bedeckte plötzlich das bleiche Gesicht ; die Stirn zog sich in drohende Falten , ihre Augen glänzten und waren fest auf Stanloff geheftet . Dann hob sie beide Arme hoch empor und drückte die gefalteten Hände wild vor die Stirn . Ich mußte mich abwenden , meine Kniee bebten , ich zürnte auf Stanloff ; ich fürchtete , Geisteszerrüttung würde die schreckliche Folge dieser jähen Aufregung sein . Doch im selben Augenblick und so schnell , daß es fast Stanloffs letztes Wort verschlang , rief sie : Ja , ich weiß jetzt Alles , sie ist todt , Hanna ist verbrannt , Gersem erschlagen - ich - ja ich - ich bin entflohn mit Gersem , bis der schreckliche Mann mich ergriff - dann - ( ihre Gedanken schienen immer zu versagen ) - bis ich entfloh . Ach , wie weit war der Weg ? Ich weiß nicht , wie weit , aber o Gott ! meine liebe , liebe Tante ! - Von da an flossen ihre Thränen in heißen Strömen , und es ist leicht wahrzunehmen , daß es der Tod dieser Tante ist , der sie so heftig betrübt . Mistreß Morton hat mich alsdann abgelöst , sie wird Euer Durchlaucht weiter berichten können . Ich fand sie noch weinend in ihrem Bette , hob Mistreß Morton auf ein Zeichen ihrer Gebieterin an , doch sie war sanft und vollkommen bei Sinnen . Ich sprach ihr zu , und sie sagte mit sanfter Stimme : Ich danke Euch für Eure guten Worte , liebe Frau , doch laßt mich nur weinen , wie sollt ' ich es auch nicht ! Man hat mir bisher keine Zeit gelassen , die zu beweinen , um die ich nie aufhören kann zu trauern ; Ihr wißt nicht , wie viel ich in ihr verlor ; ich weiß es wohl selbst nicht und denke nur an mein Herz ! Liebe Frau , sprach sie dann weiter , als sie mich genau betrachtet , warum trauert Ihr alle ? - Auch in unserm Schlosse war Alles in Trauer , aber warum Ihr ? Ich sagte es , und dies lenkte sie von ihrem Schmerze ab - sie weinte um Euch , Frau Herzogin . Sie wiederholte oft Euern Namen und frug , ob Ihr gewiß sie schützen würdet , sie könne ihr Schicksal noch nicht fassen . Aber vielleicht kommt Hanna und sucht mich , fuhr sie fort , vielleicht finde ich irgendwo Schutz , dann - sie seufzte schwer , sie schien so überrascht von ihrer Hülflosigkeit und sagte oft : Ach , Elisabeth , sähest Du Deine arme Marie so ! - Elisabeth ! rief die Herzogin und zuckte , als ob ein giftiger Pfeil sie berührt hätte . Dies , glaube ich , war der Name ihrer Tante , den sie nannte , doch kann ich mich irren , erwiederte Morton , und Verlegenheit und Unruhe drückte sich in ihren Zügen aus . Ich wüßte nicht , warum Du Dich irren solltest , sagte die Herzogin streng und gefaßt , klingt dieser Name nicht vom Throne bis zum Volke nieder , als bekannt , oft gehört und nicht zu verwechseln ? Die peinliche Wendung , welche die Sonderbarkeit der Herzogin diesem Moment gab , ward wohlthätig unterbrochen durch Ottwey , der die Thüren nach einem kleinen Saale öffnete , wo bei unfreundlichem Wetter die Familie zu Nacht zu speisen pflegte . Sir Richard Ramsey erschien in derselben und zeigte , indem er , als Seneschall des Schlosses , ein silbernes Becken mit einer gleichen Kanne trug , den Herrschaften an , daß die Tafel servirt sei . Die Damen legten ihre Arbeit bei Seite , und die Herzogin näherte sich ihrer Schwiegermutter und führte sie gegen den Saal . Hier nahmen sie die Ehrenbezeigungen des Sir Ramsey an , indem sie die Finger in das Wasser tauchten , welches er aus der Kanne in das Becken goß . Ottwey nahm Beides sodann schnell in