ich mich noch ein wenig sträubte , mit mir von dannen . Ich müßte durchaus den Hof sehen , suchte er mir begreiflich zu machen . So trat ich mit ihm in den dichtgeschaarten Kreis , welcher sich um die höchsten Herrschaften gebildet hatte . Der König , freundlich und mild aussehend , wie immer in Teplitz , hatte sich mitten unter den Kurgästen auf einer Bank niedergelassen . Neben ihm saßen zu beiden Seiten die vor kurzem angekommene Königin von Würtemberg , und deren erhabene Schwester . Dieser zunächst sah man die Fürstin von Liegnitz , diese schöne , anziehende , sonnenklare Gestalt , die den Augen wie Himmelblau wohlthut . Und mehrere andere Sonnen und Sterne erster und zweiter Größe schimmerten umher und dazwischen , und manches berühmte Haupt , das Welten entdeckt und Systeme ausgebrütet , neigte und beugte sich hier als schmiegsamer Trabant und Nebenplanet . Auch Alexander von Humboldt , welcher den König diesmal ins Bad begleitet , ebenso groß als Hofmann wie als Naturforscher , stand , dienstgefällig lächelnd , in diesem Kreise . Es war eine interessante Kour im Freien , und die Spazierengehenden bewegten sich vor dieser Gruppe unermüdlich auf und ab , und konnten sich nicht satt schauen . - Ich hielt es endlich für Zeit , zu Mittag zu essen , und ging mit dem Philister in meinen Gasthof zurück . Hier hatte ich eine Zeitlang vor ihm Ruhe , weil er nicht mit an der Tabled ' höte speiste , wo er sich wahrscheinlich genirte , sondern allein auf seinem Zimmer sein Diner nach der Charte abhielt . Und jetzt , Heilige , laß Dir genügen , wenn ich Dir bloß sage , daß ich es mir vortrefflich schmecken ließ und auch in ziemlich guter Nachbarschaft saß . Die Küche wird zwar in Prag erst ausgezeichnet , wo sie sich zur Kunst erhebt , aber wer , wie ich Norddeutscher , nur ein Dilettant in der Gutschmeckerei ist , konnte auch allenfalls an diesem Diner seine Freude haben . Schenke mir nur Deinen Segen zu meiner Mahlzeit , liebe Heilige ! - Nach dem Mittagessen machte ich in langsamer Beschaulichkeit meine mille passus durch die Gassen der Stadt . Ueberall flogen glänzende Equipagen , mit Herr und Dame , oder sogenannte Gesellschaftswagen , mit einer buntgemischten Uebervölkerung an Bord , zu Lust- , Wall- und Irrfahrten an mir vorüber . Die hellstrahlende Sonne warf über alles Leben und Treiben einen festlichen Schein , und der Himmel zeigte ein Feiertagsgesicht und lachte aus wolkenlosen Höhen . Ich schlenderte noch lange einsam umher , und fing endlich an , mich über den schönen Sonnenschein zu langweilen und melancholisch zu machen . Wer weiß nicht , daß auch der Sonnenschein melancholisch machen kann ? Während eine einzige Menschenseele , die Dein gehört , unter Sturm und Ungewittern Dich heiter erhält . Die liebe Seele , die mein gehört , ist aber weit von mir entrückt , nicht bloß durch örtliche Fernen , sondern durch Lebensfernen . Nicht durch Raum , nicht durch Zeit , nicht durch Glück , sondern durch das Verhältniß . Nicht durch Sinn , nicht durch Geist , sondern durch die Form . Nicht durch das Herz , nicht durch das Auge , sondern durch die Hand . Nicht durch den Gedanken , sondern durch die Regel . Nicht durch das Verständniß , sondern durch das Bekenntniß . Nicht durch Nein , sondern durch das Ja . Nicht für die Ewigkeit , aber für das Leben . Siehst Du , Heilige , wie mich der Sonnenschein melancholisch machen kann ? Da klopfte mir plötzlich Jemand von hinten auf die Schulter . » Ueberall