ihre kleine Pate von dem leidigen Satan besessen sei und gar erbärmlich auf ihrem Lager haushalte , so daß sie niemand nit halten könne . Machte sich mein Töchterlein alsogleich auf nach ihrer kleinen Pate , kam aber alsobald weinend zurücke : daß der alte Paassch sie gar nit zu ihr gelassen , sondern sie fast hart angeschnauzet und gesaget , sie sölle ihm nie wieder in sein Haus kommen , immassen sein Kind es von dem Stuten1 gekriegt so sie ihm am Morgen verehret . Und es ist wahr , daß mein Töchterlein ihr einen Stuten geschenket , indeme die Magd den Tag vorher nacher Wolgast gewesen war , und ein Tüchlein voll Stutens mitgebracht . - Solche Botschaft verdroß mich fast heftig und nachdeme ich meinen Priesterrock angezogen , machte ich mich auf den Wegk zum alten Paasschen umb den leidigen Satan zu beschweren , und solchen Schimpf von meinem Kinde abzuwenden . Fand also den alten Mann auf der Dielen2 , wie er an der Bodenleiter stand und weinete , und nachdem ich den Frieden Gottes gesprochen , fragete ihn allererst , ob er in Wahrheit gläube , daß seine kleine Marie es von dem Stuten gekriegt , so ihr mein Töchterlein verehret ? Er sagete : ja « und als ich darauf zur Antwort gab : daß denn ich selbsten es auch hätte kriegen müssen item Pagels sein klein Mädchen , angesehen wir auch von dem Stuten gessen , schwieg er stille , und sprach mit einem Seufzer : ob ich nit wölle in die Stube gehen und sehen , wie es stünd . Als ich dannenhero mit » dem Frieden Gottes « hereintrat , stunden an die sechs Menschen umb der kleinen Marie ihr Bette , und hatte sie die Augen zu und war so steif wie ein Brett , weshalben Stoffer Wels ( als er dann ein junger und wähliger Kerl ist ) das Kindlein bei eim Bein ergriff und es von sich reckete , wie einen Zaunpfahl , damit ich sähe , wie der Teufel es plagete . Als ich nun ein Gebet anhob und Satanas merkete , daß ein Diener Christi angekommen , fing er an so schröcklich in den Kindlein zu rumoren , daß es ein Jammer anzusehen war . Denn sie schlug also mit Händen und Füßen umb sich , daß sie kaum vier Kerls halten kunnten , item ging ihr das Bäucheken so auf und nieder , als wenn ein lebendiges Geschöpf darinnen säße , so daß letztlich die alte Hexe Lise Kolken sich oben auf das Bäucheken setzete . Als es nun ein wenig besser wurd , und ich das Kindlein aufforderte den Glauben zu beten , umb zu sehen ob es wirklich der Teufel sei so sie besessen3 würd es noch ärger , denn zuvor , angesehen sie anhub mit den Zähnen zu knirschen , die Augen zu verkehren , und also gräulichen mit den Händen und Füßen zu schlagen , daß sie ihren Vater so auch einen Bein hielt , fast mitten in die Stuben wurf , und darauf sich den Fuß gegen das Bettholz zerquetschete , daß das Blut ihr herfürsprang , auch die alte Lise Kolken mit ihrem Bäucheken auf niederflog , als ein Mensch , so in einem Schockreep4 sitzet . Und als ich hierauf nit müde wurdsondern den Satan beschwore , aus ihr zu fahren , finge sie allererst an zu heulen , und darauf wie ein Hund zu bellen , item zu lachen und sprach endlich mit grober Baßstimmen , als sie ein alter Kerl führet : » ik wieke nich5 . « Aber er hätte schon weichen sollen , wenn nicht Vater und Mutter mich bei Gotts Sacrament beschworen , ihr arm Kind in Frieden zu lassen , dieweil es ja nichts hülfe , sondern immer ärger mit ihr würd . Stunde also nothgedrungen von meinem Fürhaben ab , und vermahnete nur die Aeltern , daß sie wie das cananäische Weib sollten Hülfe suchen in wahrer