, nicht niet- und nagelfest aussehen . Es muß eine Ruhepause zwischen der vergangenen und der kommenden Bewegung , es muß verschwebend , nicht wurzelfassend im Erdboden , sein . Eine Frau , die schön steht , gleicht einer Königin , um die sich Dienerinnen - der Sonne , um die sich Planeten bewegen . So stand Faustine . Sie hatte sich spät und schwer entschlossen zu gehen , da sie aber einmal in der Gesellschaft war , so war sie nach ihrer Art munter und triumphirend ; nur so zeigte sie sich den Gleichgültigen . Konnte sie das nicht über sich gewinnen , so blieb sie daheim . Feldern sagte : » Wie freu ' ich mich , daß Sie wieder bei uns sind , anbetungswürdige Gräfin . « » Grüß ' Sie Gott , Herr von Feldern ! « antwortete Faustine . » Sie hätten aber doch wol sagen können : angebetete Gräfin ! da sogar Junker Tobias sagt : » Ich bin auch einmal angebetet worden . « « Mengen horchte hoch auf . Aber sie scherzt ja ! sprach er zu sich selbst ; so schön und so munter - das ist recht selten . Schönheiten begnügen sich gewöhnlich damit , schön zu sein . Sie wollen sich nicht selbst - Andere sollen sie amüsiren ! das macht sie kläglich langweilig . - Zu diesen hochverrätherischen Gesinnungen gegen die Schönheit veranlaßte ihn seine Gegnerin im Schach : Lady Geraldin , die das non plus ultra von Liebenswürdigkeit gethan zu haben wähnte , dadurch , daß sie sich zeigte und sich anblicken ließ . Faustine setzte sich zu Frau von Eilau . Die Herren und Damen der Tafelrunde verbargen sie fast ganz vor Mengens Blick , der nur dann und wann ihren Kopf wahrnahm , wenn ein Anderer sich rechts oder links bog . Er hätte für sein Leben gern diesen Kopf ununterbrochen betrachtet , studirt - man konnte ihn studiren wegen der interessanten Mischungen des Ausdrucks - er schob seinen Stuhl bald so , bald anders , aber es half ihm zu nichts , als daß Lady Geraldin fragend ihn ansah und einen seiner Springer nahm . Er mußte sich gedulden . Dieser Kopf , der über einer mit Schwan besetzten Mantille schwebte , wie der Mond über lichtem Gewölk , und der bald auftauchte , bald hinter Wolken verschwand , hatte etwas seltsam Reizendes : er kam immer mit einem neuen Ausdruck zum Vorschein . Faustinens Augen faßten ihren Gegenstand fest an , wie mit einer sichern Hand ; sie forschten nicht , sie fragten kaum , sie wußten ; sie verhehlten und überschleierten auch nichts , sie waren wolkenlos und vertrauenerweckend , wie der Himmel ; unbekümmert , als gäbe es nichts Häßliches auf der Welt zu sehen , und rein , als wären sie nie der Gemeinheit begegnet . Die Augen eines Engels ! dachte Mengen . Um ihren Mund gaukelten Muthwille , Schalkheit , Stolz , Bewußtsein der Ueberlegenheit , Spott . Und der Mund eines Menschen ! fügte er hinzu . Aber das warme Colorit , das bewegliche Mienenspiel , die weichen Umrisse verschmolzen den Engel und den Menschen zu einem äußerst lieblichen Weibe . Und gerade diese Mischung ist so anziehend ! Das allgemein Menschliche macht , daß solch Gesicht uns gleich ganz vertraut anblickt und uns gewinnt , indem es uns glauben macht , wir hätten einen lieben Freund , der so aussieht . Und wenn wir es genauer beobachten , so wird es durch das Charakteristische dermaßen individualisirt , daß wir nach zehn Minuten die Ueberzeugung gewinnen , es sei lediglich für diese