« , sprach Leonhard , » als daß ich in meiner Jugend , ohne bestimmtes Talent dazu , einmal Schauspieler werden wollte . « » Das ist mehr eine Kinderei gewesen « , sagte der Baron . » So sitzen also , « fuhr er mit ernster Stimme und bedenklicher Miene fort , in diesem kleinen Wagen zwei der vernünftigsten Männer des deutschen Reichs , welche , ohngeachtet sie noch jung sind , doch dem ehrbaren Wandel tugendhafter Altvordern nachgeahmt und nachgeschritten ; nur hält man es für möglich , daß gerade jetzt das Schicksal mit einem Blicke herunterschaut , welchem Kenner eine gewisse Ironie zuschreiben wollen , und daraus schließen möchten , aber vielleicht voreilig , daß sie jetzt auf der Wallfahrt nach Mekka begriffen sind , die jeder gute Muselman wenigstens einmal getan haben muß , um sich auch mit der grünen Binde schmücken zu dürfen , und wie andere von wunderbaren Dingen erzählen zu können . Ja , wenn uns nun gar jener Tollheits-Geist erschiene , um uns mit dem verfluchten Versprechen anzuschnauzen : » Bei Philippi wirst du mich wiedersehn ! « möchten wir ihm so kaltblütig wie Brutus antworten : » Nun , so werde ich dich wiedersehn ! « » Wahrlich , Freund « , rief Leonhard , » dein ängstlich gesuchter Scherz könnte mich ängstlich machen , daß uns so was bevorstehen möchte , wenn ich nicht an meinen guten Dämon glaubte . « » Wie , wenn derselbe nun « , fuhr Elsheim fort , » nur auf ein Stündchen etwa zu den Äthiopen , den frömmsten der Menschen , wanderte , um sich auch einmal einen guten Tag zu machen ? Doch , ernsthaft gesprochen , findest du es denn nicht auch , der alles Alte verteidiget , von unsern Vorfahren gut und recht getan , daß sie beizeiten zugriffen , um nicht das erste Feuer verrauchen zu lassen , und in früher Jugend ihre tollen , oder dummen , oder Narrenstreiche abzumachen ? Wozu auch , vernünftig gesprochen , das Zaudern , das Hin- und Hertreten , das unnütze Händereiben und zweifelnde Umschauen ? Da gilt ' s kein Bartwischen ; opfre dein schwaches Selbst , so ruft die Pflicht , dem hohen Beruf , laß fahren die falsche Scham , zu früh weise sein zu wollen , stirb wie Codrus für dein Vaterland , und komm , bist du in den Strom gesprungen , der dich mit seinen Wirbeln einzieht , besser , richtiger und verständiger jenseit wieder zum Vorschein ! Das heißt doch noch Haushaltung und Sparsamkeit , statt daß wir jetzt die Sache auf den Kopf stellen . « » Wenn es sein müßte « , sagte Leonhard , » so laß unser Bestreben sein , uns auch darin mit Anstand zu fügen ; ich glaube aber für mich an keine Gefahr , doch scheint mir unter deiner Warnung davor eine Lust darnach verborgen zu liegen . « » Nein , mein Lieber « , rief der scherzende Freund , » ich käme ebensogern wie jedes Mädchen mit Ehren unter die Haube , um dann mit Seelenruhe unter den Pantoffel zu kommen ; aber in der gestrigen Nacht schien mir eine so seltsame Konstellation am Himmel , daß ich wenigstens auf alles gefaßt bin . Doch schau umher , wie wunderbar diese Bäume und Felsen unser Geschwätz anhören , wie lächelnd die fernen Berge herüberschauen , und wie heilig der Glanz der Landschaft uns dräut , daß wir dem Tempel nicht mit würdigern Gedanken huldigen . O verzeiht uns , meine Freunde , ihr habt freilich den Terenz nicht gelesen , und könnt daher auch nicht sprechen : Homo sum , humani nil a me alienum esse puto , eine Stelle , die mancher Affe oder Hund