sich und ihn entschieden . So sei es , war Alles , was er ihr endlich zu erwidern vermochte , weil er alle Art von Aufregungen eben so ängstlich mied , als Jenny sie suchte ; und sie besaß nicht Beobachtung genug , in Joseph ' s stillem , ruhigem Gesicht den wahren Schmerz zu lesen , den ihre Entscheidung ihm verursachte . Sie war unzufrieden mit ihm , als sie ihn verließ . Eduard kehrte schon gegen Mittag von seiner Praxis zurück und versuchte umsonst , die Ungeduld zu verbergen , mit der er nach dem Zeiger der Uhr und auf die Straße hinaussah , von welcher die Ersehnte in Begleitung ihres Vetters kommen sollte . Da rollte endlich ein leichtes Fuhrwerk über das Pflaster , hielt vor dem Meierschen hause still , die Thorflügel öffneten sich , der Portier zog die Glocke , und Eduard flog die Treppe hinunter , um die Geliebte selbst zu seiner Familie zu geleiten . Jenny ging ihr bis in das Vorzimmer entgegen , die Mädchen umarmten sich auf Mädchenart mit zärtlichen Küssen , das alte , trauliche » Du « der längst verflossenen Schulzeit wurde hervorgesucht , und es vergingen mehrere Minuten , ehe Clara in das Wohnzimmer zu Madame Meier kam . Sie sah schön aus an dem Tage . Das enganliegende Kleid von heller Seide zeigte ihre stattliche Gestalt ; ein kleiner schwarzer Sammethut hob die frische Farbe des Gesichtes schön hervor , das die langen , blonden Locken reich umgaben . Die Freude , welche ihr dieser Besuch einflößte , der Wunsch , den Eltern des Geliebten zu gefallen , verursachten ihr eine lebhafte Bewegung , die sehr anmuthig an ihr erschien . Jenny konnte nicht aufhören , sie zu betrachten , und Eduard ' s Mutter empfing sie mit der Freude , mit welcher eine zärtliche Mutter die Auserwählte ihres Sohnes begrüßt . Sie fand Clara noch schöner und liebenswürdiger , als sie sich dieselbe gedacht hatte . Der Ton von Demuth in ihrer Stimme , das Weiche , Milde in ihrer Erscheinung , welches sich Eduard gegenüber zu verdoppeln schien , nahmen augenblicklich für sie ein . Die ungeheuchelte Freude , mit der sie die Schätze des Treibhauses bewunderte , das an den Tanzsaal grenzte , die Kindlichkeit , mit der sie Eduard und Jenny glücklich pries , in diesem Hause zu wohnen , machte die Andern mit ihr froh , und selbst Joseph ' s Stimmung wurde freundlicher vor so viel Liebenswürdigkeit . Clara fühlte sich bereits ganz heimisch in dem Kreise , als der Vater hinzukam und man sich zu dem reich versehenen Frühstück niedersetzte , während dessen die Unterhaltung in zwei Theile zerfiel . Hughes hatte Briefe aus London erhalten , theilte manches Neue daraus mit , und es ergab sich in Folge dessen unter den Herren eine Unterhaltung , die zwischen geschäftlichen und politischen Interessen sich hin und her bewegte , und an der auch Eduard Antheil zu nehmen gezwungen war , obgleich er neben Clara saß und mehr auf ihr Gespräch mit den Damen achtete , als er zugestehen wollte . Sie mußte erzählen , wie sich der Unfall zugetragen , der sie so lange an ihr Zimmer gefesselt hatte ; sie konnte nicht genug ausdrücken , wie dankbar sie dem Doctor für seine große Sorgfalt sei , wie seine Freundlichkeit , sein Trost ihr die Stunden des Schmerzes verkürzt hätten . Die Mutter und Jenny waren hoch erfreut über diese Aeußerungen . Aber den Vater machte die Wärme nachdenklich , mit welcher Clara von seinem Sohne sprach . Plötzlich klopfte es an die Thüre . Man rief » herein « , mußte aber den Ruf zum zweiten und dritten Male wiederholen , ehe Steinheim mit Mephisto ' s Worten : » So recht ! Du mußt es dreimal sagen « , seine Mutter am Arme , in das Zimmer trat . Man stand auf , die alte Frau Steinheim zu bewillkommnen . Sie wollte aber durchaus nicht leiden , daß man sich ihretwegen derangire , und bat mit schnarrender Stimme und jüdischem Jargon , gar keine Notiz von ihr zu nehmen , da sie nur auf wenig Augenblicke gekommen sei . Ich war bei der Bentheim , deren Mann krank ist und die außerdem Aerger mit den Dienstboten hat « , sagte sie zur Hausfrau . Denken Sie sich , die Hanne , die Person , welche früher bei der Rosenstiel diente , hat der Bentheim aus der Chiffonière zwei Ringe gestohlen . Da hat sie mich gebeten , bei der Rosenstiel nachzuhören , ob dort Aehnliches passirt sei , und ich will mit meinem Sohne gleich von hier dorthin fahren . Man hat meinen Sohn so gern bei der Rosenstiel ; er amüsirt sich so mit den Mädchen , daß ich ihn leicht dazu bekam , mich zu begleiten . Haben Sie gehört , Jenny , sagte sie zu dieser , wie die älteste Rosenstiel das » Una voce « singt ? göttlich , sage ich Ihnen ! - und ehe noch Jemand Zeit gewann , ihr Fräulein Horn vorzustellen , oder ein Wort zu sprechen ; ehe Jenny ihre letzte Frage beantworten konnte , fuhr sie gegen Clara gewendet fort : Sie kennen doch die Rosenstiels ? Ich habe das Vergnügen nicht , antwortete Clara ganz verwundert über das sonderbare Betragen der alten Frau . Was ? Sie kennen die Rosenstiels nicht ? - Denke Dir , mein Sohn , Fräulein Horn kennt die Rosenstiels nicht ! Haben Sie denn nie von der Malerei der zweiten Tochter gehört ? Ein enormes Talent ! sage ich Ihnen ; eben so viel Genie fürs Malen , wie die älteste für den Gesang . Rein merkwürdig ! Die Mutter ist eine geborne Strahl , von den Strahl ' s aus Frankfurt , abgerechnet , daß die Frau sich zu jugendlich kleidet , eine ganz charmante Frau . Wissen Sie noch , liebste Meier , wie der Doctor Herzheim ihr die Cour machte ? Das kann sie noch nicht vergessen . Mein Sohn würde sagen : » Ewig jung bleibt nur die Phantasie « ; aber wissen Sie , der junge Herzheim wird die älteste Tochter nehmen , sagt man . Ich glaube es nicht , die kann andere Partien machen , sage ich Ihnen ! Es war gut , daß der kleinen starken Frau der Athem zu versagen anfing , denn Clara hatte mit kaum verhehltem Erstaunen die Neuhinzugekommene betrachtet , deren Kleidung , aus Allem zusammengesetzt , was es Neues und Kostbares gab , auf ihrem runden , festgeschnürten Körper und zu dem sehr scharf geschnittenen , alternden Gesichte ebenso sonderbar erschien , als ihre Sprechlust und ihr unaufhörliches Gesticuliren . Um einem neuen Redestrome Schranken zu setzen , fragte Jenny Herrn Steinheim , ob er in den letzten Tagen Erlau nicht gesehen habe , auf den sie vergebens gewartet , um mit ihm das Nähere wegen der Proben zu den lebenden Bildern zu verabreden . Erlau , der nie Anlage zu einem Fixsterne hatte , antwortete der Gefragte , ist jetzt vollkommen zum Planeten der Giovanolla geworden ; er , der ein Stern erster Größe am Kunsthimmel sein könnte . Ich kenne ihn nicht mehr , ich begreife ihn nicht . Was ist da zu begreifen ? sagte der Vater . Er ist ein liebenswürdiger Wildfang , wie er es immer war , und wir wissen , wie ihm Schönheit den Kopf verdreht ; junger Wein will gähren ! » Ich bin so sehr