. Andre Gäste folgten preisend , scherzend , Abschied nehmend , Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten . Es war ihr , als ob in wüstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewühl an ihr vorüberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstürmten . Sie athmete erst auf , als die Zimmer leer wurden , als Meining sie ebenfalls verließ , als sie sich für einen Augenblick allein fand . Sie sah zerstreut um sich her - auf die matter brennenden Kerzen , auf die von der Wärme welkenden Blumen , die die Köpfe sinken ließen - und so wie diese , gebrochen an Körper und Geist , zog sie sich endlich zurück , und ein tiefer , lethargischer Schlaf sank endlich wohlthätig auf ihre Augen nieder . Dreizehntes Capitel Mit dem Gefühle der vollkommensten Stumpfheit erwachte sie am nächsten Morgen . Tag oder Nacht , Leben , Sterben , ihr war Alles gleichgültig . Ein grauer Nebel schien ihr über die Welt gebreitet , die warme Frühlingssonne schien ihr kalt , der blaue Himmel farblos . Was konnte der Tag ihr noch bringen , so unabsehbar lang er sich auch vor ihr ausbreitete . Was sollte sie denken den ganzen Tag hindurch , was erwarten ? Wie sollte sie das Leben ertragen ? Fröstelnd bog sie sich in die Kissen zurück und wollte nochmals zu schlafen versuchen . Ach ! im Schlafe hatte Robert ' s Bild vor ihrer Seele gestanden , und im Wachen an ihn zu denken , war ihr Sünde . Da öffnete Meining leise ihre Thüre und fragte : Bist Du schon wach , mein Kind ? Ich muß um acht Uhr fort , komme erst spät zurück und wollte sehen , wie es Dir nach dem Balle geht ? Clementine richtete sich empor ; der rothe Schein der seidenen Vorhänge fiel auf ihr Gesicht , und sie sah dadurch so frisch , so rosig aus , daß Meining nicht aufhören konnte , ihr zu sagen , wie hübsch sie sei , sie zu küssen und zu preisen , während Nichts in ihrem Herzen seiner Zärtlichkeit entsprach . Jetzt stand sie nach ihrem Empfinden so tief , als jene Frauen , die ihr immer den entschiedensten Abscheu eingeflößt hatten ; sie mußte die Liebkosungen eines Mannes dulden , und ihre ganze Seele gehörte einem Andern . Ein kalter Schauer flog durch ihre Glieder , das Herz krampfte sich ihr zusammen , ein ohnmächtiger Schwindel erfaßte sie . Meining schellte nach der Kammerfrau , holte selbst Essenzen herbei und befragte , als Clementine sich erholt und er sie verlassen hatte , die alte Dienerin , ob die Frau sich früher schon beklagt , ob irgend Etwas vorgefallen wäre ? Das Mädchen wußte nichts zu sagen . Die gnädige Frau hätte gestern Abend sehr angestrengt geschienen , meinte sie , und hätte ihr befohlen , sie so schnell als möglich zu entkleiden und gleich das Licht zu löschen , da sie nicht mehr lesen werde . Aber , fügte sie hinzu , krank muß unsre gnädige Frau wol sein , wenn sie ' s auch nicht wahr haben will . Sie kann seit vielen Wochen , Tage hindurch , wenn sie allein ist , aufgestützt sitzen und weinen , oder mit gefalteten Händen starr auf einen Fleck sehen ; das war sonst niemals ihre Art , und das dauert , bis der Herr Geheimrath nach Hause kommen . Dann ist ' s mit einemmal vorüber , sie ist frisch und munter , aber es hält eben nur nicht lange vor . Dieser Bericht trug nicht dazu bei , Meining ' s Besorgniß zu beruhigen . Eine körperliche Störung war in der Gesundheit seiner Frau nicht vorhanden ; allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt , aber ihre Energie hatte diese Reizbarkeit sonst glücklich und schnell überwunden . Auf mehrfach wiederholte Fragen deshalb hatte sie immer eine ausweichende oder ganz verneinende Antwort gegeben , und es blieb ihm daher nur die Vermuthung , daß irgend ein Seelenleiden seinen nachtheiligen Einfluß auf Clementine äußere . Vergebens aber sann er , was es sein könne . Er war es sich