Bußfertigkeit und unablässigem Gebet , auch mit ihr im beständigem Glauben seufzen : ach Herr , du Sohn Davids , erbarme dich mein , meine Tochter wird vom Teufel übel geplaget , Matth . am 15ten dem Heiland würde dann alsbald das Herze brechen , daß er sich ihres Töchterleins erbarmete und dem Satan zu weichen beföhle . Item versprach ich am Sonntag mit der ganzen Gemein für ihr armes Töchterlein zu beten , und möchten sie selbige , wo irgend möglich selbst zur Kirchen tragen , anerwogen ein brünstig Kirchengebet durch die Wolken drünge . Solliches versprachen sie auch zu thun , und ging ich nunmehro betrübt zu Hause , wo ich aber bald erfuhr , daß es etwas besser mit ihr worden wär , und war also wieder wahr , daß der Satan außer dem Herrn Jesu nichts mehr hasset , denn die Diener des Evangeliums . Aber harre , er bringet dich doch unter die Füße ( Genes . am dritten ) es wird dir Nichtes helfen ! Bevorab aber noch der liebe Sonntag kam , merkete ich , daß mir männiglich aus dem Wege ging , sowohl im Dorfe als im Kapsel , wo ich etzliche Kranken heimsuchete . Insonderheit als ich in Ueckeritze zu dem jungen Tittelwitz wollte , arrivirete es mir , wie folget : Clas Pieper , der Bauer , stund in seinem Hofe und klöbete Holz , wurf aber alsobald , als er mein ansichtig wurde , die Axt aus der Faust , daß sie in die Erde fuhr , und wollte in seinen Schweinestall laufen , indem er ein Kreuze schlug . Winkete ihm also , daß er bleiben sölle und warumb er für mir , als seinem Beichtvater liefe ? Ob er vielleicht auch gläube , daß mein Töchterlein ihre kleine Pate behext ? Ille6 : ja so gläube er , dieweil es der ganze Kapsel gläube . Ego : warumb sie ihr denn vorhero so viel Guts gethan und in der schröcklichsten Hungersnoth sie wie ein Schwesterlein gehalten ? Ille : sie hätte wohl schon mehr verwirket denn dieses . Ego : was sie denn verwirket hätte ? Ille : das bliebe sich gleich . Ego : er sölle es mir sagen , oder ich müßte es dem Richter klagen . Ille : das sölle ich nur thun , worauf er trotziglich seiner Straßen ging . - Und kann man nunmehro leichtlich gießen , daß ich Nichtes versäumete überall Kundschaft einzuziehen , was man meinete , daß mein Töchterlein verwirket , aber es wollte mir Niemand Nichtes sagen , und hätte ich mich zu Tode grämen mügen über solchen bösen Leumund . Auch kam in dieser ganzen Wochen kein Kind zu meinem Töchterlein in die Schule , und als ich Ursachs halber die Magd ausschickete , brachte sie Botschaft , daß die Kinderken krank wären , oder auch die Aeltern sie zu ihrem Handwerk gebrauchten . Judicirete also und judicirete , doch half es mir Allens nicht , bis der liebe Sonntag in das Land kam , wo ich gläubte , ein groß Nachtmahl zu haben , angesehen sich schon viele zu Gottes Tisch im vorab gemeldet . Doch kam es mir gleich seltsam für , daß ich Niemand , wie sie doch sonsten zu thun pflegeten , auf dem Kirchhof stehen sahe : meinete aber , sie wären in die Häuser getreten . Aber als ich endlich mit meim Töchterlein in die Kirche kam , waren nur bei sechs Menschen versammlet , unter welchen die alte Lise Kolken und sahe die vermaledeyete Hexe nit alsobald mein Töchterlein mir folgen , als sie ein Creuze schlug und wieder zur Thurmthüren hinaus rannte , worauf die übrigen fünf , benebst meinem einigen Fürsteher Claus Bulken ( denn für den alten Seden hatte ich annoch keinen wieder angenommen ) ihr folgeten . Ich entsatzte mich , daß mir das Blut geranne , und ich also zu zittern begunnte , daß ich mit