um des glücklichen Ausgangs willen nicht zürnen . Wir traten in die Sterbekammer . Da war die Liebe von den Toten auferstanden . Fabian und Ida lagen einander in den Armen . Sie herzten sich und küßten sich , und wußten beide nicht , was sie taten . Sie wollte von ihm wissen , wie ihm zumute gewesen sei ? er erwiderte , in diesem Punkte besonnen , er wisse von nichts , sie müsse den Doktor fragen . Ich verbot alle Erklärungen , und riet ihnen , sich des Lebens zu freun . Die Mutter trat hinzu , gab ihm die Hand , und sagte sehr freundlich : » Lieber Sohn , Sie machen uns schöne Streiche . Mein Gott , wie das hier aussieht und riecht , es fällt mir auf die Nerven . Verlassen wir den leidigen Ort . « Ich benutzte den Augenblick , küßte ihr ehrerbietig die Hand , und sagte bescheiden : » Edle Frau ! Ida ist vor Liebe krank geworden , Fabian wäre beinahe daran gestorben ; sollen Ihre Kinder noch länger schmachten ? « Die Gewalt dieser Auftritte hatte sie erweicht . Sie gab die Zustimmung zu dem , was die Verlobten wünschten . Es folgte ein neuer Sturm von Liebkosungen und Umarmungen , in dem ich ebenfalls zuletzt von ohngefähr mehrere Küsse bekam . Indessen waren die Fügungen des Himmels auch tätig gewesen . Denn als wir eben aus dem seltsamsten aller Boudoire aufzubrechen im Begriff standen , nahte sich der Bursche Fabians mit der in gemeßner Haltung vorgebrachten Meldung , daß der Oberst schon dreimal nach ihm geschickt habe , indem das ersehnte Patent nun endlich eingetroffen sei . So führte Ida statt eines erblichnen Lieutenants , nach dem sie ausgefahren war , einen lebendigen Capitain nach Hause . - Sie leben sehr glücklich miteinander , manche Szene , die sonst in die Ehe fällt , haben sie vorher schon unter sich abgetan , dazu ist wenigstens der lange Brautstand dienlich gewesen . Mir brachte die sorgsame Behandlung des Fräuleins während jener drei Tage und die Rettung des Bräutigams große Gunst in den vielen mit dem Hause verbundnen Familien zuwege . Einer lobte mich immer noch mehr als der andre , so entstand mir bald ein Ruf , den mir so manche an armen Leuten im Verborgnen geübte saure Mühe nicht erworben hatte . Zuerst schlug mich das Gewissen etwas , nachher beruhigte ich mich durch den Anblick der allgemeinen Scharlatanerie , die in der Welt herrscht , über die meinige , die wenigstens niemand geschadet , vielmehr eine zufriedne Ehe gestiftet hat . Drittes Kapitel In den folgenden Tagen war in den Zimmern des Herzogs große Geschäftigkeit . Ein fremder Rechtsgelehrter war angekommen , mit dem der Fürst und Wilhelmi in eifrigen Gesprächen unter Papieren und Akten zusammensaßen . Es wurde viel nach dem Archive geschickt , bunte Stammbäume mit vergoldeten Siegelkapseln lagen auf den Tischen umher , man holte Bücher aus der Bibliothek ; eine wichtige Frage beschäftigte die Versammelten . Der Advokat hatte die Nachricht von dem Tode eines Seitenverwandten überbracht , und mit dieser Post ungewünschte Eröffnungen verbunden . Wir fassen das Resultat jener Gespräche in einem kurzen Berichte zusammen . Das alte Haus , dessen Glanz gegenwärtig nur allein noch der Herzog in kinderloser Ehe repräsentierte , teilte sich schon seit hundert Jahren in zwei Linien , in die ältere , und in die jüngere gräfliche . Die Natur schien es auf ein Erlöschen des berühmten Namens angelegt zu haben , denn jener Seitenverwandte , der Graf Julius , war der letzte der jüngern Linie gewesen . Er hätte noch länger leben können , wenn nicht zu rascher Genuß seine Tage abgekürzt hätte . Als Jüngling vaterlos geworden , gebot er