Ordensregeln verstoßen , die ich als neugewählter Prior mit großer Vorsicht beobachten muß . « » O , es ist nur eine Kleinigkeit , Hochwürden ! Mein Freund hier , ein ferner Anverwandter , hat gehört , es soll sich in diesem Kloster ein Mönch aufhalten , der aus hohem Stande entsprossen , sich den Unwillen seiner Familie zuzog und um ihren Verfolgungen zu entgehen , die Priesterweihe empfing . Familienverhältnisse machen ein Zwiegespräch unter vier Augen nöthig . « » Dann würde ich den Herrn um Mittheilung des Namens bitten . « » Doch nicht ! Ein Muttermal wird sicherer zum Ziele führen , da die Hartnäckigkeit dieses Menschen bekannt ist und ihn wahrscheinlich aus Argwohn abhalten dürfte , seinen Namen anzugeben . Ein Besuch der Zellen ist gewiß nicht verboten ? « » Keineswegs , nur muß es in meiner Begleitung geschehen . « Ein Lichtglanz , wie auf dem Ruben ' schen Gemälde , umfloß Bardeloh ' s Gesicht . Er schien gerade diese Begleitung zu wünschen . - Stillschweigend traten wir unsere wunderliche Wanderung an . Die meisten Zellen waren leer , das Kloster schien aussterben zu wollen , wie die bigotte Andacht . » Treten oft neue Mitglieder in den Orden ? « fragte ich . » Seit zehn Jahren ist kein Novize mehr aufgenommen worden . « Jetzt kamen wir an die bewohnten Zellen . Die Mönche begrüßten uns mit dem scheuen Argwohn , der Menschen eigen ist , die nie oder höchst selten in die Welt kommen . Es lag in ihren blassen Gesichtern mehr Stupidität , als vergramtes Leben . Sie zu beherrschen konnte nicht schwer sein für Einen , der nicht ganz an Geist verwahrlost war . - Unsere Musterung ging zu Ende . Wir verließen die letzte Zelle , das Gesicht dessen , den wir suchten , war uns noch nicht vorgekommen . » Es muß eine Täuschung sein , « sagte Bardeloh . » Wir bitten um Entschuldigung , Ew . Hochwürden gestört zu haben . « Der Prior sagte eine verbindliche Schmeichelei und ward beredt . Er erzählte verschiedene Wundersagen , die im Kloster seit Jahrhunderten heimisch geworden waren . Die Gänge auf und abwandelnd schlug Bardeloh mit diplomatischer Feinheit immer diejenigen ein , die wir noch nicht betreten hatten und war so vorsichtig , bei jeder neuen Wendung einen seinen Röthelstrich unbemerkt an die Wand zu machen , indem er sich den Anschein gab , als halte er sich daran . Der Prior bemerkte diese strategische Vorsicht nicht . Plötzlich ward das Gespräch unsers Führers durch ein lautes Lachen unterbrochen , dem unmittelbar eine Strophe aus jenem mir schon bekannten Liede folgte . Wir waren am Ziele . Dieser Ton wahnsinniger Lust brach dumpf aus einem Thurme , der vor uns den Gang schloß und mit einer ei- senbeschlagenen Thür wohl verwahrt wurde . Der Prior erbleichte , biß die Lippe ein und wollte umkehren . » Was haben Sie denn da für einen lustigen Vogel ? « sagte nachlässig lachend mein Gastfreund . » Lassen Sie uns doch näher treten . In meinem Leben habe ich noch kein so vergnügliches , frivolwitziges Lied in Klostermauern gehört . « Der Prior konnte uns nicht hindern . Wir standen an der eisernen Thür . » Es ist ein Toller , « sagte unser Führer , » den wir der Sicherheit wegen in diesen engen Gewahrsam gebracht haben . « » Ach Tolle , Sie wissen es , Hochwürden , Tolle sind meine wahre Passion ! « rief wie verzückt und in ganz verdachtloser Vergnüglichkeit Bardeloh aus . » Ich bitte , lassen Sie mich das seltsame Menschenkind sehen ! Ohnedies beschäftige ich mich jetzt mit dem Studium der umgekehrten , will sagen , der rückwärts sich entwickelnden Menschheit , und da könnte mir der Anblick einer solchen Curiosität von ganz besonderm Nutzen sein . Bitte , Hochwürden , lassen