, weil er sich nicht rechtschaffen mit ihr geängstiget habe , wie es doch seine Pflicht wäre , schäfftelte dabei immer im Zimmer umher , und kam nicht eher zur Ruhe , bis Alle um den schneeweiß bedeckten runden Tisch geordnet saßen , und der Duft des köstlichen Karavanen-Thees , wie man nur in Rußland ihn trinkt , die Luft mit Wohlgeruch erfüllte . Nun ging es an ein Fragen ohne Ende , bis Julie sich erbot , alles getreulich zu berichten , wenn man nur ein ruhiges Anhören ihr gewähren wolle . Der Uranfang alles Unheils an diesem verhängnißvollsten Abende ihres ruhigen kurzen Lebens , war ein nicht bedeutendes Unwohlsein der Schwester der Frau Lange gewesen . Der Weg zu der Wohnung der guten Dame war nicht weit , Julie hatte einigemal , freilich nicht unbegleitet , ihn zurück gelegt ; und um die Kranke nicht ihrer Bedienung zu berauben , hatte sie es gewagt , sich allein nach Hause finden zu wollen . Es war noch ziemlich heller Tag , als ich zum Hause hinaustrat , sprach Julie , aber ich muß gleich anfangs es versehen haben , denn ich war noch gar nicht weit gegangen , als ich gewahr wurde , daß ich in einer mir ganz unbekannten Gegend der Stadt mich befand ; ich wollte wieder zur Tante zurück gehen , aber ich gerieth aus einem engen Gäßchen in das andre . Es wurde neblig , es wurde dunkel , es wurde immer dunkler , Angstschweiß trat mir auf die Stirne , das Herz schlug mir unbändig , hoch und immer höher bis in die Kehle hinauf . Ich lief herum , und wieder herum , bis zum schwindlig werden ; wohl zehnmal kam ich immer wieder auf den nämlichen Fleck zurück , ich konnte nicht rückwärts , nicht vorwärts , ich wußte weder ein noch aus . Einige Russen mit langen Bärten traten aus einem kleinen hölzernen Hause heraus ; bis jetzt war ich noch keinem einzigen Menschen begegnet , hatte auch fast kein Haus gesehen , denn ich war meistens zwischen hohen Hof- oder Gartenplanken umhergeirrt . Die Männer sahen mich an und lachten mich aus , wie ich so da stand , zitternd vor Angst . Ich wollte mir aber doch ein Herz fassen , und mein bischen Russisch zusammennehmen , um sie um den Weg zu befragen : da entdeckte ich mit einemmal , zu meinem unsäglichen Schrecken , daß ich in der Angst den Namen der Straße , in der wir wohnen , rein vergessen hatte . Die Männer gingen weiter , ich gab mich nun ganz verloren , tausend Schreckbilder drangen auf mich ein , meine Kniee brachen unter mir zusammen , ich sank auf einen Stein , und weinte bitterlich , wie ein kleines Kind . Ausbrüche des herzlichsten Mitleids brachten hier eine kleine Pause in der Erzählung hervor . Dann sprach Julie weiter : Wie lange ich so gesessen weiß ich nicht , ich war kaum mehr meiner Sinne mir bewußt . Man ergriff meine Hand , das brachte mich wieder zu mir selbst ; eine ältliche Frau stand vor mir , wo sie hergekommen sei wußte ich nicht , mir erschien sie , in dem Augenblicke , wie ein Engel vom Himmel gesandt . Die berüchtigte Frau Marina war der Engel , der , als wir dazu kamen , eben im Begriff war , das Fräulein in sein Paradies abzuführen , setzte Richard hinzu . Bei diesem Namen schrieen Lange und seine Frau laut auf . O über die schändliche , verworfene Kreatur ! rief er : Julie , arme Julie , was wäre aus Dir geworden , hätte sich diese Deiner bemächtigt ! Nie , oder mit Schimpf und Schande bedeckt , hätten unsere Augen Dich unglückliches Kind wieder gesehen . Wie nur die weise Regierung , wie nur der liebe Gott selbst , einen solchen Höllenpfuhl wie ihr verruchtes Haus mitten in der schönen Stadt dulden kann ! Aber man