Empfang , Sir Ramsey zog die Stühle für die beiden Damen und begab sich dann auf seinen Platz am Ende der Tafel , die Speisen zu zerlegen und vorzukosten . Doch blieb die Gesellschaft still und einförmig . Die Herzogin saß zwar in ruhiger Haltung , aber ohne Versuch , das Gespräch zu beleben . Die Damen wagten nicht , einer so düstern Stimmung eine andere Färbung zu geben . Arabella gehörte zu den Seelen , die leicht erdrückt werden von der Ueberlegenheit Anderer , und sie fühlte sich stets so ihrer Mutter gegenüber . Nur die Großmutter und Lucie brachten etwas Bewegung hinein . Lucie war in stets lebendigem Verkehr mit Allem , was sie umgab . Sie redete Alle an , sie scherzte , sie neckte , und blieben die Antworten aus , hatte sie mit der Dienerschaft ihren Verkehr , und weil sie der Liebling des ganzen Hauses war , und ein Engel an Güte und steter Heiterkeit , ruhten die Blicke Aller auf ihr , und ihre leichteste Frage blieb hier nicht unbeachtet . Heute schien ihre Laune doppelt heiter , da die allgemeine Stille ihr Raum gab . Sie neckte sich unaufhörlich mit Ramsey , und der kecke Jüngling , der ihr nichts schuldig blieb , unterhielt das Feuer ihres kindlichen Witzes , bis er endlich , sie zu necken , von ihrem Lieblinge Gaston anfing , wie er von Morgen an in der Hundehütte bei Wasser und Brod Arrest bekommen würde , weil er etwas im Dienste versehen habe . Gaston ! rief Lucie und wurde glühend roth , Gaston in die Hundehütte ! Wage es ! rief sie und hob die kleine Hand zürnend gegen ihn auf . Aber das sage ich Dir , allein soll er da nicht liegen , Du oder ich , eins von uns beiden geht mit hinein . Bei den letzten Worten kam das holde Lächeln schon wieder um den reizenden Mund , und sie frug weiter : Darf man den gestrengen Herrn fragen , was Gaston , der ihn gar nichts angeht , verbrochen hat ? - Daß er seinen Posten verlassen und oben in den fremden Zimmern sich herum treibt , welches ihm stets mit der Peitsche verboten ward , da sein Platz in der Vorhalle ist . - Und wohin ich ihn sonst mit mir nehmen will , rief Lucie , und wo Deine Wichtigkeit nichts zu befehlen hat . Gaston soll , anstatt in der Hundehütte , heute Nacht in meinem Bettchen schlafen , und ich will davor auf der Decke liegen . Allen anwesenden Dienern entfuhr ein kurzes , schnell unterdrücktes Lachen . Mistreß Dedington rief schaudernd : Lucie , Lucie ! mein Engel , Sie sind zu lebhaft ! Aber der kleine Schalk blickte seitwärts nach dem Antlitze der Großmutter , und da dies noch in seiner ungetrübten Klarheit leuchtete , wurde sie dreister und sagte schalkhaft , das reizende Köpfchen gegen ihre Mutter beugend : Erlaubst Du , liebe Mutter , daß Gaston diese Nacht in meinem Bettchen schlafen darf , und ich davor auf der Decke ? Die Herzogin zog hier ihren Blick von einem alten Wappenschilde ab , das ihr gegenüber an der Wand ihre Aufmerksamkeit gefesselt zu haben schien ; er fiel , wie erquickt , auf Luciens heiteres Gesicht , und sie ließ das liebe Kind seine Worte wiederholen . Doch schnell zu ihrer alten Strenge zurückkehrend , sprach sie ernst : Wie unschicklich und kindisch ist Dein Begehren , Lucie , ich hätte nicht gefürchtet , etwas der Art von Dir zu hören ! Ihr Blick streifte von dem beschämten Kinde die Tafel entlang und entzündete sich an Ramsey ' s lächelndem Gesicht . Ich fürchte , daß Ihr , Ramsey , mit Euren oft sehr weit gehenden Scherzen dies Kind zu dieser unziemenden Bitte gereizt