Fülle befruchtender Nahrung verspricht . Das Gemüt hat ohne Vertrauen ein hartes Los ; es wächst langsam und dürftig , wie eine heiße Pflanze zwischen Felsen ; so bin ich , - so war ich bis heute , - und diese Herzensquelle , die nirgend wo ausströmen , konnte , findet plötzlich den Weg ans Licht , und paradiesische Ufer im Balsamduft blühender Gefilde begleiten ihren Weg . O Goethe ! - Meine Sehnsucht , mein Gefühl sind Melodien , die sich ein Lied suchen , dem sie sich anschmiegen möchten . Darf ich mich anschmiegen ? - Dann sollen diese Melodien so hoch steigen , daß sie Ihre Lieder begleiten können . Ihre Mutter schrieb wie von mir : daß ich keinen Anspruch an Antworten mache ; daß ich keine Zeit rauben wolle , die Ewiges hervorbringen kann ; so ist es aber nicht : meine Seele schreit wie ein durstiges Kindchen ; alle Zeiten , zukünftige und verflossene , möchte ich in mich trinken , und mein Gewissen würde mir wenig Bedenken machen , wenn die Welt von nun an weniger von Ihnen zu erfahren bekäme und ich mehr . Bedenken Sie indes , daß nur wenig Worte von Ihnen ein größeres Maß von Freude ausfüllen werden , als ich von aller späteren Zeit erwarte . Bettine Die Mutter ist sehr heiter und gesund , sie trinkt noch einmal soviel Wein wie vor ' m Jahr , geht bei Wind und Wetter ins Theater ; singt in ihrem Übermut mir vor : » Zärtliche getreue Seele , deren Schwur kein Schicksal bricht . « Extrablatt Wir führen Krieg , ich und die Mutter , und nun ist ' s so weit gekommen , daß ich kapitulieren muß ; die harte Bedingung ist , daß ich selbst Ihnen alles erzählen soll , womit ich ' s verschuldet habe , und was die gute Mutter so heiter und launig ertragen hat ; sie hat eine Geschichte daraus zusammengesponnen , die sie mit tausend Pläsier erzählt ; sie könnte es also selbst viel besser schreiben , das will sie nicht , ich soll ' s zu meiner Strafe erzählen , und da fühl ich mich ganz beschämt . Ich sollte ihr den Gall bringen und führte ihr unter seinem Namen den Tieck zu ; sie warf gleich ihre Kopfbedeckung ab , setzte sich und verlangte , Gall solle ihren Schädel untersuchen , ob die großen Eigenschaften ihres Sohnes nicht durch sie auf ihn übergegangen sein möchten ; Tieck war in großer Verlegenheit , denn ich ließ ihm keinen Moment , um der Mutter den Irrtum zu benehmen ; sie war gleich in heftigem Streit mit mir und verlangte , ich solle ganz stillschweigen und dem Gall nicht auf die Sprünge helfen ; da kam Gall selbst und nannte sich ; die Mutter wußte nicht , zu welchem sie sich bekehren solle , besonders da ich stark gegen den rechten protestierte , jedoch hat er endlich den Sieg davongetragen , indem er ihr eine sehr schöne Abhandlung über die großen Eigenschaften ihres Kopfes hielt ; und ich hab Verzeihung erhalten und mußte versprechen , sie nicht wieder zu betrügen . Ein paar Tage später kam eine gar zu schöne Gelegenheit , mich zu rächen . Ich führte ihr einen jungen Mann aus Straßburg zu , der kurz vorher bei Ihnen gewesen war ; sie fragte höflich nach seinem Namen ; noch eh er sich nennen konnte , sagte ich : » Der Herr heißt Schneegans , hat Ihren Herrn Sohn in Weimar besucht und bringt Ihr viele Grüße von ihm « . Sie sah mich verächtlich an und fragte : » Darf ich um Ihren werten Namen bitten ? « Aber noch ehe er sich legitimieren konnte , hatte ich schon wieder den famösen Namen Schneegans ausgesprochen ; ganz ergrimmt über mein grobes Verfahren , den fremden Herrn eine Schneegans zu schimpfen , bat sie ihn um Verzeihung , und daß mein Mutwill keine Grenzen habe und manchmal sogar ins Alberne spiele ; ich sagte : » Der Herr heißt aber doch Schneegans . « » O schweig « , rief