Person geschaffen , vielleicht gar , sie selbst habe es sich geschaffen - was im Grunde jeder Mensch thut , der zum Bewußtsein gekommen . Die Richtung der Seele drückt dem Körper ihren Stempel auf . Lady Geraldin hatte das Spiel gewonnen ; Mario stand auf ; da sagte sie gleichmüthig : » Sie haben mich absichtlich gewinnen lassen ; das mag ich nicht . Noch eine Partie ! « Mit freundlichem Grimm gehorchte er , und beschloß , so gut zu spielen , daß sie in fünf Minuten matt sein sollte . Allein sie war ihm gewachsen : es ging nicht so rasch . Am runden Tische wurde lebhaft geredet . » So heirathet der junge , reiche , gescheute Mann , der eine der ersten Partien in Europa hätte machen können , diese intriguante Person , die wenigstens zehn Jahre älter ist , als er « - beschloß Jemand eine Tagesgeschichte . » Desto früher wird er ihrer überdrüssig werden . « » Und auf ein zärtliches Glück ist es wol nicht von ihrer Seite abgesehen ! sie will einen glänzenden Namen , Vermögen , welches selbst im Fall einer Scheidung ihr ausgemacht ist .... « - » Bravo ! im Ehecontract die Scheidung zu bedenken - das gefällt mir ! das ist eine Vorsicht im grandiosen Styl . « » Ich nenne das gemein « - sprach Faustine ruhig . » Eltern können aber wirklich kaum mehr ohne jede mögliche hypothekarische Sicherheit ihre Töchter einem Manne anvertrauen . Nach zwei , drei Jahren ist die Sache zu Ende , wie ein Schauspiel , und die ganze Zukunft eines Mädchens zerstört . « » Ich weiß wol ! « entgegnete sie ; » aber ich finde es entadelnd für ein Mädchen , wie ein Ballen Waaren assekurirt , hin und her spedirt zu werden . Kaufmännisch gemein , gehört diese Institution ganz einer Zeit an , die gleich der Schlange , nach der Edda , an den Wurzeln des Baumes nagt , der den Himmel und die Götter trägt . Das Gefühl wird an der Wurzel untergraben . Ein Mädchen soll die Zuversicht haben , daß weder Himmel noch Hölle sie von ihrem künftigen Gatten trennen können . Hat sie die nicht , so heirathe sie ihn nicht . « » Aber sie hatte sie oft , und verliert sie nur später . « » Ich meine blos , daß ich einen Kaufmann nicht achte , der auf seinen Bankerott speculirt , um reicher zu werden , als er vor demselben war . « » Vertheidigen Sie denn gar nicht Ihre arme Cousine ? « wurde ein junger Mann gefragt . » Nach zehn Jahren werd ' ich es thun ! so lange Zeit brauche ich , um die Wendung der Dinge zu beobachten ! in zehn Jahren müssen sie sich auf eine oder die andere Seite geneigt haben , und dann kann man etwas Anderes vorbringen , als Muthmaßungen und Voraussetzungen . « » Ich finde auch wirklich die Zumuthung etwas stark , « sagte Faustine lachend , » daß wir alle Dumm-und Thorheiten unserer Verwandten vertreten und vertheidigen sollen . Ich danke Gott , wenn es mir bei meinen eigenen gelingt . « » Wie können Sie sich selbst so verleumden ! « rief Feldern . » Keine Verleumdung ! « antwortete sie ; » aber das Wort Dummheiten ist Ihnen zu kräftig , nicht wahr ? also will ich lieber sprechen : meine allerliebsten kleinen Thorheiten machen mir so viel zu schaffen , daß ich nicht Zeit habe , die anderer Menschen wahrzunehmen . Allerliebste kleine Thorheiten , bester Feldern , können Sie nun doch einmal Ihrem Schützling , dem Menschengeschlechte , nicht wegleugnen , so viel Mühe sich auch Ihr