verändert - es ging so fort . - Man sagt , diese Besitzungen waren einem Landsmanne der Königin , einem Marquis Spinola , zugesagt . Da verlor der Herr Graf Crecy durch unordentliche Wirthschaft sein ganzes Vermögen , und bestand nun bei der Königin darauf , sie solle ihm helfen ; aber Geld war da oft rar - genug , sie hatte nichts , aber den Grafen gebrauchte sie , der Spinola nutzte ihr nicht mehr - da soll denn hier wieder eine Jagdpartie veranstaltet worden sein , und Spinola und Crecy , die wie gereizte Tieger gegen einander waren , sollen Streit gehabt haben , den die Königin anfachte . - In dem Schlafzimmer Spinola ' s hörte man später in der Nacht Geschrei und Waffengeklirre , man hatte nach einigen Augenblicken der Ruhe den Grafen Crecy daraus entfliehen sehen - was da geschah , ist nie entdeckt worden ; als aber die Kammerfrauen auf ihr Geschrei zur Königin gingen , lag die Leiche Spinola ' s , mit vielen Dolchstichen durchbohrt , vor ihrem Bette . Die Blutspur war zu sehen von seinem Zimmer bis dahin , wo er starb - man sagt , mit einem Fluche gegen die Königin und das Geschlecht der Crecy , das hier seinen Untergang finden solle . - Am andern Morgen floh die Königin und der ganze Hof , wie von Geistern gejagt , und nie betrat ein königlicher Fuß wieder dieses verwünschte Schloß . Der Herr Graf Crecy nahmen die Besitzungen , diesem Fluche zum Trotz , in Beschlag , zogen die großen Revenüen , bauten den dritten Flügel , wie das Uebrige prachtvoll aus , und lebten hier oft in Saus und Braus . - Aber endlich ist doch erfüllt worden , was der arme Marquis in seiner Todesangst verheißen hat : das Geschlecht der Crecy ist hier erloschen , und sein Ende ward auch durch grausame Verbrechen herbei geführt - doch das erlaßt mir zu berichten , das ist zu neu noch ; seht , da lebte ich schon in dieser Gegend , das kann ich nicht erzählen , ohne all ' die Angst wieder zu fühlen , die ich damals mit durchmachte , und als ich zuerst wieder hieher zu meiner armen Mutter mußte , dachte ich , ich könnte es nicht mehr überleben . - « Elmerice fühlte sich ebenfalls von dem Gehörten zu sehr erschüttert , um auf weitere Nachrichten nicht gern verzichten zu mögen , und bat daher ihre Begleiterin , sich die nöthige Ruhe zu gönnen . Dies war aber durch die Eindrücke , die ihr der nun immer bekannter werdende Weg aufnöthigte , nicht möglich - sie begleitete alles sich Darbietende mit Bemerkungen , und forderte Elmerice zu immerwährender Aufmerksamkeit auf . Diese fand sich jedoch leicht , wo die Gegenstände so anziehend und bedeutend sich zeigten . Die Waldgegend , die sie jetzt passirten , war unter der Hand der Kultur zu einem Garten gelichtet , der sich von dem übrigen Theile durch die kostbarsten , mit Gräben geschützten Gitter absonderte ; und seine breiten Wege und die uralten gepflanzten Alleen führten endlich die Reisenden dem Schlosse Ste . Roche entgegen , das Beide mit Herzklopfen zu sehen erwarteten . » O seht , seht , da ist es ! « - rief plötzlich Madame St. Albans mit einem Erblassen und einem Sinken der Stimme , als fiele sie in Ohnmacht ; und auch Elmerice fühlte ihre Nerven durchzuckt von einem ihr unbekannten Gefühle , was zwischen Furcht und Rührung schwankte , als sie plötzlich den wunderbar großartigen Bau des Schlosses Ste . Roche vor sich ausgebreitet sah . Waren es die eben vernommenen Erzählungen , die sich dem Anblicke desselben zugesellten , und es so schauerlich und drohend