rieß sich sein Finger von ungefähr an ein hervorragendes Nägelchen , das Blut tropfte heftig , und befleckte die zarten Gestalten . Wie er im Schmerze nun die Puppen von sich warf , bemerkte er , wie jedes Figürchen auf dem Boden sich krampfhaft herumwand , wie sie immer größer wuchsen , und endlich ihn und seinen Stuhl umringten , indem sie die bleichen , verzerrten Gesichter über seine Schulter senkten . Es waren Robert , Massiello , der Herzog , der Abt , Jokonde und Eva , auch Enzio und der alte Fleackwouth fehlten nicht , doch allen klebte ein schwarzer , riesiger Blutstropfe im Gesicht und an der Kleidung . Ein ungeheures Entsetzen erfaßte den Armen ; er fühlte , wie er zum Spotte dasitze am Kindertischchen als siebenundzwanzigjähriger Jüngling , er schrie laut auf , und rief den Namen seiner Mutter ; da - o , es war schrecklich - zitterte das Bild am Fenster , wie ein wankender Schatten , den die Laterne eines Vorübergehenden auf die Wand eines gegenüberstehenden Hauses wirft , das Antlitz wandte sich langsam um und Eduard erkannte ein seltsames fremdes Gesicht . Die Haube war verschwunden , statt ihrer zog sich ein weißes Tuch halb über die Stirne , und eine Seitenlocke , die sich gelöst , hing auf den Hals herab . Die Gestalt hob die Arme , als wollte sie den Jüngling zu sich winken , ein ernstes Lächeln lag wie ein schwindender Glanz auf den stolzen Zügen . Mit Gewalt wollte er zu ihr , da fühlte er seine Hand gefaßt von einer kalten Berührung , zugleich schob ein voller Mädchenarm über die Schulter ihn ein Billet in den Busen . Ein stechender Schmerz stieg wie ein Mißton in die feinsten Nervengänge seines Gehirns hinauf , er fühlte , wie die Mädchengestalt sich über ihn beugte und ihre Lippen seine offene Brust glühend berührten . Er erwachte , die Wunde auf der Brust war aufgesprungen , der Graf saß an seinem Lager und hielt die Rechte des Kranken gefaßt . » Wo ist meine Mutter ! « schrie dieser und warf den irren Blick in das dämmernde Gemach - » wo ist sie ! sie hat mir etwas sagen wollen . « Der Graf beugte sich über ihn , er hatte den Zustand der Wunde bemerkt , und indem er die Tücher neu ordnete , fiel ein zusammengefaltetes Papier ihm in die Hände , Eduard griff darnach ; » ich weiß , « rief er , » eine Gestalt , die mir bekannt schien , hat es mir eben in den Busen gesteckt . « Der Graf sah ihn mit großen Augen an - » Sie träumen noch , « rief er , » es ist Niemand im Zimmer gewesen als ich , und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort , daß ich nichts von diesem Papier weiß . « Eduard hatte es entfaltet und las die Worte mit einer zierlichen Hand geschrieben : » Ueberdruß , Kälte und Verachtung umklammern ein Herz , das für Liebe , Freiheit und Tugend geschaffen ward ! O wenn Du mir folgtest , Jüngling ! « - In Eduards Kopfe vermischte sich Traum und Wirklichkeit , mit dumpfer Beharrlichkeit dachte er den räthselhaften Gestalten nach , ohne zu einem Resultat kommen zu können , bis er endlich erschöpft in die Polster seines Lagers zurücksank ; der Graf ergriff jene Zeilen , die der Hand des Erschöpften entglitten , und rief , nachdem er sie flüchtig durchlaufen : » Nun wahrlich , haßte ich nicht ohnedies alles Geheimnißvolle , so würde ich mich dennoch schämen , der Beförderer solcher Gemeinplätze und abgeschmackter Phrasen zu seyn . Wo dergleichen Thorheiten beginnen , hört sogleich alle gesunde Vernunft auf . Lassen wir den Spuck , junger Freund , wahrscheinlich hat ein verschmitzter Bote , von