über ein bedeutendes Erbe , dem er auf keine Weise vorzustehen wußte . Kühnheit und Leichtsinn verwickelten ihn in vielfältige Abenteuer , er glänzte am Hofe , er wollte auch zu Hause glänzen ; dieser gedoppelte Aufwand hätte die Minen Perus erschöpfen können . Bald war er von Gläubigern umringt , sah sich in Verlegenheit , und bei seinem gänzlichen Mangel an Erfahrung , ohne Mittel , aus derselben zu kommen . Damals lernte er Hermanns Oheim kennen , welcher in der für Tausende unglücklichen Periode , die unsrem Vaterlande angebrochen war , eben sein Glück zu machen begann . Vom düstern kleinen Comptoir im Hinterstübchen eines mäßigen Hauses ging er mit sichrem Schritte auf die Million zu . Schon dachte er an Landbesitz , um seine großen , weitgreifenden Fabrikplane zu verwirklichen . Graf Julius sprach ihn um ein bedeutendes Kapital an , womit die dringendsten Schulden bezahlt werden sollten . Der Oheim pflegte sonst an Verschwender , deren Güter bereits über die Hälfte des Werts andren gehören , nicht zu leihen . Indessen mußte ihm wohl in diesem Falle der Verschwender selbst eine gute Hypothek sein . Er gab und gab , bis die Besitzungen des Grafen , nach einem freilich wohlfeilen Anschlage , sein waren . Nun erklärte er , nichts mehr geben zu können . Jetzt war der Graf erst in der rechten Not . Die Zinsen verschlangen die Einkünfte , niemand wollte sein Geld mehr bei ihm wagen . Man weiß , wie die allgemeine Verzweiflung jener Zeit auch das Letzte , worauf sich sonst der Mensch verläßt , den Grund und Boden , im Werte heruntergedrückt hatte . Zum zweiten Male erschien ihm der Oheim jetzt als Retter und Heiland . Er schlug ihm einen Verkauf der Güter vor , wollte sie für die vorgeschoßnen Summen annehmen , und dem Grafen freie Wohnung auf dem Schlosse seiner Väter , sowie eine jährliche anständige Rente gewähren . Das Geschäft war zulässig ; die Gesetze der großen Nation , welche uns beherrschte , hatten bekanntlich alle feudalistischen Beschränkungen des Eigentums aufgehoben . Der Graf frohlockte bei dem Gedanken an ein sorgenfreies Leben , wie seine Imagination es ihm vorstellte ; er schlug ein . Die Rittergüter gingen in die Hände des Bürgerlichen über , das Geld hatte gesiegt . Nach einigen Jahren des Verdrusses , welchen der Graf statt der erwarteten Lebensfreude gefunden , war er gestorben , und an diesen Todesfall knüpften sich die wichtigsten Folgen . Die herzogliche Linie , in der jedoch diese höhere Würde ein neues Datum hatte , war im Besitze der Haupt- und Stammgüter , deren Komplex vor kurzem zur Standesherrschaft erhoben worden war . Aber nie hatte sie unangefochten besessen . Der Ahnherr des Hauses sollte sich nämlich mit einer Person unadlichen Standes verbunden haben ; man sprach sogar von der Tochter eines Leibeignen . War dies der Fall , so hatte die Deszendenz natürlich nie ein Erbfolgerecht gehabt , und ihr Besitz war eine Usurpation gewesen . Darauf stützten sich die Nachkommen des zweiten , in die gesamte Hand aufgenommnen Bruders , die Glieder der jungern Linie . Sie behaupteten , und hatten immer behauptet , die rechten Erben der Herrschaft zu sein . Die jüngre Linie erlosch , wie gesagt , mit dem Grafen Julius . Als dem Herzoge diese Nachricht wurde , empfand er eine sehr verzeihliche Freude . Nun waren alle Zweifel , die ihn bisweilen noch in seinem Wirken beunruhigt hatten , getilgt ; der letzte war mit dem letzten Prätendenten in die Gruft gegangen . Heiter hatte er an jenem Abende die Anekdote des Arztes angehört . Man blieb bis spät in die Nacht beisammen , lachte und