erscheinen ließen , war es die ernste , imposante Ruhe , die es durch seine Lage inmitten dieser großartigen Wälder , erhielt - genug , Elmerice glaubte , es könne nichts Aehnliches mehr auf der Welt geben , und drückte , wie verzagt , die Hand auf ihre Augen , und als habe es ihr jetzt schon ein tiefgehendes Leid angethan , fühlte sie sich von dem Gedanken , ihm näher zu rücken , wie erdrückt . » Ja , ja , meine Liebe , da wirst Du wohl erkennen , daß ich nicht ganz Unrecht hatte , Dich hier nicht herführen zu mögen « - sagte Madame St. Albans zu der tief erschütterten Elmerice , die , über sich selbst eben so erstaunt , wie über den Gegenstand ihrer Gefühle , unfähig war , einen Thränenstrom zurück zu drängen , und nach diesem unfreiwilligen Ergusse erst Muth faßte , wieder darauf hinzublicken . - » Ich gestehe , « sagte sie schüchtern , » ich erhielt noch nie solchen Eindruck ! Verzeiht mir , ich werde mich gleich gefaßt haben ; bereut es nicht , mich hieher geführt zu haben , diese Schwäche soll Euch nicht lästig fallen . « Madame St. Albans war zu sehr mit sich beschäftigt , um nicht leicht ihre Aufmerksamkeit von Elmerice abziehen zu können , und diese gewann nun Zeit , sich zu ermuthigen und sich näher mit dem bekannt zu machen , was sie so tief erschütterte . Der Wald war nach der Vorderseite des Schlosses gelichtet , wenigstens so weit , um es auf einer kleinen Erhöhung ganz den Blicken auszusetzen ; doch im Hintergrunde schlossen sich die in dem jungen , gelbgrünen Lichte des Frühjahrs leuchtenden , weitläufigen Wälder dicht daran an . Vor dem großen Schloßhofe , dem sie jetzt in einiger Entfernung gegenüber waren , ließ Madame St. Albans halten , um Elmerice in der Mitte dieses Hofes unter dem riesenhaften Dome dicht im Kranze gepflanzter Ulmen , ein hohes Grabmal von weißem Marmor zu zeigen , unter dem man den ersten Besitzer der Familie Crecy begraben hielt . Das Schloß sah darauf hin , wie ein drohender Geist , seine Thürme , Erker , schwer verzierten und phantastisch von Außen ansteigenden steinernen Treppen , die hohen , thürartigen Fenster , und wieder die Schießscharten ähnlichen Zuglöcher der Thürme und Gallerien , die endlich völlig einfarbig gewordene , nebelartig graue Färbung des ganzen Baues , gaben ihm ein so geisterartiges , der Mitwelt entrücktes Ansehen , daß Elmerice nicht mehr in Erstaunen gewesen wäre , wenn es vor ihren Augen in Nebel zerstoben wäre , als seine wirkliche Existenz ihr verursachte . Madame St. Albans wunderte sich dagegen über den besseren Zustand des Ganzen . Seit zwei Jahren war sie nicht hier gewesen , und es glich damals einer Ruine ; jetzt aber war Alles in brauchbarem Stande , und die Erhaltung des Schlosses offenbar beabsichtigt , wie Wege und Einfahrten aufgeräumt und zugänglich gemacht . Der Wagen umfuhr das Schloß in einem Halbkreise , und Madame St. Albans zeigte Elmerice den Flügel , der ihrer Mutter angehörte . - Mit dicken eichenen Bohlen waren alle Fenster verwahrt , kein Zeichen des Lebens ließ sich sehen , und Alles schien verödet und ausgestorben . Dagegen blickte man durch geöffnete Fenster in den sogenannten neuern Flügel , und obwohl der düstere Karakter aller dieser großen Gemächer jeden Raum als Paradezimmer eines Leichenbegängnisses erscheinen ließ , leuchtete doch die schwere Vergoldung zwischen den düstern Tapeten überall durch , und zeigte von erhaltener oder hergestellter Pracht . Zunächst der Wohnung der Mistreß Gray lag am