irgend einem schönen Kinde gesandt , Mittel gefunden , das läppische Geheimniß Euch unvermerkt aufs Lager zu schleudern . « Eduard antwortete nicht , sein inneres Auge war auf die Gebilde des Traums geheftet , besonders auf die Gestalt , die seine Mutter vorstellte und dennoch nicht war . Er hätte weinen mögen , als er leise jenes alte Jugendlied vor sich hinsang , und nur die Gegenwart des Grasen drängte Thränen wie Worte in seine Brust zurück . Als jener fortging , verfiel er in einen langen , wohlthätigen Schlummer . Mehrere Wochen waren auf diese Weise dahingegangen ; die Nachricht war eingelaufen , daß die fürstliche Braut bedeutend krank liege und sich auf ein nahe gelegenes Lustschloß zurückgezogen habe ; der Herzog war verreist , man wußte nicht wohin ; es herrschte in der Residenz Trübsal und Verwirrung , im Geheim erzählte man sich von der Ankunft eines Mannes , welcher als Haupt einer weitumfassenden Verbindung politische Reformen zur Absicht habe . Es hatte sich ein Kreis von Mißvergnügten um ihn gebildet , und die Gestalt der Dinge war durch die mannigfaltigsten Umstände schon wesentlich verändert worden . In diesen Tagen erhielt unser Eduard ein Schreiben von der Oberhofmeisterin , in dem sie ihn aufforderte , das Bild des Fräuleins Magdalena , welches er einmal dem Fürsten versprochen hatte , zu malen . Als er eben diese Zeilen las , traten der Abt und Massiello herein . Sie freuten sich , ihren Freund so gesund zu sehen , und es wurde von nichts als von Reiseplänen gesprochen . Eduard konnte sein Mißbehagen nur schlecht verbergen ; er hatte sich vorgenommen , den Fürsten , das Fräulein , den ganzen Hof nicht wieder zu sehen und nun wurde er durch jenen Brief wieder in den verhaßten Kreis hineingezogen . » Auch wir reisen , « rief Massiello in einer exaltirten Laune ; » ich will doch wirklich sehen , ob alles so gut und trefflich ist , wie Gott seine Schöpfung rühmt im ersten Buch Mose ; heutzutage muß man durchaus keiner gegebenen Versicherung glauben beimessen ; übrigens will ich diesen jungen Menschen - er zeigte auf den Abt - in die Welt einführen . « Der Abt lächelte und sagte : » Wir entfliehen eigentlich nur dieser Stillen-Freitag-Stimmung , welche sich hier Platz gemacht hat . Man redet und ißt seit langer Zeit nichts Gutes mehr . « » Vielleicht , « rief Massiello , » treffen wir Dich , Du Süßer , in irgend einer kapitalen Stadt , wo Du mit deinem Prinzip der reinen Bestialität herumwandelst , indessen wir als ein paar essende und singende Menschen hinein und wieder durchschwärmen . Es ist in diesen Tagen mir auch ein ganz neuer Stoff zu Oper und Ballet gekommen , und zwar aus einer erz-frommen Zeit , wo jeder auftretende Vater gleich von vorn herein ein Erz-Vater ist , nämlich aus Abrahams Zeit , durch welches Stück ich mir dereinst einen sehr warmen , bequemen Platz im Schoße dieses Mannes im Himmel zu bereiten gedenke . Die Oper führt den Titel : Die Bitte um Fruchtbarkeit . Zuerst erscheint Abraham und tanzt ein etwas frivoles Solo , im Hintergrunde sekundirt ihn Sara mit einigen Hirtinnen des Thals Mamre , dann tritt eine Hirtin vor , und gesteht unter Begleitung von Janitscharenmusik , vermischt mit Trompeten und Pauken , in zarter Verschämtheit , daß sie sich Mutter fühle , wobei sie einige decente Sprünge macht und sich entfernt . Abraham hat sie verstanden und wüthet , indem er sein Loos beklagt ; es folgt ein Pas de deux mit Sara , das in leidenschaftlichen kurzen Sätzen von der Musik begleitet