. Das Essen war längst zweg , Annelisi hatte gekocht und schoß puckt in der Küche herum . Es war die Verlegenheit des bösen Gewissens , das gerne sich entlastet hätte , aber nicht recht weiß wie . Denn als die Mutter fragte , ob alles zweg sei zum Essen , antwortete Annelisi ganz freundlich und mit viel mehr Worten , als nötig gewesen wäre . Noch fehlte der Vater ; er sei zum Waldacker hinaufgegangen , hieß es . Dort oben am Waldessaum saß Christen , und während der Himmel so heiter über ihm war , die ganze Erde lachte , war es ihm so trüb im Gemüte . So kann es nicht mehr länger bleiben , sagte er zu sich selbst ; kein Essen ist mehr gut , Die Kinder reden in alles , die Diensten ästimieren einen nicht mehr ; eins zieht hier aus , das Andere dort aus , und zuletzt geht alles über mich aus , und mit dem Rücken kann ich ansehen , was ich vom Vater geerbt . Nein , so kann es beim Schieß nicht mehr gehen . Aber was machen ? ZBoden stellen , daß man einmal weiß , wer Meister ist , und wenn es sein muß , sie zuweilen in die Finger nehmen , das wär ds Best , wenn die Kinder nicht wären . Aber man muß sich vor den Kindern schämen , und dann liefen sie fort und der Lärm würde nur größer . Die verfluchten Bettelweiber mit der Geisel wegjagen , und wenn eine ins Haus schleichen würde , sie an den Züpfen hinausführen , so gutete doch wenigstens das verfluchte Verschleipfen . Aber was hätte ich davon , als verbrüllet zu werden im ganzen Land , und wenn eine Frau verschleipfe will , so ist ihr der Tütschel nicht listig genug . Scheide wäre ds Kürzest , und dann könnte ein jedes mit seinem Gelde machen und husen , wie es wollte . Aber wie ginge es dann mit dem Weibergut ? Wenn ich das herausgeben müßte , es täte mir notti weh . Und dazu hätte ich eigentlich gar nichts wider Änni ; wenn es nur weniger narrochtig tät mit dem Bettelvolk und nicht meinte , es mußte jeder Täsche aufwarten mit dem Hemd ab dem Leibe , und weniger regieren wollte und mir die fünftausend Pfund nicht immer vorhielte , so hätte ich gar nichts wider ihns , im Gegenteil , es wäre mir fast noch so lieb wie ehemals . Denn daneben wäre es ein Gutes in alle Spiel , hätte Sorg zu allem , und es sei kein Zeichen im Kalender , über welches es nicht Bericht geben könnte . Öppe so Laster , wie die meisten Weiber damit behaftet seien , wüßte er notti an Änneli keines . Aber die fünftausend Pfund lasse er sich nicht vorhalten ; er sei nicht für seine Freude Vogt gewesen , vermöge sich dessen nichts , und wenn sie einem Menschen weh täten , so täten sie ihm weh , und bsunderbar weil er sehe , daß auf diesem Wege man nicht mehr dazu käme , sondern noch um das , was man hätte . Aber zuletzt wäre ihm an den fünftausend Pfund nicht mehr alles gelegen . Wenn sie nur den vorigen Zustand wieder hätten und Änneli würde wie ehemals , so könnten seinethalb die fünftausend Pfund sein , wo sie wollten . Er könnte dem Bub den Hof abtreten und in die Hinterstube gehen , aber er schäme sich auch , schon abzugeben und mit minderem Vermögen , als er ererbt ; das würde die Leute lächern , und zudem daure ihn der Bub . Wenn sie mit dem ganzen Vermögen nicht fahren möchten , wie sollte es denn der Bub machen können , wenn er den Geschwistern herausgeben und dazu ihnen noch einen großen Schleiß ausrichten müßte ? Und er wüßte auch nicht , wie Änneli das ausstünde . Man habe schon manches Beispiel , daß eine Mutter , wenn man ihr die Haushaltung abgenommen und sie zu nichts mehr etwas hätte sagen sollen , verhürschet worden seie im Kopf , und bsunderbar sei es denen begegnet , die gewohnt gewesen seien , viel auszuteilen , und die nun auf einmal nichts mehr zu geben hätten . Er glaube nicht , daß Änneli das ausstünde , wenn man ihm auf einmal alles abnehmen würde , und daran möchte er doch nicht schuld sein , es sei daneben doch noch ein Gutes gewesen . Nun habe man Beispiele , daß man mit ihnen umginge gerade wie mit Vieh . Nit , solange er lebte , wollte er schon dafür sorgen , daß es nicht geschehen würde , aber man wisse nicht , wer zuerst davon müsse . Er wüßte eine Frau , die auch verhürschet worden sei , weil man ihr alles eingeschlossen und sie zu keiner Sache mehr etwas hätte sagen sollen und nichts mehr geben , und die man jetzt , seit ihr Mann gestorben , behandle wie ein Unvernünftiges , sie einsam und abgesondert einschließe und niemand zu ihr lasse . Und doch sei es nicht , daß die Leute es nicht vermöchten . Er möchte an solchem nicht schuld sein , solches müsse einst abgebüßt werden an beiden Orten , hienache und dortnache , und was die Kinder nicht alles ausessen , das warte noch den Kindeskindern . Und selb möge er nicht . Resli täte es jetzt freilich nicht , aber man wisse nicht , was er für eine Frau erhalte , und was eine Frau aus einem Menschen zu machen vermöge , das wisse man auch nicht . Man habe Beispiele , daß aus den freinsten Burschen halbe Tüfle worden seien vor Gyt und Unverstand , wenn sie Weiber darnach erhalten hätten . Ja , wenn es Wyb z ' ungutem geratet , so hat es siebe Manne use und dr Tüfel könnt byn ihm ga Lehrbueb sy . Aber was er anfangen wolle , das wüßte er wahrhaftig nicht , aber so stehe er es nicht mehr aus . Bis hieher dachte Christen , nun versank er in tiefes , bewußtloses Sinnen ; einzelne Glockenklänge , mit denen leise Winde über den Wald her spielten , weckten ihn . Es war das Zeichen , daß der Gottesdienst zu Ende sei , und eine Mahnung , wieder zu kommen am Nachmittage , damit der Same , welcher mit fleißiger Hand ausgestreut worden sei , mit Ernst und Nachdruck eingeeggt werden könne in den seltsamen Boden des Gemütes , wo der bessere Same so gerne sich verflüchtigt oder sonst nicht zum Leben kömmt . Ich sollte heim , dachte Christen , wenn ich zur rechten Zeit beim Essen sein will , aber ich weiß nicht , ich mag nicht , es ist mir allemal , wenn ich dem Haus zu komme , wie wenn jemand vor dem Hause wäre und mit einem Stecken mir wehrte oder als ob etwas Böses , Grüslichs gehen sollte , daß ich fast nicht dranhin dürfte . Ehemals ist das doch nicht so gewesen , es ist mir gegangen fast wie einem Schiff , wo der Fluß immer stärker unter ihm dahinschießt . So habe ich immer stärker laufen müssen und manchmal fast springen , je näher ich meinem Hause kam . Da war es schön . Und wiederum sann Christen , bis ihm laut der Wunsch entrann : » Ach , wenn es nur wieder so wäre ! « Aber es wieder so zu machen , wußte er nicht , kein Rat kam . Trübselig machte er sich nach Hause , und sein Trübsal war bald mehr bitter und bald mehr wehmütig und bald mehr trotzig und bald mehr melancholisch , je nachdem die Wolke gefärbt war , welche über seine Seele strich . Aber die Färbungen dieser verschiedenen Wolken sah man auf seinem Gesichte nicht , das war ungefähr wie ein Holzstich , der die nämliche Färbung behält , man mag ihn betrachten , von welcher Seite man will , und wenn die Sonne scheinet oder wenn es regnet . Es ist kommod und unkommod , ein solch Gesicht , aber Staatsmänner und Spitzbuben würden oft viel Geld darum geben . Freilich gibt es auch Staatsmänner , welche es bereits haben , das sind dann aber sogenannte . Spitzbuben gibt es aber sehr selten sogenannte , die unterscheiden sich von den Staatsmännern eben dadurch , daß sie meist wirkliche sind . Dieses Gesicht brachte er heim , und mit diesem Gesicht setzte er sich oben an den Tisch , und es war erbärmlich anzusehen , wie schnell und schweigend