gutes Herz deshalb giebt . « » Es ist wirklich wahr , der Herzog von * * * hat auf einem Maskenball in Pilgertracht dem Herrn * * * ein bairisches Adelsdiplom überreicht - selbst überreicht , en masque ! ist das nicht himmlisch ? « sagte einer der Herren . » Ein Scandal ist es ! eine Entwürdigung ! - Nicht himmlisch , sondern himmelschreiend ! - Eine verbesserte Auflage von der altmodischen Form : besser Ritter , als Knecht ! « - rief man durcheinander . » Warum denken die Fürsten nicht Belohnungen aus , welche auf ihre Kosten gehen ? « » Weil es ihnen bequemer ist , auf die unsern zu geben . « » Und weil der Belohnte so sehr viel lieber » von « vor seinen Namen schreibt , als » Ritter des und des Ordens neunundneunzigster Classe « - hinter denselben der Kürze wegen ! « » Der Adel sollte beim Bundestage einkommen gegen diesen Mißbrauch . « » Den die Fürsten treiben ! wir sind keine Reichsritterschaft mehr und müssen uns Alles gefallen lassen , vom Plebs des Volks und der Fürsten . « » Und dann , « sagte Faustine , » klingt Herr von Fischer von Schmerlenbach und Herr von Schwarz von Mohrenland so durch und durch plebejisch , daß es keiner Seele einfallen wird , sie in einer alten Chronik oder einem Turnierbuch zu suchen ; und das ist ja der alleinige Spaß , den wir noch von unsern Namen haben . « » Ich verlange keinen Spaß von meinem Namen , gnädigste Gräfin , sondern Ehre . « » Daß weiß ich , Graf Kirchberg , « antwortete sie freundlich ; » weil Letzteres lediglich von unsrer Persönlichkeit abhängt , so hat es ja gar keinen Einfluß auf Sie , ob der Herr Peter - Baron von Petershausen wird . Dalberg und Berlichingen klingen doch anders , nicht blos für unser Ohr , auch für das unsrer Gegner und Rivale , und das eben , daß etwas Unfaßbares darin liegt , etwas Idealisches , tönender als der Geldbeutel , gewichtiger als Berge von Akten , zauberhafter als die schwarze Kunst der Industrie - das ist mein Gaudium ! Ich bitte um Verzeihung wegen dieses Studentenausdrucks , aber ich bleibe beim Gaudium ! - Die Leute zucken die Achsel über den leeren Schall des Wortes : er ist von Adel ; sie machen sich lustig über den Adel , sie suchen bald ihn mit Füßen zu treten , bald ihn zu überflügeln , sie coudoyiren ihn - hier mit der sterilen Aufgeblasenheit des Reichthums , dort mit dem würdigern Bewußtsein des Verdienstes , und wenn ihnen die Möglichkeit eröffnet wird , in die Reihen der gehöhnten Kaste einzutreten , so wischen sie den plebejen Schweiß von der Stirn , holen Athem , lassen sich nieder , kurz , sie zeigen , daß sie am Ziel sind . Meine lieben Freunde , ist denn das kein Gaudium für uns ? « » Man kann sich freilich über Alles lustig machen , « sagte Kirchberg , » aber diese Sache hat doch auch ihre sehr traurige Seite . Freilich lassen diese Leute , eingedrängt und eingeschoben - gleichviel ! sich zwischen uns nieder , und dafür drängen sie uns , wie der Kuckuck den Hänfling , aus dem Neste . Sie bekommen den Grundbesitz in die Hände . Viehhändler , Fabrikanten , Banquiers kaufen uraltadlige Herrschaften . Der Erdboden wird unterminirt für die Aristokratie ; sie steht nur noch auf einer dünnen Erdschicht - überall ! sogar in Oesterreich , wo der Banquier Sina jährlich für mehre Millionen ungarische Besitzungen kauft , und wo überhaupt die ganze Finanz