war mir ' s immer so traurig , grad am hellen Mittag , wenn da so ein Bienchen eine Weile herumschwärmte . - Ach was ! - Ich will lieber was anders denken . - Du bist recht gut , daß Du allerlei so sub rosa hervorleuchten läßt , was mich heimlich freut . - Was mir doch noch wird ? - Ob ich je aus dem Licht heraustrete , was Dein lebendig Aug auf mich strahlt ? - Denn Du kommst mir vor wie ein ewig lebender Blick - und als wenn von ihm mein Leben abhing . - Aber davon will ich auch nicht reden . - Von der Eselspartie gestern nach Rauhental , sie ist zu Wasser geworden , aber erst am End , es kam ein ungeheurer Platzregen , wie wir noch eine halbe Stunde von der Heimkehr entfernt waren , das zusammenlaufende Wasser von den Bergen herab ins Tal gab ordentlich Seen , die der Wind wellig kräuselte . - Und wie die Esel mitten durchs Wasser pfatschten mit uns , kam ein ungeheurer Donnerschlag , die meisten schrien auf , die Esel schrien nicht , aber sie warfen uns alle mit einemmal herunter in die Pfützen , und da konnt keiner sich halten , nur der Engländer wollte es zwingen mit seinen langen Beinen , der Esel warf sich nieder und bäumte sich , und so galoppierten alle Esel fort , daß sie im Nu aus den Augen waren , die Eseltreiber hinterdrein , denen nachgerufen wurde , uns Laternen zu schicken . Der ganze Haufe konsultierte in der Pfütze , setzte sich nach wieder erlangter Besinnung in Bewegung , auf das verwirrte Untereinanderschreien folgte bald Stille , der Weg war zu beschwerlich , als daß man auf etwas anders denken konnte als nur , wie man den Fuß mitsamt dem Schuh wieder aus dem Morast heben wolle , dies aber war nicht möglich , die meisten Schuhe blieben stecken , die Laternen kamen uns bald entgegen , die beschwichtigten Esel wurden wieder herangeführt , und so kamen wir zwar beritten an , aber in welchem Zustand ? - Alle Strohhüte hatten im Morast gelegen . Die Schuhe fehlten , die Damengewande so naß , als sollten sie zu Statuen Modell stehen , und die Herren nicht minder ; man verfügte sich in die Bäder und kam neugeboren und neugestrählt heraus , ein Gesamt-Abendtee , in Pantoffel und Schlafröcken und Pudermäntel eingenommen , machte den Beschluß , alles beschrie des Unfalls Jammer und lachte sich halbtot drüber . Mstr . Haise , dessen natürliche Haarfarbe jetzt zutag kam , war nicht mehr zu erkennen , aber seine Schönheit wurde allgemein bewundert , sein braunrotes Haar stand ihm so viel schöner als der Puder , womit er ' s hatte verbergen wollen , daß man schrie : jetzt könne er erst interessieren , was man vorher für unmöglich hielt . Wer war vergnügter wie er , der feierlich dem Puder abschwor und mit himmlischer Selbstzufriedenheit bei den Frauen herumspazierte , sich bewundern zu lassen . - Ich und die Lisett haben noch bis Mitternacht die Strohhüte renoviert , ich schlug sie alle auf der einen Seite mit einer Kokarde auf , wenn man nun im Schatten sein will , so setzt man die Schippe nach vornen , wo die Sonne nicht scheint , dreht man sie herum ; die Verwandlung fand allgemeinen Beifall und sieht nach Voigt malerisch aus . Heut morgen kamen die Eseltreiber mit den verlornen Schuhen auf ihren Stecken in Prozession angerückt ; sie hofften ein Trinkgeld , es mußte auch bezahlt werden , obschon die Schuhe besser wären geblieben , wo sie begraben waren ; man war ärgerlich , daß sie die beschmutzten Schuhe so öffentlich zur Schau trugen . Das war die gestrige Geschichte . Voigt hatte schon lange drum gebeten , die ganze Gesellschaft zu Esel in sein Skizzenbuch zeichnen zu dürfen , heut morgen war ein schöner heller Himmel , und doch war ' s abgekühlt vom Gewitter , wir machten uns so malerisch wie möglich , ließen Bänder flattern , Schleier