, wenn es nicht in Wahrheit einen Gott gäbe ! Das Resultat des Atheismus war auch nie ein andres , als daß er in ein System überging und zuletzt selbst eine Religion wurde . Konnt ' es abergläubigere und bigottere Atheisten geben , als Chaumette , Anacharsis Cloots und Momoro waren ! Der Atheismus eine Religion ! Eine Ironie , die man satanisch nennen möchte ! In einer Reisebeschreibung las ich , daß einer der ersten Gottesleugner der Revolution , Billaud-Varennes , nachdem er auf seiner Flucht erst von der Dressur azorischer Papageien gelebt hatte , dann in Amerika Priester wurde , unter Indianer kam und zuletzt von ihnen als göttliches Wesen verehrt wurde , er , der Gott geleugnet hatte ! Diese satanischen Ironien reizen mich . Sollte es möglich sein , daß es noch einst im Himmel einen Gottesdienst gibt ! Das Christentum ( man lese nur die Offenbarung Johannis ) gefällt sich in diesem lächerlichen Widerspruch , als wenn Gott vor sich selber Weihrauch streuen müsse . Er etabliert im Himmel eine vollendete Kirche mit Chören der Seligen und Altären , auf welchen die Cherubim thronen . Goethe benutzte diese Maschinerie für die Kanonisierung seines Faust . Aber was jag ' ich nach solchen Bemerkungen ! Sie haben freilich lindernde Kraft , aber ich schäme mich , aus meinem Schmerze Tatsachen heraufzuwühlen und mich selbst als einen Gegenstand meiner Leiden zu betrachten . Wir sollen Gott fürchten und lieben ! Dies eine Gebot untergräbt meine Ruhe ; denn ich kann es weder befolgen noch mich anklagen deshalb , weil ich es nicht tue . Wir sollen Gott zürnen , heißt das Gebot meiner Weltansicht , welche eine unglückliche ist und freilich sich nicht damit zufriedengibt , daß jährlich vier Jahreszeiten kommen und man im Frühjahr Erdbeeren ißt , welche mit Zucker und Milch ein so vortreffliches Surrogat der Vanille sind . Es ist im Grunde nicht viel , was wir besitzen auf Erden . Wir werden geboren oft in den elendesten Verhältnissen . Wir kriechen tierisch auf dem Boden und werden nur allmählich aufgerichtet , wie Schlinggewächs an das Spalier der Bildung . Not , Mühsal verfolgt uns überall ; selten ein Genuß , der nicht durch eine Anstrengung erkauft ist . Wir haben so viel mit der Materie zu kämpfen . Wir wälzen einen Stein wie Sisyphus den Berg hinauf ; warum müssen wir es tun ? Der Fluch , nicht der Segen der Götter begleitet uns . Warum sind wir ? Oh , könnt ' ich mir irgendeinen erweislichen Grund vorstellen , warum diese Planeten im Weltsysteme irren , warum wir auf unserm Planeten so armselig und hülflos kriechen müssen ? Was bezweckte Gott damit ? War dies eine Grille von ihm ? Was kömmt darauf an , ob das Gute oder Böse in der Weltordnung produziert wird ? Ich bin so unglücklich . Ich weiß hierauf keine Antwort . Die Fähigkeit , Fragen aufzuwerfen , ließ Gott bei der Schöpfung oder bei der ewigen Schöpfung , bei unsrer Geburt , ohne die entsprechende Fähigkeit , auch Antwort darauf zu geben . Diese Halbheit einer Gabe ist so feindselig . Gott duldete es , daß der Glaube an ihn die Tagesordnung der Geschichte wurde ; er duldete es , daß noch heute der Atheismus wie das größte Verbrechen von den Völkern behandelt wird . Nun , ich denke an Gott ; aber warum gab er uns nicht die Fähigkeit , ihn begreifen zu können ? Verlangt er die Folgen , warum ließ er mich ohne die Voraussetzungen ? Alle Nationen kommen darin überein , daß man von Gott nichts wissen könne . Dann weiß ich auch nicht , warum sie an ihn glauben . Oder es darf mich niemand tadeln , wenn ich denke , die Existenz Gottes anzunehmen war eine ganz äußerliche , politische und polizeiliche Übereinkunft der Völker . Denn warum haben wir halbe Vernunft , halbe Erkenntnis , halben Geist ? Warum zu allem nur die Elemente ? Und wir sind so vermessen und bauen auf diesen trüben Boden Systeme , welche den Schein der Vollendung tragen und uns mit Verpflichtungen willkürlich belasten ! Und zuletzt der Tod ! Dieser Schrecken des Tods ! Die Krankheit mit ihrer unsäglichen Hülflosigkeit ! Das allmähliche Verschwinden des Bewußtseins ! Und dies alles nicht einmal so entsetzlich als das Zunehmen an Jahren . Jetzt bin ich zwanzig Jahre : welche Empfindungen werd ' ich haben , wenn ich vierzig , fünfzig bin und es nun heißt : noch zehn , noch fünf sind die Wahrscheinlichkeit ! Dies ist eine so folternde Grausamkeit des Schicksals , ein solcher Fluch der menschlichen Natur , daß ich mich nie entschließen kann , das Gebot der Gottesliebe zu befolgen . Man gab uns einiges , und das meiste wurde uns versagt . Das einzige , was wir in seiner ganzen Vollkommenheit zu besitzen scheinen , ist die Fähigkeit , unsern unglücklichen Zustand zu begreifen und alle die Dinge zu nennen , welche wir vermissen sollen . Ich habe mir ein merkwürdiges Buch verschafft , von dem ich einmal durch Cäsar hörte : die » Fragmente des Wolfenbüttler Ungenannten « , welche Lessing herausgegeben hat . Es liegt viel Puderstaub auf dem Buche , viel altfränkisches Wesen ; aber das hab ' ich abgewischt und mir von meiner Lektüre eine ganz moderne Vorstellung gemacht . Der Verfasser soll ein ehemaliger Hamburger Arzt , Reimarus , gewesen sein . Die vollständige Prüfung des Christentums steht in einem Glasschranke auf der Hamburger Bibliothek . Sie wollen das Buch nicht herausgeben . Sie fürchten , daß aus dem vergilbten Papiere jener Kritik Motten fliegen , die das Christentum selbst anfressen . Warum Lessing nur sagt , daß der Verfasser jener Fragmente Schmidt heiße ! Die » Fragmente « nehmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch . Ihr nüchterner , leidenschaftsloser Ton erschreckt das Gewissen nicht . Ich lese in der besten Laune . Wie der Autor die Bibel zerfleischt , wie er in den glattgescheitelten Mienen jener Fischer und Zöllner , welche das Christentum predigten , den Schalk entdeckt , denselben Schalk , den der gottselige Pietismus so oft im Nacken führt ! Und doch jammert mich ' s jener kindlichen , märchenhaften Sage , die der Autor mit so vieler Gelehrsamkeit vernichtet ! Nur eines bestimmt mich , ihm beizupflichten , der Hinblick auf das , was uns umgibt , auf unsre Priester , auf - ach ! wie hängt das alles zusammen ! Aus jenem kleinen christlichen Senfkorn ist ein ganzes Senfpflaster geworden , das der gesunden Vernunft die brennendsten Blasen zieht ! Ganz männlich werden meine Ausdrücke ! Und doch können die » Fragmente « nicht befriedigen . Sie deuten auf eine Naturreligion , mit deren Voraussetzungen sich die heutige wissenschaftliche Bildung kaum noch begnügen würde . Die Frage muß höher liegen . Sie dringt dort nicht in das Innre der Christuslehre ein , sie hält sich nur an deren historische Offenbarung . Ich suche Trost . Wo ? Wo ? Ich war gefaßt auf diese Eiseskälte , mit der mir Cäsar seinen Entschluß anzeigt . Was ich vermutete , ist eingetroffen . Delphinens Situation reizt ihn . Er wird um ihre Hand bitten . Die Eltern sind ohne Vorurteile , und ich werde ihn verloren