ermahnte Lorenz den Bauer , der ihm zum Kutscher diente , sich bereit zu halten , damit er nach wenigen Augenblicken wieder fahren könne . Wir wollen eine halbe Stunde von hier füttern , setzte er mit leiser Stimme hinzu , dort ist eine gute Schenke , wo wir uns auch selbst eine Güte anthun können . Der Bauer war es gern zufrieden . Des Pfarrers Pferde waren abgespannt , und dieser rief nun dem alten Lorenz zu , er solle kommen und sein Versprechen erfüllen . Beide stiegen nun die große Treppe hinauf , der Pfarrer mit einem Ausdruck von Verachtung gegen Lorenz im Gesicht , und dieser mit Seufzern , die ihm die Erinnerung erpreßte , wie er sonst dieß Schloß beinah als sein Eigenthum betrachtet hatte ; die glänzenden Tage gingen schnell vor den Augen seines Geistes vorüber , wo sonst zuweilen der Pfarrer als sein Gast auf dieser Treppe von ihm war bewillkommnet worden , dem er nun so demüthig und mit so bösem Gewissen folgte . Sie hatten das Archiv erreicht , und der Geistliche war mit dem ehemaligen Kastellan eingetreten , nachdem er die Thüre geöffnet hatte . Lorenz blickte ihn befremdet an und sagte : » Ich hatte mir ausgemacht , hier allein und ungestört zu suchen . « Der Pfarrer verschloß gleichgültig von innen die Thür , steckte den Schlüssel zu sich und sagte dann sehr gelassen : meine Gegenwart wird Sie nicht stören , ich werde hier ruhig am Tische sitzen bleiben und das versprochene Geld aufzählen , damit Sie es gleich in Empfang nehmen können , sobald Sie mir die Urkunde einhändigen . Er fing dies Geschäft auch sogleich an , und die hundert Dukaten waren aufgezählt , ehe Lorenz noch wußte , was er thun sollte , ob er auf die Entfernung des Geistlichen dringen oder in dessen Gegenwart seine Schelmerei ausüben solle . Der Glanz des Goldes , der ihm in die Augen leuchtete , bestimmte ihn zu letzterem , und er näherte sich entschlossenen Schrittes den Schränken , worin die Urkunden aufbewahrt wurden , aber eine neue Verlegenheit machte , daß er gedankenvoll stehen blieb ; er sah die Schränke aufgeräumt , alle Schriften darin in der besten Ordnung , er begriff nicht , wie er den Schein retten sollte , und sah auch keine Möglichkeit sich zurückzuziehen , ohne vorher sein Versprechen erfüllt zu haben . Ein Blick auf das funkelnde Gold , das eben recht in den Sonnenstrahlen glänzte , die durch ein hohes Fenster grade auf den Tisch fielen , gab ihm neuen Muth , und er näherte sich herzhafter einem der Schränke . Der Pfarrer bewachte mit den Augen alle seine Bewegungen . Lorenz blätterte ein wenig in den Papieren , hob einige Pergamente auf und legte sie wieder nieder , trat dann ein wenig von dem Schranke zurück , und sagte mit gepreßter Stimme : Ei , was liegt denn hier ? Er bückte sich tief auf den Boden , und der Pfarrer sah deutlich , wie er ungeschickt mit zitternden Händen die Urkunde aus dem Busen zog und dann that , als habe er sie zwischen dem Schranke und der Wand hervorgezogen . Was finde ich hier ? rief er mit erleichterter Brust und reichte dem Pfarrer , der zu ihm getreten war , die Schrift hin . Der Geistliche nahm schweigend das Dokument , um es schnell durchzusehen , ob es das Gesuchte und ob es auch vollständig sei . Lorenz hatte sich nun völlig gefaßt und sagte in seinem gewöhnlichen , heuchlerischen Tone : Gott sei gedankt , der mich das Gesuchte hat finden lassen und nicht hat zugeben wollen , daß der Name eines alten , redlichen Dieners der Verläumdung Preis gegeben würde . Er vergebe denen , die leichtsinnig ihre Augen nicht gehörig brauchen , und wenn sie dann nicht finden , was sie suchen , redliche Greise verlästern . Der Pfarrer hatte sich während dieser Rede vollkommen überzeugt , daß er die Schrift in seinen Händen hielt , an deren Besitz dem Grafen so viel liegen mußte ; er faltete sie zusammen , steckte sie in den Busen , und nachdem er den Rock sorgfältig zugeknöpft hatte , sah er dem alten Sünder mit Zorn und Verachtung in die Augen , der diesen Blick nicht ertragen konnte , sondern schüchtern vor sich nieder blickte . Glauben Sie , hub der