wehen , die Herren steckten Sträucher auf den Hut , gaben sich nachlässige Posituren , schaukelten mit den Beinen , so ging ' s langsam vorwärts , Voigt war voran mit seinem Malkasten , hatte die Palette aufgesetzt , saß auf einem Zeltstuhl vor der Höhe , wo wir herabkamen , und beobachtete den Zug mit dem Fernglas , auf einmal rief er Halt , ich war voran mit einer grünseidenen Fahne , die ich mir gemacht hatte , die stemmt ich in die Seite und hielt recht feierlich still , die Gitarre hing auch am Sattel . Voigt malte eifrig auf ein Stück Wachsleinwand , das auf ein Brett genagelt war . Es dauerte ein Weilchen , die Esel hingen die Ohren und waren eingeschlafen , die Sonne brannte , die Mücken stachen , die Schleier und Bänder hingen schlaff , sie glaubten alle , sie könnten ' s nicht länger aushalten , ich hätte doch dem guten Voigt so gern das Pläsier gegönnt , daß seine Skizze fertig wurde ; ich nahm meine Gitarre und stimmte den Kosiusko an , Crothwith begleitete mich auf dem Flageolett , mehrere Maultrommeln der Eseltreiberjungen fielen ein , es erhob die Stimme Baß und Diskant , andere pfiffen , Haise neben mir an gab einen Ton von sich , mit dem er eine Pauke nachmachte , die mit einer Rute und einem Klöppel geschlagen wird , pfitsch pfitsch , bum bum . Die Esel wachten auf und spitzten die Ohren wieder , die Lüftchen regten sich wieder in den flatternden Bändern , alles war begeistert , und Voigt malte schneller als eine Windmühle , in die der Sturmwind bläst ; die Eseljungen hatten sich auch in nachlässigen Stellungen postiert , bald war ' s so weit , daß wir umwenden konnten , Voigt bestieg seinen Esel , und wir zogen vergnügt und singend zurück . Die Skizze ist allerliebst kräftig , er will sie zu Frankfurt fertig malen , wärst Du doch auch dabei gewesen . - Im Nachhausereiten sah ich die Birke von fern , die so leise wehte , in der ich ohne daran zu denken , wie eine Vision Dein Bild gesehen hatte . Ich dachte daran , ob ich ' s doch versuchen wollte , Dich hier zu besuchen , wenn man allein ist , da kann man viel besser klettern , und wie heut nachmittag alles Siesta hielt , bin ich hierher gekommen und hab gesehen , was der Herzog für Buchstaben in den Baum geschnitten hat : Z D F und seinen Namen drunter , ich weiß , was es heißt , grade , was er unter Dein Manuskript von der Immortalita geschrieben hat . - Der Voigt sagt mir , sein Buch sei sehr witzig , und hat mir noch manches Schöne erzählt von ihm und auch Sonderbares . - Das Buch müssen wir zusammen lesen den Winter . Heut nachmittag war alles versammelt beim Tee auf der Terrasse . Die Lust auf weite Partien ist gedämpft , wir spielten Federball und machten Seifenblasen , die flogen zwischen die Bäum und bald hier- oder dorthin , auch eine auf dem Haise seine Nas ' glaub ich . Sonntag Heut morgen war man zum letzten Frühstück versammelt ; denn morgen geht alles fort , der ganze Vormittag verging mit Spaziergängen von Paar und Paar im Wald , ich schlenderte mit dem Voigt nach einem grünen Platz und las ihm vor aus Deiner Brieftasche , ich las ihm die Manen vor und knüpfte allerlei Ideen dran , die ich nicht recht aussprechen konnt , ich kann vor niemand sprechen wie vor Dir , ich fühl auch die Lust und das Feuer nicht dazu als nur bei Dir , und was ich Dir auch sag oder wie es herauskommt , so spür ich , daß etwas sich in mir regt , als ob meine Seele wachse , und wenn ich ' s auch selbst nicht einmal versteh , so bin ich doch gestärkt durch Deine ruhigen klugen Augen , die mich ansehen , erwartend , als verständen sie mich , und als wüßten sie , was noch kommen wird , Du zauberst dadurch Gedanken aus mir , deren ich vorher nicht bewußt war , die mich selbst verwundern , andre Leute