nicht aus der Art geschlagen , daß ich der Liebe Herrschaft sollte schmähen « , recitirte Steinheim , aber dies gänzliche Sichverlieren in solch eine Passion von acht Tagen ist zu komisch . Man sieht ihn gar nicht . Zudem ist er hinausgezogen an den Leuchtthurm , wo ein ewiger Orkan wüthet , und wo man ihn nicht besuchen kann , ohne sich vor Erkältung den Tod zu holen ! Haben Sie ihn in seinem neuen Atelier noch nicht aufgesucht ? fragte Eduard . Das wird ihn gekränkt haben ! Hat er mich gefragt , wie er hinausgezogen ist , ob ich hinaus kommen werde ? Morgen wird ' s ihm einfallen , auf den Domthurm zu ziehen , und er wird es übel nehmen , wenn ich nicht hinauf klettere , um ihn da oben zu besuchen ! Dabei fällt mir ein , liebe Mutter ! daß wir jetzt unsern Besuch bei Madame Rosenstiel nicht länger verschieben dürfen , und ich möchte - obgleich dem Glücklichen keine Uhr schlägt , Dich daran erinnern , uns auf den Weg zu machen , weil es bereits ein Uhr ist . Dieser Vorschlag brachte die alte Dame in die größte Rührigkeit . Sie stand auf , suchte eifrig nach Boa , Mantille und Handschuhen , die sie im Eifer des Gespräches allmälig abgelegt hatte , und empfahl sich mit vielen Complimenten den Anwesenden , nachdem Jenny noch mit Steinheim verabredet hatte , daß für den nächsten Abend die Probe zu den Bildern vor sich gehen sollte . Der ganze kleine Kreis fühlte sich offenbar erleichtert , als die Beiden fortgegangen waren . Jenny schämte sich des unschönen Betragens , das Gäste ihres Hauses vor Clara an den Tag gelegt hatten . Steinheim ' s Citate , seine gesuchten Witze kamen ihr unerträglich vor , und nur ihr angeborner Takt hielt sie zurück , Entschuldigungen deshalb zu machen . Wirklich schien es , als ob etwas Störendes in die vorhin so unbefangene Unterhaltung gekommen sei ; man scherzte und plauderte noch ein Weilchen fort , dann aber brach auch Hughes auf , und mahnte Clara an die Rückkehr . Beim Abschiede händigte Jenny ihrem Gaste das schöne Bouquet ein , indem sie bat , es als einen Willkomm mitzunehmen . Clara dankte herzlich , und als nun die Mutter sie aufforderte , sie und ihr Treibhaus bald wieder zu besuchen , nahm Clara ein paar Immortellenzweige aus dem Bouquet und reichte sie Jenny und Eduard mit der Bemerkung : Die lasse ich zum Pfande hier , daß ich bald wiederkomme , wenn Ihre Mutter es erlaubt . Freundlich reichte sie dem alten Meier die Hand und ging mit Hughes und Eduard davon , um den Rückweg zu Fuß anzutreten und dadurch das köstliche Winterwetter ein wenig länger zu genießen . Ich kenne fast nichts Reizenderes , bemerkte Clara gegen Eduard auf dem Wege , als ein Treibhaus , wie das Ihrer Eltern , in der Mitte des Winters . Diese Farbenpracht , der süße Duft erquicken doppelt zu einer Zeit , in der man Beides nicht erwartet ; abgesehen davon , daß ich schon darum Treibhäuser liebe , weil in der Sorge des Menschen für die Pflanzen etwas Zutraueneinflößendes liegt . Das Letztere , liebe Clara , sagte Hughes , kann doch nur da der Fall sein , wo nicht Prunksucht oder Speculation an der Pflege der Blumen Theil haben . Gewiß nur da , antwortete sie . Aber ich kann es nicht genug sagen , wie ich mich freue , wenn ich finde , daß auch Andere die Blumen so lieb haben , als ich . Blumen sind eine von den Freuden , die Gott uns Allen bestimmt hat , und jene Blumenkasten , welche wir oft an den Fenstern der bescheidenen