habe ich Sie gesucht ; wo stecken Sie denn ? « wurde ich mit grober Stimme angeredet . Das war mein Philister . Er hatte sein Opfer nur zu gut wieder gepackt . Ich aber wurde ärgerlich , daß er mich gestört , denn ich war gerade im Begriff gewesen , eine Elegie , zu der ich sonst so selten komme , in mir fertig zu dichten . Ich beschloß endlich , Rache an ihm zu nehmen , und indem ich es ihm zusagte , mit ihm spazieren zu gehen , bog ich bei der Kreuz-Kapelle , der wir uns jetzt näherten , geradewegs in den Kirchhof ein . Wie alte Frauen Sonntag Nachmittags zu ihrem Vergnügen auf den Gottesacker hinausgehn , mit Brille , Gesangbuch und einem Stück Kaffeekuchen im Pompadour , so wollte ich auch meinen Philister , mit dem ich mir gar nicht mehr anders zu helfen wußte , nach derselben Analogie hierher unter die Gräber spazieren führen . Vielleicht gelang es mir , ihn hier auf den Kirchhof abzusetzen . Er wanderte auch gutwillig mit , und ich bedeutete ihm noch zum Ueberfluß , daß ein Kirchhof eigentlich die größte Merkwürdigkeit in der Welt sei . Daher ein Reisender , wie er , durchaus auf den Kirchhof müsse . Er sagte kein Wort , und folgte mir mit einem sonderbaren Gesicht zwischen den grünen Schlummerstätten der Todten hindurch . Ein leiser Wind schien in den trauernden Laubgehängen Wiegenlieder zu flüstern , und durch dichte Cypressenbüsche streute die Sonne ein gedämpftes , träumerisches , grünliches Licht über die Gräber aus . Ich setzte mich auf einen kühlen Grabstein , und ließ einen Augenblick das große Gefühl der Ruhe , das hier ringsher aus gebrochenen Herzen keimte , über mich kommen . Der Philister war stehen geblieben , und las die Inschrift eines Denksteins , der mir gerade gegenüber aufgerichtet war . Und welchen Edlen nennt die Urne , damit wir seiner Asche ein andächtiges requiescat in pace zurufen ? fragte ich . Der Philister las mit seiner lauten , trockenen Stimme den Namen : Johann Gottfried Seume , gestorben am 13. Juni 1810 . Ach , Seume ! Guter , ehrlicher , deutscher Seume ! Hätte ich doch fast diese Merkwürdigkeit von Teplitz vergessen , daß Deine irdischen Gebeine , gewiß recht ermüdet von Deinem großen Spaziergang nach Syrakus , hier sich ausruhen ! Und ein Zufall und ein Philister müssen mich erst darauf bringen , an Dein Grab zu wallfahrten , und Deiner zu denken . Ich kenne Dich , ich kenne Dich ! Schon als Knabe , Du alte , wackere Haut , hat mir Dein Spaziergang nach Syrakus viel Vergnügen gemacht , ich bin mit Dir gewandert und mit Dir eingekehrt , habe die Schuhe mit Dir zerrissen , und Dein Vesperbrot am Wege mit Dir getheilt . Seume , es hat mir gut , sehr gut geschmeckt . Und es hätte nicht viel gefehlt , so wäre ich meinen Eltern davongelaufen , um gleich Dir , wie ein frischer Handwerksbursche , mit Ränzel und Knotenstock , nach Syrakus zu pilgern , und in jeder Kneipe , wo Du übernachtet , das Schenkmädchen zu fragen nach Seume . Du warst ein göttlicher Kerl , am liebsten möchte ich Dich einen Burschen nennen ! Solche Burschen , wie Du , versteht unser heutiges Zeitalter nicht mehr , dazu ist es zu salonsmäßig dumm geworden . Du , ganz das Widerbild eines Salonsmenschen , ich gäbe etwas darum , wenn ich Dich hätte küssen können . O durchaus ein Mensch , wie ich sie liebe . Und was habe ich herzlich gelacht über Deine närrische Liebhaberei an dem langweiligen Theokrit ! Aber es war recht von Dir , daß Du Deiner Laune folgtest ! Guter , guter Bursche , herzlieber Sonderling , spaßhafter Grillenfänger , biedrer Menschenfeind , weichherziger Timon ! O durchaus ein Mensch , wie ich sie liebe . Ein Bursche , ein Student bliebst Du zeitlebens . Ein Kernbursche , ein Weltbursche , der immer den Wanderstab in der Hand hat , von einer Erdenstation auf die andere geworfen wird , nichts als vorübergehendes Wirthshauslabsal und Strohlagerruhe im Leben findet , aber überall etwas sieht und lernt , manchen grünen Zweig sich an die Mütze steckt , und mit starkem Herzen und rüstigem Pilgerschritt immer weiter zieht , ohne Heimath und Ruhe , nur zuweilen mit einer verstohlenen Thräne im Auge . Aber höre , etwas Philister warst Du doch ! Und es ist sonderbar , daß mir gerade der Philister Dein Grab gezeigt hat . Du warst ein Weltbursch mit dem Weltpilgerstab , ich lasse Dir als Mensch große Gerechtigkeit widerfahren . Aber Alles , was Du geschrieben und gedichtet , riecht etwas stark nach dem Bettelsack , den Dir das Schicksal schon früh auf Deine Schulter geladen . Nimm es mir nicht übel , wer kann dafür ? Du warst ein Poet , der seine Begeisterung bei Kartoffeln und einem Heringskopf abfertigte , und Dein Apoll wiegte sich immer erst lange auf olympischen Tabakswolken hin und her , ehe er in der ungeheizten Stube warm werden konnte . Dieser uralte Bettelsack des deutschen Literatenlebens war Dir aber beinahe zu Deiner andern Natur geworden , und Du fühltest Dich glücklich und traulich in ihm . Er war Dir ans Herz gewachsen , Du renommirtest mit ihm , und schmecktest Dir am Ende eine Art spießbürgerliche Romantik heraus . Du hättest ihn zuletzt um keinen Preis mehr vertauschen mögen mit einem ritterlichen Wams . Und was mich am meisten von Dir geärgert , ist Das , was Du über den Aufstand in Warschau von 1794 als Augenzeuge geschrieben ! Du , der Du auf dem Boden in einer alten Tonne versteckt saßest , als die Polen draußen stürmten , wie konntest Du es wagen , die Nationalität dieser Revolution zu beschimpfen , und jene Polen nur als einen zusammengerotteten Haufen von Elenden in Deiner Brochüre zu schildern ? Zwar standest Du in russischen Diensten , aber Du warst doch Seume , der deutsche Mann ! Geh ' , geh ' , laß mich nicht daran denken ! Lieber suche ich Dich nachher in der Göschenschen Druckerei in Grimma auf , wo Du als ehrsamer Corrector aus Wielands und Klopstocks Werken die Druckfehler herausstrichest . Druckfehler konntest Du besser beurtheilen , als Polen . Hier habe ich Dich wieder gern , ich sehe Dich ordentlich sitzen in Deinem Eifer , und wie ein strenger Moralist auf correcten Lebenswandel der schwarzen Lettern dringen . Nur Dich selbst konntest Du nicht corrigiren , und Deine alte Wanderunruhe störte Dich bald wieder auf . Du sagtest : Ade , Herr Göschen ! nahmst den Knotenstock , zogest Dir die Schuhe an , und machtest Dich eines Morgens auf , um nach Syrakus zu gehen . Du wolltest bloß dahin , um einmal an Ort und Stelle Deinen Lieblingsdichter , den Theokrit , zu lesen . Lächerlicher Kerl , um den Theokrit sich die Stiefeln zu zerreißen ! Aber wenn Du nur wandern , wandern , wandern konntest ! Dann war Dir recht ; und Du verstandest es vortrefflich . Dazu drückt Dich Deine große Lebenseinsamkeit nie , Du starkes Beduinenherz ! Schöne Frauen verführen Dich nicht , und Deine Grundsätze erlauben Dir nicht , sie zu verführen . Nur ein Kind sollst Du Dir oft gewünscht haben , das sich in treuer Neigung an Dein vereinzeltes Dasein lehne , und ich habe gehört , daß Du einmal ausgerufen : » Ich möchte wohl von einem gesunden Bauermädchen einen Jungen haben , wenn es nicht wider meine Grundsätze wäre ! « Das nenne ich Grundsätze haben . O Mann von Grundsätzen , Du hast Dir das Leben sauer werden lassen ! Dir muß nachher recht wohl geworden sein in Deiner Gruft , wo jetzt Dein längst verfallener Staub vor mir liegt . Deine Jugend wurde Dir durch Werber gestohlen , die Dich bis nach Amerika in Kriegsdienste schleppten , und wenn Du von den Strapazen des Tages einmal ausruhtest , machtest Du Dir kein anderes Vergnügen , als in Deiner Kasematte Horaz und Virgil zu lesen , und den Theokrit . Immer und immer nur Theokrit ! Seume , ich glaube , der Theokrit hat Dich ruinirt , und aus Deinem Leben diese solide Philisteridylle gemacht . Ging aber Deine Jugend verloren , so stieg auch über dem harten Mannesalter keine wärmende Sonne mehr auf . Kein Blüthenschauer , kein Liebesstern , kein unverhoffter Segen , kein Geld und kein Glück , kein Reichthum und keine Fülle , kein Schimmern und kein Strahlen . Viel trockenes Brot , viel kalte Küche , und viel Theokrit . Deine ganze Bescheerung . Nur das Wandern hattest Du noch , durch Stadt und Land , das Wandern und die Lust an der freien Luft , das konnte Dir Keiner nehmen . Großer Spaziergänger , ich scheide doch mit Liebe und Achtung von Deinem Hügel . Schlummere sanft fort , Du hast viel gepilgert . Und wenn ich Dir keine bessere Standrede gehalten , so schreibe die Schuld dem Philister zu , der dort vor mir steht , und mich durch seine Nähe verstimmt hat . - - Hiermit sprang ich auf , und entfernte mich mit eiligen Schritten von dem Kirchhof . Der Philister , der sich meine letzte Anspielung wenig zu Herzen zu nehmen schien , wieder hinter mir drein . So gelangten wir , nachdem ich mich noch eine Zeitlang auf zwecklosen Kreuz- und Querzügen mit ihm umhergetummelt , endlich ins Theater , wo ein zusammengerührtes Quodlibet von Ballet , Oper und dramatischem Ennui gegeben wurde . Ein sogenanntes Mixtum Compositum , das dem liederlich zerstreuten Theatersinn , der auf nichts Ganzes mehr zusammengehalten werden kann , am angenehmsten und natürlichsten entspricht . Es war sehr leer in dem kleinen Hause , der eigentliche Flor der schönen Welt fehlte . Ehe der Vorhang aufgezogen wurde , sah ich mir den neben mir sitzenden Philister noch einmal recht genau an , ob er auch wirklich ein Mensch sei . Ich fragte ihn , warum er denn eigentlich reise , da das Reisen doch so viele Beschwerlichkeiten mit sich bringe . Er antwortete mir , er gedächte zu heirathen . Da wolle er sich vorher noch einmal die Welt ansehn . Das fand ich allerliebst , und mußte so laut darüber lachen , daß sich das ganze Parterre nach uns umsah . O Welt ! Welt ! Welche Magie muß in dem Begriffe Welt liegen , welcher hinreißende bacchische Taumel muß von dem Begriffe Welt ausgehen , daß selbst ein Philister , ehe er heirathet und das Haus hinter sich zumacht , sich noch einmal die Welt ansehen will ! Jetzt hob die Vorstellung an . Schauspieler , wie Schauspielerinnen , eine aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen zusammengeraffte Truppe , sprachen und handelten gleich erbarmungswürdig und verstandlos . Man gab auch wenig Acht auf sie , und die Theilnahme des Publikums begann sich erst zu regen , als die beiden anmuthigen Schwestern Amiot auftraten , um ein ländliches Pas de Deux zu tanzen . Schöne , saftvolle , sinnliche