Sie die Thür öffnen ! « » Nur auf einen Augenblick , « versetzte der Prior , aus seiner Ordenstracht einen Schlüssel hervorziehend . » Ich muß hier immer selbst Pförtner sein , « setzte er hinzu , » damit keine Unordnung geschieht . « Die Thür drehte sich in ihren Angeln , eine abgemergelte Menschengestalt , in die zerfetzte Ordenstracht gehüllt , saß auf einem Block . Eine starke Kette schmiedete sie an die Mauer . Mehr aber noch als die Gebrechlichkeit seines Körpers und die irre Gluth , die aus dem tiefliegenden Auge brach , entsetzte mich eine blutrothe Narbe , die von der linken Schläfe in Form eines Halbmondes bis auf die Mitte der Stirn herab lief . Gram , Angst und die Zerstörung des Wahnsinns hatten den Scheitel fast aller Haare beraubt . Der Mensch glich einem lebendig gewordenen Todtenkopfe . » Er ist es ! « rief Bardeloh aus und packte zugleich mit Riesenkraft den Prior . » Sieh mich an , Schurke ! « fuhr er fort dem Erschrockenen in ' s Gewissen zu donnern , » und läugne , daß wir Brüder sind . « Er riß den Hut vom Haupt und strich von der linken Schläfe die Haare zurück , die eine eben solche Narbe , nur weit kleiner und blässer verdeckten . » Das ist mein Zwillingsbruder . Wir tragen das Schreckenszeichen , dessen Anblick unsrer Mutter das Leben kostete . Ich fordere das Leben dieses Unglücklichen von Deiner Seele ! « Der Mönch lachte zu diesem Austritt und sang in kurzen Zwischenräumen Strophen aus seinem Liede . In der Kirche begann eben wieder die Hora . » Ja singt nur , Ihr Heuchler , « schrie Bardeloh und warf sich auf die Ketten des Wahnsinnigen , die seiner Kraft wichen und , morsch wie sie waren , zersprangen , » singt nur und ruft die Strafe des Himmels herab auf die gottverlassenen Gewölbe , wo die gesunden Sinne zur Tollheit erzogen werden . « - Entsetzen lähmte den Prior . Der entfesselte Mönch stand mit einem schluchzenden Gelächter auf , ergriff seine Ketten und umschlang , ehe wir es hindern konnten , mit den rostigen Gliedern den Prior . Dann fiel er in seinen Gesang und raste im wilden Tanze unter dem Sterbegeläute des Kettengeklirrs mit seinem Opfer in der Zelle umher . Mir vergingen die Sinne , ich hörte nur noch die gräßlichen Worte : » Sei gegrüßet , holde Schöne ! Dich , Maria , mit Gestöhne Bet ' ich an - ' nen Kuß , ' nen Kuß ! - - Sed tu , bonus , fac benigne , Ne perenni cremer igne ! etc. « » Da haben Sie die Moral der Rache , « sagte Bardeloh , zurückgesunken in die vernichtende Ruhe eines Menschen , der im Weh des Lebens das Glück verloren hat , den Schmerz sichtbar werden zu lassen in seinen Mienen . Noch eine kurze Zeit und der Mönch stürzte mit sammt dem Prior zu Boden . Eine bange Stille trat ein . Die Jammergestalt des Unglücklichen zuckte fieberisch , der Prior , dessen Nacken von der Kette des Wahnsinnigen umschlungen ward , hob und senkte nur noch die Augenlider . Fester schnürte sich die Kette um seinen Hals . Das brechende Auge schleuderte einen ewigen Fluch auf Bardeloh . Der Wahnsinnige ermattete mehr und mehr , er wiegte sein haarloses Haupt hin und her und stammelte mit lächelnder Lüsternheit die Sylben seines unsittlichen Gesanges . » Wie wird das enden ? « seufzte ich aus meinem brechenden Herzen , als die Blässe des Todes wie ein Leichentuch über das Gesicht des Priors fiel . » Sehr gut , « sagte mit unerschütterlichem Gleichmut Bardeloh . » Bleiben Sie hier . Ich gehe zu den Confratres , erzähle ihnen , was sie zu wissen brauchen und legitimire mich bei der geistlichen Behörde . Wie der Mensch gestorben , kann ein unmündiges Kind begreifen . « Bardeloh ging fort , ich blieb bei dem Leichnam und dem in Ohnmacht gesunkenen