Egoismus geht unterhalb der Formen weg , ohne diese sichtbar zu erschüttern , er gräbt nach Innen , und verwüstet da unmerklich so viel , als sein frecher Zwillingsbruder äußerlich zu Stande bringen kann . Menschen aus den untern Klassen stehen , wie das Wild der Forsten , in einer Art Krieg mit der Welt . Darum ist so viel List und Spürkraft in ihnen . Ihre Taktik macht meine Bewunderung aus . Nenne diese immerhin beschränkt . Wer sieht denn viel rechts und links , wenn er auf etwas Bestimmtes los geht ? Der Instinkt findet seine Schranken vorgezeichnet . Die Erfahrung muß sie erst ziehen lernen . Und lieber will ich blind geboren sein , als blind werden ! Mein loses Gesindel im Walde hat , ich versichere Dich , eher die Gabe , das Unsichtbare zu fühlen , als wir andern , an den Block vornehmer Einseitigkeit Geschmiedete . Die Begriffe der Letztern , die nicht mehr Anschauungen sind , machen sie ganz aberwitzig . Ich bin nun einmal auf die Natur jeder Gestalt angewiesen . Es ist so viel Wehmuth in ihrer Entstellung . Mir erscheint sie oft , wie ein schönes Kind , das die Blattern verzerrte . Die Augen sind doch wenigstens geblieben . Zuweilen blinkt eine Thräne darin , und dann spiegelt sich der Himmel zurück . Meine gegenwärtige Lage paßt auch wohl noch am meisten für mich . Ich bin freier , als irgendwo . Emma ist das beste Herz . Sie läßt mich thun , was ich will . Ich danke es ihr , und freue mich , daß sie eine Unterhaltung in der Gesellschaft einer artigen Frau der Nachbarschaft gefunden hat , ja einer seltenen Frau , Heinrich , wie ich glaube . Sie ist sehr geistreich , und scheint es nicht zu ahnden . Ihr Wesen hat die Farbe der arglosesten Heiterkeit . Mir gefällt sie ungemein . Ich kenne nichts Einfacheres als sie . Ihr Mann ist eine ziemlich gewöhnliche Figur , nicht ohne Verstand , doch auf den ersten Blick hat man das Zunftmäßige an ihm weg . Er gehört zu den Leuten , deren Meinungen sich den Verhältnissen so anpassen , daß sie bald nicht einen Funken Eigenthümlichkeit mehr haben . Zuletzt schrumpfen sie ganz eng zusammen . Je trockner sie dann werden , je reifer glaubt man sie . Du kennst wohl diese Art Menschen , die bis auf das stumme Lächeln immer ein Urtheil aussprechen . Ich lasse sie gern bei Seite . Dieser ließ mich aber nicht . Wahrscheinlich wollte er sehen , ob ich wisse , wie sehr ich ihm verpflichtet . Er hat an der Entscheidung meiner Angelegenheit großen Theil . Wir sprachen darüber . Ich weiß selten viel zu sagen , insbesondere wenn ein Anderer mich hören will . Hier lag mir noch dazu etwas ganz Fremdes im Sinne . Ich suchte mir es deutlich zu machen , wie der Mann zu einer solchen Frau kommen konnte ? In einem Haare hätte ich laut aufgelacht ! Man zeichnet keine ärgeren Karikaturen , als die , welche Zusammenstellungen aus dem Leben bilden ! Darin liegt der Witz der großen Welt , durch den sie sich über sich selbst lustig macht . Wer diese Seite an ihr weg hat , der kennt keine Langeweile . Ich fürchte dies Gespenst sonst mehr als die geträumten , und sah mit einer Art heimlichem Grauen auf eine sogenannte allerliebste Parthie im Grünen , zu der uns die Gräfin Ulmenstein bei sich einlud . Da nun das Grün jetzt schon ziemlich gelb ist , die modernen Gärten mit ihren vielen abgestreiften Pappeln kahl und dürr aussehen , die Gesellschaft mir fremd war , unsere Wirthin ohne Jugendreiz , den Mangel an Geist durch viele unruhige Eitelkeit ersetzt , welche ihr das Prädikat : die Seele der Gesellschaft erwarb , so hegte ich großes Mißtrauen gegen den versprochenen Zauber der Abendversammlung . Aber siehst Du , alles das waren falsche Schlüsse . Denn erstlich nahmen sich die geputzten , städtischen Figuren unter dem herbstlichen Blätterdache , von manchem scharfen Windstoß getroffen , in ihrer Toilette derangirt , und auf diese achtend , so gezwungen , so unsicher , so sichtlich unbequem aus , daß ihre Mühe , sich und Andern hierin zu entgehen , allein schon eine komische Unterhaltung bot . Dann belustigte mich auch die Art und Weise der Gräfin ungemein . Die Sicherheit , mit der sie das Gewöhnliche für etwas Besonderes ausgiebt , und wirklich ihren Zweck erreicht , niemals um eine Antwort verlegen ist , jede Einwendung berichtigt . Ich sage Dir , es ist zum Todtlachen ! Und Viele lassen sich belehren , obgleich eigentlich kein Sinn und Verstand in allen den angeführten Gründen ist . Wie geht das zu ? Solche Probleme machen mir sehr viel Spaß ! Ich bin diesem indeß ziemlich auf der Spur . Die Frau rückt gleich mit ganz außerordentlicher Höflichkeit ins Feld . Dadurch stumpft sie , von Hause aus , die Waffen ihrer Gegner ab , dann wickelt sie die Aufmerksamkeit eines Jeden , den sie überzeugen will , mit unglaublicher Behendigkeit auf einen Knäuel , in welchem die gemischten Fäden zusammen laufen . Niemand ist im Stande , einen einzigen festzuhalten . Mit dem Letzten schürzt sie dann geschwind das Ganze zusammen und wirft den Ball auf gut Glück in die Luft . Man sieht ihn fliegen , und läßt es gut sein ! Sie ist fertig . Die Wenigsten denken daran , daß sie es nicht sein können . Dadurch behauptet sie ihren Ruf . Selbst der Comthur glaubt einigermaßen an sie . Sein Benehmen drückt eine Berücksichtigung aus , die eigentlich nichts rechtfertigen kann , als eben dieser Ruf . Ueberhaupt finde ich die heutigen alten Leute immer viel leichter bestochen und über die Gegenstände der Anerkennung getäuscht , als unsers Gleichen . Dem galanten Manne aus jener Zeit fällt es nicht ein , daß eine Frau von Ton anders als bedeutend sein könne . Der Onkel beweist mir übrigens täglich mehr , daß die Abgeschlossenheit , in der er so streng verharrt , nichts als ein enger Rock ist , der ihn tausendmal kneift , und ihn gleichwohl nicht ablegt , weil er einmal der Welt darin bekannt ist . Zuweilen knöpft er ihn auf . Dann schlägt sein Herz frei , die Worte gehen von selbst über die Lippen , er wird ein anderer Mensch . Unsere Nachbarin , die schöne Elise , gilt viel bei ihm , und er huldigt ganz unverholen dem jugendlichen Reiz ihrer lebendigen , geistvollen Unterhaltung . Ich sehe aus allem dem , daß wir mit dem Hause des Präsidenten in ein freundschaftliches Verhältniß treten werden . Die wenigen Monate , die wir auf dem Lande noch zuzubringen gedenken , mag , wie gesagt , ganz angenehm für Emma sein . Ich bin wenig dabei interessirt . Die hübsche Frau müßte es sonderbar anfangen , wenn sie mich meiner Waldeinsamkeit entrisse ! Dort geben mir meine Landstreicher etwas auf zu rathen . Wenn sie nicht selbst eine besondere Art von Räthsel ist , so würde sie Mühe haben , mich zu fesseln . Zur Zeit ist mir nichts an ihr unbegreiflich , als ihre Heirath . Doch über