Gestalten , ein gaukelndes , glühendes Leben in den runden Wellen der Glieder ! In diesem Augenblick wurde auch der König auf seinem Platze gesehen . Er war eben ins Theater getreten , und mit ihm Alexander von Humboldt , der zu seiner Seite Platz nahm . Die beiden reizenden Sylphiden verdoppelten nur ihren Eifer , und wie blumentrunkene Libellen hoben sich die schlanken Beine und Füße auf und nieder , und schienen sich in ihrem süßen Rausch oft ganz zu vergessen . Ein weites Feld für den Naturforscher eröffnete sich , und wenn auch hier für einen Humboldt nicht gerade ein Chimborasso zu ersteigen war , so gab es doch noch immer Anlaß genug , daß ein großer Naturgelehrter sich hier an Höhenbestimmungen , Längenmessungen und dergleichen , versuchen konnte . Denn immer höher und höher flogen die trunkenen Libellen , in das feurige Spiel der Bewegungen flossen tausend verborgene Reize über , die Erdenhülle verstob fast vor dem entzückten Auge , man sah die hellen Geister transparent , man war erstaunt , außer sich , man klatschte , und machte dem gepreßten Busen Luft in einem enthusiastischen Bravo . Die Mädchen hatten in der That außerordentlich getanzt , sie hatten bewiesen , daß der menschliche Körper ein Zauberer , alle Glieder Liebesgötter sein können , und ich erfuhr , daß ihnen der König nachher seinen besonderen Beifall darüber zu erkennen gegeben ! - Hier laß mich abbrechen , Heilige ! Ich will mich jetzt von der Seite des Philisters fortschleichen , und noch vor Schluß der Vorstellung in den Gasthof zurückkehren , um meine Sachen einzupacken . Der Philister darf nicht wissen , daß ich morgen mit dem Frühesten nach Prag reise , weil er mit mir wollte . Von Allem aber , was mir sonst noch in Teplitz begegnet , und von einem glänzenden Ball , den der Fürst Clari noch in derselben Nacht gegeben , und dem ich zugesehen , wirst Du in meiner großen Reisebeschreibung , die ich künftig einmal drucken lassen werde , etwas erfahren . Bis dahin gedulde Dich , Du liebes heiliges Madonnengesicht ! Liebe Weltheilige , bete auch recht fleißig für mich , denn mir ahnt , daß ich noch in große Anfechtungen gerathen werde ! Und wo bleibt Deine Selbstbiographie ? - - Dank ! Dank ! Als ich nach Hause kam , fand ich Dein zierliches Couvert , und darin die Blätter von Deiner Hand . Ja , ja , Du bist eine große Heilige mit Deiner weltlichen Seele . Habe ich Dir nicht gesagt , daß Alles , was eine Geschichte hat , Gott angehört ? Und Dein Leben hat seine tiefbedeutende Geschichte . Jede Sylbe darin ein heißer , rother Tropfe Blut aus geöffnetem Herzen . Jedes Wort eine schneidende Wahrheit des Daseins . Den heimlichsten Athemzug Deiner Seele habe ich darin behorcht , und viel gelernt und viel genossen . Du hast etwas erlebt in der Welt , Du bist eine Heilige ! Gott grüße Dich , Du weltliche Seele ! Dank ! Dank ! - - - Bekenntnisse einer weltlichen Seele . So wenig hat wohl nie ein Kind von sich selbst gewußt , als ich bis in mein neuntes Jahr . Frühere Erinnerungen sind mir fast gar nicht übrig geblieben , und nur eines einzigen bestimmten Gefühls erinnere ich mich sehr deutlich . Dies war , daß mich Vater und Mutter gar nicht liebten , und mir nie ein Vergnügen machten . Und noch eine Aeußerung ist mir im Gedächtniß geblieben , denn welches Mädchen würde so etwas nicht behalten ? Nämlich , daß einst der Pfarrer uneres Orts sagte , er habe noch nie ein Kind so hübsch lachen gesehn , wie mich . Es ist seltsam , daß manches Wort , das wir als Kind in der ungewissen Dämmerung unserer Sinne nur wie aus weiter Ferne über uns hören , wie ein Blitz in uns einschlägt , und , ich glaube , noch auf dem Sterbebette uns wieder einfallen kann . Diese Aeußerung , daß ich hübsch lachen konnte , habe ich nie vergessen . Ich muß also doch schon auf meine eigene Hand viel gelacht haben , ungeachtet mir meine harten Eltern nie Vergnügen machten . Aber der freundliche Pfarrherr schenkte mir auch ein Rothkehlchen , das ich sehr lieb hatte , mit dem ich viel sprach und mich freute . Es durfte auch nicht oft aus der Stube gehen , sowie ich , und mußte sich in seinen jungen Tagen damit abgeben , Fliegen zu fangen , sowie ich Sorgen . Ich half ihm redlich Fliegen fangen , und es half mir seinerseits , durch seine possirlichen Sprünge , über die ich herzlich lachen mußte , mir die Sorgen zu verscheuchen . Nur die Dummheit konnte ich ihm nie vergeben , daß er sich die Flügel hatte stutzen lassen , und wenn ich ihn mir auf die Hand stellte , und ihn vor mir aufrichtete , setzte ich ihn ordentlich deshalb zur Rede . Hätte ich Flügel , dachte ich , nie sollten sie mir die stutzen . Ich flöge gerade mitten ins Leben hinein , über alle die finstern böhmischen Berge hinweg , hinter denen ich geboren bin . Aber das Rothkehlchen wetzte sich den Schnabel , und schien sich mit seinen grellen närrischen Augen über mich lustig zu machen . Ich hatte , ich weiß nicht mehr wo , etwas vom Leben gehört oder in meiner Bilderfibel gelesen , denn ich konnte schon lesen . Ich stellte mir unter diesem räthselhaften Worte etwas vor , das weder in meinem böhmischen Dorfe zu Hause ist , noch von dem Vater oder Mutter eine Ahnung hätten . Etwas ganz außerordentlich Liebreiches und Angenehmes , das hinter den Bergen zu haben wäre . Nie ging ich ins Bett , ohne beim Abendgebet daran zu denken , und jedesmal bat ich den lieben Gott von ganzem Herzen um Leben . So that ich in meinem thörichten Sinn auch beim Morgengebet . Mein Vater durfte nichts davon wissen , weil er mich sonst geschlagen hätte . Freilich wußte ich auch selbst nicht , um was ich bat , aber es war mir doch unbeschreiblich süß , immer auf ein so ahnungsvolles Wort meine Hoffnung zu setzen . Es war wie eine geheime Liebschaft , welche die Kinderseele mit der Zukunft führte , und oft jauchzte es in mir auf , wenn ich mir lebhaft vorstellte , was Alles hinter den Bergen sein müsse . Entweder hinter dem großen Milleschauer oder dem ernsten Erzgebirge dachte ich mir das Leben verborgen . Ich stand oft stundenlang , und wartete ab , bis die Sonnenscheibe hinter diesen Berggipfeln untersank . So stand ich auch einstmals am Fenster , als ich plötzlich hinter mir die Worte hörte , daß ich nach Dresden solle . Ich sah mich erschrocken um , und die Thränen stürzten mir vor Ueberraschung aus den Augen . Der Vater hatte einen Brief in der Hand , und die Mutter sah ihm , mit lang vorgestrecktem Hals , lesend über die Schulter . Endlich erfuhr ich , daß eine reiche Tante in Dresden mich als ihr Kind anzunehmen wünsche , und daß sich nichts Vortheilhafteres für mein Glück finden lassen könne . Ich hörte zum ersten Mal etwas von Dresden , und fragte , indem alle Sehnsucht in mir losbrach , ob es hinter dem Milleschauer liege , wo auch das Leben sei ? Dann wolle ich mit Freuden hingehn . Ich wurde über meinen Vorwitz ausgescholten , und nur die Mutter , die etwas milder war , lächelte , und nahm mich