Mörder desselben . Es war die entsetzlichste Stunde meines Lebens , die an mir vorüberzog . O , könnten wir einen Seherblick thun in die geheime Geschichte klösterlichen Lebens , es würde die blutigste Biographie des Menschenherzens sich herausheben aus verschwiegenem Schutt und Moder , und der Anfang des Weltgerichts hereinbrechen über die Erde ! Nur der Gedanke , daß in der Gesammtgestaltung des innern Weltlebens ungesucht sich ein Frieden begründet , welcher den bittern Widerstreit zwischen dem lauschenden Skepticismus des Verstandes und den Irrungen des nach Heiligung trachtenden Menschenherzens ausspricht , kann uns beruhigen . In kurzer Zeit erschienen die Brüder und knieten in stummen Gebet um ihren todten Prior . Bald darauf kam Bardeloh zurück mit den Behörden . Die Legitimation war schnell geschehen , über die Todtesart des Prior konnte kein Zweifel aufkommen . Bardeloh erzählte den Vorgang der Wahrheit getreu mit Verschweigung Alles dessen , was nachtheilig für ihn hätte werden können . Der Wahnsinnige , behauptete er , habe seine Ketten selbst zerrissen . Dies mußte er auf das Kruzifix beschwören , was er ohne Widerstand that und mit großem Ernste . Er verlangte hierauf Auslieferung des Bruders , die man ihm um so weniger verweigerte , als sorgsame Pflege sehr wahrscheinlich das einzige Mittel zu seiner Genesung werden konnte . Alle Anzeichen , auch die Aussagen der ältern Brüder , bestätigten , daß der Wahnsinnige gegen seinen Willen in ' s Kloster gebracht und darin festgehalten worden sei . Wie weit der Prior daran Theil gehabt , war schwieriger zu ermitteln , doch schien aus Allem hervorzugehen , daß eine unerbittliche Feindschaft zwischen dem Todten und dem Mönch bestanden habe , und die Einkleidung des Letzteren eine Art Rache von Seiten des Priors gewesen sei . Bardeloh beobachtete , wie gewöhnlich , ein hartnäckiges Stillschweigen , wie es schien , weil er selbst über die ächten Beweggründe nicht im Klaren war . Nach einer halben Stunde kehrten wir in Bardeloh ' s Wohnung zurück , etwas später ward der Bruder meines Gastfreundes in einer verschlossenen Kutsche , gefesselt an Händen und Füßen , dem Verwandten übergeben . Ein festes Zimmer ist seitdem sein Aufenthalt und seine Kräfte nehmen sichtlich zu . Er ist geduldig wie ein Kind und spielt mit unverkennbarer Hinneigung zu Felix mit diesem . Ueber den unglücklichen Tod des Priors gehen zwar verschiedene Gerüchte , doch entfernen sie sich alle weit von der Wahrheit . Bardeloh ist seitdem noch viel schwermüthiger und schweigsamer geworden , behandelt mich aber mit der freundschaftlichsten Aufmerksamkeit . Ich habe ihm versprechen müssen , das ganze Jahr und auch den Winter hindurch bei ihm zu bleiben . - Dies waren die Folgen eines unschuldigen , harmlosen Spazirganges Wie seltsam sich die Schicksale verketten ! Fremd , ohne wahrhaftige Freunde zu besitzen , muß ich die Veranlassung geben zu einem Morde , aber auch einen Unglücklichen befreien , vielleicht um ihm zu einer nur mäßigen Gerechtigkeit zu verhelfen . - So Außerordentliches kann sich nur in einer katholischen Stadt ereignen , in deren rostigen Fesseln die Geschichte immer des Augenblicks harrt , der sie wieder austreten laßt als Schöpferin einer That . Der Zwang ist unser Befreier , die Kette der Laufring , worin die Tugend gehen lernt . Und nebenher trottet die ewig geduldige Zeit , als gutmüthige Amme , die besorgt um das lebhafte Kind den Ring immer enger zieht , wenn es stolpert . Wann werden wir endlich aufhören zu stolpern ? Gott des Himmels , laß uns doch nicht mehr stolpern , sondern kräftig wie junge Löwen umherspringen ! Vielleicht macht das