bewußt , seine Frau mit der herzlichsten Liebe umgeben zu haben , sie besaß Alles , was das Leben angenehm machen , es verschönen konnte ; sie schien frei von Leidenschaften , die das Glück stören . Er wußte keinen Grund für das plötzliche Schwinden der Gesundheit aufzufinden und beschloß , unter der Hand bei Marianne nachzuhören , ob er vielleicht durch diese auf die rechte Spur geleitet werden könne . Aber auch bei dieser fand er keinen Aufschluß für die befremdliche Erscheinung . Sehen Sie , bester Geheimrath , meinte sie , Ihre Frau war immer vernünftiger und besser als wir Andern , und nun als Frau ist sie auch wieder nicht wie wir . Sie hat gewiß die richtigsten Grundsätze , aber sie übertreibt sie , sie macht sich alt noch vor der Zeit . Daß sie nicht tanzt , weil sie verheirathet ist , daß sie neulich nicht mit uns fuhr , als wir eine Schlittenpartie machten , und wir Alle , Thalberg an der Spitze , sie darum baten , nur darum nicht mitfuhr , weil Sie nicht daran Theil nehmen konnten , das sind Alles Uebertreibungen , mit denen sie uns Andre tadelt ; und wir müßten es ihr übel nehmen , wäre sie nicht so zuvorkommend und so gut , daß es ganz unmöglich ist , nicht für sie eingenommen zu sein , und das sind wir denn auch Alle , mein Mann und Thalberg nicht am Wenigsten . Sie ist ja auch das Muster einer Frau , denn » Meining wünscht oder Meining möchte nicht gern « das sind ihre entscheidenden Gründe . Machen Sie nur , daß sie sich erholt , denn Sie haben Recht , man sieht es , daß sie leidet . O ! und heute ist sie leidender , als ich sie je gesehen ! bemerkte Meining . Hätte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben , wozu ich selbst vor ein paar Tagen rieth . Aber da war kein Halten , kein Abreden , der Ball mußte durchaus gegeben werden , weil die Vorbereitungen einmal getroffen waren . Nun haben wir die Folgen . Marianne lächelte . Mit dem Ball , sagte sie , hatte es eine eigne Bewandtniß , und da hat Clementine Ihnen einmal nicht die Wahrheit gesagt , wenn sie behauptete , die Einrichtungen wären nicht mehr zu ändern . Thalberg war nur länger nicht zu halten ; sonst hätte sie den Ball wohl aufgeschoben , da sie sich , wie sie selbst mir sagte , wirklich unwohl fühlte . Der Ball galt ja Thalberg ganz allein . Er galt Thalberg ? Was soll das heißen ? fragte Meining sehr verwundert . Sehen Sie , lieber Geheimrath ! das rathe ich so , denn bestimmt weiß ich es nicht - aber ich pflegte mich in solchen Sachen nicht zu irren ! Als ich neulich bei Clementinen vorfuhr , wurde ich abgewiesen ; es hieß , die Staatsräthin sei bei ihr . Was konnte sie mit dieser Geheimes zu berathen haben ? Nachher des Abends , als zuletzt die Partie bei Ihnen war , kam Thalberg , der erwartet wurde , nicht . Clementine sagte uns , er sei vorher bei ihr gewesen , sie hätte eine Weile mit ihm geplaudert und sie gestand mir , es sei die Rede von einer Verheirathung für ihn gewesen . Dabei war sie in bester Laune , also mußte er eingewilligt haben . Nun kommt Ihr Ball . Die kleine Johanne mußte die Tochter vom Hause machen , ich sah selbst , wie Thalberg ihr von Clementinen vorgestellt wurde , und - sie lachte - nun die Sache ist eben abgemacht . Ich glaube , Sie täuschen sich trotzdem , denn Thalberg ist abgereist , oder wird noch heute reisen , sagte Meining . Unmöglich ! rief Marianne mit ihrer ganzen Zuversicht , und es lag Meining nicht daran , sie eines Andern zu überführen . Befreiteren Sinnes sagte er ihr Lebewohl . Die Unterhaltung , bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den Gedanken zu hegen geschienen , daß Clementine sich unglücklich oder nur unzufrieden fühle , war für Meining eine Beruhigung gewesen . Er ging rüstig seinen Tagesgeschäften nach und fand , als er zum Mittage nach Hause kam , seine Frau heiter und freundlich seiner wartend . Sie hatte , weil er ihr die größte Stille empfohlen , in ihrer Stube das Essen auftragen lassen ; sie war bemüht , den Schreck , den sie ihrem Manne am Morgen verursacht , so viel als möglich vergessen zu machen , und er verlangte es nicht besser , als ihrer Versicherung zu glauben , daß er Nichts für sie zu fürchten habe . Vierzehntes Capitel Aus Clementinen ' s Tagebuch . Den 27. Februar . Gott Lob ! Der erste Tag ist vorüber ! und noch ein Tag und noch einer , so geht das Leben hin . Armer Meining ! sollst Du es büßen , daß Du mich lieb hast , mir vertraust ? Soll das der Lohn Deiner Arbeit , die Freude Deines Alters sein , daß Dich in Deinem Hause ein kränkelndes , mißmüthiges Geschöpf empfängt ? Und wie gut er ist , wie er für mich sorgt ; und wie elend ich ' s ihm danke ! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt , mir und Allen . Wenn Robert - fort , fort mit den Gedanken . Ich bin Meining ' s Frau , sein Glück , sein Wohl allein dürfen mein Ziel sein , und Gott wird mir die Kraft geben , es zu erreichen , wenn er sieht , wie ernst ich danach ringe . Den 3. März . Ich bin wohler , Meining ist ruhig über mich . Es kann , es wird Alles noch gut werden , und warum sollte es nicht ? Konnte ich dafür , wenn ein Gefühl , welches ich nicht absichtlich hervorrief , sich nicht gleich unterdrücken ließ und mich beherrschte ? Habe ich nicht Alles versucht , was mir Pflicht und Recht geboten ? Nun ist es vorüber , er ist fort . Auch er wird seinen Frieden wiederfinden und wird glücklich werden . Ich ? - Ich muß es ja sein , weil ich nicht mir selbst gehöre . Im Landhause , den 2. April . So wäre ich denn hier eingerichtet ! Krank , traurig und müde ! o ! so müde ! Es gibt Leiden , die den meisten Menschen glücklicher Weise unbekannt bleiben . Nicht alt zu sein , und hoffnungslos in das Leben zu blicken , ohne Aussicht , ohne Wunsch für die Zukunft , nicht einmal den , daß es jemals anders werden möge . Wo ist die erste , frohe Jugendzeit hin , in der ich reich an Muth , an Lust , und so überreich an Liebe in das Leben sah ? Ich fühlte mich glücklich in der Liebe meines Vaters , kein andres Gefühl in meiner Seele , als ihm Freude zu machen und gut zu sein , um des Guten willen . Damals , es war , ehe ich Robert kannte , war ich frei ! Frei ? wenn ich es endlich würde , wenn mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte - das wäre das Einzige , was ich wünschen darf , was ich wünsche . Dann würden Meining und auch Robert freundlich mein gedenken , und ich schliefe still , wie mein müdes Herz es fordert . Den 10. April . Die Welt ist so schön , Alles scheint glücklich , warum kann ich es nicht sein ? Dadurch kommt oft ein Gefühl von Bitterkeit in mein Herz , das mich erschreckt . Der Vogel darf glücklich und fröhlich von Blatt zu Blatt fliegen , die Blume findet Sonne und Regen , so viel sie bedarf , um schön zu erblühen ; nur ich entbehre Das , was mein Dasein zum Leben machen könnte . Wenn ich Abends hinaufsehe zu dem Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durch leuchten , so begreife ich nicht , wie nicht Einer von all den Sternen Mitleid fühlt mit mir , warum nicht Einer herunterkommt , mich zu trösten , oder warum er nicht heller hervorleuchtet , um mir ein Zeichen zu geben , daß er mich versteht , daß er mein Leiden , mein Sehnen , mein Verzagen kennt . Hätte ich meine Mutter noch , der ich Alles klagen durfte , die würde mich nicht so kalt , so streng an meine Pflicht verweisen , als die Tante ; sie würde ihr müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust , sie würde mit mir weinen , würde mich bedauern . Pflicht ! - Hat denn irgend ein Geschöpf außer dem Menschen eine andre Pflicht , als glücklich zu werden ? Freilich aber ist nur der Mensch in seinem wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen , sich Pflichten zu schaffen , die zu erfüllen ihm fast unmöglich ist . Den 27. April . Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich entschlossen , mit dem Prinzen zu gehen , und ist heute abgereist . Der Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert , und er hat sie nicht ablehnen dürfen . Ich habe ihm angeboten , nachzufolgen , damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen ; ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und hätte den übrigen Theil der Reise allein mit meinem Mädchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt . Vielleicht hätte mir die Zerstreuung wohlgethan ; hauptsächlich hoffte ich aber Meining damit eine Freude zu machen , wenn er mich bald wieder um sich hätte , wenn er in G .... seine Häuslichkeit wieder fände , wo der Prinz sechs bis acht Wochen die Cur gebrauchen muß . Meining hat es aber nicht gewünscht , weil er glaubt , ich würde die Luft dort nicht ertragen können . Nun ist er abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen . Ich solle mich schonen , wie ich sein Leben schonen würde , mich pflegen , mich zerstreuen , damit er mich gesund und froh wiederfände , denn ich sei sein höchstes Gut ! - Wie mich das gedemüthigt hat ! Ich weinte vor Scham , und Meining glaubte , daß meine Thränen nur dem Abschiede von ihm galten - ich täusche ihn mit jedem Athemzuge ! Elendes Dasein ! Wenn er mein Vater wäre , wie könnte ich ihn lieben , ihn , der so gut , so gut ist ; wie zufrieden würde er mit dem Gefühl von Verehrung sein , das ich für ihn hege , wie würde er sich der Liebe seiner Tochter für Thalberg , den er so hoch hält , erfreuen . Jetzt aber ! Den 4. Mai . Ich fühle mich freier , besser in Meining ' s Abwesenheit , weil ich mich nicht , wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven , in jedem Augenblick zu bewachen , zu strafen habe , weil ich nicht , wie ein feiger Sklave , Herz und Geist verstellen muß . Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir sehr wohl . Ich überschreite die Schwelle unsers Gartens kaum , ich ziehe mich ganz in mich selbst zurück , und es scheint mir , als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth käme . Aber noch einmal , nur noch einmal möchte ich ihn sehen , nur noch ein einziges Mal ihn sprechen ! Und wozu ? frage ich mich dann wieder . Könnte ich unter diesen schönen , säuselnden Bäumen schlafen , immerfort schlafen - bis zu Meining ' s Rückkehr ; tief , tief schlafen und dann erwachen , und die ganze Vergangenheit wäre mir entschwunden , wie das Bewußtsein eines bösen Traumes , wenn man früh die Augen aufschlägt und der liebe , helle Tag fröhlich durch die Fenster grüßt . Den 5. Mai . Die Tante kommt noch immer nicht , obgleich ich sie nochmals darum bat . Erst im Juni darf ich sie erwarten . Den 8. Mai . Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf , als der an Robert . Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen , in dessen Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt . Leben und ihn lieben ist mir Eins - wie konnte ich jemals wähnen , ich würde aufhören , ihn zu lieben ? Wie hat man versuchen dürfen , mich zu einer Heirath zu überreden ? Ich habe in der Zeit , die meiner Verlobung folgte , selbst geglaubt , ich müsse ihn einst ruhig wieder sehen können , weil er mein Herz , meinen Stolz so tief gekränkt hat , ich würde ihn deshalb nicht mehr lieben . Thörichter Wahn ! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen die Liebe . Sie ist Alles : Demuth , Hingebung , Selbstverläugnung , Geist , Wahrheit und Stolz ; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten , Stolz auf das Glück , von ihm gewählt zu sein . Das Alles habe ich selbst in mir vernichtet und keine Möglichkeit , es jemals zu ändern . Nun fühle ich die Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstörtheit meines Daseins . Mit aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten , ich möchte ihn nur einmal sehen , nur den Ton seiner Stimme hören - ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen . Den 12. Mai . Er ist wieder hier ; hier , in meiner Nähe . Ich habe seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hören , ich sah ihn durch den Garten zurückkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern . Das ist Glück ! Das ist Sonne und Frühling ! Er hat mir geschrieben , und ich habe den Brief uneröffnet zurückgesandt ; ich hätte es nicht thun sollen . Und doch ! Weiß ich nicht , was er schreibt , was er begehrt , und kann ich es gewähren ? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt . Wie einen Ueberlästigen habe ich ihn abweisen lassen . Wie wird er lächeln über die Feigheit , die sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem Schutz , wie verächtlich wird sie ihm erscheinen . Ich habe verboten , mir irgend einen Besuch zu melden , weil ich Robert allein nicht zurückweisen konnte . Mehr vermag ich nicht . Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet , mein Herz verlangt ihn , die Sehnsucht ist zum körperlichen Schmerz geworden ; ich fühle mich der Verzweiflung , dem Wahnsinn nahe , so verwirren sich meine Gedanken . Ich möchte zu ihm eilen , ich möchte ihm sagen , wie ich ihn liebe . - Ich ! die dreißigjährige Frau , das Weib eines Andern ! Robert an den Hauptmann v. Feld . Berlin , den 16. Mai . Ich hielt es nicht länger aus in Hochberg , und bin wieder hier . Man hatte mir zufällig geschrieben , daß Clementine krank sei , daß ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen scheine . Da litt es mich nicht länger dort , ich mußte sie sehen , ich eilte hieher . Begreifst Du es , mein Freund ? Sie leidet , sie stirbt , und ich , ich trage daran die Schuld , wenn ich sie und mich nicht rette . Nun bin ich acht Tage hier , bin täglich bei ihr gewesen , aber niemals angenommen worden . Es hieß , sie sei zu angegriffen , um Besuche anzunehmen . Was ich auch that , sie zu sehen , Alles war vergeblich , und es gibt Stunden , in denen ich trotz ihres Verbotes in ihr Zimmer dringen , und von ihr fordern möchte , mir nach Hochberg zu folgen , und die Meine zu werden . Ich weiß es , ich fühle es an meiner Liebe für sie , daß sie mich liebt , daß sie für Meining nur kindliche Verehrung hat ; warum sollen wir es büßen , daß sie sich unwürdige Fesseln anlegen ließ , die sie und mich erdrücken ? Was kann der alte Mann an ihr lieben ? Er , der es nicht weiß , was ihr reiches Herz bedarf , wie es geliebt werden muß , wie es zu lieben vermag . Und grade jetzt kann und muß ich sie sprechen , mich mit ihr verständigen , denn Meining ist nicht hier . Heute habe ich ihr geschrieben ; sie hat selbstquälerisch meinen Brief ungelesen zurückgesandt . Ich möchte ihr die Qualen , die sie sich vergrößert , ersparen , und kann es nicht . Sie muß sie durchkämpfen , wie ich es that , um später die Ruhe in sich zu finden , deren sie bedarf . Sie muß es fühlen , wie ich , daß unsre Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist , der zu widerstehen eine Thorheit , eine Sünde ist . Waren je zwei Wesen für einander geschaffen , so ist sie es für mich ; ich könnte sagen , sie sei mein anderes Ich , so finde ich mein Denken in ihr wieder , so theile ich jedes ihrer Gefühle ; und doch drückt es Das nicht aus , was wir einander sind . Plato hat Recht , die Natur schuf den Menschen und trennte ihn in Mann und Weib , damit beide Theile nach Vereinigung streben und ein doppelt glückliches Ganze werden , wenn sie nach