habt . Ramsey wollte antworten , denn er verschwieg nie gern , was er zu sagen wußte , als Lucie mit Heftigkeit rief : Nein , liebe Mutter , schelte ihn nicht , Ramsey hat mich nicht darum gebeten , er ist ganz unschuldig , ich wollte es selbst , weil Gaston sonst in die Hundehütte gesperrt wird . Bei diesen Worten drangen Thränen in die schönen Augen des glühenden Kindes , und Ramsey hätte gern zu ihren Füßen dem Engel seine Neckereien abgebeten . Die Herzogin schien nicht ganz gegen den versöhnenden Anblick unempfindlich , denn sie sagte merklich milder : Laß uns hören , Ramsey , was Gaston verbrach , vielleicht können wir die Sache vermitteln . Euer Durchlaucht muß ich unterthänig um Vergebung bitten , sagte nun Ramsey , der von dem Edelmuthe Luciens sich zu gleichen Empfindungen erhoben fühlte , ich habe es allerdings gewagt , Fräulein Lucie mit der Nachricht über Gastons Uebelverhalten zu necken ; er hat nichts verbrochen , als daß er mir seit langer Zeit aus dem Gesichte gekommen ist . O du böser Ramsey , rief Lucie , hell auflachend vor Vergnügen und des Kummers nicht mehr gedenkend , daß Zeuge doch eben aus dem lachenden Auge in einer hellen Thräne über die glühenden Wangen rollte , das liebe Thier zu verläumden , ich werde es Dir gedenken ! Die Herzogin fühlte sich nicht geneigt , die Sache böslich zu verfolgen , aber sie fragte , wo Gaston geblieben sei . In den Zimmern der fremden Lady , antwortete Ramsey . Sogleich änderte sich das Gesicht der Herzogin , und sich gegen Mistreß Morton wendend , welche auf ihren Teller blickte , rief sie : Wie kömmt das , wem hängt er an in diesen Zimmern , ich hörte bis jetzt nichts davon ? Euer Durchlaucht halten zu Gnaden , sagte Mistreß Morton , indem ihr feines Gesicht von einer leichten Röthe bedeckt ward und sie den Blick nicht erhob , ich habe diesen Umstand nicht der Erwähnung werth geachtet . Der Herzogin Blick lag während dieser Worte unverwandt auf Mistreß Morton , sie schien sich mit Mühe Schweigen aufzuerlegen und benutzte das Ende der Tafel , um die alte Lady unter den gewohnten Formen nach den Zimmern zu führen , wo man sich nach der Abendtafel zu trennen pflegte . Stanloff ließ sich am andern Morgen bei seiner Gebieterin melden . Er fand sie mit niedergeschlagenen abgespannten Zügen in ihrem Armstuhle ruhend ; sie schien geschrieben zu haben . Stanloffs schnell überschauendem Blicke entging es nicht , daß mehrere beschriebene Blätter auf dem Schreibtische lagen , welcher in einer Fensternische im Rücken der Gräfin stand . Sie schien sich am Kamin in dieser ruhenden Stellung erholen zu wollen ; Stanloff sah aber mit Bekümmerniß den Ausdruck von Leiden in ihrem Gesichte , das müde Auge , das sich nicht bei seinem Nähertreten erhob . Doch wies sie seine besorgten Fragen nach ihrer Gesundheit bestimmt zurück und hieß ihn zum Feuer sich setzen . Stanloff entschuldigte sein gestriges Ausbleiben mit Geschäften in einem fernen Theile der Besitzungen , welches mit einem freundlichen Neigen des Kopfes angehört wurde . Ohne weiteren Uebergang sagte Stanloff nun : Mein Bericht über die Kranke ist heute sehr erfreulich . Er wollte fortfahren , als das Wort , das er zuletzt ausgesprochen , dumpf aus dem Munde der Herzogin wiedertönte und sie mit einem tiefen Seufzer die Augen aufschlug . Stanloff schwieg , denn er sah , sie wollte reden . Sie richtete sich auf , und sogleich trat Haltung an die Stelle der Abspannung ihres Körpers , indem sie mit einem Tone , der zwischen Schmerz und Unwillen schwankte , langsam zu Stanloff sprach : Mein guter Doktor , diese Fremde nimmt uns allen viel Zeit und Gedanken . Es ist wahrlich dahin gekommen , daß das Gefühl , das Alle in diesem Schlosse am nächsten erfüllen sollte , das Gefühl der tiefsten Trauer um ihren verehrungswürdigen Herrn , meinen theuern Gemahl , zurücktritt gegen die allgemeine Zerstreuung , die dieser Gegenstand unter uns verbreitet . Ich fühle die Pflichten , die mir hiermit auferlegt sind , etwas drückend und würde mich freuen , sie auf eine Art erfüllen zu können , die sie bald zu ihren Angehörigen zurückführte . - Sie schwieg , und ein Blick auf Stanloff sagte ihr , daß sie sein edles Gefühl gekränkt habe . Doch ich habe Euch mit meinen trüben Worten unterbrochen , setzte sie hinzu ; es ist eine Thorheit , zu erwarten , sich verstanden zu sehen , wenn Gefühle nach dem Maaßstabe des Glückes , das sie uns allein im höchsten Maaße gewährten , auch einen Scherz erzeugen müssen , den kein Anderer theilen und begreifen kann ! Diese Worte verfehlten jedoch dies Mal den Zweck , den muthigen Mann zu versöhnen . Ihr habt Recht , Mylady , sagte er fest , wenn Ihr Gefühle nicht getheilt glaubt , die zu Euch selbst nicht gehören ; Eure schöne Seele müßte sonst erkennen , daß nichts mehr das Andenken dessen ehren kann , an den mein Herz mit Liebe gedenken wird , bis es bricht , als eine freudige und aufrichtige Erfüllung der Pflichten , in denen er uns allen ein leuchtendes Vorbild war . Wenn Ihr den Antheil , den das Unglück erregt , hier in Euern Umgebungen vorherrschend findet , so denkt , daß das Verdienst seiner erhabenen Tugenden hier noch fortwirkt - denkt noch mehr , denkt , daß es Euer eigenes Beispiel ist , was die Härte Eurer ebengesagten Worte widerlegt . - Er stand auf und wollte sich fortbegeben , als die Herzogin bitter ausrief : So , Stanloff , mißbraucht Ihr mein grenzenloses Vertrauen , um mich zu kränken ? Wie wenig steht es Euch an , mir Vorwürfe zu machen , da ich Euch tiefer in mein Herz sehen ließ , als Andere . Darum just , und im tiefsten Gefühle Eures Werthes , wage ich Worten zu zürnen , die Euern Gesinnungen fremd sind , rief Stanloff mit edler Wärme . Wer kann Euch mehr verehren , als ich ? Wer hat es Euch öfter und ehrfurchtsvoller gezeigt ? Ich vertheidige das erhabene Bild Eurer Tugenden , das ich in Wahrheit erkenne , indem ich Aeußerungen zürne , die dort nicht ihren Ursprung haben ! Doch ich hatte auch Unrecht , denn mußte ich nicht wissen , daß Worte der Art nie bei Euch zu Thaten werden ? - Genug , Stanloff , sagte die Herzogin in milderem Tone , und vielleicht schon mehr , als ich verdiene ; ich will jetzt Eurem Berichte geduldig zuhören . Stanloff nahm schweigend seinen Sitz bei dem Kamine wieder ein und fuhr fort : Mistreß Morton sagte mir , daß Euer Durchlaucht von meiner ersten Unterredung unterrichtet sind . Ich hielt diese Erschütterung für nöthig , den Zustand von Lethargie aufzuheben , der über sie verbreitet war , und ich habe mich nicht geirrt . Der Geist muß oft eben so den Mechanismus des Körpers wieder herstellen , als Hülfe noch öfter umgekehrt geleistet wird . Sie ist sich seitdem ihres Unglücks , aber auch all ' ihrer Sinnes- und Geisteskräfte bewußt , und ich glaube , es tritt aus der Verwirrung , die sie umspann , ein starker , wohlgeordneter Verstand hervor ; ihre körperliche Schwäche und der Gram , den