seitdem sehr gemißbraucht und abgenutzt hat . « » Wie kömmst du nur zu dieser seltsamen ausgelassenen Laune ? « fragte Leonhard . » Vielleicht « , rief der Freund , » weil wir uns schon mehr und mehr den Weinländern nähern , und weil durch dieses Schütteln und Rütteln auf den Steinen dieses holprigen Weges mir so manche Erinnerung , manche Empfindung losgemacht wird , die ich ganz vergessen hatte , weil sie schon so fest eingewachsen war , und die nun wieder in mein Gedächtnis und meinen Wörtervorrat hineinfällt . Außerdem habe ich heute morgen des guten Weines etwas viel genossen , der jetzt erst nachwirkt . Doch auch dieser Moment geht vorüber , in dem mir wohl war , und ich sehe schon immer deutlicher und wie im Zusammenhange eines Gemäldes die herrliche Landschaft vor mir . Du mußt damals so ziemlich diesen nämlichen Weg gemacht haben , als du das erstemal Franken besuchtest ; in jener Zeit , nachdem du so kürzlich erst über die Schwelle des Jünglings geschritten warest , hätte ich wohl mit dir sein mögen , da du vorher noch gar keine Gebirge kanntest , um deine Entzückungen mit dir zu teilen . « » Die erste Reise « , erwiderte Leonhard , » hat viele Ähnlichkeit mit der ersten Liebe , und um im Bilde zu bleiben , so geschah in den gesegneten Fluren Frankens das Geständnis zwischen mir und der Natur . Man reiset auch nachher wieder , man ist wieder entzückt , man sieht und lernt , und kann wahrhaft glücklich sein , aber jener erste Jugendzauber ist doch auf immer entflogen . Ich hatte manches über Deutschland und seine schönen Gegenden vorher gelesen , vorzüglich hatte ich mich mit den alten Bergschlössern und ihren Schicksalen bekannt gemacht , aber am gewaltigsten trieb mich , wie du es weißt , der Götz von Berlichingen , um sein Bamberg , ja töricht genug , Weislingens Schloß und Götzens Heimat aufzusuchen . Bei Eisenach auf der Wartburg erschien mir zuerst die hohe Jungfrauengestalt der vaterländischen Naturschönheit . Dieser Blick in die grüne Taleinsamkeit , in die Unendlichkeit der Eichen- und Buchenwälder , diese schöngeschwungenen hohen Hügel , vom tiefen Fenstersitz oben im alten Zimmer rief mir alle Erinnerungen und Rührungen zurück ; ich horchte auf die Legende von der Elisabeth , und besuchte ihren Brunnen unten am Berge , auch Luthers Zimmer , was mich aber nicht so erfreute , weil er mir in keinem poetischen Lichte erscheinen konnte , dort , in der Umgebung der alten Ritterwelt . Zwar war ich ein eifriger Lutheraner , und mein Vater , der es noch mehr war , hatte für den Doktor die ungemessenste Hochachtung , aber eine desto größere Geringschätzung gegen den Teufel , so daß er seinem Patron den nachgiebigen Glauben an diesen nie vergeben konnte , und gern die oft erzählte Geschichte mit dem Dintenfasse ganz aus dessen Leben gestrichen hätte . Daher sahe ich den schwarzen Fleck an der Wand auch ohne alle Andacht . Aber in Rausch der Entzückung versetzte mich die Höhe des Thüringer Waldes mit seinen herrlichen Tannen , die von oben wie unübersehbar sich immer weiter und höher auf dem herrlichen Bergrücken ausbreiten . So kam ich durch Hildburghausen und Coburg , und näherte mich nun dem vielgeliebten Bamberg . Herz und Brust wurden mir erweitert , als ich die langersehnte Grenze betrat . Die Gläubigen , die zum heiligen Grabe wallfahrten , müssen eine ähnliche Empfindung haben , wenn sie sich dem geweihten Boden