dies Kapitel kann man bis zum Wahnsinn grübeln , und man kommt damit nicht aufs Reine . Lebe wohl ? Solche Gedanken verweht ein rascher , scharfer Nachtwind am besten ! Ich gehe auf die Jagd . Noch einmal , Lebe wohl ! Rosalie an Agathe Warum Du auch gerade in den Paar Tagen , die wir in der Stadt zubringen wollen , den fatalen rothen Fleck auf die Backe kriegen mußtest ! Er entstellt Dich eigentlich gar nicht , und wer es nicht wüßte , hätte es kaum bemerkt . Aber Mama sagte noch unterweges : Eine junge Person könne nicht ängstlich genug sein , sich jeden Augenblick auf das Vortheilhafteste zu zeigen . Oft reiche ein einziger , ungünstiger Eindruck hin , ihre ganze Zukunft zu untergraben . Und darum sei es recht gut , daß Du zurückbleiben , und Dich auf dem Lande verstecken könntest . Mama hat in so etwas sehr viel Erfahrung ! Ueberhaupt ist sie unglaublich klug . Denke Dir , sie hat es richtig dahin gebracht , daß ihr gestern der neue englische Gesandte und seine Frau die erste Visite machen mußten . Es war übrigens einmal wieder so voll in unserem Salon , wie mitten im Carnaval . Ich hatte das neue Pariser Linonkleid an , und die Haare von Charles arrangirt , Du kennst seine einzige Art. Curd sagte , ich sähe gerade aus , als hätte man mich aus dem hübschen Wiener Modejournal herausgeschnitten . Ich fand , daß er Recht hatte . Meine Toilette war äusserst modern , und sehr gelungen , denn der Lord und die Lady fixirten mich mehrmals , und sagten dann zur Mama : ob ich in Paris erzogen sei ? Mama lächelte geschmeichelt , mußte aber die Wahrheit bekennen , was ihr , denke ich , sehr zur Ehre gereicht , da wir doch allein durch sie sind , was wir sind . Stelle Dir vor , der Nachbar der Tante , Baron Wildenau , ließ sich mit seinem Sohne melden , gerade als die ganze elegante Welt bei uns versammelt war . Ich hatte bald den Tod vor Schreck . Erinnerst Du Dich wohl noch den langen , dünnen , ungelenken , verdrießlichen Leontin , der so oft , während unsers langweiligen Aufenthalts bei der guten Tante , auf einem abscheulich häßlichen Schimmel geritten kam , einen schiefen Diener machte , an der Thüre stehen blieb , und kein Wort sagte ? Mir war die Figur unvergeßlich geblieben . Es sind vier Jahre her , wir waren beide ziemlich klein , aber ich sah uns noch verstohlen hinter der Gardine , so oft die Visite im Anzuge war . Nun mache Dir einen Begriff von Mama ' s Verlegenheit , wie der Name Wildenau genannt ward ! Sie behielt keine Zeit , etwas zu erwiedern , die Thüren gingen auf , Vater und Sohn standen vor uns . Es ging aber Gottlob besser , als ich dachte . Der Baron sieht am Ende aus , wie viele Leute seines Alters , und Leontin hat sich ziemlich ausgebildet , seit er von seinen Reisen zurück ist . Mama sagt auch , er sei allenfalls zu produciren , ob er gleich außerordentlich zurückhaltend ist , auch viel steifes Wesen behalten hat . Ob er sprechen kann ? weiß ich nicht , ich glaube aber , damit ist es noch so , wie sonst . Im Ganzen nimmt er sich aber , ich versichere Dich , ganz leidlich aus , und wenn er nur einen ordentlichen Contretanz in Paris einstudirte , so werde ich es auf dem nächsten Balle nicht ausschlagen , mit ihm zu tanzen , denn , wirst Du es glauben ? die Lady betheuerte , sie habe den Herrn für einen Engländer gehalten . Ich mußte beinahe laut auflachen , dachte