scherzte über die Torheiten der Menschen , und teilte einander in mannigfachen Wendungen die aus den Memoiristen geschöpfte Überzeugung mit , daß die geringfügigsten Dinge , ein Wort , ja ein Buchstabe die Ereignisse so oder so gestalten . Der Arzt hatte die lustigsten Einfälle über die Ahnfrau , deren reines Geblüt noch eine Untersuchung habe bestehen sollen , nachdem die Möglichkeit einer chemischen Analyse längst verschwunden gewesen sei . Zuletzt brachte er einen Toast auf die Ruhe ihrer Seele aus , in welchen der Herzog munter , die Herzogin gefällig , und Wilhelmi widerstrebend einstimmte . Dieser hatte seine ernste Stimmung nicht verloren , und sagte , als die Gläser klangen : » Mit den Geistern ist nicht gut scherzen . « Am andern Morgen zeigte es sich , daß die Sache nicht zu Ende sei . Der Rechtsgelehrte , welcher abends zuvor seine Müdigkeit vorgeschützt hatte , um auf dem Zimmer bleiben zu dürfen , überreichte eine Zession , welche der Graf bereits vor einigen Jahren ausgestellt hatte . In derselben trat er alle seine Rechte auf die Herrschaft an Hermanns Oheim ab . Man musterte voll Erstaunen diese Urkunde , man wußte von Mißverständnissen , selbst von Streitigkeiten zwischen beiden Teilen , man konnte sich den Beweggrund zu einem so auffallenden Schritte nicht erklären . Aber alles Erstaunen und Verwundern führte zu nichts . Die Urkunde lag vor ; jede Form war beobachtet worden , man sah sich genötigt , auf den Inhalt einzugehn , womöglich dessen Gültigkeit zu widerlegen . Letztres versuchte Wilhelmi . » Die Güter , welche jetzt die Standesherrschaft bilden , waren unter der deutschen Reichsverfassung Lehen « , sagte er . » Darauf folgte die Fremdherrschaft mit ihren Umwälzungen , dann der Befreiungskrieg . Der Vater meines Gebieters starb nach dem Frieden . Entweder hat nun der Herzog die Standesherrschaft als freies Eigentum überkommen , oder als Lehen . Im ersten Falle waren alle aus den Rechtsantiquitäten hergenommnen Ansprüche der jüngern Linie erloschen , keine Mißheirat eines Vorfahren kann meinem Herrn noch gegenwärtig schaden . Im letzten Falle hatte nur der Graf , nur er für seine Person ein Familienrecht , welches er einem Dritten , Fremden , Ihrem Machtgeber nicht übertragen durfte . « Darauf erwiderte der Rechtsgelehrte : » Der erste Fall ist nicht eingetreten . Man hat es für gut gefunden , nach der Katastrophe , welche Europa den alten Dynastien zurückgab , die schon halbeingeschlafnen agnatischen Rechte der Familien wiederzuerwecken . Seine Durchlaucht besitzen Ihre Schlösser nicht , wie der Bauer sein Gütchen , der Bürger sein Haus besitzt . Alle Fehler , alle Mängel aus der ältesten Vorzeit her , haften auf dem jüngsten Erwerber . « » Welche also nur der Agnat , nur der ebenbürtige Anwärter rügen dürfte ! « warf Wilhelmi ein . » Keinesweges « , versetzte der Rechtsgelehrte . » Indem man jene abgekommnen Ansprüche herstellte , ging man , wenigstens hiesigen Landes nicht so weit , auch die Verbindung zwischen Lehnsherrn und Vasallen aufs neue erstehen zu lassen . Nur die persönlichen Rechte der Gevettern sind restauriert , sie haben aber eben wegen der nur teilweise geschehenen Operation eine Umwandlung erlitten , sie stehen nun mit allen übrigen gewöhnlichen Befugnissen in Reihe und Glied . Ich frage : warum hätte Graf Julius über die seinigen zu verfügen nicht die Macht gehabt ? « Die Deduktion konnte nicht bestritten werden . Wilhelmi äußerte sich sehr leidenschaftlich über das kindische Halbwesen der Zeit , über das ungeschickte Vermischen von Alt und Neu , über die grellen