nähern . Es war kurz vor dem Frohnleichnamsfeste , als ich in die katholische Stadt eintrat , die unter ihrem geistlichen Fürsten einen ganz andern Charakter , wie die sie umgebende Welt hatte . Mein gutmeinender Vater hatte mich vor meiner Reise ermahnt , ja nicht bei Gelegenheit der Feste in katholischen Städten zu lachen , weil ihm dies , als einem reinverständigen Mann , der seinen Anteil an der damals entstehenden Aufklärung schon frühe genommen hatte , nicht unnatürlich vorkam . Es war aber gut , daß er nicht zugegen sein konnte , denn gewiß hätte er über meine Rührung und Erhebung bei den Prozessionen , der Musik , den Posaunen und den singenden Chören , bei diesen auf den Straßen geschmückten Altären , bei der betenden Volksmenge , welches alles mich bis zu Tränen begeisterte , seinen Zorn gegen diesen Götzendienst , wie er dergleichen nannte , und noch mehr gegen mich ausgelassen . Ich nahm Arbeit in dieser Stadt , und blieb lange dort , denn die Menschen , die Gegend , die alte Ruine , der Dom , die Spaziergänge umher , alles gefiel mir so sehr , umgab mich mit solcher eignen Rührung und Anmut , daß ich manchmal wünschte , mein Leben dort zu beschließen . « » Wie dir Bamberg « , sagte Elsheim , » so ist mir Heidelberg eine der liebsten Erinnerungen meiner Reisen . Es gibt Gegenden , bei denen uns ist , als hätten sie schon seit Jahren mit rechter sehnsüchtiger Liebe auf uns gewartet , oder als sei seit lange unser Geist schon dort einheimisch gewesen , so bekannt , so lieb ist uns alles ; dieser schöne Ort mit seiner herrlichen Ruine , Baden-Baden und die Neckartäler , vorzüglich die Gegend um Hornberg sind nächst den Rheinufern das Lieblichste , was ich in Deutschland kenne , denn auch das warme Klima gehört dazu , um eine Gegend wahrhaft schön zu machen . « » Ja wohl die Neckartäler « , sagte Leonhard , » denen ich meines geliebten Götz wegen nachreisete , wohl sind sie so poetisch wechselnd , so schön geschwungen , so lieblich von dem herrlichen Strome durchfrischt , daß man dort so recht von süßen Empfindungen und Erinnerungen eingewiegt und eingesungen wird . Erinnerst du dich gleich hinter Heidelberg der schönen Täler bei Neckarelz mit ihren kleinen Wasserfällen und rinnenden Bächen ; des sonderbaren Dilsberg ; am Neckar hinunter kommt man dann nach Hirschhorn , einem sehr alten Schlosse , und Eheheim , dann nach Hornberg , wo der alte treuherzige Götz eigentlich lebte , und in dessen Ruine , die noch leidlich erhalten ist , ich mich einige Tage aufhielt man hätte damals mit wenigem Geld das alte Haus gegen Wind und Wetter bedecken können . Hier herum sind herrliche Wälder , auf der einen Seite nach dem Flusse die Weinberge ; von da ging ich nach Heilbronn , wo ich den Saal des Rathauses anders fand , als ich mir ihn vorgestellt hatte ; ich sah und las dort einige Briefe des Ritters , die er dem Rat mit seiner linken Hand geschrieben hat , und die freilich anders lauten , als unser Dichter ihn mit diesen Herren sprechen läßt . Von hier ging ich über Mergentheim , und suchte an den zerrissenen kiesigen Ufern der Jagst das unten beschränkt liegende Jagsthausen auf , wohin Goethe die vorzüglichsten Szenen seines Gedichtes verlegt hat , obgleich der Ritter nur in seiner frühen Jugend dort lebte . Hier sah ich seine eiserne Hand , die in einem neuen Hause seine Nachkommen aufbewahren . Das Kloster Schönthal hat eine frische