Ende einer dichten Allee das kleine Dorf Ste . Roche , und an die alte gothische Kirche lehnte sich die freundliche Wohnung des Vikars , an deren Schwelle die Reisenden ihren Wagen verließen . Der Hausflur , in den sie eintraten , zeigte , dem Eingange gegenüber , durch eine Hinterthür auf ein schön umlaubtes Gärtchen , an dessen frischen Rasenplätzen sorgsam bepflanzte Blumenbeete , unter dem Schutze hoher Kastanien- und Ahorn-Bäume , ihre Entwickelung erwarteten . Schon beim ersten Schritte in diesen Flur , der mit seinem hohen Kamine und seinen eichenen Holzwänden zugleich den Salon bildete , fühlte man sich von dem Geiste des Friedens angeweht , und ein Blick umher , mit dem man die einfachen Beschäftigungen der Hausbewohner übersehen konnte , gab die Gewißheit , hier den Anklang eines höheren geistigen Lebens zu finden . An der Thür in einem eichenen Lehnstuhle saß eine kleine weibliche Figur hinter einem Rädchen , das über das Andachtsbuch in ihren welken Händen vergessen schien . Als die Fremden eintraten , erhob sie sich jedoch sogleich und ging rascher , als ihr Alter vermuthen ließ , den Ankommenden entgegen . » Nun , liebe Mademoiselle Veronika , darf ich hoffen , noch von Ihnen erkannt zu werden ? « rief Madame St. Albans , auf sie zueilend . » Erkannt und erwartet jede Stunde , « sagte Veronika sanft und freundlich , » denn daß eine so gute Tochter nicht ausbleiben würde , konnten wir leicht denken . Seid demnach willkommen und zugleich getrost , denn noch lebt die arme Leidende ; ja , es sind sogar Zeichen der Besserung eingetreten . « » So sei Gott gelobt ! « rief Madame St. Albaus mit ihrem schnell hervorbrechenden Schluchzen , und eilte dann , Miß Eton der alten Dame vorzustellen : » Miß Eton wollte mich nicht allein reisen lassen , denn ich war am Tode , als Eures Bruders Brief eintraf , und da müßt Ihr schon verzeihen , wenn ich Euch bitte , der jungen Miß ein Obdach zu gönnen , denn Ihr wißt wohl , aufs Schloß kann ich sie nicht mitnehmen ; wer weiß , ob ich selbst Obdach dort finde . « Veronika hatte während dem ihre kleinen klugen Augen nicht von Elmerice gewendet , und schien die ganze Rede der Madame St. Albans überhört zu haben , denn sie wiederholte den Namen Eton und frug nach dem schon Vernommenen : » Also aus England seid Ihr , liebe Miß ? - Nun , seid willkommen , « fuhr sie dann gesammelt fort ; » dies kleine Haus hat immer Raum für Einen , der einfache Sitte nicht verschmäht und das Mangelhafte durch ein freundlich Gesicht vergüten läßt . - Der Vikar wird bald zurück kommen von St. Flêche , wo er die Kranken besucht ; dann läuten wir Ave Maria , und bis dahin wollen wir uns hier einrichten . « Sie öffnete demnächst ein kleines Zimmerchen , das ebenfalls nach dem Garten zu ging , und das sie den beiden Frauen als das ihrige anwies , und zog sich sodann ohne lästige Dienstlichkeit zurück . Die klösterlichste Einfachheit war hier mit einer gewissen geschmackvollen Zierlichkeit vereinigt , und zwischen den beiden weißen Himmelbetten stand ein kleines Betpult vor einem mit frischen Blumen geschmückten Krucifixe . » O , wie schön ist es hier ! « rief Elmerice , sich in einen harten Holzstuhl am Fenster niedersetzend , » wie wohl ist mir hier ! « Madame St. Albans sah sie mit ungläubigem Lächeln an , und sagte dann kopfschüttelnd : » Nun , nun , für Euch wird es schwerlich sein - Ihr seid doch wohl zu sehr verwöhnt . « » Nein , nein ! « rief Elmerice , aufs Neue ihrer