Geistliche nach einem augenblicklichen Stillschweigen an , daß ich so blödsinnig bin , mich von Ihnen täuschen zu lassen ? Glauben Sie , daß ich nicht gesehen habe , wie Sie die Urkunde aus dem Busen zogen , die sie mich nun bereden wollen , hier gefunden zu haben ? Hätten sie nicht verdient , daß der Graf Sie für Ihren schändlichen Diebstahl den Gerichten überlieferte und Sie der öffentlichen Schande Preis gäbe ? Können Sie es vor Gott verantworten , daß Sie einen Herren zu Grunde richten wollten , dessen Brod sie funfzig Jahre gegessen haben , auf dessen Kosten Sie sich verheirathet und Ihre Kinder erzogen haben , und der trotz Ihrer Schlechtigkeit Erbarmen mit Ihrem Alter hat und Sie weder der Schande , noch dem Mangel Preis geben will ? Denken Sie nicht daran , alter Sünder , daß Ihr grauer Scheitel bald von der Erde bedeckt im Grabe ruhen wird , daß Sie dann vor Gott stehen und Rechenschaft von Ihrem Sünderleben geben müssen ? Herr Pfarrer , stammelte der ehemalige Kastellan , wollen Sie mir Ihr Wort brechen , wollen Sie mich zu Grunde richten ? Nein , elender Mensch , rief der Pfarrer mit großer Verachtung , nehmen Sie Ihr durch Diebstahl und Betrug gewonnenes Gold und eilen Sie , Sich aus dem Hause zu entfernen , dessen Bewohnern Sie so vielen Dank schuldig sind und so schändlichen Undank gezeigt haben . Der Geistliche öffnete die Thüre , indem er diese Worte sagte . Lorenz raffte mit gierigen und doch vor Furcht zitternden Händen das Gold zusammen , und war so eilig , sich zu entfernen , daß er Hut und Stock vergaß , und der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken mußte . Fahre nur so schnell Du kannst , flüsterte Lorenz dem Bauern zu , indem er die Thüre seines Wagens zuband , nach der Schenke , nach Krumbach , ich bin ganz schwach geworden und brauche eine Stärkung . Der Bauer war gern dazu bereit , und so schnell das lahme Pferd es vermochte , verließ der ehemalige Kastellan das Schloß , mit dem Vorsatze , es nie wieder zu betreten . Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber , aber äußerst mißmüthig und niedergeschlagen gefunden ; er gab sich Mühe ihn zu zerstreuen und sing an ihm Mancherlei aus seinem Leben , von seinen wunderbaren Schicksalen zu erzählen . St. Julien achtete aber nicht darauf ; er erbot sich , dem verwundeten Officier die merkwürdige Krankengeschichte eines Schneiders vorzulesen , die in der neuesten medicinischen Zeitschrift enthalten sei , und war erstaunt , als sich St. Julien diese Unterhaltung ziemlich trocken verbat . Er griff zu seinem lezten Hülfsmittel und bot ihm an , eine Partie Schach mit ihm zu spielen , aber auch dieser Versuch mißglückte , denn der junge Mann versicherte , er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen . Was soll ich denn aber dann mit Ihnen anfangen ? sagte der Arzt , Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit Ihrer Schwermuth . Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal , sagte der Kranke verdrüßlich . Das geht nicht , rief der Arzt , das wäre gegen meine Pflicht ; ich muß Alles thun , um Sie wieder herzustellen , und Sie hindern durch Ihre Traurigkeit die Genesung . Ich bin nicht traurig , versicherte St. Julien mit einem tiefen Seufzer , ich fühle mich nur schwach , und wünsche Ruhe und Einsamkeit . Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte , den Kranken auf seine Weise zu erheitern , die sämmtlich mißglückt waren , mußte er ihn endlich , wie er sagte , seinem Eigensinne überlassen , weil er noch andere Kranke zu besuchen habe , denen er seinen Beistand auch nicht entziehen dürfe . Kaum hatte er das Zimmer verlassen , so fragte St. Julien den Haushofmeister mit einiger Heftigkeit , ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehändigt , und ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe . Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen , antwortete Dübois , und kann ihn auch jetzt nicht sprechen , da er sich mit dem Herrn Pfarrer in sein Kabinet verschlossen hat ; aber verlassen Sie sich darauf , ich werde ihm noch vor Tische Ihr Schreiben übergeben . St. Julien mußte mit dieser Antwort zufrieden sein , und Dübois sah es mit Betrübniß , daß er sich in düstere Träumereien versenkte . Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem Kranken anzuknüpfen ; da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete , so überließ er ihn endlich seiner düstern Laune und ging , um im Vorzimmer des Grafen zu warten , damit er diesem , sobald seine Geschäfte mit dem Geistlichen beendigt wären , den Brief überreichen könne , an dessen Absendung dem jungen Manne so viel zu liegen schien . Der Graf hatte die Urkunde aus den Händen des Pfarrers erhalten , und da dieser selbst so viel Freude darüber zeigte , das Geschäft glücklich beendigt zu sehen und den Grafen von dieser Sorge befreit zu haben , so gewann er in den Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr , als er durch seine kurze und unhöfliche Art zu schreiben verloren hatte , und der Graf beschloß von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehörig zu würdigen , ohne sich durch die unangenehme Art , wie sie sich zu erkennen gaben , stören zu lassen . Er entschloß sich also , ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser Sache ferner zu erbitten . Er theilte ihm den Wunsch mit , die Familien-Verhältnisse des Verwandten , der sich zu so unwürdigen Schritten hatte verleiten lassen , genauer zu kennen , um beurtheilen zu können , ob eigene Bedrängniß ihn verleitet habe , oder ob er bloß durch Habsucht bestimmt worden sei . Im letzteren Falle , schloß der Graf , habe ich den Vorsatz , jedes Verhältniß mit ihm zu vermeiden , im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage , da ich keine Kinder habe , Manches zu thun , was uns näher bringen und vielleicht uns beide beruhigen würde . Es war dem Pfarrer nicht entgangen , daß der Graf seufzend die Bemerkung gemacht hatte , daß er keine Kinder habe , und er glaubte seine Vermuthung bestätigt zu finden , daß er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glücklich lebte . Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete sich ihm , in Kurzem genaue Nachrichten über die Lage seines Verwandten zu verschaffen . Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders , als höchst willkommen sein , denn bei seiner Neigung , aller Menschen Angelegenheiten zu erforschen , störte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens , und er konnte sich nicht abläugnen , daß eine solche Neugierde eines Geistlichen völlig unwürdig sei , also war es ihm alle Mal eine große Beruhigung , wenn er seiner Neigung folgend , sich zugleich sagen durfte , daß er aus Menschenliebe handle , daß er durch seine Nachforschungen Frieden stiften , kurz , etwas Löbliches erreichen wolle . Beide verließen also , sehr mit einander zufrieden , das Kabinet des Grafen und fanden , als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben wollten , im Vorgemache Dübois wartend , der mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung dem Grafen St. Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des jungen Mannes bekannt machte . Der Graf faltete ein wenig verdrüßlich die Stirn und sagte : Ich werde den Brief nachher lesen , weil es Herr St. Julien wünscht , und dann ihn selbst darüber sprechen . Der Pfarrer äußerte den Wunsch , den Kranken zu besuchen . Dübois machte ihn aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt , die ihn den Wunsch hatte äußern lassen , allein und ungestört zu bleiben . Der Geistliche gab also für dießmal seinen Vorsatz auf und verfügte sich zum Arzt , um zu erfahren , ob dieser nichts von dem Kranken erforscht habe , das Licht geben könne über seine schreckliche Mißhandlung an der einsamen Stelle im Walde , wo man ihn gefunden hatte . Er verlor aber seine Zeit mit dem Arzte , denn dieser wußte ihm nichts mitzutheilen , als Krankengeschichten , die wenig Reiz für den Pfarrer hatten , und Klagen über St. Juliens eigensinnige Schwermuth , die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte . Unter solchen unerfreulichen Gesprächen waren die Stunden verflossen , und die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale zur Mittagstafel . Wie es natürlich war in einer so verhängnißvollen Zeit , wendete sich das Gespräch bald auf die Begebenheiten des Tages . Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt , manche Befürchtniß und manche Hoffnung ausgesprochen , Alle aber mußten sich darin vereinigen , daß die einzige Hoffnung , die man sich vernünftiger Weise erlauben dürfte , auf den Beistand der Russen gegründet sei . Was wird nun der alte Obrist Thalheim sagen , rief der Pfarrer , wenn er sieht , wie alle seine Behauptungen zu Schanden werden . Wie viel tausendmal hat er versichert , daß die französische Macht an der Preußischen scheitern werde ; daß der Geist des großen Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unüberwindlich mache . Zwar er wird sich jetzt wohl wenig um die Festungen kümmern , die den Franzosen übergeben werden , da ihm übermorgen selbst Alles abgenommen wird , was er etwa noch besitzt . Thalheim ? fragte der Graf nachdenkend , der Name ist mir so bekannt , und ich kann mich doch nicht gleich erinnern , auf welche Weise . Er selbst , erwiederte der Pfarrer , hat es früher oft erzählt , daß er ein Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei . Ich erinnere mich , rief der Graf , bei dem Regiment , das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand , diente ein Major Thalheim , der oft und lange ein Gast meines Vaters war , und beide lebten auf einem sehr vertraulichen Fuße mit einander , sollte es derselbe sein ? Gewiß , antwortete der Pfarrer , er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und dann seinen Abschied genommen . Und ist er in so bedrängten Umständen ? fragte die Gräfin . Er ist ganz zu Grunde gerichtet , erwiederte der Pfarrer , er soll ehedem ein artiges Vermögen gehabt haben , auch hatte er , da er sehr lange gedient hat , eine Pension , aber erstens hat er sich sehr spät , man kann sagen im hohen Alter , verheirathet , natürlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewählt , er dagegen soll sie ganz thöricht geliebt haben ; also hat er Alles gethan , was sie wollte , das hat ihm viel gekostet ; dann bestand sein Vermögen in baarem Gelde , das hat er bei verschiedenen Handlungshäusern , die nach einander fielen , verloren ; endlich wurde er Wittwer und besaß beinah nichts , als eine unmündige Tochter ; nun kam er auf den traurigen Gedanken , ein kleines Gut , eigentlich einen Meierhof , zu pachten und verstand nichts von der Wirthschaft , doch ging es so lange , als er zuzusetzen hatte , nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben , und das Gut ist ihm abgenommen , und wenn er übermorgen nicht bezahlt , so wird ihm das Wenige , was er an Mobilien besitzt , verkauft . Der Verwalter war gestern bei mir , der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles , was er hat , abnehmen soll . Mein Gott , das ist eine entsetzliche Lage , sagte die Gräfin , indem sie den Grafen ansah . Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglücklichen Manne , sagte Emilie , indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob . Ich glaube schwerlich , daß sich Jemand seiner annehmen wird , bemerkte der Pfarrer , vorschießen kann ihm Niemand , denn bei den jetzigen traurigen Zeiten wird ihm die Pension nicht ausgezahlt , die er früher hatte , wovon soll er also wieder bezahlen , da er sonst gar nichts hat ? Desto schrecklicher muß ja aber der Mangel sein , mit dem er kämpft , erwiederte die Gräfin . Gewiß , antwortete der Pfarrer , aber gewisser Maßen hat er es sich auch selbst zugezogen , daß sich Niemand um ihn kümmert , denn je ärmer er wurde , je stolzer wurde er auch ; je mehr er verlor , je mehr zog er sich von den Menschen zurück und wies jeden Rath ab , wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung beleidigt , Wer soll ihm also nun helfen , da er Niemandem vertraut hat ? Es ist wunderbar , sagte der Graf nachdenkend , daß nichts in der Welt so selten