Alter die Amme blind . Dann wird sie sich freuen ihrer Ziehkinder , die Thaten vollbringen , um der Blinden des Abends , wenn sie ruhen , die Zeit durch Erzählungen zu vertreiben . Eine That , ach eine That , die ganze Welt für eine That ! - Den 7. August . Es ist wieder Nacht , ich habe das neunfache Siegel gebrochen und einen Theil von Gleichmuth ' s Lebensgeschichte gelesen . Wenn der unsicher zitternde Buchstabe Dich anstarrt aus diesem Briefe , wie das Bangen eines Geheimnisses , so wundere Dich nicht darüber . Selten ist es uns vergönnt , im Herzen des Fremden eine Lösung für Räthsel zu finden , die mit ertödtendem Nachsinnen eine halbe Welt von der heitern That zurückhalten . Ich habe den Prediger schwören müssen , nur in der Einsamkeit der Nacht Umgang zu pflegen mit seinem Leben , als wäre es eine verschämte Geliebte , die sich nur im Dunkeln dem Freunde hingeben will . Das Versprechen habe ich gelöst . Ob er auch Verschwiegenheit verlangt ? Schwerlich ! Denn die Art seiner Erzählung klingt wie ein Aufruf an alle Welt und kann , verbreitet , Tausenden zur Rettung gereichen . Außerdem scheint es mir , als wolle der fernere Verlauf dieser Mittheilungen sich in die Maschen des Lebensnetzes verwickeln , das der Zufall auch über mich geworfen hat . Nimmst Du Theil an den Leiden eines strebenden Geistes , so lies die folgenden Blätter , fürchtest Du aber den Unmuth , der wie ein finsterer Geist Dich umkreisen wird bei dieser Lectüre , so überschlage sie . Nur für den Bewegten , Freundlosen und vom Weh des Lebens Gequälten können diese Eröffnungen einen Trost enthalten . Hier der Anfang . Bekenntnisse eines durch Zeit , Menschen , Lehre und Streben Irregeleiteten . » Meine Kindheit war ein langer Fluch in Mandelmilch aufgelöst . Ich trank den süßen Saft , ohne zu merken , welches Gift ich genoß . Erst im dreizehnten Jahre zeigten sich fühlbare Spuren der verschlungenen Mixtur . Dieser Fluch war die übertriebene Frömmigkeit meiner Aeltern , wie man damals die Unbewußtheit zu nennen beliebte , die sich in unbedingter Hingabe an Altüberliefertes ausspricht . Dagegen hatte ich selbst nichts einzuwenden gehabt ; denn dasjenige , was durch Gewohnheit überzeugende Kraft gewonnen , läßt sich schwer ausrotten . Der Fehler lag nur in meiner unglücklichen Constitution . Mein frommer Vater hatte , unbeschadet seiner Frömmigkeit , der Liebesgöttin zu tief in die feuchten Augen gesehen , als der Himmel sein gnädiges Gedeihen gab zu einer ungleichen Liebe in rechtmäßiger Ehe . Das Kind der Ehe ward - seltsam genug - als ein Kind der Liebe geboren , und kam auf die Welt mit farbigen Flügeldecken , die nur nothdürftig den Muth des Lebens und die Freude an heiterem ungenirten Genusse dieses Erdenlebens verbargen . Die Liebe ist blind , selbst bei frommen Aeltern . Die meinigen bemerkten zu spät , daß ihre Liebe zu mir sie das Berupfen meiner Schwungfedern hatte vergessen lassen . Man wollte nachholen , was nur in einem einzigen glücklichen oder unglücklichen Augenblicke gelingt ; es war zu spät , die Federn ließen sich nicht mehr ausziehen ! Meine Aeltern gingen fleißig zu Kirche und Abendmahl und schenkten dem heiligen Geiste zwei silberne Leuchter , wahrscheinlich , damit er mich gnädig mit dem sanften Licht seines Taubengesichtes erleuchte . Diese heilige Kur schien aber bei mir schlecht anzuschlagen , wie alles Heilige . Von Stund an wuchs meine Lebenslust , die Gedankenzwiebel fing an zu keimen und ihr narkotisches , neunhäutiges Gewand duftete so stark , daß meine Aeltern Kopf- und Verstandesschmerzen davon bekamen . Ich dachte schon damals Dinge , die vor zweihundert Jahren in der Schmelzgluth