seltsamen Wehmuth unterliegend , und die niederfallenden Thränen aus dem niedrigen Fenster in das Spalier der zartknospenden Weinreben senkend - » hier ist Frieden ! hier ist mir wohl ! O , wie danke ich Euch , daß Ihr mich hieher geführt habt ! « Was Madame St. Albans nicht verstand , glaubte sie unbedenklich tadeln zu können , und so wandte sie sich achselzuckend von Elmerice ab und kramte unter ihrem Gepäcke , das Veronika indessen durch eine eben so stille , nonnenhafte Magd von dem Wagen hatte abräumen und in das Zimmer der Frauen schaffen lassen . Der tiefe Ton der Abendglocken zeigte jetzt an , daß das Ave Maria begonnen . Veronika trat in das Zimmer , die Frauen abzuholen , und verkündigte , der Vikar , wie sie ihren Bruder nannte , habe sich , ohne zu Hause anzusprechen , sogleich nach der Kirche begeben . » Und Ihr , Miß Eton , « frug sie sanft , » Ihr , als Engländerin , gehört wohl nicht unserer Kirche an , darum legt Euch keinen Zwang auf - Ihr habt das mit uns nicht nöthig . « » Erlaubt , daß ich Euch begleite , « sagte Elmerice , mit Ehrfurcht ihr näher tretend , » ich bin in dem Glauben meines Vaters erzogen , der Katholik war . « » Nun dann , willkommen ! « sagte Veronika , sichtlich erfreut , » so wollen wir denn Gott gemeinschaftlich danken für Eure glückliche Reise . « Durch den anmuthigen Garten , der mit dem Kirchhofe zusammen hing , gelangte man nach der kleinen , aber schön und reich gebauten Kapellenkirche , welche im Innern und Aeußern zeigte , daß Fürsten aus dem stolzen Hause Valois hier ihre Gebete verrichtet hatten . Die großen Thüren standen weit geöffnet , und es war ein unbeschreiblich erquickender und friedlicher Anblick , von dem Hochaltar aus , wo die Andächtigen sich knieend versammelten , in die grüne Nacht des Frühlings zu schauen , der eben , wie die Menschen , seine letzte Andacht vor den Strahlen der sinkenden Sonne zu feiern schien . Doch vor Allem zog Elmerice der Anblick des Geistlichen an . Dieser ehrwürdige Greis , mit seiner milden , hellen Stirn und den klaren blauen Augen , die unter der Decke der weißen Brauen so tief leuchtend hervorblickten - welch ' ein Bild geistlicher Reinheit , über die Erde hinausreichenden Friedens ! - Elmerice blickte , sich ganz darin verlierend , in sein Angesicht , als forsche sie darin dem erhabenen Geheimnisse nach , die Welt liebevoll im Arm zu behalten und von ihr nicht mehr gekränkt , nicht mehr verletzt zu werden . - Sehnsucht nach diesem Zustande , Schmerz um den unvollendeten Kampf darnach , ließen sie endlich die Thränen finden , die uns nicht banger , sondern leichter machen . Eben so anziehend blieb dieser Greis in seinem Hause , wo er bald nachher seine Gäste bewillkommte ; ja , Elmerice hatte das wohlthuende Gefühl , daß sie das Interesse der beiden ehrwürdigen Geschwister auf sich zog , und konnte nicht ohne den innigsten Dank daran denken , in diesem Augenblicke , nach so viel widerstrebenden Gefühlen , die sie erlebt , in diese stille klösterliche Atmosphäre versetzt zu sein . Mit der Bevorrechtung des Alters und des Standes forschte er Elmerice über Aeltern , Geburtsort , Erziehung und Grund ihrer Herreise aus ; dabei lag aber offenbar ein näheres Interesse , als das der Neugierde , diesen Fragen zum Grunde , so daß Elmerice sich in nichts verletzt fühlte . Madame St. Albans hatte eingewilligt , sich erst am andern Morgen ihrer Mutter zu nahen , da sie dann den alten Arzt des Schlosses , der jeden