wird . Der Erzvater läßt sich offenbar zu zürnender Ungerechtigkeit verleiten , Sara spielt im gekränkten Selbstgefühl das leidende Weib , und bleibt zuletzt , mit dem rechten Fuß radschlagend und es wagerecht stolz gegen Abraham hinschleudernd , auf dem linken drei Minuten lang stehen , mit dem vollen glänzenden Lächeln gekränkter Unschuld . Ungeheures Applaudissement ; der Vorhang fällt . Den zweiten Akt eröffnet ein Engel , mir der Arie di tanti palpiti - er zieht sich in ein Gebüsch zurück ; Sara erscheint , indem sie ihre Bitten vorträgt ; man bemerkt im Hintergrunde einige moralisch verdorbene Hirten , welche sich moquiren . Die Musik ist bei dieser Stelle durchaus unfruchtbar und deßhalb aus einigen beliebten neuen Componisten entlehnt . Jetzt tritt der Engel hervor , und Sara tanzt mit ihm , doch merkt man schon , daß es ihr schwer wird . Abraham hat sich indeß bei den Hirten erkundigt , wer der junge Mann sey , und da er nichts hat erfahren können , stürzt er eifersüchtig in den Vorgrund . Sara lächelte still , und spielt in einer artigen naiven Arie auf ihr fast hundertjähriges Alter an ; der Engel erklärt sich und seine Sendung , Abraham jauchzt auf , Hirten und Hirtinnen füllen die Bühne , und die Scene schließt mit der Menuet aus dem Don Juan . Im dritten und letzten Akt erscheint Isaak ; er macht eine anständige Verbeugung gegen das Publikum , und gesteht , daß er es selbst nicht geglaubt habe , daß er noch erscheinen werde . Er nimmt darauf Unterricht im Tanz und leistet etwas Unglaubliches , die gerührten Eltern und das ganze Thal Mamre klatscht Beifall . Die moralisch verdorbenen Hirten sind zu ihren Verwandten in die Städte Sodom und Gomorrha gegangen , und man sieht diese beiden verdammten Residenzen im Hintergrunde aufbrennen . In der Schlußscene erscheint Adam als Harlekin , Eva als Colombine , der böse Geist als Dottore , die Gegend verwandelt sich in das Paradies ; ein Orangoutang tanzt mit einer jungen Aeffin ein komisches Pas de deux , Löwen und Kameele gehen über das Theater , ihnen folgt der Hund des Aubri und der Kater Murr ; alles treibt sich bunt durcheinander , ein militärisches Manöver und der marseiller Marsch beschließen das Ganze . Nicht wahr , Freunde , eine großartige Composition ? « - Eduard und der Abt hatten gelacht , doch der letzte lenkte schnell ab und sprach vom Grafen . » Haben Sie bemerkt , Theurer , daß dieser Mann sich nichts geringeres vorgesetzt hat , als der Zeit eine Richtung zu geben . Wenn ich nur dergleichen nicht fände ; was soll das , wozu führt das ? Da sitzt eine halbe Million Menschen auf dem Erdboden vertheilt , und horcht und lauscht an den Boden gedrückt , ob sie nicht den Schritt der Zeit vernehmen . Mit lauter Entwürfen , die Zeit einzurichten und zu gestalten , geht sie ihnen selbst ganz ungenützt dahin ; sie gleichen einem Kinde , das so viele weitläufige Anstalten zu einem Spiele trifft , daß darüber die Spielstunde zu Ende läuft . Doch an dieser Krankheit liegt jezt die ganze Welt nieder . Wir ahnen Großes und Entsetzliches , und stämmen Hände und Leiber vor , als wollte eine Wand einstürzen , und nachher , wenn nichts stürzt , so stehen die tausend gehobenen-Arme und gebückten Leiber äußerst possirlich da . Ein kluger Mann muß , wie in einem übelgebauten Wagen , so auch in einer schlimmen Zeit , immer noch ein Plätzchen ausfinden können , wo es sich leidlich bequem sitzen und träumen läßt . « - Massiello hatte sich auf einen Lehnsessel geworfen und indem er beide