Armuth sehen , thun mir jedesmal sehr wohl . Wohl ? fragte Eduard verwundert . Mich machen sie fast immer traurig , und das ist ein Eindruck , der seit meiner ersten Kindheit sich gleich geblieben ist . Ich sehe darin immer den Wunsch nach versagten Genüssen , das Streben , sich ein kümmerliches Dasein zu verschönen , oder eine Entsagung , die mir wehe thut . Wo ich solche kleine Blumenkasten sehe , möchte ich von unserm Ueberflusse spenden - und gelegentlich hab ' ich ' s gethan ! fügte er halblaut hinzu . Aber die Leute haben an ihrem kleinen Besitz , wandte Clara ein , vielleicht oftmals ebensoviel Freude , als mancher Reiche an dem größten Treibhaus , und mehr ! Glauben Sie denn , daß ich diese Treibhäuser und Treibhauspflanzen liebe ? fragte Eduard lebhaft . Es liegt etwas Unnatürliches in der Farbenpracht und dem Duft dieser erkünstelten Vegetation , das mich ebenso unangenehm berührt , als die Bewegung der freien Thiere des Waldes in den engen Käfigen einer Menagerie . Für mich ist alles Geschaffene nur schön an dem Ort , für den es geschaffen ward . Ich vermag es zu bewundern , wo ich es finde , aber es freut mich nicht , sobald man es von seinem Platze entfernt . Auf die Gefahr hin , Ihnen zu widersprechen , bekenne ich , mir erscheint die Zusammenstellung einer Masse von Pflanzen aus den verschiedensten Welttheilen , die alle nur ein krüppelhaftes Dasein führen , oft wie eine Verirrung des Geschmackes ; und wenn es nicht wissenschaftlichen Zwecken gälte , möchte ich lieber auf alle tropischen Gewächse verzichten , als sie so kümmerlich gedeihen sehen . Ich sehe ihnen immer an , was sie sein könnten , wenn sie in ihrer Heimat und frei wären , und die armen , kranken Verbannten thun mir dann leid . Clara hörte ihm überrascht zu und blickte mit stillem Entzücken auf ihr schönes Bouquet . Ich habe die südlichen , schönen Gewächse dennoch lieb , sagte sie , und vielleicht ist es das Mitleid mit den Gefangenen , das mich so unwiderstehlich zu ihnen zieht , fügte sie lächelnd hinzu . Wenigstens wäre das echt weiblich , schaltete William ein , als sie das Hornsche Haus erreicht hatten und gemeinschaftlich das Zimmer der Commerzienräthin betraten . Clara war sehr heiter . Sie konnte der Mutter nicht genug von der Herrlichkeit der Treibhäuser erzählen , und sie war noch in der lebhaftesten Beschreibung , als die Commerzienräthin abgerufen wurde . Mir that es leid , sagte Eduard , als Clara ' s Mutter sich entfernt hatte , mir that es leid , daß Frau Steinheim unser Beisammensein störte . Sie meint es gut , aber man fühlt sich doch erleichtert , wenn man sie scheiden sieht . Da Sie selbst das Thema berühren , erwiderte Hughes , so bekenne ich Ihnen , daß mir Herr Steinheim auch nicht eben zusagt , und daß ich es nicht begreife , wie Sie diese ewigen Citate ertragen können . Sein Witzeln , sein Spielen mit den Worten machen mich oft ungeduldig . Ich theile ihre Empfindung , gab Eduard ihm zur Antwort , aber Steinheim ' s üble Angewohnheit ist halbwegs nationell . Es walten in den Juden noch die alten orientalischen Elemente vor ; und noch heute hat z.B. der ungebildete Jude seine Lust an kleinen Erzählungen , wie der Orientale . Er liebt es , sich in Bildern und Gleichnissen auszudrücken , und mag gern Das , was er zu sagen hat , mit einer jener Anekdoten begleiten , die oft schlagend genug sind und deren seine alten Bücher zu Tausenden