Morgen beim Vikar vorkam , sprechen , und durch ihn den Eintritt bei ihrer Mutter vorbereiten und erbitten lassen konnte . Elmerice sah erst jetzt , mit welcher Sorge und Angst der Gedanke an die Aufnahme dieser wunderlichen Mutter Madame St. Albans erfüllte , und die Ueberzeugung , wie viel sie gewiß in diesem unnatürlichen Verhältnisse schon habe leiden müssen , erfüllte sie mit Mitleid und mit erhöhter Achtung gegen dies dennoch nicht einen Augenblick dadurch gehinderte Pflichtgefühl der Tochter . Die Nachtruhe der noch immer angegriffenen und reizbaren Frau war daher auch ganz gestört , und Elmerice sah mit Sorge , wie blaß und leidend ihr Ansehen am andern Morgen war . Der erwartete alte Arzt erschien schon an der Thüre auf seinem bequemen Maulthiere , als man noch um das einfache Frühstück versammelt war . Auf die Ankunft der Madame St. Albans vorbereitet , war er doch , gleich den Uebrigen , gar nicht über ihren Empfang sicher . » Ja , « sagte er , » ein Paar Tage früher , wo sie kein Bewußtsein mehr hatte , da hättet Ihr eintreten können , und sie pflegen , so viel Ihr gewollt hättet ; jetzt aber , da wird sie sich , wie gewöhnlich , weigern - denn geändert hat sie sich nicht , « setzte er lachend hinzu - » halb mit Gewalt , oft daß wir beide uns im Zorn überbieten , setze ich das Nöthige durch - und doch , und doch , wollt Ihr es glauben , noch nie erreichte ich es , daß sie des Nachts Jemand bei sich behielt . Asta , das arme Ding , die bei Tage wohl einschlüpfen darf , muß ebenfalls zur Nacht sie verlassen , und halb besinnungslos , ja , weiß Gott , halb sterbend , verrammelt sie noch die Thüren hinter uns . So kann sie einmal des Nachts verscheiden , ohne daß wer darum weiß , und wenn wir oft des Morgens lange an die Thür hämmern müssen , um Einlaß zu erlangen , so denke ich , die Hand zum Oeffnen sei da drinnen nunmehr erstarrt . Doch ich will zu ihr , liebe Frau , « fuhr er fort , sich zu Madame St. Albans wendend , » und sehen , was ich thun kann , denn wahrlich , Pflege hat sie nöthig , und solch ' Ding von zwölf Jahren , so gut die Asta ist , das hilft doch nicht viel . « Elmerice , die sich aus Bescheidenheit bei Ankunft des Arztes entfernt hatte , trat in dem Augenblicke ein , als der kleine lebhafte Mann sich entfernen wollte . Es war unverkennbar , daß er bei ihrem Anblick erstaunte , überrascht stehen blieb und seine großen runden Augen mit einem so forschend-fragenden Blick auf der Eintretenden hafteten , daß Elmerice , davon verlegen werdend , nicht wußte , wo sie die ihrigen hinwenden sollte . Veronika und ihr Bruder warfen sich Blicke des Einverständnisses zu , und der Vikar trat dem alten Arzte näher . - » Nicht wahr , verehrter Freund , auch Euch trifft bei dem Anblicke des Fräuleins eine Erinnerung , wie uns Beide ? « » Weiß Gott , « rief der Arzt , » so viel Aehnlichkeit sah ich noch nie ! - gewiß , wir meinen dieselbe . « » Wen denn ? wen denn ? Was meint Ihr denn ? « - rief Madame St. Albans in ungeduldiger Neugierde , » mit wem hat Miß Eton Aehnlichkeit ? « » Lassen wir das , « erwiederte ernst der alte Arzt , » wozu die Todten wecken ? - Vergebt , liebes junges Fräulein , das unhöfliche Erstaunen eines alten Mannes ! Gott hat Euch mit hoher Schönheit gesegnet , und aus Euren Augen blickt etwas , was die Seele verbürgt , die in Euch wohnt - und so möge Euch denn Gott behüten , daß Euer Schicksal glücklicher sei , als das derjenigen , der Ihr gleich sehet , als