grüne Einsamkeit um sich her , und im Kreuzgange steht auf dem Grabe des Ritters sein ungeschickt ausgehauenes Bildnis , nach welchem , wenn es irgend treu ist , sein Gesicht ein ziemlich unbedeutendes muß gewesen sein . « » So sonderbar oder rührend , schaurig oder sehnsüchtig « , sagte der Baron , » uns die Eindrücke der Landschaften auch bleiben mögen , und so individuell , wie du vorher sagtest , wie wirkliche Menschen , so sind die Gegenden doch wohl mit dem schönsten Glanz umgossen , sehn am meisten mit winkenden Blicken nach uns zurück , wo ein kleines Abenteuer , eine Szene der Zärtlichkeit , eine anmutige Bekanntschaft , oder ein freundlicher Kuß uns begegnet sind . Hast du diese Bemerkung nicht auch gemacht ? « Leonhard wurde rot und wollte antworten ; aber sein Freund fuhr fort : » Gewiß , mein Freund , denn alsdann ist es , als stiege die Seele der Landschaft sichtbar zu uns empor , und ich kann mir vorstellen , daß wenn ich einmal wahrhaft liebte , mir jeder Strauch , jeder Baum , jedes Gräschen eine heilige Stelle , ein ewiger Frühling , ein Orient und Land der Wunder und der Religion werden würde . Fast , du Zurückhaltender , muß ich glauben , daß in oder bei Bamberg , wenn auch nichts Leidenschaftliches , doch etwas recht Zärtliches vorgefallen ist . Erzähle ; es ist eine so schöne , heitre Beichtstunde , und es kann sein , daß mir nachher auch etwas beifällt . « Leonhard sagte nach einigem Zaudern : » Warum sollte ich es dir verschweigen , da diese Erinnerung meiner Jugend mir so wohltut , ohne mich zu beschämen ? Schon am Tage der Frohnleichnams-Prozession fiel mir eine junge weibliche Gestalt auf , von einer Schönheit , wie man sie wohl zuweilen auf alten Gemälden zu sehen pflegt . Sie war groß und stark , aber doch schlank gewachsen , ihr Gesicht oval , ihr Haar dunkelbond , von einem rötlichen Goldschimmer durchzogen , die Augen groß und dunkelblau , und die Farbe von der durchsichtigsten Zartheit . Sie war unter dem betenden und singenden Volke , und ging neben einem bejahrten Mann und einer ältlichen Frau , die Handwerker oder Landleute , und ihre Eltern zu sein schienen . Ihre Andacht und Rührung hatte etwas so Mildes , das so lieblich gegen die meisten Gesichter umher auffiel , daß ich mit dem Zuge ging , und meine Augen sie unfreiwillig immer wieder aufsuchten . Einigemal schien mich ihr heller Blick zu treffen . Ich folgte ihr in den großen Dom . Hier ergriff mich die Musik noch gewaltiger , die Messe und der Pomp der Priester dünkten mir etwas sehr Ehrwürdiges ; ich stand in ihrer Nähe . Wundersam ergriffen ward ich hier von ihren Augen , und meine Gedanken wurden Gebet und Liebe ; die Gemeine kniete nieder , sie sank in einer himmlischen Stellung demütig hin , und ein streifender Blick glitt an mir vorüber , der mich ebenfalls niederzog . Ich war erschüttere . Plötzlich reichte sie mir einen Rosenkranz , indem sie unten das Kreuz küßte , weil sie meine Hände leer sah , und ich beschämt und unwissend verstand nur ihre freundliche Meinung , aber nicht , den Zeremonien auf die gehörige Art zu folgen . Als der Gottesdienst zu Ende war , ging ich mit dem Strom des Volks aus der Kirche , aber in dem Wellenschlag des Gedränges verlor ich sie aus den Augen , und als ich auf die Straße trat , war sie nirgend mehr zu sehn . Es war mir , als wenn mir plötzlich alles fehlte , ich suchte sie in allen Gassen , vor