haben . Ich bin ruhig . Ich habe keine Tränen für diesen Verlust . Ich bin in einer fürchterlichen Seelenstimmung . Ist dies nicht ein neuer Fluch des Himmels ? Oh , jetzt sind mir die Blitze des Schicksals willkommen , denn die Donner , welche ihnen nachrollen , wecken mich immer mehr aus der dumpfen Betäubung meiner Gedanken . Ich muß Licht haben , Aufschluß , Einsicht ! Ich denke an Cäsar nicht mehr . Ich will wissen , erkennen . Warum ? Wozu ? Oh , das sah ' ich alles voraus . Ich bin krank , ich fühl ' es . Sollte das auf ein Zunehmen deuten ? Ist auch im Geistigen wie im Körper Wachstum eine Krankheit ? Glückliche Naivetät der vergangenen Zeiten ! Ich komme von einer Ausstellung alter Gemälde . Auf vielen , die Transfigurationen und Glorien der Heiligen vorstellen , sah ' ich Engel , welche die Geige spielten . Dies würde mir weniger auffallend gewesen sein , wenn sie es nicht nach Noten getan hätten . Und doch gleicht die Malerei selbst , die Kunst , diese Lächerlichkeit aus . Die Poesie würde es nicht können . Die Poesie hat diese Einfachheit nicht ; sie würde solche Anomalien immer nur als Travestie geben . Und wie entwürdigt sie sich , wenn sie es tut ! Man sollte den Spott über das Heilige , das Wühlen der Mistkäfer in duftenden Blumen , bitter verfolgen , auch die Freigeister sollten es ; sie , die alle Sorge tragen müssen , nicht mit den Spöttern verwechselt zu werden . Es würde mir viel leichter werden , den göttlichen Begriffen mit Sicherheit nachzuhängen , wenn ich vom Nichts eine Vorstellung festhalten könnte . Aber dies ist unmöglich . Ich habe schon früh an dieser Verzweiflung gelitten . Ich wollte schon als Kind mir zuweilen alles wegdenken , was ich sahe und denken konnte , Europa , Asien , Afrika , die ganze Erde , den Himmel , alle Schöpfung , und dann war es immer , als stürzt ' ich von einer unermeßlichen Höhe ins Leere hinunter und fiel ohne Aufenthalt . Fast möcht ' ich sagen , ich bin seither mit Eindrücken beladener , und es würde mir schwieriger sein als ehemals , eine solche Vorstellung des Nichts zu fixieren . Ach das hohle , weite Chaos , diese dumpfe Leere , worin das Nichts unsichtbar schlummert ! Und Gott , der dieses Nichts selbst ist , nämlich dasselbe Nichts , das später doch ein Etwas wurde ! Gott , der in dem Nichts ist und doch wiederum auch in dem Etwas nicht sein soll , weil dies die Welt selbst vergöttern heißen würde ! Der pantheistische Gedanke widerstrebt mir , und ich glaube , Frauen werden ihn niemals hegen können , weil sie durch sich selbst schon gewohnt sind , alle Dinge in aktive und passive einzuteilen . Wir werden immer anthropomorphische Ideen haben ; das Christentum unterstützt uns darin . Die Vorstellung eines über uns thronenden Werkmeisters ist ein Bedürfnis , das unsere Phantasie immer geltend machen wird . Jedes andre , ach , alles , alles ist uns verschlossen . Cäsar wird in Ländern wohnen , wo das französische Recht herrscht . Er ist glücklich , sich ohne die Kirche verheiraten zu dürfen . Eine bürgerliche Verbindung wird zwischen ihm und Delphinen stattfinden . Wenn er nur meinen Zustand schonte ! Aber er kennt ihn nicht . Wüßte er , wie mich seine leichte Manier über die Religion so tief verwundet ! Das Peinlichste ist dies , daß er sich öfter das Ansehen gibt , als ließen sich einige Wahrheiten sogar im christlichen Glauben unumstößlich beweisen . Dann tut er ' s und beginnt über die schwierigsten Punkte Entwickelungen , welche er mit