behauptet ja offen , solche Krebsschäden wären großen Städten als Abzugsmittel unentbehrlich . In diesem Augenblicke wurde Herr Lange zu jemanden abgerufen , der ihn zu sprechen verlangte , und sich durchaus nicht wollte abweisen lassen ; er folgte sehr widerwillig dem Rufe ; nur kein Wort weiter , kein einziges , bis ich wieder da bin , bat er im Gehen . In augenscheinlicher heftiger Bewegung , bleich , erschrocken kehrte er nach einiger Zeit in das Zimmer zurück , und doch schien ein Strahl innerer Freude aus seinen Augen zu leuchten . Alle sahen verwundert ihn an , wie er , keines Wortes mächtig , neben Julien hintrat , und ihre Hände ergriff , indem er ihr forschend ins Gesicht sah . Julie , sprach er endlich , was hast Du mit dem Kaiser ? oder vielmehr , was hat der Kaiser mit Dir ? Julie sah bestürzt und ängstlich zu ihm auf . Seine allerhöchste Majestät , der große Czaar Alexander , der unumschränkte Herr und Gebieter aller Reußen , läßt sich erkundigen , ob die Herrn Richard Wood und Iwan Yakuchin Dich kleines unbedeutendes Persönchen heute Abend sicher und wohlbehalten nach Hause geleitet haben : sprach Lange , so feierlich als möglich . Wie geht das zu ? gieb gleich Rede und Antwort ! setzte er gleich darauf nach seiner gewohnten lebhaften Art hinzu . Nun ? Du sprichst kein Wort ? so laß uns wenigstens das Ende Deiner Abenteuer vernehmen , rief er heftig aufstampfend , als alle verwundert ihn ansahen und Niemand begriff , was er eigentlich meine . Julie erzählte : Er war es ! er war es ! Er war es selbst , rief Lange überlaut , ergriff das erschrockene Mädchen , walzte singend und jubelnd mit ihr im Zimmer herum , rückte Tische , Stühle und was ihm im Wege stand , von seiner Stelle fort , so daß das Zimmer in kurzem aussah , als ob Meublesauction darin gehalten werden sollte , gerieth endlich über einen widerspenstigen Nähtisch seiner Frau in ' s Stolpern , und sank dann athemlos einem Lehnstuhl in die Arme ; Iwan und Richard sahen verwundert dem Unwesen zu , Frau Lange aber , die ihren Mann besser zu begreifen schien als die Übrigen , saß in einer Ecke und weinte helle Freudenthränen . Julie , was bist Du für ein Mädchen ! ich bitte Dich um tausendgotteswillen , geliebte Seele , sei kein Klotz ! fing Lange wieder an , als er zu Athem gekommen war : ich bitte Dich inständigst , werde vor Freude wenigstens so toll wie ich . Begreifst Du es denn noch immer nicht ? der Kaiser war Dein Unbekannter , der Kaiser selbst ; gleich fall ' auf Deine Kniee und danke dem Himmel für die Ehre , die er Dir angedeihen ließ . Der Kaiser hat mit Dir gesprochen , hat für Dich gesorgt , denke Dir das ! er hat der Obhut dieser beiden Herrn Dich empfohlen , und jetzt sogar sich Deiner noch erinnert . Und Ihr , Ihr Herrn Militärs , Die Ihr mit bedenklichen Gesichtern stumm dasteht , fühlt Ihr denn gar nicht , was auch Euch heute Großes widerfahren ist ? Aber sagt mir nur , wie ging es zu , daß Ihr nicht gleich ihn erkannt habt ? zwar war es nicht mehr ganz heller Tag , aber den da , dächte ich , sollte man auch in finsterer Nacht erkennen können ; so wie er sieht nicht leicht ein gewöhnliches Menschenkind aus . Aber bedenken Sie doch den Ort , die Tageszeit , und alle übrigen Umstände ; Sie irren gewiß , es ist ja nicht möglich , wandte Richard ein . Haben Sie jemals den Kaiser gesehen ? fragte Lange ärgerlich . Nur zweimal , von Ferne , bei der Revüe , und zwar zu Pferde : war die Antwort . Bah ! das will nicht viel mehr als gar nichts sagen , erwiederte Lange den Kopf aufwerfend ; ich habe