den Toren , in den Kirchen , wo ich nur Leute wahrnahm oder vermuten konnte , aber sie war mir entschwunden . « » Und der Rosenkranz des frommen Kindes ? « sagte Elsheim . » Blieb natürlich in meinen Händen « , antwortete Leonhard ; » ich konnte ihn nicht ohne Rührung betrachten , und ließ ihn niemals von mir kommen . « - Er öffnete ein kleines geheimes Fach seiner Brieftasche , und überreichte ihn seinem Freunde . » Dieser nämliche « , sagte er lächelnd , » ist es , mein Friedrich . « » Dieser « , sagte Elsheim , » und den trägst du noch jetzt nach zwölf oder dreizehn Jahren bei dir ? Du bist zum Sammler geboren . Sonderbar ! Aber die Geschichte ist doch damit noch nicht zu Ende ? « » Freilich nicht « , fuhr Leonhard fort , » denn sonst hätte ich doch den Paternoster schwerlich so sorgfältig aufgehoben . Es waren wohl sechs Wochen verflossen , als ich an einem Sonntage durch die einsame Gegend streifte . In der Nähe des kleinen Flusses , von schönen Hügeln umgeben , liegt ein Dörfchen , aus dem ich gegen Abend Tanzmusik herschallen hörte . Ich folgte dem Ton und fand eine frohe Gesellschaft von Landleuten , und die Jugend um die Linde im Tanz sich schwingend . Schon wollte ich mich vom Getöse wieder entfernen , als ein Gezänk mich aufmerksam machte ; ein halbtrunkner junger Mensch stritt nämlich mit einem andern um die Tänzerin , auf welche jeder Ansprüche machte ; der Gegner war schwächer und blöder , und der Trunkene schien stark und von den Anwesenden gefürchtet ; mit einer heftigen Gewaltsamkeit stieß er den zweiten Tänzer zurück und fuhr auf das Mädchen schreiend los , die ihm auswich . Jetzt erst erkannte ich sie wieder , sie war es selbst , die ich so lange vergeblich gesucht hatte . Fast ohne zu wissen , was ich tat , sprang ich in den Kreis , und riß den Störenden zurück , der nicht wenig verwundert sich zur Wehre setzte . Wir rangen miteinander , und er bot im Zorne alle seine Kräfte auf , aber da ich gewandter war , gelang es mir endlich , ihn niederzuwerfen , worauf denn der Friede so geschlossen wurde , daß er die Gesellschaft verlassen mußte . Wir sind Euch , sagte der alte Vater des Mädchens , großen Dank schuldig , junger Mann , daß Ihr Euch als ein Unbekannter meiner Tochter so wacker angenommen habt , und der Raufer wird nun gedemütigt sein , daß er doch endlich seinen Stärkern gefunden hat , da er uns mit seiner Unverschämtheit jedes Fest und jeden Tanz verstört.- Ich war ermüdet und man reichte mir Getränk , das Kunigunde , so hieß die Tochter , mir selber freundlich einschenkte . Nachher ward ich mit in den Tanz gezogen , und die übrigen Bursche schienen mir ohne Neid das schöne Mädchen zur Gefährtin zu überlassen , weil ich mich durch die Besiegung jenes Zänkers bei allen in Achtung gesetzt hatte . Ich schwatzte nachher in der Dämmerung und Finsternis mit den Alten , das junge Volk fing ein Pfänderspiel an ; Kunigunde wußte es so zu machen , daß , wie ich auch die übrigen Mädchen herzte , ich doch niemals einen Kuß von ihr erhielt . Ich war empfindlich und sie lachte mich aus . Die Nacht trennte uns , und sie begleitete mich auf den Weg . Kennt Ihr mich noch wieder ? fragte sie . Ich erwiderte , daß ich sie nicht vergessen hätte , und nur froh sei , daß ich ihr nicht ganz fremd erschiene . Sie hatte meine Empfindlichkeit bemerkt und sagte : Lieber Freund , was kann man nur in der Gesellschaft , bei dem dummen