sie um den Tod einer geliebten Tante empfindet , halten ihn noch in einer Art Befangenheit . Aber schon nimmt man eine feine Unterscheidungsgabe wahr , für das , was recht und schicklich ist , und ihre Haltung , ihre Worte zeugen von der Gewohnheit , einen hohen Rang einzunehmen . Sie hat uns allen auf eine höchst gefühlvolle und genügende Art für unsere Pflege gedankt . Aber so sehr sie gegen Mistreß Morton und Cottington freundlich und bescheiden ist , scheint sie doch keinen Augenblick im Irrthume über die Verschiedenheit ihrer Verhältnisse . Sie hält uns von sich entfernt , ohne allen Stolz , ja , ohne Worte , ich möchte sagen , durch den Ausdruck , den sie unabsichtlich hat , und der , wenn ich mich nicht sehr irre , ebenso ihrem Geiste , als ihrem Aeußeren anzugehören scheint . Ich wagte es , sie um Aufschluß über ihr Schicksal zu bitten . Sie bedachte sich einen Augenblick und sagte dann freundlich : Verzeiht , daß ich diese Forderung Euch nicht glaube zuerst gewähren zu dürfen , Ihr macht mir Hoffnung , daß ich meine erhabene Erretterin bald werde sehen dürfen . Ihr , glaube ich , gehören diese Mittheilungen , ihr , die über meine nächste Zukunft entscheiden muß ; ihr muß ich auch das Vertrauen aufsparen , mit meinen Entdeckungen nach Willkür zu verfahren . Ich habe überdem nicht viel zu sagen , ich könnte Euch und Allen bald mein kurzes Unglück erzählen , und ich bitte Euch nur um die Wohlthat , mir bald den Anblick der erhabenen Frau zu verschaffen , zu deren Füßen ich meinen Dank auszudrücken mich sehne . - Stanloff hielt inne , der Blick der Herzogin ruhte auf dem Teppiche zu ihren Füßen . Da sie nicht antwortete , fuhr er fort : Ich habe ihrer nach Euch durstenden Seele versprochen , Euch heute darum zu bitten . Die Herzogin schwieg noch immer , und Stanloff fuhr fort : Euer Durchlaucht muß ich noch eine auffallende Erscheinung berichten , sie betrifft Gaston . - Merklich fuhr hier die Herzogin zusammen . - Gaston begleitete den Zug aus dem Parke nach den bestimmten Zimmern und drängte sich überall durch , um in der Nähe der Bahre und ihrer Person zu bleiben . Als die Frauen nach meiner Vorschrift die Lebensversuche machten , war er nur mit Mühe aus dem Zimmer zu entfernen , aber er wich nur bis zur äußern Schwelle . Jeden , der heraus trat , blickte er mit einem kurzen ängstlichen Geheul traurig an , lief ihm einige Schritte nach und kehrte dann zu seinem Platze zurück . Als sie im Bette lag , blieb die Thür einen Augenblick offen . Er hatte sich schnell hinein geschlichen , und als wir aus dem Rebenzimmer traten , sahen wir ihn am Bette aufgerichtet abwechselnd eifrig ihre Hände lecken und seinen Kopf hineindrängen , als wollte er von ihnen geliebkost sein . Ich gestehe , daß mich der Anblick rührte , ich konnte ihn nicht gleich verjagen und hörte , daß er tief seufzte , wie Menschen im Schmerze . So blieb er Tag und Nacht vor der Schwelle bis sie zuerst aus dem Bette war und er sie sprechen hörte . Da stürzte er die hinaus tretende Alice beinahe zu Boden und flog mit solcher Gewalt auf die Kranke zu , daß sie , zum Tode erschreckt , sogleich ohnmächtig ward . Gaston ward mit Gewalt entfernt , und seitdem hält er sich auch ruhiger und in seinem gewöhnlichen Bereich . - Und wozu diese Erzählung ? fragte die Herzogin rasch , von ihrem Stuhle aufstehend und einen Blick stolzer Erwartung auf Stanloff werfend . Vielleicht , erwiederte der ruhige Diener , sich