haben mit mir keine Geduld , auch der Voigt nicht , der sagt : » Ich weiß schon , was Sie wollen , « und sagt etwas , was ich gar nicht gewollt hab . - Dann mach ich ' s aber wie Du und hör ihm zu , und da hör ich allemal was Kluges , Gutes . - Heut sagte er : die Vernunft sei von den Philosophen als ihr Gott umtanzt und angebetet , wie jeder seinen Gott anbete , nämlich als ein Götze , der zu allem gelogen werde , was man nur in der Einbildung für wahr halte , Dinge , die man auf dem Weg des Menschensinnes und der Empfindung allein finden könne und solle ; die würden zu Sätzen , die auf keiner empfundenen Wirklichkeit beruhen , nur als willkürliche Einbildungen gelten und wirken . - Philosophie müsse nur durch die Empfindung begriffen werden , sonst sei es leeres Stroh , was man dresche , man sage zwar , Philosophie solle erst noch zur Poesie werden , da könne man aber lange warten , man könne aus dürrem , geteertem Holz keinen grünen Hain erwarten , und da möge man Stecken bei Stecken pflanzen und den besten Frühlingsregen erbitten , er werde dürr bleiben , während die wahre Philosophie nur als die jüngste und schönste Tochter der geistigen Kirche aus der Poesie selbst hervorgehe , dies sagte er dem Mstr . Haise , der studierter Philosoph ist , der war darüber so aufgebracht , daß Voigt die Poesie die Religion der Seele nenne , daß er mit beiden Füßen zugleich in die Höhe sprang - und nachher mir allein sagte : ich möge dem Voigt nicht so sehr trauen ; denn seine Weisheit sei ungesund und könne leicht ein junges Herz verführen , sonst war alles ganz gut , wir tranken nachmittag auf dem Musenfels Kaffee und machten ein lustig Feuer im Wald an und tanzten zuletzt einen Ringelreihen drum , bis die letzten Flammen aus waren , und alle waren wie die Kinder so vergnügt , und mir kam es vor , als wenn gar kein Falsch oder versteckte Gesinnung mehr unter allen wär . Ein freies Gemüt ist doch wohl das Höchste im Menschen . Nie eine Periode des Menschenlebens verlassen , so wie sie rein erschaffen ist , um in eine andre überzugehen , dabei nie eine derselben vermissen , ewig Kind sein , als Kind schon Mann und Sklave des Guten sein , Gott anbeten in Ehrfurcht und mit ihm scherzen und spielen in seinen Werken , die selbst ein Spiel seiner Weisheit , seiner Liebe sind , sagte Voigt auf dem Heimweg zum Mstr . Haise , und der war zufrieden und reichte ihm die Hand . - Gute Nacht Am Montag Gestern hätt ich nun rechte Zeit gehabt , Dir zu schreiben , alles ist fort , aber ich war müde . Tonie liegt auf dem Bett und schläft , man war bis spät in der Nacht aufgewesen , ich ging noch auf die Terrasse , um Abschied zu nehmen , weil am Morgen alles vor Tag abreiste ; nur der Voigt blieb da bis Mittag , weil er nur bis Mainz ging . Er ging mit mir in die kleine Kapelle zur Messe , da war eben die Predigt wieder am Ende , es war unser Franziskaner . » Warum hat Jesus , da er ans Kreuz geschlagen ist und die bittersten Schmerzen leidet , zugleich eine himmlische Glorie um sein Haupt , die allen Anwesenden das Mitleid verbietet , die zugleich das seligste ruhmvollste Entzücken andeutet mit dem menschlichen Kampfe im Elend ? - Warum liegt in jedem seiner Taten , seiner Worte , das Irdische mit dem Ewigen so eng verbunden ? - Er hat seine Leiden nicht mit Freuden vertauscht , da er es wohl vermochte . - Also , Mensch hab dein Schicksal lieb , wenn es dir auch Schmerz bringt , denn nicht dein Schicksal ist traurig , wenn es dir auch noch so viel Menschenunglück zuführt , aber daß du es verschmähest , das ist eigentlich das große Unglück , und so schließ ich , wovon ich ausging , daß allemal das Schicksal des Menschen das höchste Kleinod sei , das nicht wegwerfend zu behandeln ist , sondern es soll mit Ehrfurcht gepflegt und sich ihm unterworfen werden . « - Der Voigt bereuete sehr , daß er die Predigt nicht ganz gehört habe , und meint , da er in wenig Worte so viel zusammendränge , so müsse er in der Entwickelung sehr geistreich sein . Ich aber war froh , daß wir zu spät gekommen waren , denn mir schien das Thema sehr traurig , Leiden im voraus zu ahnen und sich darauf vorzubereiten , das will mir nicht in den Sinn . - Am Abend waren wir ganz einsam , die Tonie und ich , es ist gar niemand mehr hier , ich wär so gern noch hinaus spazieren gegangen und ließ mir den Lelaps holen , den Hund von der Küstersfrau , der mich kennt , weil ich ihn schon oft mitgenommen habe auf dem Spaziergang , der kam mit einem Laternchen am Hals mit einem brennenden Lämpchen , womit er immer bei nebligem Wetter seinen Herrn begleitet ; das machte mir groß Pläsier , ich nahm meinen guten Stock , der zusammengeflochten ist von drei guten spanischen Rohren , und den mir der Savigny geschenkt hat , und ging mit meinem guten Lelaps als fort zwischen die Schluchten , in denen der Nebel hin und her wogte , und sein klein Lichtchen verschwand oft , daß ich ihn nicht mehr sah , aber wenn ich rief , da kam er durch den dicken Nebel herbeigelaufen , da wurde das Lichtchen wieder sichtbar , was mir das für Spaß gemacht hat , der Hund und ich allein , und die Nebel , die herumflankierten wie Geister , herüber und hinüber , aufstiegen und hinabkletterten , es war eine Geschäftigkeit in diesen Felsritzen und an den Bergwänden hinab , wo man einen freien Blick ins Tal hatte , ich konnt mir gar nicht denken , daß es nicht Geister wären , und ich glaub ' s noch , und ich war innerlich recht glücklich und froh , daß ich dazugekommen war , und daß ich und der Hund von den Geistern so gut gelitten war , denn Du glaubst nicht , wie gut der Nebel tut , wie sanft , wie weich er sich einem anschmiegt , mein Gesicht war ganz glatt davon , und wir sind auch glücklich wieder nach Haus gekommen . - Ich bin so froh , daß ich unbedeutend bin , da brauch ich keine gescheiten Gedanken mehr aufzugabeln , wenn ich Dir schreib , ich brauch nur zu erzählen , sonst meint ich , ich dürfte nicht schreiben ohne ein bißchen Moral oder sonst was Kluges , womit man den Briefinhalt ein bißchen beschwert , jetzt denk ich nicht mehr dran , einen Gedanken zurecht zu meißeln oder zusammen zu leimen , das müssen jetzt andre tun , wenn ich ' s schreiben soll , ich selbst denk nicht mehr . Ach , von dem Einfältigsten , Ungelehrtesten verstanden und gefühlt zu werden ist auch was wert ; und dann dem Einzigen , der mich versteht , der für mich klug ist , keine Langeweile zu machen , das kommt auf Dich an . Wir waren am Rhein und sind wieder den andern Tag zurück spät abends , so ist heut schon Donnerstag , es war schön in Rüdesheim , die Tonie hatte dort über jemand zu sprechen , der als Geistlicher in unser Haus soll , ich guckte indes auf der Bremserin aus dem großen schwarzen Gewölb auf die Wiese im Abendschein , es flogen all die Schmetterlinge über mich hinaus , denn da oben auf der Burg wächst so viel Thymian und Ginster und wilde Rosen , und alles hat der Wind hinaufgetragen ; man meint als , der fliegende Blumensamen müßt eine Seel haben und hätt sich nicht weiter wollen treiben lassen vom Wind und wär am liebsten dageblieben , alles blüht und grünt , so viel Glockenblumen und Steinnelken und Balsam , ich dacht , wie ist ' s doch möglich , daß das alte Gemäuer so überblüht ist . - Blum an Blum ! Unten in der Ruine wohnt ein Bettelmann mit der Frau und zwei Kindern , sie haben eine Ziege , die bringen sie hinauf , die grast den duftenden Teppich mir nichts , dir nichts ab . - Ich war eine ganze Stunde