auf den Schooß , und machte mir die Zöpfchen zurecht , damit ich hübsch aussähe , wann ich nach Dresden käme . Der Vater ging aus dem Zimmer , um seine Schulstunden abzuhalten , und sagte kein Wort . Ich ließ mir doch im Stillen die Hoffnung nicht nehmen , daß ich in Dresden das Leben finden würde . In dieser Hoffnung sah ich vergnügt zu , wie meine wenigen Sachen eingepackt wurden . Nur der Abschied von meinem Rothkehlchen , das ich nicht mitnehmen durfte , war mir schwer , und ich weinte bittere Thränen . Es betrug sich aber so unempfindlich bei unserer Trennung , daß ich es endlich laufen ließ , und noch in der Thür zu ihm sagte : fange Du nur Deine Fliegen ; ich will von jetzt an keine Sorgen mehr fangen , denn ich gehe nach Dresden ins Leben ! Dann kam der Vater mit seinem langen Rohrstock aus der Schule , und ich mußte zu ihm Adieu sagen . Er hob mich mit beiden Armen , ohne sich zu bücken , in einer steifen Stellung zu sich empor , betrachtete mich mit hintenübergebeugtem Kopf eine Zeitlang ernsthaft , küßte mich einmal auf die Stirn und stellte mich wieder herunter an den Boden . Darauf schenkte er mir ein Amulet , segnete mich , und befahl mir , von dem strengen katholischen Glauben nie einen Finger breit zu weichen . Ich verstand ihn nicht , und versprach , daß ich in Dresden Alles thun wolle . Die Mutter fiel mir um den Hals , und schluchzte , und sagte , daß sie mich noch einmal als große Dame wiedersehen würde . Sie starb einige Jahre darauf . Indem ich in den Wagen gesetzt wurde , nahm ich mir in meinen geheimen Gedanken vor , den ganzen Schatz meiner Liebe , den ich bisher an das Rothkehlchen verschleudert , nun auf die hellblinkende Zukunft , der ich entgegenging , zu übertragen . Ein rieselnder Schauer durchlief mich , indem ich mich in die unbestimmte Ferne hineinzuträumen suchte , und die Haare sträubten sich mir ordentlich vor geheimnißvoller Erwartung empor . Noch heut ist mir dieses seltsame Gefühl in aller seiner Lebhaftigkeit gegenwärtig . Da fing der Wagen an fortzurollen , ich sah die Eltern noch einmal am Fenster stehen , und jetzt überfiel mich plötzlich eine früher nie gekannte , starke Empfindung für ihre Gestalten . Ich streckte die Hände nach ihnen aus , ich begann zu weinen , ich rief Vater und Mutter , und der liebe Klang dieser Namen fiel zum ersten Mal mit einer süßen Beklemmung auf mein Herz . Aber der Wagen rollte immer weiter , ich war allein in die Welt hinausgeschickt . Nur eine alte Frau saß neben mir , in einer großen , schwarzen Enveloppe , die von der Tante abgesandt worden war , um mich zu geleiten . Nachdem wir einen halben Tag gefahren waren , wurde es wunderschönes Wetter , und ich wußte mich nun vor Lustigkeit gar nicht zu lassen . Der Sonnenschein lachte mich an , die grünen Thäler breiteten sich meinen Träumen wie ein hoffnungsfarbener Teppich unter , die Häupter der Berge waren plötzlich freundlicher und mannigfaltiger geworden , als in unserm Böhmen , und ein schöner , heller Strom begegnete uns oft , den wir bald durchschneiden , bald zur Seite liegen lassen mußten . Dann ging es eine steile Anhöhe hinauf , die man den Nollendorfer Berg nannte . Hier wurde einen Augenblick Halt gemacht , und ich mußte von hier aus die Augen noch einmal zurückwenden auf Böhmen , das wie ein gesegnetes Wunderland , mit unzähligen in das Himmelblau verfließenden Bergspitzen , vor unsern Blicken ausgebreitet lag . Es verfloß Alles vor meinen Augen , so rührte