sie , » wo kann ein vernünftiger Mensch Schneegans heißen ! « Wie nun der Herr endlich zu Wort kam und bekannte , daß er wirklich die Fatalität habe so zu heißen , da war es sehr ergötzlich , die Entschuldigungen und Beteuerungen von Hochachtung gegenseitig anzuhören ; sie amüsierten sich vortrefflich miteinander , als hätten sie sich jahrelang gekannt , und beim Abschied sagte die Mutter mit einem heroischen Anlauf : » Leben Sie recht wohl , Herr von Schneegans , hätte ich doch nimmermehr geglaubt , daß ich ' s über die Zunge bringen könne ! « - Nun , da ich ' s geschrieben habe , erkenne ich erst , wie schwer die Strafe ist ; denn ich hab einen großen Teil des Papiers beschrieben , ohne auch nur ein Wörtchen von meinen Angelegenheiten , die mir so sehr am Herzen liegen , anzubringen . Ja , ich schäme mich , Ihnen heute noch was anders zu sagen , als nur meinen Brief mit Hochachtung und Liebe abzuschließen . Aber morgen , da fange ich einen neuen Brief an , und der hier soll nichts gelten . Bettine An Goethe 3. Juni Ich habe heut ' bei der Mutter einliegenden Brief an Sie abgeholt , um doch eher schreiben zu dürfen , ohne unbescheiden zu sein . Ich möchte gar zu gern recht vertraulich kindisch und selbst ungereimt an Sie schreiben dürfen , wie mir ' s im Kopf käme - Darf ich ? Z.B. , daß ich verliebt war fünf Tage lang , ist das ungereimt ? - Nun , was spiegelt sich denn in Ihrer Jugendquelle ? - Nur hineingeschaut ; Himmel und Erde malen sich drin ; in schöner Ordnung stehen die Berge und die Regenbogen und die blitzdurchriss ' nen Gewitterwolken , und ein liebend Herz schreitet durch , höherem Glück entgegen ; und den sonnedurchleuchteten Tag kränzet der heimliche Abend in Liebchens Arm . Drum sei mir ' s nicht verargt , daß ich fünf Tage lang verliebt war . Bettine Goethe an B. 10. Juni Der Dichter ist manchmal so glücklich , das Ungereimte zu reimen , und so wär es Ihnen zu gestatten , liebes Kind , daß Sie ohne Rückhalt , alles was Sie der Art mitzuteilen haben , ihm zukommen ließen . Gönnen Sie mir aber auch eine nähere Beschreibung dessen , der in fünftägigem Besitz Ihres Herzens war , und ob Sie auch sicher sind , daß der Feind nicht noch im Versteck lauert . Wir haben auch Nachrichten von einem jungen Mann , der , in eine große Bärenmütze gehüllt , in Ihrer Nähe weilt und vorgibt , seine Wunden heilen zu müssen , während er vielleicht im Sinne hat , die gefährlichsten zu schlagen . Erinnern Sie sich jedoch bei so gefahrvollen Zeiten des Freundes , der es angemessener findet , Ihren Herzenslaunen jetzt nicht in den Weg zu kommen . G. Lieber Goethe ! Lieber Freund ! 14. Juni Heute hab ich mit der Mutter Wahl gehalten , was ich Ihnen für einen Titel geben darf ; da hat sie mir die beiden freigelassen , - ich hab sie beide hingeschrieben ; ich seh der Zeit entgegen , wo meine Feder anders dahintanzen wird , - unbekümmert , wo die Flammen hinausschlagen ; wo ich Ihnen mein verborgenes Herz entdecke , das so ungestüm schlägt und doch zittert . Werden Sie mir solche Ungereimtheiten auch auflösen ? - Wenn ich in derselben Natur mich weiß , deren inneres Leben durch Ihren Geist mir verständlich wird , dann kann ich oft beide nicht mehr voneinander unterscheiden ; ich leg mich an grünen Rasen nieder mit umfassenden Armen und fühle mich Ihnen so nah wie damals , wo Sie , den Aufruhr in meinem Herzen zu beschwichtigen , zu dem einfachen Zaubermittel griffen , von meinen Armen umfaßt , so lange mich ruhig anzusehen , bis ich von der Gewißheit meines Glückes mich durchdrungen fühlte . Lieber Freund ! Wer dürfte zweifeln , daß das , was einmal so erkannt und so ergriffen war , wieder verloren gehen