gegessen ward , fast als ob jedes in einem Wespenneste säße ; aber es meinte jedes , aus Christens Gesicht würde Blitz und Donner brechen bei dem geringsten Anlaß , wenn etwa ein Bettler hoschete oder ein Handwerksmann Geld wollte . Jedes merkte , daß es hinter dem Gesichte grollte und gärte ; aber daß es naher dem Weinen als dem Donner war , eben das sah man nicht . Freilich donnert man zuweilen auch aus lauter Verlegenheit , weil man nicht mehr recht weiß , wie man weint . Es machte also ein jedes , daß es wegkam so bald möglich , auch Änneli nahm nur eine Gablete oder zwei und suchte die Küche wieder . Das beelendete Christen aber immer mehr , er wußte auch nicht , daß Änneli nicht seinetwegen so schnell abseitsging , sondern weil ihr immer das Weinen zuvorderst war und ihr Herz überhaupt so voll , daß sie meinte , es müßte zerspringen . Er glaubte , sie sei noch böse und kupe , und eben das sei das Unglück , daß sie nie vergessen könne und wochenlang die Sache wiederkaue , so daß wenn er zufrieden sein möchte und längst alles vergessen , Änneli das Alte immer wieder aufwärme , und das sei doch ehedem ganz anders gewesen , und das sei noch ärger , als wenn man am Sonntag Schnitz und ein Mus koche und beides die ganze Woche durch wärme ; so sei nicht dabei zu sein , und das Leben erleide ihm . So bald möglich machte er sich auch vom Tische fort und stund lange draußen auf der Bsetzi und wußte nicht was machen . Er wäre lieber daheim geblieben , aber daheim fürchtete er Streit , mochte mit Änneli heute nicht alleine sein , er wollte heute nicht mehr streiten , und doch war es ihm zuwider , wegzugehen . Endlich ging er und war schon ein langes Stück gegangen , ehe es ihm einfiel , wie und wo er seinen Nachmittag zubringen könnte . Änneli hatte ihm aus dem Küchenfenster zugesehen und gedacht : Bleibt er wohl oder geht er wieder ? Wenn er doch daheimbleiben würde , wir wären alleine diesen Nachmittag , da wollte ich das Herz in beide Hände nehmen und es ihm leeren und mich unterziehen und um Verzeihung bitten und ihm anhalten , daß er nicht mehr so sei ; es sei mir nicht nur wegen mir und von wegen den Leuten , sondern bsunderbar wegen den Kindern . Aber ums Bleiben durfte sie ihn nicht bitten , was würde er denken , dachte sie . Aber als er ging , als er nicht umkehrte , sie ihn nicht mehr sah , da schoß ihr das Wasser in die Augen wie vom Berge der Bach , wenn eine Wolke gebrochen ist . Sie mußte abseits . An schönen Sonntagen und besonders wo keine kleinen Kinder sind , ist es oft einsam des Nachmittags um einen Bauernhof . Man kann zweimal ums Haus herumgehen , man merkt nichts Lebendiges als vielleicht ein Schwein , das sich kündet , wenn man dem Trog zu nahe kömmt , oder ein Pferd , welches durch den leeren Bahren wiehert . Zuweilen sieht man beim dritten Mal einen Hans oder einen Peter , der im Schatten eines Baumes wohl schläft , das Gesicht nach unten gekehrt , die Beine aber vom Knie weg gen Himmel gestreckt . Sehr oft aber sucht man umsonst unter den Bäumen nach solchen Himmelszeigern , man muß am Hause hoschen , muß drei- , viermal hoschen , stark , aber geduldig ; dann kömmt endlich beim siebenten oder achten Mal eine ingrimmige Stimme aus der hintern Stüblistüre : » Doppelt neuer ? « Es ist die Stimme der Bäuerin , welche sich vor dem Fliegenheer ins Hinterstübli geflüchtet hat , erst lesen wollte in einem geistlichen Buche , aber unwiderstehlich gelockt worden war hinter den dicken Umhang ums breite Bett , wo in der ungewohnten Stille bald ein seliges Schläfchen sie umfing , bis der unwillkommene Doppler sie weckte . Nachdem sie denselben abgefertigt , sieht sie ihm ein Weilchen nach , geht zum Brunnen , weckt sich durch