eines Scheiterhaufens geläutert worden wären . Diese Wahrnehmung brachte große Besorgniß in unser Haus . Es ward ein Rath versammelt und die Friedenspfeife angezündet . Als ihre heiligen Dampfwolken einen dichten Nimbus im Zimmer bildeten , beschloß man , mich der Kirche zu offeriren . Dieser Beschluß ward mir bekannt gemacht und ich nahm ihn hin , wie jeden andern . Konnte ich doch nebenbei thun und denken , was ich wollte . Das Bewußtsein der Göttlichkeit hoffte ich mit der Zeit ebenfalls in mich hineinzubringen . Dreizehn Jahre alt ward ich in die Schaar der erwachsenen Christen aufgenommen . Die Confirmationshandlung unterhielt mich . Es vereinigte sich dabei viel unnöthiger Flitter und einige Repräsentation . Ich hatte selbst eine Art öffentlicher Charge , konnte mich zeigen , und diese erste Probe von Ostentation schmeichelte meinem ruhmsüchtigen Herzen . Das Heilige , wovon mir zwar endlos vorgeschwatzt worden , dessen Wichtigkeit Lehrer und Aeltern mir salbungsvoll eingeredet hatten , ohne mir doch das Warum ? desselben auch vernunftgemäß darthun zu können , dieses Heilige blieb mir leider völlig unbegreiflich ! Auch lebe ich noch heut der festen Ueberzeugung , daß alle jene andächtigernsten Gesichter selbst nichts davon ahnten . Ihre Gutmütigkeit , ihre Glaubensschwäche oder Stärke , ihre gottserbärmliche Gabe , sich an etwas Gegebenes eher anzuschließen , als aus sich selbst etwas Neues , diesem Gegebenen Entgegengesetztes zu entwickeln , vermochte sie dazu . Unter solchen Verhältnissen nöthigte mich die Confirmation zu einer Art Meineid und die erste Abendmahlsfeier konnte ich - entsetzlich genug - späterhin nur als meine erste Gotteslästerung betrachten . Sicher aber wird der gnädige Gott mir diese Todsünde nicht hoch anrechnen . Wie konnte auch der weltlich gesinnte Knabe mit der schäumenden Sinnenlust Geheimnisse begreifen , die ein in Heiligkeit und beschaulichem Leben abgetödteter Mensch noch dunkel und räthselhaft genug findet ! Mein einziger Genuß bei dieser kirchlichen Feierlichkeit war , daß ich Zeit dabei gewann , mich recht innerlich in meinen eignen Gedanken zu ergehen . Nach der Handlung selbst wollte ich eine lustige Geschichte erzählen ; da nahm mich der Vater bei der Hand und sagte feierlich-ernst : bedenke , was Du heut vorgehabt , mein Sohn ! Ach , du lieber Himmel , ich hatte ja gar nichts vor , und das war eben die Ursache meiner kindlich-frommen Heiterkeit . Indeß schwieg ich und war im Ernst bemüht , mich hineinzuheucheln in den feierlich-trübseligen Ton der Uebrigen . Es vergingen Jahre , ehe mir der heilige Wahnwitz dieser Menschen deutlicher ward . Noch aber weiß ich mich des Tages sehr wohl zu erinnern , weil an ihm die Urkunde meines ferneren Lebensunglückes von mir selbst besiegelt wurde . Ich gelobte nämlich meinem Vater , ein Gottesgelehrter werden zu wollen , ein Versprechen , das ich bitter bereut habe , weil meine innerste Natur in einer feindseligen Verfassung gegen dasselbe sich befand , und dadurch genöthigt ward , zum Schlimmen zu kehren , was unter anderen Umständen das Herrlichste hätte entwickeln können . Gut , mein Sohn sagte der bewegte Mann , Du hast mein Herz beruhigt , stärke Dich an heiliger Stätte . - Ich ging zur Beichte , und Tag ' s darauf zum Tische des Herrn . - O wie brach an jenem Tage der Himmel über mir zusammen und bedeckte mich mit dem Funkennebel seiner zertrümmerten Sterne ! Von nun an sollte ich ja ausschließlich mein ganzes Dasein diesem geschäftigen Dunkel widmen , das ich nie begreifen konnte , und grübeln über unbewußten heiligen Tand ! Ich fühlte , daß der Drang meines Herzens nicht dahin sich wendete , sondern der entgegengesetzten Seite zu , wo das heitere Leben sich bewegte mit dem blühenden Scherz und der offenen , unverhüllten Menschlichkeit ! Ich begann zu sinnen und durfte nicht lange nach einem Ausgange aus diesem Labyrinthe suchen . Beruhigt that ich fortan , was man gewöhnlich Pflicht nennt und war dabei weder kalt noch warm . Es war der erste Moment , wo ich anfing , im schlimmen Sinne ein Protestant zu werden . In dieser Zeit bildete sich stillschweigend in mir ein eigenes philosophisches System aus , das sich wesentlich von allen andern , ältesten und neuesten , unterschied . Es ist zwar nicht gedruckt worden , doch sicher unter vielen meiner lieben Amtsbrüdern sehr bekannt . Dieses System ist das jenes Protestantismus , der nie gepredigt wird . - Abermals war eine kleine Reihe von Jahren an mir vorübergezogen . Sie verwandelten nicht meine Denkart , sondern boten nur Stoff zu deren eigenthümlicher Ausbildung . Im Streit mit Allem , was Verjährung und altgewohnte Sitte zum Gesetz gestempelt hatte , ward ich ein Sohn jener freieren Weltbewegung , die erst zehn Jahre später Europa durchzitterte . Nur mit Mühe und der Angst stiller Selbstbeherrschung konnte ich die Lehren ohne Widerspruch hinnehmen , die uns als die alleinige Wahrheit von verschiedenen Seiten her geboten wurden . Es war sogar wenig Fruchtbringendes in diesem schalen Einerlei . Die Gedanken schwammen mit gebrochenen Augen darauf herum und wurden still begraben im Zuguß des neuen , wasserdünnen Nichts . Mir hüpfte das Herz vor Freuden , als die Hochschule endlich meinen Forschungen einen größeren Spielraum für Befriedigung meiner geistigen Gelüste verhieß . Strotzend von gesunder Lebenskraft betrat ich den Schauplatz der Welt . Mein Geist schlief nicht , er tobte mit Ungestüm gegen die Fesseln , die Schulzwang , unverständige kindliche Liebe und gepredigter Gehorsam wohlwollend ihm angelegt hatten . Sie zersprangen von selbst , als die erste Welle des freien Lebens die rostigen Glieder berührte . Es begann ein schönes Leben , voll blühender Hoffnungen , voll süßen Glückes . Das Reich des unerschöpflichen Gedankens schlug seine Flügelthore mit zauberischem Klange aus einander und neugierig , erkenntnißsüchtig stieg der unbefangene Sohn der Natur in diese reichen Gänge voll unbekannter , seltsam gestalteter Erze . Wie mit tausend Geisteraugen stammte die neue Geheimnißwelt - ein zweiter Sternenhimmel - um mich und über mir ; aber auch dieser sollte bald getrübt werden durch die Doctrin neuer Satzungen . Hatte mich in der frühesten Jugend das Gemessene im Betragen , das Verlangen , jede Regung einzudämmen in die eng gezogenen Grenzen des sogenannten Schicklichen , erbittert , und dem Erfinder solcher Widersinnigkeiten fluchen lassen ; so wandte sich jetzt mein Zorn mit dem ganzen Grimm der erwachenden Männlichkeit gegen ein Dogma , das , so fühle ich , dem Menschen seine Würde , dem Herzen seine seligsten Freuden raubte . Der Mensch , immer geneigt , dem Scheine zuerst zu huldigen , ehe die gesunde Vernunft ihm das Unhaltbare desselben zeigt , hatte dem Vernichtenden die Hand gereicht , und im Lauf der Jahrhunderte auf zwei Doctrinen , die allbekannt sind , das ganze Gebäude der neuen Religion gestützt . Die Hauptlehre des Christenthums die Liebe ward unerbittlich , obwol unmerklich , aufgehoben durch jene beiden . Eigennutz und Ehrsucht ermangelten nicht , daran zu bilden und zu feilen , bis ein künstliches Netz entstand , in dem sich bequem der Mensch gefangen nehmen und die Heiligkeit seines Wesens einspinnen ließ unter der Vorspiegelung , er werde dadurch gottähnlicher gemacht . Früher , mehr beschäftigt mit