könne ? - Nein ! - Sie sind mir nimmer fern . Ihr Geist lächelt mich an und berührt mich zärtlich vom ersten Frühlingsmorgen bis zum letzten Winterabend . So kann ich Ihnen auch das Liebesgeheimnis mit der Bärenmütze für Ihren leisen Spott über meine ernste Treue auf das beschämendste erklären . - Nichts ist reizender als die junge Pflanze in voller Blüte stehend , auf der der Finger Gottes jeden frischen Morgen den zarten Tau in Perlen reihet und ihre Blätter mit Duft bemalt . - So blüheten im vorigen Jahr ein paar schöne blaue Augen unter der Bärenmütze hervor , so lächelten und schwätzten die anmutigen Lippen , so wogten die schwanken Glieder , und so schmiegte sich zärtliche Neigung in jede Frage und Antwort und hauchten in Seufzern den Duft des tieferen Herzens aus , wie jene junge Pflanze . - Ich sah ' s mit an und verstand die Schönheit , und doch war ich nicht verliebt ; ich führte den jungen Husaren zur Günderode , die traurig war ; wir waren jeden Abend zusammen , der Geist spielte mit dem Herzen , tausend Äußerungen und schöne Modulationen hörte und fühlte ich , - und doch war ich nicht verliebt . - Er ging , - man sah , daß der Abschied sein Herz bedrängte . » Wenn ich nicht wiederkehre « , sagte er , » so glauben Sie , daß die köstlichste Zeit meines Lebens diese letzte war . « - Ich sah ihn die Stiegen hinabspringen , ich sah seine reizende Gestalt , in der Würde und Stolz seiner schwanken Jugend gleichsam einen Verweis geben , sich aufs Pferd schwingen und fort in den Kugelregen reiten , - und ich seufzte ihm nicht nach . Dies Jahr kam er wieder mit einer kaum vernarbten Wunde auf der Brust ; er war blaß und matt und blieb fünf Tage bei uns . Abends , wenn alles um den Teetisch versammelt war , saß ich im dunkeln Hintergrund des Zimmers , um ihn zu betrachten , er spielte auf der Gitarre ; - da hielt ich eine Blume vors Licht und ließ ihren Schatten auf seinen Fingern spielen , - das war mein Wagstück , - mir klopfte das Herz vor Angst , er möchte es merken ; da ging ich ins Dunkel zurück und behielt meine Blume , und die Nacht legte ich sie unters Kopfkissen . - Das war die letzte Hauptbegebenheit in diesem Liebesspiel von fünf Tagen . Dieser Jüngling , dessen Mutter stolz sein mag auf seine Schönheit , von dem die Mutter mir erzählte , er sei der Sohn der ersten Heißgeliebten meines geliebten Freundes , hat mich gerührt . Und nun mag der Freund sich ' s auslegen , wie es kam , daß ich dies Jahr Herz und Aug für ihn offen hatte , und im vorigen Jahre nicht . Du hast mich geweckt mitten in lauen Sommerlüften , und da ich die Augen aufschlug , sah ich die reifen Äpfel an goldnen Zweigen über mir schweben , und da langt ich nach ihnen . Adieu ! In der Mutter Brief steht viel von Gall und dem Gehirn ; in dem meinigen viel vom Herzen . Ich bitte , grüßen Sie den Doktor Schlosser in Ihren Briefen an die Mutter nicht mehr mit mir in einer Rubrik ; es tut meinem armen Hochmut gar zu weh . Bettine Dein Kind , dein Herz , dein gut Mädchen , das den Goethe über alles lieb hat und sich mit seinem Andenken über alles trösten kann . An Goethe 18. Juni Gestern saß ich der Mutter gegenüber auf meinem Schemel , sie sah mich an und sagte : » Nun was gibt ' s ? - Warum siehst du mich nicht an ? « - Ich wollte , sie solle mir erzählen ; - ich hatte den Kopf in meine Arme verschränkt . » Nein « , sagte sie , » wenn Du mich nicht ansiehst , so erzähl ich nichts « ; und da ich meinen Eigensinn nicht brechen konnte , ward sie ganz still . - Ich ging auf und ab durch die drei langen schmalen Zimmer , und so oft ich an ihr vorüberschritt , sah sie mich an , als wolle sie sagen : » Wie lang soll ' s