enthalten . Solche alte Gleichnisse wird nun Steinheim nicht leicht zu benutzen wagen , aber von der Gewohnheit derselben kann auch er nicht loskommen , und die Citate aus neuen und alten Werken müssen ihm als Aushülfe dienen . Mir kam Herr Steinheim originell und geistreich vor , sagte Clara , und etwas Rasches , Bezeichnendes kann man dieser Art nicht absprechen . Dazu sieht er eigentlich sehr gut aus , und dennoch , wenn ich es offen sagen darf , verletzte mich Etwas in seiner Erscheinung . Ich weiß nicht , soll ich es Selbstgenügsamkeit nennen , oder ein gewisses zutrauliches Wesen , das mir von einem Fremden auffiel . Vermuthlich Beides , meinte Eduard . Ich komme leider Ihnen gegenüber immer wieder in die Lage , den Vertheidiger der Juden zu machen . Das haben Sie nicht nöthig ! betheuerte ihm Clara . Ich habe gewiß kein Vorurtheil der Art gehabt ; und wäre das selbst der Fall gewesen , so verdanke ich es Ihnen und William , dasselbe durchaus besiegt zu haben . Wie könnte ich daran noch denken , nachdem Sie mir die Freude gemacht , Ihre verehrten Eltern kennen zu lernen , nachdem ich in Ihrer Familie eben solch glückliche Stunden verlebt habe . Clara schwieg , aus Besorgniß , zu viel gesagt zu haben , und auch Eduard saß sinnend eine Weile neben ihr und las in ihren Augen , was ihr Herz sprach und ihr Mund verschwieg ; dann fuhr er fort : Und doch würden Ihnen viele von den Freunden meiner Familie gar sehr mißfallen , obschon es gute , brave Leute sind . Die Gewohnheit , sich immer nur in demselben Kreise zu bewegen , in welchem Alle sich seit ihrer frühesten Kindheit mindestens dem Namen und den Verhältnissen nach kennen , gibt den Juden eine Art sich gehen zu lassen , die dem Fremden zudringlich und beleidigend erscheinen muß . Ich erfahre das selbst bisweilen . Meine Verhältnisse haben mich zum Theil diesem Kreise entfernt ; ich sehe manche Personen oft kaum einmal im Jahre ; und doch , treffen wir zusammen , so bin ich gezwungen , mir die kleinlichsten Familienereignisse mit unerträglicher Weitschweifigkeit berichten zu lassen . Ihnen bin und bleibe ich der Eduard Meier , der mit ihnen eingesegnet wurde , mit ihnen einmal dies und jenes gemeinsam hatte , und sie können nicht begreifen , daß mich das Thun und Treiben ihrer Onkel und Großonkel nicht ebenso interessire als sie selbst . Das ist aber der Fehler aller engen Kreise , meinte Clara , die mit feinem Gefühl dem Geliebten jede unbequeme Erörterung ersparen wollte . In unsern kleineren und größeren Zirkeln wiederholt sich , was Sie eben rügten . Das darf man nicht so strenge tadeln , denke ich . Und doch thut das alle Welt bei den Juden ! rief Eduard ; bei ihnen , denen man nicht einmal die Möglichkeit läßt , aus ihrem engen Kreise herauszutreten , so gern sie es möchten . Ein Theil der gebildeten Juden kann sich dreist mit jedem andern Gebildeten messen , er würde , wie in Frankreich , sich längst der Masse der Nation angeschlossen haben , er würde auch in Deutschland längst nationalisirt sein , wenn ihn sein Aeußeres , seine dunklere Farbe und das schwarze Haar nicht auf den ersten Blick von den Deutschen unterschieden zeigten . Dies fremde Aeußere erinnert unaufhörlich an eine verschiedene Abkunft und gibt , vom Pöbel ausgehend , dem Judenhasse immer neue Nahrung , von dem wol die Wenigsten so frei sind , daß sie den Juden nicht den Mangel an gesellschaftlicher Bildung