der Profangeschichte als dem Kirchenleben , war mir dies so gut wie unbekannt geblieben . Nun aber schlug mit der Kirchengeschichte sehr oft ein zweitausendjähriger Jammer sein wahnsinniges Gelächter vor mir auf , und alle Völker Europa ' s wimmerten im Chor das Echo dieses entsetzlichen Weh ' s. Umsonst schloß ich die Augen , umsonst trocknete ich den Schweiß von der erbleichenden Stirn , das Weh gebar sich immer wieder von selbst aus jedem hinsterbenden Jahrzehnd , und wucherte fort , je dichter die Leichname über einander hinstürzten . Ist denn das Christenthum ? fragte ich laut und leise den Gram meiner Seele , und sollst denn Du ein Lehrer werden dieses Wahns ? - Aber es erfolgte keine Antwort auf meine Fragen , nur das Aechzen der sterbenden Jahrzehende weinte aus der weiten Todtenhalle , und der Duft der modernden Jahrhunderte hing seine feuchten , glänzenden Siegesfahnen in kaltem Farbenschmuck über den hinsterbenden Völkern auf . - Dort auf dem Katheder aber standen die schwarzen Männer mit den verwimmerten Gesichtern , in denen kein frisches , fröhliches Leben mehr seine heiligen Rosen erblühen ließ , und docirten als geschichtliche Facta , als heilige Vermächtnisse großer Vergangenheiten , was mein seltsam gebildeter Verstand nicht fassen konnte . Nie war ich unglücklicher gewesen , nie grimmiger im Leben.- Das also sollte ich mir aneignen , um eine Carriere zu machen ? Das war der tiefe Sinn einer Wissenschaft , die sich in terroristischer Demuth eine heilige nennt ? - Ueberall sprach man von dem Gesetz der Liebe und nirgends fand sich eine Anwendung desselben in der Praxis . Diesem zur Seite stand die Toleranz , die aber nur geübt ward in dem unmoralischen Sinne , der versteckt liegt in ihr . Ueber beiden aber schwankte triumphirend das Gespenst der Ascese . Das Unglück macht den Menschen eben so oft verschlossen als gesellig . Man will die Last abwerfen in der Rede zu Anderen , die gleiches Bedürfniß haben , und mit dem Lichte des Verstandes beleuchten , was der Glaube in seinen dunstigen Schleier hüllt . Nach langem , einsamen Denken schloß ich mich an einige Menschen an , die ich bald kennen gelernt hatte und deren Wesen mich anzog , ohne daß es mich gerade hinriß zur innigsten Freundschaft . Diese jungen Männer waren von den verschiedensten Naturen , alle mehr oder minder geistig begabt , aber in ihrem Denken eben so getrennt , als in den religiösen Bekenntnissen , denen sie angehörten . Um eine klare Darstellung von dem zu geben , was als Folge aus diesem Umgange für mich nothwendig hervorgehen mußte , sehe ich mich veranlaßt , meine damaligen Freunde einzeln zu charakterisiren . Am nächsten stand mir in früherer Zeit ein katholischer Jüngling , dessen tiefes Gefühl wohlthätig auf mich wirkte durch den Contrast , welchen es bildete , mit meiner Superiorität des Verstandes . Eduard gehörte keineswegs jenen bigotten Alltagsmenschen an , die man noch immer häufig genug unter Katholiken jedes Ranges und Standes trifft . Er hatte sich aus Neigung dem Studium der Medicin ergeben und würde dadurch allein , auch ohne ein tiefer liegendes Bedürfniß , zu einer Anschauung von Welt und Zeit gekommen sein , die einem hoch ausgebildeten geistigen Liberalismus entsprechend gewesen wäre . Eine derbe gesunde Sinnlichkeit , die wol im Scherz die Grenzen der Convenienz übersprang , machten mir ihn besonders werth . Es war nichts in ihm krankhaft , und wo ihm nur die Ahnung einer Schadhaftigkeit beschlich , war er gewiß sogleich auf die Vertilgung derselben ernsthaft bedacht . Bei dieser Freisinnigkeit war mir auffallend , wie er unerbittlich an der Vortrefflichkeit der katholischen