dreimal dicht vor ihm gestanden , und er hat zu mir gesprochen , so leutselig ! und hat mir , als ich einmal mich vor ihm hören ließ , eine herrliche Dose geschenkt , Karoline soll sie Ihnen zeigen . Julie wurde jetzt aufgefordert , die Gestalt ihres Befreiers zu beschreiben ; sie that es , so gut und so umständlich , als Angst und Dunkelheit ihr erlaubt hatten , dieselbe aufzufassen . Es ist nicht mehr daran zu zweifeln , alles trifft aufs Genaueste zu ; es war der Kaiser , rief Lange ; und wie wäre es denn zu erklären , daß er kaum eine Stunde nach Juliens Heimkehr hier nachfragen ließ ? nach Julien , deren Existenz sogar bis jetzt ihm unbekannt geblieben , setzte Frau Lange hinzu : wie hätte ein solches , für jeden , außer uns , im Grunde unwichtiges Ereigniß , so schnell bis zu ihm gelangen , und er so lebhaft dafür sich interessiren können ? Dieses war freilich ein Grund , gegen den sich wenig einwenden ließ . Aber der Kaiser , ohne alle Begleitung , ganz allein , bei sinkender Nacht , in jenem abgelegenen verrufensten Winkel der Stadt ? es ist kaum denkbar ! wandten Richard und Iwan noch immer etwas ungläubig ein . Nehmt mir ' s nicht übel , ihr Herrn , aber das schwatzt wie ein neugebornes Kind , sprach Lange ; Ihr müßt in unsrer Kaiserstadt noch gewaltig neu sein , wenn Ihr nicht schon gehört habt , was jeder Narr hier weiß : daß nämlich der große Czaar Alexander , gleich seinem Vorgänger , dem großen Kalifen von Persien , - Dings da , wie hieß er gleich ? nun gleichviel ! - daß nämlich unser Kaiser , den Gott erhalte , zuweilen , und zwar nicht selten , unbegleitet , ganz einfach angethan , meistens unerkannt , bei Tage wie bei Nacht , unter seinen Unterthanen umher wandelt . Aber nicht etwa um , wie jener Kalif , auf Abenteuer auszugehen ; nein es ist wie Goethe sagt , Soll er strafen , soll er lohnen , Muß er Menschen menschlich sehn . Und denken Sie dabei nur nicht an Gefahr für ihn , setzte Frau Lange freudig bewegt hinzu ; der milde , der gerechte , der allgeliebte Vater seiner Unterthanen , für den jeder unter uns willig das Leben lassen würde , was hätte er unter seinen Kindern zu fürchten ! Eine Magd trat in diesem Augenblicke ins Zimmer : Katinka , rief Frau Lange ihr zu , der Kaiser hat Julien begegnet , als sie in Angst war , weil sie sich nicht nach Hause zu finden wußte ; er hat freundlich mit ihr gesprochen , und sie , von diesen Herren sicher begleitet , zu uns führen lassen . Freudig erstaunt schlug Katinka beide Hände zusammen , küßte Juliens Kleider , ihre Hände , und eilte hinaus . Gleich darauf hörte man die ganze Dienerschaft des Hauses im Vorzimmer laut werden , Katinka erzählte , alle jubelten über den menschenfreundlichen Kaiser , fast jeder unter ihnen wußte einen ähnlichen Zug von ihm vorzutragen , sie priesen und segneten ihn ohne Ende . Sehen Sie , so finden Sie es überall . Keine Hütte ist so klein , kein Russe so arm , daß nicht Czaar Alexander , unbewacht und allein , unter dem Schutze desselben sein Haupt sorglos zum Schlummer niederlegen könnte , sprach Frau Lange . Der berühmte Pianofortist , Heinrich Lange , gehörte ungeachtet seiner ausgezeichneten Talente zu jenen barocken , anfangs abstoßenden Erscheinungen im Leben , die man erst bei näherer Bekanntschaft erträglich , später aber achtungswerth findet . Seine Gestalt , mehr noch als diese seine Art sich zu kleiden , gaben ihm einen Anstrich von Lächerlichkeit , der zwar belustigt , aber weder Liebe noch Achtung erweckt . Er stand in jenem etwas zweideutigen Mannesalter , schwankend zwischen