ernster Miene durchführt und , wenn er zu Ende ist , für phantastischen Witz erklärt . So begann er neulich folgende Auseinandersetzung der christlichen Lehre von der Dreieinigkeit , eines Begriffes , den ich noch gar nicht anrührte , weil ich mit seinen Prämissen noch nicht im reinen bin . Er sagte : Die bloße Vaterschaft Gottes ist relativ , sie ist unerkennbar oder , wie Jakob Böhme gesagt hat , ein dunkles Tal . Licht und Erkenntnis kömmt erst durch den Sohn . Beide dürfen nicht isoliert gedacht werden , ihre Ergänzung , ihre Wechselseitigkeit ist der Heilige Geist . Gott als das bloße Alles oder das bloße Nichts ist unerkennbar . Gott muß sich etwas gegenüberstellen , einen Schatten seiner selbst , er mußte sich negieren aus seiner Ruhe heraus und schuf die Natur . Die Natur ist nicht Gott , denn dann müßte die Natur ein Zustand sein . Nein , die Natur ist eine Tätigkeit Gottes , und alles in Gott Tätige , auf die Außenwelt Bezügliche , ist in ihm das Englische . Die Engel sind die Herolde des göttlichen Willens , und ihre Zahl ist so unendlich , wie , fast möchte man sagen , die Atome der Welt . Die Engel wohnten ursprünglich in Gott ; denn seine Tätigkeit ist seinem Sein immanent . Darum mußten die Engel auch gut sein ursprünglich . Luzifer aber empört sich , Luzifer , der Lichtbringer , der die Finsternis erhellt . Dies Empören ist eine Tätigkeit Gottes , das heißt Gott wird das Gegenteil seiner selbst , Gott wird Satan . Ja , die Natur ist Teufel , dieselbe Natur , welche für Gott durchaus nicht vorhanden ist , da sie nur sein Atem ist . Die Natur vor Gott ist so , als wäre sie nicht . Vor Gott gibt es auch einen Teufel , als gäb ' es ihn nicht . Je höher bei dem einen oder andern das philosophische Bewußtsein ist , desto weniger existiert für ihn auch der Teufel . Im Christentum ist der Teufel ideell gänzlich ausgetrieben , denn Gott sonderte die menschliche Individualität von der Natur ab und gab dieser in seinem Sohne eine eigne Offenbarung . Gott wollte den Widerspruch seiner selbst durch sich selbst strafen und an sich seinen eigenen Prozeß büßen lassen . Er wurde gekreuzigt , und es herrscht hinfort nicht mehr Gott , nicht mehr Satan , nicht mehr der Mensch , nicht mehr die Natur , sondern das Reich des Geistes , der Freiheit und der Wahrheit . Was hatt ' ich nun von dieser Improvisation ! Mit einer Art von komischem Atheismus schloß Cäsar seine mystische Deduktion , welche Menschen von größerer Einbildungskraft , als ich besitze , viel Beruhigung gewähren mag . Ich soll schon an den Sohn glauben und bin noch mit dem Vater unbekannt . Ich habe mich drei Wochen lang täglich in Vergnügungen berauscht . Ich mußte der Welt zeigen , daß ich Cäsars Entfernung ertragen kann , ich mußte es mir selbst zeigen . Aber es erquickt mich nichts mehr . Cäsars Liebe war die schönste Zerstreuung meiner unglücklichen Seelenstimmung . Ich sinke immer tiefer in Nacht und Verzweiflung . Man erkennt mich nicht wieder . Oft bin ich so von Wehmut aufgelöst , daß ich in die Kammer stürze , wo die Erinnerungen meiner ersten Kindheit aufbewahrt liegen . Ich räumte auf in der Verwirrung , um mich zu zerstreuen . Ein Stilett fiel mir in die Hand . Wie mag das hierhergekommen sein ? Ich glaube , Cäsar müßte sich schämen , noch zu leben , wenn er keine Auskunft geben kann . Seine Scherze verdecken nur eine Überzeugung , die vielleicht folgerichtig ist . Ich habe ihm geschrieben , sie auch mir zu geben . In Heidelberg muß ihn