Hände vors Gesicht schlug , stieß er einen tiefen und durchdringenden Seufzer aus . » O , ich bin müde zu leben , « rief er ; » ich finde keine Worte , für den Ekel , der mich ergreift ! Alle Erscheinungen haben sich schon bis zum Ueberdruß in mir wiederholt , und ich bin jeder Erbärmlichkeit vertraut geworden . Es ist alles nichts , alles fad , alles todt , staubig , verkohlt - erbärmlich ! « - Eine lange Pause entstand , dann gingen die Freunde still auseinander , keiner vom Wesen des andern erbaut und erkräftigt . Eine Frist , die unser Freund vom Arzte sich hatte vorschreiben lassen , war verlaufen und es fand sich keine Entschuldigung mehr , die den längern Aufschub des Besuches im Schlosse hätte möglich machen können ; so trat er denn eines Abends zu Pferde , von einem Diener begleitet , die Reise an . Der Frühling war in seinem vollen Glanze erwacht , die lezten rauhen Athemzüge des Winters verhauchten in dampfende Nebel , der die tiefsten Thäler noch einhüllte , goldne Strahlen entzündeten die Welt , und leichte süße Gesänge wiegten sich auf den sprossenden Zweigen . Gegen die Nacht kam ein Gewitter herauf und ein warmer qualmender Brodem stieg mit einem betäubenden Geruch aus dem Boden des Waldes , einige dumpfe Schläge ertönten , dann herrschte tiefe Stille und während der matte Glanz der Blitze um die Blüthen herumfuhr , tropfte ein warmer Regen nieder . Eduard hatte sich mit seinem Diener unter einem Baume niedergelassen und den Rock aufgeknüpft ; zum erstenmal wieder schmerzte ihn seine Wunde empfindlich , und er mußte gebückt sitzen , die Hand auf dem entblößten Busen . Das geheimnißvolle Blatt kam ihm wieder in die Hände , er heftete in der Dunkelheit sein Auge drauf , und es war ihm , als sähe er wieder jene blendend weiße Hand über seine Schulter reichen , um ihm das Papier zu entreißen , heftiger schloß er es an sich und blickte um . Tiefe Finsterniß hüllte jezt den Wald , heftig rauschte der Regen und leuchtende Blitze schossen nieder . Eine Unruhe , die er sich nicht erklären konnte , trieb ihn an , das Pferd zu besteigen und in die Nacht hinein sein Ziel zu verfolgen . Das Wetter ließ bald nach , und als unser Reiter bei den ersten frischen Morgenstrahlen aus dem Walde herausritt , zeigte sich ihm das Schloß und seine Umgebungen . Es lag in romantischer Wildheit am Abhang eines Berges und ein Theil desselben lehnte sich in starren Umrissen an eine schroff emporsteigende Felswand . Brücken , hier und da noch mit dem alterthümlichen Schmuck früher Jahrhunderte versehen , liefen über Abgründe und verbanden die schweren Massen mit einander , sicher und zierlich aufsteigende Thürme und Thürmchen umstellten den Bau wie schützend nach allen Weltgegenden hin und auf den spitzigen Dächern blitzten im Abendlicht die blanken Knöpfchen . Weiter unten , halb im Thal , erhob sich ein modernes Gebäude , zierlich ausgestattet , vom hellen Grün schön geordneter Baumgruppen umschlossen . Eduard stieg hier vom Pferde und auf seine Frage nach dem Schloßintendanten wies man ihn hinauf in die fürstlichen Zimmer . Alsobald machte er sich auch auf den Weg . Oben auf der alterthümlichen Stiege kam ihm ein Diener der Oberhofmeisterin entgegen , ihm den Eingang in den Saal öffnend . Bei seinem Eintritt erblickt er ein Frauenzimmer , welches am lezten Fenster mit dem Rücken gegen ihn saß und sein Erscheinen nicht zu bemerken schien . Bestürzt blieb er stehen und strich sich über die Stirne - es war nur zu deutlich , die Gestalt aus