vierzig und funfzig , in welchem Viele nicht recht zu wissen scheinen , ob sie noch zu den Jungen gehören , oder schon zu den Alten sich zählen müssen ; was denn zuweilen auch sein Fall sein mochte . Seine hagre , auffallend kleine Gestalt , hatte etwas Verdrehtes , Windschiefes , durch das man verleitet wurde , ihn für ein wenig verwachsen zu halten , was er doch eigentlich nicht war . Der Fehler lag in dem Mißverhältnisse aller seiner Glieder ; sein Kopf war zu groß , seine Arme zu lang , keines paßte zu dem andern , und auch die Züge seines eigentlich geistreichen Gesichts wollten nicht mit einander harmoniren . Aus dieser übermäßig hohen Stirne , dieser keck in die Welt hinaus strebenden Nase , diesem unermeßlich langen Raume zwischen ihr und dem Munde , aus den dunkeln buschigen Augenbrauen , unter denen ein paar kleine farblose Augen kaum sichtbar hervorblinzelten , hätte ein geschickter Zeichner , mit wenigen Abänderungen , eine der ergötzlichsten Karrikaturen bilden können , ohne dabei die Ähnlichkeit allzu sehr zu verletzen . Eine hohe uhlanenartige Mütze von rothem Sammet , mit großen goldnen Quasten übermäßig verziert , die er selbst innerhalb seiner vier Wände selten ablegte , schwebte , ein wenig gegen das linke Ohr gedrückt , auf der Spitze seines Scheitels ; dazu wandelte er gern auf kothurnartigen Absätzen einher , trug einen enganschließenden , ihm fast bis auf die Füße reichenden , sogenannten polnischen Rock von sehr heller , ins Hechtgraue und Röthliche spielender Farbe , mit so vielen Litzen und Troddeln geschmückt , als sich nur darauf anbringen ließen . Ein leicht um den Hals geschlungenes türkisches Tuch , so hell und buntfarbig als möglich , ein breites zierlich gefaltetes Jabot , nebst den dazu gehörigen Manschetten , vollendeten diese seltsame Toilette , die augenscheinlich darauf abzweckte , der Länge des kleinen Mannes , wenn nicht eine Elle , doch wenigstens einige Zoll zuzusetzen . Die quecksilberartige Lebhaftigkeit seiner Bewegungen , die jeden Augenblick durch ein gewisses , ihm eignes Ungeschick in der Art sie zu regieren gehemmt wurde , sei der letzte Pinselstrich zur Vollendung dieses wunderlichen Porträts . Aber wie so ganz verschieden von seinem eignen Selbst erschien dieser nämliche Heinrich Lange , wie verschwand alles so gänzlich , was an ihm als lächerlich auffallen konnte , wenn er vor seinem trefflichen Flügel saß , wenn der in ihm wohnende Genius auf mächtigen Schwingen der Phantasie sich erhob , und im Reiche der Töne sich kund gab ! Denn dort war seine eigentliche Heimath , dort herrschte er allgewaltig , dort sprach er Ideen , Gedanken , Gefühle aus , für die er im gewöhnlichen Leben keine Worte finden konnte . In Emilia Galotti läßt Lessing den Maler Conti die Möglichkeit eines ohne Arme gebornen Raphaels annehmen ; in diesem Sinne war Heinrich Lange ebenfalls ein geborner großer Poet ; aber bei seinem Entstehen jeder Möglichkeit beraubt , anders als mit Hülfe der Saiten , den Gedanken und Empfindungen seines reichen Gemüthes Leben und Gestaltung zu verleihen . Übrigens war er die harmloseste , zufriedenste Seele von der Welt . Sein Kaiser war , nächst Gott , der Gegenstand seiner innigsten Verehrung , die bis zur Leidenschaft sich steigerte , seit er das Glück gehabt , durch sein Talent ihm bemerkbar zu werden , dadurch einigemal in die nächste Nähe des hohen Beherrschers zu gelangen , und mit ein paar freundlich-lobenden Worten von ihm angeredet zu werden . Von diesem Augenblicke an war Lange dem Kaiser Alexander mit Leib und