zum ächtenden Vorwurf machten . Und man brauchte sie doch nur zu emancipiren , um die Unebenheiten von ihrer Außenseite abzuschleifen . Freilich ist es gar bequem zu sagen : Die Juden haben einen häßlichen Dialekt , häßliche Manieren . - Woher das aber kommt , fragt Niemand ! - Daß es so ist , reicht ja hin , den Juden auszuschließen von der Gesellschaft , und mehr braucht es nicht , mehr will man nicht . Eduard war erregter , als er selbst glaubte , Clara betrübt , und selbst Hughes nicht frei von Befangenheit . Doch bezwang er sich , und sagte : Allerdings trifft die Deutschen der Vorwurf , nur in den Juden die Nationalität nicht anzuerkennen , während sie sonst jeder fremden Eigenthümlichkeit mehr als nöthig nachsehen . Erwarten wir das Beste von der Zukunft , und wenigstens lassen Sie uns die Gegenwart meines Mühmchens mit fröhlicherer Unterhaltung feiern . Das arme Mädchen sieht schon so betrübt aus , als ob es das Unheil verschuldet hätte , und ist so gut , daß es gewiß gern Hülfe und Aenderung brächte . Wenn ich das könnte , rief Clara lebhaft , und Hughes glaubte eine Thräne in ihrem Auge zu sehen , als Eduard sich bald darauf empfahl , nochmals für die Ehre dankend , die Clara ihm erzeigt , indem sie seine Einladung angenommen hatte . Ehre ? seufzte Clara , obgleich Eduard das Wort nur zufällig und achtlos gewählt , Ehre ? - Ach mein Gott ! - Auch William war der Schluß der Unterhaltung peinlich geworden . Es ist Schade , sagte er , als Jener sich entfernt hatte , daß man mit Eduard so gar vorsichtig sein muß , weil man nur zu leicht die Saite seines Gemüthes berührt , die ewig in Klagetönen erklingt , in Dissonanzen , für die es nun einmal noch keine Auflösung gibt . Oft thut es mir leid ; aber man ist nicht immer dazu geneigt , über unabänderliche Verhältnisse zu sprechen und Theil an ihnen zu nehmen ; man will nicht immer Mitleid haben . Mitleid , fiel Clara ein , stolz aus der Seele des Geliebten antwortend , verlangt denn Eduard Mitleid ? Er will sein Recht , das Recht , welches man seinem Volke und damit auch ihm selber vorenthält . Wer darf mehr verlangen , frei und den Besten gleichgestellt zu sein , als er ? Und kannst Du ihn tadeln , daß er in jedem Augenblicke das Unrecht fühlt , welches ihm geschieht ? daß er den Gedanken ausspricht , der zum Grundton seines Wesens geworden ist ? Athmen und frei sein mit seinem Volke , das ist ihm gleichbedeutend ; er kann und will nicht schweigen von Dem , was allein ihm Werth hat . Jeder Mann von Ehre müßte so handeln ; ich begreife das vollkommen . So scheint es , sagte William etwas spöttisch . Es ist nur zu bedauern , daß die Juden nicht viele solch eifrige Vertheidiger finden , als meine schöne Cousine , die ich von ihren Betrachtungen über die Gleichstellung der Juden nicht länger abhalten will . Und verstimmt trennten sich die drei Menschen , die eben erst in schöner Freundschaft glückliche Stunden mit einander genossen hatten . Länger als bis zum folgenden Abende konnte Reinhard es nicht ertragen , von Jenny entfernt zu sein . Mit seiner Mutter hatte er seit ihrer letzten Unterhaltung keine Silbe über seine Liebe gesprochen ; und ein ängstliches , vorsichtiges Schweigen hatte zwischen Mutter und Sohn geherrscht , die sonst in innigster Mittheilung zu leben gewohnt waren . Da schlug am Abend des zweiten Tages die alte Uhr des Wohnzimmers sieben heisere Schläge , und die