allein da und hab hinaus auf dem Rhein die Schiffe fahren sehen , da ist mir ' s doch recht sehnsüchtig geworden , daß ich wieder zu Dir will , und wenn ' s noch so schön ist , es ist doch traurig ohne Widerhall in der lebendigen Brust , der Mensch ist doch nichts als Begehren sich zu fühlen im andern . Du lieber Gott ! Eh ich Dich gesehen hatt , da wußt ich nichts , da hatt ich schon oft gelesen und gehört , Freund und Freundin , und nicht gedacht , daß das ein ganz neu Leben wär , was dacht ich doch vorher von Menschen ? - Gar nichts ! - Der Hund im Hof , den holt ich mir immer , um in Gesellschaft zu sein ; aber nachher , wie ich eine Weile mit Dir gewesen war und hatte so manches von Dir gehört , da sah ich jed Gesicht an wie ein Rätsel und hätt auch manches gern erraten , oder ich hab ' s erraten ; denn ich bin gar scharfsinnig . Der Mensch drückt wirklich sein Sein aus , wenn man ' s nur recht zusammennimmt und nicht zerstreut ist und nichts von der eignen Einbildung dazutut , aber man ist immer blind , wenn man dem andern gefallen will und will was vor ihm scheinen , das hab ich an mir gemerkt . Wenn man jemand lieb hat , da sollt man sich lieber recht fassen , um ihn zu verstehen und ganz sich selbst vergessen und ihn nur ansehen , ich glaub , man kann den ganz verborgnen Menschen aus seinem äußern Wesen heraus erkennen . Das hab ich so plötzlich erkannt , wie ich Menschen sah , die ich nicht verstand , was sie mir sollten , und nun sind mir die meisten , daß ich sie nicht lang überlegen mag , weil ich nichts merk , was mir gefällt oder mit mir stimmt , aber mit Dir hab ich wie eine Musik empfunden , so daheim war ich gleich ; ich war wie ein Kind , das noch ungeboren aus seinem Heimatland entfremdet , in einem fremden Land geboren war und nun auf einmal von weit her übers Meer wieder herübergetragen von einem fremden Vogel , wo alles neu ist , aber viel näher verwandt und heimlicher , und so ist mir ' s immer seitdem gewesen , wenn ich in Dein Stübchen eintrat : und so war ' s auch auf den alten Burgtrümmern gestern ; so lachend wie die Wiesen waren und die lustigen Mädchen , die sangen , und der Abendschein und die Schiffe und die Schmetterlinge , alles war mir nichts , ich sehnt mich nach Dir , nur nach Deinem Stübchen , ich sehnt mich nach dem Winter , daß doch drauß Schnee sein möcht und recht früh dunkel und drin brennt Feuer ; der Sonnenschein und ' s Blühen und Jauchzen zerreißt mir ' s Herz . - Ich war recht froh , wie die Tonie mit dem Wagen vorfuhr , wie ich unten hinkam , waren dem Bettelmann seine zwei hübschen Kinder bloß im Hemdchen und kugelten mit Lachen übereinander und hatten sich so umfaßt ; ich sagt , wie heißt ihr denn ? - Röschen und Bienchen . - Das Röschen ist blond mit roten Wängelchen , und das Bienchen ist braun mit schwarzen stechenden Augen . Das Bienchen und Röschen hatten sich so recht ineinander gewühlt . - Um Mitternacht heimgekehrt - höchst angenehmer Schlaf beim Rauschen von Springbrunnen . Am Montag Ich hab Deinen letzten Brief noch oft gelesen , er kommt mir ganz besonders vor , wenn ich ihn mit andern vergleiche , die ich auch hier in derselben Zeit erhalten hab , so muß ich denken , daß es Schicksale gibt im Geist , die so entfernt sind voneinander und so verschieden , wie im gewöhnlichen Tagesleben , der eine wird sich ' s nicht einbilden vom andern , was der denkt und träumt , und was er fühlt beim Träumen und Denken . - - Dein ganz Sein mit andern ist träumerisch , ich weiß auch , warum ; wach könntest Du nicht unter ihnen sein und dabei so nachgebend , nein , sie hätten Dich gewiß verschüchtert , wenn Du ganz wach wärst , dann würden Dich die gräßlichen Gesichter , die sie schneiden , in die Flucht jagen . - Ich hab einmal im Traum das selbst gesehen , ich war erst zwei Jahr alt , aber der Traum fällt mir noch oft plötzlich ein , daß ich denke , die Menschen sind lauter schreckliche Larven , von denen ich umgeben bin , und die wollen mir die Sinne nehmen , und wie ich auch damals im Traum die Augen zumachte , um ' s nicht zu sehen und vor Angst zu vergehen , so machst Du auch im Leben aus Großmut die Augen zu , magst nicht sehen , wie ' s bestellt ist um die Menschen , Du willst keinen Abscheu in Dir aufkommen lassen gegen sie , die nicht Deine Brüder sind ; denn Absurdes ist nicht Schwester und nicht Bruder ; aber Du willst doch ihr Geschwister sein , und so stehst Du unter ihnen mit träumendem Haupt und lächelst im Schlaf , denn Du träumst Dir alles bloß als dahinschweifenden grotesken Maskentanz . - Das lese ich heute wieder in Deinem Brief , denn es ist jetzt so still hier , und da kann man denken - Du bist zu gut , für mich auch , weil Du unter allen Menschen gegen mich bist , als wärst Du mehr wach ; als machtest Du die Augen auf und trautest wirklich mich anzusehen , o , ich hab auch schon oft dran gedacht , wie ich Deinen Blick nie verscheuchen wollte , daß Du nicht auch am Ende nachsichtig die Augen zumachst und mich nur anblinzelst , damit Du alles Böse und Schlechte in mir nicht gewahr werdest . Du sagst : » Wir wollen unbedeutend zusammen sein ! « - Weißt Du , wie ich mir das ausleg ? - Wie das , was Du dem Clemens letzt in einem Brief schriebst : » Immer neu und lebendig ist die Sehnsucht in mir , mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen , in einer Gestalt , die würdig sei , zu den Vortrefflichsten hinzuzutreten , sie zu grüßen und Gemeinschaft mit ihnen zu haben . Ja , nach dieser Gemeinschaft hat mir stets gelüstet , dies ist die Kirche , nach der mein Geist stets wallfahrtet auf Erden . « - Du sagst aber jetzt , wir wollen unbedeutend zusammen sein , - weil Du lieber unberührt sein willst , weil Du keine Gemeinschaft findest ; - und Du glaubst wohl jetzt noch , daß irgendwo eine Höhe wär , wo die Luft so rein weht und ein ersehnt Gewitter auf die Seele niederregnet , wovon man freier und stärker wird ? - Aber gewiß ist ' s nicht in der Philosophie ; es ist nicht der Voigt , dem ich ' s nachspreche , aber er gibt mir Zeugnis für meine eigne Empfindung . Menschen , die gesund atmen , die können nicht sich so beengen , stell Dir einen Philosophen vor , der ganz allein auf einer Insel wohnte , wo ' s so schön wär , wie der Frühling nur sein kann , daß alles frei und lebendig blühte und die Vögel sängen dann , und alles , was die Natur geboren hätt , wär vollkommen schön , aber es wären keine Geschöpfe da , denen der Philosoph was weismachen könnt , glaubst Du , daß er da auf solche Sprünge käm , wie die sind , die ich bei Dir nicht erzwingen konnt ? - Hör , ich glaub , er biss ' lieber in einen schönen Apfel , aber so eine hölzerne Kuriosität von Gedanken-Sparrwerk würde er wohl nicht zu eigner Erbauung aus den hohen Zedern des Libanon zurecht zimmern ; so verbindet und versetzt und verändert und überlegt und vereinigt der Philosoph also nur sein Denkwerk , nicht um sich selbst zu verstehen , da würde er nicht solchen Aufwand machen , sondern um den andern von oben herab den ersten Gedanken beizubringen , wie hoch er geklettert sei , und er will auch nicht die Weisheit seinen untenstehenden Gefährten mitteilen , er will nur das Hokuspokus seiner Maschine Superlativa vortragen , das Dreieck , das alle Parallelkreise verbindet , die gleichschenkligen und verschobenen Winkel , wie die ineinander greifen und seinen Geist nun auf jener Höhe schwebend tragen , das will er , es ist aber nur der müßige Mensch , der noch sich selber