Seele völlig zu eigen ; jede neue , das Lob desselben vermehrende Anekdote , wie man damals unendlich viele in Petersburg erzählte , wurde gleich dem werthvollsten Geschenk von ihm aufgenommen ; und daß ein Mitglied seiner Familie sogar eine Hauptrolle in einer solchen gespielt hatte , hob ihn auf den Gipfel des Glücks . Seit ihrem Zusammentreffen mit dem Kaiser war Julie ihm noch einmal so lieb geworden , und selbst auf Iwan und Richard fiel ein Strahl der von demselben ausgehenden Verklärung zurück . Ungeachtet des auffallendsten Contrastes in ihrer äußern Erscheinung , hat es doch nie ein besser assortirtes Ehepaar auf der Welt gegeben , als Heinrich Lange und seine kleine Frau . Freilich war sie wenigstens um zehn Jahre jünger als er , doch dieser Unterschied wird in der Ehe allmälig ausgeglichen , weil die Jugendzeit der Frauen zwar weit früher beginnt , als die der Männer , aber auch früher endet . Frau Karoline war das zierlichste , anmuthigste , graziöseste kleine Figürchen , das sich nur erdenken läßt . Von der Natur mit einer ächten Nachtigallstimme ausgestattet , die sie , von einem trefflichen Meister geleitet , auf das glücklichste zu benutzen gelernt hatte , war sie einige Jahre hindurch erst in Deutschland , dann auf dem Theater in Petersburg als erste Sängerin aufgetreten , und hatte überall , wo sie sich nur zeigte , Furore gemacht . Aber sie entsagte sehr früh dem theatralischen Glanze , und ward , zu allgemeinster Verwunderung , die bescheidene Hausfrau der wunderlichsten Figur in der ganzen großen Residenz . Ihr Herz sowohl , als ihr guter Verstand führten sie in die Arme des Mannes , der unter einer nicht eben für ihn einnehmenden Außenseite alle Eigenschaften verbarg , sie zu einer der glücklichsten ihres Geschlechtes zu erheben . Sie hatte die größte Freude an seinem Talente , liebte was er liebte , that was ihm gefiel , und schalt und zankte alle Tage mit ihm . Nie war sie hübscher , als wenn sie zornig sich zeigte , oder vielmehr , wie es meistens der Fall war , sich stellte als ob sie es wäre , um hinterdrein über seine ungeschickten Entschuldigungen ihn recht herzlich auszulachen . Im Grunde war sie die Gutmüthigkeit , die Fröhlichkeit selbst ; witzig , von unverwüstlich guter Laune , voll jener theatralischen Einfälle , Anspielungen , Citationen , die keiner los wird , der jemals , sei es auch nur auf kurze Zeit , die Breter betrat » die die Welt bedeuten . « Julie Reinert , die dritte Person in diesem fröhlichen Haushalte , war ein gutes unerfahrnes Kind , achtzehn Jahre alt , mit so viel Geist , Mutterwitz und Verstand von der Natur begabt , als solch ein Wesen eben nöthig hat , um mit sich selbst und überhaupt mit dem Leben recht leidlich fertig zu werden . Sie war von ihrer frühesten Kindheit an in Königsberg , im Hause eines ziemlich wohlhabenden Kaufmannes aufgewachsen , der für ihren Vormund galt . Zur Ausbildung einer , etwas spät entdeckten , sehr schönen Stimme von ungewöhnlichem Umfange , wurde sie von diesem nach Petersburg , zu seinem Bruder Heinrich Lange geschickt , wo ihr vom ersten Augenblicke an die herzlichste Aufnahme ward . Um das Miteinanderleben sich gegenseitig zu erleichtern , wurde sie sogleich für Langes Nichte erklärt , und fühlte nach weniger als vierundzwanzig Stunden sich so einheimisch bei diesen freundlichen Leuten , als hätte sie nie in andern Verhältnissen gelebt . Was nun Juliens Gestalt betrifft , so sei hiemit jeder junge Leser dieser Blätter freundlichst gebeten , ihr einstweilen die der Dame seines Herzens zu leihen ; und jede junge Leserin , sich nach dem Portrait der hübschen Julie Reinert in ihrem Spiegel umzusehen . Ächte , traulich entgegenkommende Gastfreiheit wohnt nicht im reichen üppigen Süden , wo die entnervende Sonnengluth nur die unbeweglichste Ruhe wünschenswerth macht , und der Mensch den Menschen leichter entbehrt , weil jeder fast mühelos sich verschaffen kann , was er zur Erhaltung seines Lebens bedarf . Aber im hohen eisigen Norden ist sie recht eigentlich zu Hause , und jeder Schritt , der den Wandrer diesem Ziele nähert , wird ihm zur Bestätigung dieser Bemerkung dienen können . Die erstarrende Kälte eines unwirthbaren Himmelsstriches bannt dort , wenigstens acht Monate im Jahre , die Bewohner zwischen ihre vier Wände ; die langen , fast endlos scheinenden Winternächte , laden unwiderstehlich zur Geselligkeit ein , jeder Besuch wird zum heiteren Feste , der Fremde , der zum erstenmale die Schwelle des gastlichen Hauses betritt , wird wie ein lieber Bekannte empfangen , er wird bei den nächsten Freunden eingeführt , die man eines solchen angenehmen Ereignisses ebenfalls theilhaftig machen möchte , diese beeifern sich ihn wieder ihren Freunden zuzuführen , und es kann nur von seinem Willen und Benehmen abhängen , sich so lange Zeit als Mitglied nicht nur der Familie , deren Gastfreund er ursprünglich war , sondern auch aller mit dieser verbündeter , zu betrachten , als es ihm selbst angenehm oder bequem ist . Nirgends aber giebt diese , aus den kultivirtesten europäischen Ländern immer mehr verschwindende Tugend auf liebenswürdigere Weise sich kund , als in Petersburg , wo alle Vortheile sich vereinen , die eine große glänzende Residenzstadt nur gewähren kann ; wo man nicht nur alle verfeinerten Genüsse des Lebens , sondern auch , und obendrein mit großer Leichtigkeit , alle eigentlichen Bedürfnisse desselben sich verschafft . Auch Heinrich Lange machte in seinem nicht luxuriösen , aber sehr anständig geführten Haushalte , von der allgemein herrschenden Lebensweise keine Ausnahme . Seine Thüre stand täglich allen seinen Freunden offen , und Juliens beide Befreier waren ihm , als solche , ein paar sehr werthe , zwiefach willkommene Gäste . Für Iwan war die Bekanntschaft mit dieser ausgezeichnet trefflichen Familie von sehr großer Bedeutung , denn seine ganze bisherige Lebensweise erhielt dadurch einen neuen , für ihn höchst vortheilhaften Umschwung . Überall , wo seine zahlreichen Bekannten fast täglich mit Sicherheit darauf rechnen konnten , ihn anzutreffen , wurde er jetzt vergeblich von ihnen aufgesucht ; der ihm sonst so gefährliche grüne Tisch , war für ihn gar nicht mehr in der Welt ; der enthusiastische Eifer , mit dem er plötzlich dem Studium der deutschen Sprache sich ergab , von der er bis dahin nur einzelne Worte gekannt , und die er jetzt für die ihm unentbehrlichste erklärte , hatte dieses fast unglaublich große Wunder bewirkt . Dankbarkeit für den ihr geleisteten Beistand , bewog Julie Reinert zu dem etwas schwierigen Unternehmen , seine Lehrerin zu werden ; und nun brachte er jede Stunde , welche der Dienst und anderweitige Beschäftigungen ihm Vormittags frei ließen , eifrigst studirend bei ihr zu . Frau Karoline , wie diese gewöhnlich genannt wurde , ging , nebenbei ihren Haushalt besorgend , dabei im Zimmer aus und ein , trat als Oberlehrerin auf , wenn Juliens grammatikalische Kenntnisse nicht ganz zureichen wollten , und half auch schelten , wenn der etwas ungelenke Schüler unachtsam oder zerstreut sich bewies . Abends pflegte ein nicht großer , aber