der Achsel an den Beichtstuhl fiel . Fragete mein Töchterlein also , welcher ich noch Nichtes gesaget hatte , umb sie zu verschonen : » Vater was fehlet den Leuten , sind sie vielleicht auch besessen ? « worauf ich wieder bei mir kam und auf den Kirchhof ging , umb nachzusehen . Aber sie waren alle wegk , bis auf meinem Fürsteher Claus Bulken , welcher an der Linden stand , und für sich ein Liedlein pfiff . Trat also hinzu und fragete , was den Leuten angekommen , worauf er zur Antwort gab : das wisse er nicht . Und als ich abermals fragete , warumb er selbsten denn auch gelaufen wär , sagte er : was er hätte allein in der Kirchen thun sollen , dieweil der Bedelt7 doch nit hätte gehen können . Beschwure ihn also mir die Wahrheit zu sagen : welch gräulicher Verdacht gegen mich in die Gemein gekommen ? aber er antwortete : ich würd es bald schon selbsten erfahren , und sprang über die Mauer , und ging in der alten Lisen ihr Haus , so dicht am Kirchehofe steht . Mein Töchterlein hatte eine Kälbersuppen zum Mittag , vor die ich sonst Allens stehen lasse , aber ich kunnte keinen Löffel voll in den Hals bringen sondern saß und hatte mein Haupt gestützet und sanne , ob ich es ihr sagen wöllte oder nicht . Hierzwischen kam die alte Magd herein , ganz reisig und mit einem Tuch voll Zeug in der Hand und bat weinende , daß ich ihr den Abschied geben wölle . Mein arm Kind wurde blaß , wie ein Leich und fragete verwundert , was ihr angekommen ? Aber sie antwortete blos : » nicks ! 8 « und wischete sich mit der Schürzen die Augen . Als ich die Sprache wieder gewunnen , so mir schier vergangen war , dieweil ich sahe , daß dies alte , treue Mensch mir auch abtrüunnig worden , hub ich an , sie zu examiniren , warumb sie fort wölle , da sie doch so lange bei mir verharret , auch in der großen Hungersnoth uns nicht verlassen wöllen , besondern getreulich ausgehalten , ja mich selbsten mit ihrem Glauben gedemüthiget und ritterlich auszuhalten vermahnet , was ich ihr nie vergessen würd , so lange ich lebte . Hierauf finge sie annur noch heftiger zu weinen und zu schluchzen und brachte endlich herfür : daß sie annoch eine alte Mutter bei 80 Jahren in der Liepen wohnende hätte , und wölle sie hin , selbige bis an ihr Ende zu pflegen . Worauf mein Töchterlein aufsprunge und weinend zur Antwort gab : » ach alte Ilse darumb willtu wegk , denn dein Mütterlein ist ja bei deinen Bruder ; sage mir doch , warumb du mich verlassen wilt , und was ich gegen dich verwirket , damit ich es wieder gut machen kann ? « Aber sie verbarg ihr Gesicht in der Schürzen und schluchzete nur ohne ein Wörtlein herfürzubringen , wannenhero mein Töchterlein ihr die Schürzen wegkziehen , und ihr die Wangen streicheln wollte , umb sie zum Reden zu bringen . Aber als sie solliches merkete , schlug sie mein arm Kind auf die Finger und rief : pfui ! spiee auch vor ihr aus und ging alsobald aus der Thüren . Solliches hatte sie nie nit gethan , da mein Töchterlein ein klein Mädken war , und entsatzten wir beide uns also , daß wir kein Wörtlein sprechen kunnten . Währete aber nit lange ; so erhob mein arm Kind ein groß Geschrei , und worf sich über die Bank und lamentirete immerdar rufend : » Was ist geschehn , was ist geschehn ? « Gläubete also daß ich ihr sagen müßte , was ich in Kundschaft gezogen , nämlich , daß man sie vor eine Hexe ansäh , worauf sie anfinge zu lächeln , anstatt noch mehr zu weinen , und aus der Thüren lief , umb die Magd einzuhohlen , so bereits aus dem Hause gangen war , wie wir gesehen hatten . Kehrete aber nach einer Glockenstunden mit großem Geschrei zurücke : daß alle Leute im Dorfe vor ihr gelaufen , als sie sich hätte von der Magd Kundschaft einziehen wöllen , wo sie geblieben . Item hätten die kleinen Kinder geschrieen , so sie in der Schulen gehabt , und sich vor ihr verkrochen , auch hätte ihr Niemand nit ein Wörtlein geantwortet , sondern wie die Magd vor ihr ausgespieen . Wäre jedoch auf dem Heimbwege gewahr worden , daß schon ein Boot auf dem Wasser sei , darauf eilends an das Ufer gelaufen , und der alten Ilsen aus vollen Kräften nachgeschrieen , so allbereits in dem Boot gesessen . Aber sie hätte sich an Nichtes gekehrt , sich auch gar nit einmal nach ihr umbgesehen , sondern sie mit der Hand fortgewinket . - Und nunmehro fuhr sie fort zu weinen und zu schluchzen den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch , daß ich elender war , denn zuvor in der großen Hungersnoth . Doch sollt es noch ärger kommen , wie man im folgenden Capite sehen wird . Fußnoten 1 plattdeutsch : für Semmel . 2 plattdeutsch : für Flur . 3 Man nahm nämlich in jener schrecklichen Zeit an , daß wenn der Kranke die drei Artikel , und außerdem einige auf das Erlösungswerk bezügliche Bibelsprüche nachsprechen konnte , er nicht besessen sei , weil Niemand Jesum einen Herrn heißen könne ohne durch den heiligen Geist ! 1 Cor . 12 , 3. 4 plattdeutsch : für Schaukel . 5 ich weine nicht . 6 jener . 7 Klingbeutel . 8 Nichts . Capitel 17. Wie mein arm Kind als Hexe eingezogen und gen Pudgla abgeführet wird . Tags darauf , Montag den 12ten July , morgens umb 8 Uhren , als wir in unserer Kümmerniß saßen und judicireten , wer uns wohl sollich Herzeleid bereitet , auch bald übereinkamen , daß Niemand anders nit , denn die vermaledeyete Hexe Lise Kolken es gewest , kame ein Wagen mit vier Pferden vor mein Haus gejaget , worauf sechs Kerls saßen , so alsogleich heruntersprungen . Und gingen zwo an der Vorder- , andere zwo an der Achterthüren stehen , und aber zwo worunter der Büttel Jacob Knake , kamen in die Stuben und geben mir ein offen Schreiben von dem Amtshaubtmann , daß mein Töchterlein , so als eine gottlose Hexe im gemeinen Geschrei stünde , vom peinlichen Rechts wegen sölle eingehohlet und inquiriret werden . Nun kann männiglich vor sich selbsten abnehmen , wie mir umb das Herze wurd , da ich solches lase . Stürzete zu Boden , wie ein umbgehauener Baum , umd kam erst wieder bei mir , als mein Töchterlein sich mit großem Geschrei auf mich wurf und ihre Thränen mir warm über das Angesicht liefen . Als sie aber sahe , daß ich wieder bei mir kam , finge sie an mit lauter Stimmen Gott davor zu preisen , suchte mich auch zu trösten , daß sie ja unschuldig wär und ein gut Gewissen vor ihren Richter trüge , item recitirete sie mir das schöne Sprüchlein Matth . am 5ten Selig seid ihr , wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen , und reden allerlei Uebels wider euch , so sie daran lügen . Und möchte ich nur aufstehen und meinen Rock über das Wammes überziehen und mit ihr kommen , denn ohne mich ließe sie sich nicht vor den Amtshaubtmann führen . Hierzwischen nun aber war das ganze Dorf vor meiner Thüren zusammengestürzet , Weiber , Männer , Kinder ; hielten sich aber geruhlich und sahen nur Alle nach den Fenstern , als wöllten sie uns durch das Haus schauen . Als wir uns beide fertig gemacht , und der Büttel , so mich anfänglich nicht mitnehmen gewollt , nunmehro aber ein Einsehen gebrauchte , vor ein