einige Züge des schönen , Bläschen werfenden Wassers und macht dann die Runde ums Haus und in der Hofstatt , bis es Zeit wird , das Nachtessen zu rüsten , oder es sie gelüstet , privatim ein Kaffee zu machen . Fast ebenso hätte es der Besucher auf jenem Hofe selben Sonntag getroffen , alle waren ausgeflogen bis an Änneli , das gaumete . Anfangs war sie , nachdem sie hinter der letzten Jungfrau , welche ausflog , die Türe geschlossen hatte , auch ins Hinterstübli gegangen , hatte den Kopf aufs Bett gelegt , aber nicht Schlafens wegen , sondern weil er so schwer von Trübsal und Jammer war . Es war ihr , als hätte sie eine innere Gewißheit , daß sie bald sterben müßte , und im Streit scheiden wollte sie nicht , kein Plätzchen im Himmel finden wollte sie nicht , wo keine arme Frau ihr eines machen konnte , auch beim besten Willen nicht , wenn sie nicht versöhnt zur Himmelstüre gekommen . Wie sollte sie es anfangen , Frieden zu machen ? Christen schien alle Tage verstockter und unversöhnlicher , und nicht das mindeste Wörtlein nahm er von ihr an . So sann und weinte sie trostlos lange , bis ein Doppeln an der Haustüre sie störte . Änneli zögerte ; eine Bäuerin erscheint nicht gerne mit verweinten Augen unter der Haustüre , es wäre ihr recht gewesen , wenn der Klopfende weitergegangen wäre . Als derselbe aber nicht absetzte , so erlaubte es dem Änneli ihr gutes Herz nicht , zu tun , als wäre gar niemand daheim , wie es wohl oft geschieht . Ich muß doch gehen , wenn es etwa ein Unglück wäre oder jemand für einen Kranken etwas wollte , ich müßte mir noch auf meine Letze ein Gewissen machen , und selb will ich doch nicht , dachte sie bei sich selbst . Sie setzte die Kappe wieder auf , strich Die Haare zurecht , wischte mit der feuchten Hand die roten Augen aus und öffnete . Da stund draußen der Polizeier und begehrte eine Unterschrift . Eigentlich war es eine flotte Dampete , welche er im Sinne trug , in deren Hintergrunde ihm ein tüchtiges Glas Schnaps glänzte nebst dem dazugehörigen Stück Brot wie ein Licht in dunkler Nacht . Denn so ein Polizeier ist oft neben seinem Amte auch zugleich eine alte Frau , die sich mit Neuigkeiten Herumtragen abgibt , mit dem Unterschiede jedoch , daß er für seine Mühe lieber Schnaps nimmt als Kaffee , während eine eigentliche alte Frau den Kaffee mehr liebt . Änneli hörte ihn sonst nicht ungerne , und es geschah selten , daß der Polizeier den Mund nicht noch lange bald schleckete , bald abwischte , wenn er vom Hause wegging . Diesmal war Änneli nicht aufgelegt zum Dampen , öffnete nur den obern Teil der Türe und diesen nur halb , sagte : » Christen ist nicht daheim , du mußt ein andermal kommen . « Die üblichen Fragen : » Wo ist er hin ? Kommt er bald heim ? Wenn ich wüßte , daß er bald käme , ich wollte warten « , fertigte Änneli kurz ab , und als der Polizeier vom Wetter anfing und sagte , es sei schön und er traue , es wolle einen Rung so bleiben , es wäre gut , da sagte Änneli : » Es wär gut , aber ds Beste ist , wenn man es nimmt , wie es kömmt . « » Du hast recht « , sagte der Polizeier , » aber wenn mans könnte , du gute Frau du . « » He , man sollte es lernen « , sagte Änneli und machte die Öffnung in der Türe immer kleiner , so daß der Polizeier es endlich merkte , daß er unwert sei und gehen könne . » He , so will ich ein Haus weiter « , sagte er endlich traurig und sann , ehe er Adie sagte , noch lange nach , wo er wohl Zeit zu einer Dampeten und ein Glas Schnaps dazu finden könnte . Kaum war er dort abgesessen , so sagte er , was es wohl bei ds Bure in Liebewyl wieder gegeben habe ; wenn es denen dort gut gehe , so verstehe er sich nicht mehr darauf . Die Bäuerin hätte ganz verplärete Augen gehabt , und