Widersprüche , die aus dem jetzt so häufig ersichtlichen Mangel an allem Gefühl für die Ergründung der eigentlichen Verhältnisse entsprängen . Der Herzog unterbrach ihn und sagte ruhig : » Der Monarch hat mich durch seine Gnade aus der Reihe der übrigen Untertanen emporgehoben . Wir waren Fürsten des Reichs , das sind wir , ich weiß es , nicht mehr , es kam eine Zeit , in der wir nur gewöhnliche Edelleute gewesen sind . Aber die Zeit ist vorüber . Ich stehe wieder bevorrechtet zwischen Thron und Volk , eigentümlich , nur mir selbst und meinen Pairs gleich da . Ich gehöre der Herrschaft und die Herrschaft gehört mir . Wie kann der Bürger , der Fabrikant diesen Zusammenhang zerreißen ? « » Der Regent wird den Fabrikanten nicht zum Standesherrn machen « , antwortete der Rechtsgelehrte . » Aber der Bürger kann Rittergüter erwerben und benützen . Keine Verfügung des Monarchen schadet wohlerworbnen Rechten dritter Personen . Graf Julius hatte seine Anrechte als freies persönliches Eigentum erworben . Ew . Durchlaucht sind Standesherr erst seit zwei Jahren , es ist kein Geheimnis , daß Ihre Erhöhung eben wegen der Zweifelhaftigkeit Ihres Rechts so bedeutenden Aufschub gelitten hat . Unsre Zession ist vier Jahre alt . Wir haben bis jetzt damit nicht auftreten wollen , weil der Graf bei seinen Lebzeiten dies unterlassen zu sehn wünschte . Zu allem Überflusse steht in Ihrem Diplom die ausdrückliche Klausel : Vorausgesetzt , daß die jetzt besitzende Familie ein vollständiges Recht hat . « Der Herzog erinnerte daran , daß die Linie die Herrschaft seit unvordenklicher Zeit innegehabt habe . Hierauf bemerkte sein Gegner , daß , wie man gegenseits sehr wohl wisse , der Prozeß zur gehörigen Stunde bei den Reichsgerichten angehoben und immer im Gange erhalten worden sei , daß derselbe aber nach wetzlarischer Sitte unter dem Stabe des Kammerrichters seine Endschaft nicht erreicht habe . Er wies die Abschrift eines Dekrets vor , vielleicht des letzten , welches jener Hof erlassen , und schloß mit dem Anführen , daß das Deutsche Reich bekanntlich noch nicht seit dreißig Jahren aufgelöst sei , und daß mithin von einer Verjährung hier nicht geredet werden könne . Ohne den Vortrag des Advokaten einzuräumen , ließ man die Verhandlung über diese Punkte fallen . Von allen Seiten wurde gefühlt , daß die tote Ahnfrau in dem Streite den Ausschlag geben werde . So ging also doch wieder dieses Gespenst , und nicht in theatralischer , sondern in sehr wirklicher Weise durch das Haus . Die Gegner waren im Besitz der unverwerflichsten Zeugnisse , daß der Ahnherr sich mit einer Jungfrau ehelich verbunden hatte , vor deren Namen das Wörtlein von fehlte . Die Extrakte aus den Kirchenbüchern wiesen zugleich nach , daß ein Landmann gleiches Namens erst lange nachher in dem Dorfe , welches sich späterhin zum Residenzflecken der Herrschaft erhob , verstorben war . Man hielt ihn für den Vater des Mädchens ; die regierende Linie , so folgerte man , stammte von einer Bäuerin ab . » Alle diese Stammbäume , welche ich hier vor mir ausgebreitet liegen sehe , beweisen nichts ! « rief der gewandte Konsulent . » Es sind einseitig in Ihrem Hause aufgestellte Tafeln , die noch dazu die untrüglichsten Zeichen später Abfassung an sich tragen . Wir nehmen als möglich an « , fuhr er fort , » daß jener Graf Archimbald seiner Maria Sibylla vom Kaiser den Adel erwirkt hat . In diesem Fall würden wir für ein Geringes abzustehn bereit sein . Die Familienstatuten reden nur vom Adel der Mutter schlechthin , als Bedingung der Erbfähigkeit der Kinder , nicht von altem