ich an unsere frühere Bekanntschaft zurück . Weißt Du , Agathe , ich wäre rasend gern eine Lady . Es klingt so erstaunt appart . Diese hier ist zwar gar nicht auffallend . Ich hätte es ihr nicht angemerkt , daß sie übers Meer kam . Ja , um aufrichtig zu sein , ich würde sie eher für eine Dame aus der Provinz gehalten haben . Sie zieht sich geschmacklos und doch übertrieben kostbar an , sitzt ganz grade , und bewegt sich nur selten , wenn sie spricht . Es klingt immer , als wenn sie blöde und unsicher wäre ; das schadet ihr aber alles nicht , sie wird doch ausgezeichnet , da sie eine Fremde ist . Das thut gar zu viel in der Welt . Mein Gott , warum kann ich nicht für einen Winter nur , eine Fremde sein ! Der Baron hat Mama gebeten , Leontin in der Gesellschaft Zutritt zu verschaffen . Mama warf einen ihrer prüfenden Blicke auf den jungen Menschen , als wenn sie sehen wollte , ob es sich der Mühe verlohne ? Er stand vor ihr , ließ den Vater für sich sprechen , setzte nicht eine Sylbe hinzu , und wandte sich , mit dem gleichgültigsten Gesicht von der Welt , wieder ab , als beide aufhörten , von der Sache zu reden . Mich betrachtete er ein paarmal , ohne indeß eine Miene zu verziehen . Curd lachte mich darüber aus , ich mußte wohl oder übel , mit lachen , unser stumme Gast ging eben vorüber . Ich hörte , wie ihn Curd ziemlich spöttisch fragte , weshalb er nicht die alte Bekanntschaft mit der Tochter des Hauses erneuere ? Leontin sah ihn verwundert an , indem er kurz und trocken erwiederte : » ich fand noch keine Veranlassung dazu ! « Findest Du das nicht höchst sonderbar ? Mir scheint es unhöflich . Stelle Dir vor , alle Leute sind hier voll von der Schönheit unserer neuen Nachbarin . Man übertreibt wieder einmal auf das Lächerlichste . Mama sagt , es thue ihr leid um die kleine Frau . Wenn sie erscheinen werde , dann sei es Jeder schon müde , von ihr zu sprechen , und sie werde damit enden , gar nicht zu gefallen . Hugo hat ganz den Ruf eines interessanten Sonderlings . Ich werde von aller Welt über ihn befragt . Es ist wahr , er ist der schönste Mann , den ich kenne . Morgen sind wir auf ein Dejeuner beim russischen Gesandten . Der Hof wird auch da sein . Die himmlische Meierei an der Burgwiese ist neu dazu eingerichtet . Ich freue mich unmenschlich darauf . Arme Agathe , wenn Du doch auch hier wärest ! Ich schicke Dir diesen Boten , um Dich zu bitten , daß Du mir Deinen allerliebsten Basthut mit den Veilchen leihen möchtest . Thue mir den einzigen Gefallen , liebe Schwester . Siehst Du , meiner hat auf dem Transport einen Kniff in der Krempe gekriegt , und seit ihn die Nettencourt in die Hände genommen hat , um ihn wieder zurecht zu machen , ist er total verdorben . Mama schwört , daß sie es absichtlich gethan hat , aus Aerger über die französische Waare . Nicht wahr , Du leihst mir Deinen ? Ich rechne bestimmt darauf . Es wäre auch unglaublich unfreundlich , wenn Du mirs abschlügst . Jetzt kannst Du ihn ja doch nicht gebrauchen . Mit dem enormen Fleck auf der Backe , würdest Du doch nicht erscheinen können , und Mama gäbe es auch gar nicht zu , könnte es um Deinetwillen nicht zugeben . Siehst Du , und im Winter ist er aus der Mode , dann schenke ich Dir einen neuen . Ich spare schon Geld dazu . Vielleicht brauche ich das nicht einmal zu thun . Es kann sich wohl bis dahin Vieles ändern ! - Weißt Du , die Tante ist sehr krank , Baron Wildenau sagte es gestern . Wenn sie stirbt , sind wir die reichsten Parthien im Lande . Dann kriegen wir auch Zobelpelze zu Weihnachten ! Das Dümmste wäre nur , wenn sich die Krankheit noch lange hinzöge , und der Tod uns die Trauer mitten im Carnaval auflegte . Wer will aber so weit vorausdenken ? Und nicht wahr , Agathe ! Du schickst mir den Hut ? Adieu , liebe Schwester ! Ich umarme Dich tausendmal . Antwort Du bist unausstehlich mit Deinen ewigen Prätentionen . Niemals hast Du was , und doch willst Du immer und ewig mehr als andere Leute vorstellen . Den Hut hast Du Dir ja muthwillig , durch das unaufhörliche Aufprobiren verdorben . Standest Du denn nicht den ganzen Morgen vor dem Spiegel , und schobst und rücktest daran , und drehtest den Kopf hin und her , unter lauter Trillern und Singen , daß mir noch die Ohren davon wehe thun . Die Nettencourt sollte ihn heimlich wieder zurechtmachen . Du hast Dich wohl gehütet , Mama zu bekennen , was eigentlich damit vorgegangen war ; und nun muß die arme Person die Schuld auf sich nehmen . So machst Du es immer . Wenn Du ein gutes Herz hättest , so würdest Du wohl daran denken , was es mich kosten muß , hier so allein zu sitzen , während Du Dich göttlich unterhältst . Du würdest Mitleid mit mir haben , und nicht noch eine Gefälligkeit obendrein von mir fordern . Es ist wahrhaftig kein geringes Opfer , was ich bringe , wenn ich Deinen Wunsch erfülle . Ich thue es aber recht ungern , das versichere ich Dich , denn daß ich den Hut niemals wieder werde aufsetzen können , davon bin ich überzeugt . Du verdirbst ja gleich alles , was Du anfaßt . Und wiederkaufen kannst Du mir auch keinen andern . Mein Gott , Rosalie ! Dein Taschengeld reicht ja niemals aus . Was Du von dem Tode der Tante sagst , ist recht sündlich . Ueber dergleichen muß man niemals leichtsinnig reden . Und wer weiß denn auch , ob sie so reich ist ? Ein rechter Querstrich wäre es doch bei allem dem , wenn mir auch noch die Wintervergnügungen verdorben würden ! Wäre dies der Fall , ich würde noch mehr weinen , als ich es jetzt schon thue ! Ja gewiß , ich schwimme in Thränen , während Du Dich mit meinen Sachen putzest , und zu den Festen fährst . Morgen bleibe ich gewiß bis Mittag im Bette . Ich will nicht sehen , ob es Nacht oder Tag ist . Mama mag sehr klug sein , aber sie ist auch sehr sonderbar . Um solche Kleinigkeit so viel ängstliche Rücksicht ! Glaube mir , mit meiner Figur , mit meinen Augen , hätte Niemand auf ein Bischen unruhige Haut gesehen . Aber ich weiß schon - - - Sage mir doch , ist noch Niemand in der Stadt angekommen ? Er wollte doch schon Ende vorigen Monats dort sein . Statt von dem langweiligen Leontin zu schreiben , hättest Du mir etwas Interessanteres mittheilen können . Verbrenne um Gotteswillen dies Blatt , damit es kein Mensch sieht , am wenigsten - Du verstehst mich wohl . Ich schließe hier , der Bote eilt . Mein Himmel , Du wirst ja doch noch zeitig genug zu Deinem brillanten Dejeuner fertig werden . Geh nur ! geh ! Du bist nicht halb so gefühlvoll , als ich . Das ist auch mein einziger Trost . Die Besten müssen immer am meisten leiden ! Adieu ! Elise an Sophie Ich schreibe Ihnen mit Bleistift auf einer sehr lustigen Jagdparthie zwei Worte durch Curd , der durch alle erdenkliche Mittel imponiren will , in der Geschwindigkeit eine Reise nach Italien macht , und noch diesen Abend dahin abgeht . Er trifft Sie in Florenz , und bringt Ihnen mit tausend warmen , zärtlichen Grüßen dies Blatt . Mögen Sie lesen können , was es enthält . Ich fürchte , die Schriftzüge werden ziemlich verwischt zu Ihnen gelangen . Nun auf gut Glück ! Zuerst , was Sie interessirt . Ihre jungen Freunde sind hier , gefallen beide , sind liebenswürdig , und scheinen glücklich . Ich bin ihnen von Herzen ergeben . Emma bezwingt mich durch etwas Unwiderstehliches , das ich nicht nennen kann . Es ist viel stille , geistige Fühlbarkeit in ihr . Die dunkeln Augen werden eben so oft feucht , wie der allerliebste Mund lächelt . Alles an ihr ist leise , unkörperlich möchte ich sagen . Der dicht umschlossene , ruhig bewegte Waldsee , an dem ich hier sitze , giebt mir das beste Bild von ihr . So erscheint sie mir . Dem sonderbaren Hugo fällt das Meiste im Leben von selbst zu . Er bemüht sich nicht darum . Er hat es . So auch die Aufmerksamkeit , die Theilnahme , die Bewunderung der hiesigen Gesellschaft . Ich hatte Unrecht gethan , Absicht bei ihm vorauszusetzen . Was er sagt und thut , ist immer unwillkührlich . Das Außerordentliche liegt ihm vielleicht näher , als Andern ! Ich kann nicht eben finden , daß er mich blende . Im Gegentheile , es ist das Unscheinbare in seiner Art und Weise , wodurch er die Gedanken frei an sich heraustreten , und sie in ihrer Natürlichkeit jedem verwandt , empfinden läßt . Es liegt hierin eine Magie , das ist wahr ! Aber der Genius der Natur giebt sie allein . Gewöhnliche Taschenspielerkünste würden es nicht so weit bringen . Ich gerathe zu tief in den Text hinein . Das Blatt ist zu Ende . Leben Sie wohl , geliebte Ungetreue ! Sein Sie gewiß , Sie fehlen mir gerade jetzt am meisten . Apropos , Eduard läßt Sie grüßen . Auch Georg , der allerliebste kleine Junge ! Beide trugen es mir schon längst auf . Noch einmal , leben Sie wohl ! Der Geistliche an Emma Vor allem , meine gnädige Frau , empfangen Sie den innigsten Glückwunsch zu Ihrer Rückkehr in die Heimath . Ich weiß Sie gern an dem Ort Ihrer Bestimmung . Es ist mir so gewiß , daß Sie dort , wo Beruf und Wirksamkeit Ihrer warten , auch Zufriedenheit finden werden , daß ich gern noch einen zweiten Brief kommen ließe , ehe ich den ersten beantwortete . Gleichwohl scheinen Sie dieser Antwort , als etwas entgegen zu sehen , von dem Sie besondere Aufschlüsse über sich und Ihre Verhältnisse erwarten . Sie mißtrauen Empfindungen , bei denen Sie gleichwohl viel zu lange verweilen , wenn Sie Ihnen gefährlich dünken . Kurz , Sie sind noch von den Erschütterungen der Reise aufgeregt , und wünschen wieder in Ruhe zu kommen . Liebe , gnädige Frau , ich war vor einiger Zeit Abends bei einer Augenkranken . Das Zimmer , in welchem sie sich befand , war so dunkel , daß man sich nur mühsam darin zurecht fand . Gleichwohl warf die dichtverhangene Lampe ihren schwachen Schein auf naheliegende Gegenstände , welche bei der leisesten Verrückung scharfe Lichtstrahlen zurückspiegelten , und den Sehenerv schneidend trafen . Die Kranke schrie , so oft der Fall eintrat , unwillkührlich hell auf ; besonders übermannte sie der empfindlichste Schmerz , wenn die weißlakirte Thüre eines Seitenzimmers aufging , und die Bewegung des hellen Körpers blendend die Nacht umher