schmerzlichem Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen . Sie ist mein , ein Theil meines Selbst , das ich nicht aufgeben kann , feige , wie der Selbstmörder sein Leben von sich wirft ; sie ist die Liebe , der Duft , das Licht meiner Seele , der zarte Wiederhall alles Großen , das ich gedacht - sie war einst mein , sie soll es wieder werden . Wende mir nicht ein , daß ich selbst sie aufgegeben habe ; ich hatte sie vernachlässigt , wir hatten uns vom Wege verirrt , uns verloren ; aber früh oder spät mußten wir uns wiederfinden , wie es geschehen ist , weil wir Eins sind . Nichts , selbst ihr eigner Wille nicht , soll sie mir jetzt entreißen . Ich will mein Glück um jeden Preis ! Ich will es nicht selbstsüchtig wie ein wilder Jüngling ; ich will es , mit der ruhigen , ernsten Ueberzeugung des Mannes von Meining fordern und von ihr selbst , weil mein Glück das ihre ist und ihr Leben rettet . Warum weiset sie mich ab ? Kann sie mich fürchten ? So klein ist Clementine nicht , so gering kann sie von mir nicht denken . Glaubt sie mich zu überreden , daß es ihr gelingen werde , mich für Meining zu opfern , der mir mein Eigenthum , mein Leben geraubt hat ? Nimmermehr ! Hätte ich sie nur gesprochen ! Aber ich kenne ihre Ueberspannung , ihre übertriebene Gewissenhaftigkeit . Freiwillig wird sie mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewähren , und Niemand ist hier , bei dem ich sie treffen könnte . Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist ; sie verläßt ihr Haus nicht , seit Meining abwesend ist , ich habe also keine Wahl . Denke an mich . In wenig Stunden wird mein Loos - ich hoffe es - zu meinem Glück entschieden sein . Fünfzehntes Capitel Es war ein schwüler , heißer Sonntagabend , ein Gewitter lag in der Luft und drückte Clementinen ' s jetzt doppelt reizbare Nerven nieder . Ein Theil der Dienerschaft hatte die Erlaubniß , den Sonntag auswärts zuzubringen , benutzt ; die Uebrigen hielten sich in dem entlegenen Dienerzimmer auf , da die Geheimräthin erklärt hatte , ihrer nicht zu bedürfen . Alles um sie her war still und einsam , sie saß lange in Nachdenken versunken allein . Der Himmel wurde trüber und trüber , wie ihre Stimmung ; ihr Herz war unruhig und furchtsam , wie die Schwalben , die ängstlich hin und her flatterten . Eine Spinne hatte ihr Netz in einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen , gleichen Faden unermüdlich fort , so oft er abriß , ihn auf ' s Neue knüpfend - kein Laut in der Natur , außer dem heimlichen Flüstern der Bäume , die nicht aufzuathmen und sich zu regen wagten , bei der glühenden Luft . Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde nieder . Es war ihr , als müßten sie sie erdrücken , wenn es so fortging . Sie hielt es nicht länger in den dumpfen Zimmern aus , sie hoffte frei aufzuathmen im Freien , sich selbst zu entfliehen , und ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens . Aber auch hier fand sie weder die Kühlung , noch die Beruhigung , deren sie bedurfte ; sie wollte Bewegung , Leben , Menschen um sich sehen . Es trieb sie mit ungewohnter Hast durch die schattigen Partien des Gartens , nach den offneren , freien Plätzen ; sie näherte sich dabei der Straße und sah den Briefträger dem Thore zuschreiten , der ihr einen Brief des Geheimraths brachte . Es war fast zu dunkel geworden , ihn im Freien zu lesen und , da sie sich nicht entschließen konnte , in das Haus zurückzukehren , ging sie in den Pavillon , wo sie für den Abend zu bleiben dachte , zündete selbst die Lichter an und setzte sich zum Lesen nieder . Je länger sie las , je bewegter schien sie zu werden ; endlich legte sie den Brief fort und lehnte sich in den Divan zurück , das Gesicht in den Händen verbergend . Meining ' s liebevoll sehnsüchtiger Brief that ihr mehr wehe , als die härtesten Vorwürfe es vermocht hätten . Es fiel ihr schwer , Lob zu ertragen , das sie nicht verdiente , Liebe zu empfangen , die sie nicht erwiderte , und ein Vertrauen zu genießen , das sie nicht vergelten konnte . Es wäre ihr nicht möglich gewesen , in dieser Stimmung den Brief zu Ende zu lesen , es schien ihr , als wäre er nicht an sie gerichtet . Er galt der Clementine , die Meining ' s würdig war , die Anspruch hatte auf seine Achtung - das war sie nicht mehr . Hatte sie doch gestern noch Robert auf das Lebhafteste herbeigewünscht ; wozu nützte der Kampf einzelner Stunden , wenn der Geliebte immer als Sieger aus demselben hervorging ? Sie warf sich vor , unredlich gegen sich selbst zu sein und - auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an dem Namen des Geliebten , bis sie in jenen Zustand versank , der , eben so fern vom Schlummer , als vom Wachen , nervöse Menschen nach starker , geistiger Aufregung oft befällt . Alle ihre Gedanken flossen und verschwammen in einander , bis die ganze Welt wie ein nebelgraues , unbestimmtes Etwas , das ihr fremd und vollkommen gleichgültig dünkte , vor ihrem getrübten Blicke dalag . Da öffnet sich plötzlich die Thüre des Gartenhauses , die hohe Gestalt eines Mannes erscheint in der Thüre . Er ruft sie an mit ihrem Namen , er breitet ihr seine Arme entgegen und , widerstandlos zu ihm hingezogen , fliegt sie mit einem Ausruf des Entzückens ihm entgegen und sinkt ihm an das Herz . Unter den Küssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust , und die zärtlichsten Worte der Liebe , die süßesten Thränen sagen ihm , wie warm das Herz ihm schlägt , das an dem seinen klopft . Er bat sie nicht um ihre Liebe , er gelobte ihr die seine nicht , und doch floß das Geständniß ihrer Liebe von Clementinen ' s Munde , doch hörte Robert nicht auf , der Geliebten zu sagen , wie glücklich er sei . Er ruhte zu ihren Füßen , er küßte ihre Hände , beugte ihr Haupt zu sich hernieder , und sie barg wieder wie in ihrem Traume ihr Angesicht in seinem dunkeln Haar , das sie spielend durch die feinen Finger gleiten ließ . Worte , die dem Himmel angehörten , wechselten mit kindischem Spiele , wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt . Draußen war es fast Nacht geworden . Ein heftiger Regen fiel in großen , rauschenden Tropfen hernieder ; fern leuchtende Blitze zuckten durch die buntgemalten Fenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine Gemach . Die ängstliche Clementine suchte Robert ' s Hand , wie Schutz erbittend , und er fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser Schwäche . Sieh , Geliebte ! sprach er , so will ich Dich immer behüten , immer suche Zuflucht bei mir . Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit , wie froh macht mich das Gefühl meiner Kraft , Dir , Du Zarte , Schwache ! gegenüber . Glaube mir , alle Eure Gewalt liegt in Eurer Hülflosigkeit ; werde nie muthig , nie stark , meine Geliebte ! Niemals könnte ich , wie Meining , Deiner süßen Furchtsamkeit lachen ; und jedes Gewitter , das über uns aufzieht , soll mir ein liebes Erinnern an diese Stunde sein . Ich will es segnen , wenn es Dich , mein Leben , künftig in den kühlen Gemächern unsres Hauses , nach Schutz verlangend , in meine Arme führt . Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen , aber plötzlich aufschreckend machte sie sich aus den Armen des Geliebten los . Meining ' s Name hatte Alles um sie her verwandelt , das Paradies ihrer Wonne versank , und die Wirklichkeit machte ihre Rechte wieder geltend . In dem Rausch der Ueberraschung , in welche das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie versetzt , hatte sie Alles vergessen , hatte Nichts gedacht , als das unaussprechliche Glück , das sie ihr Leben hindurch ersehnt