stifts- und turnierfähigem Adel , wahrscheinlich , weil man an einen andern gar nicht dachte . Wir sehn jedoch ein , daß unsre Ansprüche dann zweifelhaft würden , und daß , wenn die Sache bei Gericht in die Hände eines Referenten von neuen Ansichten fiele , die geadelte Bäuerin leicht für vollwichtig erachtet werden möchte . Aber wo ist der Adelsbrief ? War er je vorhanden , so muß er doch aufbewahrt , er muß herbeizuschaffen sein . « Über diese Urkunde gab der Herzog eine ablehnende Antwort . Er wußte aus seiner frühen Jugend , daß sie dagewesen war . Noch wie von heute erinnerte er sich des Tages , an dem der alte strenge Großvater sie ihm gezeigt hatte , mit den Worten : betrachte das Blatt , es verteidigt uns gegen die Vettern . Noch sah er mit den Augen des Gedächtnisses die braune Saffiankapsel , in welche der alte Mann sie tat . Nachher war sie verschwunden . Beim Kammergericht hatte man ein Jahrhundert hindurch über den Punkt gestritten , welcher von beiden Teilen zu beweisen habe , und zur Vorlegung des Dokuments war man daher nicht gediehen . Wilhelmi suchte Tag und Nacht im Archive , aber seine Mühe war diesmal , wie früher , vergebens . Darauf eröffnete der Advokat die Vergleichsvorschläge des Oheims . Sie liefen auf eine Halbierung der Güter hinaus . Der Herzog ließ den alten Fabrikherrn einladen , mit ihm persönlich zusammenzutreten . Der Rechtsgelehrte übernahm es , seinen Klienten zum Besuche auf dem Schlosse zu vermögen . In seinen einsamen Augenblicken fühlte sich der Fürst sehr erschüttert . Den wilden verschwenderischen Vetter hatte er nie gescheut , vor dem alten eisernen Handelsmann ergriff ihn eine Art von Geisterfurcht , über die er nicht Herr zu werden vermochte . Mit diesen Schlössern , Feldern und Wäldern durch alle Erinnerungen verwachsen , hielt er es für eine Unmöglichkeit , aus solcher Gemeinschaft zu scheiden . Seine Existenz stand auf dem Spiele , das empfand er , und daß er seinen Sturz nicht überleben wolle , gelobte er sich vor den Bildern der Ahnen . Indessen , gewohnt , immer derselbe zu scheinen , wie es auch innerlich wechselte , zeigte er vor andern das heitre Antlitz eines Manns , den nichts in Erstaunen setzt . Es war ausgemacht worden , der Herzogin diese Verhandlungen geheimzuhalten . Sie ahnte daher nicht , welche Wolke über ihrem Haupte schwebte . Viertes Kapitel Aber auch sie hatte ihr Leid . Jenes unglückliche Kind des Hauses , die verirrte Johanna lag ihr schmerzlich am Herzen . Endlich , nach vielen vergeblichen Erkundigungen wußte man so viel , daß sie in der großen Stadt im Norden mit dem Manne lebe , dem sie ihr Geschick anvertraut hatte . Das Gerücht sprach von einer Vermählung . Man würde früher ihre Spur gefunden haben , wenn man nicht aus Rücksicht auf den Ruf der Entflohnen alle Nachforschungen nur durch die dritte Hand anzustellen sich genötigt gesehn hätte . Die Herzogin war durch das Ereignis im Innersten verletzt . Den Herzog sah sie beschäftigt , gedankenvoll ; sie meinte das Gespräch mit ihm über diese Verwirrung bis zu einem freieren Zeitpunkte verschieben zu müssen . Inzwischen wollte sie nicht feiern . Sie nahm sich vor , der Unglücklichen zu schreiben ; auf welche Weise dieser Brief zu versenden ? das sollte späterhin überlegt werden . Manche Stunde saß sie , das Haupt auf die Hand gestützt , vor ihrem Schreibtische , nie war ihr etwas schwerer geworden , oft legte sie halb unwillig die Feder weg , endlich kam ein Blatt zustande , in welchem ihre ganze Seele zu lesen war . Der Advokat hatte sich der Herzogin vorstellen lassen , und war