Pfarrerin hörte , wie Reinhard den Stuhl vom Schreibtisch schob und schnell in seinem Zimmer umherging . Wenige Augenblicke darauf sah sie ihn , zum Ausgehen gerüstet , bei sich eintreten . Gehst Du aus , mein Sohn ? fragte sie . Reinhard bejahte es . Die Pfarrerin schwieg . Da bog er sich hernieder , und sagte schmeichelnd : Gib Deinem Sohne nur einen Abschiedskuß . Wer weiß , ob die Tochter , die ich Dir bringe , mich nicht aus Deinem Herzen verdrängt ! Dann küßte er die Mutter und eilte von dannen , ehe sie ihm Etwas entgegnen konnte . Was hätte sie ihm auch sagen sollen ? Sie faltete die Hände , und suchte , sein Schicksal dem Himmel anvertrauend , Ruhe im Gebet . Je schneller Reinhard dem Meierschen Hause zugeeilt war , je auffallender mußte ihn der Gegensatz überraschen , der sich ihm eben heute zwischen der stillen Wohnung seiner Mutter und dem Treiben in den reichgeschmückten Sälen darbot . Er hatte , wie es Jedem wol begegnet , sich lebhaft vorgestellt , wie er Jenny , mit weiblicher Arbeit beschäftigt , allein finden , wie sie ihn willkommen heißen , ihn um sein Ausbleiben fragen , und wie er ihr es dann endlich sagen werde , daß er sie liebe . Bis in die kleinsten Züge hinein hatte er sich das Bild ausgemalt ; es war ihm lieb geworden , und die Möglichkeit , daß es sich anders machen könne , hatte er sich nicht beikommen lassen . Um so unangenehmer war es ihm , als der Diener ihn nicht in das gewöhnliche Wohnzimmer , sondern in einen der Säle führte , aus dem ihm schon von fern Erlau ' s fröhliches Lachen entgegentönte . Eine Menge Personen bewegten sich bei Reinhard ' s Ankunft unruhig durcheinander . Erlau stand bei einer Theaterdecoration , die ein Gemäuer darstellte , und versuchte , einem jungen Offiziere die Arme in eine bestimmte Stellung zu bringen . Nicht weit davon saß Therese mit einer Dame , Beide in weite Tücher gehüllt , die Kopf und Gestalt umgaben . Madame Meier spielte mit einem Kinde , das ebenfalls bei den Bildern , die man probirte , beschäftigt werden sollte ; kurz jeder der Anwesenden hatte nur Sinn für die Probe , und Reinhard ' s Eintritt wurde kaum beachtet . Wie anders hatte er es sich gedacht ! Jenny war gar nicht in dem Zimmer . Er näherte sich Theresen und fragte nach ihr ; aber Therese hatte sie seit einer Weile nicht gesehen . Es wurde ihm unheimlich in dem Getreibe , er wollte in ein Seitenzimmer und von da , wo möglich , nach Hause gehen , als er , die Nebenstube betretend , Steinheim peroriren hörte . Und warum soll denn nun urplötzlich aus dem Bilde nichts werden , von dem wir uns so viel Effekt versprachen ? Weil ich nicht will ! war Jenny ' s kalte Antwort , die vor dem Spiegel stand und ihre Locken ordnete . Aber das ist es eben , was ich frage , warum wollen Sie nicht ? Sie selbst hatten den Templer und die Jüdin gewählt ; Sie sehen reizend in dem Turban aus ; der Hauptmann ist der stattlichste Templer . Gestern , noch heute früh , war Ihnen Alles genehm , und nun ? - » Löset mir , Graf Oerindur , diesen Zwiespalt der Natur ! « Jenny gab keine Antwort und beschäftigte sich ruhig mit ihrer Frisur , bis Erlau hineinstürmte . Holdes , angebetetes Fräulein ! rief er , keine Capricen ; mein schöner Hauptmann steht mit ausgebreiteten Armen und sieht so sehnsüchtig und so göttlich einfältig in die Ferne , daß sich eine der Himmlischen erbarmen und in seine Arme hinuntersteigen müßte . Seien Sie