gleichfalls erhebend , daß zwischen der Lady und Gaston ein Zusammenhang statt findet , den das kluge Thier schnell erkannt hat , und der uns zu Entdeckungen führen könnte . Die Herzogin wandte ihm unwillig den Rücken , und nach dem Schreibtisch hin gehend sagte sie kalt : Ich bin nicht gelehrt , Master Stanloff , und muß Verzicht darauf leisten , Dinge zu begreifen die über die gewöhnlichen Grenzen der gesunden Vernunft zu gehen scheinen , die Gott mir allein verliehen . Ich will Euch in so wichtigen Betrachtungen mit meiner Einfalt nicht störend sein , doch muß ich bemerken , daß ich nicht wünschen kann , daß solche Dinge sich im Schlosse unter den verschiedenen ungebildeten Dienstleuten verbreiten , als von mir oder meinen nächsten Umgebungen ausgehend . Nichts ist ansteckender , als geheimnißvolle Träumereien , und nichts gefährlicher für das Glück unverdorbener Leute niedern Standes . - Ihr habt zu befehlen , was meinen Mund anbetrifft , sagte Stanloff . Die Thatsache der Aufmerksamkeit zu entziehen , lag jedoch weder in meiner Macht , noch in meinem Beruf . Die Herzogin stand bleich und bebend an ihrem Schreibtisch , und Stanloffs Herz schmolz in Wehmuth bei ihrem Anblick , obwohl er heute so oft unter ihren scharfen Worten hatte leiden müssen . Die Juwelen , welche sie trug , und das kleine Taschenbuch , habt Ihr ' s von Mistreß Morton erhalten ? hob er an , mit dem gutmüthigen Wunsche , sie aus ihrem Zustande zu reißen , dessen Ursache er vergeblich suchte und in Gastons unschuldigem Thun nicht finden konnte . Mit beklommener Stimme sagte die Herzogin : Ja wohl , Juwelen , Stanloff , nicht unwerth , in dem Diadem einer Königin zu glänzen , ein Armband und ein Kreuz . Das Buch , sagte sie kaum vernehmlich , aber sehr hastig , war mit einer Perle von großem Werthe verschlossen ; es lag ein Wechsel von einigen tausend Pfund darin und noch ein Paar Zeilen . Großer Gott , was ist Euch ! rief Stanloff , denn die Herzogin endete die letzten Worte in einer Art von Gestöhn und taumelte gegen die Pfeiler des Fensterbogens . Nichts ! Nichts , Stanloff ! rief sie wie trostlos , aber ruft Morton , und bei Eurer Pflicht , bei Eurer tugendhaften Seele , ja , so lieb Euch der Friede der Meinigen ist , wendet Alles an , dies Mädchen zu erhalten , sie herzustellen . Ich will sie sehen , heute noch sehen . Stumm verneigte sich Stanloff , Mistreß Morton zu rufen , aber sie trat ihm in dem Vorsaal schon entgegen . Sie bedarf Eurer , sagte Stanloff tief bewegt . Die beiden treuen Diener blickten sich einen Augenblick stumm und traurig an . Stanloff fuhr mit dem Tuch über die Augen , und Mistreß Morton sah , der alte Herr war um seine Fassung . Sie reichte ihm die Hand und sagte sanft : Das Rechte thun und Gott vertraun ! Er nickte mit dem Kopfe und eilte aus dem Saale . Mistreß Morton fand ihre Gebieterin zwar blaß und ermüdet , doch mit wieder erlangter Fassung . Sie war seit einiger Zeit an diese plötzlich wechselnden Zustände gewöhnt und zog es vor , sie völlig unbeachtet zu lassen , überzeugt , dadurch die stolze Frau am schnellsten auf sich zurück zu führen . Auch lag in dem Sinn der alten Dienerin ein gewisser Stolz auf die Kraft und würdige Haltung ihrer Gebieterin , womit sie manche ihrer Fehler in ihren Augen versöhnte , und sie war fast empfindlich , die Lady seit einiger Zeit so oft mit Weichheit und heftigem und sichtbarem Schmerze wechseln zu sehen , welches der Würde Abbruch that , in der sie dieselbe erhalten wissen wollte , selbst um den Preis , dadurch als Dienerin in schärfere Grenzen der Zurückhaltung gewiesen zu sein . Die alte kluge Dame hatte sicher für diesen Karakter das Passendste erdacht , denn die Lady fühlte sich sehr wohl mit Mistreß Morton und schien stets zu einer ruhigeren Betrachtung der Dinge in ihrer Gegenwart überzugehen . Auch heute ließ sie sich ihre stummen und angenehmen kleinen Dienste gefallen ; sie nahm ohne Widerstand einige Tropfen , die ihr wie absichtslos gereicht wurden , als ahne man kaum den Zweck . Der Sessel war bequem gegen die sanfte Glut des Kamins geschoben , die Füße ruhten gemächlich auf einem Polster , und leise legte Mistreß Morton einige Bücher , Arbeiten und kleine gebrauchte Geräthschaften bei Seite , wohl wissend , daß das Auge der Herzogin ihren Bewegungen unwillkürlich folgte , aufmerkend , ob jedes seinen Platz gewönne , wodurch sie sich endlich abziehen ließ und zu einer Art von Ruhe gelangte , fast zugleich mit der wiederkehrenden Ordnung ihres Zimmers . Mistreß Morton wollte nun eben ihren Platz einnehmen und eine Arbeit ergreifen , als die Herzogin mit freundlichem , sanftem Ton sich zu ihr bog : Du scheinst fertig zu sein mit Deiner geschickten Ordnungsgabe , und ich will Dich bitten , mir Deine Gegenwart bei meinen beabsichtigten Besuchen zu schenken . Ich freue mich , daß Euer Durchlaucht so angenehm über mich befehlen , sagte nun gleichfalls Mistreß Morton heiterer , sich dem Armstuhle nahend , in dem die Herzogin noch immer mit allen Zeichen der Ermüdung ruhte . Sie hob jetzt den Kopf und fuhr freundlich fort : Es wird wohl nöthig sein , daß Du Deine Hand an meinen Kopfputz legst , denn ich muß , wie ich vermuthe , nicht sehr bedacht gewesen sein , ihn zu schonen , und da wir so eben gehen , in der Fremden eine neue Bekanntschaft zu machen , wollen wir uns nicht als eine Verwirrte ihr zeigen . Doch halt , laß sehen , liebe Morton , ob ich stehen kann ? - Es geht , fuhr sie fort , indem sie mit ihrer ganzen schönen Haltung einige Schritte vorwärts that , und das Lächeln , welches auf den bleichen Lippen , während sie sprach , mit den vorherrschenden Schmerzenszügen gekämpft hatte , brach auf einen Augenblick durch , und sie versuchte zu scherzen , indem sie fortfuhr : Ich werde so schnell , wie Pons , die Treppe hinab und hinauf eilen . Rufe den Knaben , er soll zu meinen Töchtern und dann zur Fremden mir vorangehen . Als sie jedoch die Handschuhe , die ihr Morton darreichte , ergriff , sanken plötzlich ihre Arme an ihr nieder . Sie faßte die Lehne des Stuhls , und hob Kopf und Blick mit unaussprechlichem Ausdruck gegen die Decke . Da zog Pons den Vorhang , der die angrenzenden Zimmer trennte , und zeigte sein heiteres jugendliches Gesicht , das er mit Mühe in die Ehrfurcht ausdrückenden Falten zu ziehen suchte , indem er sich und seine kleine mit Federn geschmückte Mütze zur Erde neigte . Schnell war die Herzogin wieder gefaßt . Nun , Pons , sagte sie freundlich , bist Du munter , oder nach Pagenart schläfrig und unlustig , selbst den Fächer oder Schleier Deiner Dame zu tragen ? Pons ließ statt aller Antwort sein Auge zu ihr aufgehen , und dies widerlegte mächtig den geäußerten Verdacht , denn was je an Schalkheit und Munterkeit in dem Hirn eines Pagen reifte , blitzte aus diesem kohlschwarzen Augenpaar . So , so , sagte die Lady lächelnd , Deine tiefe Verbeugung sollte mir blos den Schalk