mein Brief treffen ; er wird sich sogleich hinsetzen , um mir , ich hab ' ihm die Hand aufs Herz gelegt und ihn feierlichst beschworen , seine ernsthafte Meinung über Religion und Christentum zu sagen . Ich zittre , wenn seine Darstellung einläuft . Das Stilett gehörte meinem Bruder , der in demselben Alter gestorben ist , in welchem ich mich jetzt befinde . Cäsar sagte mir oft , als Kind hab ' er sich fortwährend damit geängstigt , daß er keines natürlichen Todes sterben würde . Die Katastrophe des jungen Sand hätte zu seiner Zeit alle jungen Köpfe auf den Gedanken gebracht , daß sie ihnen auch einst abgeschlagen würden . Keiner , sagte er , glaubte so würdig zu sein wie Sand , und keiner glaubte deshalb auch , auf einen milderen Tod rechnen zu dürfen als Sand . Er gestand mir mit eisigem Grauen , daß er oft stundenlang heimlich mit entblößtem Halse gesessen und sich in die Illusion des Schafotts hineingedacht habe , daß ihm die Tränen geflossen seien aus Verzweiflung , so sterben zu müssen . Es war immer ein wehmütiges , liebes Lächeln , das bei solchen Geständnissen auf seinen Lippen lag . O Gott ! ich vergess ' ihn nicht . Für alles brauch ' ich ihn . Er soll mir zu allem Beweise geben ! Ich lese das Buch » Rahel « , aber nur in Bruchstücken . Viel davon auf einmal verwirrt den Kopf ; nicht deshalb , weil das Buch absolut schwer wäre , sondern relativ schwer ist es in Beziehung auf Rahel , die sich das Denken so schwer machte . Ich glaube , daß diese Frau unter Denken verstanden hat , die Dinge immer von der verkehrten Seite anfassen oder doch von der entgegengesetzten gegenüber dem gewöhnlichen Wege . Sie gräbt sich wie ein Maulwurf in die Ideen ein und bezeichnet dann und wann ihre Resultate durch kleine aufgeworfene Hügel , die nichts sagen , nämlich nichts Positives , die nur Wahrzeichen sind , daß hier etwas war , was wie ein Gedanke war und was so leicht wieder vergessen ist ! Wie reich ist diese Frau an Philosophie und objektiver Vergeßlichkeit ! Man hat so wenig in ihrem Buche , und doch glaubt man , wenn man es zuschlägt , alles zu haben . Darin seh ' ich recht , wie nur die Männer imstande sind , zu produzieren , auch Gedanken . Bettina ! - Spielerei - alte Gedanken ; nur klassische , neue Formen . So sprechen , gehen , laufen , essen , trinken , schlafen , handeln - wie es einem gerad ' einfällt ? Ich konnt ' es einmal ; jetzt nicht mehr . Bettina hatte so lange freien Willen , sich ein Gesetz zu schaffen ; und nun so alt und noch immer kein Gesetz ! Ihr Buch ist ungereimte Poesie . Ein freies Weib ist nur erträglich mit Spekulation . Wieder wie Jakob einen Zug aus dem Rahelbrunnen getan . Aber es ist immer nur Lea , die man erhält , niemals Rahel . Rahel sitzt hinter den zweimal sieben Jahren und flicht ihren Freiern Körbe . Man glaubt eine Priesterin mit Weissagung in ihr zu finden und wird doch von ihr nur angeregt oder vielmehr nur herausgerissen aus dem alten Kreise seiner Vorstellungen . Es ist furchterregend , eine Frau die Gegenstände so dämonisch-linkisch anfassen zu sehen . Will sie es nur anders machen als die andern ? Oder wurde ihr diese Originalität angeboren ? Sie gibt nirgends nach , sie ist rastlos in ihren Bestrebungen , die verschiedenen Seiten der Wahrheit zu entdecken , und konnte nicht anders enden als entweder in einem Wahnsinn , der sich mit der Bewegung im Tretrade vergleichen läßt , oder als Anhängerin des Pietismus . Man ist in keiner Situation übertäubter als beim