seinem Traume saß vor ihm . Der voraneilende Diener meldete ihn , in dem Augenblick erhob sich die Dame und Eduard erkannte die Fürstin , die ihn huldreich begrüßte . Von ihrem Schoße fiel , indem sie aufstand , ein Stickmuster zur Erde und als sie sich bückte es wieder aufzuheben , löste sich die eine Seitenlocke und sank auf den Hals nieder . Eduard starrte die Prinzessin an , einige Worte stammelnd , welche nur zu deutlich seine innere Bewegung verriethen , in dem Moment öffnete sich eine Thür und Fräulein Magdalena trat herein . Ein ausgewählter Morgenanzug schloß sich ihrem schönen Wuchse an , in ihrem Gesichte lag eine ungewöhnliche Blässe , mit der das volle röthlich braune Haar contrastirte . » Werden Sie mir vergeben , « nahm die Fürstin zu Eduard gewendet das Wort , » wenn ich die Veranlassung bin , daß Sie aus dem Kreise ihrer Freunde , aus den bunten Zirkeln der Residenz sich haben losreißen müssen , um meinem Wunsche zu genügen , das Bild meiner lieben Freundin , « sie zeigte auf das Fräulein , » zu malen ; sie will uns verlassen , meine zärtlichsten Wünsche haben nichts über ihren unbeugsamen Willen vermocht , als nur die eine Vergünstigung , ihr Bild mir ausbitten zu dürfen . « Das Fräulein neigte sich bei diesen Worten mit einem Kusse auf die Hand der Fürstin nieder . Diese Handlung gab Eduarden plötzlich seine ganze Fassung wieder , er glaubte die Heuchlerin zu entdecken , der kein Mittel zu gering war , sich in die Gunst der durch sie beleidigten Fürstin wieder einzudrängen , ja er meinte , das Feuer dieser großen blauen Augen , die eine Zeitlang auf ihm geruht hatten , zu verstehen , das Räthsel jener geheimnißvollen Worte löste sich - sie , sie , rief er bei sich , sie hat dich hergerufen - ihr entschlüpften jene Drohungen und Winke . Eine Kälte erfüllte seinen Busen , das Gespräch , die Umgebung , die Wände des Gemachs , ja das ganze finstere Schloß drängte jetzt beängstigend auf ihn ein . Der Widerwille , der Haß gegen das Fräulein stieg so hoch , daß er jeden Augenblick fürchten mußte , daß sein offener Charakter an ihm zum Verräther werden möchte ; nur der Anblick der Fürstin , die ihn immer von Neuem an seine Mutter erinnerte , war im Stande , ihm den Gedanken an einen längern Aufenthalt in dieser Umgebung nicht zur Marter zu machen . Als unser Freund später zur Abendtafel erschien , trat mit ihm ein ältlicher Mann mit ehrwürdigen Zügen , den die Fürstin als Freiherrn von Werner , den Intendanten des Schlosses , vorstellte , wo Eduard seinen Wohnort aufschlagen sollte , ein . Das Fräulein sprach wenig , ein grüner Schirm bedeckte ihre Augen vor dem Glanze der Kerzen , und da sie den Kopf gesenkt hielt , gewahrte der Blick nur die zarte Rundung und Weiße des Kinnes , so wie ein schön gebildetes blaßrothes Lippenpaar . Oefters reichte ihr die Fürstin die Hand über den Tisch und sagte : » Nun Liebe ? - so traurig ! « Eduard höhnte im Innern die welke Zartheit und spröde Resignation ; alles an diesem Wesen erschien ihm falsch , er sehnte sich nach der heißen , offenen Sinnlichkeit Era ' s. Mit Entzücken vernahm er den Abschiedsgruß der Damen , Ketten sanken von seiner Brust , und er eilte mit dem Baron über die vielen Brücken und Stiegen dem neuen lichten Gebäude zu , in dem er die erste Nacht nun zubringen sollte . Hier hatten alle Gegenstände ein durchaus verschiedenes Aeußere ; im Wohnzimmer , in welches der Freiherr ihn führte , war die Familie versammelt und begrüßte den Ankömmling offen und freundlich . Der