verbergen , der mich jetzt anblickt . Der aber nie schläfrig und unlustig ist , wenn seine erhabene Gebieterin ihn mit ihren Befehlen beehrt , flüsterte Pons . Kind , rief die Herzogin , Mortons Arm im Hinausgehen nehmend , Du sprichst , als hättest Du John Spencers Pagen-Lexikon gelesen , ein berühmtes Buch , unter Heinrich des Achten wohl dressirter Pagenzunft . Pons flog wie ein bunt gefiedertes Vögelchen in seinem zierlichen Kostüm von den Farben des Hauses durch die hohen Zimmer und Gallerien , das Nahen seiner Herrin an die in den Vorzimmern der jungen Gräfinnen harrenden Diener zu melden , und die Herzogin ward mit lauter Freude von Arabella und Lucie empfangen . Beide waren mit ihren Damen in der Gesellschaft des Master Copley , der jeden Tag einige Morgenstunden dazu benutzte , den wissenschaftlichen Theil der Erziehung der jungen Gräfinnen zu leiten . Es war ein unbeschreiblich heiterer und höchst ehrwürdiger alter Mann , als Geistlicher von den gemäßigtesten Gesinnungen , von einer gründlichen wissenschaftlichen Bildung , unverheirathet und mit ganzem Herzen an der herzoglichen Familie hängend , der er seit dem Vater des letzt verstorbenen Herzogs als Schloßkaplan diente . Die Herzogin hatte heute eine anmuthige weiche Hingebung gegen Alle , sie wußte Jedem ein gütiges Wort zu sagen oder einen freundlichen Blick zu geben . Mistreß Morton war ganz glücklich , denn so war die Herzogin in ihrer besten Stimmung , milde und doch mit der Würde , die ihr hoher Rang und ihr ernster Karakter mit sich brachte . Sie wußte dann Alles um sich her in eine angenehme Stimmung zu versetzen und heilte die kleinen Wunden , die sie oft schlug , so daß selbst neue weniger schmerzten . Doch fühlte Mistreß Morton wohl , daß gegen das Ende ihres Besuches ein kleiner Kampf in ihr entstand ; sie war zerstreut und blickte zuweilen ernst um sich her . Endlich erhob sie sich ; doch noch zaudernd trat sie an eins der hohen Bogenfenster , das nach dem Park hinaus ging . Sie schien den Sonnenblick zu verfolgen , der die trüb ' aufgehäuften Wolken eben durchbrach und langsam an den grünenden Partieen des Parkes dahin strich . Mistreß Morton sah über die Schulter Copley ' s , mit dem sie eifrig sprach , wie der Ausdruck in den Zügen der Lady schnell , und nichts Gutes verkündigend , wechselte , aber es ging vorüber . Muthig richtete sie sich von dem Fenstergesims empor ; sie ging auf ihre Töchter liebreich zu , schloß sie in ihre Arme und blickte ihnen lange zärtlich in die Augen , küßte sie dann beide und sagte sanft : Meine geliebten Kinder , wir wollen nie Euern theuern Vater vergessen , stets seiner Tugenden gedenken und ihnen nachleben , dann werden wir alle ertragen können , was Gott verhängt . Sie entließ die tief gerührten Kinder aus ihren Armen , grüßte mit einer anmuthigen Bewegung die Uebrigen und schritt mit fester Haltung , ohne Mortons Arm , aus den Zimmern , die Gallerie entlang , welche sich in einem Saale endigte , der in zwei Eingängen zu den Gemächern des Prinzen von Wales führte , deren eine Reihe die prachtvollen Zimmer enthielt , welche die alte Herzogin für jetzt bewohnte ; in den andern dagegen befanden sich die sogenannten Vorzimmer , nach dem Schloßplatze hinaus gehend und jetzt von der Fremden bewohnt , welche die Herzogin im Begriff stand aufzusuchen . Pons flog schon , von seiner Meldung zurückkehrend , der Herzogin in dem Saale entgegen , aber sie schien ihn nicht zu sehen ,