Kirchenlehre festhalten und diese sogar mit Geist und schlauer Dialektik vertheidigen konnte . Am meisten Streit verursachte zwischen uns die Lehre von der Ascese , deren beseligende , sittliche Kraft Eduard unablässig anpries , ohne doch , wie ich gewiß glaube , von der Wahrheit seiner Behauptung überzeugt gewesen zu sein . Er war unerschöpflich in Aufzählung von Gründen und Beispielen , die alle dahin zielten , die Abtödtung des Fleisches zu apotheosiren . Die ganze Geschichte der Heiligen wurde durchgegangen und an ihr scharfsinnig nachgewiesen , wie ohne Ascese ein gottgefälliges Leben unmöglich sei . Um ihn zu ärgern oder mindestens zu einem Ziele zu drangen , ermahnte ich zur Nachahmung solcher Werkheiligkeit , und bestürmte sein Gemüth so lange und heftig , bis ein unverkennbarer Trübsinn ihn befiel , seine Besuche seltener wurden und fast jede Spur früherer Gesundheit sich gänzlich an ihm verlor . Von meinen sonstigen Freunden hörte ich , daß er seit einiger Zeit engen Umgang pflege mit einem katholischen Theologen , dessen Ruf ein höchst zweideutiger war . Man nannte mir damals den Namen dieses Mannes , die Zeit aber hat ihn aus meinem Gedächtnisse verwischt . Die allgemeine Stimme Aller , die ihn kannten , vereinigte sich dahin , daß jener Theolog ein vollendeter Jesuit sei und eine glänzende Laufbahn ihm wol nicht entgehen werde . « Eines Tages kam Eduard verstört zu mir . » Gleichmuth , « redete er mich an , » bist Du noch immer nicht überzeugt von dem Werth der Ascese , wie ihn die katholische Kirche lehrt ? « » Nein , Liebster , « versetzte ich , » vielmehr sehe ich immer mehr die Unmoralität dieser Doctrin ein , und sieht man Dich an , Eduard , so könnte man sehr leicht auf den Gedanken kommen , Du seist seit einiger Zeit von der Theorie zur Praxis übergegangen . Eduard , Du siehst sehr krank aus . « » Ich bin es , weil ich erkannt habe , daß die Sünde an mir haftet . « » Du bist ein Narr ! « fuhr ich heraus . » Womit willst Du diesen Beweis führen ? « fragte Eduard , anscheinend gleichgiltig . » Den Beweis Deiner Narrethei ? « » Ja , wenn ich bitten darf . « » Es gilt ! « » Nun ? « » Wenn ich verlange , Eduard , « fuhr ich fort , nur mit Mühe ein sardonisches Lächeln unterdrückend , » Du sollst die Moralität Deiner so gepriesenen Ascese durch Selbstausübung derselben an Dir darthun , bist Du dann geneigt , dieser Forderung zu entsprechen ? « Eine hohe Röthe überflog Eduards Gesicht . Ohne Antwort zu geben , riß er die Kleidungsstücke von seinem Körper und zeigte mir eine Schulter , die von Geißelhieben grausam zerrissen war . » Du siehst , « setzte er hinzu , » Charlatanerie liegt nicht in meinem Charakter . Was ich behaupte , kann ich auch beweisen , und damit Du diese Pönitenz nicht etwa bloß für eine vorübergehende Grille hältst , verspreche ich Dir , fünfzehn Jahre lang der Welt zu entsagen und in einem Kloster die Frivolität meines früheren Lebens zu büßen . « Vergebens bot ich jetzt meine ganze Beredtsamkeit auf , um den Unglücklichen von diesem Entschlusse , den ich großentheils veranlaßt hatte , zurückzubringen . Eduard beharrte darauf , berief sich auf die heiligen Ermahnungen eines wohlwollenden Priesters seiner Kirche und schied , meiner verhindernden Maßregeln ungeachtet , in wenig Tagen aus dem Kreise meiner Bekannten , um als Novize in ein Kloster zu treten . Nach fünfzehn Jahren wollte er mir Nachricht geben und durch die gewonnene Seelenruhe und Herzensheiterkeit meine Zweifel für beseitigt erklären . - Er verschwand und ich habe seitdem kein Wort mehr von ihm gehört . Seine Verwandten hielten ihn für todt ; Allen blieb sein Verschwinden ein Räthsel ,