dauern ? « - Endlich sagte sie : » Hör ! - Ich dächte , Du gingst . « - » Wohin ? « fragte ich . - » Nach Weimar zum Wolfgang , und holtest dir wieder Respekt gegen seine Mutter . « » Ach Mutter , wenn das möglich wär ! « sagte ich und fiel ihr um den Hals und küßte sie und lief im Zimmer auf und ab . » Ei « , sagte sie , » warum soll es denn nicht möglich sein ? Der Weg dahin hängt ja aneinander und ist kein Abgrund dazwischen ; ich weiß nicht , was dich abhält , wenn du eine so ungeheure Sehnsucht hast ; - eine Meile vierzigmal zu machen ist der ganze Spaß , und dann kommst du wieder und erzählst mir alles . « - Nun hab ich die ganze Nacht von der einen Meile geträumt , die ich vierzigmal machen werde ; es ist ja wahr , die Mutter hat recht , nach vierzig durchjagten Stunden läg ich am Herzen des Freundes ; es ist auf dieser Erde , wo ich ihn finden kann , auf gebahnten Wegen gehet die Straße , alles deutet dorthin , der Stern am Himmel leuchtet bis zu seiner Schwelle , die Kinder am Weg rufen mir zu : » Dort wohnt er ! « - Was hält mich zurück ? - Ich bin allein meiner heißen Sehnsucht Zeuge , und sollte mir ' s nicht gewähren , was ich bitte und flehe , daß ich Mut haben möge ? Nein , ich bin nicht allein , diese sehnsüchtigen Gedanken - es sind Gestalten ; sie sehen mir fragend unter die Augen : wie ich mein Leben verschleifen könne , ohne Hand in Hand mit ihm , ohne Aug in Aug in ihrem Feuer zu verglühen . - O Goethe , ertrag mich , nicht alle Tage bin ich so schwach , daß ich mich hinwerfe vor Dir und nicht aufhören will zu weinen , bis Du mir alles versprichst . Es geht wie ein schneidend Schwert durch mein Herz , daß ich bei Dir sein möchte ; - bei Dir , und nichts anders will ich , so wie das Leben vor mir liegt , weiß ich nichts , was ich noch fordern könnte , ich will nichts Neues wissen , nichts soll sich regen , kein Blatt am Baum , die Lüfte sollen schweigen ; stille soll ' s in der Zeit sein , und Du sollst ausharren in Gelassenheit , bis alle Schmerzen an Deiner Brust verwunden sind . 19. Juni Gestern abend war ' s so , lieber Goethe ; plötzlich riß der Zugwind die Tür auf und löschte mir das Licht , bei dem ich Dir geschrieben habe . - Meine Fenster waren offen , und die Pläne waren niedergelassen ; der Sturmwind spielte mit ihnen ; - es kam ein heftiger Gewitterregen , da ward mein kleiner Kanarienvogel aufgestört - er flog hinaus in den Sturm , er schrie nach mir , und ich lockte ihn die ganze Nacht . Erst wie das Wetter vorüber war , legt ich mich schlafen ; ich war müde und sehr traurig , auch um meinen lieben Vogel . Wie ich noch bei der Günderode die griechische Geschichte studierte , da zeichnete ich Landkarten , und wenn ich Seen zeichnete , da half er Striche hineinmachen , daß ich ganz verwundert war , wie emsig er mit seinem kleinen Schnabel immer hin und her kratzte . Nun ist er fort , gewiß hat ihm der Sturm das Leben gekostet ; da hab ich gedacht , wenn ich nun hinausflög , um Dich zu suchen , und käm durch Sturm und Unwetter bis zu Deiner Tür , die Du mir nicht öffnen würdest - nein , Du wärst fort ; Du hättest nicht auf mich gewartet , wie ich die ganze Nacht auf meinen kleinen Vogel ; Du gehest andern Menschen nach , Du bewegst Dich in andern Regionen ; bald sind ' s die Sterne , die mit Dir Rücksprache halten , bald die tiefen abgründlichen Felskerne ; bald schreitet Dein Blick als Prophet durch Nebel und Luftschichten , und dann nimmst Du der Blumen Farben und vermählst sie dem Licht ; deine Leier findest Du immer gestimmt , und wenn sie Dir auch frischgekränzt entgegenprangte , würdest Du fragen : » Wer hat mir diesen schönen Kranz gewunden ? « - Dein