als er nach dem Manne gefragt , da hätte es ihn gedünkt , sie möge es kaum hervor , bringen , sie wüßte nicht , wo er sei und wann er heimkomme . Und er wolle doch gefragt haben , wo eine rechte Frau sei , die nicht wüßte , wo der Mann sei ! Änneli aber hatte die Türe zugemacht , das Bett im Hinterstübli zurechtgerüttelt , ging zur hintern Türe aus , zog sie hinter sich zu , machte die Runde ums Haus , besichtigte die Ställe , in welchen sie lange nicht gewesen war , machte ihren Schweinen einen Besuch , und sie begrüßten sie freundlich mit Grunzen und Schnürfeln und erhielten zum Dank dafür einen Armvoll grünes Gras in den Trog . Von dort trappete Änneli in die Hofstatt hinaus , trappete von Baum zu Baum , freute sich des Segens , der so reichlich die Bäume schmückte , dachte bei jeder Sorte , für was sie wohl gut wäre , und wie ein Feldherr die Truppen zur Schlacht , so ordnete Änneli die sämtliche Masse nach ihrem Wert und Dienst , zum Behalten , zum Verkauf , zu Schnitzen und zu Bätzi , zu Most und zu Branntwein , kam unvermerkt zum Flachs , der dicht und schlank emporwuchs , dem Hanf nachstrebte , der hochmütig auf ihn herabsah . So kam Änneli immer weiter , von einem zum Andern , und alles war üppig und schön , und als sie am Rain hinterm Hause das Ganze übersah , da hüpfte ihr das Herz fast vor Freude , denn so schön hatte sie noch nie alles gesehen , und einen schönern Hof gebe es doch nicht , dachte sie . Aber da kam schon wieder der Jammer , gerade wie in nassen Jahren nach jedem Sonnenblick ein nur um so ärgeres Regenwetter kömmt . Das alles ist unser , und wie gut Händel könnten wir nicht haben , und jetzt , wie haben wirs ! Übler zweg sind wir als die ärmsten Kacheler und Häftlimacher , und nicht wegen der Armut , wir hätten Sachen genug für uns und öppe auch für unsere Kinder , aber da inwendig ists nicht gut , da hat bös Wetter alles verherget . Änneli setzte sich nieder , sah über das reiche Land hinweg , sah , wie alles im reichsten Segen prangte , vom Tale weg bis hinauf zu den Gipfeln der Vorberge , sah , so weit das Auge reichte , den Himmel rundum sich senken den Spitzen der Berge zu , sah ihn umranden den Kreis , welchen ihr Auge ermaß , sah , wie da eins ward der Himmel und die Erde , und von dieser Einigung kam der reiche Segen , kam der Sonne Licht , kam der Regen , kam der geheimnisreiche Tau , kam die wunderbare Kraft , welche Leben schafft im Schoße der Erde . Es ward dem Änneli ganz eigen ums Herz , als sie diese Einigung zwischen Himmel und Erde erkannte und wie eben deswegen alles so schön und herrlich sei und so wunderbar anzuschauen , weil Friede sei zwischen Himmel und Erde , der Himmel seine Fülle spende , die Erde den Himmel preise . Und sie dachte , ob denn eigentlich der Himmel nicht alles umranden sollte , nicht bloß die Erde , sondern auch der Menschen Leben , so daß wenn die Jahre ihn drängen an der Erde äußersten Rand , vor ihm der Himmel offen liege . Darum auch alle seine Verhältnisse ein jegliches zum Berge wird , auf den der Himmel sich senket und aus dem er in den Himmel steigen kann . Ja , jeder Tag des Lebens , ein kleines Leben für sich , sollte der nicht im Himmel beginnen , und wenn wir einen heißen Tag lang gewandert sind , der Abend kömmt und der Schlaf über die müden Augen , sollten wir da nicht Herberge halten , wo der Himmel die Erde berührt und die Engelein auf- und niedersteigen und Wache halten über den schlafenden Pilgrim , der im Herrn entschlafen ist , damit wenn die Sonne wieder kömmt , er wohlbewahret im Herrn erwache , gekräftigt in himmlischer Ruhe zu irdischer Geschäftigkeit ? Und hatten wir es nicht ehedem so ? frug Änneli sich . Wenn die Nacht kam , am Ende des Tages die