ob Ihr ihre Tochter wäret - wenn Eure Jugend das nicht unmöglich machte . « Es lag etwas so Feierliches , so ernst und tief Gerührtes in diesen Worten und in dem Ausdrucke des Greises , daß Elmerice , davon erschüttert , aufs Neue die Ahnung eines ihr näher rückenden Verhängnisses empfand ; und blaß und melankolisch zu ihm aufblickend , sagte sie bang : » Ich werde meinem Schicksale nicht entgehen , es erwartet mich schon auf dem Wege , den ich so eben betreten . « Der Arzt hörte sie nicht mehr - sein Aufbruch ließ diese schweren Worte auch von den Andern überhören , und so war es Elmerice allein , die davon ergriffen ward , als habe nicht sie , sondern ein Anderer aus ihr hervor , die Bestimmung ihrer Zukunft ausgesprochen . So schneiden oft Worte tief ein , die wir in seltenen Augenblicken des Lebens aussprechen , an uns selbst zum Propheten werdend und uns der Stellung entgegen treibend , die uns nah gerückt ist , wenn auch noch verhüllt . Das wohlthätige Geheimniß , worin die Zukunft verschleiert liegt , scheint dann von der ihr entgegen greifenden geistigen Kraft in uns für Momente aufgedeckt zu werden . Wir fühlen mit untrüglicher Wahrheit Menschen , Verhältnisse , Orte , die noch beziehungslos zu uns erscheinen , als einschreitend in die wichtigsten Verhältnisse unseres Lebens ; und deckt der nächste Augenblick auch oft so helles Erkennen wieder zu , wir wissen doch in dem schwellenden Herzen , es sei ein neuer Lebensabschnitt gekommen , und ahnungsvolles Erwarten erfüllt unsere Seele . So sehen wir Elmerice . - Still nach ihrem kleinen Zimmer zurückgekehrt , finden wir sie in tiefem Nachdenken noch lange an dem freundlich umgrünten Fenster ruhen , das sie mit seinen im leichten Spiele der Luft nickenden Ranken festzuhalten , und ihr mit dem ruhigen Hintergrunde des kleinen , zellenartigen Zimmers Frieden und unschuldige Ruhe zu sichern scheint . Ziemlich unsanft unterbrach Madame St. Albans dies sanfter werdende Nachdenken , indem sie heftig eintrat und sogleich , auf Elmerice unruhig blickend , ausrief : » Was das nur für eine Aehnlichkeit ist , von der sie Alle fabeln - ich wüßte nicht , mit wem - und warum sie so geheimnißvoll thun , da die Person todt sein muß ! - Aber diese alten Leute , die haben immer so was gehabt , immer nur halbe Worte , und die noch in Frage gestellt , und dann noch besorgt , es werde verrathen werden , was kein Mensch aus solchen Reden errathen könnte - ja wahrlich , alte Jungfern , alte Junggesellen bleiben immer dieselben , sie müssen immer wichtig thun und sich ein Ansehn geben , wohinter nichts ist ! « Elmerice war verlegen , ihr zu antworten ; sie sah wohl , daß die Erzürnte mit ihren Nachforschungen abgewiesen worden war , und wußte sie doch nicht zu beruhigen . » Ihr kennt das ehrwürdige Geschwisterpaar wohl lange schon ? « hob sie daher schüchtern an . » Ja , ja , lange genug ! seit ich hier überhaupt bekannt bin , kenne ich sie auch , « erwiederte Madame St. Albans , sich niedersetzend , aber noch immer in höchst mißmuthigem Tone . - » Es sind brave , gute Leute , das läugne ich nicht ! sehr gute Leute , wohlthätig und fromm , wie es ihr Stand nur wünschen läßt , und traurig genug , daß meine arme Mutter auch sie nicht zu sehen begehrt ; da hätte sie doch einen menschlichen Umgang - aber so - seht , das thut keinem Menschen gut , so für sich zu sein ; ich habe das auch über Eure Gräfin gesagt , die wird auch mit der Zeit menschenfeindlich werden . « » Dazu ist vorerst bei ihr noch wenig Anlage , « erwiederte Elmerice , » sie sucht das Geräusch der Welt nicht , aber sie ist Jedem zugänglich geblieben , dem Unglücklichen , wie dem Glücklichen . « Mißmuthig schwieg Madame St. Albans , als plötzlich ein allerliebster Kinderkopf in das niedrige Fenster hineinsah und mit leiser Stimme frug : ob hier die fremden Damen wohnten ? » Bist Du Asta ? « rief Madame St. Albans - » und kömmst Du vom Schlosse ? « » Ja , Madame , « sagte das schöne zwölfjährige Kind - » Ihr sollt Euch eilen , mir zu folgen - Mistreß Gray ist sehr krank . « » Ach , großer Gott , « schrie Madame St. Albans todtenbleich , » so stirbt sie doch wohl ! « » Seid doch nur ruhig ! « rief Asta - » sie wird ja nicht gleich sterben - so habe ich sie schon oft gesehen . « Doch Madame St. Albans war so erschüttert von der Nachricht , daß sie beim Aufstehen zu schwanken begann und Elmerice sie in ihren Armen unterstützen mußte . » Ich werde Euch führen , « sagte Elmerice , nach ihrem Hute greifend , » und so weit mitgehen , als mir vergönnt sein wird . « Schweigend genehmigte Madame St. Albans dieses Anerbieten , und beide gingen , von Asta geführt und von den Segenswünschen der guten Geschwister begleitet , den schweren Weg . Von den großen Alleen , welche zu den verschiedenen Eingängen des Schlosses führten , leitete Asta ihre Begleiterinnen seitwärts in ein kleines wildes Gehölz , womit eine eben so grade und regelmäßig gepflanzte Allee verwachsen war . Der Fußsteig war hier schmal und uneben , kaum für zwei Personen gangbar , und erlaubte nur einige Schritte weit um sich zu sehen . - So standen sie plötzlich an einer verfallenen Treppe - Asta winkte Elmerice geheimnißvoll zu , und Madame St. Albans , die den Ort erkannte , machte seufzend ihren Arm von ihrer jungen Führerin los . - » Geht nun mit Gott zurück und betet für mich , Elmerice , mein liebes Kind ! Wann ich Euch wiedersehe , weiß ich freilich nicht , Nachricht werdet Ihr wohl von mir hören . « - Tief gerührt nahm Elmerice nun Abschied und beschwor sie , ihr jede Möglichkeit anzugeben , wodurch sie ihr dienen und zur Pflege ihrer Gesundheit beitragen könne . Aber kaum wußte Elmerice , ob die arme Frau ihre Rede verstanden habe ; denn bleich und in trübes , tiefes Nachdenken versenkt , wandte sie sich ab und stieg an Astas Hand die Stufen hinan , die in eine Art Thoreingang führten und jetzt Beide den Blicken der besorgt Nachschauenden entzog . Längst waren sie verschwunden , kein Geräusch , keine Bewegung ließ die Ahnung aufkommen , daß hier menschliche Wesen existirten ; aber Elmerice blieb wie gefesselt auf der Stelle stehen , als müsse sie ihnen nach , als könne sie nicht zurückbleiben . Das Gefühl , das sie seit gestern empfand , trat hier noch mächtiger hervor . - Wie zu einer nothwendigen Leistung trieb es sie dem geisterhaften Schlosse zu , und mit nie gekanntem Entsetzen , mit dem tiefsten , bangsten Schmerz schien es sie wieder zu verjagen . Sie blickte nach einem Ausweg , der sie in anderer Richtung führen könnte , sie wollte , sich selbst überlassen , einen Eindruck , der so mit seiner Unklarheit sie quälte , verstärken oder mildern durch einen ungestörten Anblick des Schlosses . Sie arbeitete sich durch das Gestrüpp bis zu den Stämmen der Bäume und befand sich bald auf einem freieren Standpunkte , von wo sie eine neue Ansicht des Schlosses gewann , von dem sie jetzt durch einen niedrigen Wall und ein dahinter