Baron war Wittwer , seine Gemahlin hatte ihm eine Tochter und einen Sohn geschenkt . Die erste war ein kleines lebendiges Wesen mit hellbraunen , unstäten Augen ; sie besorgte die Wirthschaft , es zeigte sich jedoch bald , daß sie bei diesem Geschäft mit der größten Eilfertigkeit und Zerstreutheit zu Werke ging , und hundert Dinge vergaß oder falsch ausrichtete ; man sah ihr den Wunsch an , immer wieder so schnell als möglich ihren Platz einzunehmen bei einem Manne in den mittleren Jahren , der sich unserem Freunde als einen Journalisten aus der Residenz ankündigte . Den Bruder Sophiens , ein junger Mensch von blühendem Aussehen , bezeichnete seine Kleidung als einen Forstzögling aus einem nahen Waldstädtchen . Bei seiner kräftigen Jugend und männlichem Geschäfte trat eine große Weichheit seltsam contrastirend bei seinem Benehmen , so wie bei der Gesichtsbildung , deutlich hervor . Er stand lange , während ein munteres Gespräch in der Stube durcheinanderkreuzte , stillschweigend an ' s Fenster gelehnt und blickte hinaus auf das einsam erleuchtete Zimmer im Schlosse , welches in die Nacht herab glänzte ; sein Vater trat endlich zu ihm , und indem er etwas unsanft in die blonden Haare des Träumers fuhr , faßte er ihn um den Leib und zog ihn in die Stube hinein . » Mein Sohn August , « rief er Eduarden zu , den Jüngling vorstellend - » Forstkadet in R - . « Man setzte sich zum Nachtische , den Sophie besorgt hatte , und in dem Moment trat ein ältlicher Mann ein , den der Hausherr Ottfried nannte und als seinen jüngsten Bruder bezeichnete . » Ich bin mit meiner Familie , « fuhr der Baron fort , » in eine sonderbare Verwirrung gerathen ; ein Theil , zu dem mein Bruder auch gehört , ist offenbar zu alt , der andere - dort meine lieben Kinder , möchten fast ein wenig zu jung seyn , es fehlt an einem gewissen Mittelstand . « - » Den bildet doch wohl unser Freund dort , « sagte Ottfried , indem er auf den Journalisten zeigte . - » Gott behüte , « rief dieser , » ich gehöre unbedingt der neuen und neuesten Zeit an , es gibt kein Bündniß mit alten Irrthümern ; Krieg , offener Krieg und keine Vermittelung ist mein Wahlspruch . « Er sprach diese Worte wie im Scherze leicht hin , dennoch war es nicht zu verkennen , daß seine wahre Ansicht sich nur dürftig maskirte , um in Gegenwart eines Fremden , dessen Gesinnungen ihm noch ein Geheimniß waren , nicht zu entscheidend aufzutreten . Sophie ließ sich angelegen seyn , ihrem Freund allerlei Leckerbissen zuzuwenden , und dieser zog endlich zum Dank für diese zarte Aufmerksamkeit die neuesten politischen Blätter hervor , indem er sich anschickte , Einiges daraus vorzulesen . » Halt , halt , Theuerster , « rief der Baron , » lassen wir unsern jungen Freund nicht gleich zum Willkommen die alten kreischenden Trompeterstückchen hören , die jetzt alle Ohren gellen machen - nachher , nachher findet sich wohl ein Stündchen ; besser wird es seyn , etwas über unsere Bekannten in der Residenz zu vernehmen . « Der Doktor schlug seine Blätter mit merklichem Unwillen zusammen , und Eduard ward aufgefordert , zu erzählen . Das Gespräch kam auf die Poesie und die neuesten Erscheinungen in diesem Fach . » Wenn wir davon reden sollen , « nahm der Journalist wieder das Wort , » so ist die erste und wichtigste Frage , was suchen wir heutzutage in der Poesie ? « - » Zerstreuung , Erheiterung , Erhebung aus der verwirrten dumpfen Zeit , « rief der Baron mit Nachdruck . - » Freilich wohl , « nahm der Erstere wieder das