Ruhe winkte , hoben wir da unsere Seelen nicht hinauf und suchten in Gott und mit Gott Friede und Ruhe und ließen dahinten der Erde Elend und versenkten ins Meer des Vergessens böse Gedanken und jegliches Nachtragen ? Da ward uns wohl , und jeden Morgen nahmen wir den Segen Gottes mit in den Tag hinein , und jeden Abend legten wir ab , was die Erde Unreines an uns gebracht . Jetzt aber legen wir nichts mehr ab , legen uns schlafen mitten in Not und Elend , in Groll und Gram hinein , und böse Geister kommen in der Nacht und nähren in wilden Träumen Gram und Groll . Und am Morgen scheint keine helle Sonne einem ins Gemüt hinein , keinen Segen Gottes nehmen wir in den jungen Tag hinein , sondern das alte Elend , die alte Not , welche über Nacht noch gewachsen sind und wachsen von Tag zu Tag , so daß sie jeden Tag unser ganzes Leben umranden , unser Auge keinen Himmel mehr sieht , wie in trüben Regen- , in schwarzen Gewittertagen auch nur dunkle Wolken auf den Bergen liegen und kein Himmel zu sehen ist . Da ging Änneli so recht klar zum erstenmal ihre Schuld auf , wie sie zu beten aufgehört hatte und wie von diesem Augenblicke an Groll und Gram gewurzelt seien in ihren Gemütern , und was sonst jeden Abend vorüberging , ein Bleibendes geworden . Wohl hatte sie auch für sich gebetet , aber das Gebet war nicht hinübergeklungen in Christens Seele , hatte nicht mehr geebnet alle Anstöße , ja es hatte sich immer weniger erhoben zu Gott , hatte die Seele im Dunkel ihres Jammers gelassen , und immer mehr waren es nur Worte gewesen , die , wie Steine im Flußbette rollen , ihr über die Zunge gerollt waren . Das Licht von oben läuterte ihre Seele nicht mehr , aber die Erde trübte sie jeden Tag mehr . So ging ihr auf ihre Schuld , und ihres Elendes Anfang suchte sie nicht mehr im Verlust der fünftausend Pfund , welche mehr dem Manne als ihr zur Last fielen , sondern im Zerreißen des geistigen Bandes , welches so lange ihre Seelen in Treue und Liebe zusammengehalten hatte , und dieses Zerreißen war ihre Schuld . Diese Erkenntnis , die fast wie ein Blitz durch ihre Seele fuhr , erschütterte Änneli tief . Das hatte sie nicht gesehen , nicht begriffen , und lag es ihr doch so vor den Füßen ! Und diese Schuld hätte sie beinahe mit sich ins andere Leben genommen , mit sich genommen die Seufzer ihrer Kinder , denen sie ihr Leben vergiftet und vielleicht auch ihre Herzen . Jetzt erkannte sie , wie man den Splitter sieht in des Nächsten Auge , den Balken im eigenen Auge aber nicht . Ach , wenn sie Gott mit dem Gerichte gerichtet hätte , mit welchem sie oft ihren Mann gerichtet ! Eine unendliche Demut kam über sie , sie sah , wie tief unten sie war , keine Strafe schien ihr groß genug , und sie bat die Strafe nicht ab , sondern sie fühlte einen innigen Wunsch , gestraft zu werden , eine Freudigkeit , jede Strafe zu ertragen ; es dünkte ihr , erst dann würde es ihr wieder wohlen , wenn Gott sie so recht züchtigte , dann erst wüßte sie , daß Gottes Augen , von denen sie so lange nichts gemerkt , wieder auf ihr ruhten , seine Hand wieder offen wäre über ihr . Sie fühlte aber auch , daß sie gut machen müsse , was sie gefehlt , bekennen müsse ihre Schuld , es ward ihr so recht von ganzer Seele klar , daß nur dem , der seine Sünden von Herzen bekenne , könne vergeben werden , und nicht nur so obenhin einmal und in Bausch und Bogen bekennen , in der Hoffnung plötzlicher Vergebung und Auswischens , sondern sie bekennen in der Liebe , die sich nicht verbittern läßt , die alle Tage die Schuld bekennet , ohne Versöhnung zu erhalten , die im Bekenntnisse verharret , auch wenn der Bruder das Bekenntnis mißbraucht , sein eigen Unrecht nicht erkennt , sondern alle Tage häuft . Sie wußte , daß an ihr nun alles lag , daß sie der Angel war , um den des Hauses Schicksal sich drehte , daß sie die Hand ans Werk legen müsse sonder Zagen und Zaudern , denn kömmt nicht der Herr wie ein Dieb in der Nacht und fordert von seinem Knechte Rechnung über seinen Haushalt ? Sie wußte , sie mußte vor allem aus das zerrissene Band wieder anknüpfen ; das war ihr großes , ihr heiliges Werk . Man liest so oft von Helden , die Übermenschliches vollbrachten , von Märtyrern , welche Übermenschliches ertrugen ; die Schwächern beben , die Kühnern glühen , wünschen die Tage wieder herauf , wo solchen Ruhm die Kraft erwarb , verwünschen unsere Tage , die so geschliffen einherrollen , einer dem andern gleich , dem Menschen nichts zu bieten scheinen als den Kampf mit der Langenweile in diesen geschliffenen Zeiten und bei den durch sie geschliffenen Menschen . Es ist eine Eigenheit des Menschen , daß er die Größe und das Mächtige nur nach Pfunden , Zahlen , Längen und Breiten zu messen weiß , daß er fürs Geistige keinen andern Maßstab hat als der Zeitungsschreiber für seine Schlachten , deren Größe er nach der Zahl der Toten berechnet und nach der Menge der getanen Kanonenschüsse . Nun aber gibt es Helden und Martyrer immerfort , und die Gelegenheiten dazu kommen jeden Tag . Wo göttliche Kraft im Menschen ist , da sprudelt sie hervor , und wo ist auf Erden die Quelle , welche nicht ihr Bett gefunden ? Die ächte Kraft weiß im Kleinen groß zu sein , der öde Hochmut nur harret immer auf die Gelegenheit , groß zu werden , und harret immer umsonst , und wenn eine Gelegenheit zu Großem käme , so würde er nicht groß werden , sondern gar jämmerlich klein , so wie ein eitler Mensch , der in allen Ängsten nach einem Titel ringt , sei es ein geistlicher oder ein weltlicher , erst recht erbärmlich wird , wenn er denselben erhaschet hat . Ächte Heldenherrlichkeit , großen Märtyrersinn findet und sieht man heute wie immer , man muß ihn nur zu erkennen wissen im Leben und nicht bloß , wenn er geschrieben angepriesen wird , man muß ihn nur zu suchen wissen in jedem Lebensverhältnis und nicht meinen , er blühe nur auf Schlachtfeldern oder Blutgerüsten . Diese Demut aber , die aus der Liebe stammet , Die alles erträgt , alles erduldet , sich nicht verbittern läßt , die da , wo Gott sie stellet , ausharret bis ans Ende , sei es zum Leben , sei es zum Tode , ausharret in dem Bewußtsein , daß über dem Menschen des Herrn Wille walte und dieser Wille ertragen werden müsse zur eigenen Sühnung und Anderer Heil , im Größten wie im Kleinsten : diese Demut ist der Sinn , der die Helden zeugte , aus dem die Martyrer hervortraten , der noch jetzt Helden und Martyrer zeuget . Diese Demut kam über Änneli und dazu eine rechte Freudigkeit , alles auszustehen , was Gott nur für gut finde , und nicht nachzulassen , bis alles wieder sei wie ehedem , wo die Mutter noch lebte . Und jetzt erst war es ihr , als durfte sie so recht wieder an die Mutter denken , und es fiel ihr auf , wie sie sie von Tag zu Tag mehr vergessen und in der letzten Zeit gar nicht an sie gedacht habe . Jetzt hob sie ihre Augen zu ihr auf , und ein Friede kam ihr ins Gemüte und eine fröhliche Zuversicht , wie sie sie lange nicht gefühlt . Das kömmt von der Mutter , dachte sie , sie freut sich auch deiner und will dich aussteuern zu deinem heiligen Werke , wie sie dich während ihres Lebens auch so manchmal aussteuerte mit gutem Rat und lebendiger Vermahnung . Als Änneli so auf dem Berge gerungen und gesieget hatte und sie die Augen aufhob , da schien ihr alles noch viel schöner als sonst , und der Himmel schien ihr nicht nur Die Erde zu umranden , sondern sich auf dieselbe gesenket , mit ihr verwoben zu haben ,