nicht unerbittlicher ! Sie sind immer ein Engel , eine Göttin ; warum wollen Sie nun absolut mit einem Male eine wasserblaue schmachtende Madonna vorstellen ? Sie , die der Himmel gleichsam für diese glühende Rebecca prädestinirte ? Kommen Sie Fräulein ! oder der Hauptmann kommt aus der Position ! Ich habe Ihnen ja vorhin gesagt , lieber Erlau , mir gefällt das Bild nicht . Zu dem Bendemann ' schen bin ich bereit und will auch gern in irgend einem biblischen Tableau stehen , sonst aber ....... Während Jenny die ersten Worte sagte , gab Erlau Steinheim ein Zeichen , sich zu entfernen , warf sich , ehe sie ausgesprochen , ihr zu Füßen und rief mit komischem Pathos : Aber kann denn ein Candidat der Theologie sich nur in einen Heiligen verwandeln ? Wie , wenn es mir gelänge , ihn zum Orden der Templer zu bekehren ? Jenny war erzürnt und wollte das Zimmer verlassen . Aber Erlau , dessen Muthwillen man Vieles nachsah , hielt sie , darauf bauend , an der Hand zurück . Sind Sie böse , Fräulein ! weil mein kleiner Finger mir einmal die Wahrheit gesagt hat ? fragte er . Sie sind nicht eigensinnig , ich kenne Sie ; dahinter steckt die Meinung Ihres Lehrers und Meisters , dem ich sehr gram sein würde , wenn er nicht das hohe Glück hätte , Ihr und mein Freund zu sein . Wenn nun aber Reinhard selbst ....... Ich wüßte nicht , sagte Jenny mit einer erheuchelten Kälte , die um so schneidender erschien , je bewegter sie war , was Ihnen das Recht gibt , derlei zu vermuthen ? Herrn Reinhard ' s Meinung hat mit meinem Entschlusse Nichts zu schaffen , gar Nichts ! glauben Sie mir das . Erlau fühlte , daß er leichtsinnig zu weit gegangen sei , er wußte auch , daß sie nicht dachte , was sie sprach . Aber während er noch schwankte , was er thun solle , sie zu begütigen , sah Jenny Reinhard plötzlich vor sich stehen . Das nahm ihr alles Maaß und alle Fassung . Sie versuchte zu lachen , setzte schnell den rothen Turban auf , den sie zu der Rolle der Rebecca brauchte , gab dem verwunderten Erlau den Arm und sagte : Kommen Sie ! Sie sollen sehen , daß ich nachzugeben weiß , und daß ich meinen eigenen Willen habe . Damit ging sie mit dem Maler mit flüchtigem Gruß an Reinhard schnell vorüber in den großen Saal . Reinhard war wie versteinert . So vollkommen abstoßend war ihm Jenny nie zuvor erschienen . Schon der Ton , in welchem sie mit den Männern verkehrte , hatte ihn verletzt ; er konnte sich ihr Verhalten nicht erklären und ihre Aeußerung über ihn empörte sein ganzes Herz . Das also war der Lohn für seine Liebe ! Er hatte sich in einen Sessel geworfen , dann hatte er gehen wollen und war doch geblieben . So ging die Zeit hin und er bemerkte es kaum . Er wußte nicht , was er wollte , kaum was er dachte . Es war ihm dumpf und trüb zu Sinn . Mit einem Male trat Therese an ihn heran . Sie hatte ihn gesucht und nahte ihm schüchtern mit der Frage : warum er die Gesellschaft verlassen habe ? Reinhard antwortete ausweichend . Es ist Schade , daß Sie fortgingen , sagte Therese , Jenny sah so schön aus als Rebecca . Es ist eine allgemeine Bewunderung und ich eilte nur hinaus , um Sie zu suchen . Reinhard hörte düster brütend zu . Kommen Sie ! bat Therese freundlich dringend und beängstigt durch des jungen Mannes Schweigen , kommen Sie doch ! und sein Sie nicht so traurig , es thut mir gar zu leid ! - Gutes Kind ! seufzte Reinhard aus tiefster Brust und ergriff Theresens