Wort , » Erhebung - das soll sie uns geben und das wird sie . Gottlob , die Zeit ist vorüber , wo diese edle Kunst , wie alle übrigen , nur dem Kitzel der Höfe diente , und ein paar tausend Menschen mit ihr wie mit der Puppe spielten . Drum nichts von Zerstreuung , Erheiterung - wir sollen nicht zerstreut , erheitert werden ; eine finstere , thatendrängende Zeit fordert Arbeit , Mühe , schnelle begeisterte Wirksamkeit . Der Brand umgestürzter Reiche , der alten Gerüste und Satzungen hat , so wie das Blut untergegangener Generationen , den Boden gedüngt , und die hellstrahlende Sonne ächter Aufklärung zeitigt jetzt in jäher Schnelle die aufkeimende Saat ; alles ist Regung und Bewegung ; der scharfe tragische Dolch der Muse , mit dem die Hand früher gespielt , jetzt gilt es , in einer Männerfaust seine Schärfe , seine hartgeschliffene Spitze zu erproben . Hinweg mit der markausspülenden Weichlichkeit jener Poeten , deren Faunsgesichter , von Perückenlocken umschattet , mit lüsterner Gier in den Falten des alten Paradebetts lauschen , wo die alte buhlerische Koquette der Despotie sich ziert und winkt . Die morschen Pendülen mit den Porzellanmöpschen und Schäferinnen haben ihre letzte Stunde gewispert ; ein wunderbarer Sturm rauscht hinter jenen Tapeten und rüttelt an den versteckten Thüren , durch welche Wollust und Verrath einschlichen . Ein flammenschöner , in jungfräulicher Herbigkeit felsenharter Joseph reißt sich die junge Freiheit aus den verfolgenden Armen der alten Koquette , welche in welker Ohnmacht zurückbleibt ; gerne opfert er den Mantel , alles irdische Gut , wenn er nur das himmlische seines Busens rettet . « Ein Schweigen trat ein nach diesen lebendigen Worten , Sophie schmiegte sich an den Sprecher und sah ihm in die funkelnden Augen . Der Baron nahm das Wort und sagte : » Ihr habt vollkommen recht , Doktor , unter den grauen mittelalterlichen Schutt von zerbröckelten Kirchthürmen , den altmodischen Porzellanmöpschen und Perücken gehören auch jene albernen gothischen Irrthümer von Andacht , Liebe , Begeisterung , und Ihr thut wohl daran , wenn Ihr drauf besteht , daß alles miteinander ausgekehrt werde , damit aus der alten wunderlichen Kinderstube des Menschengeschlechts , voll summender Mährchen und Kindergebete , ein feiner offener Salon werde , wo politische Zeitschriften gelesen werden können , und man über den neuesten Wechselcours verständige Betrachtungen austauschen kann . « - » Wir werden uns nimmermehr verstehen , « fuhr der Journalist auf , » und es wäre besser , es käme nie zu einem so unfruchtbaren Austausch ; desto besser hat mich hier meine junge Freundin verstanden , nicht wahr ? « - Sophie erröthete und neigte ihr Antlitz tief herab , dann hob sie es langsam , und ein Blick auf den Vater zeigte , daß ihre Zunge es nicht wagen dürfe , offen den Beifall zu äußern , den sie im Geheimen den Worten des Redners gab . - » Ich erlebe es noch , « fuhr der Baron fort , » Sie , Herr Doktor , im offenen Kampf mit Fürst und Thron zu sehen ; vielleicht treffen wir uns noch in einem engen Gewahrsam wieder , wo wir beide Zeit genug behalten , einer an dem andern Proselyten zu machen . « - » Ich stehe überall meinem Mann , « erwiderte der Angegriffene , » und gehe , wie Jeder heutzutage , gewappnet umher ; doch möchte mir gerade das thätliche Eingreifen nicht als Beruf gegeben worden seyn , es gibt im Felde der Ideen noch zahllose rühmliche Kämpfe zu bestehen . Hier , wie in jeder kräftigen Weltsache , gehen der