unempfundne , der davon gefangen wird ; ein andrer lügt , wenn er die Natur verleugnet und diesem Sparrwerk anhängt und auch hinaufklettert , es ist Eitelkeit , und oben wird ' s Hoffart , und der haucht Schwefeldampf auf den Geist herab , da kriegen die Menschen in dem blauen Dunst eine Eingebildetheit , als nähmen sie den hohen Beweggrund des Seins wahr ; ich bin aber um dies Wissen gar nicht bang , daß es mir entgehen könnt , denn in der Natur ist nichts , aus dem der Funke der Unsterblichkeit nicht in Dich hineinfährt , sobald Du ' s berührst ; erfüll Deine Seele mit dem , was Deine Augen schöpfen auf jener segensreichen Insel , so wird alle Weisheit Dich elektrisch durchströmen , ja ich glaub , wenn man nur unter dem blühenden Baum der Großmut seine Stätte nimmt , der alle Tugenden in seinem Wipfel trägt , so ist die Weisheit Gottes näher als auf der höchsten Turmspitze , die man sich selbst aufgerichtet hat . Alle Früchte fallen zur Erde , daß wir sie genießen , sie haben seine Flügel , daß sie davonfliegen , und die Blüten schwenken ihren Duft herab zu uns . Der Mensch kann nicht über den Apfel hinaus , der für ihn am Baum wächst , steigt er hinauf in den Wipfel , so nimmt er ihn sich , steht er unterm Baum und wartet , so fällt der Apfel ihm zu und gibt sich ihm , aber außer am Baum wird er sich keine Früchte erziehen . - Du sprichst von Titanen , die die Berge mit großem Gepolter aufeinander türmen und dann die stillen Gipfel der Unsterblichkeit hinabstürzen , da meinst Du doch wohl die Philosophen , wenn Du von ihnen sagst , daß ihr diebischer Eigennutz sich der Zeit vordrängt und sie mit schimmernden Phantomen blendet . - Ach , aller Eigennutz ist schändliche Dieberei , wer mit dem Geist geizt , mit ihm prahlt , wer ihn aufschichtet oder ihm einen Stempel einbrennt , der ist der eigennützigste Schelm , und was tun denn die Philosophen , als daß sie sich um ihre Einbildungen zanken , wer zuerst dies gedacht hat ; - hast Du ' s gedacht oder gesagt , so war es doch ohne Dich wahr , oder besser : so ist ' s eine Schimäre , die Deine Eitelkeit geboren hat . Was geizest Du mit Münze , die nur dem elenden Erdenleben angehört , nicht den himmlischen Sphären ? Ich möcht doch wissen , ob Christus besorgt war drum , daß seine Weisheit ihm Nachruhm bringe ? - Wenn das wär , so war er nicht göttlich . Aber doch haben die Menschen ihm nur einen Götzendienst eingerichtet , weil sie so drauf halten , ihn äußerlich zu bekennen , aber innerlich nicht ; äußerlich dürfte er immer vergessen sein und nicht erkannt , wenn die Lieb im Herzen keimte . - Ich will Dir was sagen , mag der Geist auch noch so schöne erhabene Gewande zuschneiden und anlegen und damit auf dem Theater herumstolzieren , was will ' s anders als bloß eine Vorstellung , die wir wie ein Heldenstück deklamieren , aber nicht zu wirklichen Helden werden dadurch . Du schriebst an den Clemens : » Sagen Sie nicht , mein Wesen sei Reflexion oder gar , ich sei mißtrauisch , - das Mißtrauen ist eine Harpye , die sich gierig über das Göttermahl der Begeistrung wirft und es besudelt mit unreiner Erfahrung und gemeiner Klugheit , die ich stets jedem Würdigen gegenüber verschmäht hab . « Diese Worte hab ich oft hingestellt wie vor einen Spiegel Deiner Seele , und da hab ich immer ein Gebet empfunden , daß Gott einen so großen Instinkt in Dich gelegt hat , der einem aus den Angeln der Gemeinheit heraushebt , wo alles klappt und schließt ; und wenn ' s sich nicht passen wollt , zurechtgerichtet wird fürs Leben , ach nein , Du bist ein Geist ohne Tür und Riegel , und wenn ich zu Dir mein Sehnen ausspreche nach etwas Großem und Wahrem , da siehst Du Dich nicht scheu um , Du sagst : » Nun , ich hoff es zu finden mit