theilte . Ich litt um so mehr mit der Armen , als mein gesundes Auge von dem jähen , durchfahrenden Schimmer afficirt ward . Mit der innigsten Theilnahme verließ ich sie später . Ich konnte lange nicht ohne eine gewisse Beklemmung an den Abend denken . Wie groß war deshalb meine Freude , als ich , nach nicht gar langer Zeit , fast um die nämliche Stunde , vor dem Hause vorbeigehe , und die Fenster desselben erleuchtet finde . Ueberrascht bleibe ich stehen , betrachte mir die Lage des Krankenzimmers , und kann nicht zweifeln , daß ein , im Mittelpunkt desselben angebrachter Kronleuchter seine brennenden Kerzen unverhüllt flammen lasse . Ich eile nun hinauf , gewiß , das Uebel gehoben zu sehen . Allein ich fand meine Erwartung getäuscht . Meine arme Freundin saß noch mit dem grünen Augenschirm , unfähig , den Blick frei zu bewegen . Ihr Zustand war leider ungefähr derselbe , doch mit dem Unterschiede , daß sie in einem gleichmäßigeren Empfinden des Schmerzes , seiner mehr Herr ward , ja , in der ruhigen Helle des Gemaches den wohlthuenden Einfluß des Lichts im Allgemeinen genoß , ohne den leidenden Theil dadurch verletzt zu fühlen . Ich äußerte ihr meine Verwunderung hierüber , hinzusetzend , daß mich eben diese Helle getäuscht habe , indem ich sie nicht mit der Natur ihres Unwohlseins zu vereinigen gewußt hätte . » Das macht , « entgegnete sie , » das Licht kommt von oben , so ergießt es sich ohne Abschattung nach allen Seiten , ich bin mitten darin , wie am Tage unter freiem Himmel . « Gnädige Frau , Sie empfinden , wie ich in diesem Augenblicke empfand . Die Wahrheit ist so einfach , daß sie uns auf die einfachste Weise am nächsten liegt . Lassen Sie das Licht von oben in Ihre Welt hineinfallen . Sie werden sich darin zurechtfinden , ohne überall auf Ecken zu stoßen . Weiter wüßte ich Ihnen für jetzt nichts zu sagen , nichts zu rathen . Alle Verhältnisse des Lebens sind kraus und bunt . Es hilft nicht viel , äußerlich daran zu rücken oder darüber zu klügeln . Man muß hindurch . Deshalb bewahren Sie sich Klarheit und Muth . Sie haben , ich will es glauben , mit ungewöhnlichen Menschen zu thun . Lassen Sie sich das nicht irren . Bleiben Sie Ihrem Gott und Ihrem Herzen getreu . Auf Ausdauer kommt es zumeist im Leben an . Wie viele ungleiche Wallungen prallen an dem festen Damm unerschütterlicher Gesinnung ab . Der Fels steht , wenn die Woge zerrinnt . Lassen Sie das Licht von oben kommen . Sie finden den Pfad durch das Labyrinth von selbst . Und so leuchte Ihnen denn die ewige Sonne unverhüllt . Das ist das Gebet , mit dem ich Sie einem höhern Schutze empfehle . Hugo an Elise Hier ist das befohlene Buch . Ich hätte es Ihnen lieber gebracht als geschickt . Aber Sie wollten mich nicht hören , ehe Sie lasen . Es ist auch meine Art , fremdes Urtheil zu entfernen , ehe ich mit dem Gegenstand bekannt werde , von dem es sich handelt . Ich bin neugierig , wie wir hier zusammentreffen werden ? Es bleibt doch morgen bei der Parthie nach dem Vogelheerd ? Heute ist es trauriges Wetter ! Es regnet . Der Tag ist für mich so gut wie verloren . Er fesselt mich unbarmherzig zu Hause . Bedauern Sie mich ein Bischen . Ganz Ihr unterthäniger Hugo . Antwort Der Regen dauert fort ! Es ist zum verzweifeln ! Natürlich wird aus dem Frühstücke im Walde nichts ! Morgen vielleicht ! Man sagt das so hin , und giebt