falschen Apostel in Menge herum , und es fehlt am Judas nicht , der die Freiheit um dreißig Silberlinge verläugnet . Zahllose Meinungen schweifen in der Irre umher und bekämpfen im Irrthum und in der Finsterniß sich selber , der Taumel wächst hier zum frechen Uebermuth , indeß der Eifer für die gute Sache dort im trägen Indifferentismus unterzusinken droht , dort ist also Zaum , hier sind Sporen nöthig , und so gibt ' s für einen Kopf , dem Ernst und Klarheit geworden , genug zu thun , Einheit und Richtung in die wogende , drängende Masse zu bringen . Gab es einmal eine Zeit , wo es lieblich , erlaubt und schön war , den Geist in eine poetische Ferne zu tauchen , am verklärten Schmerz und Entzücken sich zu berauschen , im Reiche der Phantasie zu leben , so muß das jetzige Geschlecht diesen Genuß aufgeben und dafür die Ehre haben , Thaten auszustreuen , die den kommenden Geschlechtern Stoff zu Liedern und Hymnen geben . Es genügt nicht , in Ruhe die kunstreichen Gebilde auf dem Schilde der Minerva zu betrachten , sondern es gilt , ihn zu führen im Streite . « Der Baron erhob sich und auch die Andern brachen auf , man trennte sich , um zu Bette zu gehen . Ottfried kam auf unsern Freund zu , und indem er ihm die Hand drückte , bat er ihn , sich in das Profil zu stellen . Eduard that es , und der freundliche Mann sagte nach einer Pause , während deren er ihn aufmerksam beobachtet hatte : » Nicht wahr , Sie sind ein Dichter ? gestehen Sie es nur , ich trüge mich nicht . « Eduard gestand , daß er Verse niedergeschrieben . » Ja , ja , « rief Ottfried , » o mein Freund , ich habe Ihnen viel zu vertrauen , doch das zur gelegenern Stunde . « Als Eduard sein Zimmer erreicht hatte , löschte er schnell die Kerzen aus , und ließ den vollen silbernen Strom des Mondlichts über den Schreibtisch und Armstuhl auf den Boden fallen , er trat an ' s Fenster und es öffnend , blickte er auf das gegen die finstere Wolkenwand weißlich hervortretende Schloßgemäuer . Die Fenster schillerten im Mondglanz und es sah aus , als gäbe es drinnen ein prächtiges Fest . Alles umher war Ruhe und Stille ; noch eben hatten leidenschaftliche Worte einer Menschenrede an sein Ohr getönt , sie waren verhallt , und durch das Schweigen des Grabes tönte das leise Geflüster der Blätter der unter seinem Fenster aufstrebenden Baumgipfel . Jetzt strich ein Luftzug durch ' s Gemach , und die Papiere auf dem Tische flogen auf , er sah im Schlosse ein einsam wandelndes Licht die lange Fensterreihe durchstreifen , und die Uhr im nahen Dorfe schlug die zwölfte Stunde . Er suchte das Bett und sank bald in einen tiefen Schlaf . Als er am Morgen sich zum Frühstücke einfand , saß Sophie allein da , und beschäftigte sich mit den Tassen . Sie stand sogleich auf , und nach einigen gleichgültigen Reden sagte sie : » Die Augenblicke sind selten , wo es einem gestattet wird , Blicke in das Innere eines Menschen zu thun . Sie , mein Herr , haben zufällig gestern den wunden Fleck offen gesehen , der , nach Innen zehrend , das Unglück unserer sonst so zufriedenen Gesellschaft macht . Ich kann es nicht läugnen , ich hege den tiefsten Haß gegen die alten Formen und den Dünkel einer Kaste , die dem Uebermuth und der Tyrannei keine Gränzen zu setzen weiß ; offen bekenne ich , daß mir die höhere philosophische Entwickelung der Ideen , um die es sich handelt , gänzlich fremd ist , und daß zur Bildung meiner Ansichten gekränkte Eitelkeit einen großen , wenn auch nicht den größten Theil beiträgt . Ist es Ihnen