Herumküssen an einem Kusse haben , besonders von jemanden , dem man etwas gut ist ? Liegt Euch daran , so gebt mir jetzt , da wir allein sind , einen recht lieben Kuß , und ich will so Abschied von Euch nehmen . Ich drückte zitternd meine Lippen auf den vollen roten Mund , und verließ sie mit schwerem Herzen , indem ich nachdenkend durch die Finsternis langsam zur Stadt zurückging . Jetzt schwebte mir immer die tanzende Gestalt vor den Augen , denn noch nie hatte ich so lebendige , zierliche Bewegungen gesehen , eine solche Freude , die sich oft bis zum Mutwilligen erhob , und plötzlich dann wieder zum stillen Ernst und sanfter Milde zurücksank . Ich besuchte das Dörfchen wieder , und wurde bald mit den Eltern , welches gute Leute waren , vertraut . Die Tochter behandelte mich wie einen Bruder oder längstgekannten Freund . Daß du nicht zu unserer Religion gehörtest , sagte sie zu mir an einem Nachmittage , hättest du mir nicht zu sagen brauchen , denn ich bemerkte es schon in der Kirche ; deine Andacht war zu neu und still , ich sah , daß du alles unrecht machtest und nichts von der Messe verstandest , und weil um dich her Leute standen , die sich für gar zu fromm hielten und an deiner Unwissenheit Anstoß nahmen , reichte ich dir den Rosenkranz , um dich mit ihnen mehr zu befreunden . Behalt ihn zu meinem Angedenken . Hier schildern uns viele , fuhr sie fort , die Fremden aus den andern Ländern , die sie Ketzer nennen , als erschreckliche Menschen ; ich habe nie daran glauben können , und seit ich dein stilles , frommes Gesicht kenne , noch weniger . Meine Eltern aber , so gut sie dir sind , werden traurig , sooft sie daran denken , daß du kein Katholik bist , und also verlorengehen mußt . Wie können die Menschen nur so viel Liebe und Haß zugleich in ihrem Herzen haben ? Es schien bald , daß wir beide einander unentbehrlich wurden , und auch die Eltern gewöhnten sich an meine Gegenwart . Ich achtete ihre Gebete und Sitten und störte sie durch keine fremde Äußerung , sonst vermieden wir alle das Gespräch über Religion . Mein Zustand war sonderbar dunkel und heftig ; ich konnte oft den Augenblick nicht erwarten , bis ich wieder bei ihr in der Stube , neben dem Spinnrade , oder in der Laube saß , oder sie in den Garten begleitete , und die kleinen Geschäfte des Früchtesammelns , Blumenanbindens und dergleichen mit ihr teilte . Oft genügte mir doch diese stille Gegenwart nicht , und ich forderte Kuß und Umarmung ; ihre Schönheit , ihr großer Blick aus den hellen Augen , ihr Händedruck beängstigten mich , ja ich konnte wohl zuweilen meine Entfernung beschleunigen , sosehr ich auch nachher beklagte , nicht in ihrer Nähe zu sein . Ich fühlte , daß sie mich liebte , aber von diesem sonderbaren Zauberbann , von dieser Angst und Verwirrung war sie gänzlich befreit ; ihr war so recht herzlich wohl , wenn ich bei ihr war , ihr herrliches Gemüt und ihre schöne Ruhe forderten nichts weiter . Es tat ihr wohl , mit mir über alles sprechen zu können , und mancherlei Kenntnisse und Gedanken zu sammeln , die sie in ihrer Umgebung vermißte , dabei empfand sie so ihre reine Hingebung in mein Wesen , daß sie nichts vermißte . Sie sagte mir oft , wie glücklich sie sei , seit sie mich kennengelernt habe , wie sie sich jetzt ihres Herzens und ihres Verstandes bewußt werde , und selbst ihre Religion ihr in höherm Glanz erscheine . So verging der Sommer mir