Gesang würde diese Blumen bald versengen ; sie würden ihre Häupter senken , sie würden ihre Farbe verlieren , und bald würden sie unbeachtet am Boden schleifen . Alle Gedanken , die die Liebe mir eingibt , alles heiße Sehnen und Wollen kann ich nur solchen Feldblumen vergleichen ; - sie tun unbewußt über dem grünen Rasen ihre goldnen Augen auf , sie lachen eine Weile in den blauen Himmel , dann leuchten tausend Sterne über ihnen und umtanzen den Mond und verhüllen die zitternden , tränenbelasteten Blumen in Nacht und betäubenden Schlummer . So bist Du Poete ein vom Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond ; meine Gedanken aber liegen im Tal , wie die Feldblumen , und sinken in Nacht vor Dir , und meine Begeisterung ermattet vor Dir , und alle Gedanken schlafen unter Deinem Firmament . Bettine Goethe an Bettine 18. Juni Mein liebes Kind ! Ich klage mich an , daß ich Dir nicht früher ein Zeichen gegeben , wie genußreich und erquickend es mir ist , das reiche Leben Deines Herzens überschauen zu dürfen . Wenn es auch ein Mangel in mir ist , daß ich Dir nur wenig sagen kann , so ist es Mangel an Fassung über alles , was Du mir gibst . Ich schreibe Dir diesen Augenblick im Flug ; denn ich fürchte da zu verweilen , wo so viel Überströmendes mich ergreift . Fahre fort , Deine Heimat bei der Mutter zu befestigen ; es ist ihr zu viel dadurch geworden , als daß sie Dich entbehren könnte , und rechne Du auf meine Liebe und meinen Dank . G. An Goethe Frankfurt , am 29. Juni Wenn ich alles aus dem Herzen in die Feder fließen ließ , so würdest Du manches Blatt von mir beiseite legen , denn immer von mir und von Dir , und einzig von meiner Liebe , das wär doch nur der bewußte ewige Inhalt . Ich hab ' s in den Fingerspitzen und meine , ich müßte Dir erzählen , was ich nachts von Dir geträumt habe , und denk nicht , daß Du für anders in der Welt bist . Häufig hab ich denselben Traum , und es hat mir schon viel Nachdenken gemacht , daß meine Seele immer unter denselben Bedingungen mit Dir zu tun hat ; es ist , als solle ich vor Dir tanzen , ich bin ätherisch gekleidet , ich hab ein Gefühl , daß mir alles gelingen werde , die Menge umdrängt mich . - Ich suche Dich , dort sitzest Du frei mir gegenüber ; es ist , als ob Du mich nicht bemerktest und seiest mit anderem beschäftigt ; - jetzt trete ich vor Dich , goldbeschuhet , und die silbernen Ärme hängen nachlässig , und warte ; da hebst Du das Haupt , Dein Blick ruht auf mir unwillkürlich , ich ziehe mit leisen Schritten magische Kreise , Dein Aug verläßt mich nicht mehr , Du mußt mir nach , wie ich mich wende , und ich fühle einen Triumph des Gelingens ; - alles , was Du kaum ahnest , das zeige ich Dir im Tanz , und Du staunst über die Weisheit , die ich Dir vortanze , bald werf ich den luftigen Mantel ab und zeig Dir meine Flügel und steig auf in die Höhen ; da freu ich mich , wie Dein Aug mich verfolgt ; dann schweb ich wieder herab und sink in Deine umfassenden Arme ; dann atmest Du Seufzer aus und siehst an mir hinauf und bist ganz durchdrungen ; aus diesen Träumen erwachend , kehr ich zu den Menschen zurück wie aus weiter Ferne ; ihre Stimmen schallen mir fremd und ihre Gebärden auch ; - und nun laß mich bekennen , daß bei diesem Bekenntnis meiner Traumspiele meine Tränen fließen . Einmal hast Du für mich gesungen : » So laßt mich scheinen , bis ich werde , zieht mir das weiße Kleid nicht aus . « - Diese magischen Reize , diese Zauberfähigkeiten sind mein weißes Kleid ; ich flehe auch , daß es mir bleibe , bis ich werde , aber Herr : diese Ahnung läßt sich nicht bestreiten , daß auch mir das weiße Kleid ausgezogen werde , und daß ich in den