angetroffen wird , als Vertrauen , wahres uneingeschränktes Vertrauen , selbst unter den edelsten Menschen , und am Seltensten , fügte er nach einer kleinen Pause hinzu , das Vertrauen , das dem Freunde die Zerrüttung unseres Vermögens zeigen möchte . Jeder Mensch schämt sich der Armuth , und verbirgt kein Gebrechen so ängstlich und sorgfältig als dieß , so lange es irgend in seinen Kräften steht . Die Wangen der Gräfin hatten sich auffallend geröthet , als der Graf über Mangel an Vertrauen selbst zwischen edeln Menschen klagte , und diese Röthe war dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen . Sie richtete einen durchdringenden Blick auf den Grafen , der aber von diesem nicht bemerkt wurde , und sie wurde wieder ruhig , da es sich deutlich erkennen ließ , daß der Graf diese Bemerkung ohne Nebenabsicht gemacht hatte , und es sich besonders aus dem Schlusse seiner Rede ergab , daß ihn bloß die Lage des Obristen Thalheim in diesem Augenblicke beschäftigte . Ich glaube , sagte sie endlich , daß sich nichts so leicht erklären läßt , als das Gefühl der Scheu , womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt . Ja wohl , rief der Pfarrer mit seiner gewöhnlichen vorschnellen Art , es ist eine erbärmliche Eitelkeit , für reich angesehen sein zu wollen . Ich glaube nicht , daß dieß der Grund ist , erwiederte die Gräfin , sondern vielmehr die Einbildung derer , an die man sich wenden könnte , denn natürlich kann sich der Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden , und die werden alle Mal ihren glücklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit , ihres Fleißes oder ihrer Ordnung betrachten , und werden immer annehmen , daß ihrem leidenden Bruder eine dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen . Das ist aber auch gewöhnlich der Fall , fiel der Geistliche ein . Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung , sagte die Gräfin lächelnd . Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natürlich , daß sich jeder Wohlhabende für klüger hält , als der Nothleidende ist , folglich mit der Hülfe , die er ihm leistet , zugleich eine gewisse Vormundschaft übernimmt und von dem , der seine Hülfe empfängt , fordert , er solle mit seinen Augen sehen , aus seinem Herzen fühlen und nach seiner Leitung handeln . Sagen Sie selbst , kann es für einen Menschen etwas Schmerzlicheres geben , als wenn er die Hülfe seiner Freunde so theuer erkaufen muß , daß er gezwungen ist , seine Einsicht , seinen Willen , seine Gefühle , seine Selbstständigkeit aufzugeben , und können Sie sich wundern , daß Jeder diesen traurigen Zustand so lange als möglich vermeidet ? Könnten wie uns entschließen , mit den Augen unserer nothleidenden Freunde zu sehen , uns in ihre Lage zu versetzen , und unsere Hülfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu gewähren , so daß wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen hülfen , die sie hindern , sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen , statt daß wir ihnen jetzt höchstens unter der Bedingung Beistand leisten , daß wir sie in die unsrige hinüber zwingen , dann , glaube ich , würde weder Vertrauen , noch Dankbarkeit in der Welt so selten angetroffen werden . Der Geistliche verstand die Gräfin nicht recht , und machte nun bei sich aus , daß sie eine Neigung zur Schwärmerei habe . Dieß Wort war ihm ein Trost , denn Alles , was seiner Denkungsweise fremd war , was er nicht verstand , oder was ihm zuwider war , bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art von Selenkrankheit . Er endigte also das Gespräch von Wohlthätigkeit , indem er sich an den Grafen wendete und sagte : es fällt mir eben ein , da wir heute über Ihre Verwandten sprechen , Ihr Vetter , der junge Graf Hohenthal , stand hier in der Nähe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges , der ritt täglich zum alten Obristen , und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken ; die böse Welt sagte aber , fügte er lächelnd hinzu , daß der junge Nittmeister mehr um des schönen Fräuleins , als um des alten Obristen Willen so oft den Weg machte . - Ich glaube , der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters ? fragte der Graf . Ich weiß es nicht , sagte der Pfarrer lachend , aber daß Sie es nicht wissen , sezt mich in Verwunderung . Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren , erwiederte der Graf , wenig mit meiner Familie in Verbindung gewesen , und natürlich können in einem solchen Zeitraume manche Mitglieder geboren sein , von denen ich nichts erfahren habe . Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet , daß seine Pferde angespannt seien , so wie er befohlen habe ; er verließ also das Schloß , nachdem er dem Grafen noch einmal versprochen hatte , ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten über seine Verwandten zu verschaffen , die ihm wichtig scheinen könnten . Der Graf las nun noch einmal St. Juliens Brief und verfügte sich dann zu ihm , um , wie er versprochen hatte , selbst mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen . Er fand den jungen Mann noch in der schwermüthigen Stimmung , die sich seiner seit dem Augenblick bemeistert hatte , als ihm der Graf erklärt hatte , er müsse sich als Gefangener betrachten ; er hatte beschlossen , dieß im strengsten Sinne zu thun und sein Zimmer so wenig als möglich zu verlassen , und bekämpfte mit Schmerz die Sehnsucht ' die sich ihm im Herzen regte , die Gräfin und Emilie wieder zu sehen . In seiner trüben Laune bemühte er sich , Alles feindlich auszulegen , und so glaubte er , der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und habe ihn deßhalb in ihrer Gegenwart mit solcher Kälte behandelt . In dieser trübseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden , die der Graf an ihn richtete , so kurz und trocken , als es nur immer die Höflichkeit erlaubte ; der Graf aber ließ sich dadurch nicht abschrecken , sondern sagte im väterlich milden Ton , indem er seine Hand faßte und sie wohlwollend drückte : Sie sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bösen Laune , ich habe sie verlezt , indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte , ohne die Schonung zu haben , Ihnen zu erklären , wodurch ich gezwungen bin zu fordern , daß Sie das Schloß nicht ohne meine Einwilligung verlassen wollen . So trübe St. Julien auch gewesen war , so fest er sich eingebildet hatte , er sei vom Grafen gekränkt , beleidigt , erniedrigt worden , so schmolzen doch alle diese Empfindungen in wenigen Augenblicken hinweg , und der väterlich milde Ton der Stimme des Grafen rührte sein Herz , die Güte , womit dieser sich selbst Unrecht gab , beschämte den jungen Mann , und er erröthete über seine eigene Undankbarkeit . Ich hätte Sie daran erinnern sollen , fuhr der Graf fort , daß in diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet , einander kleine Dienste zu leisten ; ich hätte Sie nach den erlassenen Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden müssen , in der sich eine bedeutende Besatzung befindet ; Ihr Zustand erlaubte keine Reise , und ich erhielt die Erlaubniß für Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch , daß ich mich verflichtete , Sie , so bald es gefordert würde und Ihre Kräfte es erlauben , vor die Behörde zu stellen , die ein Recht haben würde , es zu verlangen . Seitdem hat sich die Lage der Dinge geändert , damit hätte ich Sie bekannt machen müssen ; das Land ist in den Händen der Franzosen ; ich muß erwarten , daß ich eben so wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde , als Andere , und es ist natürlich , daß Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern werden , ihren Fahnen zu folgen ; ich habe keine Macht es zu hindern , wenn Ihre Ehre Sie hier nicht fesselt , und könnte also in dem Fall , wenn Sie mit den Franzosen zögen , mein Wort nicht lösen . Wie nachtheilig dieß in der Folge für mich sein würde , werden Sie einsehen , wenn ich Ihnen sage , daß schon jetzt unsinnige Gespräche entstehen , als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stände , und daß Sie als der