als Glied der Gesellschaft aufgenommen worden . Man behandelte ihn artig , wie seine Sitte und Bildung es verdiente . Insbesondre ließ ihm der Herzog die unheilbringende Botschaft nicht entgelten . Denn jener benahm sich bei der Erörterung der Frage : wer hier Herr sein solle ? so verständig und bescheiden , daß der Fürst eher eine Art von Neigung zu ihm faßte . Er hielt ihn unter einigen Vorwänden etliche Tage zurück , weil er immer noch hoffte , Wilhelmi werde die vermißte Urkunde finden , und damit dem ganzen Streite auf der Stelle ein Ende machen . In diesen Tagen ging bei dem jungen Manne eine große Verändrung vor , und er bedurfte der ganzen Festigkeit , welche ihn auszeichnete , um das Gefühl seiner Pflicht in sich lebendig zu erhalten . Teils Wilhelmi , teils der Herzog selbst hatten ihn im Schloß und in den Umgebungen , die nicht leicht ansprechender gefunden werden konnten , umhergeführt . Überall stieg ihm das Bild eines würdigen , stillprächtigen Daseins entgegen , welches auf den Erwerb verzichtet , weil es in seiner Fülle genug hat . Und wie in einer schönen Landschaft ein klarer Wasserspiegel die reizende Natur ringsumher noch einmal verklärt wiedergibt , so erhielt dieses Bild adlichen Lebens zuletzt sein seelenvolles Auge in der Anmut der Herzogin . Vom Herzoge hatte er sich beurlaubt . Bei ihr angemeldet , war er nach einem Gartenkabinette beschieden worden . Himmelblaue Tapeten bedeckten die Wände dieses Zimmers , weiße Meubles mit goldnen Leisten standen umher , von Konsolen herab sahen die Büsten der großen Dichter . Heitre und doch ernsthafte italienische Landschaften füllten die Zwischenräume aus ; auf einem runden Tische lagen rote vergoldete Bände . Der Advokat schlug einige derselben auf , und fand » Hermann und Dorothea « , » Tasso « , » Iphigenia « , Homer , die Gesänge unsres Schiller . Die Herzogin hatte dieses Zimmer vor kurzem erst einrichten lassen ; man brachte dort den Abend zu , wenn es draußen zu schwül war , und genoß der Aussicht auf die neuen Anlagen , welche in stetiger Folge die Blüten jeder Jahreszeit spendeten . Alle Hausgenossen , welche zum Zirkel gehörten , besaßen den Schlüssel zu diesem Gemache , um nach Bequemlichkeit dort verweilen zu können . Er war eine geraume Zeit lang allein , und seine Empfindungen wurden immer trüber , je länger er diese gewölbten Marmorstirnen , diese Prospekte auf Felsen und Palmen , Himmel und Meer betrachtete , oder in die gelbrot glühenden Georginenbeete der holden Fürstin schaute . Der junge Mann hatte nichts von dem , was man heutzutage ästhetische Bildung nennt , aber er folgte einem natürlichen Gefühle . Seine erste Empfindung war stets , andre Menschen für edler und klüger zu halten als sich , und das Lied eines Dichters konnte ihn bis zu Tränen rühren . In diesem , der geistigen Erholung gewidmeten Orte , drängten sich ihm nun alle Anregungen der vergangnen Tage zusammen . Schon erblickte er hier , wo das Schöne gute Menschen beseligt hatte , ein ödes rechnendes Comptoir , schon sah er dort , draußen , quer über die armen Blumen , über den samtnen Rasen einen Weg für Karren und Schleifen zu irgendeiner trostlosen Fabrikhütte führen . Er kam sich selber hassenswürdig und niedrig vor , daß er zu solchem Beginnen die mithelfende Hand bieten wollte . Mit dem Buchstaben eines ungerechten Rechts den geheiligten Zustand so verehrungswerter Personen zu zerstören , es erschien ihm gemein und ruchlos . Aber was sollte er tun ? Wie durfte er eine Treulosigkeit begehn , gegen welche sich alle seine Begriffe sträubten ? Im heftigen