gewöhnlichen des alltäglichen gemeinen Lebens einhergehen werde , und daß diese Welt , in der meine Sinne lebendig sind , versinken wird ; das , was ich schützend decken sollte , das werde ich verraten ; da , wo ich duldend mich unterwerfen sollte , da werde ich mich rächen ; und da , wo mir unbefangne kindliche Weisheit einen Wink gibt , da werd ich Trotz bieten und es besser wissen wollen ; - aber das Traurigste wird sein , daß ich mit dem Fluch der Sünde belasten werde , was keine ist , wie sie es alle machen ; - und mir wird Recht dafür geschehen . - Du bist mein Schutzaltar , zu Dir werd ich flüchten ; diese Liebe , diese mächtige , die zwischen uns waltet , und die Erkenntnis , die mir durch sie wird , und die Offenbarungen , die werden meine Schutzmauern sein ; sie werden mich frei machen von denen , die mich richten wollen . Dein Kind An Goethe Vorgestern waren wir im » Egmont « , sie riefen alle : » Herrlich ! « Wir gingen noch nach dem Schauspiel unter den mondbeschienenen Linden auf und ab , wie es Frankfurter Sitte ist , da hört ich tausendfachen Widerhall . - Der kleine Dalberg war mit uns ; er hatte Deine Mutter im Schauspiel gesehen und verlangte , ich solle ihn zu ihr bringen ; sie war eben im Begriff , Nachttoilette zu machen , da sie aber hörte , er komme vom Primas , so ließ sie ihn ein ; sie war schon in der weißen Negligéjacke , aber sie hatte ihren Kopfputz noch auf . Der liebenswürdige feine Dalberg sagte ihr , sein Onkel habe von oben herüber ihre freudeglänzenden Augen gesehen während der Vorstellung , und er wünsche sie vor seiner Abreise noch zu sprechen , und möchte sie doch am andern Tag bei ihm zu Mittag essen . Die Mutter war sehr geputzt bei diesem Diner , das mit allerlei Fürstlichkeiten und sonst merkwürdigen Personen besetzt war , denen zulieb die Mutter wahrscheinlich invitiert war ; denn alle drängten sich an sie heran , um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen . Sie war sehr heiter und beredsam , und nur von mir suchte sie sich zu entfernen . Sie sagte mir nachher , sie habe Angst gehabt , ich möge sie in Verlegenheit bringen ; ich glaube aber , sie hat mir einen Streich gespielt , denn der Primas sagte mir sehr wunderliche Sachen über Dich , und daß Deine Mutter ihm gesagt habe , ich habe einen erhabenen ästhetischen Sinn . Da nahm er einen schönen Engländer bei der Hand , einen Schwager des Lord Nelson , und sagte : » Dieser feine Mann mit der Habichtsnase , der soll Sie zu Tisch führen , er ist der schönste von der ganzen Gesellschaft , nehmen Sie vorlieb ; « der Engländer lächelte , er verstand aber nichts davon . Bei Tisch wechselte er mein Glas , aus dem ich getrunken hatte , und bat mich um Erlaubnis , daraus zu trinken , der Wein würde ihm sonst nicht schmecken ; das ließ ich geschehen , und alle Weine , die ihm vorgesetzt wurden , die goß er in dies Glas und trank sie mit begeisterten Blicken aus ; es war eine wunderliche Tischunterhaltung ; bald rückte er seinen Fuß dicht an den meinigen und fragte mich , was meine liebste Unterhaltung sei ; ich sagte , ich tanze lieber , als ich gehe , und fliege lieber , als ich tanze , und dabei zog ich meinen Fuß zurück . Ich hatte meinen kleinen Strauß , den ich vorgesteckt hatte , ins Wasserglas gestellt , damit er nicht so bald welken solle , um ihn nach Tisch wieder vorzustecken , er frug : » Will you give me this ? « Ich nickte ihm , er nahm ihn , daran zu riechen und küßte ihn ; er steckte ihn in Busen und knöpfte die Weste darüber zu und seufzte , und da sah er , daß ich rot ward . - Sein Gesicht übergoß sich mit einem Schmelz von Freundlichkeit ; er wendete es zu mir , ohne die Augen