in schönem Glück und freundlichen Stunden ; doch war es uns aufbehalten , auch Schmerz und Unlust kennenzulernen . Jener wilde Mensch , der bis dahin die Rolle eines Unbesiegbaren gespielt hatte , der sich alles erlaubte und dem nur selten jemand widersprach , konnte mir mein Glück oder meine größere Stärke nicht vergeben . Er hatte geschworen , Rache an mir zu nehmen , und Kunigunde warnte mich oft vor ihm . Der unbändige Mensch trank viel und war im Rausche furchtbar , weil er dann jede Rücksicht vergaß , um nur seiner Wut genugzutun . In dieser Stimmung hatte er sich mit einem Knittel bewaffnet , um mir im Eichenwalde auf dem Fußsteige aufzulauern , an einem Tage , an dem er wußte , daß ich hinauskommen wollte . Kunigunde war mir entgegengeeilt , damit ich ihm auf einem andern Wege entgehen könne , der Wilde aber hatte sie gesehen , und ihren Vorsatz geahndet . Welche Szene bot sich mir dar , als ich auf dem wohlbekannten Pfad aus dem Walde trat , um den Fluß hinunterzugehn ! Sie rang mit dem Wahnsinnigen , der ein tierisches Gebrüll ausstieß und sie in seinen starken Armen hielt ; sie hatte das Tuch verloren , und der blendende , von mir so heilig geachtete Busen glänzte jugendlich in dem ungewohnten Licht der Bösewicht suchte sie nach dem Flusse zu schleppen , ihre Haare flogen aufgelöst , ihre Kleider waren zerrissen , sie stemmte sich besonnen seiner Übermacht entgegen , hätte aber wahrscheinlich seinen Kräften erliegen müssen . Ich stürze auf ihn los , befreie sie , und er , in grimmiger Freude , den Gegenstand seines Hasses vor sich zu sehen , fällt mich wie ein Rasender an . Ich suchte seinen Schlägen auszuweichen , und endlich gelang es mir , ihn zu unterlaufen und ihn fest in meine Arme zu pressen . Er biß , er brüllte , er wandte alles an , sich loszumachen , oder mich zu verletzen . Aber ich warf ihn nieder , und er war so ermattet und zerschlagen worden , weil ich mich im Zorne über seine Mißhandlungen völlig vergessen hatte , daß ihn zwei vorüberfahrende Fischer in ihren Kahn aufnahmen und nach seinem Hause zu bringen versprachen . Alles dies war so schnell geschehen , daß ich mich kaum hatte besinnen können . Jetzt fand ich sie auf der Anhöhe auf dem Rasen im Schatten der Bäume sitzend , wie sie bemüht war , Tuch und Kleider wieder in Ordnung zu bringen . Ich hatte noch nicht gewußt , wie schön sie sei , und als ich jetzt zu ihren Füßen kniete , und der erste Sonnenstrahl an diesem trüben Tage durch die Wolken brach , Wald , Berg und Fluß vergoldete , am herrlichsten aber auf ihrem himmlischen Gesicht erglänzte , da dünkte ich mir im Paradiese zu sein . Sie sank mir mit Tränen in die Arme , und indem wir uns eng umschlossen hielten und ich alles andere vergaß , wandte sie ihr lockiges Haupt ein wenig von meinem Gesichte weg und sagte : Ja , ich bin dein ! es gibt keine Macht auf Erden , die unsere Herzen trennen könnte , ich kann dir nun nicht widerstreben , tue mit mir , mein Liebster , was dir recht dünkt und dein Gewissen dir erlaubt ; ich kann zu nichts mehr nein sagen . Nur bedenke , daß ich dir nie nach deinem Lande folgen kann ; das wäre der Tod meiner Eltern , mich in der irrgläubigen Fremde zu wissen . Du kannst und willst nicht hierbleiben , wie ich von dir weiß , am wenigsten aber die Gemeinschaft meiner Kirche suchen . Wir sind also für die Einrichtungen der Welt getrennt , aber in Liebe bin ich dein , was dich glücklich macht , vollbringe oder lasse , mein Herz soll nur die Stimme des deinigen widerhallen . Es gibt Augenblicke im Leben , die seltensten , wo alles verschwindet , was wir noch eben wünschten und begehrten , ja wo sich alles in uns umwandelt , und in unsern Sinn , wie ich es ausdrücken möchte , eine Geistererscheinung steigt , die so unser Gemüt und Herz anfüllt und überfüllt , daß wir fühlen , als wolle es vor Seligkeit brechen ; weh ist uns vor Freude , und doch ist es nichts , was wir nennen könnten , was uns beseligt , es ist kein Besitz , kein Errungenes , nur die seligste Ruhe im Aufruhr und der Vernichtung aller unserer Kräfte . Dies erlebte ich jetzt . Ich wandte mein Auge in ihres , und traf in einen Blick , der in einer überirdischen Wonne glänzte . Ich mußte weinen , und konnte erst nach einiger Zeit in diese Worte ausbrechen : Geliebteste ! mit diesen Worten hast du mir mehr als alles geschenkt ; denn auch das Höchste , die innigste Gunst ist ja auch nur ein Zeichen der Ergebung , der Vereinigung ; ich will dich und mich nach diesem heiligen Augenblicke nicht den Verwirrungen der Welt übergeben und vielleicht ein dunkles Schicksal aufregen , daß wir einst beide diese himmlische Minute hassen müßten . Ich begleitete sie nach Hause , nahm Abschied , trug ihr die herzlichsten Grüße an ihre Eltern auf , und verließ die Stadt , ohne sie wiederzusehn . « - Elsheim sah den Freund mit einem langen Blicke an , nach welchem sich eine leichte Röte auf seinem Gesicht zeigte . » Ich bewundere dich « , sagte er endlich : » ich wäre dessen nicht fähig gewesen . « » Schätze mich nicht « , sagte jener , » um eine Tugend , die ich nicht besaß ; wäre es ein Opfer gewesen , das ich hätte bringen sollen , so wäre ich vielleicht erlegen , aber ich hatte nichts zu bekämpfen , sondern das Gefühl , daß sie mir so ganz und unbedingt gehöre , daß sie , möcht ich sagen , mit Seele und Körper in meinem Herzen sei , verlöschte alle Wünsche . Ich kann dir nicht aussprechen , wie seltsam und wunderlich mir nach diesem Augenblick Welt und Menschen , Liebe und Sehnsucht , Leib und Geist vorkamen . Es war , als sei ich auf eine Minute vom Leben erwacht , und als wirke in dem neuen Traum die Erinnerung der Wahrheit noch eine Zeitlang fort . « » Ich verstehe dich nicht ganz « , sagte Friedrich , » manches muß man wohl erlebt haben , um es zu begreifen . Es gibt aber Menschen , die das , was mich in deiner Erzählung rührt , nur lächerlich finden würden . « » Mögen sie doch « , seufzte Leonhard , » die Erde hält sie eben zu gewaltsam fest , ich bin ihnen immer aus dem Wege gegangen . « » Aufrichtig , Freund « , fing Elsheim wieder an , » hat dich selbst niemals dieser verlorne Augenblick gereut ? « » Bin ich was anders als ein Mensch ? « antwortete jener ; » wenn aber die Disputiersucht unserer Leidenschaften manchmal die Oberhand über mein Herz gewann , so habe ich mich nachher um so mehr verachtet . « Das Gespräch wurde hier geendigt , denn der Fuhrmann , der anfangs ebenso rasch als vorsichtig gefahren war , hatte sich , da er die Reisenden in so tiefsinniger Unterhaltung sah , dem Schlummer ergeben , und so fuhr er jetzt mit einem Ruck an einen Prellstein , daß der Wagen heftig erschüttert wurde und die Achse zerbrach . Man stieg ab , der Postillion schüttelte den Kopf , besah den Wagen von allen Seiten , noch mehr den Stein mit zornigen