mit unbeschreiblich bitterm Haß dem Bestehen der Aristokratie zusieht . Sie können ihr ihren frivolen Uebermuth nicht vergeben ! als ob ein schwerfälliger besser wäre ! Wenn diese Leute oben sein werden , so werden sie mit Fäusten schlagen , wo wir mit dem Schwert . « » O der Uebermuth , der uns immer zum Mißbrauch der herrlichsten Gaben und Kräfte verlockt , « rief Faustine , » ist für Völker und Individuen das , was ich die Erbsünde nenne . « » Ach wie gut , « sagte eine Dame , » daß ich endlich einmal eine verständliche Erklärung von der Erbsünde bekomme ! Bitte , gute Gräfin , können Sie mir nicht eben so kurz und faßlich erklären , was Sie unter der Sünde gegen den heiligen Geist verstehen ? « » Die Dummheit , « - sagte Faustine . » Oh ! « rief die Dame bestürzt . » Ja , die Dummheit , die sich gegen die bessere Erkenntniß sträubt . « » Weil ihr die Einsicht fehlt . « » Nein , weil es nicht in ihren Kram paßt . Die dümmsten Leute sind pfiffig und schlau , wenn es ihren Vortheil gilt , und nur dumm , wenn ihnen die Sache gleichgültig , aber stockdumm , wenn sie zu ihrem Nachtheil ist . Was der Mensch nur ernstlich verstehen will , das versteht er auch . « Nach diesen Worten wickelte Faustine sich in ihre Mantille und glitt aus dem Salon . Als Mario endlich mit einem erlösungsfrohen : » Matt ! « die Augen aufschlug , war sie verschwunden . Er that innerlich das Gelübde , in drei Monaten kein Schachbrett anzusehen - so ärgerlich war er . Lady Geraldins Versicherung : sie habe sich gut unterhalten - was eine große Auszeichnung für ihn sein sollte - dünkte ihn gar kein Ersatz . Er hatte zwar kein Wort von dem verstanden , was Faustine gesagt , allein es schien ihm , als habe ihr allerliebster Mund das Brevet empfangen , nichts Alltägliches vorzubringen . Er war im höchsten Grade verstimmt . Faustine schrieb an Andlau : » Anastas , mein Viellieber , komm bald zurück , ich beschwöre Dich . Zehn Tage sind es erst , seit Du gegangen , aber jeder Minute in diesen zehn Tagen hab ' ich ihre Länge angefühlt , habe empfunden , daß sie sechzig Secunden hat . Du wirst mir Vorwürfe darüber machen , wirst mir sagen , ich sei nicht einfältig genug , um mir selbst einen solchen Dämmerungszustand zu erlauben , und dies und das ! aber wie soll ich ihn denn vermeiden ? Bin ich allein , so denk ' ich : Allons , meine Hände und Gedanken , tummelt euch , zerstreut mich . Bin ich unter Menschen , so möchte ich ihnen dasselbe zurufen . Aber eine Zerstreuung auf Commando ist ein Handwerk , welches nur in der untergeordneten Sphäre unsrer Thätigkeit getrieben wird . Rede ich , so thut es mir leid , daß Du mir nicht zuhörst ; schweige ich , so thut es mir leid , daß meine Gedanken so in der Stille umkommen . Es ist ein Nichtgenügen in dieser Existenz , welches mich aufreibt , weil doch immer der brennende Wunsch da ist , es auszufüllen . Menschen , welche große Heilige geworden sind , müssen durchaus auf diesem Punkt gestanden haben , als sie sprachen : Ich will mich aufmachen und zum Vater gehen ! - Aber es gehört ein gewaltiges Genie dazu , um ein Heiliger zu werden ; ich meine , ein gewaltiges , beflügeltes , weltüberwindendes , Glück und Schmerz geringachtendes Herz ; und was ich von diesen Eigenschaften besitze , reicht nur gerade aus , mich an das Deine zu legen . - Du wirst sagen : ich sei im vergangenen Sommer und auch früher schon auf einige Wochen von Dir getrennt gewesen , und hätte mich darein geschickt . Ja , Herz ! im Sommer ! da ist es ganz anders , weil die Natur mir zugänglich ist . Die Sonne ist mein Plafond , der Himmel repräsentirt meine vier Wände , da giebt ' s Freiheit und Schönheit , Lust und Leben . Jetzt bin ich eingemauert wie eine verbrecherische Nonne , bedrückt , geängstigt . Der Sturm heult , es regnet und schneit durcheinander , die Wolken wissen nicht , wohin sie sollen , die Paar armen dürren Blätter , welche noch am Baum festhielten und welche jeder Windstoß abwirbelt , wissen nicht , was mit ihnen geschehen wird , und flattern gepeinigt umher , die Bäume ringen in Verzweiflung ihre Aeste , wie dürre abgemagerte Hände , und es geht ein Aechzen und Heulen und Wimmern durch die Natur . Wie sollte ich diese Desolation nicht empfinden ! ich fürchte mich - und es kann mir doch Niemand ein Leid thun ! mich friert - und es ist doch ganz warm und behaglich in meinem Zimmerlein ! Furchtsam und zitternd möcht ' ich mich verbergen und erwärmen an Deiner Brust , mein Freund ! mein Engel ! - Wenn nur kein Unglück einbricht ! auf diese unbestimmte Angst sollte ich gar nichts geben , weil sie mich immer fern von Dir überfällt ; aber doch sehe ich mich um in der Welt nach der Wolke , die über meinem Haupte hängt , und wage nicht einen Schritt vorwärts zu thun , aus Besorgniß vor einem verborgenen Abgrund . - - - So weit schrieb ich gestern Abend . Weil lauter Gespenster um mich tanzten , mochte ich nicht unter ihrem Einfluß den Brief beenden ; ich ging schlafen , und heute , wo die Sonne am Himmel steht , hab ' ich meine Bangigkeit ziemlich verloren . Beachte sie nicht , d.h. halte mir keine Strafpredigt deshalb . Ich weiß selbst , wie wenig es sich für einen verständigen Menschen schickt , gleich einer Wetterfahne abhängig von Wind und Wetter zu sein . Aber bedenke die geringen Anlagen , welche ich zu einem verständigen Menschen habe , und Du wirst Nachsicht üben - gelt ? - Ueberdies bin ich selbst meiner Gespensterscheu müde , - ich will arbeiten ! das bannet böse Geister . Und wer kann mir denn etwas anhaben ? Draußen scheint die Sonne , freilich nur ein mattes , schwächliches Novembersönnchen , weil die Erde an ihrem Gängelband so weitab gelaufen ist , als sie nur kann ; aber drinnen wohnt die Liebe , und gar nicht novemberlich , glaube mir ! Darum werde ich gut malen ! Der Genius der Kunst hat einen so starken Flügelschlag , daß er meine Atmosphäre mit dem reinsten , feinsten Aether erfüllt . A tout prendre , Anastas , bin ich doch eins der glücklichsten Geschöpfe auf der wunderschönen Gotteswelt . Das muß Dich unaussprechlich glücklich machen ; denn was ich von Glück weiß , weiß ich durch Dich . Gott mit Dir , wie ich es bin ! « Sie führte ihren Vorsatz aus und widmete sich mit dem regsten Eifer der Malerei . Sie malte den ganzen Tag ; sie speiste in später Stunde , um keine Zeit zu verlieren . Dann , um etwas frische Luft zu athmen , fuhr sie spazieren , weil sie im Finstern nicht gehen konnte . Endlich beschloß sie ihren Tag damit , daß sie die Abendstunden mit ernster Lectüre von geschichtlichen Werken hinbrachte . Für die Gesellschaft war sie unsichtbar . Frau von Eilau , Feldern , Graf Kirchberg besuchten sie zuweilen am Abend . Letzterer fragte einmal : » Wie lange denken Sie dies einsiedlerische Leben fortzuführen , Gräfin ? « » Ich weiß nicht , « sagte sie , » aber es ist mir so angenehm , daß ich es gern immer führte . Man muß nur den Kopf sehr voll und die Phantasie sehr beschäftigt haben , um es zu ertragen und Vergnügen daran zu finden . Ich vermisse nichts , denn meine guten Freunde suchen mich auf . « » Aber wir vermissen Sie in größern Cirkeln . « » In Gottes Namen ! « sagte Faustine lachend . » Sie glauben es nicht ? « rief er eifrig . » Ja , ja ! ich glaube es sehr gern ! die Leute unterhalten sich gut mit mir , weil ich immer sage , was ich denke , immer von innen heraus rede , und das ist ihnen neu . Aber was habe ich davon , für gleichgültige Menschen eine Amüsements-Maschine zu sein ? « » Allgemeines Interesse zu wecken und zu gewähren , ist ein Vorzug , um den Tausende Sie beneiden würden , und den Sie nicht so spöttisch wegwerfen sollten . Jeder reichbegabte Mensch hat eben durch seine Gaben die Verpflichtung übernommen , sie im weitmöglichsten Kreise wirksam werden zu lassen . Thut er es nicht , speichert er seine Schätze auf , sei es des Goldes , sei es der Wesenheit .... « - » So ist er ein Geiziger ! « unterbrach Faustine . » Ach , guter Graf , der Vorwurf trifft mich nicht . Giebt es ein Geschöpf , das immer und ewig zu geben bereit ist , so bin ich es - nur nicht für alle Welt ! Und wenn ich es bedenke - ja selbst für alle Welt ! ich lüge nicht , ich heuchle nicht , ich verstecke nicht meine Herzensempfindung , ich gebe immer Wahrheit - wer thut mir ein Gleiches ? « » Aber Sie weisen doch zuweilen Menschen von sich ab . « » Wenn ich fühle , daß wir nicht zusammenpassen . « » Nein , von Hause aus . « » Ich bitte um ein Beispiel . « » Nun , als Feldern Sie vorgestern gebeten hat , Ihnen seinen Freund Graf Mengen vorstellen zu dürfen , haben Sie es ganz verdrießlich abgelehnt . « » Verdrießlich ? o das ist ein Feldernscher Einfall ! er ist ein wenig empfindlich , der gute Feldern , und wenn ich nicht gleich auf der Stelle mit offnen Armen seinem Freund entgegen eile , so spricht er : ich sei verdrießlich . Ich habe ihn nur gebeten , noch ein wenig zu warten . Wenn ich in besserer geselliger Laune sein werde , will ich Graf Mengen herzlich gern empfangen . « » Ist es Ihnen nicht sehr auffallend , daß der sonst allerdings höchst empfindliche Feldern das Verhältniß zu Fräulein Stein erträgt ? « » Wie so ? was ist vorgefallen ? « » O gar nichts ! sie zeigt nur eine äußerst geringe Sehnsucht , seine Frau zu werden . « » Es schickt sich nicht anders . « » A la bonne heure ! aber sie zeigt dezidirt das Gegentheil ! « » Herr des Himmels ! « rief Faustine , » er wird sie alsdann doch nicht heirathen ? « Kirchberg zuckte die Achseln . Sie fuhr fort : » Lieber Graf , gehen Sie auf der Stelle zu Feldern und bitten Sie ihn , zu mir zu kommen . « » Wollen Sie ihm verbieten , sie zu heirathen ? können Sie es ? - Sonst aber .... was haben Sie ihm über diesen Punkt zu sagen ? « » Nichts , als ihn zu beschwören , sie nicht zu heirathen . « » Das ist mißlich , theure Gräfin . Vielleicht wird er es von selbst nicht thun , denn die Hochzeit ist ins Ungewisse verschoben , bis zur gänzlichen Herstellung von Fräulein Stein ; und ich glaube - die erfolgt nie . Was wollen Sie sich in unbehagliche Verhältnisse mischen , da beide Personen Ihrem Herzen nicht nah genug stehen , um Ihnen über das Verdrießliche einer solchen Einmischung hinweg zu helfen - für die man ohnehin selten Dank findet ? « » O ihr Weltmenschen ! « rief Faustine . » Oberflächliches Herumtreiben in der Gesellschaft begehrt Ihr von mir ! schwatzen und tanzen , witzeln und kokettiren soll ich ! Wenn ich sage : das langweilt mich - so antwortet Ihr ganz ernsthaft : Es ist Pflicht , mit den Nebenmenschen umzugehn ! Und wenn ich es dann auf meine Weise thun will , so heißt es : Halt ! halt ! nur nicht mit der Thür ins Haus gefallen ! nur nicht gleich treuherzig die Hand geschüttelt ! nur kein ehrliches , wohlmeinendes Wort gesprochen ! nur immer geflittert und geflattert - das ist ganz genug ! - O Kirchberg , ich mag Euch Menschen nicht leiden . « » Ich verdenke es Ihnen nicht , holde Gräfin , ich mag sie auch nicht leiden , und eben darum ist es eine solche Erquickung , einem Wesen wie Ihnen zu begegnen , daß Sie vor Keinem Ihr Dasein verhüllen sollten . « » Sie sind en train mir Liebenswürdigkeiten auszukramen , « sagte Faustine lachend ; » ich kann sie nur leider gar nicht brauchen . Ein Paar Notizen über Feldern wären mir lieber . « » Die kann ich leider nicht geben ! « antwortete Kirchberg in demselben Ton , und ging . Schon zwei Monat waren vergangen ; Andlau kam nicht wieder . Die Geschäfte seiner verstorbenen Mutter waren in großer Unordnung . Seine Brüder hatten lebhafte Neigung , ihren Nachlaß zu theilen , gar keine - ihn zu entwirren . Er stand mit seiner grandiosen Uneigennützigkeit so frei zwischen ihnen beiden , daß sie gleiches Vertrauen zu ihm hegten und ihn beschworen , das Ganze in seine Hand zu nehmen , um es zu schlichten . » Das Gut meiner verstorbenen Mutter muß erst verkauft werden - schrieb er an Faustine - das mag sich bis zum Frühling hinziehen : so lange müssen wir Geduld haben , meine Ini ! dann bin ich frei , und doppelt meiner Freiheit froh , weil ich sie durch ein Opfer mir erkauft habe . Meine Geschäfte sind langweiliger Art ! ich muß hier und dorthin fahren , muß mit diesen und jenen Leuten unterhandeln - nun , das ist nichts für Dich ! Dir soll ich von andern Dingen erzählen ! Süße und Liebe , wer kann auch anders , als von süßen und lieblichen Dingen zu Dir sprechen ? wer kann anders , als zu Deinen Füßen niedersinken und Dich anbeten , nicht weil Du schön , nicht weil Du anmuthig bist , nicht weil Du diesen oder jenen Vorzug hast , sondern nur weil es eine Wonne ist , ein Geschöpf anzubeten , das , wie von silbernen Flügeln getragen , über die staubige Erde hingeht . Der Gedanke an Dich ruhet mich aus , wenn ich müde bin von dem künstlichen Treiben der Menschen ; erfrischt mich , wenn mir die Seele welk wird von ihrem Lügenhauch ; erhebt mich , wenn Zweifel an Treue und Wahrheit mich beschleicht . Du bist für mich das Compendium der Schönheit . In Dir hab ' ich Alles vereint , und ein Atom Deines Wesens beseelt mir jede Erscheinung des Lebens . Die Frauen haben größern Einfluß auf die Männer , als umgekehrt . Sie sind so subtil , daß sie in das gesammte Lebensgeäder des Mannes wie Balsam oder wie Gift eindringen . Obgleich es ihrer Eitelkeit schmeichelt , wollen die Frauen