Untertauchen . Pietismus aber ist die Fähigkeit , leben zu können , selbst wenn man Wasser im Ohre hat . Dieser ruhige , verständige Ton , in welchem ich mich oft tagelang erhalten kann , wird mir oft so unheimlich , daß ich vor mir selbst erschrecke . Sollte es Menschen geben können , die wie Vernünftige sprechen und doch wahnsinnig sind ? Cäsar erzählte mir einst eine Geschichte , die er wahrscheinlich wie vieles dergleichen nur seiner Einbildungskraft verdankt . Sie paßt auf meinen Zustand . Kann ich sie noch ? Es war um die zwölfte Stunde , als Alfred von seinem Lager auffuhr und über das matte Flackern der Lampe erschrak , die er zu löschen vergessen hatte . Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper - - Wörtlich seine Worte wiederzugeben ist schwer . Ich suche in meinen Papieren , vielleicht find ' ich die Geschichte , die er mir einst , von seiner eigenen Hand geschrieben , schenkte . Hier ist sie : Es war um die zwölfte Stunde , als Alfred von seinem Lager auffuhr . Noch flackerte die Lampe , welche er zu löschen vergessen hatte , und zog , wie sie größer oder schwächer wurde , wolkige Kreise an den Wänden seines Zimmers . Eine Zeitlang saß er mit halbaufgerichtetem Körper im Bette und verfolgte dies gespenstische Spiel an den stummen Wänden . Er suchte nach einem Gegenstand für dies Bild : er mußte an die Welt denken , welche draußen schlummerte , und dachte zuerst an Julien . » Meine Julie ! « sprach er still vor sich hin und erhob sich dann etwas feierlich und mechanisch von seinem Bette . Er hörte die Uhr picken , die auf dem Tische vor dem Spiegel stand . Er sahe sich selbst im Spiegel mit bleichen , geisterhaften Zügen und mit Augen , welche wie geschlossen schienen . Dann saß er auf dem Sessel vorm Bett und hatte sich , ohne es zu wollen , angekleidet . » Ich werde vor Juliens Fenster gehen und den Vorhang wegheben ! « flüsterte er vor sich hin , aber nur wie zum Scherz , denn Julie wohnte im dritten Stock . Doch ging er . Die Straßen waren still und öde . Man sieht auf ihnen niemand , auch Alfreden nicht . Wo geht er nur ? Aber es ist dunkel , der Mond liegt hinter Wolken , man kann Alfred nicht sehen . Alfred stand vor dem Hause Juliens , ja , er hätte schwören mögen , daß er vor ihrem Fenster stand , das im dritten Stocke lag . » Es ist nicht möglich « , flüsterten seine Gedanken ; » sie wohnt im dritten Stock ; obschon ein kleines Vordach vor dem Fenster liegt , das Moos und Hauslauf anzusetzen pflegt . Die arme Julie ! Ich werde fleißiger sein , sie muß künftig im zweiten Stock wohnen ! « Jetzt war es Alfred , als drückte er an dem Fenster ; aber es widerstand . Es war ihm , als klopfte er ; aber hinter dem weißen Rouleau brach sich der Schall . Er mußte lächeln über seine lebhafte Einbildungskraft . » Wie ! « dachte er , » wenn du ins Haus trittst , die zwei Stiegen hinaufschleichst und an ihre Kammertür pochtest . « Aber dann mußte er durch des Nachbars Haus , das ihm offenzustehen schien , mußte über den Garten-und Hofzaun klettern und von dort einzudringen suchen . Und das alles gelang vortrefflich . Er stand jetzt gleichsam höher als Juliens Wohnung war , was er sich nicht erklären konnte . Da blendete ihn ein Lichtstrahl ; ein schnurrender Laut ließ sich hören . Julie hatte das Rouleau aufgezogen , sie stand im Nachthäubchen und mit bloßen Schultern am Fenster , das sie öffnete . Alfred war nun dicht vor ihr . » Was ist ihr nur ? « dachte er ; » sie erschrickt , sie