Unterhändler bezeichnet werden . Meine Ehre fordert also , daß Sie mich für jezt nicht verlassen , und darum verzeihen Sie mir , daß ich Ihnen in dem Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte , wo ich mich selbst durch manche trübe Nachrichten verstimmt fühlte . St. Julien sah erst jezt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein , die er gegen den Grafen hatte ; tief beschämt durch sein eigenes Unrecht und doch auch zugleich erleichtert im Herzen , blickte er erröthend zum Grafen auf und sagte : Ich habe mich betragen wie ein unverständiger Knabe , ich fühle erst jetzt Ihre großmüthige Schonung , mit der Sie mich über alles Harte meiner Lage hinweg gehoben haben , und ich Thor gebe aus gekränkter Eitelkeit der übeln Laune Raum , wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen . Sie sind gegen sich selbst viel zu hart , sagte der Graf lächelnd . Ich weiß nicht , rief St. Julien , welch ein Gefühl Ihre Schonung und Milde würdig erwiedern könnte . Vertrauen , sagte der Graf , wahres freundschaftliches Vertrauen ist der schönste Beweis , daß unsere Freundschaft erkannt wird ; darum beziehen Sie es nicht auf Sich , wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen , und lassen Sie nicht solche Briefe schreiben , setzte er lächelnd hinzu , indem er ihm den Brief reichte , den St. Julien erröthend zurücknahm , die nichts weiter beweisen , als daß Sie mich mißverstanden haben . Ich sehe ein , fuhr er ernsthaft fort , daß Sie herzlich wünschen müssen , Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben , aber Sie werden nun auch einsehen , daß ich es nicht unternehmen kann , in diesem Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befördern . Ich fürchte aber , Sie werden bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden . Vergeben Sie mir mein thörichtes Betragen , sagte St. Julien , und ich will mich gern in alles Uebrige finden . Beweisen Sie mir , daß Sie es aufrichtig bereuen , sagte der Graf gütig lächelnd , und lassen Sie mich wie einen Vater für Sie sorgen , ohne daß Sie sich meinen Einrichtungen wiedersetzen . Welch ein Glück wäre es für mich , sagte St. Julien mit Thränen , wenn ich einen solchen Vater hätte , der meine Jugend leitete . Und welch ein Glück wäre es , einen Sohn zu haben , wie Dich , sagte der Graf , indem die Empfindung ihn überwältigte und eine Thräne in seinem Auge schimmerte . Lassen Sie uns nun Beide vernünftig sein , setzte er nach einigen Augenblicken hinzu , und zeigen Sie mir , daß Ihre Empfindung für mich Ihnen Ernst ist . Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt , es ist aber unmöglich , daß Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann , nehmen Sie also indessen von mir , was Sie mir ja später ersetzen können . Der Graf legte mit diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch , und St. Julien fühlte , daß es ein roher Eigensinn sein würde , wenn er sich weigern wolle , es zu empfangen . Er dankte also einfach , aber herzlich , und nahm es als ein Darlehn an . Fühlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen , sagte der Graf , so begleiten Sie mich zu unsern Damen ; das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein , als hier einsam zu träumen , was der Arzt auch sagen mag . Freudig nahm St. Julien die Einladung an , der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem Theezimmer in Bewegung zu Dübois frohem Erstaunen . Die Gräfin heftete einen wehmüthigen Blick auf Beide , als St. Julien , auf den Grafen gestüzt , eintrat , und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude . Die Unterhaltung wurde lebhaft , man vergaß die gegenwärtige Zeit , und der Graf und St. Julien schienen sich mit jeder Minute einander mehr zu nähern , je mehr sich die Uebereinstimmung ihrer Denkungs- und Empfindungsweise offenbarte . Kunst , Poesie und Natur waren die über alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstände des Gesprächs . Emilie mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichthum des Geistes , einen Schatz von