aufzuschlagen , als wolle er mich auffordern , seine wohlgefällige Bildung zu beachten ; sein Fuß suchte wieder den meinen , und mit leiser Stimme sagte er : » Be good , fine girl . « - Ich konnte ihm nicht unfreundlich sein , und doch wollte ich gerne meine Ehre retten ; da zog ich das eine End meines langen Gürtels um sein Bein und band es geschickt an dem Tischbein fest , ganz heimlich , daß es niemand sah ; er ließ es geschehen , ich sagte : » Be good , fine boy . « - Und nun waren wir voll Scherz und Witz bis zum End der Tafel , und es war wirklich eine zärtliche Lust zwischen uns ; und ich ließ ihn sehr gern meine Hand an sein Herz ziehen , wie er sie küßte . - Ich hab meine Geschichte der Mutter erzählt , die sagt , ich soll sie Dir schreiben , es sei ein artig Lustspiel für Dich , und Du würdest sie allein schön auslegen ; es ist ja wahr , Du ! Der es weiß , daß ich gern den Nacken unter Deine Füße lege , Du wirst mich nicht schelten , daß ich der Kühnheit des Engländers , der gern mit meinem Fuß gespielt hätte , keinen strengeren Verweis gab . - Du , der die Liebe erkennt und die Feinheit der Sinne , o wie ist alles so schön in Dir ; wie rauschen die Lebensströme so kräftig durch Dein erregtes Herz und stürzen sich mit Macht in die kalten Wellen Deiner Zeit und brausen auf , daß Berg und Tal rauchen von Lebensglut , und die Wälder stehen mit glühenden Stämmen an Deinen Gestaden ; und alles , was Du anblickst , wird herrlich und lebendig . Gott , wie gern möcht ich jetzt bei Dir sein ! Und wär ich im Flug , weit über alle Zeiten und schwebte über Dir : ich müßte die Fittiche senken und mich gelassen der stillen Allmacht Deiner Augen hingeben . Die Menschen werden Dich nicht immer verstehen , und die Dir am nächsten zu stehen behaupten , die werden am meisten Dich verleugnen ; ich seh in die Zukunft , da sie rufen werden : » Steiniget ihn ! « Jetzt , wo Deine eigne Begeistrung gleich einem Löwen sich an Dich schmiegt und Dich bewacht , da wagt sich die Gemeinheit nicht an Dich . Deine Mutter sagte letzt : » Die Menschen sind zu jetziger Zeit alle wie Gerning , der immer spricht : Wir übrigen Gelehrten , und ganz wahr spricht ; denn er ist übrig . « - Lieber tot als übrig sein ! Ich bin es aber nicht , denn ich bin Dein , weil ich Dich erkenne in allem . - Ich weiß , daß , wenn sich auch die Wolken vor dem Sonnengott auftürmen , daß er sie bald wieder niederdrückt mit glänzender Hand ; ich weiß , daß er keinen Schatten duldet als den er unter den Sprossen seines Ruhmes sich selber sucht . - Die Ruhe des Bewußtseins wird Dich überschatten ; - ich weiß , daß , wenn er sich über den Abend hinwegbeugt , so erhebt er wieder im Morgen das goldne Haupt . - Du bist ewig . - Drum ist es gut mit Dir sein . Wenn ich abends allein im dunklen Zimmer bin und des Nachbars Lichter den Schein an die Wand werfen , zuweilen auch Streiflichter Deine Büste erleuchten , oder wenn es schon still in der Stadt ist , in der Nacht ; hier und dort ein Hund bellt , ein Hahn schreit ; - ich weiß nicht , warum es mich oft mehr wie menschlich ergreift ; ich weiß nicht , wo ich vor Schmerz hin will . - Ich möchte anders als wie mit Worten mit Dir sprechen ; ich möchte mich an Dein Herz drücken ; - ich fühl , daß meine Seele lodert . - Wie die Luft so fürchterlich still ruht kurz vor dem Sturm , so stehen dann grade meine Gedanken kalt und still , und das Herz wogt wie das Meer . Lieber , lieber Goethe ! - Dann löst mich eine Rückerinnerung an Dich wieder auf ; die Feuer- und Kriegszeichen gehen langsam an meinem Himmel unter , und Du bist wie der hereinströmende Mondstrahl . Du bist groß und herrlich und besser als