auf , weil man schon an den Ersatz denkt . Was sichert uns diesen ? Ich glaube , Ihr Buch hat mich ganz umgestimmt ! Mir ist etwas davon in der Seele geblieben , das schwer wiegt . Fragen Sie mich nicht , ob es mir gefällt ? Das weiß ich nicht , auch ist das eigentlich gar kein Ausdruck für Gefühle und Zustände des Innern . Genug , ich habe in einem Zuge fortgelesen , bis zu Ende , und bleibe mitten darin . Wollen Sie noch ein anderes Urtheil ? Ich kann mich sonst auf nichts Bestimmteres einlassen . Aber so viel ist gewiß , die Bücher werden immer seltener , die Einem empfinden lassen , daß es noch eine Welt giebt , ausser der , von heute und gestern . Eine andere Frage wäre , ob die Welt , in die ich mich hineingelesen habe , meine Heimath sein darf oder nicht ? Ist sie es , was fange ich denn mit dem Aussenleben an . Ich wollte heute mit Ihnen über das Alles weitläufig sprechen . Aber es regnet . - Der Himmel sagt zu Vielem Nein , was der Wille anders will . Leben Sie wohl ! Hugo an Elise Ich bestreite den letzten Satz Ihres Billets , gnädige Frau ! Der Himmel sagt zu Wenigem Nein , was der Wille recht will . Wäre es wirklich Ihre Absicht gewesen , mir mehr mitzutheilen , als die flüchtigen Zeilen enthalten , Sie hätten die Sonnenblicke am Mittage zu einer Spatzierfahrt im Walde benutzt . Mich , waren Sie gewiß , dort zu treffen . Auch hatte die Tannenhäuserin Befehl , mich sogleich von Ihrer Ankunft zu benachrichtigen . Jetzt ist es zu spät , und Sie fürchten morgen wohl auch die feuchte Luft . Wäre der Präsident nicht in Geschäften abwesend , und ich dreist genug , ohne Emma ' s Begleitung Ihre Einsamkeit zu unterbrechen , Sie würden mich schon frühe am Tage an Ihrem Gartenpförtchen sehen . Allein Sie äusserten einmal : Nur unter Frauen könne zwangloser , nachbarlicher Verkehr stattfinden . Nun , und die meinige ist am Krankenbette des Onkels gefesselt , dem das Podagra viel zu schaffen macht , sonst hätte ich ihre Fürsprache bei Ihnen nachgesucht , denn gewiß , mich verlangt , mehr über ein Thema zu hören , das viele Streitfragen in sich faßt . Gnädige Frau ! ich kehre gleich die von Ihnen aufgeworfene um : » Was finge ich mit dem innern Leben an , wenn die Welt der Empfindungen nicht meine Heimath wäre ? « Sagen Sie selbst , hört man nicht auf , ein Fremdling zu sein , wenn man es hier ist ? Antwort Kommen Sie immer , wenn Emma Sie auch leider nicht begleiten kann . Ich habe große Lust , mit Ihnen zu streiten . Emma an den Geistlichen Sie hatten ganz recht ! Die Ruhe nach der Reise machte mich krank . Wie wünsche ich mir Glück , Niemanden als Ihnen , ehrwürdiger Herr , meine Schwachheit anvertraut zu haben ! Jetzt sehe ich Alles in ganz anderm Lichte . Ich weiß nicht , ob dieses von oben kommt ? Allein , es ist überall Tag , es ängstigt mich länger kein trüglicher Schatten , ich athme frisch und lebe heiter . Es war vielleicht ein Glück , daß der Oheim seine gewöhnlichen Gichtanfälle dieses Jahr früher , als sonst , bekam . Wir naheten uns einander dadurch schneller . Seine Bedürftigkeit und mein Wunsch , ihn diese weniger empfinden zu lassen , setzten uns über unzählige kleine Zwischenräume hinweg , welche der geordnete Lauf der Dinge erst nach und nach beseitigt . Mit steigender Freude fühlte ich , wie nothwendig ihm meine Pflege ward . Hiermit regten sich Kräfte und Wille wie