gut Trinkgeld , so ihm mein Töchterlein verehrete , traten wir an den Wagen , aber ich ware so machtlos , daß ich nit hinaufkummen kunnte . Kam also der alte Paassch , so es sahe , und half mir auf den Wagen , wobei er sagte : » Gott tröst Em , wat müt he an Sien Kind erlewen1 und mir die Hand zum Abschied küßete . Auch kamen noch mehr an den Wagen , so ihm folgen wollten , aber ich bate : sie söllten mir das Herze nicht noch schwerer machen und nur ein christlich Aufsehen auf mein Haus und meine Wirthschaft haben , bis ich wiederkäm . Möchten auch fleißig vor mich und mein Töchterlein beten , daß der leidige Satan , so lange Zeit wie ein brüllender Löwe in unserm Dorf umbhergangen , und nun mich selbsten zu verschlingen drohe , seinen Willen nicht vollenführete , sondern mich und mein Kind verlassen müßte , wie den unschuldigen Heiland in der Wüsten . Aber hiezu sagete Niemand nichts , besondern als wir wegk fuhren , hörete ich gar wohl , daß Viele hinter uns ausspieen und Einer sagte : ( mein Töchterlein meinete , es wäre Berowsche ihre Stimme gewest ) » wi willen di lewer Föhr unter dem Rock böten , as vör di beden2 . Seufzeten noch über solche Reden , als wir gen den Kirchhof kamen , wo die vermaledeyete Hexe Lise Kolken in ihrer Hausthüren saß , ihr Gesangbuch für Augen und laut das Lied : » Gott der Vater wohn ' uns bei « quäckete , als wir fürüberfuhren , welches mein arm Töchterlein also verdroß , daß sie unmächtig wurd , und mir wie todt auf den Leib fiel . Bat also den Gutscher zu halten , und schriee der alten Lisen zu , daß sie uns sölle einen Topf mit Wasser bringen ; aber sie thät , als könne sie nit hören , und fuhr fort zu singen , daß es schallte . Dannenhero sprang der Büttel ab , und lief auf mein Begehr in mein Haus zurück , umb einen Topf mit Wasser zu hohlen , kam auch alsobald wieder mit dem Topf , und alles Volk hinter ihm , so nunmehro anhub , laut zu judiciren , daß es das böse Gewissen sei , so mein Kind geschlagen , und sie jetzunder sich schon selbsten verrathen . Dankete dahero Gott , als sie wieder ins Leben kam , und es aus dem Dorf ging . Aber in Ueckeritze war es nicht anders , inmassen dort auch alles Volk zusammengelaufen war , und vor Labahnen seinem Hof auf dem Brink stund , als wir ankamen . Selbiges hielte sich aber ziemlich geruhsam , als wir fürüber fuhren , unangesehen Etzliche riefen : » wo ist ' t möglich , wo ist ' t möglich ! « sonsten hörte ich nichtes . Aber in der Heiden an der Wassermühlen brach der Müller mit allen seinen Knappen herfür , und schriee lachend : » kiekt de Hex , kiekt de Hex ! « worauf auch ein Knappe , mit dem Staubbeutel , so er in den Händen hatte , also nach meim arm Kind schlug , daß sie ganz weiß wurd , und das Mehl wie eine Wolke umb den Wagen zoge . Auf mein Schelten lachete der arge Schalk und vermeinete : wenn sie nie keinen andern Rauch , denn diesen , in der Nasen kriegte , künnte es ihr nicht schaden . Item wurd es in Pudgla noch fast ärger , denn in der Mühlen . Das Volk stand also dicke auf dem Berg , vor dem Schloß , daß wir kaum durch kunnten , und ließ der Amtshaubtmann , wie zu einem Aviso , annoch das arme Sünderglöcklein auf dem Schloßthurm läuten , worauf auch aus dem Kruge und den Häusern noch immer mehr Volks herbeirannte . Etzliche schrieen : » iß dat de Hex ! « Etzliche : » kiekt de Presterhex , de Presterhex ! « und sonsten mehr , was ich aus Schaam nicht hieher setzen mag , rafften auch den Koth aus der Rönne , so aus der Schloßküchen läuft ,