doch nichts von diesem immensen Einfluß wissen , weil sie sich vor der Verantwortung fürchten , welche er nach sich zieht . Aber er ist unleugbar . Hier stirbt ein Mensch , weil ihm seine Liebste untreu gewesen ist , ein gemeiner Mensch - hör ' an die Geschichte : Es war ein wunderhübsches Bauermädchen auf dem Gut meines jüngsten Bruders , das einzige Kind ihrer Eltern , der Stolz des Dorfes , Braut von einem jungen Knecht , der nicht reich war , nicht hübsch , kurz keine andern Vorzüge hatte , als den , daß er sie und sie ihn liebte . Ein reicher Bauersohn aus der Nachbarschaft , so wie ein Jäger meines Bruders , hatten um das Mädchen geworben und waren spöttisch abgewiesen worden ; sie hatte ihren Schatz ! Diesen Herbst sollte die Hochzeit sein . Ehe es so weit kam , schien wol eine Veränderung mit dem Mädchen vorgegangen , aber wie das gewöhnlich geht : das fiel Allen erst ein , nachdem die Sache sich aufgelöst hatte . Drei Tage vor der Hochzeit geht sie mit ihrem Bräutigam zum Jahrmarkt in die Stadt . Da tritt bei einer Bude ein junger Soldat , etwas betrunken , zu ihr heran , und sagt ein Paar Worte , die das Mädchen und ihren Bräutigam zittern und erbleichen machen . Letzterer ruft dem Soldaten zu : Du lügst ! und der erwidert lachend : Es steht ja der Verena auf die Stirn geschrieben . Da , ohne sich einen Augenblick zu besinnen , ohne ein Wort zu sprechen , nimmt der Knecht das Messer , welches er eben gekauft , und stößt es dem Mädchen bis ans Heft in den Busen . Sie starb binnen vier und zwanzig Stunden , unaufhörlich wiederholend , daß ihr Liebster ganz recht daran gethan , sie zu tödten , denn sie sei ihm falsch gewesen und habe auch keinen ruhigen Tag mehr gehabt , seit sie sich mit dem Soldaten zu weit eingelassen . Der Soldat , schnell ernüchtert , beschwor die Aerzte , das Mädchen zu retten , und betheuerte immer bei Seele und Seligkeit , er habe nur in trunkenem Muthe gesprochen , er wisse nichts von dem Mädchen . Der unglückliche Mörder , in Kerker und Banden , sagt nichts als : Ich will sterben , denn das Verenli ist falsch gewesen und die Welt taugt nichts . Weiß der Himmel , welch Urtheil man ihm sprechen wird . Ist das nicht eine hübsche Geschichte ? Du meinst , nur in höhern Ständen , unzerstreut durch Arbeiten und geringe Bedürftigkeiten der Existenz , könne sich die Liebe bis zur intensesten Leidenschaft ausbilden , und nichts halte ihr besser das Gleichgewicht , als wenn man sich um das tägliche Brot bemühen müsse . Hier hast Du einen Beweis vom Gegentheil . Vielleicht ist ' s eine Ausnahme ; wie ich denn überhaupt eine gewaltige , dauernde Liebe zu den Ausnahmen rechne , beim Volk und bei den Vornehmen . Jene kommen nicht dazu , weil ihre Seelenkräfte unentwickelt bleiben beim sterilen Handwerk ; diese , weil das hohle , entnervende Treiben der Gesellschaft auf sie wirkt , wie Regenschauer auf Vogelflügel : sie verlieren ihre frische Elastizität . Und selbst wenn bei allen Classen die Energie sich vollkommen entfaltet hätte , so würde man deshalb kaum häufiger die Liebe finden , denn sie ist wie das Genie etwas , was man empfängt , nicht erstrebt ; und man könnte sie in ihrer Unwillkürlichkeit capriciös nennen , wenn man sie nicht lieber göttlich nennen mag . Lebe wohl , Du - meine Göttin mag ich nicht sagen : sie steht