interessanter Kreis , sich gewöhnlich in diesem Hause zu versammeln , in welchem Iwan niemals fehlte , und den auch Richard oft und gern besuchte . Fremde , ohne Unterschied des Standes , besonders Deutsche , Gelehrte , Künstler und Künstlerinnen , bildeten einen eben so zwanglosen als angenehmen Verein , in welchem jeder das Seine zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen suchte . Scherz und Lachen wechselten mit ernsteren und unterrichtenden Gesprächen über die Geschichte des Tages , oder über Kunst und schöne Literatur ; doch Musik blieb , wie es denn auch in diesem Hause nicht anders sein konnte , das Hauptelement der Unterhaltung . Karolinens seelenvoller Gesang entzückte den kleinen Kreis ihrer Freunde , wie er früher das große Publikum zu begeisterndem Enthusiasmus aufgeregt hatte ; Juliens Lerchenkehle , wie ihr Lehrer Lange sie sehr bezeichnend nannte , wirbelte in silberreinen Tönen ; auch fehlte es nie an Tonkünstlern vom ersten Range , die hier zum allgemeinen Ergötzen ihre glänzenden Talente vereinten . Am Ende eines solchen musikalischen Abends , um welchen die Vornehmsten des großen Reiches den guten Lange mit Recht hätten beneiden mögen , ließ er sich zuweilen erbitten , mit seiner ächten Kapellmeisterstimme , dumpf und klanglos wie ein geborstner Topf , aber durch Vortrag und Ausdruck unwiderstehlich zum Herzen sprechend , ein Lied von Goethe nach Zelters , oder auch wohl von eigner Composition zu singen ; » das thut Keiner ihm nach , « flüsterten dann die Meister unter einander ; und auch seine eigne Frau gab dieses zu , obgleich sie vor den Leuten ihn lächelnd einen alten Dudelsack schalt . Auch Richard wurde in diesem gastlichen Hause zum erstenmale in das bürgerliche Leben des gebildeten , wohlhabenden Mittelstandes eingeführt . Bis dahin hatte er in der fürstlichen Familie , in welcher er auferzogen wurde , nur das vornehme , prunkvolle , von Genüssen aller Art übersatte Leben der Großen gekannt ; und später , als Gegenstück zu demselben , das völlig zwang- und regellose , mitunter ziemlich wüste Treiben von Iwans Freunden , lauter jungen Männern , die weder durch Familienbande noch Rücksichten in ihrer Freiheit gehemmt , nach eigner Wahl diese benutzten . Eugen und dessen Bruder Alex , hatten auf ihr dringendes Verlangen , unter Richards Schutz , ebenfalls in diesem Hause Zutritt erhalten , das in musikalischer Hinsicht ihnen Genüsse bot , die sie in glänzenderen Zirkeln vergebens suchen mußten , und für welche beide Brüder viel Sinn hatten . Die Gegenwart der jungen Fürsten brachte in Frau Karolinens häuslicher Einrichtung zwar nicht die mindeste Abänderung oder Störung hervor , denn sie war auch an Gäste dieses Ranges zu gewöhnt , um sich durch sie irren zu lassen ; aber sie benahm bei der Einladung derselben sich doch immer sehr vorsichtig , und es gehörte ein Fürsprecher wie Richard war dazu , um die Zurückhaltung , die in dieser Hinsicht Grundsatz bei ihr geworden war , zu überwinden . Gott behüte in Gnaden unsre kleinen Abendgesellschaften vor dem Unglück , Mode zu werden ! sprach sie ; dann wäre es bald damit aus und vorbei ! Vor all ' den Ordensbändern , Sternen und Federhüten würden wir selbst kaum Platz im Hause behalten , denn in Petersburg ist es nicht anders , als in andern großen Städten , wo viele vornehme , reiche und müßige Leute bei einander wohnen , die nicht immer wissen , wo sie mit ihrem Überflusse an Zeit hin sollen . Eines Abends hatte die Gesellschaft zahlreicher als gewöhnlich sich versammelt ; in der heitersten glücklichsten