Kampfe mit sich selbst ging er auf und nieder , und blickte bald diese bald jene Büste an , als fragte er die Helden des Gesangs um Rat in seiner Not . Denkverse standen mit goldnen Buchstaben unter jeder Konsole . Er las den Spruch unter Schillers Haupt : Die Weltgeschichte ist das Weltgericht ! Und plötzlich kam ihm , wie durch innre Erleuchtung der Entschluß . » Ja « , rief er , » es gibt etwas Höheres , als die Form , und das ist der Gehalt . Über alle Worte und Satzungen hinaus liegen die Quellen des Wahren und Guten . Kein Kontrakt kann uns zu einer Schlechtigkeit verpflichten . Mein Machtgeber kennt den ganzen Stand der Sache , ausführlich will ich ihm melden , was ich hier verhandelt habe , aber dann rühre ich keine Feder mehr für ihn an ! « In einer Selbstvergessenheit , wie sie ihn noch nie überwältigt hatte , warf er sich an einem Sessel vor der Büste des Dichters nieder . Er war mit sich im reinen , er hatte eine neue Richtschnur für sein künftiges Verhalten gefunden . Er gelobte dem Verewigten über ihm , daß er fernerhin nur dem seinen Mund leihen wolle , der ein wirkliches , nicht ein bloß papiernes Recht habe , müsse er auch arm und unangesehn darüber bleiben . So knieend fand ihn die Herzogin . Wer beschreibt ihr Erstaunen ? Bestürzt erhob er sich , und konnte kein Wort vorbringen . » Sie knieten an keiner unwürdigen Stelle « , sagte sie nach einer Pause . » Man hat vor diesem Haupte immer so reine Gedanken . Sei es Ihnen nicht unlieb , daß ich Sie überrascht habe . Ich bin von der altfränkischen Partei , und liebe den tugendhaften Künstler , wie man ihn so schön genannt hat . « Ihr Auge schimmerte , sie nahm eine Rose vom Busen , hauchte einen Kuß darauf , und legte sie auf den Sessel unter der Büste . Er hatte sich inzwischen gesammelt und schon ganz wieder die Haltung des schlichten Geschäftsmanns gefunden . » Ich kann keine Worte vorbringen , welche Ihrer , und der Geister , die uns umschweben , wert wären « , sagte er . » Ich versichre nur , daß es mich sehr freut , auf Ihr Schloß gekommen zu sein , und daß ich hier etwas für meinen Beruf gelernt habe . « Man wechselte noch einige freundliche Reden . Sie empfand ein stilles Zutrauen zu dem Manne , der vor ihrem geliebten Sänger das Knie gebogen hatte , und nun so fest und doch so anspruchslos vor ihr stand . Sie reichte ihm die Hand zum Kusse . Hocherrötend empfing er dieses Zeichen des Wohlwollens . So schied der verwandelte Feind . Fünftes Kapitel Der Herzog hatte nach der Entlassung des Advokaten in seinen Zimmern ein Standrecht abgehalten . Im Schlosse wankte eine alte Gestalt umher , wie man dergleichen wohl als Erbstück in den Häusern großer Familien antrifft . Ein sechzigjähriger Bedienter , der bei dem Großvater und Vater gedient hatte , und nun noch so mitschlenderte ; derselbe , von welchem der Fremde Wilhelmin so zornig angemeldet worden war . Eigensinnig und unverträglich , war er eine Plage der übrigen Dienerschaft , er glaubte mehr Recht zu haben , als sie , weil er seine Kamaraden alle hatte eintreten sehn . Oft hatte man , seiner Unbehülflichkeit wegen , ihn von der Aufwartung bei Tafel entfernen wollen , er setzte sich aber hartnäckig zur Wehre , wenn man sein verjährtes Amt ihm zu nehmen gedachte , und einmal , da man ihn mit Gewalt aus dem Saale trieb , fand man ihn kurz nachher auf dem Söller in unheimlichen Zurüstungen mit Strick und Nagel begriffen . Damals hatte der Herzog befohlen , man solle ihn dulden , und in seinem Wesen gewähren lassen . Diesem Menschen erteilte er jetzt einen ernsthaften Verweis . Er