mich diese Aussicht , die ich mit meiner noch unentwickelten Vorstellungskraft natürlich nur wie ein unklares Mährchen mit Herzensschauern aufnehmen konnte . Endlich schlief ich , von aller der Aufregung ermüdet , ein , und erwachte nicht eher , als bis ich gegen Abend den Wagen über das Straßenpflaster rasseln hörte . Da hieß es , daß wir in Dresden angelangt wären , und ich war Kind genug , mir vor Freuden in die Hände zu klatschen . Die Tante saß auf dem Sopha , eine kleine , sehr starkbeleibte Frau , mit freundlichen , blitzenden Augen . Sie wußte mich gleich durch ihren überaus zärtlichen Empfang für sich einzunehmen , obwohl ich mir eigentlich gestehen mußte , daß ich mich vor ihren freundlichen Augen fürchtete . Es fiel mir unsere Katze dabei ein , wenn sie mir liebkoste , und ich dann nachher mit einer blutigen Hand fortschlich . Aber ich verfolgte diesen Gedanken nicht weiter . Es wurden mir gleich am andern Morgen schönere Kleider angezogen , als ich bisher weder getragen , noch überhaupt gesehen , und ich schlug die Hände über den Kopf zusammen , als ich ans Fenster trat und auf die Straße hinunterschaute . Wir wohnten in einem schönen großen Hause in der Schloßgasse , und konnten noch den schräg gegenüberliegenden Altmarkt mit seinem bunten , heitern Treiben aus unsern Fenstern übersehen . Diesen ganzen Tag war ich fast gar nicht vom Fenster fortzubringen , und wollte auch nichts essen . Ich sah mir nur immer die hübschen , geputzten Leute an , die stattlichen Herren und die zierlichen Damen , die Equipagen und Reiter , die Soldaten mit schallenden Trommeln und Pfeifen , die Ausrufer , die Karrenschieber , die Käufer und Verkäufer , die da unten alle , wie es schien , bloß zu ihrem Vergnügen vorüberspazierten . Und wir selbst wohnten in herrlichen , mit Tapeten , Seide und Purpurstoffen ausgeschmückten Zimmern . So hatte ich mir auf meinem böhmischen Dorfe das Leben nicht gedacht . Es war Alles reicher , wie ich es mir vorgestellt , und doch wieder auch um Vieles ärmer ; aber Das , was fehlte , wußte ich noch gar nicht zu nennen , es war wie in mir selbst verhüllt und eingewickelt . Ich lief zur Tante hin , und hätte ihr gern gesagt , wie mir Alles gefiele , und doch etwas fehle . Aber sie saß in einer Ecke des Kanapees , und las in einem schön eingebundenen Buche , das einen goldenen Schnitt hatte . Ich getraute mir nicht , sie zu fragen , doch fiel mir in meiner Thorheit ein , ob vielleicht in dem schönen Buch stehen möchte , was mir da draußen fehle . Es waren lauter Gedichte gewesen , in denen sie gelesen hatte , wie ich nachher bei Tische auf mein naseweises Andringen von ihr erfuhr . Bei Tische fiel mir sonst noch auf , daß nicht gebetet wurde , und ich von selbst wollte nicht anfangen . Auch schlug die Tante nie ein Kreuz , und als ich ihr mein Amulet zeigte , lachte sie mich dermaßen aus , daß ich es vor Unwillen unter die alten , von Hause mitgebrachten Kleider warf , die ich hier hatte ablegen müssen . Seit dieser Zeit aber hatte ich eine große Sehnsucht nach schönen Büchern , und ich folgte mit Lust und Liebe , als ich nun fleißig zum Lernen angehalten wurde . Ich führte jetzt ein beneidenswerthes Leben , und war über die Maßen glücklich . Meine Lehrer kamen und gingen , ich erfuhr viel Neues , wurde in allen Dingen unterrichtet , und erfreute mich besonders an meinen ersten Versuchen in der Musik , die mir zur Zufriedenheit Aller gelangen . So gingen die Tage wie stiller