Stimmung waren die berühmtesten der damals in Petersburg anwesenden Tonkünstler alle zugegen , um den Geburtstag ihres Freundes Lange recht festlich zu begehen . Mancherlei musikalische , größtentheils humoristische Excesse , wurden bei dieser Gelegenheit getrieben , bis endlich , ganz unverabredet , eine Art Wettkampf daraus entstand , bei welchem jeder von ihnen alles aufbot , um die wenigen , nicht thätig dabei beschäftigten Zuhörer , in einen Rausch von Entzücken zu versetzen . Eugen und Richard hatten sich in die entfernteste Ecke des Zimmers zurück gezogen . Schweigend , mit gesenkten Augen , gab der junge Fürst der Gewalt der Töne sich hin . Erst als der letzte verhallte , richtete er sich auf , um seinen bewundernden Beifall laut werden zu lassen ; sein Blick fiel zuerst auf Richard ; tief gebückt , unbeweglich , beide Hände vor dem Gesicht , saß dieser neben ihm , augenscheinlich in düstre Trauer versunken . Heimweh ohne Zweck und Ziel , Heimweh eines Heimathslosen ! war , von einem tiefen Seufzer begleitet , die kaum hörbar geflüsterte Antwort , welche Eugen auf sein besorgtes Fragen von ihm erhielt . Eugen blickte staunend ihn an . Ach , hätte ich Rußland nie gesehen ! setzte er , gleich einem Träumenden unwillkürlich in sich hinein redend , nach kurzem Schweigen noch hinzu . Jetzt begann Eugen in der That , ein seinem Freunde widerfahrnes Unglück zu fürchten , und hörte nicht auf mit bittenden Fragen in ihn zu dringen . Richard blickte mit jenem trüben Lächeln zu ihm auf , das weit schmerzlichere Klagen ausspricht , als Thränen es könnten . Du frägst so mitleidig , was mir geschehen ? sprach er sehr leise : ach ! nichts und alles , und nicht erst heute oder gestern . Sieh um Dich , so recht mit Deinem innern Auge . Sieh das prunklose , einfache , genußreiche Leben um uns her , betrachte es genau . Sieh und fühle , wie durch des Tages Arbeit und Mühen die Freude des Abends erst zur Freude erhoben wird . Dies ist das Leben , das Glück des Mittelstandes ; zu diesem wurde ich geboren , und wurde früh dafür verdorben , das ist mein Schmerz ! Was hier Reichthum ist , würde in Deiner Sphäre Armuth heißen , und welche Genüsse bietet diese glückliche Armuth ! Hierher gehöre ich ; warum mußte ich aus meinem tiefen Thale auf Eure sonnige Felsenhöhe verpflanzt werden , wo ich nie festwurzeln werde , wo ich , im nutzlosen Streben danach , am Ende doch verkümmern muß ? Und Helena ? erwiederte mit einem Händedruck Eugen . Ach , stünde sie in der Welt nicht höher als jene Julie ! seufzte Richard . Und könnte sie dann noch Helena sein ? fragte Eugen . Ich weiß , ich fühle , es ist wie es ist , und keine Gewalt im Himmel und auf Erden kann die verworrene Zerrissenheit meines unseligen Daseins zu einem Ganzen umbilden , klagte Richard . Aber verarge es mir wer da kann , ich bin müde dieses Harrens auf eine unbestimmte Zukunft , dieses Hoffens ins weite Blaue hinein müde , müde bis zum Tode . Die Luftschlösser , die ich mit Hülfe Deiner sorgenden Liebe mir erbaute , was ist aus ihnen geworden ? sie lösen in Nebel sich auf . Langsam kriecht der Schneckengang meines Lebens von einem Tage zum andern mit mir fort . Was hilft mir Deines Vaters Wohlwollen ? der mächtige Schutz Deines Hauses ? was hilft es mir sogar , daß , wie Du sagst , der Kaiser , seit jenem seltsamen Zusammentreffen mit ihm , meinen Namen kennt , und gnädig meiner erwähnte ? Mein Ziel rückt immer weiter hinaus , ein Wunder nur könnte mich retten , und Wunder geschehen nicht mehr ! Mit bewundernswürdiger Geduld hatte Eugen