laufendes Wasser getrennt war . Auf einer festungsartigen Uebermauerung zeigte sich hier die älteste Seite des Schlosses , die fast nur aus aneinandergereihten Thürmen in den verschiedensten Höhen und Dimensionen , mit sehr beschränkten Verbindungsmauern versehen , bestand . Der graue Schieferstein des Unterbaues , die spitzen , niederhängenden Thurmdächer mit gleicher Schieferdeckung , die schwärzlich überzogenen Mauern und Wände der erhaltenen oder schon eingesunkenen Räume gaben auch von hier aus nur eine Bestätigung des empfangenen Eindrucks , den sie sich nicht anders klar zu machen wußte , als indem sie sich eingestand , nicht einem Bauwerke gleiche dies wunderbare Schloß , sondern aneinander gedrängten Geistern , die in den abweichendsten Verkappungen sich verbunden hielten , hier ihre Herrschaft zu behaupten . - » Ihr widersprecht durch Euer Ansehen nicht den grauenvollen Berichten , die an Euren Namen haften und die Phantasie der Menschen mit Schauer erfüllen « - seufzte Elmerice , » und wer weiß , was die Zukunft noch für mich in Euren Mauern birgt ! « - Sie versuchte der Richtung , die der Wall und das schmale Wasser gaben , zu folgen , und es gelang ihr , so einen Theil des Schlosses zu umkreisen , das an der erwähnten Seite nur die Spitze , vielleicht das kleine Jagdschloß , welches zuerst hier erbaut ward , zeigte , und sich beim Weitergehen vor Elmerice in seiner späteren bedeutenderen Ausdehnung entwickelte - aber dieser spätere Theil , der schon unter Heinrich dem Zweiten entstand , war doch in seiner Architektur , wenn auch fürstliche Pracht beabsichtigend , düster und überladen , und der jetzt durch die Zeit entstandene Verfall desselben nicht minder schwermüthig und unheimlich . - Vor Allem aber bewegte sie der Anblick des düsteren Eingangthores ; in drei Terrassen , welche durch Gräben von einander getrennt waren , worüber Brücken führten , stieg das Terrain bis zu dem größeren Hofe empor , der mit eisernen Gittern verschlossen war . Um diesen Hof schienen die Hauptzimmer des Schlosses zu liegen ; aber wie düster mußte ihr Inneres sein , da hier das Grabmal des ersten Besitzers aus dem Hause Crecy , von hohen Ulmenbäumen umgeben , stand , welche ihrem eigenen Triebe überlassen , ihre weiten Zweige beschattend über den ganzen Raum verbreiteten . Elmerice hatte wie eine Träumende die Terrassen erstiegen und stand gegen die Stäbe des Gitters gelehnt , und schaute in den Hof und fühlte nicht , daß ihre Kniee bebten , ihr Mund den kurzen , gepreßten Athem nur noch hervorseufzte . Sie starrte hinein , als müsse sie jetzt sehen oder erfahren , was ihr Aufschluß gäbe über das , was ihre Brust in gleichem Maaße hier anzog und zurückstieß . Aber es ward ihr kein Aufschluß - Todtenstille herrschte in dem schauerlichen Raume , und alle Zeichen der Verödung drängten sich ihr auf . Das Grabmal selbst schien eingesunken , und seine äußeren Trophäen durcheinander gefallen ; zwischen dem weißen und schwarzen Marmorpflaster des Hofes drängte sich der Rasen , die Freitreppen , die an den Zimmern emporstiegen , waren von der überall sich anbauenden Vegetation der Moose und Schlinggewächse überzogen , oder lagen mit zerbrochenen Stufen und Geländern halb verfallen auf dem Pflaster - und der vorrückende Abend sowohl , wie der Schatten der Bäume , verhinderte den Blick in die Gemächer , zu denen sie führten , und die wie weite Grabgewölbe dahinter lagen . Längst war Schloß und Riegel an dem Thore