öffnet den Mund , als wollte sie um Hülfe rufen ; was zitterst du , mich zu erkennen , Julie ? « » Alfred ! « schrie es durch die stille Nachtluft . Alfred aber lag unten mit zerschmettertem Körper auf dem Pflaster der Straße . Alfred war ein Nachtwandler . Julie glaubte nichts gesehen zu haben , als Alfred tot war . Sie legte sich wieder in ihr weißes , weiches Bett und träumte von ihm . Am Morgen erfuhr sie alles . Sie lebt noch , aber kümmerlich ; die Tränen zehren sie auf . Cäsar hat noch immer nicht geschrieben ; doch wird sein Brief desto ausführlicher sein . Einstweilen hab ' ich etwas Beruhigung erhalten durch eine Maxime , die empfehlenswert ist . Das luftige Traumbild des Somnambulismus hat mich gestern darauf gebracht . Nämlich , man nehme einen recht hohen Standpunkt , einen kosmischen oder planetarischen , wie ich ihn nennen möchte . Man tue und lasse nichts , ohne sich im Zusammenhang der Weltordnung zu fühlen . Ich denke , wo ich gehe und stehe , an die Beziehungen der übrigen Himmelskörper zur Erde und abstrahiere von allem , was über diesem kleinen Erdball geschieht , auf das Universum , das niemand leugnen kann . Und nicht bloß im allgemeinen , sondern ganz im Detail , wie man ißt und schläft . Bei jedem Spaziergange richt ' ich den Blick gen Himmel und forsche in dem blauen Meere nach den versunkenen Sternen , die die Nacht erst sichtbar macht . Ich fühle , wie die Erde unter meinen Füßen kreist und ich gleichsam nur auf ihr stationiert bin , sonst aber dem Allgemeinen angehöre . Wie vielen Stolz das gibt ! Ich habe jetzt einen Begriff von der Ruhe des Weisen . Ihn kann nichts erschüttern , denn er hört die Planeten rauschen und fühlt sich als Glied einer großen Wesenkette . Oh , vielleicht ist noch Hülfe für mich ! Ich fange an , mir die Möglichkeit einer zufriedenen Stimmung zu denken . Jetzt weiß ich , wie in Indien die Bonzen ihre Büßungen möglich machen . Die Abstraktion hebt ihren Stolz ; aber sie würden es nicht aushalten können , wenn nicht die Erde für sie gleichsam verschwände und sie nichts übrigbehielten als den gestirnten Himmel und das Gefühl der großen Wesenkette . Ich müßte in die Einsamkeit ziehen . Wenn mich nur eines nicht verfolgte ! Nämlich die Natur und das Grün . Das Siderische und Tellurische im Menschen bekämpfen sich , und wer poetische Stimmungen hat , wird immer der Erde unterliegen . Das Meer , Gebirge und Ströme wirken noch immer siderisch auf uns ; denn sie sind das Rückgrat und die großen Zellgewebe der Erde und veranschaulichen die Kugel . Aber das Peinigende ist die stille Nachbarschaft der Blume , die Bescheidenheit der Idylle , die kleine Existenz mit ihren Kornährenkränzen und Abendglocken und alles , was so nahe zu unserm Herzen spricht , die Offenbarung Gottes , die wir flüstern zu hören glauben , diese große Tatsache , die entweder Täuschung oder Wahrheit und in beiden Fällen unenthüllbar ist . Das Irdische faßt uns wie im Strudel und reißt uns hinunter in den bodenlosen Abgrund , von wo keine Wiederkunft . Ich las nun alles , was ich schrieb , und zittre , daß ich kaum geschrieben habe , was ich wollte . Eines ist auch ganz unmöglich , geschrieben zu werden : die Verzweiflung und das Gräßliche . Nämlich jene grausamen , blutsaugenden Träume , die mich wachendes Auges überfallen und mich hinausstoßen in eine hohnlachende , von gräßlichen , unnennbaren Dingen drapierte Welt . Wie combinier ' ich ! Was für Dinge kommen mir vor die Augen ! Ich zittre , während mein Puls ganz richtig und medizinisch schlägt . Muß ich sterben , was verbrach ich , daß mir Raben erscheinen müssen ? Ich sehe eine schwarze Halle und einen weiten Sarg . Ein Rumpf fällt von der Decke , wo eine Öffnung , hinunter in den Sarg , und den nachstürzenden Kopf greift unser Arzt auf . Oben muß das Schafott sein . Der Mann drückt das blutige Haupt stürmisch auf den rauchenden Körper , paßt Fuge auf Fuge , Ader auf Ader und legt einen Silberreifen um die gierig zusammenklaffenden Fleischränder beider Teile . Er dreht sich um , und Leben , galvanisches Leben regt sich in dem Körper , und der Leichnam erhebt sich , ein blasser , schöner Jüngling , und schleicht zur Pforte hinaus . Dort , dort - eine grüne Flur - ein Mädchen , das Rosen bricht und im Schatten der Allee ausruht . Ein bleiches , gespenstisches Bild schleicht zu ihr heran , spricht nicht , sondern lächelt . Sie umarmt ihn , sie scherzt , sie lacht ; er hat auf sich warten lassen , er sei untreu , er gehe zu Doris , er gehe zu Galathee , du Lieber ! Und sie küßt seinen blassen Mund . - » Oh « , röchelt er , » drücke nicht ! « Doch sie hört nicht , sie drückt , der Reifen springt - Herr Jesus , was geht mit mir vor ! - Hier brach Wallys Tagebuch auf längre Zeit ab . Sie bekam inzwischen das ihr von Cäsar versprochene Glaubensbekenntnis . Es war in das Tagebuch eingeheftet und lautete folgendermaßen . Geständnisse über Religion und Christentum Ich will über den Glauben der Völker sprechen . Aus dem melancholischen Schweigen des Heidelberger Schlosses hol ' ich mir abendlich die Geheimnisse jener frommen Naturreligion , für die ich glühe . Alles Historische aber , was ich zu fixieren habe , knüpf ' ich an jene kleine Herberge jenseits des Neckar an , wo Luther auf der Reise nach Worms sein Frühstück zu berichtigen vergessen haben soll , ein Frühstück , das der Protestantismus dem Katholizismus so teuer hat bezahlen müssen . Religion ist Verzweiflung am Weltzweck . Wüßte die Menschheit , wohin ihre Leiden und Freuden tendieren , wüßte sie ein sichtbares Ziel ihrer Anstrengungen , einen Erklärungsgrund für dies wirre Durcheinander der Interessen , für die Tapezierung des Firmaments , für die wechselnde Natur , für Frost , Hitze , Regen , Hagel , Blitz und Donner , sie würde an keinen Gott glauben . In progressiver Entwicklung folgt hieraus dreierlei : der natürliche Ursprung der Religion , die Accomodation der göttlichen Begriffe an den jedesmaligen Bildungsgrad und zuletzt die Unmöglichkeit historischer Religionen bei steigender Aufklärung . Dem Begriffe Offenbarung läßt sich vielleicht eine philosophische Unterlage geben , pantheistischer Art ; aber im herkömmlichen theologischen Sinne ist die Offenbarung eine Verfälschung der Natur und der Geschichte . Eine saubre Insinuation , sich Gott als Priester zu denken , der im schwarzen Talare zu dem ersten Menschenpaar hinzugetreten wäre und ihm Unterricht gegeben hätte in glaublichen und unglaublichen Dingen ! Sie machen aus Gott einen Souverän , einen Patriarchen , einen Geistlichen . Sie lassen Gott in sehr unvollkommnen Sprachen reden , zu Zeiten , wo es an stilistischer Vollkommenheit noch überall fehlte . Niemand war in diesen anthropomorphistischen Konsequenzen einer supernaturellen Offenbarung kecker als die Apostel Jesu ; denn : alle Schrift von Gott eingegeben heißt : in der Lehre von der Inspiration Gott zum Mitschuldigen aller der Solöcismen und inkorrekten Konstruktionen machen