hatte bemerkt , daß jener , statt den Fremden zu bedienen , immer mit der Schüssel an ihm vorübergegangen war , so daß der Gast oft von mehreren Gerichten nichts bekommen hatte . Streng fragte er ihn , was für ein Benehmen das sei ? und verbat sich für die Zukunft dergleichen grobe Nachlässigkeiten . Der alte Erich zitterte vor Ärger . » Es war keine Nachlässigkeit , Ew . Durchlaucht « , rief er . » Ich bin noch so akkurat , wie einer von den Jüngsten . Aber dem sollte ich etwas zu essen geben ? dem ? der uns von Haus und Hof treiben will ? Nimmermehr ! So einer muß hier verhungern und verdursten . « » Was meinst du damit ? « fragte der Herzog betroffen . » Hast du gehorcht ? « » Ich mußte ja das Licht immer zu den Konferenzen bringen . Höre ich nicht , wenn gesprochen wird ? Sehe ich nicht , was zu sehen ist ? « Wirklich hatte der Herzog , gleich vielen seiner Standesgenossen , sich gewöhnt , die Diener nicht für Personen , wenigstens nicht für augen- und ohrenbegabte , zu halten . Manches war schon hin und wieder in Gegenwart der Aufwartenden verhandelt worden , was diese dann zum Nachteil der Herrschaft umhertrugen . Er sagte dem Alten , daß er vernünftig sein , und die Sache bei sich behalten solle . Die Narren haben ihr Herz im Maul , aber die Weisen haben ihren Mund im Herzen ; Jesus Sirach am Einundzwanzigsten « , versetzte Erich , der gern in biblischen Sprüchen redete . » Sie denken , ihren Stuhl herzusetzen , aber es wird ihnen nicht gelingen . « Er klopfte auf seine linke Brust . Der Herzog wußte nicht , was der Alte damit sagen wollte , und bedeutete ihn mit finstrer Miene , sich zusammenzunehmen , denn aller Geduld sei ihr Ziel gesetzt . Draußen zog der zornige Greis ein langes Messer , welches er immer unter dem Rocke bei sich trug , aus dem Futteral , und murmelte , mit der scharfen Waffe durch die Luft fechtend : Wer den Stein in die Höhe wirft , dem fällt er auf den Kopf . Wer einem andern Schlingen stellt , der fängt sich selber . Wer seinem Bruder Schaden tun will , dem kommt es über den eignen Hals , daß er nicht weiß , woher ? Sirach am Achtundzwanzigsten . « Sechstes Kapitel Die Herzogin an Johanna » Es ist mit dem Briefschreiben eine schlimme Sache . Alles , was man spricht , kann man durch Blick und Ton verdolmetschen , aber die schwarzen Buchstaben stellen sich zwischen unsre Meinung und den Dritten , und wer sagt uns , ob sie unsern Sinn getreu überliefern ? Ich schreibe diese Zeilen mit dem innigen Wunsche , Ihnen und uns etwas Heilsames zu erzeigen ; muß ich aber nicht befürchten , daß Sie statt der Gesinnung nur Worte darin finden werden ? Darf ich von demselben irgendeine günstige Wendung des Ereignisses , welches uns betrübt , erwarten ? Ich lasse meines Herzens Meinung fliegen , wie die Taube aus der Arche ; ob ich ein Ölblatt zurückbekomme , oder nicht ? ist mir unbekannt , aber ich lasse die Taube fliegen . Wir dachten immer über einen Punkt sehr verschieden . Sie hassen die Selbstbetrachtung , Sie glauben , man verliere dadurch alle Freuden des Daseins . Mich dagegen führten die äußern Dinge von jeher in mein Innres zurück ; nur was ich dort eroberte , genoß ich als wohlversichertes Besitztum . Solchen Beobachtungen , selbst denen , die andern niederschlagend gewesen wären , verdanke ich die größten Freuden . Mit Entzücken erinnre ich mich noch des Tages , wo mir zum ersten Male recht tief im Busen die durchdringende Überzeugung von meiner schwachen , hülflosen Weiblichkeit wurde . Es war am Morgen nach einem Ballabende , wo man mich mit den schönsten Artigkeiten überhäuft